Ich deutete es unlängst schon an: Am interessantesten an der Darstellung charismatischer oder in anderer Weise, sagen wir mal, "intensivreligiöser" Christen als gefährliche Fanatiker, wie sie zuletzt in der ARD-Reportage "Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?" zu bewundern war, finde ich eigentlich die daraus sozusagen ex negativo ableitbaren Vorstellungen darüber, wie ein "normales", nicht-radikales, sozialverträgliches, in einer pluralustischen Gesellschaft tolerierbares Christsein auszusehen hätte.
Explizit wird diese Frage im Film kaum diskutiert, weder von den Journalisten des Bayerischen Rundfunks noch von den Leuten, die zu ihrer Kritik am Gebetshaus Augsburg, an der Loretto-Gemeinschaft oder den FOCUS-Hochschulmissionaren interviewt werden; aber natürlich haben sie gewisse Vorstellungen darüber, die, so wenig reflektiert sie auch sein mögen, ihre Wahrnehmung der genannten Gruppen und ihr Urteil über sie prägen – man könnte vielleicht sogar sagen, sie prägen sie desto mehr, je weniger reflektiert sie sind.
Dass die Macher der Sendung sich ihrem Thema mit einer von eher wenig Sachkenntnis und umso mehr Vorurteilen geprägten Haltung genähert haben, verrät vielfach schon die Wortwahl – etwa, wenn es vom Gebetshaus Augsburg heißt, es stehe "allen christlichen Religionen" offen – und noch mehr im Tonfall des Voice-Over-Kommentars, etwa wenn Begriffe wie "Jüngerschaftsschule" nur mit ironisch geschürzten Lippen ausgesprochen werden oder wenn Bernadette Lang, die Leiterin der HOME Akademie in Salzburg, als "das Postergirl der Loretto-Gemeinschaft" vorgestellt wird.
Dass man mit einer solchen Haltung keine brauchbare Dokumentation, sondern allenfalls Propaganda fabrizieren kann, sollte eigentlich auf der Hand liegen: Für eine Dokumentation, die diese Bezeichnung wirklich verdiente, wäre es erforderlich, die Perspektive derer, über die man berichten will, wenigstens so weit gedanklich nachzuvollziehen, dass man sie korrekt darstellen kann. Daran haben die Macher der Sendung "Die hippen Missionare" ersichtlich kein Interesse, und dazu ist wohl auch das Brett vor ihrem Kopf zu dick.
Schon wie der erste Auftritt des Gebetshaus-Gründers Johannes Hartl in den ersten Minuten des Films in Szene gesetzt wird, ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Vorgestellt wird er als "ein katholischer Theologe" – und gleichzeitig dabei gezeigt, wie er auf der Bühne der MEHR-Konferenz betet, wodurch subtil angedeutet wird, dies zu tun sei für einen katholischen Theologen irgendwie ungehörig, zumindest aber ungewöhnlich. Während die Kamera Hartls bunte Turnschuhe ins Visier nimmt, wird präzisiert, Hartl sei "kein Priester – aber er predigt"; die auffallend strukturkonservative, amtskirchenfixierte Sicht auf christliche Glaubenskommunikation, die in dieser Bemerkung zum Ausdruck kommt, ist für die Sendung insgesamt kennzeichnend: Mehrfach wird betont, dass die im Mittelpunkt der Darstellung stehenden Initiativen – das Gebetshaus Augsburg, Loretto, FOCUS – "private Vereine" seien, so als sei das etwas Unanständiges. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Erst einmal erscheint an der in vorwurfsvollem Ton vorgebrachten Feststellung, Hartl predige, etwas anderes entscheidend; denn was predigt er? "Seine Weltsicht".
Einmal abgesehen davon, dass man meiner Erfahrung nach recht gut unterscheiden kann, wo Johannes Hartl in seinen Vorträgen lediglich seine persönliche Sichtweise zum Ausdruck bringt und wo er sich auf die Bibel, die kirchliche Lehre oder die Werke zeitgenössischer oder früherer Theologen und Philosophen beruft, stellt sich hier die Frage: Was ist so schlimm daran, wenn er "seine Weltsicht" kommuniziert? Warum sollte er das nicht dürfen? Die Antwort ist bestechend: Hartl vertrete die Auffassung, dass "sich nicht jeder selbst seine Wahrheit zurechtlegen könne". In der Tat, das tut er, und das tue ich auch; deutlich schwingt hier allerdings der Vorwurf mit, dadurch, dass Hartl seine eigene Weltsicht verabsolutiere, spreche er anderen das Recht ab, dasselbe zu tun. Dieser Vorwurf ergibt freilich nur dann Sinn, wenn man den Umstand ausklammert, dass das, was Johannes Hartl in seinen im weitesten Sinne "predigtartigen" Vorträgen darlegt, eben gerade nicht "just, like, his opinion" ist, wie der Dude sagen würde; aber jetzt fangen wir an, uns im Kreis zu drehen. Halten wir lieber mal fest: Wenn schon die Aussage, dass "sich nicht jeder selbst seine Wahrheit zurechtlegen könne", als problematisch empfunden wird, dann erklärt das eine ganze Menge über diesen Film – und über den weltanschaulichen Standpunkt seiner Macher.
Schon im Titel des TV-Beitrags wird ja, wenn auch schamhaft mit einem Fragezeichen versehen, ein Gegensatz zwischen den Begriffen "Jesus" und "Freiheit" aufgemacht; wie der Passauer Bischof Stefan Oster in seiner Stellungnahme zur Sendung angemerkt hat, setzt das freilich "die gängige Freiheitsauffassung einer liberalen, digital abgelenkten und weitgehend materialistischen Gesellschaft" voraus, die sich fundamental davon unterscheidet, was der Apostel Paulus meint, wenn er schreibt "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal 5,1). Nun kann man der Meinung sein, ein "tieferes Eingehen auf solche Grundfragen", dessen Ausbleiben Bischof Oster in seiner Stellungnahme bemängelt, sei von einer Fernsehreportage schlechterdings nicht zu erwarten; gleichwohl müsste es ohne diesen Hintergrund unverständlich bleiben, wie die Filmemacher darauf kommen, "Beten [und] Lobpreisen" als Negation von "Freiheit und Selbstentfaltung" anzusehen. Überhaupt wird dem Thema Gebet mit einer ausgeprägten Skepsis begegnet. Wann immer in dieser Sendung die Rede davon ist, dass junge Leute zum Beten angehalten werden, schwingt darin deutlich hörbar die Verdächtigung mit, dass da Manipulation, ja Gehirnwäsche im Spiel sein müsse. Und wozu sollen die jungen Leute manipuliert werden? Dazu, "das ganze Leben auf Gott aus[zu]richten". Was aus der Perspektive des, wie wir gesehen haben, stillschweigend vorausgesetzten individualistischen Freiheitsbegriffes natürlich problematisch ist.
Gewiss: Religion bindet den Menschen, das steckt schon im Wort selbst. Und damit haben die Macher dieser Reportage ganz grundsätzlich ein Problem. So gesehen überrascht es auch kaum, dass die in der Sendung porträtierten geistlichen Bewegungen durchweg für Positionen kritisiert werden, die keineswegs spezifisch für sie sind und die im kirchlichen Kontext auch durchaus nicht besonders "radikal" oder "extrem" sind. Bestes Beispiel: Der einzige wirklich konkret fassbare Vorwurf, der gegen die Loretto-Gemeinschaft erhoben wird – abgesehen von vagem Geraune darüber, dass diese Gruppierung halt irgendwie sektenmäßig rüberkomme –, ist, dass sie gegen Abtreibung ist. Eine in der Sendung als Loretto-"Aussteigerin" präsentierte junge Frau, Sarah Schlegel, erinnert sich an eine Gebetswache auf dem Salzburger Festungsberg, an der sie als Jugendliche teilgenommen habe:
"Da vorne ist das Landeskrankenhaus, da sind die Lorettos gestanden, um gemeinsam dafür zu beten, dass die Abtreibungsklinik zumachen muss. Die Dämonen aus der Abtreibungsklinik austreiben."
Zu den Dämonen vielleicht später oder ein andermal; entscheidend ist hier erst einmal, dass diese Positionierung gegen die Abtreibungsklinik der Punkt war, an dem Sarah Schlegels Einstellung zur Loretto-Gemeinschaft, in der sie sich bis dahin ausgesprochen wohl gefühlt hatte, zu kippen begann.
"Es kann net im Interesse von einer jungen Frau sein, dass die Abtreibungsklinik, die einzige in der Stadt, zusperrt."
So, kann es das nicht. Völlig unhinterfragt wird hier die Auffassung vertreten, wohnortnah die Möglichkeit zur Abtreibung zu haben sei ein notwendiger und selbstverständlicher Bestandteil weiblicher Selbstbestimmung. Dass das nicht nur die Loretto-Gemeinschaft anders sieht, sondern die katholische Kirche als ganze und mit ihr die meisten anderen christlichen Konfessionen, ja dass es geradezu eine christliche Kernüberzeugung ist, dass schon dem ungeborenen Kind die Würde zukommt, geliebtes und gewolltes Kind Gottes zu sein, kommt dabei überhaupt nicht in den Blick.
Die Loretto-"Aussteigerin" ist in Salzburg inzwischen als "Pro Choice"-Aktivistin unterwegs: Die Doku zeigt sie bei einer Protestkundgebung gegen den "1000-Kreuze-Marsch". – "Plötzlich tauchen diese jungen Frauen auf", heißt es sodann mit bedrohlichem Unterton: Diese jungen Frauen kommen von der HOME Base der Loretto-Gemeinschaft, haben dort die Jüngerschaftsschule absolviert. Nach dem Gespräch mit ihnen ist Sarah Schlegel sichtlich aufgewühlt, findet es aber "traurig zu sehen, dass sie sich kein Stück verändert haben in acht Jahren." Andere würden es vielleicht traurig finden, wie sehr Sarah Schlegel sich in diesen acht Jahren verändert hat.
Eng mit der Frage der Haltung zum Thema Abtreibung verknüpft sind natürlich weitere fundamentale Auffassungsunterschiede zu Fragen von Geschlechterrollen und Sexualität. In diesem Sinne meint die in der Sendung als Kronzeugin gegen Loretto vorgeführte Sarah Schlegel, Loretto wolle grundsätzlich "kein Selbstbestimmungsrecht für Frauen", vielmehr sollten diese "am besten für die Kindererziehung sich widmen, am besten eigentlich – ja, eben so das traditionelle Familienbild aufrecht erhalten". Was natürlich die Frage aufwirft, was an diesem traditionellen Familienbild eigentlich so furchtbar ist – oder anders gesagt, was das Problem daran ist, wenn es Frauen gibt, die gerade darin ihre Freiheit und Selbstentfaltung finden. Maria Hinsenkamp, die in ihrer Studie "Visionen eines neuen Christentums" erstmals das Phänomen "Kingdom-minded Network Christianity" (kurz "KiNC") beschrieben und benannt hat, erklärt im Interview, die "Rolle der Mutter" werde in diesen Kreisen "natürlich ganz stark gewertschätzt"; und als Beleg dafür wird sogleich gezeigt, dass im Gebetshaus Augsburg "viele Mütter mit Kindern" anzutreffen sind: "Drei, vier, fünf Kinder pro Familie. Für Johannes Hartl eine Idealvorstellung." Ja, und was ist daran jetzt bitte verkehrt oder schlimm? Diese Frage muss der Zuschauer sich offenbar selbst beantworten. Ein mal spöttischer, mal skeptischer, mal entrüsteter Tonfall im Voice-Over-Kommentar suggeriert dem Betrachter, wie er das Dargestellte finden soll, Begründungen werden offenbar nicht als notwendig erachtet.
Auch bei der Kritik am Wirken der Initiative FOCUS (Fellowship of Catholic University Students) an der Uni Passau ist "der Umgang mit Sexualität" ein Thema, das "betroffene Studierende immer wieder" erwähnen. Hier kippt der unbedingte Wille der Filmemacher zur Skandalisierung schon ins unfreiwillig komische, wenn es heißt: "Die FOCUS-Missionare gingen angeblich so weit, Programme anzubieten." Was bitte soll denn so schlimm daran sein, Programme anzubieten? – Nun, natürlich das Ziel dieser Programme, auch wenn das erst im nächsten Satz verraten wird; nämlich "die Befreiung von sexuellen Sünden". Diese Bemühungen lösten offenbar Proteste aus, die die Leitung der Katholischen Studentengemeinde veranlasste, "das Wirken der FOCUS-Missionare untersuchen" zu lassen – und zwar "vom damaligen bischöflichen Ansprechpartner für geistlichen Missbrauch". Dessen Bericht zufolge ging es bei den inkriminierten "Programmen" wohl "vor allem um Pornosucht – oder was die Missionare darunter verstehen." Aus dem Untersuchungsbericht wird zitiert:
"Pessimistisch bis katastrophierend wird behauptet, als seien der Konsum von Pornofilmen und die Ausübung der Selbstbefriedigung per se unfrei machende Verhaltensweisen. Das ist wissenschaftlich keinesfalls haltbar."
Mal abgesehen von dem auffälligen Bruch im Satzbau würde ich persönlich ja sagen, der eigentliche Skandal sei hier, dass eine offizielle Dienststelle eines katholischen Bistums – unter vager Berufung auf angebliche oder sogenannte "Wissenschaftlichkeit" – Pornokonsum und Selbstbefriedigung zu "entproblematisieren" versucht; aber an so etwas ist man heutzutage wohl schon einigermaßen gewöhnt – wenn auch nicht unbedingt im Bistum Passau.
Und wie steht es mit der Kritik am Gebetshaus Augsburg, die in Gestalt von Simone Coring personifiziert wird, einer studierten Theologin, die vor Jahren selbst mal ein Volontariat im Gebetshaus abgeleistet hat? Zwei Punkte stehen da im Mittelpunkt, die im Laufe der Sendung mehrfach angesprochen werden. Der erste ist die "kriegerische Metaphorik", die sie da im Gebetsraum erlebt haben will. "Ich glaube, es war dann wirklich das erste Mal, als ich dann in den Gebetsraum gegangen bin, eine junge Frau betete: Lasst uns hier die Mauern besetzen und gegen die Dämonen kämpfen." Darauf angesprochen, erklärt Johannes Hartl, das sei ein "wording", das im Gebetshaus "gar nicht erlaubt" sei: "Eine unserer Grundaussagen ist, dass wir nie gegen etwas beten, sondern für etwas." Ich muss sagen, mir persönlich ist diese Reaktion ein bisschen zu defensiv. Als ich zum ersten Mal bei der MEHR-Konferenz war – im Januar 2017 –, hielt Johannes Hartl zum Abschluss des Programms einen Vortrag mit dem Titel "Erwecke die Helden", zu dem ich seinerzeit notierte, es gehe darin u.a. um die Beobachtung,
"dass die Bibel stellenweise in sehr kriegerischen Metaphern vom Auftrag der Christen in der Welt spricht; das gelte heutzutage vielfach als anrüchig und stehe in einem Spannungsverhältnis dazu, dass die christliche Botschaft heute allzu oft einseitig zu Friede, Freude und Eierkuchen verflacht werde".
Und ja, ich habe es mehrfach erlebt, dass Leute, denen ich Auszüge aus dem besagten Vortrag auf YouTube gezeigt habe, mit Unbehagen auf diese "kriegerische Metaphorik" reagiert haben. Ich hätte aber gedacht, dieses Reaktionsschema wäre allmählich mal passé – wo Wehrbereitschaft und Kriegstüchtigkeit doch wieder "in" sind und sogar Robert Habeck und Campino sagen, heutzutage würden sie nicht mehr den Wehrdienst verweigern. Was gegen Russland recht ist, sollte das nicht auch "gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Eph 6,12) billig sein?
Der zweite Punkt betrifft den Vortrag einer nicht namentlich genannten Person, die damals im Vorstand des Gebetshauses war, heute jedoch nicht mehr dort tätig ist: Aus diesem Vortrag ist Simone Coring die Aussage im Gedächtnis geblieben, "wenn du, oder in deiner Familie, wenn's dort Krebs gibt, dann wär's wichtig, dass du auch mal schaust, ob's in deiner Familie, oder auch in den Generationen vorher, 'sündhafte Verstrickungen' gibt". Eine Aussage, die sie, sie sie betont, "wirklich als extrem gefährlich auch empfunden" habe – warum? Weil sie meint, "der Umkehrschluss wäre ja, Menschen die krebskrank sind, entweder sind sie selber schuld oder ihre Eltern oder Großeltern, weil da offensichtlich Sünde in der Familie ist". Ich würde meinen, hier gilt es deutlich zu sagen, dass dieser vermeintliche "Umkehrschluss" ihre eigene Assoziation ist und sich aus dem von ihr aus der Erinnerung wiedergebenen Wortlaut keineswegs zwingend ergibt; ehrlich gesagt finde ich es eher erschreckend, dass eine Frau, die Theologie studiert hat, so wenig mit dem Begriff "Sünde" anfangen kann, dass sie die zitierte Aussage nur als Schuldzuweisung verstehen kann. Wäre sie tatsächlich als solche gemeint, dann ließe sich dagegen natürlich – z.B. unter Verweis auf Ezechiel 18,2-3, Lukas 13,1-5 oder Johannes 9,1-3 – allerlei einwenden, aber so weit wird hier ja gar nicht reflektiert. Als Simone Coring ihre Kritik im persönlichen Gespräch mit Johannes Hartl vorbringt, beurteilt dieser die von ihr referierte Aussage aus dem Vortrag zwar als "strange" und betont, er würde sie "so natürlich überhaupt nicht unterschreiben", aber mit der Einschätzung Simone Corings, eine solche Aussage sei "tatsächlich auch sehr gefährlich", will er dann doch nicht mitgehen:
"Wo sehen Sie da jetzt die Gefahr? Zum Beispiel, wenn man sagen würde – Keine Ahnung – es gibt da Verstrickungen, die vielleicht auch krank machen? [...] Wenn man jetzt eher sagen würde, es ist vielleicht eine größere problematische Familienkonstellation, die sich auch körperlich manifestiert oder so?"
Simone Coring bleibt jedoch bei ihrer Lesart:
"Aber letztendlich wird damit doch die Schuld – in Anführungsstrichen –, die es ja für solche Erkrankungen definitiv nicht gibt, da sind wir uns ja glaub ich einig, wird ja auf die Person im Zweifel gewälzt, die krank ist."
Mir stellen sich da ein paar Fragen: Wenn man beispielsweise sagt, das Rauchen sei der größte bekannte Risikofaktor für Lungenkrebs, stellt das dann auch eine unzulässige Schuldzuweisung an Krebskranke dar, die vielleicht jahrzehntelang starke Raucher waren? Oder wenn man von gesunder Ernährung spricht, impliziert das nicht, dass schlechte Ernährungsgewohnheiten eine Vernachlässigung der Verantwortung für die eigene Gesundheit bedeuten? Und ist es nicht allgemein anerkannt, dass Risikofaktoren für eine Vielzahl von Krankheiten, darunter auch Krebs, innerhalb der Familie weitergegeben werden können? Wenn man dies alles berücksichtigt, was ist dann eigentlich so furchtbar an der These, dass "sündhafte Verstrickungen" in der familiären Vorgeschichte dazu beitragen können, jemanden krank zu machen?
Letztendlich, so scheint mir, haben wir es hier – ebenso übrigens wie bei dem greifbaren Unbehagen angesichts des Themas "Kampf gegen Dämonen" – mit der Leugnung einer spirituellen Realität zu tun. Präziser gesagt, man kann oder will sich nicht recht vorstellen, dass es eine geistliche Welt gibt, die (mindestens) genauso real ist wie die materielle, und deshalb erscheint die Idee, Sachverhalte aus der spirituellen Welt, wie z.B. eben Sünde, könnten sich in die materielle Welt hinein auswirken, schlichtweg gruselig. Wie ich schon während der Corona-Krise einmal versucht habe darzulegen, bin ich tatsächlich überzeugt, dass genau hier eine Wasserscheide innerhalb der Kirche verläuft: Wir haben in der akademischen Theologie, im institutionellen Apparat der Kirche, aber auch unter einfachen Gemeindemitgliedern einen liberalen Mainstream, in dem das Christentum als Weltanschauung, als ethisches Fundament, als Wertesystem geschätzt und hochgehalten wird (auch wenn daran hier und da Anpassungen vorgenommen werden müssen, um nicht mit säkularen Konzepten von Toleranz und individueller Selbstentfaltung in Konflikt zu geraten); aber von Gott nicht nur – hier zitiere ich mich mal selbst – "als gedankliches Konstrukt [...], als Metapher, als Personifikation irgendwelcher 'Werte' oder 'Haltungen'" zu sprechen, "für die die Institution Kirche steht oder stehen sollte", sondern an einen Gott zu glauben, der wirklich ist, in dem Sinne, dass Er tatsächlich in der Welt und im Leben der Gläubigen wirkt, das ist diesem liberalen (Post-)Christentum zutiefst fremd, und wer das tut, der erscheint aus dieser Sicht als "Fundamentalist", als Fanatiker, als gefährlich.
Ganz am Ende der Sendung wird Simone Coring dabei gezeigt, wie sie bei einem Vortrag von Johannes Hartl im Publikum sitzt und sich darüber wundert, wie fremd ihr das alles geworden ist: "Theoretisch verbindet mich mit den Leuten viel, ich bin ja gläubig." Der Voice-Over-Kommentar ergänzt: "Aber ihr Glauben hat nicht mehr viel gemein mit dem, was Bewegungen wie das Gebetshaus, FOCUS oder Loretto vertreten." – Ist das so? Woran glaubt sie dann? Was genau meint sie, wenn sie sich als gläubig bezeichnet? Diese Frage drängt sich auf, da die Sendung für mein Empfinden überzeugende Belege dafür schuldig bleibt, dass die genannten Initiativen oder Bewegungen etwas lehren und/oder praktizieren, das nicht auf dem Boden der katholischen Glaubenslehre stünde. Eben darum wirkt der Versuch, die Unterstützung der "Amtskirche" für diese Initiativen zu skandalisieren, so tragikomisch: So heißt es über die Loretto-Gemeinschaft, die werde "finanziell großzügig unterstützt von niemand geringerem als dem Passauer Bischof Stefan Oster", und ihre Niederlassung in der Dreiflüssestadt liege "mitten auf dem Domplatz, zwischen Bischofssitz und Dom. Jüngerschaftsschule inklusive" – wozu mir nur einfällt: Ja, warum denn auch nicht? Die Antwort auf diese Frage hängt natürlich, wie ich schon in der Einleitung zu diesem Artikel angedeutet habe, damit zusammen, was für ein Bild "von Kirche" die Macher der Sendung ihren Zuschauern suggerieren wollen: wie eine Kirche sein müsste, an der es nichts zu kritisieren oder zu skandalisieren gäbe. Am deutlichsten greifbar wird dieses Kirchen-Wunschbild in den Äußerungen von Anna Katharina Brose, die in der Sendung als Kronzeugin gegen FOCUS in Szene gesetzt wird: Sie war in der Passauer Studentengemeinde aktiv, bis dort die FOCUS-Missionare an Einfluss gewannen, was dazu führte, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlte. In der Sendung heißt es sogar, die "FOCUS-Aktivitäten" hätten die Studentin "in eine wahre Glaubenskrise geführt": "Selbst einen Kirchenaustritt hat sie erwogen. Erst der Umzug weg von Passau hat ihr geholfen." Sie selbst erzählt:
"Ich geh' in den allerersten Gottesdienst im Bistum Limburg, und es war Frauenpredigttag, ich wurde dann später eingeladen zu Ausstellungen zum Thema 'Queer und katholisch'."
Im ersten Moment dachte ich, das sei ja fast schon zu klischeehaft, um wahr zu sein. Bistum Limburg, na klar. Wenn Anna Katharina Brose allerdings fortfährt "Ich saß einfach da und hatte Tränen in den Augen – weil ich in dem Moment wirklich gemerkt hab: Nein, ich bin nicht alleine!" und, während sie dies erzählt, erneut Tränen in den Augen hat, wirkt sie durchaus sehr authentisch und fast schon sympathisch – aber gleich darauf verfällt sie in jenen trotzig-belehrenden Tonfall, den man aus dem postchristlich-progressiven Milieu so gut kennt:
"Weil 'katholisch' nämlich nicht heißt: eine kleine Elitegemeinde der besonders Frommen, die unter sich sind, die keine anderen Meinungen zulassen; sondern 'katholisch' heißt 'allumfassend'."
Einige Minuten zuvor hat der geneigte Fernsehzuschauer sie darüber sprechen hören, wie eine frühere Freundin von ihr unter den Einfluss der FOCUS-Missionare geraten sei; wenn sie versucht habe, mit ihr darüber zu sprechen, habe sie festgestellt, dass "die Worte, die sie gesagt hat, einfach eins zu eins Sprache der Missionare waren". Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Freundin Ähnliches auch über sie sagen würde, wenn sie sie hier im Brustton der Überzeugung ausgelutschte liberalkatholische Plattitüden nachbeten hörte. Nebenbei bemerkt klingt das, was hier den FOCUS-Missionaren vorgeworfen wird, doch ziemlich stark nach Projektion: Wären sie tatsächlich so elitär und darauf bedacht, "unter sich" zu bleiben, hätte der Rest der (kirchlichen und erst recht nicht-kirchlichen) Welt wohl kein Problem mit ihnen; was an ihnen als problematisch wahrgenommen wird, ist doch gerade, dass sie nicht "unter sich" bleiben, sondern offensichtlich Zulauf haben. Und könnte es nicht vielleicht sein, dass gerade die "progressiven" (Post-)Christen sich als eine Elite, nun vielleicht nicht gerade der besonders Frommen (da "fromm" in diesen Kreisen ein eher negativ besetzter Begriff ist), aber der besonders Moralischen (nach ihren eigenen moralischen Mäßstäben) sehen und verhalten? – Wenn Anna Katharina Brose abschließend erklärt "Und jetzt, ja, nach den zwei Jahren, wo ich jetzt in 'nem anderen Bistum bin, kann ich wieder sagen: Ja, ich bin katholisch, und das gerne, und ich bin da stolz drauf", dann erinnert mich das an nichts so sehr wie an einen Dialog, den ich in den späten 90ern mal mit angehört habe, zwischen zwei Leuten (m/w), mit denen ich damals in einer Theatergruppe war:
Er: "Im Prinzip bin ich eigentlich Vegetarier, ich würde mich bloß nie so nennen."
Sie: "Ich nenne mich schon so, es stimmt bloß nicht."
True Story. Und jetzt stelle ich mir vor, wie diese ehemalige Passauer Studentin genüsslich ein saftiges Steak verdrückt und dabei erklärt: "Ja, ich bin Vegetarierin, und das gerne, und ich bin da stolz drauf."
Zu denken geben könnte es auch, dass das erwünschte, als "progressiv" verkaufte Kirchenbild in dieser Sendung außer von Anna Katharina Brose und einem "junge[n] Firmbegleiter", der ungenannt bleiben möchte, weil er fürchtet, sonst womöglich Probleme zu bekommen ("Ich engagiere mich für Jugendarbeit in der Kirche. Was dann vielleicht nicht mehr möglich ist. Ich weiß ja nicht, was da so im Hintergrund abläuft" – merke: Es ist keine Verschwörungstheorie, wenn die Guten es sagen!), eher von Angehörigen der Boomer-Generation verkörpert wird: von einer früher in der Passauer Studentengemeinde tätigen Pastoralreferentin (kurze graue Haare, Brille, Strickjacke) und der KDFB-Funktionärin Adelinde Grad (kurze graue Haare, Brille, rosa Blazer). Letztere wird als ein Beispiel dafür vorgeführt, dass "reformorientierte Kirchenmitglieder" die Ansiedlung der Loretto-Gemeinschaft im Bistum Passau zunächst durchaus hoffnungsvoll betrachtet hätten – und zwar aufgrund der Wahrnehmung, das Auftreten und die Methoden dieser Gruppierung hätten Ähnlichkeit mit evangelischen Freikirchen: "Insgeheim hab i mer gedacht: Mensch, das wäre eine Chance für uns Frauen", erklärt Adelinde Grad. "Denn in Freikirchen gibt's Pastorinnen, in Freikirchen dürfen Frauen predigen – in der katholischen Kirche ist das schwierig." Die Hoffnung, Loretto würde in dieser Hinsicht frischen Wind bringen, habe sich jedoch nicht erfüllt – und zwar, so Adelinde Grad, weil da in ein grundsätzlich aus dem freikirchlichen Bereich übernommenes Modell speziell katholische Elemente "mit 'reingepflanzt" worden seien, wozu sie neben dem Rosenkranzgebet auch eine "strenge Sexualmoral" und eben den Grundsatz "Frauen haben nicht zu predigen" zählt. Ich würde sagen, diese Einschätzung verrät eine eher oberflächliche Kenntnis der Lehre und Praxis von Freikirchen, aber im Rahmen der Sendung wird sie nicht hinterfragt.
Kommen wir abschließend noch einmal auf die "KiNC"-Expertin Maria Hinsenkamp zurück, die im Interview erklärt:
"Da, wo eine bestimmte Ausdrucksform des Christentums absolut gesetzt wird, und wo ein Exklusivitätsanspruch besteht, dass nur die eine Form, diese eine Ausdrucksform die wirklich richtige ist, da ist es immer schon gefährlich."
Da möchte ich nicht unbedingt widersprechen; ich frage mich allerdings, inwieweit sich diese Aussage auf Bewegungen oder Strömungen innerhalb der Kirche anwenden lässt, die sich – meiner Wahrnehmung und Erfahrung zufolge – gerade durch eine große Vielfalt an Ausdrucksformen auszeichnen, von Rosenkranz und Stundengebet über Eucharistische Ambetung bis hin zu Lobpreis-Pop und freien Fürbitten. Wie ich schon öfter angemerkt habe, erscheint mir die Vielfalt an Ausdrucksformen in der religiösen Praxis von als "fundamentalistisch" oder erz-ultra-irgendwas denunzierten Gemeinschaften erheblich größer und "bunter" als bei den postchristlichen Liberalen. Es steht daher zu vermuten, dass Frau Hinsenkamp mit der Bezeichnung "Ausdrucksformen" etwas anderes meint – oder vielleicht, dass sie tatsächlich nicht versteht, dass unterschiedliche Ausdrucksformen des einen Glaubens nicht mit fundamental unterschiedlichen Auffassungen über Glaubensinhalte auf eine Stufe gestellt werden können; geschweige denn, dass das Ausmaß unterschiedlicher Auffassungen zu Glaubensfragen, das innerhalb einer Religionsgemeinschaft toleriert werden kann, naturgemäß und zwangsläufig begrenzt ist.


