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Mittwoch, 4. November 2026

Orthodoxe Einsichten

Wie im jüngsten Wochenbriefing schon erwähnt, war ich am Allerheiligen-Wochenende beim 3. Kongress der Orthodoxen Jugend der russisch-orthodoxen Diözese von Berlin und Deutschland, der in Hohegeiß, einem Ortsteil von Braunlage im Harz, stattfand, und habe dort einen Vortrag gehalten. Wie es dazu gekommen ist, ist natürlich eine Geschichte für sich, erzählt sich aber relativ leicht: Der Hauptorganisator der Konferenz war ein Priester aus Krefeld, in dessen Gemeinde ich im Frühjahr 2019, "vor Corona", im Rahmen der "Nacht der offenen Kirchen" einen Vortrag über die Benedikt-Option gehalten habe. Angesichts des Mottos der diesjährigen Jugendkonferenz – "Mein Weg und die Berufung Gottes" – erinnerte sich dieser Priester, Vater Alexej Veselov, nun wieder an mich und fand, dass ich auch dazu etwas beitragen könnte, idealerweise wiederum mit Bezug auf die #BenOp. 

Mein erster Gedanke, als ich den Veranstaltungsort erreichte, war: So sieht das aus, wenn eine Kirche keine Kirchensteuer bezieht. Die Herberge Hogeyz, in der die rund 130 Teilnehmer der Konferenz – Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 17-35 Jahren aus dem ganzen deutschsprachigen Raum – untergebracht waren, ist laut Selbstbeschreibung ein "Selbstversorgerhaus im unteren Preisbereich" und versteht sich als "christlich geführtes Haus", das "als gemeinnütziger Träger vor allem Kinder- und Jugendfreizeiten bei ihrer Arbeit unterstützen" möchte; aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass die katholische Kirche, solange sie finanziell so gut ausgestattet ist wie bisher, ein Haus wie dieses für ihre Jugendfreizeiten nutzen würde. Für eine RKW zum Beispiel. Da würden bestimmt Beschwerden kommen – mindestens von den Eltern –, was das denn für eine Bruchbude sei. Dabei war die Herberge, wie ich im Nachhinein herausgefunden habe, bis 2003 ein Caritas-Ferienheim; allerdings erweckt es den Eindruck, seitdem nicht mehr renoviert worden zu sein. Als Konferenzsaal wurde die ehemalige katholische Kirche des Ortes, die 1971 erbaute und 2008 profanierte Kirche Heilig Geist, genutzt. 


Die Gottesdienste im Rahmen der Jugendkonferenz wurden hingegen nicht hier gefeiert, sondern in der evangelischen Kirche des Ortes, die "Zur Himmelspforte" heißt. Ich vermute mal, diese Nutzung wurde nicht zuletzt dadurch ermöglicht, dass die aus dem 18. Jh. stammende Kirche nicht beheizbar ist und die evangelische Gemeinde daher ihre eigenen Gottesdienste in der kalten Jahreszeit ins Gemeindehaus verlegt. 


Wie dem auch sei: Orthodoxe Gottesdienste ‐ mit Ikonenverehrung, Weihrauch und goldenen Gewändern – in einer evangelischen Kirche, und das sogar am Reformationstag, das hatte schon was. 


Aber fangen wir mal vorne an: Gegenüber der vorab online veröffentlichten Tagesordnung war die Reihenfolge der Vorträge teilweise umgestellt worden, und als ich ankam, sprach gerade ein eigens für diese Veranstaltung aus Litauen angereister Priester – auf Russisch, und in atemberaubenden Tempo. Es gab allerdings eine Simultanübersetzung per Kopfhörer, und ebenso wurden umgekehrt auch die deutschen Vorträge ins Russische übersetzt. "Einige Teilnehmer verstehen kein Deutsch, andere kein Russisch", erklärte Vater Alexej mir. "Vor dem Krieg war das einfacher, da sprachen die Jugendlichen in unseren Gemeinden praktisch alle Deutsch." (Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, dass die Zeitangabe "vor dem Krieg" sich auf den Ukraine-Krieg bezog.) "Wir hatten gerade damit angefangen, unsere gesamte Jugendarbeit in deutscher Sprache zu gestalten. Das geht jetzt nicht mehr." – Nach dem Vortrag des Priesters aus Litauen, der unter der Überschrift "Talent, Ehrgeiz oder der Wunsch nach einem leichten Leben: Was bestimmt meine Wahl?" stand – war erst mal Kaffeepause, und danach war ich dran. Den Text meines Vortrags habe ich bereits auf Patreon gepostet und beabsichtige ihn in der kommenden Woche auch hier im Blog zu veröffentlichen; wie ich gehört habe, soll es auch auf YouTube einen Mitschnitt des Vortrags geben, aber sofern dieser schon online ist, habe ich ihn jedenfalls noch nicht gefunden. – Ich glaube behaupten zu dürfen, dass mein Vortrag bei den jungen Leuten sehr gut angekommen ist: Im Laufe des Nachmittags und auch noch am nächsten Vormittag kamen immer wieder einzelne Teilnehmer der Konferenz auf mich zu, um sich für den Vortrag zu bedanken, Fragen dazu zu stellen oder auch um mich nach meiner Meinung zu diesem und jenem Thema zu befragen. Durchweg sehr freundliche, höfliche, respektvolle junge Leute. 

Den letzten Vortrag der Konferenz hielt Vater Alexej selbst; er erklärte, eigentlich habe er über das Gleichnis von den Talenten sprechen wollen – so stand es auch in der Programmankündigung –, aber nun habe ihm ein anderer Redner dieses Thema bereits vorweggenommen, daher müsse er jetzt improvisieren. Er sprach nun hauptsächlich über die Berufung zum Christen und gestaltete seinen Beitrag über weite Strecken als Dialog mit dem Plenum, d.h. die sonst übliche Trennung zwischen Vortrag und Diskussion wurde tendenziell aufgehoben. Und das fand ich nun wirklich sehr interessant. – Als ich vor gut sieben Jahren in der russisch-orthodoxen Gemeinde in Krefeld zu Gast war, notierte ich, dieser Aufenthalt sei "wie Urlaub von dem ganzen 'Maria 2.0'-Gedöns"; nun ist "Maria 2.0" inzwischen wohl ziemlich passé, aber dafür empfand ich meine neuerliche Begegnung mit der russisch-orthodoxen Diaspora als einen wohltuenden Kontrast zu gewissen Erfahrungen mit der liberalkatholischen Bubble und ihrem psycho-esoterischen Selbsterfahrungsgedöns. So gab es in Vater Alexejs improvisierten Vortrag eine Passage, die geradewegs auf die Predigt zu antworten schien, die ich am Sonntag zuvor in Nürnberg gehört hatte – genauer gesagt auf die "heute übliche Auslegung" des Doppelgebots der Liebe als Dreifachgebot, da es auch die Aufforderung zur Selbstliebe impliziere. Vater Alexej merkte dazu an, der Punkt sei vielmehr, dass die Aufforderung "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ein gewisses Maß an Selbstliebe voraussetzt: Wenn "jemanden lieben" bedeutet, Gutes für diesen Jemand zu wollen, dann ist Selbstliebe etwas völlig Normales, weil es schlichtweg natürlich ist, für sich selbst Gutes zu wollen. Wenn jemand sich nicht in diesem Sinne selbst liebt – so argumentierte Vater Alexej –, dann ist derjenige psychisch nicht gesund und benötigt Hilfe, aber im Normalfall sollte man einen Menschen nicht zur Selbstliebe ermahnen müssen. Vater Alexej sprach in diesem Zusammenhang gar vom "Trojanischen Pferd der Psychologie": Zwar gebe es allerlei Versuche, Psychologie aus christlicher, durchaus auch aus spezifisch orthodoxer Perspektive zu betreiben, aber diese seien mit Vorsicht zu betrachten, da der Fokus der meisten psychologischen Schulen eben auf der Selbstliebe (und nicht auf der Gottes- und Nächstenliebe) liege – und das bedinge eine gewisse Tendenz zum Egoismus. 

Richtig spannend wurde es, als Vater Alexej kritisierte, die orthodoxe Kirche sei zu wenig missionarisch: Sie neige allzu sehr dazu, sich abzuschotten und "im eigenen Saft zu schmoren". – "Dass jemand orthodox wird, der vorher nicht orthodox war, dafür muss der sich ganz schön anstrengen", sagte er – wobei ich spontan dachte: Das gibt's "bei uns" aber auch. Dass man, wenn man neu in eine katholische Gemeinde kommt – selbst wenn man bereits katholisch ist – unter Umständen Jahre braucht, um von den Alteingesessenen als zugehörig akzeptiert zu werden, haben nicht nur meine Liebste und ich in Herz Jesu Tegel erfahren, sondern man hört dergleichen auch von anderen Orten. Zum Teil ist das wohl ein Diasporaphänomen: Wenn die Konfessionszugehörigkeit als "Identitätsmarker" dient, führt das günstigenfalls wohl zu einem gesteigerten Zusammengehörigkeitsgefühl nach innen, aber auch und mindestens ebenso sehr zu einer Abgrenzung nach außen. Für die Orthodoxie gilt das – außerhalb ihres historischen Kerngebiets – aber wohl in noch stärkerem Maße, weil sie sich in einer noch extremeren Diasporasituation befindet, und dies nicht nur in konfessioneller, sondern zugleich auch in ethnischer Hinsicht. In diesem Zusammenhang fand ich es recht vielsagend, dass eine junge Frau erwähnte, sie und ihr Bruder hätten in ihrer Gemeinde mit erheblichen Akzeptanzschwierigkeiten zu kämpfen gehabt, weil sie kaum Russisch sprechen. In anderer Hinsicht bemerkenswert fand ich es, dass ein junger Mann auf Vater Alexejs Äußerung, die orthodoxe Kirche sei zu wenig missionarisch, mit der Frage reagierte, wie denn eine der Orthodoxie gemäße Form der Mission aussehen könne – er könne sich jedenfalls nicht vorstellen, sich "auf die Straße zu stellen und irgendwelche Leute anzusprechen, so wie die Freikirchler das machen". Worauf Vater Alexej völlig ungerührt erwiderte: "Aber die Apostel haben genau das gemacht." 

Eine andere Perspektive auf das Thema Orthodoxie und Mission eröffnete die Wortmeldung einer jungen Frau, die von Haus aus ursprünglich evangelisch gewesen war und berichtete, sie sei zwei Jahre lang von orthodoxen Christen aus ihrem Umfeld bearbeitet worden, die sie überzeugen wollten, dass die orthodoxe Interpretation des Christentums die richtige und die evangelische falsch sei. Das habe bei ihr jedoch nur Abwehrreaktionen hervorgerufen, bis hin dazu, dass sie schließlich bei YouTube nach Argumenten dafür gesucht habe, dass die Orthodoxen Unrecht haben; und bei dieser Suche sei sie dann auf Videos von Vater Alexej gestoßen. Tja, so kann's kommen. 

Was mich bei aller Sympathie indes doch eine gewisse innere Distanz zur Orthodoxie einnehmen ließ, wie sie sich mit im Laufe zweier halber Tage bei dieser Jugendkonferenz präsentierte, war der Umstand, dass die Orthodoxen – schlagwortartig ausgedrückt – tradder than trad sind; womit ich sagen will, sie haben ein noch strikteres, um nicht zu sagen starreres Traditionsverständnis als mir bekannte katholische Traditionalisten, und das nicht nur in liturgischer, sondern auch in systematisch-theologischer Hinsicht – was wohl nicht ganz voneinander zu trennen ist. In den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen, die ich miterlebte, fiel mir auf, dass die Orthodoxen in einem Maße auf Autoritätsargumente setzen, wie es in der westlichen Theologie weithin verpönt ist: Wenn man zu irgendeiner Frage einen Kirchenvater, einen Heiligen oder einen als besonders ehrwürdig anerkannten "Altvater" zitieren kann, dann ist damit causa finita. Man mag der Meinung sein, das sei allemal besser als endlos zu diskutieren; aber es bringt halt auch Probleme mit sich, wenn einem die Glaubenslehre als etwas präsentiert wird, was man einfach so hinnehmen muss, wie es ist. – Ich sollte in diesem Zusammenhang vielleicht erwähnen, dass ich für mein Fernstudium derzeit die "Einführung in die Religionspädagogik" von Ulrich Boschki lese, und da ist mit deutlich kritischer Tendenz von einem früher™️ vorherrschend gewesenen "instruktionstheoretischen Ansatz" eines "katechetischen Unterrichtens in strikt deduktiver Denktradition" die Rede, der es vernachlässigt habe, sich "über die Aneignung der Inhalte auf Seiten der Lernenden" Gedanken zu machen, um "den Lernenden gerecht zu werden". Nun bestand zwar meine spontane Reaktion, als ich das las, in dem Gedanken, seit gut 50 Jahren sei der Mainstream der großkirchlichen Religionspädagogik vielfach ins gegenteilige Extrem verfallen und vernachlässige vor lauter Eingehen auf den Lernenden den Umstand, dass die Vermittlung von Glaubensinhalten dennoch schlechterdings notwendig ist; aber dieser Einwand hebt ja die Berechtigung der Kritik an einer einseitig und ausschließlich instruktionstheoretisch orientierten Katechese nicht auf. – Bildhaft ausgedrückt: Es genügt nicht, Menschen, die den Glauben kennenlernen wollen, ein Lehrgebäude hinzustellen – und sei es noch so perfekt, prächtig und ehrwürdig –, wenn man ihnen nicht auch eine Tür öffnet, durch die sie in das Gebäude eintreten und ihren eigenen Platz darin finden können. Das ist ein Gedanke, den es z.B. auch für den Erstkommunionkurs im Blick zu behalten gilt. 

Anekdotisch sei erwähnt, dass mich beim Mittagessen vor meiner Abreise ein junger Mann – nachdem er mitbekommen hatte, dass ich katholisch bin – partout in eine Debatte über das filioque verwickeln wollte. Mangels detaillierter Kenntnisse über diese spezielle theologische Streitfrage versuchte ich dieser Debatte eher auszuweichen, aber auffällig fand ich es, dass mein Gegenüber so gut wie keine inhaltlichen Argumente gegen das filioque vorbrachte, also etwa mit Blick auf das Verständnis der Trinität, das sich darin ausdrückt, sondern sich vorrangig darauf berief, dass es unzulässig gewesen sei, den Wortlaut des Nizäno-Konstantinopolitanischen Credo nachträglich abzuändern. 

Was die Liturgie angeht, so beginnt in der russisch-orthodoxen Tradition der Sonntagsgottesdienst mit einer Vesper bzw. Vigil am Samstagabend; da ging ich hin, und ebenso am Sonntag um 9:30 Uhr zum Stundengebet, auf das dann ab 10 Uhr die eigentliche Göttliche Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos folgte. Ich fand sie ausgesprochen eindrucksvoll, aber auch sehr fremd; ja, aus katholischer Sicht bin ich geneigt zu sagen, die Tridentinische Messe und die in Tradi-Kreisen gern als Novus Ordo bezeichnete ordentliche Form des Römischen Ritus haben erheblich mehr Gemeinsamkeiten miteinander als mit der orthodoxen Liturgie. (Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich das auch schon so gesehen hätte, als ich zum ersten Mal in St. Afra in der "Alten Messe" war.) – Ich hatte mich vorsorglich darüber belesen, dass zwischen katholischer und orthodoxer Kirche keine Eucharistiegemeinschaft besteht und dass das Kirchenrecht beider Kirchen es den jeweiligen Gläubigen nur im Notfall, etwa bei Todesgefahr, erlaubt, von Priestern der jeweils anderen Kirche die Kommunion zu empfangen; aber ich glaube, selbst wenn ich auf den Gedanken verfallen wäre, zur Kommunion gehen zu wollen, hätte ich mich im Ablauf nicht zurechtgefunden. Gespendet wurde die Kommunion in beiderlei Gestalt, mittels eines Löffels; was mir aber zunächst überhaupt nicht einleuchtete, war, dass die Kommunikanten anschließend außerhalb des Altarraums noch ein weiteres (nicht konsekriertes) Stück Brot und einen Schluck Wein erhielten. Laut Google AI soll das dazu dienen, sicherzustellen, dass keine Partikel der Heiligen Kommunion im Mund zurückbleiben. Wieder was gelernt. 

Um so langsam mal zum Schluss zu kommen, möchte ich noch festhalten, dass mich meine Beobachtung, die orthodoxe Kirche sei im Ganzen "tradder than trad", auch dazu veranlasst hat, mich zu fragen, ob es bei Orthodoxen nicht auch wie "bei uns" unterschiedliche Strömungen, unterschiedliche Spiritualitäten oder geistliche Bewegungen gibt. Von Vater Alexej zum Beispiel würde ich behaupten, dass er für einen orthodoxen Priester vergleichsweise modern und unkonventionell wirkt, und ich hatte den Eindruck, dass nicht wenige der jungen Leute, die bei dieser Konferenz waren, genau das an ihm schätzen. Aber gibt es zum Beispiel orthodoxe Charismatiker? – Klar, wenn man einen jungen Lektor auf Altkirchenslawisch einen Psalm singen hört, würde das unter Charismatikern vielleicht als "in Zungen reden" durchgehen, aber okay, Spaß beiseite. 

Abschließend sei noch einmal betont, dass ich meinen Besuch bei der orthodoxen Jugendkonferenz, die Eindrücke, die ich dort gesammelt habe, und die Gespräche, die ich dort geführt habe, als sehr anregend und bereichernd empfunden habe. Unter den Konferenzteilnehmern, mit denen ich mich nach meinem Vortrag noch unterhielt, war auch ein junger Mann aus Berlin, der mir erzählte, er gehöre zur deutschsprachigen Gemeinde Heiliger Isidor, die ihre Gottesdienste in einem ehemaligen Kloster der Christkönigsschwestern in Lankwitz feiern, und mich einlud, diese Gemeinde mal zu besuchen. Ich denke, das werde ich bei Gelegenheit tun. 


Samstag, 31. Oktober 2026

Utopie und Alltag 49: Im Banne des Theorie-Praxis-Zirkels

Servus, Leser! Wenn dieses Wochenbriefing online geht, bin ich gerade in Braunlage am Harz beim 3. Kongress der Orthodoxen Jugend der russisch-orthodoxen Diözese von Berlin und Deutschland. Den Text des Vortrags, den ich dort heute Mittag gehalten habe, werde ich in Kürze auf Patreon und mit dem üblichen zeitlichen Abstand auch hier auf dem Blog veröffentlichen. Im aktuellen Wochenbriefing geht es, nachdem ich unserem Aufenthalt in der Pilgerherberge in Schwabach bereits einen Extra-Artikel gewidmet habe, schwerpunktmäßig um die Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn, an denen ich mit Frau und Kindern teilgenommen habe; und ich kann schon mal vorausschicken, dass das eine ziemlich zwiespältige Erfahrung war. Aber seht selbst! 

"Ist das ein XXL-Rosenkranz?" – "Ja, das ist ein XXL-Rosenkranz."


Weltmissionssonntag mit NGL 

Bei der Entscheidung, in welche der katholischen Kirchen Nürnbergs wir zur Sonntagsmesse gehen wollten, richteten wir uns nach der Checkout-Zeit des Hotels: Theoretisch hätten wir bis 12 Uhr bleiben können, und da wir in der Pilgerherberge in Schwabach frühestens um 14 Uhr einchecken konnten und außerdem schlechtes Wetter war, entschieden wir uns dafür, den Vormittag größtenteils noch im Hotel zu verbringen, noch einmal in den Spa-Bereich zu gehen, dann in aller Ruhe unsere Sachen zu packen und zur Messe mit der spätesten Anfangszeit zu gehen – um 11:30 Uhr in St. Elisabeth. Das war auch insofern irgendwie thematisch passend zu unserer bevorstehenden Reiseetappe, als St. Elisabeth am Jakobsplatz liegt, direkt gegenüber der evangelischen Jakobskirche mit dem Pilgerzentrum. Eine interessante Geschichte hat die Kirche auch: Ihr Vorgängerbau, die Hauskapelle der Nürnberger Deutschordenskommende, war die einzige Kirche Nürnbergs, die in der Reformationszeit katholisch blieb; das heutige Kirchengebäude, ein klassizistischer Kuppelbau, wurde ab 1785 errichtet, blieb allerdings infolge der Säkularisierung unvollendet. Erst 1885 erwarb das Erzbistum Bamberg die Immobilie und ließ den Bau bis 1903 fertigstellen. 


Einen Haken hatte die Entscheidung, dort in die Messe zu gehen, allerdings doch: In der Gottesdienstordnung des Seelsorgebereichs Nürnberg Mitte-Nord-West war diese Messe als "ad majorem"-Gottesdienst ausgewiesen, was zunächst recht vielversprechend klingen mochte – solange man nicht wusste, dass "ad majorem" der Titel eines vom Jesuitenorden herausgegebenen NGL-Liederbuches ist und die einmal monatlich stattfindenden "ad majorem"-Gottesdienste in St. Elisabeth sich dadurch auszeichnen, dass darin ausschließlich Lieder aus diesem Buch gesungen werden. 

Das Buch enthält neben typischen NGL durchaus auch Gesänge aus Taizé, Lieder der Fokolarbewegung und auch einige Lieder evangelikaler Herkunft; als mein Tochterkind und ich vor Beginn der Messe in dem Buch blätterten, entdeckten wir ein paar Lieder, die teilweise oder annähernd textidentisch mit uns bekannten Lobpreisliedern (z.B. aus der Reihe "Adonia Bibelvers-Songs") waren, bei genauem Hinsehen aber wohl doch nicht dieselben Lieder waren. Wie dem auch sei, für die musikalische Gestaltung der Messe wurde mit wenigen rühmlichen Ausnahmen – das Kyrie war von Peter Janssens, aber nicht das, das auch im Gotteslob steht, und auch nicht "In Ängsten die einen"; als Kehrvers im Antwortpsalm wurde ein Taizé-Gesang verwendet – ganz tief in die Klischeekiste gegriffen: Zum Einzug gab's mein absolutes Hass-Lied "Eingeladen zum Fest des Glaubens", zum Gloria "Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt", zum Credo "Ich glaube an den Vater". – Aufgewertet wurde das musikalische Programm indes durch die Gesangstimme der Kirchenmusikerin, die wiederum vor allem im Kyrie und im Antwortpsalm zur Geltung kam: Die klang so scharf geschliffen und hatte ein so pathetisches Tremolo wie eine Degenklinge, die in der Luft zitterte – und somit ganz so, wie auch die Solistinnen auf Peter Janssens' Kult-Alben aus den 70ern sangen. 

Noch etwas, was wir nicht bedacht hatten – was aber natürlich unabhängig davon war, wo wir zur Messe gingen – war der Umstand, dass an diesem 30. Sonntag im Jahreskreis Weltmissionssonntag war. Letztes Jahr um diese Zeit waren wir ja auf See, aber vor zwei Jahren waren wir am Weltmissionssonntag in Runding im Bayerischen Wald und hörten in der dortigen Kirche St. Andreas eine Predigt, in der es u.a. um Klimawandel auf Papua-Neuguinea ging. Jetzt in St. Elisabeth Nürnberg hielt der dortige Diakon die Predigt; wie schon bei der Begrüßung angekündigt wurde, ging er darin auch auf ein Förderprojekt des Seelsorgebereichs, eine Schule in Uganda, ein, aber in der Hauptsache drehte sich die Predigt doch um das im Tagesevangelium (Matthäus 22,34-40) angesprochene wichtigste Gebot ("Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken; [und] du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"). Was der Diakon zu diesem Thema zu sagen hatte, kann man nicht gerade als originell bezeichnen; seine Aussage, das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" impliziere auch die Aufforderung zu einer gesunden Selbstliebe, begleitete er sogar explizit mit dem Hinweis, diese Lesart entspreche "der heute üblichen Auslegung dieses Textes". Abgesehen von einer gewissen Oberflächlichkeit und Banalität – und der ausgeprägt "liberalkatholischen" Ausstrahlung des Diakons – war an der Predigt nicht viel auszusetzen, aber man hätt' halt auch ganz gut auf sie verzichten können. 

Dass die Fürbitten teilweise von der Partnergemeinde in Uganda übernommen worden waren, war im Prinzip eine nette Idee, führte aber dazu, dass die Fürbitten arg wortreich gerieten und fast so viel Zeit in Anspruch nahm wie die Predigt. Was mich dann aber doch noch mehr befremdete, war der Umstand, dass vor dem Schlusssegen ein Unterstützungsaufruf von Amnesty International für eine im Iran inhaftierte kurdische Aktivistin verlesen wurde. "Unser Seelsorgebereich arbeitet mit Amnesty International zusammen", hieß es zur Erläuterung. Okay, Boomer. Macht ja nichts, dass Amnesty International ein Konzept von Menschenrechten vertritt, das z.B. auch die Forderung nach einem "Recht auf Abtreibung" umfasst, oder? 

Was übrigens die im vorigen Wochenbriefing angesprochene Frage angeht, wie man die Erstkommunionvorbereitung des Tochterkindes in den Ferien vertiefen könne, zeigte es sich, dass manche Dinge sich offenbar auch ganz einfach dadurch vertiefen, dass man sie sacken lässt. Unsere Große war in der Messe sehr aufmerksam bei der Sache, stellte fest, dass sie das oben zitierte wichtigste Gebot vom JAM her als Lied kennt, und bevor wir zur Kommunion gingen, fragte sie mich, ob sie sich eine Hand auf die Brust legen solle, um zu signalisieren, dass sie die Kommunion noch nicht empfängt. "Stimmt, der Priester hier weiß ja nicht, ob du schon Erstkommunion hattest", sagte ich. "Gut, dass du daran gedacht hast." 

Uns den Messbesuch im Erstkommunionkurs-Stempelheft des Tochterkindes bestätigen zu lassen, erwies sich als langwierige Angelegenheit, da der Priester und der Diakon nach dem allgemeinen Schlusssegen noch zum Einzelsegen bereit standen und damit eine Weile beschäftigt waren. Als wir trotzdem schon mal auf gut Glück den Kopf in die Sakristei steckten, trafen wir dort eine Frau an – vermutlich eine Küsterin oder Mesnerin oder wie das hier heißt –, die uns jedoch nicht weiterhelfen konnte: Solche Stempelhefte hätten sie hier nicht und folglich auch keine Stempel dafür, ließ sie uns wissen. Wir hatten daraufhin vor, auf den Pfarrer zu warten – dem würde schon eine Lösung einfallen –, aber noch ehe der mit dem Einzelsegen-Spenden fertig war, kam eine andere Laienmitarbeiterin der Pfarrei auf uns zu. Sie verriet, sie habe "so etwas" schon öfter für auswärtige Gäste gemacht, und füllte das entsprechende Kästchen des Stempelhefts mit dem Namen der Kirche und ihrer Unterschrift aus. Sowas hat nicht jedes Erstkommunionkind in seinem Heft. 

Auch noch erwähnen möchte ich, dass unser Jüngster, als wir auf dem Weg zur Messe waren, aus heiterem Himmel zu mir sagte: "Ach, Papa – beim Thema Kirche fällt mir ein, wir sollten mal wieder Straßenevangelisation machen!" (Er formulierte das tatsächlich so. Solche Sätze kann der Knabe mit seinen fünfeinhalb Jahren bauen, wenn er nicht gerade im "Böses-Baby-Modus" ist.) Also, darüber, wie's mit der religiösen Frühförderung unserer Kinder läuft, kann ich mich wohl wirklich nicht beklagen. 


Nachträge zu den anderen katholischen Kirchen in der Nürnberger Innenstadt 

Dass ausgerechnet die unserem Hotel am nächsten gelegene katholische Kirche, die Citykirche St. Klara, für unseren sonntäglichen Messbesuch nicht in Frage kam, hatte ich im vorigen Wochenbriefing bereits angemerkt, aber nicht besonders einlässlich begründet; nun gut, der Artikel war ja auch so schon lang genug. Tatsächlich könnte ich mich bequem auf einen ganz praktischen Grund berufen, nämlich den, dass es in der Citykirche sonntags lediglich eine "Spätmesse" um 20:30 Uhr gibt, und da waren wir schon in Schwabach und bemühten uns darum, die Kinder ins Bett zu kriegen. Aber auch wenn es in dieser Kirche eine Messe zu einer für uns passenden Zeit gegeben hätte, hätte es genug gegeben, was mich davon abgeschreckt hätte, diese zu besuchen; angefangen damit, dass die Kirche – von außen gotisch – von innen aussieht wie der multireligiöse Gebetsraum des Flughafens BER. 

Wobei man zugeben muss: Eine Marienfigur hat der BER nicht.

Ein Faltblatt, das ich mir mitnahm, vermittelte mir den Eindruck, dass die Citykirche insgesamt mehr auf Kulturprogramm setzt als auf Gottesdienste – und dass dieses Kulturprogramm weitgehend auf den Geschmack eines bildungsbürgerlichen Publikums aus der Baby-Boomer-Generation zugeschnitten ist; ich sag nur: Tango, Klezmer, keltische Folklore. Das meiste davon könnte genausogut in ländlichen Kulturzentren wie der Nordenhamer Jahnhalle oder der Seefelder Mühle laufen, aber hier hängt man dem Programm ein vage spirituell schimmerndes Mäntelchen um und nennt es "Citypastoral". Na herzlichen Dank. 

Auf der anderen Seite bedaure ich es im Rückblick ein wenig, dass wir nicht in der Frauenkirche oder in Herz Jesu in die Messe gegangen sind – wobei man natürlich nicht wissen kann, wie die Messe da gewesen wäre. Die Frauenkirche am Hauptmarkt ist jedenfalls sehenswert und historisch interessant: Mitte des 14. Jahrhunderts im Auftrag Kaiser Karls IV. als gotische Hallenkirche erbaut, wurde die Kirche in der Reformationszeit lutherisch, aber nachdem die Stadt Nürnberg 1806 an das Königreich Bayern gefallen war, bildete sich eine katholische Gemeinde, die das Gebäude 1810 erwarb. 




Die betont nüchtern-abstrakte Altarinsel ist zwar ein Fall von "Musste das sein?", stört den Gesamteindruck aber weniger als die ebenfalls betont nüchterne Bestuhlung (nicht im Bild).

Die Kirche Herz Jesu im Stadtteil Lichtenhof, südlich vom Hauptbahnhof, hatte ich mir noch am Samstag angesehen, während Frau und Kinder im Zoo waren; sie wurde in den Jahren 1899-1905 erbaut und war damit der erste Neubau einer katholischen Kirche in Nürnberg seit der Reformation. Im Jahr 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, wurde sie nach Kriegsende wiederaufgebaut und 1950 neu geweiht. Die Kirche hat die Form einer dreischiffigen Basilika, die Innenausstattung ist eher "zeitlos"-geradlinig. 



Abgesehen von einigen noch aus der Zeit vor der Zerstörung im II. Weltkrieg stammenden Ausstattungsstücken wie dieser Schutzmantelmadonna.

Nun, wie neulich schon angemerkt, haben wir ja durchaus die Absicht, nochmal wieder nach Nürnberg zu kommen; vielleicht haben wir ja dann Gelegenheit, in einer dieser Kirchen – oder sogar in beiden – eine Messe mitzufeiern. 


Auf der Fränkisch-Schwäb'schen Eisenbahne 

...gibt's gar viele Haltstatione: Wicklesgreuth und Murrhardt, Böblingen und Oberndorf... Rulla rulla rullala... Okay, schon gut.

Den Montag – der übrigens nicht, wie im vorigen Wochenbriefing irrtümlich angegeben, der Festtag der Apostel Simon und Judas war; der war erst zwei Tage später – verbrachten wir zum größten Teil in der Bahn. Von der Pilgerherberge in Schwabach bis zum Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald sind es Luftlinie etwa 250 Kilometer; mit dem Auto, wenn man eins hätte, würde man über Stuttgart und Heilbronn gut drei Stunden brauchen, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchten wir sieben. Von Schwabach mussten wir erst einmal zurück zum Nürnberger Hauptbahnhof; von dort aus ging es erst einmal mit einer Regionalbahn der Firma Arverio nach Stuttgart-Bad Cannstatt, dann mit der Stuttgarter S-Bahn nach Vaihingen, von dort wiederum mit der Regionalbahn nach Oberndorf am Neckar und zu guter Letzt mit dem Bus nach Heiligenbronn, einem Ortsteil von Schramberg. Zwischen Crailsheim und Schwäbisch Hall sammelte die Bahn, die uns nach Bad Cannstatt bringen sollte, einige Minuten Verspätung an, dann stand die S-Bahn nach Vaihingen minutenlang auf dem Gleis und wartete auf die Abfahrerlaubnis von der Leitstelle, und währenddessen fuhr uns unser Anschlusszug davon. Glück hatten wir hingegen in Oberndorf am Neckar, wo wir den Umstieg von der Bahn in den Bus in nur drei Minuten schafften – und dabei eine Mutter und ihren Sohn trafen, die ebenfalls zu den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn unterwegs waren. Der Junge war ungefähr im Alter unseres Jüngsten, und die beiden freundeten sich praktisch sofort miteinander an, nicht zuletzt, weil unser Knabe einen Ninjago-Pullover trug und sein neuer Freund einen Ninjago-Rucksack hatte. Beim Kloster Heiligenbronn kamen wir schließlich eine Stunde später an als geplant, aber immer noch früh genug, um uns vor Beginn des Exerzitienprogramms in unserem Zimmer einzurichten. 


Im Reich der Gestalteten Mitte

Außer uns nahmen an Familienexerzitien acht weitere Erwachsene (zwei Paare, vier alleinerziehende Mütter) mit insgesamt neun Kindern teil; zusammen mit unseren beiden waren es also elf Kinder, für die es ein eigenes Betreuerteam gab, bestehend aus zwei jungen Grundschulpädagoginnen, die gerade kurz vor dem Referendariat standen. Das Programm für die Erwachsenen wurde geleitet von einem älteren Priester, der sehr freundlich und "locker" wirkte, zugleich aber auch die Ausstrahlung eines geheimnisvollen Weisen kultivierte, und einer Gemeindereferentin, die, auch wenn sie oberflächlich betrachtet ganz nett wirkte, leider sämtliche Klischees über "liberalkatholische" Pastoral- und Gemeindereferentinnen erfüllte. – Der zentrale Treffpunkt für das Exerzitienprogramm war das "Atrium" (bzw. der Lichthof) des Geistlichen Zentrums "Haus Lebensquell" (sic!), und schon bei unserer Ankunft registrierte ich, dass da ein Stuhlkreis mit Gestalteter Mitte aufgebaut war. 

Unser Jüngster identifizierte diese Gestaltete Mitte treffsicher als "Halloween-Deko".

Beim eigentlichen Programmauftakt, nach dem Abendessen, sollten die erwachsenen Teilnehmer sich aus einer Vielzahl von Fotos im Postkartenformat eins heraussuchen, das ihre Selbstwahrnehmung (ihrer aktuellen Lebenssituation, Stimmung oder psychischen Verfasstheit) ausdrückt, und eines, das ihre Sehnsucht ausdrückt (bzw. das, was sie von diesen Exerzitien erwarten oder erhoffen); dann sollte jeder ein paar Worte zur Erläuterung seiner Bildauswahl sagen und die Bilder in der Gestalteten Mitte ablegen. Abzüglich des Sehnsuchts-Teils war so ziemlich genau dasselbe auch in der Kennenlernrunde der Präventionsschulung gemacht worden, bei der ich vor ein paar Wochen gewesen war; da hatte ich mitgemacht, weil es eine Pflichtveranstaltung war, aber hier war ich freiwillig und nahm mir daher die Freiheit, nur so viel vom Exerzitienprogramm mitzumachen, wie ich wollte. Das kommunizierte ich auch ganz offen, und es wurde zunächst anscheinend recht problemlos akzeptiert; aber bezeichnend fand ich diese Methoden-Uniformität allemal, und mir drängte sich der Verdacht auf, diese rühre daher, dass die Leut' genau sowas im Religionspädagogik-Studium lernen. Ich selbst bin mit dem Studium dieser Teildisziplin ja noch nicht so weit gediehen, aber immerhin ist mir da schon mehr als einmal das Stichwort "Theorie-Praxis-Zirkel" begegnet; und auch wenn ich mir vorstellen kann, dass das, was mit dieser Bezeichnung eigentlich gemeint ist, etwas durchaus Sinnvolles und Vernünftiges sein könnte, kann ich mir jetzt den Gedanken nicht verkneifen, der "Theorie-Praxis-Zirkel" sei womöglich deshalb und insofern ein Zirkel, als er immer wieder am selben Punkt ankommt, und das sei der Grund, dass religionspädagogische Angebote in großkirchlichen Einrichtungen seit 30, 40 oder vielleicht sogar 50 Jahren immer und überall gleich aussehen. 

Du hast mein Klagen in Meditatives Tanzen verwandelt. 

"Na, das Gute ist ja, dass das Exerzitienprogramm größtenteils aus Stiller Zeit besteht", merkte ich an, als wir zurück zu unserer Unterkunft gingen. "Und selbst davon gibt es eine Pause", fügte meine Liebste grinsend hinzu. – Trotzdem war ich ganz froh, dass ich einen Rest von "Mannis Garagenbräu" mit ins Kloster genommen hatte, denn ich ging davon aus, dass ich das noch brauchen würde. 

Das bestätigte sich im Wesentlichen am nächsten Morgen beim gemeinsamen "Morgenlob" vor dem Frühstück; gemeinsam heißt, dass es für Eltern und Kinder war, und es bestand im Wesentlichen aus der Art von Bewegungs- und Körpererbewusstseinsübungen, die auch das RKW-Materialienbuch "Mensch, Mose, beweg dich" für die Morgenrunden vorgesehen hatte, die wir bei "unserer" RKF aber konsequent weggelassen bzw. durch etwas anderes ersetzt hatten. Da machte ich dann wieder "von meinem Recht auf Nichtteilnahme Gebrauch", wie es im "Club der toten Dichter" heißt. Dass die Gemeindereferentin beim Abschlussgebets des Morgenkreises die Trinitarische Formel zu "Gott, der uns Vater und Mutter ist, durch den Sohn in der Heiligen Geistkraft" verballhornte, ging mir dann aber doch über den Spaß. 

Nun, im Grunde war mir ja schon seit dem Ankunftsabend klar, dass ich mehr von diesem Klosteraufenthalt haben würde, wenn ich mir mein Exerzitienprogramm selbst zusammenstellte; deshalb war ich am Dienstagmorgen auch schon vor dem "Morgenlob" zum Chorgebet in der Hauskapelle des Klosters gegangen und hatte mit ungefähr 20 greisen Franziskanerinnen und zwei alten Damen aus einer Wohngruppe für Behinderte die Laudes gebetet. Bei der Gelegenheit hatte ich auch herausgefunden, zu welchen Zeiten es in der Hauskapelle Eucharistische Anbetung gab. Dort verbrachte ich am Dienstagnachmittag viel Zeit, zuerst allein, dann noch einmal zusammen mit meiner Liebsten; als die angekündigte Anbetungszeit zu Ende war, stellten wir fest, dass außer uns niemand in der Kapelle war, und waren etwas unschlüssig, was wir nun tun sollten. Während meine Liebste vor dem Tabernakel sitzen blieb, ging ich gucken, ob ich irgendwo im Gebäude eine der Schwestern anträfe, und hatte Glück: Ich traf eine im Treppenhaus. Nachdem ich ihr die Situation geschildert hatte, meinte sie, da werde wohl keiner mehr kommen und wir sollten den Tabernakel einfach zumachen. Na gut. Auch mal eine interessante Erfahrung. 

Im Übrigen hatte ich am Dienstagvormittag, etwas versteckt auf dem Gelände, eine Lourdes-Grotte entdeckt und dort einen Rosenkranz gebetet, und das machte ich in den folgenden Tagen noch mehrmals – einmal zusammen mit meiner Liebsten. Ausgerechnet da störten uns allerdings Laubbläser und –sauger in unserer Andacht. Das hatte ja auch irgendwie was Symbolisches – aber lassen wir das. 

Übrigens hat Heiligenbronn als Wallfahrtsort auch sonst eine gewisse Ähnlichkeit mit Lourdes – Insbesondere insofern, als es auch hier eine wundertätige Quelle gibt. Zu dieser Quelle, die bereits im 14. Jh. bekannt war, gelangt man durch die Krypta der Wallfahrtskirche St. Gallus, und auf dem Weg dorthin kommt man an einer Vielzahl von Votivtafeln vorbei. 

Über die Geschichte des Klosters und der mit ihm verbundenen Pflegeanstalt für Behinderte ließe sich noch mehr Interessantes sagen, aber ich schätze, das würde hier den Rahmen sprengen. Jedenfalls war die Krypta mit der Quelle einer meiner bevorzugten Rückzugsorte während dieser Tage – neben der Lourdes-Grotte, der Hauskapelle des Klosters (besonders zu den Zeiten der Eucharistischen Anbetung) sowie eines kleinen Meditationsraums im "Haus Lebensquell", den meine Kinder nur den "Heiligen Raum" nannten und in dem es auch einen Tabernakel gab. 

In diesem Meditationsraum wurde auch jeden Abend Eucharistie gefeiert, was grundsätzlich natürlich begrüßenswert war, liturgisch allerdings mit allerlei Zumutungen verbunden war (an dieser Stelle könnte ein Unterkapitel mit der Überschrift "Und täglich stirbt das Robbenbaby" stehen, aber aus Platzgründen überlasse ich das der Phantasie des geneigten Lesers). – Zum Singen in diesen Abendgottesdiensten wurde das "Benediktbeurer Liederbuch" der Salesianer Don Boscos – mit dem Slogan "God for You(th)" auf dem Einband – verwendet; erschienen 2020, ist es in der Liedauswahl spürbar moderner als das "ad majorem"-Liederbuch der Jesuiten (2. Auflage 2008) und enthält einen ganz ordentlichen Anteil an Lobpreisliedern, vor allem von Albert Frey, aber auch mindestens eins von Johannes Hartl ("Noch nie"), dazu auch internationale Worship-Klassiker wie "Zehntausend Gründe" und sogar "Blessed be Your Name". Aber was nützt das, wenn trotzdem zum Einzug "Gott gab uns Atem" und zum Kyrie "Meine engen Grenzen" gesungen wird? Womit ich sagen will, auch die Liedauswahl dokumentiert, wie eng die liberalkatholische Bubble ist, wie befangen in ihrem eigenen Theorie-Praxis-Zirkel. 

Dass in der Messfeier am Dienstagabend die Lesung weggelassen und gleich zum Evangelium übergegangen wurde, begründete der Zelebrant damit, dass wir "ja im Laufe des Tages schon verschiedentlich Schriftworte betrachtet" hätten, was mir als eine wenig überzeugende Ausrede erschien; ich vermutete, es gehe eher darum, die Messfeier kurz zu halten, damit die Kinderbetreuerinnen Feierabend machen konnten, aber als ich tags darauf im Schott nachsah, welche Lesung denn dran gewesen wäre, drängte sich mir der Verdacht auf, dass sie aus inhaltlichen Gründen weggelassen worden war: Es handelte sich nämlich um Epheser 5,21-33, wo in Vers 22-24 die Frauen aufgefordert werden, sich ihren Männern unterzuordnen; man weiß ja, auf wie viel Ablehnung diese Bibelstelle heutzutage in gewissen Kreisen stößt, und zu allem Überfluss waren ja bei diesen Exerzitien Frauen stark in der Überzahl. Gleichzeitig und andererseits fand ich, wenn man diese Lesung im Gesamtkontext betrachtete und sich nicht nur auf die zweieinhalb Verse konzentrierte, die den feministischen Theologinnen so gegen den Strich gehen, dann gäbe sie gerade einen dankbaren Predigttext für Familienexerzitien ab. Indem ich über diesen Punkt nachdachte, wurde mir etwas klar, was ich schon früher hätte bemerken können: nämlich dass die Bezeichnung "Familienexerzitien" für dieses Veranstaltungsformat so nicht gemeint ist. Gemeint ist, dass man zu diesen Exerzitien seine Kinder mitbringen kann und dass diese betreut werden; nicht jedoch, dass es inhaltlich um das Thema "Familie" geht. Das fand ich doch etwas enttäuschend.  

Was die Frage angeht, wer eigentlich die Zielgruppe für diese Art von Exerzitien ist, scheint mir neben dem augenfälligen Männermangel auch die Tatsache aussagekräftig, dass unter den teilnehmenden Frauen eine Pastoralreferentin, eine ehrenamtliche Katechetin und zwei evangelische Pfarrerinnen waren. Mir drängte sich da der Gedanke an die Kritik Erik Flügges an, die Kirche verwende 90% ihrer Ressourcen für 10% ihrer Mitglieder. Ich war eigentlich immer der Meinung (und sehe das prinzipiell immer noch so), wenn 90% der nominellen Kirchenmitglieder sich für die Angebote der Kirche nicht interessieren, ist das nicht unbedingt die Schuld der Kirche, und die Lösung besteht nicht darin, dass die Kirche eben andere Angebote machen müsste; wer nichts will, dem kann man auch nichts geben. Hingegen glaube ich, das gravierendere Problem ist, dass die Kirche innerhalb des von Flügge als "Heiliger Rest" angesprochenen Segments ihrer Mitglieder wiederum 90% der Ressourcen für 10% der Leute aufwendet. – Dass die beiden Exerzitienteilnehmerinnen, die nicht in der Kirchenbubble beschäftigt sind, zugleich die waren, die den frömmsten Eindruck machten (bei einer der beiden verspürte ich schon bei ihrem ersten Redebeitrag am Ankunftsabend den Wunsch, sie würde die Exerzitien leiten), erschien mir irgendwie folgerichtig, aber zugleich sagte ich mir, es sei doch irgendwie traurig, dass ich das so empfinde. 

Bei der Abschlussrunde verschwieg ich nicht – was durch meine von Tag zu Tag abnehmende Beteiligung aber wohl ohnehin offensichtlich genug war –, dass ich mit dem ganzen psycho-esoterischen Selbsterfahrungsgedöns (das ich in dieser Runde aber wohlgemerkt nicht so bezeichnete!) so gar nichts anfangen kann, bemühte mich aber, das nicht als Kritik zu formulieren, sondern eher unter dem Aspekt von "Für mich persönlich hätte ich mir etwas Anderes gewünscht bzw. erhofft". Das bewahrte mich indes nicht davor, dass die Co-Leiterin des Exerzitienprogramms mir beim Abschied, typischerweise in ein Lächeln verpackt, ordentlich eins reinwürgte: Wenn ich Gemeindereferent werden wolle, müsse ich aber offener für sowas werden, das gehöre nun mal zur Weite der Kirche. Ich schätze, darauf werde ich nochmal zurückkommen müssen – für heute geht mir allmählich der Platz aus –, aber jedenfalls finde ich es recht tragikomisch, dass solche Leute sich einbilden, sie würden für Vielfalt und Weite stehen, und gar nicht merken, wie klein und eng ihre Bubble ist. 


Fundstücke am Wegesrand 

Was man zu den Familieneinkehrtagen im Kloster Heiligenbronn auf jeden Fall lobend hervorheben muss, ist die Kinderbetreuung, die täglich ungefähr drei Stunden am Vormittag, dreieinhalb am Nachmittag und eine bis eineinhalb am Abend umfasste: Die Kinder – nicht nur unsere, sondern, soweit ich es mitbekam, alle teilnehmenden Kinder – fanden das Programm super und mochten die beiden Betreuerinnen sehr gern. Einmal kam ich an der Gruppe vorbei, als sie gerade draußen beschäftigt war, und hörte, wie eine der Betreuerinnen zu meiner Tochter sagte "Guck mal, da ist dein Papa – dem kannst du gleich mal zeigen, was wir hier machen." Was sie da machten, war, ein Legebild aus Naturmaterialien anzufertigen. 

Löwe und Lamm. Ganz gut, oder?

Gut gefiel mir auch, dass die Kinder in der Kinderbetreuung das Lied "Sei mutig und stark" von Mike Müllerbauer einübten und es – mitsamt Choreographie – beim Abschlussgottesdienst am Freitag vorführten; außerdem steuerten sie Fürbitten zu diesem Gottesdienst bei und ergänzten die Gestaltete Mitte um ein weiteres Löwenbild: 


Neben dem Kinderbetreuungsraum gab es ein Büchereizimmer mit einer gemütlichen Lesecouch; dort entdeckte ich im Regal eine Reihe von Bibel-Comics und vertiefte mich in den Band "Die Entstehung der Kirche" (über die Apostelgeschichte). Damit schlug ich gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe, denn einerseits konnte ich mir das als Lektürezeit für "Kirchengeschichte des Altertums" anrechnen und andererseits lieferte dieses Comicbuch mir Anregungen für die nächste RKF – darauf komme ich bei Gelegenheit zurück. 



Derweil entdeckte meine Liebste im "Wallfahrtsladen" des Klosters ein Heft mit Gratis-Leseproben aus fünf Neuerscheinungen des evangelikalen Gerth-Verlags, die natürlich einen interessanten Kontrapunkt zu dem ausgeprägt "liberalkatholischen" Profil des Exerzitienprogramms bildeten. Am meisten interessierte mich ein Auszug aus dem Buch "Heiliger Geist für Normalos" von Myriam R.J. Geister, und nachdem ich diese fünf Seiten gelesen habe, spiele ich sehr mit dem Gedanken, mir ein Rezensionsexemplar schicken zu lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich "als jemand, an dem schon mal ein Charismatiker vorbeigelaufen ist" (wie ich so gern sage), zur idealen Zielgruppe für dieses Buch gehöre... 

Was ich ein bisschen bedaure, ist, dass wir es nicht geschafft haben, in das nur zehn Autominuten entfernte, ohne Auto aber praktisch unerreichbare Aichhalden zu fahren, wo in der Josef-Merz-Halle das Adonia-Musical "Treffpunkt Brunnen – Jesus und die Frau aus Samarien" aufgeführt wurde. Dasselbe Musical war am Samstag zuvor in der Gemeinde auf dem Weg in Berlin-Tegel aufgeführt worden, aber da waren wir ja in Nürnberg. In Aichhalden wurde die Aufführung von einer katholischen Gemeinde ausgerichtet, aber okay, das Plakat für die Berliner Aufführung hatte ich ebenfalls in einer katholischen Kirche gesehen, nämlich in St. Joseph Tegel. 

Bildbeweis als Collage. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Christus gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen. 

(Epheser 4,11-13) 


Ohrwurm der Woche 

Bon Jovi: Livin' on a Prayer 


Ja, ja, da könnt' man nun denken, "Livin' on a Prayer" passe ja vom Titel her auf hübsch hintersinnige Weise zu einem Klosteraufenthalt; aber in erster Linie erscheint der Song deshalb in dieser Rubrik, weil ich ihn tatsächlich mehrere Tage lang als hartnäckigen Ohrwurm mit mir herumgetragen habe. An einem der letzten Tage unseres Aufenthalts in Nürnberg muss ich es irgendwo gehört haben – vielleicht im Restaurant zu den Goldenen Bögen? –, und seitdem bin ich es nicht mehr so richtig losgeworden. 

Zu Bon Jovi fällt mir im Allgemeinen immer eine Folge von Beavis & Butt-Head ein, in der die Protagonisten ein Video dieser Band anschauen und es mit dem brillanten Dialog kommentieren: 

"Remember when these guys were cool?" 
"Uhhhh... no! Hehehehehe." 

1986, als "Livin' on a Prayer" als erste Bon-Jovi-Single die deutschen Charts erklomm, sah ich das natürlich nicht so; da war das meine erste Begegnung mit Hard Rock, oder was ich damals halt für Hard Rock hielt. Heute würde ich sagen, "Livin' on a Prayer" ist ein früher Beleg dafür, dass John Bongiovi (die Schreibweise Bon Jovi ist, wie ich mal gelesen habe, an Van Halen angelehnt) im Grunde seines Herzens schon immer eigentlich Bruce Springsteen sein wollte. Nicht nur, weil es vom Text her (von dem ich mit zehn Jahren natürlich nicht viel verstand) ohne Weiteres ein Springsteen-Song sein könnte; auch musikalisch bliebe, wenn man sich den ganzen Bombast und Flitter des 80er-Jahre-Haarspray-Rock wegdenkt, etwas übrig, das gar nicht so viel anders klänge als "Born to Run". 


Vorschau/Ausblick 

Durch meine Abwesenheit von zu Hause verpasse ich heute eine Halloween-Gartenparty, in deren Rahmen die jüngere Tochter unserer Hausgenossin – die Schulfreundin unseres Tochterkindes – ihren Geburtstag nachfeiert; ein paar Worte zum Dauerbrennerthema "Dürfen/sollen/müssen Christen Halloween feiern?" werden im nächsten Wochenbriefing aber wohl allemal am Platz sein. Derweil bin ich noch bis morgen Mittag bei der orthodoxen Jugendkonferenz und beabsichtige dabei auch die Göttliche Liturgie mitzufeiern; morgen Abend sollte ich dann wieder zu Hause bei Frau und Kindern sein. Und dann geht es auch direkt ziemlich intensiv weiter: Am Dienstag beginnt für unseren Jüngsten der Vorschul-Unterricht an der KiTa, am Mittwoch feiert unsere Große ihren Geburtstag nach, am Donnerstag ist die Schul-Halloween-Feier und obendrein ein Vorbereitungstreffen der Erstkommunion-Katecheten für den bevorstehenden "Gemeinschaftstag". Und der nächste KiWoGo steht auch schon vor der Tür... Langweilig wird es also gewiss nicht! 


Mittwoch, 28. Oktober 2026

Ein Abstecher auf dem Fränkischen Jakobsweg

Wie im vorigen Wochenbriefing schon angekündigt, mussten wir am vergangenen Sonntag infolge unvorhergesehener Umstände zwischen unserem Hotelaufenthalt in Nürnberg und den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald einen Übernachtungs-Zwischenstopp in der Pilgerherberge in Schwabach einlegen. Wir brachen dorthin auf, nachdem wir aus dem Hotel ausgecheckt hatten, in der Sonntagsmesse gewesen waren und beim Restaurant zu den Goldenen Bögen (wo wir noch Bonuspunkte aus der App einzulösen hatten) zu Mittag gegessen hatten. 

Kuschelhund Hubert sitzt hier nicht, wie man denken könnte, auf einer Spenden-, sondern auf einer Kaffeedose. 

Leider war es ein total verregneter Tag, andernfalls hätte zumindest ich durchaus Lust gehabt, die 15 Kilometer vom Nürnberger Jakobsplatz zur Pilgerherberge in Schwabach tatsächlich zu Fuß zurückzulegen. Was außer dem Wetter auch noch dagegen sprach, war indes der Umstand, dass wir unser Gepäck diesmal – eigentlich untypisch für uns – in Rollkoffern statt in Rucksäcken transportierten. So fuhren wir also vom Nürnberger Hauptbahnhof eine Station mit der Regionalbahn, und am Bahnhof in Schwabach wurden wir von einem ehrenamtlichen "Hospitalero" (so heißt das jedenfalls in Spanien) der Pilgerherberge in Empfang genommen. Manni. Ein Pfundstyp, wie man hier in der Gegend wohl sagt. Kurzer grauer Bart, schmaler Pferdeschwanz, Kreuzanhänger an einer dünnen Lederschnur um den Hals, breites Lächeln. Ich fühlte mich gleich in guten Händen. Manni zeigte uns die Pilgerherberge – die ich mir erheblich anders vorgestellt hatte, aber dazu gleich mehr –, erklärte uns, wie wir sie am nächsten Tag hinterlassen sollten, und dann fragte er mich unvermittelt: "Sag mal, trinkst du Bier? So grundsätzlich?" Ich bejahte, und Manni erklärte: "Ich brau' nämlich selber Bier, und da schenk" ich unseren Gästen immer eine Flasche, sofern sie mögen." Wir mochten, und so kamen wir in den Besitz einer 1-Liter-Bügelflasche Rotbier der Marke "Mannis Garagenbräu". Sehr lecker! 

Was die Herberge betrifft, hätte ich erwartet, dass es da einen Gemeinschaftsschlafsaal mit mindestens zehn Doppelstockbetten gäbe; tatsächlich gab es lediglich ein kleines Zimmer mit genau einem Doppelstockbett, dazu zwei Klappbetten, die man im Flur aufbauen konnte. Außerdem: Dusche und Toilette, Waschmaschine und Trockner, Küche, Aufenthaltsraum. Alles sehr schlicht, dafür aber besser mit Basics wie Kaffee und Tee, Zucker und Salz, Kaffeefiltern, Seife und Klopapier ausgestattet als so manche Ferienwohnung. Ein Plakat im Eingangsbereich informierte darüber, dass pro Jahr ungefähr 80 Pilger hier übernachten. 





Dieses Foto vom Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdón bei Pamplona war sogar auf die Bettwäsche aufgedruckt. 

Der Website kann man entnehmen, dass die Pilgerherberge in Schwabach eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Schwabach-St. Martin ist, aber in ökumenischer Zusammenarbeit mit dem Römisch-Katholischen Dekanat Schwabach betrieben wird; weitere Kooperationspartner sind die Gewobau der Stadt Schwabach GmbH und das Quartiersbüro Soziale Stadt für die Altstadt in Schwabach. Bei manchem Leser mag das die Frage aufkommen lassen, ob meine Dankbarkeit dafür, dass ich mit meiner Familie in dieser Einrichtung Unterkunft für eine Nacht gefunden habe, mich nicht etwas gnädiger gegenüber dem institutionellen Apparat der Großkirchen und seiner Verflechtung mit weltlichen Institutionen stimmen müsste. Meine Antwort lautet: Nicht unbedingt. Vielleicht wäre es so, wenn die Großkirchen ihre Mittel tendenziell mehr für solche Graswurzelprojekte einsetzten und weniger für "Citypastoral" oder Mitarbeiterschulungen in Sachen Gender- und Diversity-Sensibilität. Nicht umsonst zieht sich durch das Gästebuch der Schwabacher Herberge wie ein Roter Faden das freudige Staunen der Jakobspilger, "endlich mal eine richtige Pilgerherberge" gefunden zu haben: Solche von Ehrenamtlichen betreuten, spendenbasierten Herbergen in Trägerschaft der örtlichen Kirchengemeinden sind in Deutschland nämlich extrem selten. In Spanien, wo die Kirche viel ärmer ist, dafür aber auch keinen so aufgeblähten bürokratischen Apparat mit sich herumschleppt, findet man dergleichen viel häufiger. 

Nun aber zurück zum vergangenen Sonntag: Nachdem wir uns in der Herberge einigermaßen eingerichtet hatten, wollte ich mir – trotz nach wie vor ungemütlichem Wetter – ein wenig die Altstadt von Schwabach ansehen; Frau und Kinder wollten aber lieber in der Herberge bleiben, also ging ich alleine los. In unmittelbarer Nähe unserer Herberge stieß ich erst einmal auf die evangelische Spitalkirche; als ich sie betrat, bauten einige junge Leute gerade eine Musikanlage im Altarraum auf. 

Wie ich einem Aushang im Schaukasten der Kirche entnahm, sollte dort an diesem Abend ein sogenannter "TAU-Gottesdienst" stattfinden – und "Tau-Gottesdienst heißt ein Abend mit Musik, Gemeinschaft, Band, Gebet, Anbetung, Erfahrung, Freundschaft, Licht, Begegnung, Vielfalt", so habe ich's, allerdings erst im Nachhinein, im Internet gelesen. – Ich spazierte erst mal weiter zum ausgesprochen malerischen Marktplatz und zur evangelischen Stadtpfarrkirche St. Johannes und Martin. 

In der Kirche findet derzeit (noch bis zum 12. November) eine Ausstellung zum Thema "Häusliche Gewalt" statt, komplett mit Triggerwarnung; ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit jedoch lieber auf die diversen prachtvollen Altarretabeln in der Kirche: 





Dass eine doch eher kleine Stadt wie Schwabach eine derart prachtvoll ausgestattete Kirche besitzt, erklärt sich wohl nicht zuletzt daraus, dass diese Stadt von alters her ein Zentrum der Blattgoldherstellung ist ("Goldschlägerstadt"). Besonders eindrucksvoll ist der 1508 fertiggestellte Hochaltar aus der Werkstatt von Michael Wolgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers: 


Auch interessant: Ein Prozessionsesel auf Rollen, vermutlich zum Mitführen bei Palmsonntagsprozessionen.

Anschließend wollte ich mal gucken, ob die katholische Stadtpfarrkirche St. Sebald ebenfalls noch geöffnet war; und auf dem Weg dorthin begegnete ich --- einem anderen Pilger. Es handelte sich um einen jüngeren, aber nicht mehr sehr jungen Mann – wohl so zwischen 30 und 40 – mit Bart, Regenkleidung und Rucksack, der wie aus dem Nichts auf mich zukam und mich ansprach: Er sei "auf Pilgerschaft", teilte er mir mit, worauf ich spontan erwiderte: "Ich auch, in gewisser Weise." Und schon waren wir mittendrin im Gespräch. Kurz beschlich mich der unbehagliche Gedanke, mit unserem Aufenthalt in der Schwabacher Pilgerherberge hätten wir diesem jungen Mann praktisch den Schlafplatz weggenommen, aber er machte eigentlich nicht den Eindruck, einen Schlafplatz zu suchen. Er verriet mir, er sei erst seit relativ kurzer Zeit gläubig, und aktuell versuche er, einfach dahin zu gehen, wohin Gott ihn führt: Mal führe Er ihn zur Begegnung mit Menschen – so wie jetzt mit mir –, dann wieder in die Natur. "Und du?", fragte er mich. "Bist du schon immer gläubig?" – "Das ist eine schwierige Frage", erwiderte ich. "Oder nein, die Frage ist nicht schwierig, aber die Antwort ist kompliziert." Auf meine Aussage hin, ich sei "schon in einer ziemlich gläubigen Familie aufgewachsen", erklärte mein Gesprächspartner, darum beneide er mich; er habe das Gefühl, viel verpasst zu haben, weil er erst so spät zum Glauben gekommen sei. – Zum Abschluss unseres Gesprächs wollte ich ihm eine Wundertätige Medaille schenken, die ich "zufällig" gerade in der Hosentasche hatte, aber er entgegnete, er wolle lieber nichts annehmen – er sei im Moment eher darauf aus, Dinge loszuwerden. Ein legitimes Ansinnen, fand ich. 

Die katholische Kirche St. Sebald besteht aus zwei in der Außenansicht deutlich voneinander zu unterscheidenden Gebäudeteilen, von denen der ältere – nachdem in Schwabach 1840 erstmals seit der Reformation wieder eine katholische Pfarrei gegründet worden war – von 1848-50 erbaut wurde und der neuere von 1923-26. Unschwer als katholische Kirche zu erkennen ist sie dadurch, dass man im Zuge der jüngsten Innenraumsanierung (2015/16) partout ein völlig unpassendes und potthässliches modernistisches Element in den Altarraum hineinklotzen musste: 

In diesem Fall einen Volksaltar, der aussieht wie eine Palette Pflastersteine.

Schön sind indes der Josefs- und der Marienaltar. 

Hier als Collage. 

Das war's dann auch so ziemlich mit meinem Sightseeing-Ausflug durch Schwabach. In der Herberge verbrachten wir einen entspannten Abend und schliefen gut; die Kinder sagten sogar, sie fanden es gemütlicher als im Hotel. Am nächsten Morgen zogen wir die Betten ab, fegten einmal durch, brachten Müll raus und verewigten uns im Gästebuch, dann brachen wir auf zur Weiterreise zum Kloster Heiligenbronn. Ich muss sagen, für mich war dieser unverhoffte Zwischenstopp in der Pilgerherberge ein Highlight unseres Herbsturlaubs; und diese spannende Erfahrung hätten wir nicht gemacht, wenn wir nicht zuerst einen Fehler bei der Hotelbuchung gemacht hätten und uns dann auch noch das Geld ausgegangen wäre. Woran man wohl mal wieder sehen kann, "dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient" (Römer 8,28)...