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Mittwoch, 14. August 2024

(Vorerst) letzte Impressionen aus dem Berliner Sommer

Am Freitag vor unserer Abreise in den Urlaub wollte unser Tochterkind bei einer Schulfreundin übernachten, die Eltern der besagten Freundin waren einverstanden, und als Bonus durfte unser Jüngster, der die Freundinnen seiner großen Schwester aus Prinzip toll findet, mitkommen und mal ausprobieren, ob er sich mit seinen noch nicht dreieinhalb Jahren auch schon traut, woanders zu übernachten. Für meine Liebste und mich bedeutete das den sehr, sehr seltenen Luxus eines kinderfreien gemeinsamen Abends, und mit "selten" meine ich: Das hatten wir vielleicht dreimal in den letzten gut sechseinhalb Jahren. Wir nutzten diesen Umstand u.a. dazu, essen zu gehen – in einem griechischen Restaurant, mit dem ich, obwohl wir in der Zwischenzeit noch ein paar weitere Male (zusammen mit den Kindern) dort waren, vor allem die Erinnerung daran verbinde, dass wir dort am Vorabend des ersten Corona-Lockdowns essen waren und zum krönenden Abschluss des Abends dem mobilen Rosenverkäufer seine gesamte Ware abkauften. Diesmal saßen wir im Außenbereich, genossen das schöne Wetter, das Essen, vor allem aber die Tatsache, dass wir mal ausgiebig Zeit füreinander hatten, ohne dass die Kinder im Minutentakt unsere Aufmerksamkeit beanspruchten. Ein sehr schönes Erlebnis hatten wir dann auf dem Heimweg: Wir kamen an einem anderen Restaurant vorbei, das nur wenige Hausnummern von unserem Zuhause entfernt liegt; da bediente gerade eine Kellnerin im Außenbereich, und als sie uns sah, fragte sie uns überrascht, wo wir denn unsere Kinder gelassen hätten. Wir kannten diese Kellnerin eigentlich gar nicht, aber sie kannte uns – vom Sehen, einfach weil wir so oft an ihrem Arbeitsplatz vorbeikommen, weil wir da eben ganz in der Nähe wohnen. Als wir ihr erklärten, die Kinder seien zu einem Übernachtungsbesuch bei einer Freundin, meinte sie herzlich: "Das habt ihr euch aber auch mal verdient." Sie fügte hinzu, es sei uns anzusehen, wie gut uns der kinderfreie Abend tue ("Ihr strahlt richtig"), aber auch, dass sie es toll finde, wie wir unseren Alltag mit unseren Kindern organisieren. 

Die Übernachtungsparty der Kinder nahm dann allerdings ein etwas unerwartetes Ende: Gegen 1 Uhr nachts rief die gastgebende Mutter bei uns an – unsere Große war aufgewacht, konnte nicht wieder einschlafen, weinte und wollte nach Hause. Da der Versuch, sie per Telefon zu trösten und zu beruhigen, keinen durchschlagenden Erfolg hatte, einigten wir uns darauf, dass dee gastgebende Vater unsere beiden Kinder mit dem Auto nach Hause brachte, was allerdings bedeutete, dass unser Jüngster erst einmal geweckt werden musste (er schlief dann im Auto weiter). Nach einem Schlummertrunk, einer Gutenachtgeschichte und ein bisschen Kuscheln schlief die Große irgendwann gegen 2 oder halb 3 auch wieder ein. Es ist wohl einigermaßen selbsterklärend, dass wir daraufhin alle erst mal gründlich ausschlafen mussten. 

Gleichwohl hatten wir am folgenden Tag volles Programm: Erst war Gorkistraßenfest, und dann waren wir – wie im Creative Minority Report Nr. 40 bereits erwähnt – zu einer Grillparty im Ernst-Thälmann-Park eingeladen. – Über die von den Geschäftsinhabern in der Gorkistraße gesponserten Straßenfeste, bei denen es von Hüpfburg und Karussell über Popcorn und Zuckerwatte bis hin zu Kinderschminken so allerlei gratis gibt, habe ich mich bei früherer Gelegenheit schon mal geäußert; ursprünglich war es unser Plan gewesen, unsere Kinder nach ihrer Auswärts-Übernachtung auf diesem Fest wieder in Empfang zu nehmen, aber nachdem es mit der Übernachtung nicht so ganz geklappt hatte, trafen wir uns auf dem Gorkistraßenfest trotzdem mit der Familie, bei der unsere Kinder am Abend zuvor zu Besuch gewesen waren, und ein paar andere Bekannte liefen uns auch über den Weg. 

Livemusik gab es auch, in Gestalt eines jungen Mannes mit Bart, Männerdutt und Gitarre, der sich Plagu nannte und, als wir auf dem Straßenfest ankamen, gerade "Little Lion Man" von Mumford & Sons spielte – den "Ohrwurm der Woche" in den Ansichten aus Wolkenkuckucksheim Nr. 6, nebenbei bemerkt. Ich wunderte mich, wie der Musiker es schaffte, mit nichts als einer Gitarre (und ein paar elektronischen Effektgeräten, zugegeben) einen derart dichten und vielschichtigen Sound zu erzeugen, und einen Moment lang argwöhnte ich, er arbeite womöglich mit Halbplayback. Wie sich jedoch zeigte, handelte es sich tatsächlich um eine Loopstation; mit anderen Worten, Teile der Musik kamen zwar tatsächlich vom Playback, aber auch die wurden live eingespielt. Auf Plagus Website wird diese Technik wie folgt beschrieben: "Durch geschicktes Layering von Gesang und Percussion-Instrumenten schafft er eine eindrucksvolle Klanglandschaft, die die Illusion einer kompletten Band erzeugt." Isso. 

Um's unmissverständlich zu sagen, mir gefiel die Musik ausgesprochen gut; Plagus Repertoire war gemischt aus Coverversionen und eigenen Stücken, und er machte einen ausgesprochen sympathischen Eindruck. Als er verkündete, falls jemand aus dem Publikum selbst etwas singen wolle, solle derjenige gern auf ihn zukommen, und er werde mal sehen, ob er den betreffenden Song spielen könne, fühlte ich mich doch sehr bei meiner Eitelkeit gepackt; umso mehr, als meine Liebste mir eifrig zuredete, von diesem Angebot Gebrauch zu machen. Auch Plagu selbst zwinkerte mir aufmunternd zu, als er mein Interesse bemerkte. Ich musste aber erst mal in mich gehen und mir einen Song überlegen, den ich mir stimmlich zutraute, bei dem ich ausreichend textsicher war und der sich stilistisch einigermaßen stimmig ins Programm einfügte. Als Plagu eine Pause machte, beriet ich mich mit ihm, und wir einigten uns auf "I'm on Fire" von Bruce Springsteen. Mein Gastauftritt machte mir Spaß, und ich darf wohl auch sagen, dass er mir gut gelang; jedenfalls bekam ich viel positives Feedback aus dem Publikum. Am schönsten fand ich die Reaktion der Schulfreundin meiner Tochter, denn die wollte ein Autogramm von mir! 

Nachdem ich noch einige Einkäufe fürs Wochenende erledigt hatte, machten wir uns am mittleren Nachmittag auf den Weg zum Ernst-Thälmann-Park, wo wir wie gesagt zu einer Grillparty eingeladen waren. In gewissem Sinne war das wohl – ähnlich wie die Einladung zur Sommerfrische in Werder die Folge einer Begegnung bei einem Geburtstagspicknick im Tiergarten war – eine durch eine Begegnung bei "Suppe & Mucke" veranlasste "Folgeeinladung"; in beiden Fällen handelte es sich um die Wiederauffrischung einer in den letzten Jahren etwas vernachlässigten "alten Bekanntschaft". Was das Grillen im Thälmannpark angeht, waren wir bei diesem Veranstaltungsformat schon einmal vor drei Jahren gewesen; den Gastgeber, der traditionell seinen Geburtstag auf diese Weise nachfeiert, kenne ich aber ursprünglich aus einer Kneipe, in der wir beide mal Stammgäste waren. In einem unvollendeten Entwurf für eine Kurzgeschichte, den ich kürzlich wiedergefunden habe, habe ich diese Kneipe – unter dem fiktiven, aber, wie ich finde, ziemlich stimmigen Namen Exil – wie folgt beschrieben: 

"Das Exil ist keine reinrassige Punk-Kneipe wie etwa das gute alte Pilsparadies, auch wenn dort häufig die entsprechende Musik läuft und ein nicht geringer Teil der Mitarbeiter und regelmäßigen Gäste entsprechende Kleidung trägt. Ich glaube, man wird ihrem Selbstverständnis eher gerecht, wenn man sagt, es sei eine linke Kneipe. Dies aber auch in einem recht weiten und undogmatischen Sinne. Man muss sich nicht erst einer Gesinnungskontrolle unterziehen, um an der Theke ein Bier zu bekommen. Das Publikum ist dementsprechend recht bunt gemischt, und gerade das macht diesen Laden so spannend. Diverse Polit-Sekten – Anarchisten, Maoisten, Trotzkisten –, die sich auf offener Straße wahrscheinlich mit Steinen bewerfen würden, halten hier friedlich ihre Stammtische ab, und es kann passieren, dass man am Tresen einen ehemaligen Stasi-Offizier einträchtig neben einem ehemaligen Hausbesetzer sitzen sieht." 

Ganz so undogmatisch-tolerant geht es dort heute allerdings nicht mehr zu; dazu habe ich schon im Creative Minority Report Nr. 26 ein paar Zeilen geschrieben. Mein alter Freund und ich sind dort jedenfalls aus unterschiedlichen Gründen keine gern gesehenen Gäste mehr: Mir wurde so um 2015/16 herum wegen meines Engagements in Sachen Lebensschutz Auftrittsverbot auf der hauseigenen Kleinkunstbühne erteilt, als Gast war ich seitdem noch ein paarmal da, aber das ist nun auch schon einige Jahre her; und gegen meinen Freund, der dort, wie er selbst sagt, inzwischen als "rechtsoffener Wagen-Knecht" gilt, wurde zwar kein formelles Hausverbot erteilt, aber er wird dort schlichtweg nicht mehr bedient. 

Soweit ich mich an die Grillparty von vor drei Jahren erinnere, würde ich nicht unbedingt sagen, dass die Veranstaltung im Vergleich zu "damals" diesmal insgesamt schwächer besucht gewesen wäre, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass einige Leute fehlten – und zwar gerade aus dem Kreis derer, die ich "von früher her" kannte. Ähnlich ging's mir, wie man sich erinnern wird, schon bei der "Fiesta Kreutziga" und bei "Suppe & Mucke"; und hier wie dort gilt: Einige Leute sind vielleicht gestorben, andere vielleicht weggezogen, aber ich frage mich schon, ob da nicht auch ideologische Verwerfungen innerhalb der linken Szene eine gewisse Rolle spielen. 

À propos: Einigen Gästen, die mich nicht schon "von früher her" kannten, stellte der Gastgeber mich als "katholischen Dissidenten" vor; auf seine Frage, ob ich mich damit zutreffend beschrieben fühlte, erwiderte ich: "Ob jemand ein Dissident ist oder nicht, das weißt du selber, hängt immer davon ab, welchen Standpunkt man als normativ annimmt. Im Verhältnis zur Deutschen Bischofskonferenz bin ich sicherlich ein Dissident." – Ein guter Gesprächseinstieg war es allemal, als "katholischer Dissident" vorgestellt zu werden; es ergaben sich einige angeregte Diskussionen daraus, die bei aller Unterschiedlichkeit der Standpunkte (ich hatte es vorrangig mit Gesprächspartnern zu tun, deren Sicht auf Religion vom Dialektischen Materialismus geprägt war) in durchweg freundlicher und respektvoller Atmosphäre geführt wurden. 

Unser Tochterkind freundete sich derweil schönstens mit den beiden Enkelinnen des Gastgebers, 9 und 5 Jahre alt, an und tollte mit ihnen übers Gelände, und meist machte auch unser Jüngster dabei mit. Die Neunjährige lud uns sogar kurzerhand ein, auch zur Weihnachtsfeier bei ihrem Opa zu kommen ("Da gucken wir Hase und Wolf"). Als ich ihm von dieser Einladung berichtete, reagierte er sehr amüsiert. Na, schauen wir mal, ob wir da wirklich hingehen. 

Livemusik gab's übrigens auch hier: Als es allmählich Abend wurde, packte eine etwas "gothic" aussehende Frau schwer bestimmenden Alters – trotz grauer Strähnen im Haar hatte sie eine fast jugendliche Ausstrahlung – ein Akkordeon und eine Geige aus (die sie natürlich nicht beide auf einmal spielte, sondern mal das eine, mal das andere Instrument, überwiegend aber Akkordeon) und präsentierte ein Programm aus Filmmelodien, Folkklassikern wie "Dirty Old Town" und "Danny Boy", aber auch "Mull of Kintyre", "Lambada" (!) und "Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins". 

Meine Liebste schrieb derweil spontan eine Kurzgeschichte; ob diese in Kürze auch auf unserer gemeinsamen Patreon-Seite erscheinen wird, ist derzeit noch in der Schwebe... 

Insgesamt blieben wir bei dieser Party, bis es anfing dunkel zu werden; als das Bier alle war, gab es Wodka, aber wir tranken davon nur wenig, schließlich mussten wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Kinder sicher nach Hause bringen. Lecker war er aber, der Wodka. Und insgesamt war es so ein schöner, entspannter Sommerabend, dass ich ihn mir am liebsten einnahmen und übers Bett hängen würde. 

(Was natürlich einmal mehr die Frage aufwirft: Wieso kriegt man so eine Stimmung eigentlich bei kirchlichen Veranstaltungen nie hin? – Was das angeht, wird die Versuchsreihe wohl spätestens Anfang September beim Gemeindefest in St. Stephanus Haselhorst fortgesetzt...) 


Samstag, 10. August 2024

Creative Minority Report Nr. 41

Grüße aus Butjadingen, Leser – wo sich, wie man so sagt, die Schönheit der Landschaft nicht jedem sofort erschließt; aber ich komme nun mal hierher und bemühe mich, die Liebe zu dieser Landschaft auch meinen Kindern weiterzugeben. Mein bisheriger Eindruck ist, es läuft ganz gut. Bevor ich aber dazu komme, die ersten Tage unserer diesjährigen Sommerurlaubsreise zu schildern, kommen in diesem Wochenbriefing erst mal noch ein paar Themen dran, die ich aus Berlin "mitgenommen" habe... 



Was bisher geschah 

An dem Samstag, an dem die vorige Nummer des Creative Minority Report erschien, hatten meine Familie und ich einen außerordentlich schönen Tag und vor allem Abend – so außerordentlich, dass seine Schilderung einen eigenständigen Artikel verdient, den ich erst einmal auf Patreon veröffentlicht und "(Vorerst) letzte Impressionen aus dem Berliner Sommer" genannt habe. Dieser Titel bezieht sich natürlich darauf, dass wir die zweite Hälfte der Sommerferien nahezu zur Gänze außerhalb von Berlin zu verbringen beabsichtigen und damit auch schon angefangen haben, aber wenn wir zurückkommen, ist der Sommer ja (hoffentlich) noch nicht ganz vorbei. – Am Sonntag gingen wir wieder in St. Joseph Siemensstadt in die Messe, wo es erneut eine recht interessante und anregende Predigt zu hören gab; mehr dazu weiter unten. Die folgenden Tage standen – abgesehen davon, dass wir am Montag noch einmal "Omatag" hatten – hauptsächlich im Zeichen von Reisevorbereitungen; am Mittwoch ging es dann früh morgens los in den Urlaub. Erstes Ziel unserer dreiwöchigen Urlaubsreise war jedenfalls mein Heimatstädtchen Nordenham, wo wir uns zunächst für drei Nächte im "Riverhouse", einem Hostel in einer ehemaligen Jugendherberge, direkt am Weserufer gelegen, einquartierten. Näheres zu unserer Reise gibt's im Abschnitt "Camino de Willehado 2024"; im Übrigen hat es sich gefügt, dass ausgerechnet an diesem Wochenende Nordenhamer Stadtfest ist – ein Thema, das einen separaten Abschnitt verdient ("Ahoi Nordenham, Moin Stadtfest"). 

Auch noch erwähnenswert ist, dass in der aktuellen Ausgabe der Tagespost ein Beitrag von mir auf der Familienseite erschienen ist – zum Thema "kindergartenfrei". Seit heute ist der Artikel auch online. 


Was ansteht 

Unsere Urlaubsplanung sieht vor, dass wir heute unsere Unterkunft wechseln, d.h. wir checken aus dem "Riverhouse" aus und beziehen eine Ferienwohnung in Burhave, in unmittelbarer Nähe des Strandes. Außerdem wollen wir heute Nachmittag von Fedderwardersiel aus mit dem Ausflugsschiff WEGA II eine "Piratenfahrt mit Schatzsuche" unternehmen... Mal sehen, ob man an Bord Internetzugang hat, denn wenn nicht, wird sich die Veröffentlichung dieses Wochenbriefings wohl verzögern. – Morgen gibt's im Rahmen des Nordenhamer Stadtfests ein "Kinder-Piratenfest" auf dem Jahnplatz; ich denke, da werden wir hin wollen, und vorher nach Möglichkeit in St. Willehad in die Messe, da die Vorabendmesse in Burhave terminlich mit der Bootsfahrt kollidiert. Wie ich den Pfarrnachrichten entnehmen konnte, ist Pfarrer Jasbinschek in Urlaub und die Messe wird vom Subsidiar Michael Kenkel zelebriert, von dem ich mir ja durchaus gern mal einen persönlichen Eindruck verschaffen möchte. 

Was wir in der kommenden Woche in Burhave so alles unternehmen, wird wesentlich vom Wetter abhängen: Ist es warm und sonnig, werden wir wohl möglichst viel Zeit an der Burhaver "Nordseelagune" verbringen wollen, bei schlechtem Wetter ist die Spielscheune ein guter Anlaufpunkt. Daneben werde ich aber definitiv auch die eine oder andere guerillamäßige Lobpreisandacht in der Kirche Herz Mariä abhalten wollen – umso mehr, als am Donnerstag ja Mariä Himmelfahrt ist! – Am nächsten Samstag geht die Reise dann weiter; nämlich zum Reiterhof "Kleine Mücke" in Tannenhausen bei Aurich, wo wir schon letztes Jahr waren und wo es uns ausnehmend gut gefallen hat. Ich freu mich drauf! 


Von Ars nach Olympia (und zurück): Predigtnotizen zum 18. Sonntag im Jahreskreis 

Die Messe in St. Joseph Siemensstadt am vergangenen Sonntag wurde vom leitenden Pfarrer der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland zelebriert, der gleich zu Beginn seiner Predigt darauf hinwies, dass dieser Sonntag auf den Gedenktag des Hl. Pfarrers von Ars fiel. Und auch wenn dieser Gedenktag liturgisch vom Sonntag verdrängt wird, spielte der Pfarrer von Ars in dieser Predigt eine prominente Rolle. Der von seinen Vorgesetzten als wenig begabt eingeschätzte Jean-Baptist Marie Vianney habe damals, 1818, die schlimmste Pfarrstelle in der ganzen Diözese Lyon zugewiesen bekommen: Ars, ein kleines Kaff, dessen Einwohner nicht in die Kirche, dafür aber desto fleißiger ins Wirtshaus gingen. Diese religiöse Infifferenz der Bevölkerung sei, so meinte der Spandauer Pfarrer, eine Folge der Französischen Revolution gewesen, "die uns ja immer so gepriesen wird", die aber alles daran gesetzt habe, "alles, was an die bisherige Religion erinnerte, aus den Herzen der Menschen zu reißen" – bis hin dazu, dass man eine neue Zeitrechnung und einen neuen Kalender mit einer anderen Einteilung der Wochentage einzuführen versuchte, wodurch es keinen Sonntag und also keine Sonntagsmesse mehr geben sollte. "Viele Priester waren in der Französischen Revolution auf die Galeeren geschafft worden, weil sie nicht bereit waren, einen Eid zu leisten, oder hingerichtet worden oder sind geflohen, sodass viele Pfarren, gerade auf dem Land, verwaist sind." Das Ergebnis war, "dass eine ganze Generation aufwuchs, die gar nichts mehr von Gott, von der Religion und der Kirche wusste." Dass es unter solchen Bedingungen einem einfachen Landpfarrer, der nur mit Ach und Krach überhaupt die Priesterausbildung bewältigt hatte, durch seinen unermüdlichen Einsatz im Feiern der Heiligen Messe, im Predigen und im Hören der Beichte gelang, seine miese kleine Pfarrstelle zum Zentrum einer neuen geistlichen Erweckung, ja sagen wir ruhig: einer Neuevangelisierung zu machen, kann und sollte man in der gegenwärtigen Kirchenkrise zweifellos als ein Zeichen der Ermutigung betrachten. 

Recht eindrucksvoll fand ich es, dass der Pfarrer in diesem Zusammenhang ein persönliches Zeugnis in seine Predigt einflocht: Er sprach darüber, wie er, von Haus aus eigentlich religionsfern aufgewachsen, im Alter von 15 Jahren anfing, regelmäßig in die Kirche zu gehen, und wie seine Familie darauf reagierte. Nicht weniger interessant war, dass er im Anschluss daran erwähnte, in der Gemeinde St. Konrad in Falkensee komme seit ein paar Monaten eine Gruppe Jugendlicher in die Messe, von denen anfangs niemand gewusst habe, wo die eigentlich herkommen. Diese Beobachtungen leiteten über zu der Frage: Was reizt an der Heiligen Messe, was macht sie attraktiv? Die Antwort, so meinte der Pfarrer, finde sich im Evangelium dieses Sonntags: Jesus ist das Brot des Lebens. Das Entscheidende an der Messe sei nicht das "Gemeinschaftserlebnis" und auch nicht die "schönen Lieder", die da gesungen werden: Das sei zwar "alles schön, aber selbst die trockenste Messe – das müssen wir vielleicht wieder lernen: wenn da keine Lieder gesungen werden und der Pfarrer vielleicht auch nicht seinen besten Tag hat – ist die Messe"; nämlich der Vollzug des Mysteriums der Eucharistie. 

Auf die Abendmahlsdarstellung auf dem Altarbild von St. Joseph Siemensstadt hinweisend, betonte der Pfarrer, "wie wichtig es ist, dass wir heilige Bilder auch heilig bewahren"; deshalb dürfe man es "nicht zulassen, wie es vor einigen Tagen in Paris geschehen ist, dass ein solches heiliges Bild herabgewürdigt, lächerlich und schmutzig gemacht wird." Im Gesamtkontext der Predigt war dieser Kommentar zum Olympia-Eröffnungs-Skandal allerdings kaum mehr als eine Randbemerkung; weit ausführlicher und eindringlicher ging er auf die von den Bischöfen der USA initiierte "Nationale Eucharistische Erneuerung" ein, auf die großen Eucharistischen Prozessionen quer durch die USA und den fünftägigen Eucharistischen Kongress im Footballstadion von Indianapolis. Eine solche Rückbesinnung auf die Eucharistie, so meinte er, "brauchen wir auch hier in unserem Land". Weil wir, "wenn wir miteinander synodal umgehen" wollen, "zuallererst einmal den Herrn wiederfinden" müssen. 

Lassen wir das ruhig mal so stehen. 


Was ist denn bloß in St. Franziskus los? 

Ein Thema, zu dem ich mich vielleicht schon früher hätte äußern können oder sollen, betrifft die Großpfarrei St. Franziskus Reinickendorf-Nord, zu der die Ortsteile Frohnau, Hermsdorf, Waidmannslust, Wittenau und das Märkische Viertel gehören. Vor knapp einem Jahr hatte ich in meinen Ansichten aus Wolkenkuckucksheim den Umstand angesprochen, dass diese Pfarrei einen neuen Pfarrer bekommen werde – und zwar einen, den meine Liebste und ich kannten: 

"Er war Kaplan in Tegel, als wir in die dortige Gemeinde kamen, und solange er dort war, hat er unsere Initiativen stets unterstützt und gefördert, auch dann, wenn sie nicht unbedingt sein Stil waren (er ist zwar ungefähr in unserem Alter, aber man darf wohl behaupten, dass er in ästhetischen Fragen erheblich konservativer ist als wir). Also kurz und gut, wir kennen ihn nicht nur  sondern schätzen und mögen ihn auch". 

Gleichzeitig hatte ich dort den Eindruck meiner Liebsten – die vor unserer Heirat einige Jahre in Hermsdorf gewohnt hat – wiedergegeben, die Hermsdorfer Gemeinde sei "ein Hort des linksliberalen 'Boomer Catholicism"' und sei "ein Vierteljahrhundert lang von einem Pfarrer mit einigermaßen – gelinde gesagt – heterodoxen Anschauungen geprägt" worden. "Dieser  Pfarrer in dieser  Gemeinde, das wird... interessant", hatte ich geschlussfolgert; und auch wenn ich die dortige Entwicklung nicht so genau "im Auge behalten" habe, wie ich es vorgehabt und angekündigt habe, scheint es, dass ich mit dieser Einschätzung Recht behalten habe: Nachdem ich schon seit ein paar Monaten gerüchteweise von Konflikten zwischen Pfarrer und Gemeindemitgliedern gehört hatte – u.a. waren diese Vorgänge wiederholt Thema beim Gemeindefrühstück in Heiligensee –, ist der Pfarrer nun mit Wirkung zum 1. August von seinem Amt zurückgetreten. In der aktuellen Ausgabe der Pfarrnachrichten gibt es dazu eine ganze Menge zu lesen; angefangen mit einem Grußwort des scheidenden Pfarrers selbst, in dem er sich hinsichtlich der Gründe für seinen Amtsverzicht ausgesprochen bedeckt hält. Man muss schon zweimal hinschauen, um auch nur Andeutungen von Konflikten zu entdecken. Von einer "Zeit voller Herausforderungen" ist da die Rede ("aber auch voller Dankbarkeit und Segen"), von "Umbrüchen und Krisensituationen", aber auch von Geduld, Vertrauen und Unterstützung, die der Pfarrer seitens der Gemeinde erfahren habe: "Gemeinsam haben wir schwierige Zeiten durchgestanden, haben uns gegenseitig gestützt und sind daran gewachsen." – "Mit einem lachenden und einem weinenden Auge", so heißt es weiter, nehme er nun Abschied von der Pfarrei, "denn ich weiß, dass die Zeit gekommen ist, neue Wege zu gehen". 

Etwas aufschlussreicher ist ein als persönlich an den scheidenden Pfarrer gerichteter Brief formulierter Leserbrief einiger Gemeindemitglieder, aber auch hier muss man ziemlich gründlich zwischen den Zeilen lesen. Gleich einleitend geben sich die Verfasser als "einfache und großenteils nicht gremienerfahrene Gottesdienstbesucher" zu erkennen, die sich "wie viele andere Pfarreimitglieder sehr gefreut" hätten, als der nun schon wieder ehemalige Pfarrer sich "nach der langen Vakanz ohne Pfarrer" bereit gefunden habe, "das Wagnis einzugehen, die große und schwierige Pfarrei St. Franziskus zu übernehmen". Dass die Gemeinde als "schwierig" gilt, habe ich auch aus den Tischgesprächen in St. Marien Maternitas herausgehört; umgekehrt gibt der Leserbrief aber auch, wenngleich sehr "durch die Blume", zu erkennen, was die Gemeinde an ihrem Pfarrer "schwierig" fand. "Sie haben in Ihren Predigten immer eine deutliche Sprache gefunden", heißt es da. "Sie haben einen festen theologischen Standpunkt, aber wir hatten immer das Gefühl, dass Sie offen sind für alle, die auf ihre Weise ihren Glauben gefunden haben." Die Verfasser des Leserbriefs attestieren dem scheidenden Pfarrer, dass er "eigentlich gut zu unserer Pfarrei gepasst" hätte, fügen allerdings hinzu: "Gewisse Gewöhnungs- und Anpassungsschwierigkeiten hätten wir Ihnen zugetraut zu überwinden, denn Sie sind noch jung für einen Pfarrer. Und für berechtigte Kritiken halten wir Sie für analysefähig genug. Das mögen nicht alle so gesehen haben". – Ich muss ehrlich sagen, diese gönnerhafte Haltung, die zudem wie selbstverständlich vorauszusetzen scheint, dass der Pfarrer sich von der Gemeinde belehren lassen müsse und nicht etwa umgekehrt, würde mich noch mehr aufregen als offene Feindseligkeit. 

Was der Leserbrief derweil auch zu erkennen gibt, ist, dass in der Pfarrei St. Franziskus doch noch mehr im Argen liegt als Befindlichkeitskonflikte zwischen Gemeinde und Pfarrer, und auch noch mehr als Fragen des "theologischen Standpunkts": Am Rande wird angesprochen, "wie schlecht es um die Finanzen bestellt ist und welche Auswirkungen das auf das künftige Gemeindeleben haben wird". Man darf wohl davon ausgehen, dass dieser Umstand entscheidend für die in einem redaktionellen Beitrag der Pfarrnachrichten zum Thema "Leitungswechsel" (so auch die Überschrift des Artikels) als "[ü]berraschend" eingestuften Entscheidung von Erzbischof Koch, das Amt des Pfarrers von St. Franziskus "für ein Jahr" seinem Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC zu übertragen. "Warum hat der Bischof für den Übergang bis zur Berufung eines neuen Pfarrers nicht, wie üblich, einen Pfarradministrator eingesetzt?", wird gefragt; und im nächsten Absatz heißt es: 

"Begründet wird die Entscheidung des Erzbischofs, seinen Stellvertreter als Pfarrer für ein Jahr in die Pfarrei St Franziskus zu entsenden, mit den schwerwiegenden Entscheidungen, die die Pfarrei und ihr Kirchenvorstand zu treffen haben." 

Und weiter: 

"Dabei geht es zum einen um die kürzliche Überprüfung der Pfarrei St. Franziskus durch einen Beauftragten des Bischofs und die notwendige Bearbeitung von im vorgelegten Revisionsbericht festgestellten Defiziten, zum anderen um den Immobilienentwicklungsprozess in unserer Pfarrei." 

Bei diesem "Immobilienentwicklungsprozess" – wieder mal so ein Wort, um das das Ausland die deutsche Sprache zweifellos beneidet – gehe es "um die Instandsetzung und Sanierung von Kirchen und Gemeindehäuser[n] in unserer Pfarrei und leider auch um die Aufgabe einzelner Standorte". Ganz nebenbei erfährt man, dass Generalvikar Kollig "[a]ufgrund seiner vielfältigen Aufgaben [...] nur einmal im Monat eine Hl. Messe in der Pfarrei feiern" werde. Eine bemerkenswerte Prioritätensetzung wieder einmal. – Alles im allem scheint mir, die Vorgänge in dieser Pfarrei wären es wert, dass man sie sich noch etwas genauer anschaut. Allerdings bin ich ja jetzt erst mal in Urlaub. Ich bin indes annähernd sicher, dass ich Leser unter den Gemeindemitgliedern von St. Franziskus Reinickendorf-Nord habe, und vielleicht auch noch andere Personen, die einen tieferen Einblick in die dortigen Verhältnisse haben. Ich würde mich daher freuen, wenn jemand von diesen bereit wäre, mir seine Sicht der Dinge mitzuteilen – gegebenenfalls auch anonym... 


Camino de Willehado 2024 

Am Mittwoch klingelte früh um 5 der Wecker, und wir machten uns auf den Weg in den Urlaub, wieder einmal mit unseren Jakobsweg-erprobten Wanderrucksäcken. An meinem Rucksack hängt sogar immer noch eine echte Jakobsmuschel; ein Umstand, der uns im vorigen Jahr das schöne Erlebnis beschert hat, am Bahnhof von Emden (!) von einer uns unbekannten Frau mit "Buen Camino!" begrüßt zu werden. – Regelmäßige Leser meiner Wochenbriefings werden sich vielleicht erinnern, dass sich bei mir schon seit Ende Juni untrügliche Zeichen von Jakobsweg-Sehnsucht gezeigt haben, aber auch daran, dass ich ankündigte, der diesjährige Sommerurlaub werde "wieder einmal eher der Camino de Willehado als jener nach Santiago" werden. Wir sind also wieder einmal auf den Spuren des Hl. Willehad unterwegs, zunächst einmal, wie gesagt, in Nordenham. Tägliche Updates darüber, was wir da so alles erleben, gibt's auf der Patreon-Seite "Mittwochsklub" exklusiv für Abonnenten, aber die Highlights will ich natürlich auch dem größeren Leserkreis nicht vorenthalten. 

Ob man es als ein Highlight bezeichnen möchte, dass unsere Anreise gut eine halbe Stunde länger dauerte als geplant, weil es zwischen Hude und Nordenham derzeit Schienenersatzverkehr mit Bussen gibt, sei mal dahingestellt; schlimm war es für uns jedenfalls nicht, durchs Busfenster bekam man gleich ein bisschen mehr von Land und Leuten zu sehen als entlang der Bahnstrecke, und unser Jüngster schlief während der Busfahrt ein bisschen. Erwähnenswert ist aber der Grund für den Schienenersatzverkehr: Die Eisenbahnbrücke über die Hunte bei Elsfleth ist von einem Schiff gerammt und schwer beschädigt worden. Und wer jetzt denkt "Moment mal, aber das ist doch schon Monate her", der hat durchaus Recht, jedoch: Es ist noch einmal passiert. Die Geschichte wiederholt sich, und was beim ersten Mal eine Tragödie ist, ist beim zweiten Mal eine Farce. 

Ein echtes Highlight war hingegen der Besuch der Moorseer Mühle am Donnerstag. Die Moorseer Mühle besuchen wir annähernd jedesmal, wenn wir hier in der Gegend in Urlaub sind, und es ist immer wieder toll, gerade auch für die Kinder. Diesmal nahmen wir zudem an einer Führung unter dem Motto "Zu Besuch bei den Mühlenschafen" teil. Der Teil der Führung, der aus Sicht der Kinder das Highlight war, nämlich das Füttern und Streicheln der Schafe, kam gleich ganz am Anfang dran: "Sonst wird's den Kindern langweilig und den Schafen auch", merkte die Schäferin augenzwinkernd an. 




Die zahlreichen Fakten zur Preisentwicklung bei Wolle und Lammfleisch, zum bürokratischen Aufwand beim Kauf und Verkauf von Schafen, dazu, zu welcher Jahreszeit die Paarung der Schafe und zu welcher Jahreszeit die Schur stattfindet und warum gerade zu diesen Zeiten, habe ich mir überwiegend nicht genau genug gemerkt, um sie hier verlässlich fehlerfrei wiedergeben zu können. Ein paar Eindrücke seien dennoch festgehalten; so zum Beispiel, dass man in Butjadingen nirgends mehr Lammbratwurst aus regionaler Aufzucht und regionaler Schlachtung bekommt – weil die Herstellungskosten so hoch wären, dass man die einzelne Bratwurst für mindestens 3 € verkaufen müsste, um daran etwas zu verdienen, und das zahlt der Verbraucher nicht, besonders wenn er Lammbratwurst aus Neuseeland erheblich billiger bekommt. Und dann: "Man darf Schafe nur an jemanden verkaufen, der eine Betriebsnummer hat. Eine Betriebsnummer bekommt man aber nur, wenn man Schafe hat. Wenn man also gerade erst frisch ins Schäfereigewerbe einsteigen will, wo kriegt man seine Schafe her?" Schließlich hieß es noch, es gebe eine Theorie, derzufolge die Rasse der Coburger Fuchsschafe durch die besondere Farbe ihrer Wolle die Sage vom Goldenen Vlies angeregt habe. So etwas erfährt man wohl nur von Schäfern, scheint mir. 

Tags darauf war in Fedderwardersiel "Hafentag" zur Eröffnung des Butjadinger Kultursommers "Gezeiten". Die Veranstaltung fand im Garten des Nationalparkhaus-Museums Fedderwardersiel statt; Livemusik gab's von der Gruppe "Seewind", bestehend aus fünf älteren Mitbürgern, die mit Blockflöte, Gitarre, Akkordeon, Geige und Cajón "Musik aus allen vier Windrichtungen" darboten, wie es in der Veranstaltungsankündigung hieß. Neben internationaler Folklore umfasste das Repertoire z.B. auch "Der Hase Augustin" von Fredrik Vahle, "Marina" von Rocco Granata und, wenn ich mich nicht verhört habe, ein Medley aus "Wenn die Rosen erblühen in Málaga" und "Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling". Im Ganzen wirkte die Performance der Gruppe jedenfalls auf sympathische Weise semiprofessionell, na gut, vielleicht etwas weniger als "semi", aber auf jeden Fall sympathisch. Für die Kinder gab's eine Vielzahl von Spiel- und Bastelangeboten, so bastelten sie z.B. Holzkutter mit Schleppnetzen, Papierboote aus alten Seekarten und Fische aus Weidenruten. Kurzum, die Kinder waren gut beschäftigt und hatten eine Menge Spaß. 








Ahoi Nordenham, Moin Stadtfest 

Ich habe es weiter oben bereits erwähnt: Wir hatten es nicht so geplant, aber exakt in dem Teil unseres Urlaubs, den wir in Nordenham verbringen, ist dort Stadtfest. Sehen wir's mal als Fügung, auch wenn es, vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen aus früheren Jahren, nicht unbedingt und uneingeschränkt eine gute Nachricht ist. Lange Zeit empfand ich das Urteil, das eine liebe Freundin über das Nordenhamer Stadtfest 1996 (mit dem kongenialen Motto "Man sieht sich") abgab, als vollumfänglich treffend und maßgeblich: 

"Stadtfest ist Scheiße! Man trifft alle möglichen Leute, aber unterhalten kann man sich doch nicht richtig; und wenn man jemanden sucht, findet man ihn bestimmt nicht. Aber wenn man nicht hingeht, denkt man, man hätte was verpasst!" 

Und dabei hatte sie noch nicht mal die furchtbare Musik erwähnt. Aber in diesem Jahr sollte ja, den Beteuerungen der Veranstalter zufolge, alles anders und besser werden: "[D]as Fest soll endlich wieder ein Event für alle Generationen werden", heißt es auf der Website der Stadt Nordenham, und: "Maritime Anklänge finden sich im Programm und in der Deko". Beide Aspekte sollen sich in dem Motto "Ahoi Nordenham – Mein Stadtfest" widerspiegeln, wobei ich gestehen muss, dass ich das Wort "Mein" im Motto zunächst als "Moin" gelesen habe und das auch ganz stimmig fand. 

Am Donnerstagabend schauten wir schon mal bei der "Warm-up-Party" vorbei, statt – womit ich durchaus ein wenig geliebäugelt hatte – zu einem "Liederabend mit neuem geistlichen Liedgut" in der OASE in Tossens zu gehen; aber das ist ein Thema für sich. Die Musik war beim Stadtfest-"Warm-up" jedenfalls nicht unbedingt besser, und auch sonst kam mir trotz der oben erwähnten Beteuerungen der Veranstalter so ziemlich alles genauso wie immer vor. Okay, das war nur ein erster Eindruck, und immerhin durften die Kinder schon einmal Karussell fahren und freuten sich darüber wie Bolle. Die offizielle Eröffnung des Stadtfests war erst am gestrigen Freitag, und wir waren rechtzeitig aus Fedderwardersiel zurück, um uns den Festumzug der Nordenhamer Vereine anzusehen. Unser Jüngster schlief allerdings auf dem Weg dorthin ein; aber unsere Große fand den Umzug toll, und zwar nicht nur, weil dabei reichlich Bonbons ins Publikum geworfen wurden, sondern vor allem, weil auch Pferde an dem Umzug teilnahmen. 







Bei der Eröffnungsfeier auf dem Marktplatz spielte die Gruppe "Delicious Divine" aus Bremerhaven; auf den ersten Blick eine handelsübliche Coverband, aber während ich mir ein Zwickel vom Butjenter Brauhaus schmecken ließ (war wirklich lecker, sogar aus dem Plastikbecher) und die Band "Give It Up" von KC & The Sunshine Band spielte, musste ich doch mal den Hals recken, um mich zu überzeugen, ob die Bläserpassagen wirklich live gespielt wurden. Wurden sie. Und da musste ich dann doch feststellen: Man kann über das Nordenhamer Stadtfest, und gerade auch die Musik auf dem Nordenhamer Stadtfest, meckern so viel man will und wird auch nicht fertig damit, aber dass die Veranstalter es sich leisten, eine elfköpfige Band, mit Bläsern und allem Pipapo, auf die Bühne zu stellen, da ist – beispielsweise – das Tegeler Hafenfest ein Dreck dagegen. 

Mehr vom Nordenhamer Stadtfest gibt's nächste Woche... 


Geistlicher Impuls der Woche 

Es wird aber geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen. Ich werde wunderbare Zeichen wirken am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und schreckliche Tag. Und es wird geschehen: Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet. Denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem gibt es Rettung, wie der Herr gesagt hat, und wen der Herr ruft, der wird entrinnen.

(Joël 3) 

Ohrwurm der Woche 

Simple Minds: Don't You (Forget About Me) 

Vorige Woche war an dieser Stelle von den Plänen für ein Jahrgangstreffen zum 30jährigen Jubiläum von "Abi '95" in Nordenham die Rede; und jetzt bin ich in Nordenham und es ist obendrein Stadtfest. Man sehe mir also bitte nach, dass ich weiter auf "in Erinnerungen schwelgen" eingestellt bin. – "Don't You" von den Simple Minds ist nicht nur ein weiterer Song, der charakteristisch für den Sound unserer Jahrgangsfeten auf der "Tenne" ist, sondern es ist auch der Song aus dem Filmklassiker "The Breakfast Club" (Ausschnitte im Video). Einem Film, über den ich zu sagen geneigt bin: Wer den nicht in seinen Teenagerjahren gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen. Auch wenn es zu empfehlen ist, diesen Film nicht unkritisch anzusehen. Vor rund 30 Jahren, als ich mir den Film zusammen mit meinen drei besten Kumpels vom Gymnasium auf Video ansah, störte mich eigentlich nur eines daran, nämlich dass die von Ally Sheedy gespielte düster-rebellische Mädchenfigur am Ende "aufgehübscht" wird; ich glaube, es ist unter "Breakfast Club"-Fans weitgehend common sense, dass diese Wendung ein Griff ins Klo ist. Heute würden mir in der Darstellung der sozialen Dynamik und des Rollenverhaltens unter Teenagern, die der Film bietet, wahrscheinlich noch mehr frag- und kritikwürdige Details auffallen, aber das macht den Film nicht weniger sehenswert – vielleicht sogar eher im Gegenteil. Und der Song zum Film ist wahrlich kongenial. Ich meine mich zu erinnern, dass er in meinem Jahrgang als Abi-Hymne im Gespräch war. Aus Gründen. 


Samstag, 3. August 2024

Creative Minority Report Nr. 40

So, Freunde: Nachdem es vorige Woche nur ein vergleichsweise kurzes Zwischen-Update gab, ist der Creative Minority Report diese Woche wieder da, und er ist sogar ein bisschen umfangreicher geraten als sonst meist. Daher will ich mich mit der Vorrede nicht lange aufhalten... 


Was bisher geschah 

Nun ja: Wie vorige Woche bereits ausgeführt, besteht ein wesentlicher Grund dafür, dass diese Creative Minority Report-Ausgabe erst zwei Wochen nach Nr. 39 erscheint, ja gerade darin, dass zur Zeit nicht so richtig viel passiert. Meine Liebste war fast jeden Tag mit den Kindern unterwegs, ich kümmerte mich derweil vorrangig um meine diversen Buchprojekte. Der relative Mangel an aktuellen Ereignissen mag mitverantwortlich dafür sein, dass dieses Wochenbriefing ziemlich "theorielastig" geraten ist: Ich sehe darin Stoff für mindestens drei eigenständige Artikel. Das bedingt andererseits natürlich, dass auf dem begrenzten Raum des Wochenbriefings viele Überlegungen lediglich angedeutet bzw. angerissen werden konnten, aber da bist du, Leser, natürlich herzlich zum eigenständigen Weiterdenken eingeladen. Oder du wartest ab, bis ich die "mindestens drei eigenständigen Artikel", die in diesem Wochenbriefing versteckt sind wie der Olympia-Schlumpf in jedem siebten Ei, tatsächlich geschrieben habe... 


Was ansteht 

Okay, darüber gibt es nun aber deutlich mehr zu sagen. Wenn alles so läuft wie geplant, bin ich, während dieser Artikel online geht, mit meiner Familie bei einer Grillparty im Ernst-Thälmann-Park. Ein alter Freund aus vergangenen Zeiten, den ich zuletzt bei "Suppe & Mucke" getroffen und in diesem Zusammenhang erwähnt hatte, feiert traditionell in dieser Form seinen Geburtstag (nach), und das letzte Mal, dass wir dabei waren, ist schon drei Jahre her. Wo und um welche Uhrzeit wir morgen zur Messe gehen, ist noch nicht ganz klar – theoretisch gäb's, da es der erste Sonntag im Monat ist, wohl wieder die Möglichkeit eines "Gottesdienst-Double-Features in Haselhorst", aber vielleicht wird uns das auch zu stressig, zumal wir eigentlich gerade mitten in Reisevorbereitungen stecken. Am Mittwoch in aller Früh' soll's nämlich losgehen – erst mal nach Nordenham und von da aus dann weiter nach Burhave an den Strand. Updates dazu folgen im nächsten Wochenbriefing... 


Kumbayah in Borsigwalde 

Eins vorweg: Ich hatte durchaus Bedenken, dem Abschnitt über das Weihejubiläum eines aus Afrika stammenden Priesters diese Überschrift zu geben. Weil, es könnt' ja einer was in den falschen Hals kriegen und die Assoziationen, die sich ihm bei dieser Überschrift aufdrängen, mir als Intention unterstellen. Man kennt das. Letztlich ist man vor diesem Mechanismus aber nie sicher, und wer den Abschnitt im Ganzen liest, wird schon mitkriegen, warum die Überschrift so lautet, wie sie lautet. 

Also mal von vorne: Den Priester aus Nigeria, der seit 2017 als Pfarrvikar in Berlin-Reinickendorf tätig ist, habe ich schon öfter erwähnt; solange meine Liebste und ich in der damaligen Pfarrei Herz Jesu Tegel aktiv waren, hatten wir ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihm, was sich u.a. darin äußerte, dass wir ein paarmal bei der Gestaltung von Andachten mit ihm zusammenarbeiteten, aber auch darin, dass er uns, als meine Liebste während ihrer Schwangerschaft mit unserem Jüngsten zu Bettruhe verdonnert war, die Hauskommunion brachte und unseren Jüngsten schließlich auch taufte. Alles gute Gründe, uns bei seiner Jubiläumsfeier sehen zu lassen. 

Dass es, obwohl der Jubiläumsgottesdienst in der Allerheiligenkirche in Borsigwalde stattfand, mehr als wahrscheinlich war, dass wir dort auch Leute aus der Gemeinde von Herz Jesu Tegel treffen würden, hatte ich im Vorfeld sonderbarerweise überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt; es zeigte sich aber schon, als wir in den Bus nach Borsigwalde einstiegen. Auch wenn, wie man sich vielleicht vorstellen kann, nicht alle diese Begegnungen für uns ein Grund zur Freude waren, muss man doch sagen, dass sich unsere "alten Bekannten" uns gegenüber durchweg freundlich verhielten. 

Die Kirche war gut besucht, wenn auch nicht direkt rappelvoll; es gab einen Großen Einzug mit sechs Messdienern und dem Diakon, zudem wirkte ein ca. 15köpfiger Chor an der Gestaltung der Messe mit. Dem Diakon kam die Aufgabe zu, das Evangelium vorzutragen, und einen Moment lang fürchtete ich, er werde auch predigen, aber das blieb uns dann doch erspart. Reden wir also mal über den Chor. Ich möchte gleich vorausschicken, dass meine Liebste und ich die Mitwirkung des Chors an der Gestaltung der Messe graduell unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt haben; konkret heißt das, sie fand die Performance des Chores erheblich besser als ich. – Mal der Reihe nach: Der Chor platzierte sich auf der rechten (bzw. vom Altar aus gesehen linken) Hälfte der Altarstufen, in der Nähe stand ein kleines, etwas altmodisch aussehendes E-Piano, auf dem die Chorleiterin spielte; zum Einzug sang der Chor zwei Gospelsongs, "I Want Jesus to Walk With Me" und "Let My Light Shine Bright", und damit war bereits die Grundrichtung der musikalischen Gestaltung dieses Gottesdienstes vorgegeben, auch wenn Kyrie und Gloria, der Halleluja-Ruf vor dem Evangelium und das Sanctus "ganz normal" dem Gotteslob entnommen waren und von Chor und Gemeinde gemeinsam gesungen wurden. Als Zwischengesang nach der 1. Lesung, also anstelle des Antwortpsalms, folgte ein weiterer Gospelsong, "Lord, I Want to Be a Christian", zur Gabenbereitung dann allen Ernstes "Kumbayah, My Lord". Zum Friedensgruß folgte "Hevenu Shalom Aleichem" – anderer Kulturkreis, aber auch eine fröhliche Mitklatschnummer –, nach der Kommumion gab's "Here I Am, Lord", auch bekannt unter dem Titel "Lord of Sea and Sky"; das ist, anders als man denken könnte, kein Gospelsong, sondern ein modernes katholisches Kirchenlied aus den 70er Jahren. Gospel gab's dann wieder zum Auszug, und zwar, wie sollte es anders sein, "Oh Happy Day". --- 

Die Qualität der Darbietung war insgesamt recht durchwachsen – einige der Chormitglieder, die gelegentlich auch Soloparts hatten, machten ihre Sache wirklich gut, andere "so mittel", während es mindestens eine der älteren Damen nicht einmal schaffte, im Takt mitzuklatschen – ihr Klatschen kam immer ein bisschen zu spät. Dass mich dieser Chorauftritt insgesamt eher unangenehm berührte, hatte jedoch andere Gründe. – Ich muss gleich vorausschicken, dass das ein sehr vielschichtiges Thema ist und dass ich somit vielleicht besser daran getan hätte, es außerhalb des Wochenbriefing-Formats zu behandeln; aber nun habe ich einmal davon angefangen und will wenigstens ein paar Grundgedanken skizzieren. Ausführlicher darauf zurückkommen kann ich ein andermal immer noch. Also: Zunächst halte ich es für wichtig, bei der Erörterung der Frage, was davon zu halten sei, wenn alte (und ein paar nicht ganz so alte) weiße Frauen (und ein paar Männer) Gospelsongs singen, nicht in die Falle der "cultural approptiation"-Debatte zu tappen. Die Vorstellung, in Musik, bildender Kunst, Kleidung, Kochkunst oder was auch immer Einflüsse fremder Kulturen aufzugreifen, bedeute, die Menschen, aus deren Kulturkreis die betreffenden Elemente ursprünglich hervorgegangen sind, um ihr rechtmäßiges Eigentum zu bringen, finde ich gerade aus katholischer Sicht ausgesprochen abwegig. Darum geht's mir hier also nicht; worum aber dann? – Um Authentizität. Und da dräut natürlich gleich die nächste argumentative Tretmine. Bin ich der Meinung, ein Chor aus lauter Weißen könne Gospelsongs nicht authentisch 'rüberbringen, weil es eben lauter Weiße sind? Nee. Das wäre doch eine irgendwo rassistisch grundierte Annahme. Ich kann nur sagen, in diesem konkreten Fall wirkte die Darbietung auf mich nicht authentisch. Und das ist ein Problem, und zwar besonders im Gottesdienst. Ehe ich versuche, die letztere Präzisierung näher zu erläutern, möchte ich den Eindruck mangelnder Authentizität, den ich empfunden habe, noch ein wenig illustrieren. Vor einigen Jahren gab es mal so einen Trend, dass Boygroups oder aus Boygroups hervorgegange Sänger Pop-Klassiker coverten und dabei den Originalinterpreten als Gast ein paar Verse singen ließen. Konkret erinnere ich mich an "Sorry Seems to be the Hardest Word" von Blue feat. Elton John und "Father and Son" von Ronan Keating feat. Yusuf Islam, es gab aber noch mehr von der Sorte. Und ich fand damals, dass die Boygroup-Sänger sich damit einen ausgesprochen schlechten Dienst erwiesen, weil die alten Meister ihren kurzen Gastauftritt unweigerlich dazu nutzten, den Jungspunden mal so richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt. So ähnlich ging's mir, als der Priester aus Nigeria schon bei seinen Begrüßungsworten und dann noch einmal in der Predigt spontan in Gesang ausbrach. Der Vergleich hinkt ein wenig, weil – das darf man wohl sagen, ohne jemandem zu nahe zu treten – dieser Priester eigentlich keine schöne Gesangsstimme hat; wobei man das von Yusuf Islam alias Cat Stevens vielleicht auch behaupten könnte. Aber darauf kam's nicht an – sondern vielmehr darauf, dass man beim Pfarrvikar den Eindruck hatte, der Gesang komme unmittelbar von Herzen und das sei für ihn eine natürliche Form, sich auszudrücken, und dieses Gefühl hatte man beim Chor eben nicht. 

Um meine obige Aussage zu erläutern, unauthentisch wirkende Darbietungen seien besonders im Gottesdienst problematisch, müsste ich vielleicht ziemlich weit ausholen; vielleicht geht's aber auch ganz kurz: Im Gottesdienst sollen wir vor Gott stehen, wie wir sind. Wenn da nun Leute eine Darbietung abliefern, in der sie etwas darzustellen versuchen, was sie nicht sind, dann ist es recht offensichtlich, dass der eigentliche Adressat dieser Vorführung nicht Gott ist. Dass der Gottesdienst also umfunktioniert wird zu einer Show für ein Publikum. Dass das nicht dem Wesen und der Bedeutung der Heiligen Messe gerecht wird, "kann man deutschen Gewohnheits-Kirchgängern aber generell nicht begreiflich machen", meinte meine Liebste. Da mag was dran sein; den Eindruck kann man z.B. haben, wenn in einer "normalen" Sonntsgsmesse die Leut' nach dem Orgelnachspiel applaudieren. Und in "besonders gestalteten" Gottesdiensten frage ich mich oft, warum diese Gestaltung partout von Leuten vorgenommen werden muss, die a) nichts von Liturgie verstehen und b) auch kein Gefühl für Angemessenheit zu haben scheinen. Dass im vorliegenden Fall der Pfarrvikar den Chor nach dem Sanctus recht nachdrücklich auffordern musste, während der Wandlung in der Bank Platz zu nehmen, erscheint mir da als ein recht bezeichnendes Beispiel. 

Man könnte sogar argwöhnen, in der Überlegung "Unser Pfarrvikar ist schwarz, also singen wir für ihn Gospels" offenbare sich ein unterschwellig rassistisches Denkmuster; aber das würde wohl doch etwas zu weit gehen. Der Pfarrvikar hat sich offensichtlich über die Musikauswahl gefreut, und diese Freude wollen wir ihm gern gönnen. 

Was den geselligen Teil der Veranstaltung anging, war in den Vermeldungen der Pfarrei lediglich ein "Stehempfang" angekündigt gewesen; tatsächlich waren im Gemeindesaal dann aber doch Tische und Stühle aufgebaut worden, und zwar, sehr zu meiner Befriedigung, in Form einer langen Tafel und nicht in Form einzelner Vierer- oder Sechsertische. Und ein recht üppiges Büffet gab es auch. 

Für dieses Problem gibt es eine bewährte Lösung, man muss die Waschbären nur taufen und firmen, dann kommen sie nicht wieder.

Aus der Gemeinde Herz Jesu Tegel waren die Leute, die dort schon vor fünf Jahren den harten Kern der engagierten Gemeindemitglieder gebildet haben, vollzählig erschienen; auch die anderen Geistlichen der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd (bis auf Pater Mephisto, der im Urlaub ist) ließen sich sehen, der Pfarrer allerdings erst etwas später, vermutlich weil er noch woanders die Messe hatte halten müssen. Ein erfreuliches Wiedersehen gab es mit einem jungen Mann, der vor Jahren ein recht regelmäßiger Teilnehmer bei unserem "Dinner mit Gott" gewesen war und auch sonst an einigen unserer Aktionen, so z.B. dem improvisierten Info-Tisch anlässlich des Tegeler Hafenfests 2018, mitgewirkt hatte: Inzwischen ist er Priesteramtskandidat und studiert an der Theologisch-Philosophischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Wie er mir erzählte, geht er davon aus, dass er sein Studium im nächsten Jahr abschließen und dann nach Berlin – "oder jedenfalls ins Erzbistum Berlin" – zurückkehren wird. Das kann ja spannend werden. 

Der Jubilar selbst versicherte meiner Liebsten und mir übrigens wiederholt und eindringlich, wie sehr er sich freue, dass wir gekommen seien; besonders freute er sich augenscheinlich über das Wiedersehen mit unseren Kindern. 

Und dann muss ich in diesem Zusammenhang noch etwas festhalten, was mir aus der Gemeinde von Herz Jesu Tegel heraus zugetragen worden ist. Exakt heute vor einem Jahr hatte ich mich in meinen Ansichten aus Wolkenkuckucksheim darüber gewundert, dass im der Tegeler Pfarrkirche "neuerdings ein Bild des Barmherzigen Jesus" stehe, und spekuliert, "ob das eine Guerilla-Aktion polnischer Gläubiger war" – da ich "kaum vorstellen", konnte, "dass der Pfarrer von der Idee, ein solches Bild in 'seiner' Kirche aufzustellen, sonderlich begeistert gewesen ist": 

"Möglicherweise deutet der Umstand, dass das Bild so unauffällig in einer dunklen Ecke steht, aber auch auf einen Kompromiss hin (nach dem Motto 'Wenn's denn sein muss, stellt es auf, aber dann an einer Stelle, wo's nicht so auffällt')." 

Und siehe da, von Gemeindemitgliedern, die ich bei dem Empfang in Allerheiligen traf, wurde mir bestätigt, dass ich in dieser Sache so ziemlich den richtigen Riecher gehabt hatte. Tatsächlich war es wohl so, dass das Bild eines Tages plötzlich da war, ohne dass jemand wusste, wo es hergekommen war ("Das pflegen Gnadenbilder so an sich zu haben!", könnte man einwerfen), und tatsächlich wollte der Pfarrer wohl zunächst, dass es wieder verschwindet, aber mehrere Gemeindemitglieder machten sich für seinen Erhalt stark, und zuletzt sollen zwei polnischstämmige Ehrenamtliche gedroht haben, die Mitarbeit in der Gemeinde aufzukündigen, wenn das Bild entfernt wird. Und schließlich hatte ich wohl auch damit Recht, dass es sich bei dem vergleichsweise unauffälligen Standort des Bildes um einen Kompromiss gehandelt hat. – Mir scheint, an diese Episode ließen sich allerlei Reflexionen zur Auswirkung des "Schmutzigen Schismas" auf Gemeindeebene knüpfen; wozu nicht zuletzt die Frage zählt, wie man es eigentlich hinkriegt, dass die diversen innerkirchlichen Grüppchen und Fraktionen, die aus Synofanten-Sicht allesamt in den Topf des vermeintlichen "konservativen Lagers" geworfen zu werden pflegen, tatsächlich an einem Strang ziehen. Denn wenn man das nicht hinkriegt, besetzen die Synofanten die Schlüsselpositionen, sogar in eigentlich überwiegend konservativen Gemeinden. 

Währenddessen in der Wesermarsch 

Es gibt Neuigkeiten aus der Pfarrei St. Marien in Brake/Unterweser: Nachdem die dortige Pfarrstelle seit mehr als einem halben Jahr faktisch unbesetzt gewesen war, ist sie nun auch offiziell vakant. Was insofern eine gute Nachricht ist, als die Stelle somit wieder neu besetzt werden kann. – Und was heißt das jetzt konkret? Dass der bisherige Pfarrer Wolfgang Schmitz auf sein Amt verzichtet hat. Formulieren wir's ruhig ein wenig schärfer: Nach monatelangem Tauziehen hat der wegen Erbschleichereivorwürfen suspendierte Geistliche sich dazu bequemt, der Aufforderung (bzw. dem "Wunsch") seines Bischofs zu entsprechen und die Pfarrstelle in Brake freizugeben. Wozu man sagen muss: Einen Pfarrer gegen seinen Willen aus seinem Amt zu entfernen, ist kirchenrechtlich unter bestimmten Voraussetzungen möglich, aber nicht ganz einfach und wird nach Möglichkeit eher vermieden. Im vorliegenden Fall hatte Pfarrer Schmitz schon vor Monaten deutlich zu verstehen gegeben, dass er die Stelle in Brake nach den Auseinandersetzungen um das Erbe der Fastje-Schwestern zwar eigentlich nicht behalten wollte, aber auch nicht bereit war, sie aufzugeben, solange nicht über seine Weiterbeschäftigung innerhalb des Bistums Münster entschieden wäre. 

Aus der Münsteraner Bistumszeitung Kirche + Leben war nun zu erfahren, dass diesbezüglich offenbar eine Einigung erzielt worden ist: "Schmitz bleibe Diözesanpräses für die Gehörlosenseelsorge im Bistum Münster und werde zudem künftig „eine Aufgabe im nordrhein-westfälischen Teil des Bistums“ übernehmen. Welche, dazu laufen noch Gespräche, teilt die Bischöfliche Pressestelle Münster auf Kirche+Leben-Nachfrage mit." Weiter heißt es in dem Bericht, aus "persönlichen Gründen" werde Pfarrer Schmitz "bis voraussichtlich Anfang 2025 weiter in Elsfleth in der südlichen Wesermarsch wohnen". Ich muss sagen, mir ist die ganze Angelegenheit nach wie vor von vorne bis hinten suspekt, und so langsam frage ich mich, was der Pfarrer Schmitz wohl für ein Ass im Ärmel haben mag, dass er dem Bistum in dieser Weise seine Bedingungen diktieren kann – wo er doch schließlich mal seinem Bischof Gehorsam geschworen hat und nicht etwa umgekehrt. 

Wie dem auch sei: Mit dem Amtsverzicht des Pfarrers Schmitz endet auch das Amt des Nordenhamer Pfarrers Karl Jasbinschek als Vicarius substitutus für die Braker Pfarrei; stattdessen wurde nun der Pfarrer von Varel im Kreis Friesland, Ludger Becker, zum Pfarrverwalter ernannt. Becker ist seinerseits erst seit einem knappen Jahr in der Diaspora am Jadebusen tätig, zuvor war er Pfarrer in Barßel im traditionell erzkatholischen Landkreis Cloppenburg. Man darf gespannt sein, wie lange es dauert, bis die Pfarrstelle in Brake neu besetzt wird. 

In der Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland hat derweil die Urlauberseelsorge-Saison begonnen – wenn auch mit Verspätung: Wie mit Datum vom 6. Juli auf der Facebook-Seite der Pfarrei gemeldet wurde, musste der Saisonstart infolge "erheblicher Sturmschäden am Inventar der Urlauberkirche am Standort Tossens" verschoben werden. Tja. Ich stelle mir gern vor, dass das die Strafe des Himmels für die "Nacht der Acht" etc. war, aber ich erwarte nicht, dass dadurch irgend jemand zur Besinnung kommt. Ansonsten werde ich ja demnächst direkt vor Ort begutachten können, was in meiner alten Heimatpfarrei so abgeht... Ich werde berichten! 

Der Apostel Philippus als Prototyp des normalen Kirchenfunktionärs: Predigtnotizen zum 17. Sonntag im Jahreskreis

Am vergangenen Sonntag waren wir endlich mal wieder "ganz normal" in St. Joseph Siemensstadt in der Messe, und zur Belohnung bekamen wir eine sehr bemerkenswerte Predigt vom örtlichen Pfarrvikar zu hören. Das Evangelium vom Tag war Johannes 6,1-15: die Wunderbare Brotvermehrung. Ein Aspekt der Predigt, der mich besonders ansprach, betraf die Antwort des Apostels Philippus auf die Frage Jesu "Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?" (mit der dieser ihn "aber nur auf die Probe stellen" wollte): "Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll." Mit dieser Antwort, so meinte der Pfarrvikar, erweise sich der Apostel Philippus als "klassischer Kirchenvertreter: Er bietet eine funktionale Lösung, die aber nie reicht. Wir neigen zu diesen funktionalen Lösungen, in der Familie, auch in der Kirche – aber wir rechnen nicht mit der Fülle Gottes. Gott hat eine ganz andere Kategorie."

Im Zusammenhang mit diesen Sätzen über eine Kirche, die auf funktionale Lösungen fixiert ist und "nicht mit der Fülle Gottes rechnet", musste ich an den offiziellen Dokumentationsband zum 82. Deutschen Katholikentag denken, der 1968 in Essen stattfand und unter dem bezeichnenden Motto "Mitten in dieser Welt" stand. An diesem enormen Wälzer – 650 Seiten, sehr kleine Schrift – arbeite ich mich schon seit einiger Zeit ab, und die darin dokumentierten Debatten sind nicht selten auf eigentümliche Weise zugleich ermüdend und aufschlussreich. Zum Beispiel, weil darin selten (außer in rein floskelhafter Form) von Gott die Rede ist, umso mehr aber von der gesellschaftlichen Relevanz der Kirche. – Nun ist ja 1968 ohnehin ein emblematisches Jahr in der Geschichte der Bundesrepublik (und darüber hinaus), aber mir scheint, kirchengeschichtlich gilt das noch einmal auf spezifische Weise: Die Kirche als Institution steht hier auf einem Höhepunkt ihres gesellschaftlichen Einflusses; und zwar auf einem solchen Höhepunkt, dass es selbst (und gerade) für die Zeitgenossen erkennbar ist, dass es von dort aus eigentlich nur bergab gegen kann. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es mit der gesellschaftlichen Relevanz des christlichen Glaubens schon länger deutlich bergab geht. Aus letzterem Umstand schließen diejenigen, denen es vor allem um den Erhalt der Institution Kirche zu tun ist, dass der Glaube keine ausreichende Basis für die gesellschaftliche Relevanz der Kirche mehr darstellen könne und dass sie deshalb eine andere Basis brauche. Und die sucht man nun darin, die säkulare Gesellschaft davon zu überzeugen, wie nützlich die Kirche für sie sei. 

Wohin diese Denkrichtung letzten Endes führt, kann man exemplarisch an einem hier schon mehrfach zitierten Text des Theologen Daniel Bogner ablesen, der anno 2021 die Kritik Papst Benedikts XVI. an den institutionellen Strukturen der Kirche in Deutschland mit dem Einwand abzuschmettern versuchte, es gebe "auch so etwas wie ein institutionelles, amtliches Zeugnis der Kirche", das darin bestehe, "dass in ihrem Namen gute Bildungsarbeit, bestmögliche medizinische Versorgung, sensible Beratungsarbeit oder nachhaltige Entwicklungshilfe angeboten werden", und dafür brauche es eben "Manpower, große Stäbe und Management". --- Eine institutionelle Gestalt "von Kirche", die das alles zu brauchen glaubt, hat offensichtlich das Wichtigste vergessen, nämlich auf Gott zu vertrauen, dass Er ihr das tägliche Brot gibt, und zwar heute und nicht auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus im Sinne einer langfristigen Haushaltsplanung. (Das Wort vom täglichen Brot kann und soll man übrigens gern auch – als eine, nicht als die alleinige Bedeutungsebene – auf das Sakrament der Eucharistie beziehen. Auch das könnte man aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums lernen.) 

Übrigens betonte der Pfarrvikar in seiner Predigt auch ausdrücklich, dass sich bei der Speisung der 5000 um "eine reale Vermehrung" gehandelt habe – und widersprach damit einem recht verbreiteten Deutungsmuster des Brotvermehrungswunders, das Wilhelm Willms prägnant im die Liedzeilen "Wenn jeder gibt, was er hat / dann werden alle satt" gekleidet hat: dass das Beispiel des kleinen Jungen, der seine fünf Brote und zwei Fische hergegeben habe, die anderen Anwesenden motiviert habe, auch ihr mitgebrachtes Essen miteinander zu teilen, und dadurch habe es für alle gereicht. Abt Nikodemus Schnabel OSB, zu dessen Jurisdiktion auch die Brotvermehrungskirche in Tabgha gehört, hatte in seiner Fronleichnamspredigt auf dem Bebelplatz davon gesprochen, dass diese Deutungstradition sich bis zu den Kirchenvätern zurückverfolgen lasse. Der Pfarrvikar von St. Joseph Siemensstadt betonte demgegenüber, das Brotvermehrungswunder habe eine "andere Qualität": "Christus vermehrt die Freude." – Es gäbe, wie immer, eigentlich noch mehr über diese Predigt zu sagen, aber dies waren die Punkte, die sich mir besonders eingeprägt haben. 


Aus dem Schaukasten von Herz Jesu Tegel 

Neulich habe ich mal wieder einen Blick in den Schaukasten der Tegeler Pfarrkirche geworden, um dessen inhaltliche Gestaltung der Pfarrer sich notorischerweise persönlich kümmert; und da fiel mein Blick auf einen Text mit der Überschrift "Gedanken zum Danken": 

Ähnlich aufgebaute Texte mit dem Grundgedanken, viele Dinge, die einen im Alltag stressen und ärgern, seien bloß die Nebenwirkungen von etwas eigentlich Gutem, worüber man sich freuen sollte, habe ich schon öfter gesehen, vor allem in den Sozialen Netzwerken. Und auch wenn diese Texte manchmal etwas dick aufgetragen sind, finde ich die Grundidee doch gut und richtig. Manchmal übe ich mich darin, mir diesen Gedanken bewusst zu machen, z.B. wenn ich keine Lust habe, den Müll rauszubringen oder "schon wieder" die Küche aufzuräumen oder wenn ich im Flur über ein Spielzeug gestolpert bin, das die Kinder nicht weggeräumt haben. Manchmal muss ich dann ein bisschen weinen vor Glück über meine Familie. Womit ich sagen will: Dieser Perspektivwechsel funktioniert. An der im Schaukasten von Herz Jesu ausgehängten Variante fiel mir jedoch auf, dass gleich in der ersten Zeile vom Steuernzahlen die Rede ist. Und da dachte ich: Das ist ja mal wieder typisch. Man erinnere sich daran, dass in den Weihnachtsgrüßen dieser Pfarrei alljährlich den distanzierten Kirchenmitgliedern explizit dafür gedankt wird, dass sie Kirchensteuer zahlen; dass dieser Pfarrer vor Jahren mal in einer Predigt über 1. Korinther 12,4-11 – also über die Gaben des Heiligen Geistes! – ein "ABC der Unentbehrlichen" vortrug, in dem unter dem Buchstaben A "Ausschussmitglieder", unter B "Beter", unter K jedoch die "Kirchensteuerzahler" gewürdigt wurden; und dass er sich noch unlängst im Rahmen eines Predigtimpulses zu Apostelgeschichte 20,28-38 explizit dankbar dafür zeigte, dass er, anders als der Apostel Paulus, nicht seinen Unterhalt mit seiner eigenen Hände Arbeit verdienen müsse, sondern von der Kirchensteuer lebe. – Gewiss gibt es zwischen der Dankbarkeit dafür, aus Steuermitteln bezahlt zu werden, und der Dankbarkeit dafür, selbst Steuern zu zahlen, noch einen gewissen Unterschied, aber, so möchte ich behaupten, doch auch einen gewissen Zusammenhang. Ich will hier durchaus nicht auf libertär-kapitalistische Parolen à la "Steuern sind Diebstahl" hinaus, aber die Staatsgläubigkeit, ja Obrigkeitshörigkeit, die aus der Auffassung spricht, man solle Vater Staat dankbar dafür sein, dass er einem Steuern abknöpft, scheint mir dann doch bedenklich. Ein paar Zeilen weiter wird da direkt noch eins draufgesetzt: Da soll man dann auch noch "für die laut geäußerten Beschwerden über die Regierung" dankbar sein, "weil das bedeutet, wir leben in einem freien Land und haben das Recht auf freie Meinungsäußerung". – Sinngemäß hört man dieses "Argument" ja heutzutage öfter: Alles, was gegen die Regierung gesagt wird, spricht in Wirklichkeit für sie, denn die Tatsache, dass sie uns erlaubt, über sie zu meckern, beweist, dass sie so schlimm gar nicht sein kann. Ich bin geneigt, das als ein postdemokratisches Verständnis von Meinungsfreiheit zu bezeichnen: Man hat das Recht, mit der Regierung unzufrieden zu sein, solange diese Unzufriedenheit nicht dazu führt, dass sich etwas ändert. 

Nun hat der Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd diesen Text ja nicht selbst verfasst, aber einerseits hat er entschieden, ihn auszuhängen, und andererseits geht es mir hier wieder einmal gar nicht so sehr, oder jedenfalls nicht nur, um ihn persönlich. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass der Untertanengeist, den dieser Pfarrer lediglich besonders idealtypisch verkörpert, in der Kirche in unserem Land auch sonst zunehmend um sich greift. Spätestens seit Corona finde ich das sehr auffällig. Ja, man kann geradezu den Eindruck haben, die Kirche biedere sich desto mehr beim Staat an, je weniger Wert dieser seinerseits auf ein gutes Verhältnis zur Kirche legt. Hat vielleicht eine gewisse Logik. Setzen wir's mit auf die Liste der Themen, die mal an anderer Stelle vertieft werden sollten... 

Geistlicher Impuls der Woche 

Alle Heiligkeit und Vollkommenheit beruht auf der Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus, unserem Gott, unserem höchsten Gut und Erlöser. Die Aufgabe der Liebe besteht darin, alle Tugenden zu vereinigen und zu bewahren, die den Menschen vollkommen machen. Verdient etwa Gott nicht unsere ganze Liebe? Er hat uns von Ewigkeit her geliebt. "Bedenke, o Mensch", so spricht er, "dass ich der erste war, der dich liebte. Du hattest das Licht der Welt noch nicht erblickt, die Welt war noch nicht da, und ich liebte dich bereits. Seit ich bin, liebe ich dich!" 

Als er ihm eine Seele verleiht nach seinem Bild, begabt mit Gedächtnis, Verstand und Willen; als er ihm einen mit Sinnen ausgestatteten Leib gab; als er für ihn Himmel und Erde erschuf mit einer Fülle von Einzeldingen, schuf er das alles aus Liebe zum Menschen. Alle Geschöpfe sollten dem Menschen dienen, der Mensch aber sollte Gott selbst wegen so zahlreicher Wohltaten lieben. 

(Alfons Maria von Liguori, Über die tätige Liebe in Christus) 


Ohrwurm der Woche 

Billy Bragg: A New England 

Auch ein Ergebnis der ersten Ferienwoche war, dass ein ehemaliger Mitschüler von mir – der zufällig denselben Vornamen trägt wie ich – sich bei mir meldete und mich daran erinnerte, dass wir im nächsten Jahr 30-jähriges Abi-Jubiläum haben. Ob man da nicht versuchen sollte, ein Jahrgangstreffen zu organisieren. Ich erwiderte nur, ich fände die Idee gut, worauf "der andere Tobias" in Aussicht stellte, er werde die Sache mal in die Hand nehmen. Wenige Tage später wurde ich in eine WhatsApp-Gruppe "Abi Treffen 2025" eingeladen, in der inzwischen gut drei Viertel des gesamten damaligen Abi-Jahrgangs des Gymnasiums Nordenham vertreten sind. Die Resonanz ist also beachtlich, und wie man sich vorstellen kann, hat das Ganze bei mir so einige Erinnerungen aufgerührt. Zum Beispiel an die wilden Jahrgangspartys, die wir im "Tenne" genannten Saal einer rustikalen Landgaststätte feierten (ich glaube, diese ländlichen Festsäle sind ein ziemlich typisches regionales Phänomen, aber dazu vielleicht bei anderer Gelegenheit mehr). In meiner Erinnerung sind diese Partys fest mit einem ganz bestimmten Sound verknüpft, der für mich folgerichtig der Sound meines Abi-Jahrgangs ist; dabei ist es nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit defitiv nicht anzunehmen, dass tatsächlich der gesamte Jahrgang diese Art von Musik gern oder gar bevorzugt gehört hat, und auch wenn ein bestimmter Teil meiner damaligen Mitschüler sowieso kaum je auf diese Partys ging, muss man davon ausgehen, dass die Musik, die bei den Tennenfeten gespielt wurde, eine größere Bandbreite von Geschmacksrichtungen abdeckte, als ich es in Erinnerung habe. Rückblickend nehme ich daher an, dass der charakteristische Tennenfeten-Sound im Wesentlichen das Werk des DJs war. – Ich möchte behaupten, jeder DJ, der was auf sich hält, versucht in seinem Programm einen Kompromiss zu finden zwischen dem, was das Publikum hören will, und dem, wovon er mit seiner überlegenen Musikkenntnis und seinem geschulten Geschmack findet, dass das Publikum es hören wollen sollte. Der DJ, um den es hier geht – es war, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, bei fast allen diesen Partys derselbe, er war bis zur 12. Klasse mit uns zusammen zur Schule gegangen, hatte dann aber doch nicht mit uns Abi gemacht – hatte ein sehr ausgeprägtes Faible für Post-Punk und Indie-Pop, und folgerichtig war der Tennenfeten-Sound ein Kompromiss zwischen dieser Vorliebe und dem, was Mitte der 90er Mainstream war. Und ich muss sagen, davor, wie er es geschafft hat, aus diesen Bestandteilen eine Atmosphäre zu kreieren, die das Publikum mitnahm und einen solchen Eindruck hinterließ, dass ich noch fast 30 Jahre später Gänsehaut bekomme, wenn ich "die Songs von damals" mal wieder höre, ziehe ich heute noch den Hut. 

Bis zum angepeilten Termin des Abi-Nachtreffens sind's noch 40 Wochen, es ist also mehr als wahrscheinlich, dass ich bis dahin noch mehrere "Ohrwürmer der Woche" präsentieren werde, die ich mit dem Sound der Tennenfeten assoziiere. "A New England" von Billy Bragg ist jedenfalls ein besonders schönes Beispiel, weil es auf eigentümliche Weise untypisch und doch zugleich charakteristisch ist.