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Samstag, 17. Januar 2026

Utopie und Alltag 8: Wir sehen Sterne

Willkommen in der Zeit im Jahreskreis, Leser! In dieses Wochenbriefing ragt die letzte Phase der liturgischen Weihnachtszeit noch ein wenig hinein, vor allem in Gestalt der Sternsingeraktion, aber auch in Form des Neujahrsempfangs der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland. Aber auch sonst gibt's allerlei Neues aus der Nähe und aus der Ferne – überzeugt euch selbst! 

Bei der Auswahl des Vorschaubildes habe ich mich diesmal von meiner Tochter beraten lassen. 

Komm, wir singen Sternsinger-Songs 

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, wird vielleicht wissen, dass die Frage, ob meine Kinder – oder zumindest die Große – mal bei der Sternsinger-Aktion mitmachen, schon seit ein paar Jahren in der Diskussion gewesen ist, und das unabhängig von meinen wohl sattsam bekannten grundsätzlichen Vorbehalten gegen die ungeistliche, NGO-mäßige Ausrichtung des Kindermissionswerks Die Sternsinger und gegen die Bestrebungen dieses Hilfswerks, den alten Brauch des Dreikönigssingens zu monopolisieren. Okay, sagen wir: weitgehend unabhängig davon. So meinungsstark ich gern auftrete, bin ich in der Praxis doch zu einem erheblichen Maß an pragmatischer Inkonsequenz fähig – und finde das auch gut so: Ohne diese Fähigkeit würde ich z.B. auch keine Kinderwortgottesdienste machen, und das wäre doch schade drum. Und dasselbe gilt, wie ich heuer habe feststellen dürfen, für die Sternsingerei auch

Zunächst aber mal ein Rückblick: Nachdem ich selbst Mitte der 80er Jahre einmalig als Sternsinger unterwegs war – in full blackface übrigens; wenn also jemand Interesse daran hat, kompromittierende Fotos von mir auszugraben: viel Glück, irgendwo könnte es noch welche geben, allerdings nur analog –, wurde erstmals wieder im Dezember 2023 die Idee an mich herangetragen, an einer Sternsingeraktion mitzuwirken. Nun natürlich als erwachsene Begleitperson, und ich wäre dem auch nicht unbedingt abgeneigt gewesen, wenn meine damals sechsjährige Tochter Lust gehabt hätte, mitzumachen. Ich war auch mit ihr beim Vorbereitungstreffen, aber nachdem sie schon vorher eine eher zurückhaltende bis skeptische Haltung zu diesem Thema an den Tag gelegt hatte, hatte sie nach diesem Treffen erst recht keine Lust mehr. Zum Teil lag es vielleicht daran, dass sie an dem Tag einfach müde und schlecht drauf war, aber ich glaube, sie fühlte sich auch überfordert und überrumpelt davon, dass bei dem Treffen mehr oder weniger stillschweigend vorausgesetzt wurde, dass sie sich bereits zum Mitmachen entschieden hätte. Ein Jahr später wäre ich im Prinzip bereit gewesen, einen erneuten Anlauf zu wagen, aber da verpeilten wir schlichtweg den Termin fürs Vorbereitungstreffen. Dafür teilte mir meine Tochter aber, als sie in der Messe zum Dreikönigstag die Sternsingerkinder in ihren Kostümen in die Kirche einziehen sah, unaufgefordert mit, beim nächsten Mal wolle sie da aber mitmachen. 

Zum Vorbereitungstreffen schafften wir es allerdings wieder nicht, diesmal nicht aus Schussligkeit, sondern infolge einer echten Terminkollision. Allzu sehr forcieren wollte ich das Thema auch nicht, zumal ja erst mal noch das Krippenspiel auf dem Programm stand; zwischen Weihnachten und Neujahr bekräftigte unsere Große aber, sie wolle beim Sternsingen mitmachen, also fragte ich den Gemeindereferenten, ob wir denn noch einsteigen könnten. Er erklärte dataufhin, das sei kein Problem, beim Vorbereitungstreffen seien ohnehin nur zwei Kinder gewesen, alle übrigen müssten ihre Sprechtexte dann eben auf dem Weg lernen und die Lieder seien sowieso bekannt. Er regte außerdem an, unser Jüngster könne auch mitmachen, gegebenenfalls in einer stummen Rolle; darauf angesprochen, hatte der Knabe allerdings erst mal keine Lust. Dann erfuhr ich jedoch, dass zwei Mädchen, die wir vom JAM kennen – das schon mehrfach erwähnte Mädchen, das im aktuellen Erstkommunionkurs ist, und dessen kleine Schwester, die ungefähr im Alter unseres Jüngsten ist – auch beim Sternsingen mitmachten, und als ich diese Information mal beiläufig im Beisein unserer Kinder fallen ließ, verkündete der Kleene: "Ich will auch!" Damit war das also geklärt. 

Indes verlangte unsere Teilnahme uns ab, am vergangenen Samstag die Kinder genauso früh zu wecken wie an einem normalen Schul- und KiTa-Tag; besondere Komplikationen ahnte ich voraus, weil ausgerechnet an diesem Wochenende eine Schulfreundin unserer Tochter bei uns übernachten wollte, aber Nein sagen mochte ich zu diesem Ansinnen auch nicht, und tatsächlich klappte alles besser, als ich erwartet hätte. Im Bus trafen wir übrigens den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd, der offenbar gerade auf dem Weg nach St. Bernhard war; und da ich während der Fahrt mit meiner Tochter das Lied "Stern über Betlehem" übte, bekam er mit, dass wir zum Sternsingen unterwegs waren, und wünschte uns "viel Freude". 


Im Pfarrsaal von St. Joseph Siemensstadt, wo die Kostüme verteilt und die Gruppen eingeteilt werden sollten, wurden wir mit der Mitteilung empfangen, dass zwei Familien, deren Kinder eigentlich fest eingeplant gewesen waren, kurzfristig abgesagt hatten; die Folge war, dass nicht wie geplant drei, sondern nur zwei Gruppen gebildet werden konnten. Nun, jedenfalls bildeten wir eine Gruppe mit den beiden Mädchen, die wir vom JAM kennen, und bekamen die Tour durch Haselhorst zugeteilt – zuzüglich dreier Adressen in Siemensstadt, die eigentlich die nicht zustande gekommene dritte Gruppe hätte übernehmen sollen. Kurz bevor es losgehen sollte, stieß noch ein weiteres Mädchen aus dem Erstkommunionkurs zu uns, sodass wir zusätzlich zu den Heiligen Drei Königen zwei Sternträgerinnen hatten. Begleitet wurde unsere Gruppe vom Gemeindereferenten und von Padre Ricardo aus Mexiko, und ein Weihrauchfass hatten wir auch dabei – kompetent gehandhabt von meiner Liebsten, einer ehemaligen Domministrantin. Zu den Adressen in Haselhorst, die wir ansteuerten, gehörte das Seniorenheim direkt neben der St.-Stephanus-Kirche, und auch sonst waren es überwiegend Senioren, die einen Besuch der Sternsinger bestellt hatten. Eine Dame, die in einem zwölfstöckigen Wohnblock wohnte, meinte, ihre Nachbarin, die bettlägerig sei, würde sich sicherlich auch über den Besuch der Sternsinger freuen, und rief kurzerhand in der Nachbarwohnung an, um das abzuklären; so kamen wir zu einem außerplanmäßigen Auftritt. Überall wurden wir herzlich empfangen, die Kinder erhielten viel Lob für ihre Darbietung – und bergeweise Süßigkeiten. Spenden für das Kindermissionswerk kamen ebenfalls in beachtlichem Umfang zusammen; wozu ich anmerken möchte, dass der Spendenzweck gar nicht groß thematisiert wurde: Auf der Basis dessen, was ich vom letztmaligen Besuch der Tegeler Sternsinger bei uns zu Hause  – vor Corona – in Erinnerung behalten habe, gibt es durchaus Sternsingergruppen, die es als wesentlichen Bestandteil ihrer Auftritte betrachten, über das jeweilige Jahresmotto und die vom Kindermissionswerk geförderten Hilfsprojekte zu informieren; dagegen stand "bei uns" die Haus- bzw. Wohnungssegnung eindeutig im Vordergrund, und der Umstand, dass dabei zugleich Spenden für einen nicht näher benannten "guten Zweck" gesammelt wurden, war lediglich in Gestalt des Verspaars

"Wir danken euch für eure Gaben, / Für die bestimmt, die wenig haben"

präsent. Ich fand das gut, und dem Kindermissionswerk hat's offenbar nicht geschadet. – Insgesamt waren wir rund fünf Stunden unterwegs, unser Jüngster schlief auf dem Weg zu den letzten beiden Stationen im Auto ein; da traf es sich günstig, dass wir eine zweite Sternträgerin im Team hatten, die in seiner Rolle als Kaspar einspringen konnte. Nachdem wir die Adressenliste abgearbeitet hatten, ging's zurück nach St. Joseph, wo es zur Belohnung Pizza auf Kosten des Kirchensteuerzahlers gab. – 

Das war aber noch nicht alles, denn auch die Messe am folgenden Tag – dem Fest Taufe des Herrn – stand deutlich im Zeichen der Sternsingeraktion: Die Sternsingerkinder zogen in ihren Kostümen in die Kirche ein, trugen Kyrie-Rufe und Fürbitten vor und wurden zu ihren Erlebnissen und Eindrücken vom Vortag "interviewt". Das alles kann man auch bei YouTube bewundern. Hervorheben möchte ich nicht zuletzt, dass die ältere der beiden Schwestern, die wir vom JAM kennen, in der Messe spontan für den Ministrantendienst "angelernt" wurde, nachdem sie am Samstag Interesse daran bekundet hatte. 

Insgesamt darf man wohl sagen, dass die diesjährige Sternsingeraktion eine durchweg positive Erfahrung war, und daher gehe ich mal davon aus, dass wir auch nächstes Jahr wieder dabei sein werden. Dann aber vielleicht bei den Pfadfindern – denn wie ich gehört habe, veranstaltet der Berliner KPE-Stamm auch eine Art Dreikönigssingen, bei dem es allerdings eher darum geht, "als Straßensänger die Botschaft Jesu" in die Öffentlichkeit zu tragen. Es bleibt spannend! 


Ansichten eines Neujahrsempfangs 

Nachdem wir von der Sternsingeraktion am Samstag erst gegen 17 Uhr nach Hause gekommen waren, konnte ich es Frau und Kindern nicht gerade verübeln, dass sie nicht sonderlich motiviert waren, am Abend noch zum Neujahrsempfang der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland mitzukommen. Ich selbst war eigentlich auch ziemlich geschafft, wollte mir diese Veranstaltung aber dennoch nicht entgehen lassen, und meine Große zeigte zunächst durchaus Interesse, mitzukommen – aber als wir dann erst mal zu Hause waren, hatte sie doch nicht recht Lust, nochmal loszugehen. Also fuhr ich allein hin. Und zwar direkt zum Empfang im Gemeindesaal von Maria, Hilfe der Christen; zur Messe, die in diesem Jahr in St. Marien am Behnitz stattfand, da die Pfarrkirche nach dem Schwelbrand im August noch immer nicht wieder geöffnet ist, hätte ich es nicht rechtzeitig geschafft. 

Wer meine Berichte über die Neujahrsempfänge der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland in den beiden Vorjahren gelesen hat, wird sich darüber im Klaren sein, dass meine Erwartungen in Hinblick auf diese Veranstaltung nicht durchweg positiv waren; und tatsächlich könnte ich vieles von dem, was ich zu den letzten beiden Neujahrsempfängen geschrieben habe, hier und jetzt sinngemäß wiederholen. Das fing an mit der Ansprache des Pfarreiratsvorsitzenden. Dass er kein guter Redner ist, ja dass es ihm sichtlich Unbehagen bereitet, vor Publikum zu sprechen  sollte man ihm tunlichst nicht zum Vorwurf machen; zugute halten muss man es ihm indes auch nicht unbedingt: Tatsächlich bin ich mir gar nicht so sicher, ob seine Ansprachen, wenn er das, was er sagen will, besser ausdrücken könnte, dadurch besser oder eher schlimmer werden würden. Im direkten Vergleich zu den Vorjahren schien mir zwar, dass er diesmal tendenziell häufiger von "Jesus und Seiner Botschaft" sprach, die in die Öffentlichkeit zu tragen Aufgabe der Pfarrei sei; aber worin diese Botschaft konkret bestehen sollte, blieb unscharf; deutlich vorherrschend war jedenfalls auch diesmal wieder ein stark "institutionsfixierter" Blick "auf Kirche", was indes zu einem gewissen Grad wohl in der Natur der Veranstaltung lag. – Im Vergleich zur weitschweifigen Ansprache des Pfarreiratsvorsitzenden (die zudem immer wieder von Musiknummern unterbrochen wurde, sodass man dachte, er wäre fertig, aber dann redete er doch weiter) fasste der leitende Pfarrer sich in seinem Grußwort eher kurz, setzte aber dennoch einige bemerkenswerte Akzente, indem er den Jahresrückblick der Pfarrei in den großen weltkirchlichen Kontext einordnete – das Heilige Jahr unter dem Leitwort "Pilger der Hoffnung", das 1.700-jährige Jubiläum des 1. Konzils von Nizäa, den Tod von Papst Franziskus, den Beginn des Pontifikats Leos XIV. –, aber auch, indem er betonte: "Das Eigentliche, was hier geschieht, ist Seelsorge – in den Gruppen, in den Gemeinschaften, aber auch in persönlicher Begegnung." 

Gleichwohl gilt es zu unterstreichen, was ich weiter oben bereits angedeutet habe: Was ich anlässlich der Neujahrsempfänge der beiden Vorjahre zum in meinen Augen fehlgeleiteten Buhlen der institutionellen Kirche um gesellschaftliche Anerkennung und zum mindestens ebenso problematischen "quasi-betriebswirtschaftlichen Effizienz- und Funktionalitätsdenken" geschrieben habe, das sich in der fortschreitenden Verwaltungszentralisation in der Kirche ausdrückt, könnte ich hier im Wesentlichen wiederholen, aber muss ja nicht sein, der geneigte Leser kann es ja auch an Ort und Stelle nachlesen. Zum letztgenannten Punkt habe ich mich zudem auch in meiner aktuellen "Klein.Kram"-Kolumne geäußert. 

Gelohnt hat sich der Besuch beim Neujahrsempfang indes schon allein deshalb, weil ich dort mit einigen Leuten aus der Gemeinde ins Gespräch kam, und nicht nur mit solchen, mit denen ich sowieso regelmäßig in Kontakt stehe. Ich wurde sogar von Personen angesprochen, die ich bisher nicht persönlich kannte, die mich aber als den Autor der Tagespost-Kolumne "Klein.Kram" erkannten. Und das Büffet war auch lecker. 


Kindermund der Woche und Neues vom Schulkind

"Auch aus einem Katastrophentag kann noch ein guter Tag werden."

Das sagte mein noch nicht fünfjähriger Sohn am Montag mehrmals zu mir, als Ermutigung, und wie sich zeigte, hatte er damit recht. Aber um das zu erklären, muss ich ein bisschen weiter ausholen.

Also: Nachdem die Sternsingeraktion am Samstag zwar ausgesprochen beglückend, aber doch auch anstrengend gewesen war und ich auch am Sonntag nicht so recht Gelegenheit gehabt hatte, mich zu erholen – zum einen, weil die Kinder recht aufgekratzt und laut waren, zum anderen aber auch, weil mir die Deadline für meine "Klein.Kram"-Kolumne im Nacken saß –, sah ich einem recht holprigen Start in die neue Schul- und Arbeitswoche entgegen. Ich sah auf mich zukommen, dass ich am Montagvormittag drei verschiedene Dinge innerhalb eines Zeitfensters würde erledigen müssen, das eigentlich nur für eins davon ausreichte: Ich musste die besagte Kolumne fertig schreiben; ich wollte mit dem Priester aus Nigeria, der in dieser Woche trotz bereits erfolgter Verabschiedung noch in der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd "im Dienst" war, darauf ansprechen, wie ich ihn erreichen könnte, wenn er wieder in Nigeria wäre; und außerdem hatte ich lose mit einer Foodsaverin aus Haselhorst vereinbart, eine Tüte voll Brot und Kuchen bei ihr abzuholen. Erschwerend kam hinzu, dass es noch unklar war, ob wir am Nachmittag zum "Omatag" bei meinen Schwiegermüttern fahren würden – zumal eine Warnung vor extremem Glatteis in der Luft lag.

Was den mittleren der drei Punkte meiner To-Do-Liste anging, hatte der besagte Priester am Montag um 9 Uhr die Messe in Herz Jesu Tegel, und danach, so war angekündigt, wollte er mit einem "kleinen Frühstück" im Pfarrsaal seinen 70. Geburtstag nachfeiern und dabei Fotos von den Bauarbeiten an einer Schule in seiner Heimatdiözese zeigen, für die er während seiner Tätigkeit in Deutschland Spenden gesammelt hatte. Ich sagte mir, wenn ich zur Messe ginge, hätte ich vielleicht eine Chance, ihn zwischen dieser und dem Geburtstagsfrühstück abzupassen und ein paar Sätze mit ihm reden; dann könnte ich nach Hause gehen, die Kolumne fertig schreiben und mich danach um die Essensabholung kümmern – und dann tatsächlich pünktlich mit allem fertig sein, um den Jüngsten von der KiTa abzuholen, unabhängig davon, ob "Omatag" war oder nicht. Als ich am Montag dann rund eine Dreiviertelstunde früher aufwachte, als ich mir den Wecker gestellt hatte, und mich überraschend gut ausgeruht fühlte, setzte ich mich direkt an meine Kolumne und bekam sie schon größtenteils fertig, bevor ich die Kinder wecken musste. Daraufhin war ich optimistisch, alles Weitere auch noch gut hinzukriegen. Aber dann ging erst mal alles schief.

Es begann damit, dass das Tochterkind einen "bad hair day" hatte und sehr ausgiebig gekämmt werden musste – wodurch wir die S-Bahn verpassten, die wir hätten kriegen müssen, um pünktlich zum Morgenkreis in der KiTa zu sein. Damit nicht genug, hatte die nächste S-Bahn rund eine Viertelstunde Verspätung und musste dann nochmals rund fünf Minuten auf dem Bahnsteig warten, um den Gegenzug vorbeizulassen. Im Ergebnis waren wir also extrem zu spät, womit schon mal klar war, dass ich mir die 9-Uhr-Messe in Herz Jesu Tegel abschminken konnte. Und als wir dann endlich – gerade noch rechtzeitig zum Frühstück – in der KiTa ankamen, wollte der Jüngste sich plötzlich nicht von mir trennen. Auch die Erzieherinnen vermochten da nichts auszurichten. Ausgerechnet an diesem Tag passte mir das ja nun gar nicht, aber ich ergab mich in mein Schicksal – und erstaunlicherweise wurde daraufhin tatsächlich alles gut. Wir gingen in den Pfarrsaal zum Geburtstagsfrühstück mit Dia-Show, und der Priester war ausgesprochen erfreut, sein Taufkind wiederzusehen; dann gingen wir nach Hause, wo der Kleene friedlich im Kinderzimmer spielte, während ich meine Kolumne fertig schrieb; die Essensabholung sagte ich ab, und den Omatag sagten wir wegen der Glatteiswarnung ebenfalls ab. Am frühen Nachmittag kam meine Liebste von der Arbeit, etwas später holte ich die Große von der Schule ab, und wir machten uns einen gemütlichen Abend zu Hause. Unterm Strich war ich somit eigentlich doch ganz zufrieden damit, dass mein lieber Sohn sich mit seinem Wunsch durchgesetzt hatte, den Tag mit mir zu verbringen statt in der KiTa.

Am Dienstag dann war an der Schule des Tochterkindes eine Art Projekttag. Das gibt es an dieser Schule öfter: Da fallen die "normalen" Lernangebote aus, stattdessen können die Schüler eigene Veranstaltungsangebote machen, es gibt Diskussionen zu schulrelevanten Themen und auch Mitarbeiter bieten Veranstaltungen zu Themen an, die ihnen persönlich am Herzen liegen. Als ich meine Tochter am Nachmittag von der Schule abholte, erzählte sie mir – ganz nebenbei, als sei das gar nichts Besonderes –, sie sei enttäuscht gewesen, dass wegen des Projekttags auch die Toberaum-Disco ausfiel, und deshalb habe sie spontan (und mit ein bisschen technischem Support von ein paar älteren Mitschülerinnen) selbst eine Disco im Toberaum veranstaltet. Ich muss sagen, als jemand, der ungefähr fünf Jahre lang in mehreren Berliner Bars als DJ gearbeitet hat, bin ich ganz schön stolz auf meine Tochter...


Ohne Krawatte beim Papst – oder: Warum ich mich nicht gern "konservativ" nenne, Folge 903

Tagespost-Chefredakteurin Franziska Harter, der u.a. als YouCat-Initiator sowie als Mitherausgeber sowohl des "Mission Manifest" als auch der "Urworte des Evangeliums" bekannte Publizist Bernhard Meuser sowie der Theologe Martin Brüske, ebenfalls Mitherausgeber der "Urworte des Evangeliums", waren unlängst in Rom und wurden überraschend zu einer Privataudienz bei Papst Leo XIV. geladen. "Überraschend" nicht zuletzt für sie selbst: Sie waren mit einer Pilgergruppe von 100 Personen in der Ewigen Stadt, u.a. mit der Absicht, dem Papst ein aus Briefen deutscher Katholiken zusammengestelltes 20seitiges Dokument zu übergeben, das die Besorgnis vieler Gläubiger über den Kurs der Kirche in Deutschland unter den Vorzeichen des Synodalen Weges ausdrücken sollte. Zu diesem Zweck hatten sich Mitglieder dieser Pilgergruppe um Plätze in der "prima fila" – der ersten Reihe der Audienzhalle – bei der Generalaudienz beworben und diese auch erhalten, aber zusätzlich und unerwartet wurden die drei genannten Personen eben auch noch für etwa 20 Minuten privat vom Heiligen Vater empfangen, den sie als freundlich, offen, aufmerksam und interessiert erlebten. Ein paar Fotos von der Audienz wurden auf der Facebook-Seite der Tagespost veröffentlicht – und lösten eine Fülle von Kommentaren mit einer, sagen wir mal, eigentümlichen Schwerpunktsetzung aus: Die Herren Meuser und Brüske seien für eine Papstaudienz ungehörig gekleidet. "[S]chauen Sie sich doch diese Menschen mal an, wie sie sich dem Papst vorstellen!", konnte man da lesen. – "Geht zum Heiligen Vater und hat keine Krawatte an? Sind die Photos KI, Satire oder schlechtes Benehmen? Hätte ich bei diesem Medium nicht erwartet. Bin geschockt und peinlich berührt. Zum [F]remdschämen!" – "Hierzulande weiß man nicht mehr, was stilvolles Auftreten ist. Auch das Äußere gehört dazu! [...] Hocken vor dem Papst als wären sie beim Stammtisch. Dadurch entwertet man sich und sein gerechtfertigtes Anliegen selbst." – Was ist mit diesen Leuten los? Vielleicht haben wir es hier nur mit einem etwas allzu wörtlichen Verständnis von Matthäus 22,12 ("Freund, wie bist du hier ohne Hochzeitsgewand hereingekommen?") zu tun, aber ich muss sagen, mir erscheint die Vorstellung, ohne Schlips sei ein Mann bestenfalls halb angezogen, auf tragikomische Weise antiquiert. Ich kann mir auch beim schlimmsten Willen nicht vorstellen, dass der Heilige Vater an der Kleidung seiner Audienzgäste Anstoß genommen hätte. – 

Dass es den Urhebern der zitierten Wortmeldungen indes nicht nur um Stilkritik in Sachen Herrenkonfektion ging, gab ein Kommentar zu erkennen, in dem es hieß "Die Tagespost und der Neue Anfang scheinen nicht nur inhaltlich sondern auch optisch falsch abgebogen zu sein." Worin dieses inhaltliche falsche Abbiegen bestehen könnte, wird anhand eines anderen Kommentars deutlicher: "Die Tagespost geht eher Richtung charismatisch, evangelikal, nicht (mehr) Richtung Tradition. Der Dame fehlt die Mantilla nicht ohne Grund." – Ich sag mal: Das sind vielleicht nicht ganz dieselben Leute, die es ungehörig finden wenn Frauen Hosen tragen, aber ich spüre da prinzipiell ähnliche Vibes. Davon abgesehen muss ich sagen, mich amüsiert der Gedanke, ob die Leute, die die Tagespost als "rechtskatholisch" einordnen, wohl ahnen, dass es auch Leute gibt, denen diese Zeitung nicht konservativ genug ist. 

Nicht verschweigen möchte ich eine Assoziation , die mir unvermittelt durch den Kopf schoss, während ich schon an diesem Abschnitt arbeitete: Wolodymyr Selenskyj im Oval Office. Da wurde ja, wie ich mich zu erinnern glaube, spekuliert, sein informelles Outfit sei als Statement gemeint gewesen – es habe signalisieren sollen, er komme quasi direkt von der Front und die Lage sei zu ernst, um in Gala-Garderobe zu schlüpfen. In diesem Sinne könnte man vielleicht sagen, auch die Delegation der Tagespost und der Initiative Neuer Anfang sei "direkt von der Front" zur Papstaudienz gekommen – nämlich von der Front des Schmutzigen Schismas... 


Der Weg des Kriegers 

Während der Weihnachtsferien habe ich den Entschluss gefasst, ich müsse mal wieder mehr Bücher lesen, also so richtig auf Papier; und nachdem ich den Anfang mit dem schmalen Prolog-Band der "Jesus von Nazareth"-Trilogie von Papst Benedikt XVI. gemacht habe, habe ich mir als nächstes das Buch vorgeknöpft, das ich im letzten Herbst zum Abschluss des Eltern-Glaubenskurses in der Gemeinde auf dem Weg geschenkt bekommen habe: "Empower – Mit Glaube und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung" von Tobias Teichen, Pastor der ICF München. Ein interessantes Buch, von dem ich mir gut vorstellen kann, hier noch öfter darauf zu sprechen zu kommen; vorerst möchte ich hier aber nur eine Passage wiedergeben, an der ich hängen geblieben bin, weil sie so perfekt auf die Situation meiner Familie passt. Da geht es um den Rat, Geschwister "nicht aneinander [zu] messen und bemüht 'gleich' [zu] erziehen, sondern genau hin[zu]schauen, was jedes einzelne für die Entwicklung seiner Talente und Vorlieben braucht" – "[a]uch wenn das manchmal unbequem ist": 

"[E]s erfordert halt mehr Aufwand, ein Kind zum Judo und eins zu den Pfadfindern, statt beide zum gleichen Ziel zu kutschieren." 

Wozu allerdings gesagt werden muss, dass unser Jüngster nicht zum Judo geht, sondern zu einer speziell auf Kinder unter 6 Jahren zugeschnittenen Vorstufe von Jiu-Jitsu. Seit seinem ersten Probetraining Anfang Dezember hat er dort bislang zehn Trainingseinheiten absolviert und ist mit wachsender Begeisterung dabei. Soweit ich es bisher beobachtet habe, besteht das Training zu einem nicht ganz geringen Teil aus einfachen Lauf- und Fang-Spielen, wie es sie so ähnlich auch beim KiTa-Sport gibt; es werden aber durchaus auch schon Schläge und Tritte trainiert, und was ich besonders interessant finde: Auch an die rituellen Elemente der fernöstlichen Kampfkunst werden schon die Kleinsten von Anfang an herangeführt, angefangen davon, dass Ihnen beigebracht wird, sich vor dem Betreten des Dōjō zu verneigen, bis hin zu der Sitzhaltung, die sie einnehmen, wenn sie dem Trainer zuhören. 

Dass unser Jüngster bei diesem Trainingsprogramm, dem bisherigen Anschein nach, offenbar genau richtig aufgehoben ist, wird noch stärker akzentuiert dadurch, dass dies offenkundig nicht für alle Kinder gilt. Ich habe es bis jetzt fast jede Woche erlebt, dass ein paar Kinder im Alter meines Sohnes (oder etwas jünger) zum Probetraining antreten, und da kommt es immer wieder vor, dass Kinder von vornherein nicht mitmachen wollen, weinen, weil sie sich nicht die Socken ausziehen wollen, oder mittendrin rausrennen. Okay, wie man so hört, geht es so ähnlich oft auch bei KiTa-Eingewöhnungen zu. Auch bei Kindern, die nicht zum ersten Mal dabei sind, kommt es gelegentlich vor, dass sie maulig oder bockig sind oder sich nicht von ihren Eltern lösen mögen. Dass demgegenüber unser Jüngster schon nach dem Probetraining vom Trainer ausdrücklich dafür gelobt wurde, wie diszipliniert und konzentriert er bei der Sache gewesen sei, hätte ich im Vorfeld nicht unbedingt erwartet – ich sag mal: Ich kenn' den Knaben auch anders

Einen neuen Freund – oder jedenfalls einen bevorzugten Trainingspartner – hat er in seiner Gruppe auch schon gefunden, und ich denke mir, über kurz oder lang ergeben sich da vielleicht auch mal Kontakte zu den Eltern. Was ich nicht zuletzt deshalb interessant fände, weil ich schätze, das würde der Eltern-"Bubble", in der wir uns bewegen, eine ganz neue Facette jenseits von #kindergartenfrei- und Freilerner-Szene, freier Alternativschule und evangelischer KiTa hinzufügen. Schon jetzt haben manche Beobachtungen aus dem Foyer der Kampfsportschule mir den Eindruck vermittelt, dass einige Eltern, die da mit ihren Kindern hingehen, einen erheblich anderen Erziehungsstil haben als wir – aber dazu vielleicht ein andermal mehr. 

Während übrigens die Kleinsten in einem abgetrennten Raum trainieren – allerdings mit einer Glastür, sodass Eltern oder sonstige Begleitpersonen von außen zuschauen können –, findet gleichzeitig in einem offenen Bereich der Kampfsportschule das Jiu-Jitsu-Training für die nächsthöheren Altersstufen (6-8 Jahre oder 9-11 Jahre, je nach Wochentag) statt, und was ich davon bisher so mitbekommen habe, finde ich ausgesprochen faszinierend. Der Trainer – ein noch ziemlich junger Mann, wahrscheinlich nicht viel älter als 30 – kommt zwar locker rüber und macht gern Späße, strahlt aber zugleich eine enorme Autorität aus; und im Rahmen des Trainings hält er den Kindern durchaus auch mal philosophische Impulsvorträge über den Wert von Selbstdisziplin, Fokus und innerer Ruhe. Neulich erzählte er seinen Schülern mal, es gebe Studien, denen zufolge Mönche die glücklichsten Menschen seien. Kurz und gut, mich amüsiert die Vorstellung, diesen Kampfsporttrainer mal auf der Bühne der MEHR oder in einer Podiumsdiskussion mit Johannes Hartl zu sehen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Das eigentlich Neue ist, dass er – Jesus – sich taufen lassen will, dass er in die graue Menge der Sünder eintritt, die da an den Ufern des Jordan warten. Zur Taufe gehörte ein Sündenbekenntnis. Sie war selbst ein Sündenbekenntnis und der Versuch, ein altes, missratenes Leben abzulegen und ein neues zu empfangen. Konnte Jesus das? Wie konnte er Sünden bekennen? Wie sich vom bisherigen Leben trennen auf ein neues hin? Diese Frage mussten sich die Christen stellen. Erst von Kreuz und Auferstehung her ist die ganze Bedeutung dieses Vorgangs erkennbar geworden: Jesus hatte die Last der Schuld der ganzen Menschheit auf seine Schultern geladen; er trug sie den Jordan hinunter. Er eröffnet sein Wirken damit, dass er an den Platz des Sünders tritt. Er eröffnet es mit der Antizipation des Kreuzes.

(Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Bd. I) 


Ohrwurm der Woche 

Eighth Wonder: I'm Not Scared 

Keine Ahnung, warum ich gestern mit diesem Ohrwurm aufgewacht bin. Ich muss den Song wohl kürzlich irgendwo gehört haben, im Einkaufsradio vielleicht oder in der Kampfsportschule. Immerhin, popmusikhistorisch ist das Stück interessant, als ein geradezu idealtypisches Beispiel für 80er-Jahre-Synthi-Pop; was übrigens Anlass zu Reflexionen darüber geben mag, wie es eigentlich kommt, dass gerade die idealtypischen Vertreter eines Genres so häufig "One-Hit-Wonders" sind. Wer sich beim Anhören von "I'm Not Scared" fragt, woher ihm diese Beats und Sounds eigentlich so bekannt vorkommen, der wird sich wahrscheinlich mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen, wenn er erfährt, dass der Song von den Pet Shop Boys geschrieben und produziert wurde. Sängerin Patsy Kensit, die im Video das Schönheitsideal der 80er-Jahre-Popwelt in einer solchen Perfektion verkörpert, dass es fast schon langweilig wirkt, war auch als Schauspielerin und Model erfolgreich und viermal verheiratet, u.a. mit Jim Kerr von den Simple Minds und Liam Gallagher von Oasis


Vorschau/Ausblick 

Heute Vormittag war ich mit dem Tochterkind zum ersten Mal in diesem Jahr beim Meutentreffen der KPE-Wölflinge in Schöneberg, und eine Schulfreundin kam dorthin mit. Am morgigen Sonntag haben wir vor, mal wieder in St. Afra im Stadtteil Gesundbrunnen in die Messe in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus zu gehen – und anschließend zum ersten Stammestreffen eines in Gründung befindlichen neuen KPE-Stammes. Es steht also zu erwarten, dass das Thema Pfadfinder im nächsten Wochenbriefing wieder prominent vertreten sein wird. 

Dann steht eine aller Voraussicht nach verhältnismäßig "normale" Schul- und Arbeitswoche an, wenn auch nicht ganz ohne besondere Vorkommnisse: Am Dienstagabend steht ein Treffen des KiWoGo-Arbeitskreises an, da der erste Kinderwortgottesdienst des neuen Kalenderjahres schon wieder recht nahe gerückt ist; am Mittwoch ist zum ersten Mal in diesem Jahr JAM; und am Freitag werde ich mir etwas einfallen lassen müssen, um die Kinder im Zeitraum zwischen KiTa- bzw. Schulschluss und Schlafengehen bei Laune zu halten, denn meine Liebste muss da zu einer Art Teambuilding-Maßnahme mit ihrem Kollegium. Bowling oder sowas in der Art, glaube ich. Und dann ist die Woche auch schon wieder rum... 


Samstag, 10. Januar 2026

Utopie und Alltag 7: Im Epizentrum des Winters

Grüße aus dem tief verschneiten Berlin, Freunde! Ich glaube, meine Kinder haben in ihrem bisherigen Leben noch keinen so schneereichen Winter erlebt wie diesen, und anders als aus der Sicht vieler Erwachsener ist es für sie in erster Linie ein großer Spaß und ein Abenteuer. Von Donnerstag auf Freitag hatten wir Unwetterwarnung, aber die Katastrophe ist dann doch, wie zumeist, ausgeblieben. Andernorts war es dem Vernehmen nach dramatischer: In der Pfarrei St. Willehad in meinem Heimatstädtchen Nordenham wurden sowohl der Neujahrsempfang als auch die Sternsingeraktion wegen der Wetterlage abgesagtIch hatte schon die Befürchtung, in Spandau würde dasselbe passieren; das war nicht der Fall, aber darum geht's im aktuellen Wochenbriefing noch nicht – da sind erst mal andere Themen dran...

Am Donnerstag auf dem Weg zur Schule...

...und zum Kampfsporttraining 

Die MEHR 2026, aus der Ferne betrachtet 

Mindestens zwischen den Zeilen dürfte wohl schon in meinem vorigen Wochenbriefing deutlich geworden sein, dass ich es dieses Jahr besonders schade gefunden habe, nicht bei der MEHR in Augsburg sein zu können; und ich schätze, daran hatte nicht zuletzt die ARD-Reportage "Die hippen Missionare" einen gewissen Anteil. Isn't it ironic. Jedenfalls habe ich das zum Anlass genommen, mal nachzurechnen, wie lange es jetzt eigentlich her ist, dass ich zuletzt live bei der MEHR war, und siehe da, das war 2020, "vor Corona". Da war unser Jüngster noch nicht auf der Welt, unsere Große war gerade mal zwei Jahre alt, wir waren noch in der Tegeler Pfarrei aktiv – kurz, es war ein anderes Zeitalter. Dann kam, wie gesagt, Corona; wie ich seither vergessen hatte, aber aus aktuellem Anlass wieder nachgelesen habe, hatte ich für die WENIGER-Konferenz, die Anfang 2022 anstelle der MEHR stattfand, sogar schon ein Ticket, konnte dann aber "aus pandemischen Gründen", wie ich es seinerzeit formulierte, doch nicht teilnehmen. Und was hatte ich 2024 für eine Ausrede? Im Wochenbriefing vom 30.12.2023 ("Creative Minority Report" Nr. 10) ist lediglich von "verschiedenen Gründen" die Rede. 

Jedenfalls: Als am vorigen Samstagabend mein Wochenbriefing ("Utopie und Alltag 6") online ging, war bei der MEHR gerade Einlass, eineinhalb Stunden später war der offizielle Programmbeginn, nochmals eine Dreiviertelstunde später schaltete sich Bibel TV live zu, da schaute ich rein. Auf der Hauptbühne lief Lobpreis mit Michael Beering & Band; fand ich ehrlich gesagt gar nicht mal so gut, aber eventuell hätte ich das anders empfunden, wenn ich live vor Ort gewesen wäre. Insbesondere von einem Sänger, möglicherweise Michael Beering selbst, fand ich, er habe keine gute Gesangsstimme und insbesondere im Englischen eine schauderhafte Aussprache; aber irgendwie fand ich es auch gut, dass solche Mängel einen nicht unbedingt davon ausschließen, vor 11.000 Leuten Lobpreis zu leiten. Besonders nachdem ich gerade erst eine Fernsehreportage gesehen hatte, in der dem Gebetshaus Augsburg und der MEHR-Konferenz geradezu ein Vorwurf daraus gemacht wurde, dass da immer alles so professionell und so perfekt inszeniert sei. 

Den daran anschließenden Vortrag von Johannes Hartl – zum Thema "Selbstannahme" – konnte ich nicht zur Gänze und unterbrechungsfrei verfolgen, aber mit dem, was ich davon mitbekam, konnte ich doch eine ganze Menge anfangen. Vorrangig ging es da um den Apostel Petrus, der, wie sich an vielen Stellen der Evangelien zeigt, immer wieder Probleme mit seinem Selbstbild hatte. Man könnte sogar sagen, in seiner großen Krise nach der Gefangennahme Jesu, in der er entgegen seinen vorherigen Beteuerungen Jesus verleugnet und im Stich lässt, nicht so sehr sein Glaube an Jesus zusammengebrochen, sondern vielmehr sein Glaube an sein eigenes überhöhtes Selbstbild. Tatsächlich hatte ich Vieles davon so ähnlich vor gar nicht allzu langer Zeit schon mal woanders gehört, nämlich interessanterweise beim Eltern-Glaubenskurs in der Gemeinde auf dem Weg; aber dass mich dieses Thema erneut so stark ansprach, zeigt wohl, dass es mir nicht schaden kann, mehrmals etwas dazu zu hören – zumal Johannes Hartl dem, was ich dazu bereits gehört hatte, durchaus noch einige weitere Nuancen und neue Gesichtspunkte hinzufügte. 

Am Sonntag beim Frühstück hörte ich mir dann ein Interview mit Johannes Hartl auf Radio Horeb an, und einige Sätze daraus fand ich so gut und vor allem auch so relevant für das Anliegen meines Blogs, dass ich sie hier gern zitieren möchte. Anknüpfend an eine frühere Aussage Hartls, es sei für viele Menschen leichter, auf die MEHR zu gehen als in die Kirche, stellt die Interviewerin gleich eingangs die Frage, wie die MEHR denn dazu beitragen könne, dass diese Menschen dann zukünftig eben doch auch in die Kirche gingen; darauf antwortet der Gebetshaus-Gründer: 

"Sie erleben zum Beispiel einen Gottesdienst bei uns – wir haben jeden Tag eine Heilige Messe. [...] Nicht wenige erleben zum ersten Mal eine katholische Messe hier, sind vielleicht angerührt von der Schönheit und denken sich: Sowas könnte ich ja vielleicht jeden Sonntag erleben. Solche Biographien erleben wir." 

Angesprochen auf die Beobachtung, dass gerade junge Erwachsene sich tendenziell wieder stärker für Religion zu interessieren scheinen als die Generation ihrer Eltern, meinte Hartl, in Deutschland sei dieser Trend "noch gar nicht so stark" wie etwa in Frankreich oder Großbritannien, "aber er fängt an" – und darauf müsse die Kirche vorbereitet sein, zuallererst dadurch, dass sie "überhaupt von der Möglichkeit ausgehen" müsse, "dass jemand kommt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat": 

"Allein schon wie unsere Pfarrbriefe, wie unsere Homepages, wie unsere Kirchen entworfen sind, rein schon visuell, zeigt mir, dass man gar nicht damit rechnet, dass jemand kommt, der noch nicht Insider ist. Hier müssen wir umdenken." 

Das spricht mir absolut aus der Seele; ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, vielfach besteht das Problem nicht nur darin, dass nicht daran gedacht wird, wie man Außenstehende für die Angebote der Pfarrei interessieren könnte, sondern dass das gar nicht gewollt wird. – Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Johannes Hartl im Interview mit Radio Horeb einen Kongress mit dem Titel "Mission is Possible" ankündigte, der im Juni in Augsburg stattfinden soll und bei dem es darum gehen soll, "Kirchen aus[zu]rüsten" und zu zeigen: "Es gibt wachsende Gemeinden auch heute, von denen kann man was lernen. Man muss nur sich aufmachen und schauen, was machen die richtig." Das gilt es im Auge zu behalten, würde ich mal sagen. 

Einem Artikel der Augsburger Allgemeinen konnte ich entnehmen, dass der Hardcore-Evangelikale mit dem Megafon, der am Zugang zum Messegelände steht und MEHR-Besucher vor den gefährlichen Irrlehren warnt, die dort verbreitet werden, auch dieses Jahr wieder am Start war. Der Rest des Artikels verbarg sich leider hinter einer Bezahlschranke; ich hätte ihn eigentlich gern gelesen, speziell nachdem die Augsburger Allgemeine das Glaubensfestival im Vorfeld als "seit Jahren umstritten, nicht zuletzt innerhalb der katholischen Kirche", angekündigt hatte – und sich dabei, man ahnt es schon, auf die ARD-Sendung "Die hippen Missionare" berief. Über das ZIMZUM-Festival im Vorjahr hatte das Lokalblatt noch neutral bis wohlwollend berichtet. – Auf häretisch.de erschien am Montag eine recht ausgewogene, sogar tendenziell positive Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur KNA über das Festival; ein vom Tonfall her wie auch in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung deutlich kritischerer Beitrag folgte am Dienstag. – Anders als ich war übrigens Bloggerkollegin Claudia persönlich vor Ort und berichtet auf Katholisch? Logisch! über ihre Eindrücke; eine eindrucksvolle Bildergalerie zur MEHR bietet Peter Winnemöller auf katholon

Übrigens muss ich auf der Basis meiner Erfahrungen bei meinen bisherigen drei MEHR-Teilnahmen (2017, 2018, 2020) sagen, der Teil des Events, bei dem es mir am meisten leid tut, dieses Jahr und auch schon 2024 nicht dort gewesen zu sein, ist das MEHRforum – oder, wie ich gern sage, "das rechtgläubige Pendant zur Kirchentagsmeile". Weil die Begegnungen, die sich da ergeben, oft noch spannender sind als die Vorträge und Workshops. Oder jedenfalls auf eine andere Art spannend. Und um das zu erleben, reicht leider auch kein Streaming-Ticket. Na, vielleicht klappt's ja in zwei Jahren mal wieder. Da dürften dann auch die Kinder alt genug sein, dass es auch für sie interessante Angebote gibt. 


Der Segen der Heiligen Drei Könige 

Am 2. Sonntag der Weihnachtszeit gingen wir wieder in St. Joseph Siemensstadt in die Messe, wo diesmal die vordersten Bankreihen als "Reserviert für Kinder" gekennzeichnet waren. Der zelebrierende Pfarrvikar erklärte dazu: "Die Weihnachtszeit ist eine Zeit, um auch den Glauben an die Kinder weiterzugeben. Deswegen sind in dieser Liturgie die Kinder die Protagonisten." Konkret hieß das vor allem, dass fünf Mädchen in weißen Gewändern und mit Sternenkränzen auf den Köpfen die Lesungen und die Fürbitten vortrugen. 

In Siemensstadt kommen nicht nur Ochs, Esel und Schafe zur Krippe, sondern auch der Berliner Bär und ein Eisbär (Knut?).

Über das Dreikönigsspiel, das im Anschluss an die Messe dargeboten wurde, muss ich wohl nicht viele Worte machen, denn es war im Wesentlichen dasselbe wie im vorigen Jahr, dargeboten von denselben Darstellern in denselben Kostümen. Neu war es hingegen für meine Liebste, die letztes Jahr um diese Zeit krank gewesen war, und sie fand es toll. 

Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist? 

Für die Kinder gab's zudem Geschenke: Das Tochterkind erhielt ein Mineralien-Ausgrabungs-Set, der Jüngste ein Naturforscher-Kartenspiel. Ebenfalls wie im vorigen Jahr gab es danach noch die Gelegenheit zu einem Einzelsegen mit einer Reliquie der Heiligen Drei Könige. "Die Könige haben auf sehr verschlungenem Wege Christus gefunden", erläuterte der Pfarrvikar dazu. "Manchmal ist unsere Lebensgeschichte auch ein bisschen so, aber sie führt zu Christus." – Übrigens habe ich mir bei dieser Gelegenheit gedacht: Das nächste Mal, wenn irgendjemand behauptet, die Heiligen Drei Könige hätte es in Wirklichkeit nie gegeben, sage ich "Natürlich gab's die, wir haben doch Reliquien von ihnen." Möchte ja mal erleben, wie ich auf so eine Aussage hin angeguckt werde... 


Vermischtes aus der religiösen Frühförderung 

Wie ich schon ein paarmal erwähnt habe, besucht unser Jüngster eine evangelische KiTa; was ich, wie ich glaube, noch nicht erwähnt habe, ist, dass dieser Umstand sich nicht unwesentlich der Tatsache verdankt, dass wir zuvor dreimal persönlich bei einer katholischen KiTa in Tegel vorgesprochen hatten, und das einzige, was dabei herauskam, war eine Infektion mit der Hand-Mund-Fuß-Krankheit. Aber das mal nur nebenbei. Jedenfalls gibt es in der KiTa unseres Jüngsten regelmäßige "religionspädagogische Angebote", die zum Teil auch in der in unmittelbarer Nähe der KiTa gelegenen Kirche stattfinden; in der zurückliegenden Woche kam nun über die KiTa-App die Nachricht, am Dreikönigstag solle es einen Ausflug zu einem regionalen Kindergartengottesdienst an einem anderen Kirchenstandort des Kirchenkreises geben. Mein Sohn erklärte mir unaufgefordert, er wolle diesen Ausflug mitmachen – und außerdem wolle er auch mal wieder mit mir zur Werktagsmesse in St. Marien Maternitas Heiligensee (mit anschließendem Frühstück). Das eine war am Dienstag, das andere am Mittwoch, da dachte ich mir: passt

Als ich den Knaben dann am Dienstagnachmittag fragte, wie denn der KiTa-Gottesdienst gewesen sei, schien es zunächst, dass er den Weg dorthin am spannendsten gefunden; da musste die KiTa-Gruppe nämlich mit dem Bus fahren, sogar mit Umsteigen. Zum Inhalt des Kindergottesdienstes berichtete er auf Nachfrage, sie hätten "sechs Lieder gesungen" und "Bilder von den Heiligen Drei Königen angeguckt". Obwohl es rin evangelischer Gottesdienst war, spielte darin offenbar auch die Arbeit des Kindermissionswerks Die Sternsinger eine Rolle; jedenfalls erhielten die teilnehmenden Kinder ein Armband mit dem Logo der Sternsinger und dem Slogan "Segen bringen – Segen sein", und für die Eltern gab's (als Datei in die App) einen Flyer mit Spendenaufruf fürs Kindermissionswerk. 

Am Mittwoch ließ ich die Kinder extra eine halbe Stunde länger schlafen, weil wir zur Messe in Heiligensee nicht so früh los mussten wie zur KiTa; die Große hat in ihrer Schule ja ohnehin eine gleitende Ankunftszeit. Die Messe wurde von Pater Mephisto zelebriert, was ich mit Blick auf die Tageslesung aus dem 1. Johannesbrief ("Geliebte, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen") etwas ironisch fand. An der Zelebration des ehrwürdigen Paters war diesmal allerdings wenig auszusetzen, wenn man vom kaltblütig gemeuchelten Robbenbaby absieht – ich bemerkte es schon mal: Ganz ohne liturgische Regelverstöße können manche Priester offenbar abends nicht ruhig schlafen gehen, und Pater Mephisto gehört definitiv zu dieser Sorte von Priestern. 

Beim anschließenden Gemeindefrühstück gab es anlässlich des Neuen Jahres Kuchen und Sekt; am frühen Nachmittag hielt ich dann zusammen mit dem Knaben die erste "Beten mit Musik"-Andacht des neuen Jahres ab, und zwar wie gewohnt in St. Joseph Tegel. Die Andacht umfasste vier Lieder, von denen der Sohnemann zwei aussuchte und ich die anderen beiden, und dazu die Psalmen und die Lesung aus der Sext und die Fürbitten aus der Vesper (plus ein paar freie Fürbitten in persönlichen Anliegen). Als wir mit der Andacht begannen, bemerkte ich, dass in der Sakristei Licht war, und rechnete so halb damit, dass da jemand rauskommen und uns fragen würde, was wir hier bitteschön machen, aber das passierte nicht – stattdessen ging das Licht bald darauf aus. Als wir die Kirche wieder verließen, begegnete uns draußen ein junger Mann, in dem wir beide einen Trainer aus der Kampfsportschule zu erkennen glaubten, die der Jüngste neuerdings besucht. Interessant – vielleicht hat er ein Kind in der St.-Josephs-KiTa... 


Nächste Ausfahrt Religionspädagogik? 

Bereits zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich in den Vermeldungen der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd etwas Interessantes entdeckt: Da wurde nämlich für einen neuen, speziell auf Quereinsteiger zugeschnittenen Bachelor-Studiengang Religionspädagogik geworben, den die Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) in Zusammenarbeit mit dem Erzbistum Berlin anbietet. Den Angaben in den Vermeldungen zufolge soll man da mit nur einem Studientag pro Woche in sieben Semestern einen Abschluss erwerben können, der zu einer Beschäftigung als Religionslehrer oder Gemeindereferent befähigt, und damit nicht genug, soll schon studienbegleitend eine Anstellung beim Erzbistum möglich sein. Als ich mit dieser Nachricht nach Hause kam und meine Liebste fragte "Findest du, ich sollte das machen?", erwiderte sie ohne mit der Wimper zu zucken: "Ja." 

Über den Jahreswechsel ließ ich das Thema erst mal sacken, aber dann schaute ich mich mal auf der Website der KHSB um – und gewann dort einerseits den Eindruck, zu dem bei den für eine Studienplatzbewerbung relevanten "beruflichen und sozialen Vorerfahrungen" wohl ein ganz beachtliches Punktekonto mitzubringen, andererseits stellte ich aber fest, dass ich wohl kaum in der Lage sein werde, die reguläre Bewerbungsfrist fürs Sommersemester einzuhalten – die endet nämlich schon am kommenden Donnerstag. Entmutigen ließ ich mich davon jedoch nicht, sondern rief stattdessen mal bei der zuständigen Dienststelle des Erzbistums Berlin an. Die Mitarbeiterin, die ich dort erreichte, war ausgesprochen freundlich und schien erfreut über mein Interesse. Sie riet mir, erst mal einen Kontakt via eMail herzustellen; das habe ich gestern gegen Mittag einfach mal gemacht und bin jetzt gespannt, wie's weitergeht. Natürlich werde ich euch darüber auf dem Laufenden halten, Leser. – 

Zu erwartende Zweifel kritischer Leser, ob das Erzbistum Berlin einen wie mich als Gemeindereferenten nehmen würde oder ob es gut beraten wäre, dies zu tun, bin ich gesonnen sportlich zu nehmen. Andere Leser wird vielleicht eher die Frage umtreiben, ob ich gut beraten bin, eine solche Stellung anzustreben – also reden wir lieber vielleicht lieber erst mal darüber. Die Antwort auf die Frage, warum ich das überhaupt wollen sollte, fällt nicht schwer: Ich mache ja jetzt schon so einiges von dem, was ein Gemeindereferent macht, und würde, wenn man mich ließe, durchaus auch noch mehr in dieser Art machen; und wenn ein Studienabschluss in Religionspädagogik die Voraussetzung dafür ist, für diese Art von Arbeit bezahlt zu werden, dann könnte so ein Studium sich durchaus lohnen. Indes geht es mir dabei durchaus nicht nur ums Geld: Hinzu kommt etwas mindestens ebenso Wichtiges, was ich oben in den Worten "wenn man mich ließe" angedeutet habe. Theoretisch würde ich zwar annehmen, als unbezahlter Freiwilliger im pastoralen Dienst müsste man, da man ja niemandem gegenüber weisungsgebunden ist, eigentlich mehr Freiraum für Eigenitiative und eigenständige konzeptionelle Schwerpunktsetzung haben als die hauptamtlichen Mitarbeiter, aber ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass tatsächlich das Gegenteil der Fall ist. Das finde ich zwar nicht unbedingt gut, aber was man nicht ändern kann, das kann man ja wenigstens versuchen sich zunutze zu machen


Kindermund der Woche 

"Hot Wheels City ist eigentlich so ähnlich wie Pokémon, nur nicht mit Tieren, sondern mit Autos." 

(Der Jüngste wird bald Fünf, da muss man sowas wohl wissen.) 


Hashtag #Kannstedirnichtausdenken: Eine Blütenlese aus der kirchlichen Medienarbeit

Die Jahreslosung für 2026 heißt "Siehe, ich mache alles neu" (Offenbarung 21,5). Das klingt fast zu schön und zu passend, um Zufall zu sein – und ist es auch nicht: Die Jahreslosungen, die seit 1970 von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen herausgegeben werden, stehen zwar sozusagen "ideell" in der Tradition der Herrnhuter Losungen, werden anders als diese aber nicht wirklich gelost, sondern in einem aufwändigen Auswahl- und Beratungsverfahren jeweils drei Jahre im Voraus festgelegt. Diese Information, die ich Tante Wikipedia verdanke, fand ich erst einmal reichlich ernüchternd; aber ein gutes Jahresmotto ist der Vers natürlich trotzdem. – In der Social-Media-Redaktion des Erzbistums Hamburg hingegen dachte man sich wohl "Jahreslosung kann ja jeder" und präsentierte auf Facebook daher eine andere Form spiritueller Wegweisung für das Neue Jahr: ein Buchstabengitter. Ja, echt. "Die ersten drei Wörter, die du siehst, bestimmen dein 2026" – nähme man das ernst, wär's Aberglaube. Aber was nehmen die Social-Media-Redaktionen deutscher Bistümer schon ernst? Natürlich, es soll nur eine harmlose Spielerei sein. Aber ebenso wie man wohl auch bei den Herrnhuter Losungen Verse wie 1. Könige 14,11 ("Wer vom Haus Jerobeam in der Stadt stirbt, den werden die Hunde fressen; und wer auf dem freien Feld stirbt, den werden die Vögel des Himmels fressen") oder Psalm 3,8 ("All meinen Feinden hast du den Kiefer zerschmettert, hast den Frevlern die Zähne zerbrochen") von vornherein eher nicht in den Lostopf tun würde, sind im Buchstabengitter des Erzbistums Hamburg vorsichtshalber nur so Wohlfühlwörter wie "Hoffnung", "Halt", "Geduld", "Mut" und "Ruhe" versteckt. Dass so ein Buchstabengitter in letzter Konsequenz aber unberechenbar bleibt, zeigt sich darin, dass einige mir bekannte Facebook-Nutzer darin auch Wörter wie "Beil" und "Lost" entdeckten. Ich selbst las da erst mal nur "Glegfrhh, wadte, boflb" und dachte mir: Okay, klingt hamburgisch. Auf den zweiten Blick entdeckte ich dann noch die Wörter "Clreic" (könnte ein Buchstabendreher sein und "Cleric" heißen sollen) und "Dieu". Immerhin. 

Nebenan beim Bistum Münster erfährt man derweil, die Lamberti-Gemeinde habe aus einer Fahne mit dem Logo der Demokratiekampagne "Mensch Münster! Lebe Freiheit!", die "Anfang 2025 leider nur kurz am Turm von St. Lamberti hing (der Wind hatte ihr schnell massiv zugesetzt)", "Gewänder für die Sternsingerinnen und Sternsinger" geschneidert. Im Kommentarfeld gab ein Theologiestudent dazu folgendes schon in der Wortwahl ausgesprochen funkelnden Statement ab: 

"Ein super Gedanke, Upcycling vom Feinsten und gleichzeitig ein Zeichen für Nächstenliebe und Toleranz setzen, das ist Christianity in Action!" 

Noch Fragen? – Der Kommentar geht noch einige Zeilen lang weiter und wird im weiteren Verlauf noch verschrobener, aber immerhin hat er vier Likes erhalten, von denen eines vom Account des Bistums Münster selbst stammt und eines vom Bistums-Pressesprecher Stephan Kronenburg. 

Währenddessen scheint das neue Team von Horse & Hound noch so mehr oder weniger im Weihnachtsurlaub zu sein, oder vielleicht sind die neuen Teammitglieder wirklich so langweilig, wie sie auf den ersten Blick aussehen, oder "noch vielleichter" gehört es zum neuen Konzept der Plattform, dass man sich als Sammelbecken und Multiplikator für den konfessionsübergreifenden gemäßigt-liberalen Mainstream der kirchlichen Social-Media-Arbeit betrachtet und verhält. Jedenfalls wird in der Instagram-"Story" von Horse & Hound in letzter Zeit so allerlei Content von anderen kirchlichen Accounts geteilt, von gemütvoll-gefühligen Neujahrs-Impulsen bis hin zu albern-überkandidelten Ministranten- und Sternsingervideos, aber Original-Content findet man da kaum, und Aufregerthemen fehlen auch und erst recht so gut wie völlig. Da wäre allenfalls ein Beitrag aus der NDR-Satireshow "Extra 3" zum Thema "Wie würde man einem Alien Weihnachten erklären?" zu nennen; der ist eher plump als witzig, richtig unerträglich wird er aber erst durch das bierenste "Framing" von Horse & Hound ("Was feiern wir an Weihnachten eigentlich genau? Wie würdest du es jemandem erklären, der von dem allen noch nichts weiß? @extra3 hat hier einen Versuch unternommen. Was denkst du dazu?"). Und im Kommentarbereich des Instagram-Posts werden kritische Stimmen zu diesem Video von Chef-Wadenbeißer Halagan gnadenlos abgebügelt. Also, die Arbeitsteilung im Team funktioniert offenbar. 

Ein spirituelles Angebot zum Jahreswechsel, das ich uneingeschränkt und unironisch empfehlen kann, ist derweil das "Jahresheiligenziehen" auf der Website des Hilfswerks Kirche in Not. Dabei geht es darum, "zum Jahreswechsel einen Heiligen oder Seligen zu ziehen" – als Vorbild und als Fürbitter

"Wir laden Sie ein, zusammen mit Ihrer oder Ihrem gezogenen Heiligen die eigene Gottesbeziehung zu reflektieren und vielleicht zu verbessern. Lassen Sie sich von der Biografie des Heiligen sowie von ausgewählten Zitaten und Bibelstellen inspirieren." 

Ich könnte nicht sagen, was mich konkret dazu veranlasst hat, dieses Jahr von diesem Angebot Gebrauch zu machen, aber jedenfalls bin ich ausgesprochen erfreut über das Ergebnis: Mir ist auf diesem Wege ein persönlicher Jahresheiliger zuteil geworden, von dem ich bisher noch nie etwas gehört hatte, den ich aber nach dem, was ich im Ökumenischen Heiligenlexikon über ihn gelesen habe, ausgesprochen faszinierend finde – der Hl. Gerardo Maiella (1726-1755). Ich schätze, es kann nicht schaden, ihm einen eigenen Blogartikel zu widmen; vielleicht zu seinem Gedenktag? Der ist allerdings erst am 16. Oktober... 


Geistlicher Impuls der Woche 

Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. Sie eröffnen eine Prozession, die durch die ganze Geschichte hindurchzieht. Sie stehen nicht nur für die Menschen, die zu Christus gefunden haben. Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus zu. 

Wenn die Weisen, die, vom Stern geführt, nach dem König der Juden suchen, die Bewegung der Völker zu Christus darstellen, ist darin impliziert, dass der Kosmos von Christus spricht; und dass freilich seine Sprache für den Menschen in seiner tatsächlichen Verfasstheit nicht voll zu enträtseln ist. Die Sprache der Schöpfung gibt vielerlei Hinweise. Sie erweckt im Menschen die Ahnung des Schöpfers. Sie erweckt darüber hinaus die Erwartung, ja, die Hoffnung, dass dieser Gott sich einmal zeigen werde. Und sie erweckt zugleich das Bewusstsein, dass der Mensch ihm entgegengehen kann und soll. Aber die Erkenntnis, die aus der Schöpfung hervorgeht und sich in den Religionen konkretisiert, kann auch abdriften, sodass sie den Menschen nicht mehr in Bewegung bringt über sich hinaus, sondern ihn verleitet, sich zu fixieren in Systemen, mit denen er glaubt, den verborgenen Mächten der Welt etwas entgegensetzen zu können. 

(Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Prolog) 


Ohrwurm der Woche 

Johannes Hartl & Friends: Fürst des Friedens

Zum Abschluss der Weihnachtszeit und anlässlich der in der zurückliegenden Woche zu Ende gegangenen MEHR-Konferenz gibt's in dieser Rubrik nochmals etwas Lobpreis aus dem Gebetshaus Augsburg – mit einem an Jesaja 9,5-6 angelehnten Text. Bei der "Beten mit Musik"-Andacht am Mittwoch war dies eins der beiden Stücke, die ich mir aussuchen durfte, und für mein Empfinden war es ein echtes Highlight. Ich glaube, meinem Sohn hat es auch gefallen. 


Vorschau/Ausblick 

Im nächsten Wochenbriefing dürft ihr euch auf einem Abschnitt zum Thema "Innenansichten aus der Sternsingerei" (o.s.ä.) freuen, denn ich war heute von morgens bis in den Nachmittag hinein damit beschäftigt, eine Sternsingergruppe durch Siemensstadt und Haselhorst zu begleiten – so beschäftigt, dass ich bisher keine Zeit hatte, auch noch darüber zu schreiben.. Aber das kommt noch! Der Neujahrsempfang der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland, von dem ich irrtümlich angenommen (und so auch in der Vorschau-Rubrik des vorigen Wochenbriefings angegeben) hatte, er wäre erst morgen, ist tatsächlich heute Abend, und da es bei Redaktionsschluss noch nicht absehbar war, ob sich das zeitlich mit der Sternsingeraktion unter einen Hut bringen lassen würde, wirst du, o Leser, dich überraschen lassen müssen, ob ich im nächsten Wochenbriefing etwas darüber zu berichten haben werde. Aber ich möchte eigentlich schon hin, zumal ich als engagierter Laie eine persönliche Einladung erhalten habe. – Am morgigen Sonntag ist jedenfalls Taufe des Herrn und damit liturgisch der Abschluss der Weihnachtszeit; die Gelegenheit, uns am Ökumenischen Krippenpilgern in Spandau zu beteiligen, haben wir damit wohl verpasst, aber hey, es gibt Schlimmeres. Am Montag hoffe ich den als Pfarrvikar von St. Klara Reinickendorf-Süd offiziell bereits verabschiedeten Priester aus Nigeria noch einmal zu sehen, um über die Möglichkeit eines Besuchs in seiner Heimatdiözese im nächsten Herbst zu sprechen; am Mittwoch feiert ein gemeinsamer Freund unserer Kinder seinen 6. Geburtstag, da trifft es sich gut, dass diese Woche noch kein JAM ist – das geht nämlich erst am 21. wieder los. Neues von den Pfadfindern dürfte es in absehbarer Zeit auch mal wieder geben; und darüber, wie es unserem Jüngsten beim Kampfsport so ergeht, will ich auch mal was schreiben, wenn neben den ganzen anderen Themen Platz dafür bleibt... 


Donnerstag, 8. Januar 2026

Horrendum est 2: Die hippen Missionare und der lebendige Gott

Ich deutete es unlängst schon an: Am interessantesten an der Darstellung charismatischer oder in anderer Weise, sagen wir mal, "intensivreligiöser" Christen als gefährliche Fanatiker, wie sie zuletzt in der ARD-Reportage "Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?" zu bewundern war, finde ich eigentlich die daraus sozusagen ex negativo ableitbaren Vorstellungen darüber, wie ein "normales", nicht-radikales, sozialverträgliches, in einer pluralistischen Gesellschaft tolerierbares Christsein auszusehen hätte. 

Explizit wird diese Frage im Film kaum diskutiert, weder von den Journalisten des Bayerischen Rundfunks noch von den Leuten, die zu ihrer Kritik am Gebetshaus Augsburg, an der Loretto-Gemeinschaft oder den FOCUS-Hochschulmissionaren interviewt werden; aber natürlich haben sie gewisse Vorstellungen darüber, die, so wenig reflektiert sie auch sein mögen, ihre Wahrnehmung der genannten Gruppen und ihr Urteil über sie prägen – man könnte vielleicht sogar sagen, sie prägen sie desto mehr, je weniger reflektiert sie sind.

Dass die Macher der Sendung sich ihrem Thema mit einer von eher wenig Sachkenntnis und umso mehr Vorurteilen geprägten Haltung genähert haben, verrät vielfach schon die Wortwahl – etwa, wenn es vom Gebetshaus Augsburg heißt, es stehe "allen christlichen Religionen" offen – und noch mehr im Tonfall des Voice-Over-Kommentars, etwa wenn Begriffe wie "Jüngerschaftsschule" nur mit ironisch geschürzten Lippen ausgesprochen werden oder wenn Bernadette Lang, die Leiterin der HOME Akademie in Salzburg, als "das Postergirl der Loretto-Gemeinschaft" vorgestellt wird. 

Dass man mit einer solchen Haltung keine brauchbare Dokumentation, sondern allenfalls Propaganda fabrizieren kann, sollte eigentlich auf der Hand liegen: Für eine Dokumentation, die diese Bezeichnung wirklich verdiente, wäre es erforderlich, die Perspektive derer, über die man berichten will, wenigstens so weit gedanklich nachzuvollziehen, dass man sie korrekt darstellen kann. Daran haben die Macher der Sendung "Die hippen Missionare" ersichtlich kein Interesse, und dazu ist wohl auch das Brett vor ihrem Kopf zu dick. 

Schon wie der erste Auftritt des Gebetshaus-Gründers Johannes Hartl in den ersten Minuten des Films in Szene gesetzt wird, ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Vorgestellt wird er als "ein katholischer Theologe" – und gleichzeitig dabei gezeigt, wie er auf der Bühne der MEHR-Konferenz betet, wodurch subtil angedeutet wird, dies zu tun sei für einen katholischen Theologen irgendwie ungehörig, zumindest aber ungewöhnlich. Während die Kamera Hartls bunte Turnschuhe ins Visier nimmt, wird präzisiert, Hartl sei "kein Priester – aber er predigt"; die auffallend strukturkonservative, amtskirchenfixierte Sicht auf christliche Glaubenskommunikation, die in dieser Bemerkung zum Ausdruck kommt, ist für die Sendung insgesamt kennzeichnend: Mehrfach wird betont, dass die im Mittelpunkt der Darstellung stehenden Initiativen – das Gebetshaus Augsburg, Loretto, FOCUS – "private Vereine" seien, so als sei das etwas Unanständiges. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Erst einmal erscheint an der in vorwurfsvollem Ton vorgebrachten Feststellung, Hartl predige, etwas anderes entscheidend; denn was predigt er? "Seine Weltsicht"

Einmal abgesehen davon, dass man meiner Erfahrung nach recht gut unterscheiden kann, wo Johannes Hartl in seinen Vorträgen lediglich seine persönliche Sichtweise zum Ausdruck bringt und wo er sich auf die Bibel, die kirchliche Lehre oder die Werke zeitgenössischer oder früherer Theologen und Philosophen beruft, stellt sich hier die Frage: Was ist so schlimm daran, wenn er "seine Weltsicht" kommuniziert? Warum sollte er das nicht dürfen? Die Antwort ist bestechend: Hartl vertrete die Auffassung, dass "sich nicht jeder selbst seine Wahrheit zurechtlegen könne". In der Tat, das tut er, und das tue ich auch; deutlich schwingt hier allerdings der Vorwurf mit, dadurch, dass Hartl seine eigene Weltsicht verabsolutiere, spreche er anderen das Recht ab, dasselbe zu tun. Dieser Vorwurf ergibt freilich nur dann Sinn, wenn man den Umstand ausklammert, dass das, was Johannes Hartl in seinen im weitesten Sinne "predigtartigen" Vorträgen darlegt, eben gerade nicht "just, like, his opinion" ist, wie der Dude sagen würde; aber jetzt fangen wir an, uns im Kreis zu drehen. Halten wir lieber mal fest: Wenn schon die Aussage, dass "sich nicht jeder selbst seine Wahrheit zurechtlegen könne", als problematisch empfunden wird, dann erklärt das eine ganze Menge über diesen Film – und über den weltanschaulichen Standpunkt seiner Macher. 

Schon im Titel des TV-Beitrags wird ja, wenn auch schamhaft mit einem Fragezeichen versehen, ein Gegensatz zwischen den Begriffen "Jesus" und "Freiheit" aufgemacht; wie der Passauer Bischof Stefan Oster in seiner Stellungnahme zur Sendung angemerkt hat, setzt das freilich "die gängige Freiheitsauffassung einer liberalen, digital abgelenkten und weitgehend materialistischen Gesellschaft" voraus, die sich fundamental davon unterscheidet, was der Apostel Paulus meint, wenn er schreibt "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal 5,1). Nun kann man der Meinung sein, ein "tieferes Eingehen auf solche Grundfragen", dessen Ausbleiben Bischof Oster in seiner Stellungnahme bemängelt, sei von einer Fernsehreportage schlechterdings nicht zu erwarten; gleichwohl müsste es ohne diesen Hintergrund unverständlich bleiben, wie die Filmemacher darauf kommen, "Beten [und] Lobpreisen" als Negation von "Freiheit und Selbstentfaltung" anzusehen. Überhaupt wird dem Thema Gebet mit einer ausgeprägten Skepsis begegnet. Wann immer in dieser Sendung die Rede davon ist, dass junge Leute zum Beten angehalten werden, schwingt darin deutlich hörbar die Verdächtigung mit, dass da Manipulation, ja Gehirnwäsche im Spiel sein müsse. Und wozu sollen die jungen Leute manipuliert werden? Dazu, "das ganze Leben auf Gott aus[zu]richten". Was aus der Perspektive des, wie wir gesehen haben, stillschweigend vorausgesetzten individualistischen Freiheitsbegriffes natürlich problematisch ist. 

Gewiss: Religion bindet den Menschen, das steckt schon im Wort selbst. Und damit haben die Macher dieser Reportage ganz grundsätzlich ein Problem. So gesehen überrascht es auch kaum, dass die in der Sendung porträtierten geistlichen Bewegungen durchweg für Positionen kritisiert werden, die keineswegs spezifisch für sie sind und die im kirchlichen Kontext auch durchaus nicht besonders "radikal" oder "extrem" sind. Bestes Beispiel: Der einzige wirklich konkret fassbare Vorwurf, der gegen die Loretto-Gemeinschaft erhoben wird – abgesehen von vagem Geraune darüber, dass diese Gruppierung halt irgendwie sektenmäßig rüberkomme –, ist, dass sie gegen Abtreibung ist. Eine in der Sendung als Loretto-"Aussteigerin" präsentierte junge Frau, Sarah Schlegel, erinnert sich an eine Gebetswache auf dem Salzburger Festungsberg, an der sie als Jugendliche teilgenommen habe: 

"Da vorne ist das Landeskrankenhaus, da sind die Lorettos gestanden, um gemeinsam dafür zu beten, dass die Abtreibungsklinik zumachen muss. Die Dämonen aus der Abtreibungsklinik austreiben." 

Zu den Dämonen vielleicht später oder ein andermal; entscheidend ist hier erst einmal, dass diese Positionierung gegen die Abtreibungsklinik der Punkt war, an dem Sarah Schlegels Einstellung zur Loretto-Gemeinschaft, in der sie sich bis dahin ausgesprochen wohl gefühlt hatte, zu kippen begann. 

"Es kann net im Interesse von einer jungen Frau sein, dass die Abtreibungsklinik, die einzige in der Stadt, zusperrt." 

So, kann es das nicht. Völlig unhinterfragt wird hier die Auffassung vertreten, wohnortnah die Möglichkeit zur Abtreibung zu haben sei ein notwendiger und selbstverständlicher Bestandteil weiblicher Selbstbestimmung. Dass das nicht nur die Loretto-Gemeinschaft anders sieht, sondern die katholische Kirche als ganze und mit ihr die meisten anderen christlichen Konfessionen, ja dass es geradezu eine christliche Kernüberzeugung ist, dass schon dem ungeborenen Kind die Würde zukommt, geliebtes und gewolltes Kind Gottes zu sein, kommt dabei überhaupt nicht in den Blick. 

Die Loretto-"Aussteigerin" ist in Salzburg inzwischen als "Pro Choice"-Aktivistin unterwegs: Die Doku zeigt sie bei einer Protestkundgebung gegen den "1000-Kreuze-Marsch". – "Plötzlich tauchen diese jungen Frauen auf", heißt es sodann mit bedrohlichem Unterton: Diese jungen Frauen kommen von der HOME Base der Loretto-Gemeinschaft, haben dort die Jüngerschaftsschule absolviert. Nach dem Gespräch mit ihnen ist Sarah Schlegel sichtlich aufgewühlt, findet es aber "traurig zu sehen, dass sie sich kein Stück verändert haben in acht Jahren." Andere würden es vielleicht traurig finden, wie sehr Sarah Schlegel sich in diesen acht Jahren verändert hat. 

Eng mit der Frage der Haltung zum Thema Abtreibung verknüpft sind natürlich weitere fundamentale Auffassungsunterschiede zu Fragen von Geschlechterrollen und Sexualität. In diesem Sinne meint die in der Sendung als Kronzeugin gegen Loretto vorgeführte Sarah Schlegel, Loretto wolle grundsätzlich "kein Selbstbestimmungsrecht für Frauen", vielmehr sollten diese "am besten für die Kindererziehung sich widmen, am besten eigentlich – ja, eben so das traditionelle Familienbild aufrecht erhalten". Was natürlich die Frage aufwirft, was an diesem traditionellen Familienbild eigentlich so furchtbar ist – oder anders gesagt, was das Problem daran ist, wenn es Frauen gibt, die gerade darin ihre Freiheit und Selbstentfaltung finden. Maria Hinsenkamp, die in ihrer Studie "Visionen eines neuen Christentums" erstmals das Phänomen "Kingdom-minded Network Christianity" (kurz "KiNC") beschrieben und benannt hat, erklärt im Interview, die "Rolle der Mutter" werde in diesen Kreisen "natürlich ganz stark gewertschätzt"; und als Beleg dafür wird sogleich gezeigt, dass im Gebetshaus Augsburg "viele Mütter mit Kindern" anzutreffen sind: "Drei, vier, fünf Kinder pro Familie. Für Johannes Hartl eine Idealvorstellung." Ja, und was ist daran jetzt bitte verkehrt oder schlimm? Diese Frage muss der Zuschauer sich offenbar selbst beantworten. Ein mal spöttischer, mal skeptischer, mal entrüsteter Tonfall im Voice-Over-Kommentar suggeriert dem Betrachter, wie er das Dargestellte finden soll, Begründungen werden offenbar nicht als notwendig erachtet. 

Auch bei der Kritik am Wirken der Initiative FOCUS (Fellowship of Catholic University Students) an der Uni Passau ist "der Umgang mit Sexualität" ein Thema, das "betroffene Studierende immer wieder" erwähnen. Hier kippt der unbedingte Wille der Filmemacher zur Skandalisierung schon ins unfreiwillig komische, wenn es heißt: "Die FOCUS-Missionare gingen angeblich so weit, Programme anzubieten." Was bitte soll denn so schlimm daran sein, Programme anzubieten? – Nun, natürlich das Ziel dieser Programme, auch wenn das erst im nächsten Satz verraten wird; nämlich "die Befreiung von sexuellen Sünden". Diese Bemühungen lösten offenbar Proteste aus, die die Leitung der Katholischen Studentengemeinde veranlasste, "das Wirken der FOCUS-Missionare untersuchen" zu lassen – und zwar "vom damaligen bischöflichen Ansprechpartner für geistlichen Missbrauch". Dessen Bericht zufolge ging es bei den inkriminierten "Programmen" wohl "vor allem um Pornosucht – oder was die Missionare darunter verstehen." Aus dem Untersuchungsbericht wird zitiert: 

"Pessimistisch bis katastrophierend wird behauptet, als seien der Konsum von Pornofilmen und die Ausübung der Selbstbefriedigung per se unfrei machende Verhaltensweisen. Das ist wissenschaftlich keinesfalls haltbar." 

Mal abgesehen von dem auffälligen Bruch im Satzbau würde ich persönlich ja sagen, der eigentliche Skandal sei hier, dass eine offizielle Dienststelle eines katholischen Bistums – unter vager Berufung auf angebliche oder sogenannte "Wissenschaftlichkeit" – Pornokonsum und Selbstbefriedigung zu "entproblematisieren" versucht; aber an so etwas ist man heutzutage wohl schon einigermaßen gewöhnt – wenn auch nicht unbedingt im Bistum Passau

Und wie steht es mit der Kritik am Gebetshaus Augsburg, die in Gestalt von Simone Coring personifiziert wird, einer studierten Theologin, die vor Jahren selbst mal ein Volontariat im Gebetshaus abgeleistet hat? Zwei Punkte stehen da im Mittelpunkt, die im Laufe der Sendung mehrfach angesprochen werden. Der erste ist die "kriegerische Metaphorik", die sie da im Gebetsraum erlebt haben will. "Ich glaube, es war dann wirklich das erste Mal, als ich dann in den Gebetsraum gegangen bin, eine junge Frau betete: Lasst uns hier die Mauern besetzen und gegen die Dämonen kämpfen." Darauf angesprochen, erklärt Johannes Hartl, das sei ein "wording", das im Gebetshaus "gar nicht erlaubt" sei: "Eine unserer Grundaussagen ist, dass wir nie gegen etwas beten, sondern für etwas." Ich muss sagen, mir persönlich ist diese Reaktion ein bisschen zu defensiv. Als ich zum ersten Mal bei der MEHR-Konferenz war – im Januar 2017 –, hielt Johannes Hartl zum Abschluss des Programms einen Vortrag mit dem Titel "Erwecke die Helden", zu dem ich seinerzeit notierte, es gehe darin u.a. um die Beobachtung, 

"dass die Bibel stellenweise in sehr kriegerischen Metaphern vom Auftrag der Christen in der Welt spricht; das gelte heutzutage vielfach als anrüchig und stehe in einem Spannungsverhältnis dazu, dass die christliche Botschaft heute allzu oft einseitig zu Friede, Freude und Eierkuchen verflacht werde". 

Und ja, ich habe es mehrfach erlebt, dass Leute, denen ich Auszüge aus dem besagten Vortrag auf YouTube gezeigt habe, mit Unbehagen auf diese "kriegerische Metaphorik" reagiert haben. Ich hätte aber gedacht, dieses Reaktionsschema wäre allmählich mal passé – wo Wehrbereitschaft und Kriegstüchtigkeit doch wieder "in" sind und sogar Robert Habeck und Campino sagen, heutzutage würden sie nicht mehr den Wehrdienst verweigern. Was gegen Russland recht ist, sollte das nicht auch "gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Eph 6,12) billig sein? 

Der zweite Punkt betrifft den Vortrag einer nicht namentlich genannten Person, die damals im Vorstand des Gebetshauses war, heute jedoch nicht mehr dort tätig ist: Aus diesem Vortrag ist Simone Coring die Aussage im Gedächtnis geblieben, "wenn du, oder in deiner Familie, wenn's dort Krebs gibt, dann wär's wichtig, dass du auch mal schaust, ob's in deiner Familie, oder auch in den Generationen vorher, 'sündhafte Verstrickungen' gibt". Eine Aussage, die sie, sie sie betont, "wirklich als extrem gefährlich auch empfunden" habe – warum? Weil sie meint, "der Umkehrschluss wäre ja, Menschen die krebskrank sind, entweder sind sie selber schuld oder ihre Eltern oder Großeltern, weil da offensichtlich Sünde in der Familie ist". Ich würde meinen, hier gilt es deutlich zu sagen, dass dieser vermeintliche "Umkehrschluss" ihre eigene Assoziation ist und sich aus dem von ihr aus der Erinnerung wiedergebenen Wortlaut keineswegs zwingend ergibt; ehrlich gesagt finde ich es eher erschreckend, dass eine Frau, die Theologie studiert hat, so wenig mit dem Begriff "Sünde" anfangen kann, dass sie die zitierte Aussage nur als Schuldzuweisung verstehen kann. Wäre sie tatsächlich als solche gemeint, dann ließe sich dagegen natürlich – z.B. unter Verweis auf Ezechiel 18,2-3, Lukas 13,1-5 oder Johannes 9,1-3 – allerlei einwenden, aber so weit wird hier ja gar nicht reflektiert. Als Simone Coring ihre Kritik im persönlichen Gespräch mit Johannes Hartl vorbringt, beurteilt dieser die von ihr referierte Aussage aus dem Vortrag zwar als "strange" und betont, er würde sie "so natürlich überhaupt nicht unterschreiben", aber mit der Einschätzung Simone Corings, eine solche Aussage sei "tatsächlich auch sehr gefährlich", will er dann doch nicht mitgehen: 

"Wo sehen Sie da jetzt die Gefahr? Zum Beispiel, wenn man sagen würde – Keine Ahnung – es gibt da Verstrickungen, die vielleicht auch krank machen? [...] Wenn man jetzt eher sagen würde, es ist vielleicht eine größere problematische Familienkonstellation, die sich auch körperlich manifestiert oder so?" 

Simone Coring bleibt jedoch bei ihrer Lesart: 

"Aber letztendlich wird damit doch die Schuld – in Anführungsstrichen –, die es ja für solche Erkrankungen definitiv nicht gibt, da sind wir uns ja glaub ich einig, wird ja auf die Person im Zweifel gewälzt, die krank ist." 

Mir stellen sich da ein paar Fragen: Wenn man beispielsweise sagt, das Rauchen sei der größte bekannte Risikofaktor für Lungenkrebs, stellt das dann auch eine unzulässige Schuldzuweisung an Krebskranke dar, die vielleicht jahrzehntelang starke Raucher waren? Oder wenn man von gesunder Ernährung spricht, impliziert das nicht, dass schlechte Ernährungsgewohnheiten eine Vernachlässigung der Verantwortung für die eigene Gesundheit bedeuten? Und ist es nicht allgemein anerkannt, dass Risikofaktoren für eine Vielzahl von Krankheiten, darunter auch Krebs, innerhalb der Familie weitergegeben werden können? Wenn man dies alles berücksichtigt, was ist dann eigentlich so furchtbar an der These, dass "sündhafte Verstrickungen" in der familiären Vorgeschichte dazu beitragen können, jemanden krank zu machen? 

Letztendlich, so scheint mir, haben wir es hier – ebenso übrigens wie bei dem greifbaren Unbehagen angesichts des Themas "Kampf gegen Dämonen" – mit der Leugnung einer spirituellen Realität zu tun. Präziser gesagt, man kann oder will sich nicht recht vorstellen, dass es eine geistliche Welt gibt, die (mindestens) genauso real ist wie die materielle, und deshalb erscheint die Idee, Sachverhalte aus der spirituellen Welt, wie z.B. eben Sünde, könnten sich in die materielle Welt hinein auswirken, schlichtweg gruselig. Wie ich schon während der Corona-Krise einmal versucht habe darzulegen, bin ich tatsächlich überzeugt, dass genau hier eine Wasserscheide innerhalb der Kirche verläuft: Wir haben in der akademischen Theologie, im institutionellen Apparat der Kirche, aber auch unter einfachen Gemeindemitgliedern einen liberalen Mainstream, in dem das Christentum als Weltanschauung, als ethisches Fundament, als Wertesystem geschätzt und hochgehalten wird (auch wenn daran hier und da Anpassungen vorgenommen werden müssen, um nicht mit säkularen Konzepten von Toleranz und individueller Selbstentfaltung in Konflikt zu geraten); aber von Gott nicht nur – hier zitiere ich mich mal selbst – "als gedankliches Konstrukt [...], als Metapher, als Personifikation irgendwelcher 'Werte' oder 'Haltungen'" zu sprechen, "für die die Institution Kirche steht oder stehen sollte", sondern an einen Gott zu glauben, der wirklich ist, in dem Sinne, dass Er tatsächlich in der Welt und im Leben der Gläubigen wirkt, das ist diesem liberalen (Post-)Christentum zutiefst fremd, und wer das tut, der erscheint aus dieser Sicht als "Fundamentalist", als Fanatiker, als gefährlich

Ganz am Ende der Sendung wird Simone Coring dabei gezeigt, wie sie bei einem Vortrag von Johannes Hartl im Publikum sitzt und sich darüber wundert, wie fremd ihr das alles geworden ist: "Theoretisch verbindet mich mit den Leuten viel, ich bin ja gläubig." Der Voice-Over-Kommentar ergänzt: "Aber ihr Glauben hat nicht mehr viel gemein mit dem, was Bewegungen wie das Gebetshaus, FOCUS oder Loretto vertreten." – Ist das so? Woran glaubt sie dann? Was genau meint sie, wenn sie sich als gläubig bezeichnet? Diese Frage drängt sich auf, da die Sendung für mein Empfinden überzeugende Belege dafür schuldig bleibt, dass die genannten Initiativen oder Bewegungen etwas lehren und/oder praktizieren, das nicht auf dem Boden der katholischen Glaubenslehre stünde. Eben darum wirkt der Versuch, die Unterstützung der "Amtskirche" für diese Initiativen zu skandalisieren, so tragikomisch: So heißt es über die Loretto-Gemeinschaft, sie werde "finanziell großzügig unterstützt von niemand geringerem als dem Passauer Bischof Stefan Oster", und ihre Niederlassung in der Dreiflüssestadt liege "mitten auf dem Domplatz, zwischen Bischofssitz und Dom. Jüngerschaftsschule inklusive" – wozu mir nur einfällt: Ja, warum denn auch nicht? Die Antwort auf diese Frage hängt natürlich, wie ich schon in der Einleitung zu diesem Artikel angedeutet habe, damit zusammen, was für ein Bild "von Kirche" die Macher der Sendung ihren Zuschauern suggerieren wollen: wie eine Kirche sein müsste, an der es nichts zu kritisieren oder zu skandalisieren gäbe. Am deutlichsten greifbar wird dieses Kirchen-Wunschbild in den Äußerungen von Anna Katharina Brose, die in der Sendung als Kronzeugin gegen FOCUS in Szene gesetzt wird: Sie war in der Passauer Studentengemeinde aktiv, bis dort die FOCUS-Missionare an Einfluss gewannen, was dazu führte, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlte. In der Sendung heißt es sogar, die "FOCUS-Aktivitäten" hätten die Studentin "in eine wahre Glaubenskrise geführt": "Selbst einen Kirchenaustritt hat sie erwogen. Erst der Umzug weg von Passau hat ihr geholfen." Sie selbst erzählt: 

"Ich geh' in den allerersten Gottesdienst im Bistum Limburg, und es war Frauenpredigttag, ich wurde dann später eingeladen zu Ausstellungen zum Thema 'Queer und katholisch'." 

Im ersten Moment dachte ich, das sei ja fast schon zu klischeehaft, um wahr zu sein. Bistum Limburg, na klar. Wenn Anna Katharina Brose allerdings fortfährt "Ich saß einfach da und hatte Tränen in den Augen – weil ich in dem Moment wirklich gemerkt hab: Nein, ich bin nicht alleine!" und, während sie dies erzählt, erneut Tränen in den Augen hat, wirkt sie durchaus sehr authentisch und fast schon sympathisch – aber gleich darauf verfällt sie in jenen trotzig-belehrenden Tonfall, den man aus dem postchristlich-progressiven Milieu so gut kennt

"Weil 'katholisch' nämlich nicht heißt: eine kleine Elitegemeinde der besonders Frommen, die unter sich sind, die keine anderen Meinungen zulassen; sondern 'katholisch' heißt 'allumfassend'." 

Einige Minuten zuvor hat der geneigte Fernsehzuschauer sie darüber sprechen hören, wie eine frühere Freundin von ihr unter den Einfluss der FOCUS-Missionare geraten sei; wenn sie versucht habe, mit ihr darüber zu sprechen, habe sie festgestellt, dass "die Worte, die sie gesagt hat, einfach eins zu eins Sprache der Missionare waren". Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Freundin Ähnliches auch über sie sagen würde, wenn sie sie hier im Brustton der Überzeugung ausgelutschte liberalkatholische Plattitüden nachbeten hörte. Nebenbei bemerkt klingt das, was hier den FOCUS-Missionaren vorgeworfen wird, doch ziemlich stark nach Projektion: Wären sie tatsächlich so elitär und darauf bedacht, "unter sich" zu bleiben, hätte der Rest der (kirchlichen und erst recht nicht-kirchlichen) Welt wohl kein Problem mit ihnen; was an ihnen als problematisch wahrgenommen wird, ist doch gerade, dass sie nicht "unter sich" bleiben, sondern offensichtlich Zulauf haben. Und könnte es nicht vielleicht sein, dass gerade die "progressiven" (Post-)Christen sich als eine Elite, nun vielleicht nicht gerade der besonders Frommen (da "fromm" in diesen Kreisen ein eher negativ besetzter Begriff ist), aber der besonders Moralischen (nach ihren eigenen moralischen Mäßstäben) sehen und verhalten? – Wenn Anna Katharina Brose abschließend erklärt "Und jetzt, ja, nach den zwei Jahren, wo ich jetzt in 'nem anderen Bistum bin, kann ich wieder sagen: Ja, ich bin katholisch, und das gerne, und ich bin da stolz drauf", dann erinnert mich das an nichts so sehr wie an einen Dialog, den ich in den späten 90ern mal mit angehört habe, zwischen zwei Leuten (m/w), mit denen ich damals in einer Theatergruppe war: 

Er: "Im Prinzip bin ich eigentlich Vegetarier, ich würde mich bloß nie so nennen." 

Sie: "Ich nenne mich schon so, es stimmt bloß nicht." 

True Story. Und jetzt stelle ich mir vor, wie diese ehemalige Passauer Studentin genüsslich ein saftiges Steak verdrückt und dabei erklärt: "Ja, ich bin Vegetarierin, und das gerne, und ich bin da stolz drauf."

Zu denken geben könnte es auch, dass das erwünschte, als "progressiv" verkaufte Kirchenbild in dieser Sendung außer von Anna Katharina Brose und einem "junge[n] Firmbegleiter", der ungenannt bleiben möchte, weil er fürchtet, sonst womöglich Probleme zu bekommen ("Ich engagiere mich für Jugendarbeit in der Kirche. Was dann vielleicht nicht mehr möglich ist. Ich weiß ja nicht, was da so im Hintergrund abläuft" – merke: Es ist keine Verschwörungstheorie, wenn die Guten es sagen!), eher von Angehörigen der Boomer-Generation verkörpert wird: von einer früher in der Passauer Studentengemeinde tätigen Pastoralreferentin (kurze graue Haare, Brille, Strickjacke) und der KDFB-Funktionärin Adelinde Grad (kurze graue Haare, Brille, rosa Blazer). Letztere wird als ein Beispiel dafür vorgeführt, dass "reformorientierte Kirchenmitglieder" die Ansiedlung der Loretto-Gemeinschaft im Bistum Passau zunächst durchaus hoffnungsvoll betrachtet hätten – und zwar aufgrund der Wahrnehmung, das Auftreten und die Methoden dieser Gruppierung hätten Ähnlichkeit mit evangelischen Freikirchen: "Insgeheim hab i mer gedacht: Mensch, das wäre eine Chance für uns Frauen", erklärt Adelinde Grad. "Denn in Freikirchen gibt's Pastorinnen, in Freikirchen dürfen Frauen predigen – in der katholischen Kirche ist das schwierig." Die Hoffnung, Loretto würde in dieser Hinsicht frischen Wind bringen, habe sich jedoch nicht erfüllt – und zwar, so Adelinde Grad, weil da in ein grundsätzlich aus dem freikirchlichen Bereich übernommenes Modell speziell katholische Elemente "mit 'reingepflanzt" worden seien, wozu sie neben dem Rosenkranzgebet auch eine "strenge Sexualmoral" und eben den Grundsatz "Frauen haben nicht zu predigen" zählt. Ich würde sagen, diese Einschätzung verrät eine eher oberflächliche Kenntnis der Lehre und Praxis von Freikirchen, aber im Rahmen der Sendung wird sie nicht hinterfragt. 

Kommen wir abschließend noch einmal auf die "KiNC"-Expertin Maria Hinsenkamp zurück, die im Interview erklärt: 

"Da, wo eine bestimmte Ausdrucksform des Christentums absolut gesetzt wird, und wo ein Exklusivitätsanspruch besteht, dass nur die eine Form, diese eine Ausdrucksform die wirklich richtige ist, da ist es immer schon gefährlich." 

Da möchte ich nicht unbedingt widersprechen; ich frage mich allerdings, inwieweit sich diese Aussage auf Bewegungen oder Strömungen innerhalb der Kirche anwenden lässt, die sich – meiner Wahrnehmung und Erfahrung zufolge – gerade durch eine große Vielfalt an Ausdrucksformen auszeichnen, von Rosenkranz und Stundengebet über Eucharistische Anbetung bis hin zu Lobpreis-Pop und freien Fürbitten. Wie ich schon öfter angemerkt habe, erscheint mir die Vielfalt an Ausdrucksformen in der religiösen Praxis von als "fundamentalistisch" oder erz-ultra-irgendwas denunzierten Gemeinschaften erheblich größer und "bunter" als bei den postchristlichen Liberalen. Es steht daher zu vermuten, dass Frau Hinsenkamp mit der Bezeichnung "Ausdrucksformen" etwas anderes meint – oder vielleicht, dass sie tatsächlich nicht versteht, dass unterschiedliche Ausdrucksformen des einen Glaubens nicht mit fundamental unterschiedlichen Auffassungen über Glaubensinhalte auf eine Stufe gestellt werden können; geschweige denn, dass das Ausmaß unterschiedlicher Auffassungen zu Glaubensfragen, das innerhalb einer Religionsgemeinschaft toleriert werden kann, naturgemäß und zwangsläufig begrenzt ist.