Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Mittwoch, 23. September 2026

Glanz und Elend der Urlauberkirche, Teil 2: Summer of '92

Als ich im vergangenen Herbst, angeregt durch die Erlebnisse bei der Urlauberkirche in den Sommerferien, meinen Artikel "Glanz und Elend der Urlauberkirche – Teil 1" über die Anfänge der Urlauberpastoral in Butjadingen veröffentlichte, stellte ich am Ende des Artikels in Aussicht, "in halbwegs naher Zukunft" noch mehr zu diesem Thema zu schreiben: zunächst, unter dem Reihentitel "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase", einen Beitrag über eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des GRZ Krelingen und der Ostfriesischen Zeltmission unter dem Motto "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit", die im Sommer 1990 in meinem Heimatdorf stattfand – diese Ankündigung habe ich inzwischen eingelöst, auch wenn etwas länger gedauert hat, als ich es ursprünglich wohl beabsichtigt hatte. "Für danach" hatte ich dann die eigentliche Fortsetzung von "Glanz und Elend der Urlauberkirche", mit dem Untertitel "Summer of '92", auf dem Zettel. Die seinerzeit geäußerte Einschätzung, "der besagte Sommer dürfte wohl den Höhepunkt meiner aktiven Beteiligung am Urlauberseelsorge-Programm von Strandkorbkirche und Krelinger-Strandmission sowie [...] überhaupt einen Höhepunkt meiner 'ersten Fundi-Phase' markieren", kann ich, nachdem ich mein altes Tagebuch durchgearbeitet habe, nur unterstreichen; tatsächlich enthalten meine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Sommer 1992 sogar genug Stoff für mehrere Artikel, wobei es sich anbietet, alles, was sich nicht konkret auf die Aktivitäten von Strandkorbkirche und Strandmission in diesem Jahr bezieht, der Reihe "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" zuzuordnen – auch wenn es mehr oder weniger zwangsläufig thematische Überschneidungen zwischen dieser Reihe und "Glanz und Elend der Urlauberkirche" gibt. Das Material aus den Sommerferien 1992, das eindeutig zum Themenbereich Urlauberkirche gehört, lässt sich wiederum unschwer in zwei Hauptabschnitte untergliedern: Während der ersten drei Ferienwochen steht das erste Strandkorbkirchen-Team der Saison im Mittelpunkt des Interesses, das aus der NGL-Band Wellenbrecher aus Wallenhorst bei Osnabrück plus Familienanhang bestand; nach diesen drei Wochen traf dann ein neues Strandkorbkirchen-Team und etwa zeitgleich ein Team der Strandmission in Burhave ein. Fangen wir also mal vorne an – mit einem Artikel, der sich hauptsächlich um den Strandkorbkirchen-Einsatz der Wellenbrecher dreht! --- 

Nein, dies war nicht das Band-Equipment der Wellenbrecher. Aber als Symbolbild passt's wohl so halbwegs. 

Mein erster Tagebucheintrag aus den Sommerferien des Jahres 1992 ist datiert auf Samstag, den 27. Juni – den dritten Ferientag. Am Abend zuvor war meine Schwester zu Besuch gekommen; wie wir uns erinnern, hatte sie zur Handlungszeit von "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit" noch "zu Hause gewohnt", inzwischen machte sie aber eine duale Ausbildung beim Land Niedersachsen, in der sich Studienabschnitte in Hildesheim und Praxissemester in Oldenburg miteinander abwechselten. In Hildesheim wohnte sie bei einem pensionierten Geistlichen (und, was ich damals allerdings nicht wusste, ehemaligen Leiter der Hildesheimer Dombibliothek), den wir daher kannten, dass er regelmäßig in Butjadingen Urlaub machte und bei diesen Gelegenheiten auch als Gastpriester eingesetzt wurde. "Nach Hause" kam meine Schwester vorerst nur übers Wochenende, denn danach sollte sie zunächst für ein paar Tage das Haus des alten Priesters hüten und wollte danach ihren Umzug nach Oldenburg in Angriff nehmen. Bei beidem wollte ich mitmachen, sodass ich also in der folgenden Woche nicht zu Hause sein würde; aber vorher wollte ich mir noch einen Eindruck vom Strandkorbkirchen-Team machen, das, wie ich notierte, "schon seit Donnerstag da" war – "aber das Programm hatte noch nicht begonnen". Ich ging also am Samstag zusammen mit meiner Schwester zum Pfarrhaus, wo wir tatsächlich den damaligen Pfarrer Kordecki (den ich in meinem Tagebuch durchgängig bei seinem Vornamen, Alfons, nenne – mir scheint, daraus spricht durchaus eine gewisse Sympathie, aber nicht unbedingt großer Respekt; nun ja, mit 16 hat man's wohl nicht so mit dem Respekt vor Autoritätsfiguren) im Gespräch mit "einige[n] der neuen Strandkorbkirchler" antrafen. (Hervorheben möchte ich an dieser Stelle übrigens die Selbstverständlichkeit, mit der meine Schwester und ich damals im Rat-Schinke-Haus ein und aus gingen; an den Namen, den das Haus seit 1988 trug, hatte ich mich hingegen offenbar noch nicht gewöhnt und nannte es weiterhin "Pfarrhaus".) Von einem der Strandkorbkirchen-Teammitglieder, "er hieß Andreas", erfuhren wir, "die Gruppe bestehe aus acht Erwachsenen und acht Kindern. Der 'Chef" sei allerdings noch nicht da" – und damit wurde es dann auch schon interessant. 

"Unser Pfarrer hatte einige Vorschläge, was die Strandkorbkirchler alles machen könnten, doch es schien nicht so, als ob die Leute sehr empfänglich für Ideen wären. Der Chef, wer immer das sein sollte, habe alles schon genau durchgeplant. Wir waren etwas skeptisch, was wohl aus diesem Team werden sollte. Vielleicht wurde es sehr gut – vielleicht aber auch sehr schlecht. Andreas war jedenfalls ganz nett. Alles weitere musste man abwarten." 

Aus heutiger Sicht würde ich es als recht frappierend bezeichnen, mit was für einem Selbstbewusstsein – man könnte auch Arroganz dazu sagen – die Leute in dieser Situation auftreten und nonchalant durchblicken lassen, dass sie sich vom örtlichen Pfarrer nicht in ihre Programmgestaltung 'reinreden lassen wollen; auch wenn man mit einigem Recht einwenden könnte, es wäre besser gewesen, sich über eventuell unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Programmgestaltung schon im Vorfeld zu verständigen. – Jedenfalls wirkt es durchaus stimmig, dass ich meinem Tagebucheintrag vom 27.06.92 die Überschrift "Das kann ja was werden!" gegeben habe; der Eintrag vom folgenden Tag, Sonntag, dem 28.06., trägt die Überschrift "Der schöne Adalbert", und ich wünschte, ich hätte notiert oder könnte mich erinnern, wer dem "Chef" der Gruppe Wellenbrecher, Dr. Adalbert Wegmann, diesen milde spöttisch gemeinten Spitznamen verpasst hat – ob's meine Schwester war oder gar meine Mutter oder eine andere Frau aus der Gemeinde. Aber erst mal der Reihe nach: 

An diesem ersten Sonntag in den Sommerferien "gingen wir nichtsahnend und sehr gespannt zur Kirche", wo das Strandkorbkirchenteam seinen ersten Auftritt haben sollte; dass die Strandkorbkirche die Sonntagsmesse mitgestaltete, war in dieser Phase der Urlauberkirchen-Historie in Butjadingen offenbar der etablierte und erwartete Normalfall. (Aus heutiger Sicht mag es zudem hervorhebenswert sein, dass es damals in Herz Mariä Burhave überhaupt noch Messen am Sonntagmorgen gab.) Als wir ankamen, waren die fünf Musiker der Gruppe Wellenbrecher "gerade dabei, mit den schon anwesenden Besuchern einige Lieder zu üben", und ich staunte erst einmal das technische Equipment an, das die Band in der kleinen Kirche aufgefahren hatte: "ein Mischpult und riesige Lautsprecherboxen, das Instrumentenarsenal umfasste unter anderem einen E-Bass und ein sehr großes Keyboard". "Das sah alles sehr professionell aus" – und "hörte sich auch so an". Zum Repertoire der Gruppe merkte ich an: 

"Die Lieder stammten alle aus einer von den 'Wellenbrechern" eigens angefertigten und mitgebrachten Liederzeitung, die meisten waren unbekannt, weshalb sie auch mit der Gemeinde geübt werden mussten." 

Hier deutet sich bereits der weiter unten im Tagebucheintrag explizit festgehaltene Eindruck an, "dass die Musiziererei der 'Wellenbrecher' reine Selbstdarstellung war" – ein Eindruck, zudem es auch beitrug, dass der am Vortag nur erwähnte "Chef", der "jetzt übrigens auch da" war, "[z]u Beginn der Messe [...] eine Begrüßungsrede" hielt. Ich beschrieb ihn als einen "etwas eitel wirkende[n] Lockenkopf"; in meiner Erinnerung hat er über die Jahre, was Frisur und Ausstrahlung betrifft, mehr und mehr Ähnlichkeit mit Schlagerbarde Tony Marshall oder gar mit dem Schlagerkomponisten aus dem (allerdings erst 2004 entstandenen) Katz & Goldt-Cartoon "Gemauschel, wohin man sieht" angenommen, allerdings haben mich Fotos von ihm, die ich unlängst mit Hilfe von Google gefunden habe, davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit doch etwas anders aussah. Den zu diesen Fotos gehörenden Presseartikeln konnte ich zudem entnehmen, dass "der schöne Adalbert" im Hauptberuf Lehrer war und seit 2018 im Ruhestand ist, und ebenso, dass die Gruppe Wellenbrecher im Jahr 2018 ihr 30-jähriges Bestehen feierte – woraus folgt, dass sie im Sommer 1992 noch relativ am Anfang ihrer Bandgeschichte stand; im Jubiläumsjahr war, wie die Neue Osnabrücker Zeitung zu berichten wusste, Adalbert Wegmann als "das einzige noch aktive Gründungsmitglied" übrig geblieben. So ähnlich wie bei Mungo Jerry oder Iron Butterfly, könnte man sagen. 

Aber mal zurück zum ersten Auftritt der Wellenbrecher in einer Sonntagsmesse in Herz Mariä Burhave: "Das Niveau der Wellenbrecher-Songs" beurteilte ich als "teilweise etwas flach", dennoch fiel mein erster Eindruck von der Gruppe nicht eindeutig negativ aus, denn "auf jeden Fall war die Darbietung hochprofessionell". Je mehr ich allerdings über diesen Auftritt reflektierte, desto mehr ärgerte ich mich. Worüber? Dass ich es erwähnenswert und kritikwürdig fand, dass die Wellenbrecher "sich in der Gottesdienstgestaltung auf die Musik" beschränkten – "alles andere lief ab wie immer, was nicht so ganz zusammenpasste" –, wirft einerseits ein Licht auf die Erwartungen, die seinerzeit an die Strandkorbkirche gestellt wurden, und kann andererseits mit Blick auf die folgenden Sonntage, wie wir noch sehen werden, als ein klassischer Fall von "be careful what you wish for" betrachtet werden; durchaus valide erscheint mir hingegen auch heute noch meine damalige Kritik daran, dass "[i]m Vergleich zu der Musik, die ja eigentlich zum Lob Gottes [!] und außerdem nicht die Hauptsache sein sollte", "alles andere" – worunter man wohl Liturgie, Wortverkündigung und Eucharistie summieren darf – in den Hintergrund gedrängt werde: "Die Leute machten aus dem Gottesdienst ein Konzert!" Zu diesem Eindruck trug es auch bei, dass "der schöne Adalbert [...] immer seine Einsätze so [gab], dass zumindest eine Strophe von seinen Leuten alleine gesungen wurde". 

Nach dem Messbesuch fuhr ich mit meiner Schwester "ziemlich bald in Richtung Hildesheim los"; mein dortiger Aufenthalt ist eher für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" relevant, aber ein paar Dinge muss ich zum besseren Verständnis doch schon hier und jetzt erwähnen. Das betrifft zunächst den Umstand, dass meine Schwester während ihres Studiums in Hildesheim ihren späteren Mann kennengelernt hatte, der der dortigen Freien evangelischen Gemeinde angehörte und der im weiteren Verlauf dieses Sommers noch eine Rolle spielen sollte. – Am Donnerstag, dem 2. Juli, wollte der Zukünftige meiner Schwester eigentlich nachmittags mit ihr und mir ins Kino gehen, aber sein Auto "streikte längere Zeit", und als es endlich ansprang, entschieden wir uns, lieber Minigolf spielen zu gehen. :Als es dann etwas später zu werden wagte" – eine hübsche Formulierung, gefolgt von der Präzisierung "es ging auf 19 Uhr zu" –, "gesellte sich der Junior des Besitzers zu uns. Er beschleunigte das Spiel etwas, indem er die Bälle zurückbrachte und ähnliches, also jegliche Verzögerung unterband – offenbar in der Absicht, uns zu vermitteln, wir sollten uns beeilen. Darauf angesprochen, sagte er, sie wollten Feierabend machen." Mein angehender Schwager wies den Knaben darauf hin, das es sehr unhöflich sei, die Gäste zu drängen, möglichst schnell fertig zu werden; dieser reagierte eher verstockt, sber was sollte er auch groß dazu sagen, er tat ja nur das, was sein Vater wollte. Als wir schließlich gingen, wünschte der Freund meiner Schwester dem Inhaber der Minigolfbahn ostentativ einen "schönen Feierabend", aber der verstand offenbar den Sarkasmus nicht und bedankte sich. 

Dass ich diese Anekdote für würdig erachtet habe, in diesem Artikel geschildert zu werden, rührt daher, dass sie mich damals offenbar dazu inspiriert hat, dem nächsten auf die Strandkorbkirche bezogenen Tagebucheintrag – vom übernächsten Tag, Samstag, dem 4. Juli – die Überschrift "Das Feierabend-Prinzip" zu geben. Meine Schwester und ich waren zurück in Burhave und nach wie vor neugierig, was die Strandkorbkirche so auf die Beine stellen würde, "[a]uch wenn es 'nur' die Gruppe 'Wellenbrecher' unter Leitung des Dr. (oder gar Prof.?) Adalbert Wegmann war." – "Viel hatten die Wellenbrecher nicht auf dem Programm", notierte ich; "aber sonnabends abends um 20 Uhr war immerhin ein 'offenes Singen' angesetzt." Da gingen meine Schwester und ich hin – und stellten fest: "Wir waren die einzigen Gäste." – Was im Tagebuch nicht ausdrücklich vermerkt ist, woran ich mich aber noch sehr klar erinnere, ist, dass dieses "Offene Singen" im Garten des Rat-Schinke-Hauses stattfand, und nicht etwa am Strand. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das wirft die Frage auf, ob man damals anders als heute mit einer Zielgruppe rechnete, die den Weg vom Campingplatz oder ihrer Ferienwohnung zur Kirche nicht scheute, oder ob dieses spezielle Angebot sich eher an Gemeindemitglieder als an Urlauber richtete. Tatsächlich erreichte das Angebot aber offensichtlich weder die einen noch die anderen, und der weitere Verlauf des Abends legt den Verdacht nahe, dass man sich um solche Fragen von vornherein keine großen Gedanken gemacht hatte: Das Abendprogramm fand im Garten des Rat-Schinke-Hauses statt, weil das Team nun mal dort wohnte und nach Programmschluss keinen langen Weg bis in die Heia haben wollte. 

Zunächst wäre jedenfalls festzuhalten, dass die Schilderung des "Offenen Singens" – auch wenn sie ansonsten nicht besonders detailliert und/oder ausführlich geraten ist – bezeichnende Rückschlüsse auf das Repertoire der Wellenbrecher außerhalb des NGL-Genres zulässt, oder auch auf den Inhalt der damals nicht-nur-aber-auch im kirchlichen Bereich gebräuchlichen Lagerfeuer-Songbücher. "Als wir kamen, intonierten Adalbert und Co. gerade Bob Dylans 'Blowin' in the Wind'", na klar, das passt ins Bild; im weiteren Verlauf wurden "sogar [!] 'Lean on me' und 'Streets of London'" gesungen, "letzteres allerdings als deutsche Übersetzung". Auffällig ist auch, dass ich die gesanglichen Fähigkeiten des Band-"Chefs" als "nicht gerade toll" bewertete: "Es hatte wohl seinen Grund, dass der schöne Adalbert selbst im Gottesdienst nicht mitsang." – Ein gewichtigerer Kritikpunkt an dieser Abendveranstaltung lautete jedoch: "Außer Singen lief so gut wie nichts. Null Gespräch, null Kekse, null Sonstiges." Meine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung lautete, dass es insgesamt eine fragwürdige Entscheidung gewesen war, eine Band als Strandkorbkirchen-Team anzuheuern – da sich zeigte, dass die Wellenbrecher an den unterschiedlichen Aspekten dessen, was die Tätigkeit der Strandkorbkirche normalerweise umfasste, überhaupt kein Interesse hatten: "Was sie wollten, war Musik machen. Und mehr nicht. Alles andere war reine Eigenwerbung." Diese Fokussierung aufs Musikmachen wirkte sich, wie ich am nächsten Tag notierte, auch auf einen schon "traditionelle[n]" Bestandteil des Strandkorbkirchen-Programms aus, nämlich eine Abendveranstaltung für Kinder unter dem Titel "Sandmännchen". Dieses wurde "zwar auch von den Wellenbrechern brav durchgeführt, jeden Tag außer Dienstag, immer abends"; allerdings wurde dabei "nur gesungen" und es "dauerte gewöhnlich nicht länger als eine knappe Viertelstunde". Mein Fazit: "Wellenbrecher als Strandkorbkirche, das passte einfach nicht." 

Um aber nochmals auf das "Offene Singen" am 4. Juli zurückzukommen, das ich zusammen mit meiner Schwester besuchte, ist noch festzuhalten, dass mich mehr als alles andere der Umstand verärgerte, dass wir "um 21.30 Uhr quasi rausgeschmissen" wurden. "Singen war vorbei, und 'schönen Abend noch'." Aus heutiger Sicht erscheint es mir nicht unbedingt als selbsterklärend, dass ich dieses Verhalten des Strandkorbkirchen-Teams als "schlechte[n] Witz" empfand; wenn ich aber zu Protokoll gab, dass ich einen solchen Quasi-Rausschmiss "in der immerhin mindestens fünf Jahre dauernden Geschichte der Strandkorbkirche" noch nie zuvor erlebt hatte, wirft das zweifellos ein interessantes Licht darauf, was seinerzeit von Strandkorbkirchen-Teams erwartet wurde und auch erwartet werden durfte – nämlich, dass sie nicht einfach nur ihr Programm 'runterreißen und dann Feierabend machen, sondern dass sie ein genuines Interesse an den Menschen zeigen, mit denen sie im Zuge ihres Einsatzes in Kontakt kommen, seien es Urlauber oder Gemeindemitglieder – und darum gerne noch den Abend zusammen mit diesen verbringen, nachdem das Programm für den Tag beendet ist. Dass heutzutage wohl kaum noch jemand auf die Idee käme, derartige Ansprüche an ein Urlauberseelsorge-Team zu stellen, mag man als kennzeichnend dafür ansehen, wie stark die Wertschätzung für zweckfreie Geselligkeit in unserer Kultur in den letzten Jahrzehnten den Bach runter gegangen ist. – Jenen Abend im Juli 1992 kommentierte ich jedenfalls abschließend wie folgt: 

"Alles in allem bestätigten die Wellenbrecher meine schlimmsten Vorurteile über diverse Strandkorbkirchler: Die Leute kommen hierher, um billig Urlaub zu machen, kümmern sich'n Dreck um die Jemeende" –

– das sollte wohl Schlesisch sein und stellt somit einen subtilen Hinweis darauf her, in welchem Ausmaß die örtliche katholische Gemeinde auch in den 90ern noch von den schlesischen Heimatvertriebenen geprägt war, die sie rund viereinhalb Jahrzehnte zuvor gegründet hatten – 

"und vor allem: Sie missverstehen total den Umstand, dass sie hier die Gäste sind." 

All dieser Ärger hielt mich gleichwohl nicht davon ab, am Samstag der folgenden Woche erneut zum "Offenen Singen" gehen zu wollen – diesmal allein, da meine Schwester "übers Wochenende nach Hildesheim gefahren" war. Da ich allerdings erst noch eine Fersehsendung zu Ende sehen wollte, kam ich erst eine Viertelstunde nach der angekündigten Anfangszeit der Veranstaltung beim Pfarrhaus an, "und siehe da: Im Garten, wo das Singen eigentlich sein sollte, war niemand. Die Haustür war zu. Ich trottete wieder ab. Idioten!" 

Damit habe ich der chronologischen Erzählreihenfolge ein Stück vorgegriffen, also kehren wir mal zurück zum ersten Juliwochenende: Dass ich meinen Bericht über den Samstagabend mit dem Satz "Nun ja, es sollte noch schlimmer kommen" beendete, dokumentiert, dass ich meine Tagebucheinträge nicht unbedingt immer am selben Tag fertigstellte, denn diese Vorausdeutung bezog sich offenkundig auf die Sonntagsmesse am folgenden Tag, die "natürlich wieder von den Wellenbrechern gestaltet" wurde. "Adalbert spulte zur Begrüßung wieder den gleichen Eigenwerbungs-Text herunter wie letzte Woche"; was mich indes besonders verärgerte, war, dass zum Einzug "Heut ist ein Tag, an dem ich singen kann" von Detlev Jöcker gesungen wurde – ein Lied, das ich als "vom Niveau her megaflach" beurteilte und an dem ich insbesondere das Fehlen "jeglichen christlichen oder überhaupt religiösen Inhalts" bemängelte. "Der Pfarrer musste in seinem Begrüßungswort mühsam einen Bezug zum Anfangslied schustern." Dass, wie ich fand, "die christliche Botschaft und Motivation bei Adalberts Crew arg kurz" kam, zeigte sich auch und erst recht in dem, "[w]as die Wellenbrecher" – außer Musik – "sonst noch so auf der Pfanne hatten": "Ganz schlimm wurde es [...], als sie die Predigt durch ein Anspiel zu ersetzen versuchten." Über den Inhalt dieses Anspiels habe ich leider nichts notiert, als Urteil aber festgehalten: "Zwar war es eine gerade für die Kinder nachvollziehbare Situation, die da gespielt wurde, aber die Aussagekraft fehlte mal wieder total. Deshalb schoss Alfons auch noch eine Kurzpredigt hinterher." 

Als Fazit aus dieser zweiten von den Wellenbrechern mitgestalteten Sonntagsmesse hielt ich fest, das nächste Strandkorbkirchen-Team, das in der übernächsten Woche erwartet wurde, könne im direkten Vergleich "eigentlich nur besser werden"; aber zuvor war ja noch ein dritter Sonntag mit den Wellenbrechern zu durchleiden – und dieser war ganz und gar nicht dazu angetan, die Einschätzung der Wellenbrecher als "das miserabelste Team, das die Strandkorbkirche je gehabt hatte" zu revidieren: 

"Diesmal hatte Adalbert eine andere Begrüßungsrede auf der Pfanne. Die Wellenbrechermusik war aber genauso wie immer. Genauso flach wie immer. Teilweise tat es schon weh. Einen Beitrag zur Predigt muteten uns die Wellenbrecher auch noch zu" – wiederum in Form einer Art Anspiel, und zwar zum Begriff "Selbstlosigkeit". Dazu notierte ich zunächst einmal, dass diese Vokabel "mir persönlich überhaupt nicht gefiel, wenn man sich mal die eigentliche Bedeutung des Wortes vor Augen führte" – wobei ich mit eigentlicher Bedeutung ein strikt wörtliches Verständnis meinte: Selbstlos ist jemand, der kein Selbst hat. Darüber könnte man jetzt lang und breit philosophieren, aber dazu lud das Wellenbrecher-Anspiel nun nicht gerade ein: 

"Die Wellenbrecher drückten einigen Kindern Schilder in die Hand, auf denen der Begriff "Selbstlosigkeit" (oder das, was man im positiven Sinne darunter verstand) konkretisiert wurde (auf andere eingehen usw.). Dazu sollte sich die Gemeinde Gedanken machen und die auch äußern. Ziemlich uneffektiv, die Aktion. Danach folgte noch eine 'richtige' Predigt." 

Zu erwähnen wäre auch noch, dass diese Messe von einem polnischen Gastpriester zelebriert wurde, "er hieß Woyzeck oder so ähnlich" – ich vermute, die korrekte Schreibweise wäre Wojciech gewesen, aber auch in den Tagebucheinträgen der darauffolgenden Wochen taucht er beharrlich als Woyzeck auf. Interessant ist, dass dieser Priester in meinen Tagebuchaufzeichnungen aus diesem Sommer zweimal eine bemerkenswerte Rolle spielt, und beide Male hat diese Rolle mit der Gestaltung des Vaterunser in der Sonntagsmesse zu tun. Die Wellenbrecher hatten in der dritten und letzten Messe, an der sie beteiligt waren, "eigentlich einen Vaterunser-Song eingeplant", aber der Zelebrant wusste das nicht oder dachte im entscheidenden Moment nicht daran und betete das Vaterunser "ganz selbstverständlich 'in prosa' vor, und alle beteten mit" – wodurch der an dieser Stelle vorgesehene Song wegfiel, "und der schöne Adalbert grämte sich darüber offenbar so sehr, dass er das Vaterunser nicht mitsprach." 

Die letztere Beobachtung unterstreicht natürlich meinen Eindruck, dass die Mitwirkung der Wellenbrecher an der "Gottesdienstgestaltung" weniger darauf ausgerichtet war, "zum Lob Gottes" zu dienen, als vielmehr auf "reine Selbstdarstellung"; ehe ich aber darauf komme, "[w]as mich an den Wellenbrechern besonders störte, außer [!] der Überheblichkeit, der mangelnden Kooperation mit der Gemeinde und der Beschränkung der Aktivität auf die Gottesdienstgestaltung", sei noch auf ein Detail meiner Aufzeichnungen hingewiesen: Am 9. Juli fand im Rat-Schinke-Haus ein Glaubensgespräch statt, auf dessen Inhalt ich wohl eher unter dem Reihentitel "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" näher eingehen werde, zu dem ich jedoch notierte, dass "zwei [Frauen] von der Strandkorbkirche" daran teilnahmen – vermutlich Familienangehörige der Wellenbrecher, denn wenn sie selbst in der Band gespielt hätten, hätte ich das wohl erwähnt. Der Gesprächsabend hatte "kein angekündigtes Thema", drehte sich aber schwerpunktmäßig um die Begriffe Umkehr und Nachfolge; im Zuge der Schilderung des Diskussionsverlaufs gab ich zu Protokoll: "Die Strandkorbkirchen-Frauen saßen nur dabei und hörten mehr oder weniger aufmerksam zu. Es war wohl nicht ganz ihr Thema." 

Noch heute ausgesprochen bemerkenswert finde ich es, in welchem Maße meine Generalkritik an drei Wochen "Wellenbrecher als Strandkorbkirche" sich auf die "Botschaft" konzentrierte, "die die Wellenbrecher verbreiteten, in ihren Liedern und ihren misslungenen 'Anspielen'": Ich bewertete sie als "eine 'Friede, Freude, Eierkuchen'-Botschaft", durch die der christliche Glaube "auf die Botschaft der Nächstenliebe reduziert" werde – und dies münde geradewegs in "die Theorie der Selbsterlösung": "Wenn alle Leute Nächstenliebe verwirklichten, gäbe es den Himmel auf Erden. Gott kam in dieser Botschaft so gut wie überhaupt nicht vor". Völlig abwesend sei in dieser Verkündigung "die Erkenntnis, dass man nicht von sich selbst Heil und Erlösung bekommen [kann], sondern nur von Jesus Christus". Das formulierte ich wohlgemerkt im zarten Alter von sechzehn Jahren; auffällig ist an dieser Passage aber noch etwas ganz Anderes: Wenn dies mein Hauptkritikpunkt an diesem Strandkorbkirchenteam war, an dem ich ja, wie wir gesehen haben, auch in anderer Hinsicht so allerlei zu bemängeln hatte, dann spricht das dafür, dass ich, auch im Rahmen der Urlauberseelsorge, eigentlich ein anderes theologisches und katechetisches Niveau erwartete. Anders ausgedrückt: Wäre die besagte "Friede, Freude, Eierkuchen"-Botschaft das, was ich von der Strandkorbkirche insgesamt gewohnt war oder erwartete, hätte ich keinen Grund gehabt, es diesem Team besonders vorzuwerfen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass es sich eher um einen graduellen Unterschied handelte und mein Urteil über die Wellenbrecher durch die erwähnten sonstigen Ärgernisse verschärft wurde. Aus heutiger Sicht würde ich jedenfalls sagen, dass das, was ich den Wellenbrechern in der oben zitierten Generalkritik vorgeworfen habe, drei Jahrzehnte später so ziemlich den Standard in der post-kirchlichen Kinderkatechese abbildet, wenn ich etwa an Familiengottesdienste in Berlin-Tegel denke, die ich durchlitten habe. Darüber, woran es liegt, "dass Kindergottesdienste oder andere Formen kirchlicher 'Angebote' für Familien mit jungen Kindern heute nicht wesentlich anders aussehen als vor dreißig Jahren", habe ich mir auf meinem Blog schon des Öfteren Gedanken gemacht, wiederhole hier aber gern nochmal meine Kernthesen dazu: Die Leute, die heute in den Pfarrreien ehrenamtlich Familienarbeit machen, sind – ebenso wie die Eltern, die ihre Kinder zu den entsprechenden Angeboten schicken – selbst mit dieser Art kirchlicher Kinderbespaßung (Katechese kann man es ja kaum nennen) aufgewachsen und meinen daher, das müsste so sein, bzw. haben keine Vorstellung davon, dass es auch anders gehen könnte. Verschärft wird das dadurch, dass im post-volkskirchlichen Normalbetrieb eben schwerpunktmäßig die Leute "dabei bleiben", die das, was ihnen als Kindern geboten wurde, gut fanden – während die, die sich von diesen Angeboten nicht angesprochen gefühlt haben, sich unterwegs mehr oder weniger geräuschlos verflüchtigt haben. So gibt es "systemimmanent" kaum Impulse zur Veränderung, und folgerichtig wird es immer schwieriger, Leute außerhalb der eigenen Filterblase zu erreichen – sofern das überhaupt angestrebt wird. 

Um an dieser Stelle mal ein Zwischenfazit meiner Tagebuchaufzeichnungen zur Urlauberkirchen-Saison des Jahres 1992 zu ziehen, würde ich mal sagen, über meine damalige Haltung gegenüber der Strandkorbkirche verraten diese Notizen im Wesentlichen dreierlei: 

  1. Ich war grundsätzlich an allem, was die Strandkorbkirche veranstaltete, interessiert und war bemüht, möglichst immer und überall dabei zu sein. Das erklärt sich sicherlich zum Teil daraus, dass in der Urlauberkirchen-Saison "endlich mal was los war" im Dörfchen und in der Kirchengemeinde, aber darüber hinaus natürlich auch daraus, dass mein Interesse an religiösen Fragen, das mir schon in einem meiner ersten Grundschulzeugnisse attestiert worden war, zu dieser Zeit gerade einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. 
  2. Gleichwohl beurteilte ich die Qualität des Strandkorbkirchen-Programms, gerade unter dem Aspekt der religiösen Substanz, insgesamt kritisch. 
  3. Den Urlauberkirchen-Einsatz der Gruppe Wellenbrecher fand ich auch im Vergleich zu anderen, früheren Strandkorbkirchen-Teams besonders schlecht, und zwar allem Anschein nach mit erheblichem Abstand. 

Aus heutiger Sicht möchte ich anmerken: Zwar würde mein Urteil über die Musik der Wellenbrecher heute wohl kaum weniger negativ ausfallen – eher sogar noch negativer, weil ich, auch was den Aspekt der technischen Professionalität angeht, mehr Vergleichsmöglichkeiten habe –, aber gleichzeitig muss ich anerkennen, dass die Strandkorbkirche damals doch insgesamt erheblich mehr auf die Beine gestellt hat, als die Sommerkirche in Butjadingen es heutzutage tut. Diese Feststellung entwertet natürlich meine damalige Kritik nicht; es handelt sich eher um einen Fall von "Schlimmer geht's immer". Tendenziell positivere Impulse verspricht die Fortsetzung zu diesem Artikel, in der es um die zweite Hälfte meiner Sommerferien im Jahr 1992 geht. Diese Fortsetzung wird demnächst auf Patreon und dann hoffentlich rund eine Woche später auch hier erscheinen... 


Samstag, 19. September 2026

Utopie und Alltag 43: Siehe, wie fein und wie lieblich

Ich hatte es schon angekündigt: Eine gewichtige Rolle in diesem Wochenbriefing wird die Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche spielen, bei der wir am vorigen Wochenende waren. Ist ja mal eine vielleicht ganz willkommene Abwechslung von dem ganzen "Oh, oh, wir ziehen um" und "Oh, oh, ich fange an zu studieren" der letzten Wochen; und obendrein bietet es Gelegenheit zu einigen Reflexionen über mein Verhältnis zu evangelischen Freikirchen im Allgemeinen und dieser Gemeinde im Besonderen, nachdem ich vor einiger Zeit eine kritische Anfrage zu diesem Thema in den Leserkommentaren meines Blogs erhalten und diese noch nicht so richtig beantwortet hatte. – Im Vergleich dazu, was es über diese Gemeindefreizeit zu berichten und zu reflektieren gibt, fällt alles andere, was es in der zurückliegenden Woche noch so an Berichtenswertem gegeben hat, kaum ins Gewicht; aber das wird nächste Woche wieder anders... 

Bis zum vorigen Wochenende war mir gar nicht bewusst, dass dieser Bibelvers die Jahreslosung für 2026 ist. Passt aber bemerkenswert gut, finde ich.

Abenteuer in der Uckermark 

Wie, dem Vernehmen nach, schon seit gut eineinhalb Jahrzehnten fand die Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche wieder in einem Feriendorf in der Nähe von Templin in der Uckermark statt, das von der Berliner Stadtmission betrieben wird und daher einen erkennbar christlichen Charakter trägt, was sich u.a. in Bibelsprüchen an den Wänden der Unterkünfte und des Speisesaals niederschlägt, vor allem aber darin, dass es mitten auf dem Gelände eine Kapelle gibt – die schon während der Gemeindefreizeit im vorigen Jahr ein besonderer Lieblingsplatz von mir war und in die ich mich auch dieses Jahr wieder mehrmals zurückzog. 

Der Gesamtablauf des Wochenendes unterschied sich kaum wesentlich von dem des Vorjahres, wenn man davon absieht, dass es heuer keine Taufe gab, dafür aber einen Abendmahlsgottesdienst ("Brotbrechen"); aber dazu später. Wie im Vorjahr reisten wir am Samstagnachmittag mit Bahn und Bus an, wurden als Familie in einer kleinen Holzhütte einquartiert (allerdings nicht in derselben wie im Vorjahr), um 18 Uhr gab es gemeinsames Abendessen, dann etwas Freizeit zum individuellen "Ankommen", und der erste richtige Programmpunkt war wieder ausgerechnet ein Spieleabend. Meine nach den Erfahrungen des letzten Jahres festgehaltene Hoffnung auf ein Alternativprogramm für Introvertierte erfüllte sich somit nicht, aber ich bin ja selber schuld – ich hätte das vielleicht mal im Vorfeld gegenüber den Verantwortlichen anregen sollen. Zunächst hatte ich noch die Hoffnung, ich könnte an der Begrüßung noch teilnehmen und mich dann verpieseln, bevor die Spiele anfangen, aber wie sich zeigte, wurden schon beim Betreten des Saales die Teams für den Spieleabend eingeteilt, also machte ich direkt auf dem Absatz kehrt und verzog mich erst in die Kapelle, wo ich Vesper und Rosenkranz betete, und dann in unsere Hütte. 

Am nächsten Morgen ging ich dennoch unverdrossen zum Frühgebet mit Kaffee und empfand diesen Programmpunkt, wie schon im Vorjahr, als außerordentlich bereichernd; schon damals hatten mich meine Eindrücke vom Frühgebet dazu angeregt, dem Vergleich zwischen frei- und volkskirchlicher Gebetspraxis einen eigenständigen Artikel zu widmen, der allerdings über das Entwurfsstadium bis heute nicht hinausgekommen ist. Diesen Artikel möchte ich jetzt auf jeden Fall wieder aufgreifen, zumal bei der diesjährigen Gemeindefreizeit noch einige neue Denkanstöße hinzugekommen sind. 

Nach dem Frühgebet gab's Frühstück, und um 10 Uhr stand dann eine sogenannte "Session" an, die, wie ich es schon im Vorjahr geschildert habe, "im Prinzip ähnlich aufgebaut [war] wie ein Sonntagsgottesdienst dieser Gemeinde": 

"Begrüßung, Lobpreis, dann wurden die Kinder zum separaten Kinderprogramm 'rausgeschickt, und für die Erwachsenen gab's einen Vortrag, den man, wenn die Veranstaltung offiziell als Gottesdienst deklariert gewesen wäre, wohl als Predigt bezeichnet hätte." 

Ich ging mit zum Kinderprogramm, über das ich mich inhaltlich weiter unten in einem separaten Abschnitt äußern werde; danach gab's Mittagessen und dann etwas Zeit zur freien Gestaltung, die ich u.a. dazu nutzte, in der Kapelle erst die Sext und dann einen Rosenkranz zu beten. Das Responsorium zur Kurzlesung in der Sext lautete, angelehnt an Psalm 133

V: Wie gut ist es doch und wie schön / Wenn Brüder miteinander wohnen in Eintracht. 

R: Dort spendet der Herr Segen und Leben in Ewigkeit. 

Ein schönes und stimmiges Motto für das Gemeindefreizeits-Wochenende, fand ich. – Fürs Nachmittagsprogramm hatte man die Auswahl zwischen allerlei Workshop-Angeboten; dazu gehörten u.a. ein Gesangsworkshop ("Zweite Stimme singen lernen") und ein Waldspaziergang mit Pilzkunde. Für die Kinder gab es ein Bastelangebot, und als wir unsere Kinder fragten, ob sie (ohne uns) basteln gehen wollten, bejahten sie begeistert; also hatten meine Liebste und ich "frei" und konnten beide zum Workshop "Gottes Wort im Familienalltag". Unter dieser Überschrift konnte man sich ja durchaus allerlei Verschiedenes vorstellen, tatsächlich ging es aber darum, wie man Kinder an die Bibel heranführen kann. Darauf werde ich, ebenso wie auf das Kinderprogramm am Vormittag, weiter unten näher eingehen. 

Auf die Workshops folgte das Abendessen, danach war wieder ein bisschen freie Zeit bis zum Lobpreisabend, auf den ich vielleicht ein andermal noch näher eingehen werde; unser Jüngster schlief während des Lobpreisabends ein, sodass ich ihn nach diesem Programmpunkt in unsere Unterkunft und in sein Bett tragen musste. Anschließend war noch Lagerfeuerabend, und da hatte ich eigentlich auch Lust drauf, aber wie es schien, hatte der Lagerfeuerabend keine Lust auf mich. Mich in eine gesellige Runde zu integrieren, in der sich so ziemlich alle untereinander besser kennen als mich, fällt mir grundsätzlich nicht leicht, zudem waren einige Gemeindemitglieder, zu denen ich einen guten Draht habe, nicht da, und außerdem fehlte es an Bier. Das Tochterkind hatte, nachdem mehrere Versuche, am offenen Feuer Marshmallows zu rösten, fehlgeschlagen waren, ebenfalls keine Lust mehr, also gingen wir schlafen. 

Der nächste Tag begann für mich wieder mit Frühgebet, und beim anschließenden Frühstück hatte ich ein Erlebnis, das mein am Abend zuvor aufgetretenes Unbehagen darüber, unter den Teilnehmern dieser Freizeit doch irgendwie ein Außenseiter zu sein, gründlich hinwegfegte: Eine Frau, mit der ich erst einmal in meinem Leben gesprochen hatte und von der ich nicht einmal den Namen wusste, fragte mich, ob sie sich zu uns setzen dürfe oder ob wir als Familie lieber unter uns bleiben wollten – ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass jemand das denken könnte. Jedenfalls lud ich sie an unseren Tisch ein, und wir unterhielten uns ausgesprochen gut. 

Zum Sonntagsgottesdienst (mit Abendmahl bzw. "Brotbrechen") reisten, wie ich es schon im Vorjahr beobachtet hatte, auch einige Gemeindemitglieder an, die ansonsten nicht an der Freizeit teilgenommen hatten; anders als am Samstag (und auch anders als bei den "normalen" Sonntagsgottesdiensten dieser Gemeinde) wurden die Kinder nicht erst nach Begrüßung und Lobpreis 'rausgeschickt, sondern das Kinderprogramm begann gleichzeitig mit dem Gottesdienst und unsere Kinder gingen da allein hin. Damit war nun natürlich meine übliche exit strategy dahin, und ich überlegte schon, ob ich in den sauren Apfel beißen und mir eine ca. 90minütige Predigt von einem der Gemeindeältesten anhören sollte, kam aber zu dem Schluss, dass ich diese Zeit lieber für eine private Gebetszeit in der Kapelle (mit Terz und Rosenkranz) nutzen wollte, also verkrümelte ich mich nach dem Lobpreis so geräuschlos wie möglich. – Ziemlich unmittelbar nach dem Mittagessen ging es dann auch "schon" an die Abreise; aber ich denke, diese Überblicksdarstellung macht schon deutlich, dass es ein ausgesprochen intensives Wochenende war, und eben drum wird es in den folgenden Abschnitten noch Manches zu vertiefen geben! 


Gemeindeaufbau à la Robinson Crusoe 

Zu den im Einleitungs-Absatz bereits angekündigten Reflexionen darüber, wie ich als Katholik mein Verhältnis zu der freikirchlichen Gemeinde sehe, mit der ich nun schon zum zweiten Mal auf Wochenendfreizeit war, möchte ich mal einen anekdotischen Einstieg präsentieren. Am Ankunftsabend wurde uns mitgeteilt, dass ein – sagen wir mal – prominentes Gemeindemitglied seinen 60. Geburtstag feierte und von der Gemeinde ein "Glas der Wertschätzung" geschenkt bekommen sollte: ein Glas voller bunter Papierstreifen, auf die die Teilnehmer der Gemeindefreizeit etwas schreiben sollten, was sie am Geburtstagskind schätzen. Ich muss gestehen, dass es mir zunächst nicht leicht fiel, zu diesem Geschenk etwas beizutragen. Der Jubilar hat die Gemeinde mitbegründet und hat, soweit ich weiß, zwar kein offizielles Amt in der Gemeindeleitung (mehr) inne, scheint aber dennoch so etwas wie der Chefideologe oder Oberste Glaubenshüter dieser Gemeinde zu sein, oder zumindest scheint es, dass er von den Gemeindemitgliedern, auch und gerade auf der Leitungsebene, so wahrgenommen und behandelt wird. Auf mich wirkte er, als ich ihn die ersten Male als Redner bei Gemeindeveranstaltungen erlebte, sehr eitel und auf Selbstdarstellung bedacht, und dieser erste Eindruck war bei mir hängengeblieben; hinzu kamen grundsätzliche Bedenken gegenüber der Art und Weise, wie er Gedanken, die ihm bei seinem privaten Bibelstudium in den Kopf kommen, als Lehre an die Gemeinde weitergibt. Das berührt natürlich prinzipielle Fragen der Lehrautorität, die im protestantischen Bereich, und in Freikirchen noch mal extra, ein generell schwieriges Thema sind. 

Schließlich schrieb ich auf den Zettel: "Ich bewundere Deinen Mut in der Wahl Deiner Hemden". Da haben wir eine Sache, die der Chefprediger der The Rock-Gemeinde mit Johannes Hartl gemeinsam hat. Wenn man genau hinschaut, kann man vermutlich noch ein paar weitere Gemeinsamkeiten entdecken. 

Sein neuester Spleen ist, dass er sich ein antiquarisches Gesangbuch mit geistlichen Liedern aus dem 17. und 18. Jahrhundert zugelegt hat und sich nicht nur an der altertümlichen Sprache erfreut, sondern auch und erst recht an der Prägnanz der theologischen Aussagen, die, wie er meint, Liedtexten aus neuerer Zeit oft abgehe. Und auch da zieht die Gemeinde voll mit, bis hin dazu, dass beim Lobpreisabend und im Sonntagsgottesdienst Paul-Gerhardt-Lieder gesungen werden, wenn auch zum Teil in lobpreismäßig poppigen Neuvertonungen. – Immerhin kann ich aber festhalten, dass ich den Chefprediger der The Rock-Gemeinde an diesem Wochenende, beispielsweise in seinen Impulsen zur Eröffnung der Frühgebets-Runden an beiden Tagen (für die er, jawohl, Verse aus dem besagten Gesangbuch als Anknüpfungspunkt nahm), nichts habe sagen hören, was ich falsch oder fragwürdig gefunden hätte; und im Übrigen habe ich angefangen, seine Position in dieser Gemeinde mit etwas mehr Empathie zu betrachten. Ich meine, wenn ich mir vorstelle, Leute würden mich in dieser Weise als geistliche Autorität betrachten und behandeln – da graut mir vor der Vorstellung, was das mit mir machen würde. Damit will ich sagen, so eine Position in einer Gemeinde ist durchaus und nicht zuletzt auch eine Bürde, und die trägt er unterm Strich dann doch recht wacker, besonders wenn man bedenkt, dass er das ohne den Beistand der Sakramente tun muss. 

"Ohne den Beistand der Sakramente" ist in diesem Zusammenhang übrigens ein sehr gewichtiger Punkt. Ich hatte schon öfter den Gedanken gehabt, freikirchliche Christen – nicht nur speziell in dieser Gemeinde, aber zu dieser habe ich halt am meisten Kontakt – verhielten sich in Bezug auf ihren Glauben wie Bewohner einer abgelegenen Insel fernab der Zivilisation, die noch nie etwas vom Christentum gehört hatten, bis eines Tages eine Bibel am Ufer angeschwemmt wurde; und nun versuchen sie allein anhand der Bibel, sich zusammenzureimen, was christlicher Glaube ist. Und wie weiland Robinson Crusoe auf seiner Insel den Prozess der Zivilisation im Ein-Personen-Maßstab wiederholte, versuchen diese Gläubigen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln "Kirche" nachzubauen. Ich fand das immer irgendwie tragikomisch, aber an diesem Wochenende habe ich, wie ich glaube, erstmals ein Gespür dafür bekommen, dass viele freikirchliche Christen ihren Glaubensweg tatsächlich so erleben. Und das ist, wenn man es recht bedenkt, ein schwerer Vorwurf gegen die Kirche – nicht gegen die Una Sancta in ihrer Idealgestalt als Braut Christi und Verwalterin aller Gnaden, aber gegen die institutionelle Gestalt der Kirche, wie sie sich den Suchenden konkret vor Ort präsentiert, oder vielleicht auch gerade nicht präsentiert, weil sie zu sehr mit kleingärtnerischer Bestandskundenpflege beschäftigt ist, um sich um Außenstehende zu kümmern. Wobei selbst diese Bestandskundenpflege oft nicht besonders viel in Sachen Glaubensweitergabe leistet. Case in point: Beim Workshop "Gottes Wort im Familienalltag" wurde eine junge Frau, die mit ihrem Baby da war, gefragt, ob sie denn selbst christlich aufgewachsen sei, und antwortete: "Traditionell katholisch, also nein." Ich nehme an, dass sie "traditionell katholisch" nicht im traditionalistischen Sinne meinte, sondern eher im Sinne eines oberflächlich-konventionellen Kulturkatholizismus; aber bedenklich ist es doch so oder so, dass jemand in der katholischen Kirche aufwachsen und im Rückblick urteilen kann, das Evangelium Jesu Christi nicht dort, sondern erst später in einer Freikirche kennengelernt zu haben. Und das ist ja nun nicht gerade ein Einzelfall: Wenn man sich ein bisschen in freikirchlichen Kreisen umhört, hört man von solchen Glaubensbiographien durchaus öfter

Das bringt mich nun auf einen konkreten Kritikpunkt aus dem im Einleitungs-Absatz bereits angesprochenen, bislang unbeantworteten Leserkommentar: nämlich die Kritik daran, die Evangelisierungsbemühungen einer freien Gemeinde zu unterstützen und es damit "derartigen Gruppen" zu ermöglichen, "Menschen an sich zu binden, die damit nicht Teil der katholischen Kirche werden können". Ich hätte daraufhin einfach auf einen Artikel verweisen können, den ich schon anno 2017 geschrieben und veröffentlicht habe, aber nun finde ich, es bietet sich an, die dort skizzierten Gedanken unter Einbeziehung meiner Eindrücke von der Gemeindefreizeit weiterzuentwickeln. Gewiss, wenn man daran glaubt, dass die ganze Fülle des christlichen Glaubens nur in der katholischen Kirche zu finden ist – und das tue ich nach wie vor –, dann ist es nur folgerichtig, zu wünschen, Menschen, die auf der Suche nach Sinn und Orientierung (und somit, ob es ihnen bewusst ist oder nicht, nach Gott) sind, würden "Teil der katholischen Kirche werden" statt in einer freien Gemeinde zu landen. Es wäre aber eine illusorische Vorstellung, anzunehmen, die Chancen dafür, dass diese Suchenden "Teil der katholischen Kirche werden", wären größer, wenn es die freien Gemeinden mit ihren Evangelisierungsbemühungen nicht gäbe; weit eher würden dann viel mehr Menschen überhaupt nie mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen. Die freien Gemeinden stoßen in eine Lücke, die die katholische Kirche offen lässt, weil sie nach außen hin nicht missionarisch genug ist und nach innen nicht genug (oder zu schlechte) Katechese betreibt. 

Im Grunde müssen wir katholischen Christen uns also fragen lassen: Was tun wir dafür, dass Leute bei uns landen? Die in den letzten Jahren signifikant gestiegenen Zahlen von Erwachsenentaufen und Konversionen deuten zwar darauf hin, dass da durchaus etwas passiert – gerade übrigens in unserer Wahlgemeinde in Siemensstadt, woran offenbar die Neokatechumenale Gemeinschaft erheblichen Anteil hat –, aber wenn man sich anschaut, was so eine kleine freie Gemeinde in Haselhorst mit vielleicht 80-100 aktiven Mitgliedern so alles auf die Beine stellt, dann gibt die katholische Kirche, der doch eigentlich ganz andere Möglichkeiten zu Gebote stehen, vielerorts doch ein recht armseliges Bild ab. 


Concerning the Sonntagsschulproblem 

Wie oben bereits angkündigt, möchte ich auch denjenigen Aspekten der Gemeindefreizeit, die für das Thema "Glaubensweitergabe an Kinder" relevant sind, einen eigenen Abschnitt widmen; und auch für diesen habe ich einen anekdotischen Einstieg in petto. Als Frau und Kinder vom Spieleabend zurückkamen, lag ich schon im Bett; und so bekam ich, zunächst durch die geschlossene Schlafzimmertür, mit, wie das Tochterkind sich anhand von Bildern spontan eine Geschichte ausdachte: 

"Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten in ihrem Garten einen Apfelbaum. Und sie liebten die Welt, so wie sie war, und beteten zu Gott und liebten ihren Apfelbaum. Und sie weinten über ihre Sünden und tranken zur Erheiterung ein Glas Wein. Eines Tages wollten sie ans Meer fahren und ein Fischbrötchen essen..." 

Wie sich zeigte, gehörten die Bilder, die das Tochterkind zu dieser Erzählung inspiriert hatten, zu einem Emoji-Bibel-Quiz

Das Kinderprogramm bei der Gemeindefreizeit wurde nicht von den bekannten und bewährten JAM-Mitarbeitern geleitet, sondern von zwei Frauen vom Verein "Evangelium für Kinder"; wie schon erwähnt, kam ich am Samstagvormittag zum Kinderprogramm mit, und dabei ging mir durch den Kopf, dass ich, wenn wir nicht an der Gemeindefreizeit teilgenommen hätten, ziemlich genau zur selben Zeit mit dem Tochterkind beim Erstkommunionunterricht gewesen wäre. Tatsächlich wurden da sogar teilweise dieselben Kennenlernspiele gespielt. Zwölf Kinder nahmen an dem Programm teil, die wir praktisch alle vom JAM kannten; inhaltlich ging es um das Buch Jona, und als Einstieg in die Geschichte gab es erst mal ein Quiz zum Thema Seenotrettung. Originelle Idee, könnte man sagen; in der konkreten Umsetzung überzeugte es mich aber nicht so ganz, zumal die Quizfragen so schwer waren, dass die Kinder eigentlich nur raten konnten. Die Jona-Geschichte selbst wurde interaktiv als Rollenspiel gestaltet, wobei sich zeigte, dass die meisten Kinder die Geschichte schon kannten. Zum Schluss wurde ein Bibelvers – Psalm 50,15 – auswendig gelernt, mit Hilfe von Gesten, die die Kinder sich selbst ausdenken sollten. 

Die Jona-Geschichte wurde am ersten Tag nur bis zu Jonas Ankunft in Ninive erzählt bzw. nachgespielt; die Fortsetzung gab's am nächsten Tag, da war ich – wie gesagt – nicht dabei, aber als ich meine Kinder beim Mittagessen fragte, wie denn die Jona-Geschichte weitergegangen sei, konnten sie mir diese Frage recht detailliert und anschaulich beantworten. Auch der auswendig gelernte Bibelvers war nochmals wiederholt worden. – Aus Sicht der Kinder war das Programm unter dem Strich ein Erfolg, aber natürlich ging mir dabei erneut bzw. weiterhin durch den Kopf, was ich neulich auf Facebook zum Stichwort "Sonntagsschule" gelesen habe: dass eine Kinderkatechese, die im Wesentlichen auf das Nacherzählen von Bibelgeschichten und das Auswendiglernen von Bibelversen setzt, nicht ausreicht, um Kinder im Glauben stark zu machen. Nun, immerhin kann ich schon mal zu Protokoll geben, dass der eigenständige Artikel, den ich zu diesem Thema in Vorbereitung habe, Fortschritte macht. 

Auch über den Workshop "Gottes Wort im Familienalltag" wird in diesem Zusammenhang wohl etwas zu sagen sein. An diesem nahmen fünf Familien teil, von denen zwei Elternteile je ein Baby mitbrachten; und erst einmal muss ich anmerken, dass ich mir unter einem Workshop etwas Interaktiveres vorgestellt hätte: Tatsächlich hielt die Leiterin, die auch beim JAM zum Leitungsteam des Elterncafés gehört, fast die ganze Zeit einen Vortrag, meine Liebste und ich waren fast die einzigen, die sich in größerem Umfang trauten, unsere Perspektive einzubringen, ohne dass die Leiterin explizit danach fragte. Das fand ich schade, zumal ein Elternpaar dabei war, das wir vom JAM-Elterncafé kennen und das vier Kinder hat – die älteste Tochter ist wohl ein bisschen älter als unser Tochterkind, der jüngste Sohn vielleicht zwei oder drei Jahre alt; und ich denke mir, wenn wir beim Thema religiöse Kindererziehung schon mit zwei Kindern die Erfahrung machen, dass das, was bei einem Kind gut funktioniert, beim zweiten nicht unbedingt genauso geht, dann müsste eine Familie mit vier Kindern doch erst recht ein breites Spektrum von Erfahrungswerten haben. 

Gut fand ich an diesem Workshop die Ausgangsthese, man dürfe sich beim Thema "Glaubensweitergabe an Kinder" nicht allein auf die Programme der Gemeinde verlassen, sondern müsse auch im Familienalltag Raum dafür schaffen; in diesem Zusammenhang fiel auch der Satz "Rituale für die Kinder erfordern auch Disziplin seitens der Eltern". Problematisch fand ich hingegen wieder einmal die extreme sola scriptura-Auffassung, die sich etwa darin äußerte, dass die Leiterin meinte, man solle den Kindern nicht "eine bestimmte Theologie vorgeben", sondern lieber "das Wort Gottes für sich selbst sprechen lassen". Dass sie in diesem Zusammenhang u.a. sagte "Mein Traum war immer, mit den Kindern den Römerbrief zu studieren", fand ich durchaus sympathisch, aber die Vorstellung, die Glaubensweitergabe an Kinder solle sich in der Hauptsache darin verwirklichen, die Kinder über die Vorstufen von Bibelbilderbüchern und Kinderbibeln an die selbständige Bibellektüre heranzuführen, fand ich dann doch auf bezeichnende Weise befremdlich. Nun, um das zu vertiefen, fehlt mir hier schlichtweg der Platz und auch die Zeit; merken wir uns das also für den in Vorbereitung befindlichen Extra-Artikel vor. Erwähnt sei aber noch, dass wir am Mittwoch wieder beim JAM waren, und da ging es im Programm für die "Kids" (6-12 Jahre) darum, was es heißt, dass Gott den Menschen als Sein Ebenbild geschaffen hat – also welche Eigenschaften Gottes, die Er keinem anderen Seiner Geschöpfe gegeben hat, sich im Menschen wiederfinden. Das fand ich sehr gelungen. 


Da merkt man mal, wieso es Sonntagspflicht heißt 

Dass ich es vorgezogen hätte, am Sonntagabend nach der Rückkehr von der Gemeindefreizeit nicht ausgerechnet in Herz Jesu Tegel in die Abendmesse gehen zu müssen, hatte ich schon im vorigen Wochenbriefing angesprochen, und sonderlich überraschend ist das wohl auch nicht; also suchte ich, ehe wir uns am Sonntag nach dem Mittagessen auf die Rückreise nach Berlin machten, online nach Alternativen – wobei gesagt werden muss, dass die auf der Website des Erzbistums Berlin angebotene Suchfunktion nach Gottesdienstzeiten und –orten in Sachen Benutzerfreundlichkeit durchaus zu wünschen übrig lässt. Als das eigentliche Problem erwies es sich jedoch, dass es in Berlin insgesamt nicht besonders viele Sonntagabendmessen gibt, und in zumutbarer Distanz von unserem Zuhause – zumutbar vor allem unter dem Aspekt, dass wir alle müde waren, noch kein Abendessen gehabt hatten und zusehen mussten, dass wir die Kinder zu einer halbwegs vernünftigen Zeit ins Bett kriegten – kam eigentlich nur Herz Jesu Tegel infrage. (Übrigens kam mir im Zusammenhang mit meiner Suche nach einer Abendmesse eine Google-Bewertung zu Herz Jesu Tegel zu Gesicht, die dem leitenden Pfarrer ankreidete, er sei "nicht gerade empathisch genug die Gemeinde zu führen". Andere nehmen das also auch so wahr.) 

Zur Abendmesse erschienen um die 40 Leute, was, wenn man bedenkt, dass es in derselben Kirche auch morgens schon eine Messe gegeben hatte, vielleicht nicht als ausgesprochen schwacher Besuch bezeichnet werden muss, aber jedenfalls sah es nicht danach aus, dass der "prominente Gast" – Caritas-Direktorin Ulrike Kostka – Publikum "zog". Angesichts der Tatsache, dass sie und der Pfarrer sich duzten und mit dem Vornamen anredeten, ist wohl anzunehmen, dass es sich bei dem Umstand, dass Frau Kostka anlässlich des Caritas-Sonntags in der Messe "predigte", eher um eine private Gefälligkeit handelte. Wobei man sich natürlich fragen kann, wer da eigentlich wem gefällig war. 

Vielleicht um wenigstens pro forma der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das grundsätzliche Verbot von Laienpredigten in der Heiligen Messe erst unlängst wieder explizit bekräftigt worden ist, wurde die Ansprache der Caritas-Direktorin übrigens nicht ausdrücklich als Predigt bezeichnet; der Pfarrer kündigte in seinen Begrüßungsworten vielmehr an, Frau Kostka werde "das Wort Gottes ein wenig für uns auslegen" – aber genau das tat sie nicht: Vielmehr nutzte sie ihre rund zehnminütige Redezeit nahezu ausschließlich dazu, Projekte und Arbeitsfelder der Caritas vorzustellen, und wies im Übrigen mahnend auf die anstehenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hin. Auf die Bibel ging sie kaum ein und auf die Texte vom Tag (1. Lesung Jesus Sirach 27,30–28,7; 2. Lesung Römer 14,7‐9; Evangelium Matthäus 18,21-35) erst recht nicht; wenn sie hier und da mal eine religiöse Aussage in ihren Vortrag einfließen ließ, gerieten diese schmerzhaft banal (z.B. "Bei Gott gibt es keinen TÜV"). Davon, dass Frau Kostka – wie der Pfarrer in seinen Begrüßungsworten betont hatte – "promovierte und habilitierte Theologin" ist, merkte man da wahrhaftig nichts. Sogar der Pfarrer schien damit, dass Frau Kostka kaum auf das Evangelium vom Tag eingegangen war, nicht recht zufrieden zu sein, oder vielleicht konnte er auch nur den Wunsch nicht ganz unterdrücken, doch lieber selbst zu predigen; jedenfalls musste er partout noch einen eigenen Beitrag zur Auslegung des Evangeliums zwischen Eucharistisches Hochgebet und Vaterunser quetschen. 

Unterm Strich tut man wohl gut daran, sich darauf zu besinnen, dass diese Messe bei all ihren Mängeln und Ärgernissen letztlich eben doch eine Heilige Messe war, in der Brot und Wein wahrhaftig in Leib und Blut Christi gewandelt wurden, und dafür kann und sollte man dankbar sein, auch und gerade angesichts des Kontrasts zu einem freikirchlichen "Brotbrechen", bei dem sich die Geneindemitglieder einen Plastikbecher mit Wein und ein Stück Knäckebrot von einem Tablett mit an ihren Platz nehmen. Was alles andere angeht – das Ersetzen der Predigt durch einen Werbeblock für die Caritas, das darin zum Ausdruck kommende Lechzen nach "gesellschaftlicher Relevanz", die NGL-lastige Liedauswahl, der moralistisch-therapeutische Duktus der Fürbitten und des "Versöhnungshochgebets" –, kann man sich damit trösten, dass das nur noch die letzten Zuckungen eines Modells "von Kirche" sind, das im Wesentlichen bereits der Vergangenheit angehört. Dass rs in dieser wie zweifellos auch in vielen anderen Pfarreien offenkundig an einer Vision dafür fehlt, was danach kommen könnte, steht indes auf einem anderen Blatt.

Update Umzug und was sonst noch so los war 

In unserer neuen Wohnung haben wir uns inzwischen recht gut eingelebt, auch wenn noch nicht alle Umzugskartons ausgepackt sind und noch nicht alle Lampen hängen (d.h. an einigen Stellen baumeln noch nackte Glühbirnen von der Decke). Immerhin sind im Laufe der zurückliegenden Woche alle Regale bis auf eins angeschraubt worden, und ich habe ein Ersatzteil für den Waschmaschinenanschluss besorgt, sodass wir jetzt Wäsche waschen können, ohne hinterher Wasser vom Boden aufwischen zu müssen. Aber in der alten Wohnung sieht's noch chaotisch aus; da wartet also in den nächsten eineinhalb Wochen noch allerlei Arbeit auf uns! +++ Am Dienstag war Elternabend in der KiTa des Jüngsten, und da habe ich mich nach einigem Zieren und Zögern zum Elternvertreter wählen lassen. Zu einem von vier Eltervetetern. Mir wurde versichert, der Arbeitsaufwand halte sich in Grenzen. +++ Am Mittwoch büxte eine der beiden bei uns im Haus wohnenden Katzen aus, was natürlich besonders bei den Kindern für Beunruhigung sorgte; am nächsten Tag spazierte die pelzige Mitbewohnerin aber wohlbehalten wieder durch die angelehnte Gartentür in den Hausflur. Allerdings erkannte ihre Mitkatze sie zunächst nicht bzw. glaubte, sie wäre durch eine Doppelgängerin ersetzt worden – der Stoff, aus dem die Erbschleicherei-Thriller gemacht sind, nur eben mit Katzen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Wer immer das Eine vom Herrn erbittet, nach dem Einen verlangt (vgl. Ps 27,4), betet mit Gewissheit und Sicherheit. Er braucht nicht zu fürchten, dass es ihm schadet, wenn er es erhält. Ohne dieses Eine nützt nichts anderes, auch wenn er es in der rechten Weise erhalten hat. Das Eine ist ja das eine wahre und allein selige Leben, in dem wir auf ewig die Freude des Herrn schauen, unsterblich und unvergänglich an Leib und Seele. Wegen dieses Einen wird auch das Übrige gesucht, und wegen dieses Einen ist es nicht ungehörig, wenn man darum bittet. Wer dieses Eine besitzt, wird alles haben, was er wünscht. Er wird nur das Rechte wollen können, weil er anderes auch nicht besitzen kann. Denn dort ist der Quell des Lebens, nach dem wir jetzt im Gebet dürsten müssen, solange wir in der Hoffnung leben und noch nicht schauen, was wir erhoffen. 

(Augustinus, Brief an Proba) 


Ohrwurm der Woche 

Chris Isaak: Wicked Game 

Oben noch nicht erwähnt hatte die Kaffeepause am Samstagnachmittag bei der Gemeindefreizeit; während dieser bemächtigten sich zwei Leute, die ich nicht kannte, der für die Lobpreisband aufgebauten Instrumente und machten etwas Hintergrundmusik: Ein Mann mit langen Haaren und langem Bart, vielleicht ein bisschen älter als ich, vielleicht aber auch nur ein bisschen grauhaariger, spielte Gitarre, eine Frau um die 40 spielte Klavier, beide sangen. Nach Lobpreis klang die Musik, die sie machten, nicht gerade; und als ich dann das oben verlinkte Lied erkannte ("Moment... das ist doch nicht etwa... Doch, ist es!"), stellte ich mich kurzerhand dazu und sang mit. "Noch so'n Kuschelrocker", kommentierte der Gitarrist schmunzelnd. – Als am nächsten Morgen beim Frühgebet für einige Teilnehmer der Gemeindefreizeit gebetet wurde, die noch keine Christen seien bzw. "keine Beziehung zu Jesus haben", kam mir der Gedanke, dass die beiden Musiker möglicherweise zu diesen zählen – und gleichzeitig wunderte ich mich ein wenig über diesen Gedanken. Musste da an eine Passage aus dem "Tagebuch eines frommen Chaoten" denken, wo der Erzähler seinen neuen Nachbarn sieht, der zufrieden eine Pfeife raucht und insgesamt eine heiter-gelassene Lebensfreude ausstrahlt, und angesichts dieses Anblicks denkt "Unwahrscheinlich, dass er Christ ist". Lassen wir das mal so stehen... 


Vorschau/Ausblick 

Schon im vorigen Wochenbriefing habe ich in dieser Rubrik hervorgehoben, dass ein weiteres spannendes Wochenende bevorsteht: Heute war das insgesamt zweite, für mein Tochterkind und mich aber das erste Kurstreffen des Erstkommunionkurses für die Gemeinde St. Joseph Siemensstadt/St. Stephanus Haselhorst, und das muss im nächsten Wochenbriefing natürlich gebührend gewürdigt werden. Schade war, dass wir wegen dieses Termins nicht zu den Pfadfindern gehen konnten, denn da gab es heute auch etwas Besonderes: Vier Mädchen aus der Wölflingsmeute traten (altersbedingt) in die Pfadfinderinnengilde über, die Zeremonie dazu fand auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit statt. Warum gerade da? – Damit man anschließend von dort aus direkt zum Marsch für das Leben gehen konnte. Da stand für uns natürlich die Überlegung im Raum, nach dem Erstkommunionkurs noch dazuzustoßen; ob wir das tatsächlich tun würden, stand bei Redaktionsschluss aber noch nicht fest, und dasselbe gilt für die Frage, ob wir heute Abend zu einer Veranstaltung im Kardinal-Bengsch-Saal in Tempelhof gehen: Unter der Überschrift "Quiet Revival – Gibt es eine Rückkehr des Christentums?" diskutieren Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung und zwei prominente katholische YouTuber "über Erwachsenentaufen, Konversionen und die Erweckung des christlichen Glaubens", dazu gibt's Beichtgelegenheit, eine Popcornmaschine, Chili con Carne, Snacks und Drinks. Sollte man sich eigentlich nicht entgegen lassen – na, mal schauen, ob die Kinder mitziehen... Am morgigen 25. Sonntag im Jahreskreis findet in der Messe in St. Joseph Siemensstadt die Vorstellung der Erstkommunionkinder statt, außerdem sind Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Am Dienstag und Mittwoch muss ich zu einer Präventionsschulung des Erzbistums; einen Basiskurs für ehrenamtliche Mitarbeiter habe ich zwar schon vor bald drei Jahren absolviert, aber für hauptamtliche Mitarbeiter ist der nicht ausreichend, und auch wenn ich noch kein solcher bin, bin ich doch auf dem Weg dazu. Am Freitag findet dann eine Semesterauftakt-Veranstaltung des Erzbistums statt, deren Programm einen Workshop zum Thema "Kirche und Politik – wie geht das?" (vor dem mir ehrlich gesagt eher graut), aber auch eine Eucharistiefeier, einen Grillabend und "Zeit für Austausch und Gespräche" umfasst. Na, schauen wir mal. Und dann ist der Berichtszeitraum des nächsten Wochenbriefings auch schon wieder rum... 


Samstag, 12. September 2026

Utopie und Alltag 42: Every Day is Unboxing Day

Gott zum Gruße, Leser! Wenn dieses Wochenbriefing online geht, sitze ich zwar gerade nicht zwischen unausgepackten Umzugskartons in einer noch nicht vollständig eingerichteten Wohnung, aber insgesamt beschreibt das meine aktuelle Lebenssituation doch recht gut – im wortwörtlichen wie auch im metaphorischen Sinne, wobei mich gerade der Eindruck beschleicht, dass ich das so ähnlich in jeder der letzten drei, vier Wochenbriefing-Einleitungen geschrieben habe. – Am aktuellen Wochenende gönnen meine Familie und ich uns indes eine Auszeit vom Umzug, nämlich bei der Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche; aber darüber berichte ich nächste Woche. So gesehen hatte das vorliegende Wochenbriefing gewissermaßen einen vorgezogenen Redaktionsschluss am Freitag Mittag; aber darüber, was bis dahin so los war, gibt es auch wieder genug zu berichten... 


Gartengottesdienst mit doppeltem Primizsegen 

Der mit Spannung erwartete "große Umzug", also der Transport der meisten und wichtigsten Möbel von der alten in die neue Wohnung, ging am vorigen Samstag innerhalb von drei Stunden am Vormittag erfreulich unkompliziert über die Bühne, und seitdem wohnen wir im Wesentlichen bereits in der neuen Wohnung, auch wenn wir aus der alten noch nicht ganz raus sind und auch noch nicht umgemeldet sind. Die erste Nacht im neuen Zuhause verlief jedenfalls für alle Familienmitglieder gut, obwohl die Übernachtungssituation für die Eltern bis auf Weiteres durchaus herausfordernd ist: Für ein so großformatiges Familienbett, wie wir es in der alten Wohnung hatten, ist in der neuen einfach nirgends Platz, also haben wir uns erst mal ein provisorisches Matratzenlager geschaffen und warten jetzt auf die ausstehende Steuerrückerstattung, um uns ein den Dimensionen der Wohnung angemessenes Schlafsofa kaufen zu können. – Nach dem Frühstück machte ich mich mit dem Tochterkind auf den Weg nach Haselhorst, wo der "RKF-Projektchor" in der Messe singen und nach Möglichkeit vorher noch einmal proben sollte. Eigentlich dachten wir, wir wären früh genug losgegangen, um eine halbe Stunde vor Beginn der Messe in St. Stephanus zu sein, aber leider fand an diesem Sonntag ein Halbmarathon statt, der am Rathaus Reinickendorf startete und in weitem Umkreis den Verkehr lahmlegte. Am Ende fanden wir mit Mühe und Not eine Busverbindung mit dreimal Umsteigen und kamen knapp rechtzeitig zum Beginn der Messe; die Liebste und der Jüngste, die von vornherein eine andere Busverbindung genommen hatten, waren sogar vor uns da. Die Chorprobe war allerdings, wie sich zeigte, mangels Beteiligung sowieso ausgefallen; ohnehin war der Gemeindekirchenmusiker, der bei der RKF die Chorproben mit den Kindern geleitet hatte, an diesem Wochenende wegen anderer Termine verhindert, und somit lautete das Gesamtergebnis, dass es "offiziell" keinen Beitrag des "RKF-Projektchors" zur musikalischen Gestaltung der Messe gab – inoffiziell aber doch, denn die drei Lieder, die die Kinder eingeübt hatten, wurden trotzdem gesungen, nur eben von der ganzen Gemeinde. 

Wie schon angekündigt, wurde die Messe zum Auftakt des Gemeindefestes im Garten von St. Stephanus gefeiert, und als besondere Attraktion feierten zwei frisch geweihte Priester des Erzbistums Berlin in dieser Messe Nachprimiz. Diese beiden jungen Männer, von denen der eine aus der Dominikanischen Republik, der andere aus Italien stammt, spendeten nicht nur zum Abschluss der Messe einen allgemeinen Primizsegen, sondern standen anschließend noch für alle, die das wollten, zu einem Einzelsegen zur Verfügung. Wir wollten natürlich. "Früher hat man gesagt, vom Primizsegen latscht man sich zwei Paar Sandalen durch", merkte der Pfarrvikar in seinen Begrüßungsworten an. "Also, es ist eine besondere Gnade." 

Interessant ist natürlich auch und nicht zuletzt, warum diese beiden Neupriester – die zusammen buchstäblich die Hälfte des aktuellen Weihejahrgangs im Erzbistum Berlin ausmachen – hier ihre Nachprimiz feierten. Die Antwort auf diese Frage lautet: Sie gehören beide der 1. Neokatechumenalen Gemeinschaft in Siemensstadt an. Insgesamt, so verriet der Pfarrvikar, sind aus dieser Gemeinschaft schon neun Priester hervorgegangen: "Das heißt, wo der Glaube ist, gibt es auch eine Fruchtbarkeit und eine Fülle des Reichtums." 

Im Evangelium dieses Sonntags – Matthäus 18,15-20 – ging es um die brüderliche Zurechtweisung, und als damit korrespondierende 1. Lesung gab es Ezechiel 33,7-9; die Predigt dazu hielt der Italiener unter den beiden Neupriestern. Im Mittelpunkt dieser Predigt stand der Gedanke, dass Gott uns auf Gemeinschaft und Beziehung hin geschaffen habe und dass Gemeinschaft ein Weg sei, die Gegenwart Gottes zu erfahren; und der junge Mann bezog das auch und insbesondere auf seinen Weg zur Priesterweihe: "Man glaubt nicht allein, und umso weniger wird man allein Priester." 

Übrigens wirkten Mitglieder der Neokatechumenalen Gemeinschaft auch an der musikalischen Gestaltung der Messe mit: Der Antwortpsalm wurde in typisch neokatechumenaler Manier als monotoner Sprechgesang mit Gitarrengeschrammel vorgetragen, während der Kommunion gab es noch zwei Lieder in ähnlichem Stil. An meiner Beschreibung wird wohl bereits deutlich, dass diese Art der Sakralmusik nicht so ganz mein Ding ist, aber es ist nun mal ein so eigener, charakteristischer Stil, dass ich ihn als einen Bestandteil katholischer Vielfalt irgendwie doch schätze. Einer Gemeinde, in der immer und ausschließlich so musiziert würde, würde ich nicht gern angehören, aber das ginge mir mit Gregorianischen Chorälen ehrlich gesagt genauso. 

Zum Programm des Gemeindefests, das sich an die Messe anschloss, hätte ich eigentlich – wie vor drei Jahren schon einmal – eine Schatzsuche beisteuern sollen, hatte diese Aufgabe aber rechtzeitig an eine Junge Leiterin aus dem RKF-Team weiterdelegiert; schließlich hatten wir am selben Nachmittag unsere Einweihungsfeier und daher eigentlich gar keine Zeit, uns länger als unbedingt nötig beim Gemeindefest aufzuhalten. Während meine Liebste sich mit dem Jüngsten, der schon während der Messe ziemlich unruhig gewesen war, ziemlich sofort auf den Heimweg machte, blieben das Tochterkind und ich immerhin lange genug, um uns je ein Stück Kuchen und ein Steak vom Grill zu genehmigen. Dabei liefen mir einige Leute aus dem Katechetenteam für die Erstkommunion und aus dem RKF-Team über den Weg, mit denen ich mich im Grunde gern länger unterhalten hätte, aber man kann sich nun mal nicht zweiteilen. Wären die Mädchen dagewesen, mit denen das Tochterkind sich bei der RKF angefreundet hatte, wäre es sicherlich noch schwieriger gewesen, uns vom Gemeindefest loszureißen, aber schade war es natürlich doch, sie nicht zu treffen, zumal sie auch tags zuvor beim Nachtreffen schon nicht dabei gewesen waren. Nun ja, vielleicht muss man sich einfach mal mit ihnen verabreden – die Kontaktdaten habe ich ja, dank der RKF-Eltern-WhatsApp-Gruppe. Aber ich denke mal, das ist was für "Wenn wir mit dem Umzug fertig sind"... 


Ein offenes Haus – diesmal aber echt 

Anlässlich unserer ziemlich improvisierten Einweihungsfeier am Sonntag habe ich meinen Blogartikel über die ebenfalls ziemlich improvisierte Einweihungsfeier nach unserem vorigen Umzug innerhalb Berlins – vor etwas mehr als neun Jahren (!) – nachgelesen; dieser trug die Überschrift "Ein offenes Haus" und begann geradewegs mit der Aussage: 

"Einer der erfreulichsten Aspekte der Tatsache, dass meine Liebste und ich jüngst innerhalb Berlins umgezogen sind, besteht darin, dass wir jetzt eine Wohnung haben, in der wir Besuch empfangen können." 

Nun, im Rückblick muss ich feststellen, dass wir in all den Jahren in unserer Wohnung in Tegel längst nicht so viel Besuch empfangen haben, wie wir uns das ursprünglich wohl vorgestellt hatten. Anstatt hier nun zerknirscht Ursachenforschung zu betreiben, möchte ich mich lieber darauf konzentrieren, dass unser neues "kurioses Wohnprojekt" – wie der Ex unserer neuen Hausgenossin es genannt haben soll – diesbezüglich ganz neue Chancen bietet. 

Das "Kuriose" an diesem "Wohnprojekt" besteht ja, wie ich wohl schon mal angedeutet habe, im Wesentlichen darin, dass das Haus, in dem wir jetzt wohnen, theoretisch zwei voneinander getrennte Wohnungen umfasst, aber praktisch sind sie ganz so getrennt dann doch nicht – wozu neben dem gemeinsamen Garten auch gemeinsame Gas- und Wasserzähler und bis auf Weiteres auch ein gemeinsamer Briefkasten beitragen (wir haben allerdings durchaus die Absicht, über kurz oder lang einen zweiten Briefkasten anzuschaffen und am Zaun zu befestigen); und nicht zuletzt ist die Küche der unteren Wohnung im Prinzip ein Durchgangszimmer, es sei denn, man betritt das Haus durch die Gartentür. – Wer meine Wochenbriefings regelmäßig verfolgt, wird vermutlich schon mitgekriegt haben, dass es sich bei unserer Hausgenossin, wie ich sie oben genannt habe und auch weiterhin zu nennen gedenke, um die Mutter einer Schulfreundin unserer Großen handelt; diese ist schon etwas früher in die Wohnung im Obergeschoss eingezogen als wir in die Erdgeschosswohnung, und das hat dazu geführt, dass, als wir nach unserem Urlaub mit den Umzugsvorbereitungen anfingen, schon richtig "Leben in der Bude" war – wozu neben der Tatsache, dass gelegentlich schon Besuch vorbeikam, besonders der Umstand beitrug, dass über uns auch zwei junge Katzen eingezogen waren. Anfangs blieb ihr Aktionsradius auf das Obergeschoss beschränkt, aber als wir am Samstag damit beschäftigt waren, unsere Möbel aus der alten Wohnung in der neuen aufzubauen, kamen die vierbeinigen Mitbewohner neugierig nach unten und nahmen fortan auch unsere Wohnung kurzerhand mit für sich in Beschlag. 

Eine von ihnen hat kurzerhand unseren Schreibtischstuhl zu ihrem Lieblingsplatz erkoren.

Am Samstagnachmittag kam die ältere der beiden Töchter unserer Hausgenossin, die bei einer Schulfreundin übernachtet hatte, nach Hause – und die Schulfreundin kam gleich mit und übernachtete ihrerseits bei ihr. – Ich freue mich, sagen zu können: Trotz meiner introvertierten Neigungen, trotz meines von Zeit zu Zeit doch sehr ausgeprägten Bedürfnisses, die Tür hinter mir zumachen zu können und mal meine Ruhe zu haben, habe ich festgestellt, ich finde das alles super. Und es ist eine ausgesprochen faszinierende Erfahrung, dass man sich in einem Zweifamilienhaus deutlich weniger allein auf der Welt fühlen kann als in einem Mietshaus mit zwölf Parteien; und vor allem, dass man sich, auch und gerade dadurch, dass mal Besuch kommt und/oder dass die Katzen aus der Nachbarwohnung sich bei einem breit machen, auf eine andere und intensivere Weise zu Hause fühlt

Gleichwohl muss ich gestehen, dass ich, als ich mit dem Tochterkind auf dem Weg vom Gemeindefest zu unserer Einweihungsparty war, eigentlich gar keine Lust mehr zum Feiern hatte. Meine Tochter kleidete dies in die scharfsinnige Beobachtung, ich sei wohl vom Halbmarathon so fertig, als wäre ich ihn gelaufen. Als ich dann aber endlich bei der Feier ankam, verflog mein Frust bald angesichts der fröhlichen und bunt gemischten Gästeschar, die sich in unserem Garten eingefunden hatte und noch einfand: Ungefähr zehn Kinder von der Schule unseres Tochterkindes (nicht mitgerechnet die, die im Haus wohnen) kamen mit ihren Eltern, in einigen Fällen auch mit jüngeren Geschwistern; hinzu kamen ein Mädchen aus der Kampfsport-Gruppe unserer Tochter (ebenfalls mit Eltern), eine Frau, die wir vom JAM-Elterncafé kennen, mit dem jüngsten ihrer drei Söhne, der ungefähr so alt wie unser Jüngster ist, und last not least Bloggerkollegin Claudia. Geschenke zum Einzug gab's auch, vom Klassiker Brot und Salz über Handtücher und Seifenspender bis hin zu einer Feuerschale für den Garten (inklusive Grillrost). – Ehe ich die Party richtig genießen und mich entspannen konnte, war indes noch allerlei zu erledigen: Damit wir im Garten Musik hören konnten, ging ich erst mal meine mobile Lautsprecherbox holen, die noch in der alten Wohnung stand; dann wurde ich von den Kindern mit Musikwünschen überschüttet (wobei man anerkennen muss, dass die meisten Lieder, die sie sich wünschten, gar nicht so schlecht waren) und dann wollten die Kinder Stopptanz spielen. Aber was soll's: Am Ende des Tages war ich extrem geschafft, aber glücklich. Und in diesem Garten müssen definitiv noch mehr Partys gefeiert werden. Die nächste wahrscheinlich dann, wenn wir mit dem Umzug "richtig fertig" sind... 


Sachsen-Anhalt wird blau 

Politik war bei unserer Einweihungsparty, soweit ich es mitbekommen habe, glücklicherweise kein Thema, trotz der schicksalhaften Wahl an diesem Sonntag. Schon während der Vorbereitungen zum Frühstück hatte Google News mir eine Meldung mit der Überschrift "Unwetter tobt über Sachsen-Anhalt" aufs Handy geschickt; "Das ist ein schlechtes Omen", dachte ich, aber als ich die Meldung öffnete, zeigte sich, dass das Unwetter schon am Freitagnachmittag war – und dass deswegen in Magdeburg ein "AfD-Fest abgesagt" werden musste. Na dann. – Insgesamt hatte ich in den letzten Tagen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt den Eindruck gehabt, die Presse lasse kaum eine Gelegenheit aus, die Aussichten der AfD auf einen Wahlsieg kleinzureden; aber realistisch betrachtet lautete die Frage ja eigentlich nur noch, wie hoch dieser Wahlsieg ausfallen würde. Und als am Sonntag um 18 Uhr die erste Prognose 'rauskam, sah es doch stark nach "höher als erwartet" aus. Besonders verblüffend fand ich, dass diese erste Prognose punktgenau ein Szenario zu bestätigen schien, das ich mir im Vorfeld ausgemalt hatte: dass AfD und BSW zusammen eine Mehrheit hatten, das BSW aber ganz knapp an der 5%-Hürde kratzte, was natürlich ein deutliches Fragezeichen hinter die Berechnung der Sitzverteilung setzte. Am nächsten Morgen stand das BSW aber immer noch bei 5,0% und war somit "drin", und der AfD fehlten drei Sitze zur absoluten Mehrheit. 

Nun mag man der Meinung sein, eine Koalition aus AfD und BSW sei keine sonderlich realistische Option, aber noch unrealistischer dürfte wohl das Projekt einer Fünf-Parteien-Koalition sein, die von nichts anderem zusammengehalten wird als dem Bestreben, den offensichtlichen Wahlsieger von der Macht fernzuhalten. Zudem würde man, was auch immer man von der AfD halten mag, eine derartige Koalition der Wahlverlierer wohl als eine eklatante Missachtung des Wählerwillens bezeichnen müssen. Man könnte sagen, manchmal sind "Angst um die Demokratie" und "Angst vor der Demokratie" gar nicht so leicht zu unterscheiden. 

Dies gilt, wie so oft, besonders auch für unsere Kirchenvertreter. Schon im Vorfeld der Wahl hatte man sich ja eindeutig positioniert: So hatte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, unlängst im Rahmen eines Festakts zum 80jährigen Bestehens des Landes Nordrhein-Westfalen davor gewarnt, "munter ins Blaue zu wählen"; und als mein geschätzter Erzbischof Heiner Koch in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA gefragt wurde, ob die Kirche "das Risiko eingehen müsse, im Zuge ihrer Positionierung AfD-Wähler zu verlieren", ließ er sich dazu hinreißen, dies zu bejahen: "Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen." Deutliche Kritik an dieser Aussage gab's ein paar Tage später von Kardinal Müller: Ein Bischof dürfe "niemals das ewige Heil derjenigen Katholiken gefährden, die nicht so wählen, wie er es gerne hätte", betonte er in einem Gastbeitrag auf kath.net; wollten Bischöfe "ihre geistliche Vollmacht in dem legitimen Kampf um die Mehrheit der Wählerstimmen in einem demokratischen Rechtsstaat [...] zu Gunsten oder zu Ungunsten einer einzelnen politischen Partei in die Waagschale werfen", wäre dies ein "Missbrauch der geistlichen Autorität zu politischen Zwecken". 

-- Um's ganz deutlich zu sagen, ich bin sehr wohl der Meinung, dass es zum Hirtenamt der Bischöfe gehört, darauf aufmerksam zu machen, dass bestimmte politische Positionen oder politische Forderungen im Widerspruch zum christlichen Menschenbild, zur christlichen Glaubens- und Sittenlehre stehen, und die Gläubigen zu ermahnen, dies bei ihrer Wahlentscheidung zu berücksichtigen. Problematisch wird es erst, wenn der Eindruck erweckt wird, solche aus christlicher Sicht inakzeptablen Positionen gäbe es ausschließlich oder weit überwiegend auf Seiten einer einzigen Partei oder politischen Richtung. Wenn AfD-Anhänger und deren Familienangehörige in kirchlichen Einrichtungen nicht beschäftigt werden oder nicht für Gremien kandidieren dürfen, dann ist es durchaus kein bloßer "Whataboutism", zu fragen, warum die institutionelle Kirche keine vergleichbare Abgrenzung gegenüber den Anhängern von Parteien für nötig hält, die Abtreibung und assistierten Suizid legalisieren wollen oder die für die Einführung der "Ehe für alle" und des "Selbstbestimmungsgesetzes" verantwortlich sind. 

Als Reaktion auf das Wahlergebnis – als wäre dieses nicht exakt so vorauszusehen gewesen – posteten meine besonderen Freunde von der Facebook-Redaktion des Bistums Münster das folgende "Gebet": "Gott, heute Abend bin ich ratlos, aufgewühlt, sprachlos und irgendwie chaotisch. Mehr kann ich grad gar nicht sagen. Amen." Um keine Fragen hinsichtlich der Ursache dieser Rat- und Sprachlosigkeit offen zu lassen, wird im Begleittext zu diesem "Visual" erklärt: "Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt beschäftigt und beunruhigt. Damit bist du nicht alleine." Letzteres stimmt offensichtlich, denn auch die Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka gibt, ebenfalls auf Facebook, bekannt "Wir sind erschüttert" (und guckt auch so). Aus dem fernen München lässt derweil Kardinal Marx verlauten, er empfinde den Ausgang der sachsen-anhaltinischen Landtagswahl als "furchtbar und niederdrückend". Mal ehrlich, was für ein Kommentar zu einem demokratischen Wahlergebnis. Man stelle sich mal vor, was los wäre, wenn ein Kirchenvertreter (oder meinetwegen auch eine andere Person des öffentlichen Lebens) einen Wahlsieg der CDU, der SPD oder auch der Grünen als "furchtbar und niederdrückend" bezeichnen wollte. Man könnt's ja mal ausprobieren, aber ich schätze, so bald wird es dazu keine Gelegenheit geben: Das letzte Mal, dass eine dieser Parteien bei einer Landtagswahl ein annähernd so gutes Ergebnis hingelegt hat wie jetzt die AfD in Sachsen-Anhalt, war 2022 in Schleswig-Holstein. Das kommt halt dabei raus, wenn vier oder mehr Parteien um dieselben 50-70% (je nach Bundesland) der Wählerschaft konkurrieren und den Rest links (bzw. rechts) liegen lassen. Das sollte eigentlich auch unseren Bischöfen zu denken geben, wenn sie sich denn schon zur Tagespolitik äußern müssen. 


Endlich wieder Student! 

Mitten im Umzugsstress flatterte mir ein dicker Briefumschlag von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen ins Haus, und das hier war drin: 

Ausgesprochen entzückend fand ich es ja, dass da sogar Samentütchen für den Garten dabei waren. Von größerer oder jedenfalls akuterer Wichtigkeit war indes der USB-Stick mit Informationen für Studienanfänger. Ein wenig habe ich mich da schon hineinvertieft, hatte aber noch nicht die Zeit und Muße, die Fülle an Materialien, die mir da zur Verfügung gestellt worden sind, gründlich durchzuarbeiten. Ein bisschen Zeit ist ja auch noch, bis das Semester richtig losgeht. Aber ich muss schon sagen, allmählich bekomme ich Lust aufs Studium – obwohl ich mich in letzter Zeit des Öfteren nicht des Gedankens erwehren konnte, eigentlich hätte ich auch ohnedies schon genug zu tun... Na, schauen wir mal, wie die Dinge sich entwickeln. 


Noch eine Beobachtung zum Thema Sonntagsschule 

Am Mittwoch war wieder JAM, und da dort Mitarbeitermangel herrschte, gab es diesmal kein getrenntes Programm für "Minis" und "Kids", sondern eine gemeinsame Katechese für alle Kinder, und zwar zum Thema "Schöpfung". Den Auftakt bildete ein "Anspiel", in dem sich zwei Schüler darüber unterhalten, was sie in ihrem jeweiligen Unterricht gelernt haben, der eine über das Sonnensystem, der andere über Wale; und angesichts dieser Wunder der Schöpfung meldeten sie Zweifel daran an, dass das alles, wie ihre Lehrer behaupteten, durch puren Zufall entstanden sei. Dann erhalten sie aus heiterem Himmel einen Brief mit einem "Geheimauftrag": Darin heißt es, sie würden in dem Briefumschlag einen Mikrochip finden und sollten herausfinden, was für Daten darauf gespeichert sind und wer den Code geschrieben hat. Tatsächlich handelt es sich bei diesem "Mikrochip" jedoch um einen Apfelkern, und bei den darauf gespeicherten "Daten" handelt es sich um den genetischen Bauplan eines Apfelbaums. 

An dieses Anspiel schloss sich eine kurze erläuternde Ansprache der JAM-Leiterin an, und dann sollten die Kinder anhand von Versen aus Genesis 1,1-2,3 einen Comic zu den sieben Schöpfungstagen zeichnen. 

Das Bild zum 4. Schöpfungstag stammt von meinem Tochterkind.

Insgesamt fand ich diese katechetische Einheit recht gelungen, vor allem das Anspiel fand ich gut; ich fand die Tendenz auch nicht übertrieben "kreationistisch": Explizit bezweifelt wurde ja nur, dass das Sonnensystem und das Leben auf der Erde rein zufällig entstanden sein könnte. In der Überleitung vom Anspiel zum Schöpfungs-Comic kam allerdings ein Satz vor, der mir auf bezeichnende Weise fragwürdig erschien. Da sagte die JAM-Leiterin nämlich: "Wir glauben an die Bibel, und deshalb glauben wir, dass Gott die Welt erschaffen hat." Und ich dachte spontan: Spannt das nicht irgendwie den Karren vors Pferd? Wieso sollte man an die Bibel glauben, wenn man nicht zunächst einmal an Gott glaubt? Mir scheint, hier liegt ein echtes Dilemma des evangelikalen "sola scriptura"-Verständnisses: Wenn uns allein die Bibel sagt, was wir glauben sollen, woher wissen wir dann, dass die Bibel glaubwürdig ist? Tatsächlich wird genau diese Frage in dem Facebook-Beitrag zum Thema "Die Sonntagsschule macht Ihre Kinder zu Atheisten", mit dem ich mich ja noch ausführlicher auseinandersetzen wollte, als zentrales Problem identifiziert – dort dargestellt in Form eines Dialogs zwischen der Sonntagsschullehrerin und einigen Kindern aus ihrer Gruppe: 

"Warum glaubt ihr, dass die Bibel wahr ist?" 
"Weil sie Gottes Wort ist." 
"Woher wisst ihr, dass sie Gottes Wort ist?"
"Weil... die Bibel das sagt?" 

Im vorliegenden Fall könnte man natürlich sagen, das Anspiel mit seiner Kernaussage "Die Schöpfung weist auf den Schöpfer hin" biete bereits einen Ansatz, aus dem sola-scriptura-Zirkelschluss herauszukommen; so gesehen wäre der Satz "Wir glauben an die Bibel, und deshalb glauben wir, dass Gott die Welt erschaffen hat" im Grunde eher ein Lapsus – aber eben ein sehr bezeichnender. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Die erste Aufgabe des Christen, so scheint mir, ist es, im Glauben an Gott zu wachsen – im Vertrauen auf Seine Macht, in der Überzeugung, dass wir alle in Seiner Hand geborgen sind. Er ist unsere Sicherheit, unser Schutz. Dieser Glaube, um den wir beten müssen, vertreibt die Furcht, die jedes Bemühen lähmt. Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor Hunger, vor dem Verlust der Wohnung, aber aich Furcht vor körperlicher Gewalt oder vor den Hieben von Beschimpfung und Verachtung. 

Ich will das Martyrium nicht kleinreden, aber was ich will, ist, stets die Worte im Bewusstsein zu bewahren: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). Gott liebt alle Menschen, "Gott will, dass alle Menschen gerettet werden" (1 Tim 2,4). Aber wir haben die große und herrliche Gabe des freien Willens erhalten, die den Menschen vom Tier unterscheidet, die Macht, eine Wahl zu treffen, und oft wählt der Mensch das Böse, weil es den Anschein des Guten erweckt, weil es Glück zu versprechen scheint." 

(Dorothy Day, Tagebucheintrag September 1962; eigene Übersetzung) 


Ohrwurm der Woche 

Donovan: Hey Gyp! Dig the Slowness 

Ein Song, den ich noch aus meiner Zeit als DJ in einer Hippie-Kneipe in meinem Repertoire habe; da stand Donovans Album "Colours" sogar als Vinyl-LP im Regal. Donovan, der zusammen mit den Beatles in Indien war, um beim Maharishi Mahesh Yogi die Transzendentale Meditation zu erlernen, ist ja im Allgemeinen eher für esoterisch angehauchtes, nach Räucherstäbchen duftendes sanftes Gesäusel bekannt, aber bei dieser Nummer – einer folkrockigen Re-Interpretation eines Bluesklassikers von Memphis Minnie & Kansas Joe – lässt er es so richtig krachen. Ich habe den Song auf die Playlist für unsere Einweihungs-Gartenparty am vergangenen Sonntag gesetzt, und seitdem lässt der Ohrwurm mich nicht mehr los. 


Vorschau/Ausblick 

Über die Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche, bei der meine Familie und ich uns noch bis morgen Mittag befinden, wird es, nachdem ich mich dazu bisher noch nicht in nennenswertem Umfang geäußert habe, im folgenden Wochenbriefing zweifellos umso mehr zu sagen geben. In diesem Zusammenhang steht übrigens die Frage im Raum, ob wir, um unsere Sonntagspflicht zu erfüllen, nach unserer Rückkehr nach Berlin noch in eine Abendmesse gehen "müssen". Theoretisch könnte man das in Herz Jesu Tegel tun, allerdings soll da, wie ich den Vermeldungen der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd entnommen habe, anlässlich des Caritas-Sonntags die (weiter oben schon mal erwähnte) Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka "predigen" – und ich fürchte, ich kann es mir in meiner derzeitigen Position nicht erlauben, einen Eklat auszulösen, indem ich in der Messe aufstehe und darauf hinweise, dass sie das gar nicht darf. – In den folgenden Tagen wird es dann jedenfalls weiter darum gehen, die neue Wohnung einzurichten und die alte übergabereif zu machen. Am Dienstag ist zudem Elternabend an der KiTa unseres Jüngsten, am Mittwoch JAM, und ansonsten bleibt abzuwarten, was die Woche noch so bringt. Spannend wird jedenfalls das nächste Wochenende, da ist Erstkommunionkurs, Marsch für das Leben, Vorstellung der Erstkommunionkinder in der Sonntagsmesse in St. Joseph Siemensstadt, und außerdem sind Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Aber das sind alles schon Themen fürs übernächste Wochenbriefing...