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Mittwoch, 26. Februar 2025

DOSSIER: Pfarrhausfamilie

Nachdem die Dossiers zum Thema "Warum eigentlich 'Punkpastoral'?" sowie zum Thema "Gemeindeerneuerung" interessierten Lesern Gelegenheit geboten haben, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie ich mir eine "christliche Graswurzelrevolution" in Grundzügen vorstelle, ist es nun wohl mal an der Zeit, einem Herzensprojekt, das meine Liebste und mich schon seit einigen Jahren umtreibt und das wir irgendwann, idealerweise noch bevor die Kinder aus dem Haus sind, verwirklichen zu können hoffen, ebenfalls ein eigenes Dossier zu widmen: dem Projekt Pfarrhausfamilie

Für diese Projektidee gab es eine markante Initialzündung, die im Artikel "Das! Ist! Unser Haus!" vom 17. Mai 2017 dokumentiert ist: Kurz zuvor hatte ich erfahren, dass die Pfarrei St. Willehad ein ihr gehörendes Haus in Tossens – das in der betreffenden Meldung nicht ganz zutreffend als "ehem. Pfarrhaus" bezeichnet wurde – verkaufen wollte, und rein intuitiv missfiel mir das erst einmal. 

"Ich bin in dieser Hinsicht wohl im Wortsinne konservativ (von lat. conservare = 'bewahren'), jedenfalls bekomme ich immer so ein nervöses Zucken um die Augenwinkel, wenn ich den Eindruck habe, dass kirchliche Einrichtungen ihren Besitz verschleudern. Und dabei geht es zunächst mal gar nicht darum, worin dieser Besitz konkret besteht. Sondern darum, dass die Entscheidungsträger in den Gremien über Dinge verfügen, die in einem ideellen Sinne nicht ihnen gehören. Sondern dem Volk Gottes als Ganzem." 

Konkret auf das Haus in Tossens bezogen, schlossen sich daran die folgenden Überlegungen an: 

"Natürlich, nicht genutzte Immobilien verursachen unnütze Kosten. Wenn die Kirchengemeinde also keine Verwendung für das Haus hat, was hätte sie Besseres tun können als es zu verkaufen? - Nun ja: vielleicht eine Ausschreibung für ein Nutzungskonzept machen. Wär ja mal was gewesen. Als ich auf Facebook Fotos des Hauses sah, kamen mir fast die Tränen. Was hätte man da alles machen können! Kochen und essen, Gäste beherbergen, im Garten Gemüse anpflanzen – kurz gesagt: LEBEN. [...] Und dies, die Einheit von Glauben und Leben – ob man das Konzept nun 'Punkpastoral' nennt oder 'Benedict Option' oder wie auch sonst – ist meiner festen Überzeugung nach das, was der Kirche hierzulande fehlt und worin ihre Zukunft liegen könnte. Wie schön wäre es gewesen, man hätte sich ein paar engagierte junge Leute gesucht, die das 'angegriffene' Haus in Eigenregie renovieren und dafür dann mietfrei (bzw. gegen Deckung der Betriebskosten) dort wohnen und ihre Projekte realisieren können. Gebetshaus Tossens. Träumen wird man ja wohl dürfen." 

So sah es aus, das Haus. (Vom verwilderten Garten aus gesehen.) 

Bevor ich darauf komme, wie dieser Traum in der Folgezeit weiter ausgesponnen wurde, möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich in diesem Blogartikel betonte, das, worum "es mir eigentlich geht", gehe "weit über diesen Einzelfall hinaus" – und in diesem Zusammenhang auf den nur einen Tag zuvor erschienenen Artikel "St. Joseph Tegel: Benedict Option anno 1919" zurückverwies; in diesem hatte ich nämlich u.a. den Umstand ins Auge gefasst, 

"dass Kirchengemeinden oft über beträchtlichen Immobilienbesitz verfügen. Wo sie als Vermieter von Wohnungen fungieren, da dient dies zwar nicht selten der Querfinanzierung anderer Tätigkeitsbereiche der Pfarrei, weshalb Kirchengemeinden als Vermieter nicht unbedingt weniger gewinnorientiert agieren als andere Vermieter auch; andererseits kann man davon ausgehen, dass es eine ganze Reihe kirchlicher 'Funktionsimmobilien' (Pfarrhäuser, Pfarrbüros, Gemeindezentren etc.) gibt, die im Zuge der Bildung von Großpfarreien bzw. 'Pastoralen Räumen' ihre bisherige Funktion verlieren werden oder schon verloren haben. Ich mein ja nur." 

Damit sind schon mal wesentliche Grundlagen für das Konzept "Pfarrhausfamilie" benannt; aber schauen wir mal weiter: Knapp drei Monate später erschien unter dem Titel "Nennen wir's doch die 'Willehad-Option'!" ein Follow-Up-Artikel, in dem ich zu Protokoll gab, ich hätte auf meinen ersten Artikel über das Haus in Tossens Reaktionen geerntet wie "Warum kauft ihr das Ding nicht einfach?". Worauf mir einerseits zwar allerlei Gründe einfielen, weshalb das zumindest auf kurze Sicht keine realistische Option für uns sei, aber gleichzeitig sagte ich mir:
"Sich ein Konzept dafür zu überlegen, was man in einem Haus wie diesem veranstalten könnte, kann ja nicht schaden. Haben wir ein Konzept, findet sich vielleicht auch jemand, der's macht – zumindest ist die Wahrscheinlichkeit dafür größer, als wenn man kein Konzept hat. Und wenn es jetzt und mit diesem Haus nicht klappen sollte, wird es sicherlich in Zukunft noch Gelegenheiten geben, bei denen man so ein Konzept – mit gewissen Anpassungen – noch gebrauchen kann."
Die Grundidee beschrieb ich als "eine Kombination aus 'alternativem Wohnprojekt', Gästehaus und Exerzitienzentrum, entschieden katholisch ausgerichtet und gleichzeitig mit einem nicht geringen 'Punk-Faktor'"; diese Kurzbeschreibung würde ich auch aus heutiger Sicht noch als tragfähig bezeichnen. Das in Frage stehende Haus in Tossens hatten meine Liebste und ich uns  in der Zwischenzeit übrigens tatsächlich mal angesehen; das Ergebnis dieser Besichtigung fasste meine Liebste seinerzeit wie folgt zusammen:
"Erst mal müsste man in Haus und Garten eine ganze Menge in Ordnung bringen, Kontakt zu den Einheimischen aufbauen und pflegen, eventuell eine Foodsharing-Initiative starten – und ansonsten für das Projekt beten. Und damit wäre dann auch schon ein Jahr rum." 

Der Artikel enthält eine Reihe von Einzelideen für die Nutzung von Haus und Grundstück im weiter oben skizzierten Sinne; auch wenn genau dieses Haus für derartige Projekte heute nicht mehr zur Verfügung steht – wie ich im Kaffee & Laudes-Urlaubs-Special vom 15. Juli 2019, also rund zwei Jahre später, "am Rande" erwähnte, wurde es "inzwischen abgerissen", und nun steht "ein schickes, ein bisschen spießiges Privathaus an seiner Stelle" –, finde ich diese Passagen des Artikels zu Inspirationszwecken nach wie vor empfehlenswert. Das gilt auch und nicht zuletzt für einen Abschnitt, der sich der Frage "Und was ist nun mit dem Geld?" widmete: "Tatsächlich kenne ich niemanden, der eine Summe, die sowohl den Kaufpreis für das Haus (samt Grunderwerbsnebenkosten) als auch die nötigsten Investitionen für Instandsetzung und -haltung und die Betriebskosten für das erste Jahr abdecken würde, einfach so bei sich rumliegen hat", räumte ich ein – fügte aber hinzu: "Trotzdem bin ich der Meinung: Wären wir erst mal so weit, dass nur noch das Geld fehlt, dann würde das Geld schon irgendwo her kommen." Zur Untermauerung dieser gewagten These verwies ich auf eine Anekdote darüber, wie Dorothy Day anno 1937 eine Farm für die Catholic Worker-Bewegung erwarb. 

Nachdem das Projekt Tossens sich vorerst zerschlagen hatte, tauchte in meinem Blogartikel "Techno-Hippies head for the Hills" (07. Dezember 2017) kurzzeitig die Idee auf, man könnte auch gleich ein ganzes Dorf kaufen – namentlich die Siedlung Alwine im Süden Brandenburgs, die zu diesem Zeitpunkt gerade "zu einem Startgebot von schlappen 125.000 €" versteigert werden sollte. Ich merkte seinerzeit an, mir stelle sich da "die Frage, für wen das Objekt eigentlich interessant sein soll, wenn nicht für Landkommunengründer". Über den konkreten Einzelfall der Siedlung Alwine hinaus enthält dieser Artikel aber auch grundsätzliche Erwägungen zum Thema – und insbesondere dazu, wieso ich mich überhaupt für so etwas interessiere: 

"Als ich Rod Drehers Benedict Option noch nicht aus eigener Lektüre, sondern nur aus Rezensionen kannte – und zwar in erster Linie aus Luma Simms' von Skepsis geprägter Rezension im Federalist -,  nahm ich zunächst an, das oder zumindest ein zentrales Thema des Buches wäre die Gründung christlicher Landkommunen. Das ist nicht der Fall – zwar heißt das 6. Kapitel des Buches 'Die Idee eines christlichen Dorfes', aber das ist eher metaphorisch gemeint: Ein solches 'christliches Dorf' kann, zumindest der Theorie nach, überall sein, auch innerhalb einer Großstadt. Schließlich geht es bei der Benedict Option – es scheint wichtig zu sein, darauf hinzuweisen, denn gerade dieser Punkt wird offenbar gern und oft missverstanden, sowohl von Leuten, die das Buch nicht, als auch von solchen, die es nur auszugsweise oder oberflächlich gelesen haben – nicht darum, jeglichen Kontakt zur nicht- oder gar antichristlichen Umwelt zu meiden; davor wird sogar ausdrücklich gewarnt, da es einerseits ungesunde sektiererische Tendenzen begünstigen würde und andererseits nicht missionarisch wäre. Sehr wohl aber geht es in der Benedict Option darum, Rückzugsräume zu schaffen, in denen Christen ihren Glauben und ihre Gemeinschaft untereinander stärken können. Und in diesem Zusammenhang lässt mich die Idee eines 'christlichen Dorfes' im buchstäblichen Sinne nicht so ganz los. Auch wenn man ausgerechnet da, wo so etwas innerhalb Deutschlands wohl am ehesten zu verwirklichen wäre – in strukturschwachen Regionen der 'Neuen Bundesländer' – wohl einerseits mit der unerfreulichen Nachbarschaft Völkischer Siedler rechnen müsste und andererseits womöglich mit ungebetenem Besuch von der Antifa, die zwischen christlichen und völkischen Siedlern nicht unterscheiden kann oder will."

Nach diesem Artikel war es auf meinem Blog rund ein halbes Jahr lang eher still um dieses Thema, und als es wieder auftauchte, richtete sich mein Blick erneut eher auf Butjadingen, oder jedenfalls auf die Wesermarsch. Der Artikel "Tiny Living in Pferdeställen und Wassertürmen" vom 13. Juni 2018 wurde veranlasst durch verschiedene Wohnungsbauprojekte in Butjadingen und Brake/Unterweser sowie die Nachricht, dass in Nordenham ein über 100 Jahre alter Wasserturm zum Verkauf stand. Eher beiläufig komme ich darauf zu sprechen, warum ich mich überhaupt dafür interessiere: 

"[E]igentlich habe ich ja bei leerstehenden Bauernhäusern mitsamt Nebengebäuden immer die Vision, da könnte eine Benedikt-Options-Kommune einziehen -- so ähnlich wie in dem Film 'Sommer in Orange', nur eben mit Christen, die das Stundengebet pflegen und einen Permakultur-Garten betreiben. Oder so." 

Was den Wasserturm angeht, meinte meine Liebste übrigens, im Prinzip könnte man darin "ein ganzes Kloster unterbringen. Einschließlich der Kirche." Und nicht nur das: "Wenn man das Beleuchtungsproblem gelöst bekommt [...], könnte man sogar im Gebäude einen Aquaponik-Selbstversorgergarten anlegen." 

Die Idee mit dem Kloster im alten Wasserturm taucht knapp zwei Wochen später in einem Artikel mit dem Titel "Wenn die Wölfe es geschafft haben, in die Wesermarsch zurückzukehren, wieso sollten es nicht auch die Mönche tun?" nochmals auf; hier sind auch einige Fotos des betreffenden Wasserturms zu bewundern. Vor allem aber findet sich hier eine Erklärung dazu, was das Stichwort "Kloster" eigentlich mit der (zu diesem Zeitpunkt noch nicht so benannten) Projektidee "Pfarrhausfamilie" zu tun hat: 

"Ich gebe zu [...], dass ich mir unter einer Benedikt-Options-Kommune, mit der man ehemalige Bauernhäuser, nicht mehr genutzte Wassertürme oder vom Fortschritt vergessene ländliche Wohnsiedlungen besetzen, äh, mit neuem Leben erfüllen könnte, bislang idealerweise eine Gruppe von Familien oder meinetwegen auch Mehrgenerationen-Wohngemeinschaften vorgestellt hätte. Aber die Bemerkung meiner Liebsten, in dem zum Verkauf stehenden Nordenhamer Wasserturm könne man 'ein ganzes Kloster' unterbringen, hat mich ins Grübeln gebracht, und zwar auch über den konkreten Fall dieses Wasserturms hinaus. Könnte es sein, dass ein buchstäbliches Kloster tatsächlich der ideale Kristallisationspunkt für ein #BenOp-Siedlungsprojekt wäre? Bedenken wir, dass beispielsweise die Gemeinschaft der Tipi Loschi, die in Rod Drehers Buch immer wieder als vorbildlich gepriesen wird, in engem Kontakt mit den Benediktinermönchen von Norcia lebt. Bedenken wir beispielsweise auch, dass – wie ich in vor längerer Zeit mal erwähnt habe – die ab 1928 entstandene katholische Wohnsiedlung 'Mariengarten' im (übrigens einstmals vom Templerorden begründeten) Berliner Ortsteil Marienfelde gezielt in der Nachbarschaft eines Klosters angelegt wurde.

Und weiter:

"Stellen wir uns also mal vor, der erste Schritt zur Entstehung einer #BenOp-Community in einer strukturschwachen und religiös weitgehend verödeten Gegend wäre die Begründung eines richtigen, echten Klosters, und im nächsten Schritt würden sich dann die oben angesprochenen Familien und/oder Mehrgenerationen-WGs in der Umgebung dieses Klosters ansiedeln, um regelmäßig am Gebetsleben der Mönche (Stichwort Stundengebet) teilzunehmen, aber zum Teil vielleicht auch gemeinsam mit den Mönchen zu arbeiten. Und diese gewissermaßen an das Kloster angegliederten Laiengemeinschaften tragen dann das lebendige Zeugnis eines radikal christlichen Lebens weiter in die Umgebung hinein – ein Zeugnis gegenüber Nachbarn, Arbeitskollegen beziehungsweise Geschäftspartnern und natürlich gegenüber anderen Familien. Auf diese Weise ergäbe sich dann vielleicht tatsächlich eine Kettenreaktion". 

Eine weitere bezeichnende Passage dieses Artikels lautet: 

"Abgefahrene Ideen 'rauszuhauen, und zwar ohne Rücksicht auf Fragen der Realisierbarkeit, ist nun mal meine Spezialität; Alternativpläne zu entwickeln, die im direkten Vergleich plötzlich viel realistischer aussehen, kann gern jemand anderes übernehmen. Vielleicht aber ja jemand, der ohne meine Spinnereien gar nicht erst auf so eine Idee gekommen wäre. Das wäre dann ja auch eine Art Kettenreaktion." 

Um das Kloster-Thema abzurunden und zugleich ein Licht auf die Frage der praktischen Realisierbarkeit zu werfen, möchte ich – der chronologischen Reihenfolge vorgreifend – auch noch auf den Artikel "Die Idee eines christlichen Dorfes... in Italien" vom 02. Juli 2019 hinweisen. Darin geht es um das Projekt eines "christlichen Gemeinschafts-Wohnprojekts für junge Familien", das in der Nähe von Mailand entstehen sollte. Auch da taucht der Gedanke auf, ideal wäre es eigentlich, ein solches Projekt in der Nachbarschaft eines Klosters anzusiedeln: "In täglichem Kontakt zu den Mönchen zu stehen, an ihrer Liturgie teilzunehmen und sie in die Bildung und Erziehung unserer Kinder einzubeziehen, wäre die schönste und beste Verwirklichung unseres Projekts", erklärt der Initiator Giovanni Zennaro, fügt allerdings hinzu, "dass es auch umgekehrt funktionieren könnte: dass Mönche eines Tages in unsere Nähe kommen" und in der Nachbarschaft des Cascina San Benedetto genannten Wohnprojekts ein Kloster gründen. 

Nun aber mal zurück zur chronologischen Reihenfolge und damit in den Sommer 2018: Am 02. Juli erschien auf meinem Blog der Artikel "Für neues Leben in alten Pfarrhäusern!", der zwar einen konkreten Anlass in der Nachricht hatte, die geplante Renovierung des leerstehenden (evangelischen) Pfarrhauses im Butjadinger Ortsteil Langwarden drohe daran zu scheitern, dass der Kirchensteuerbeirat der Oldenburgischen Landeskirche einen Zuschuss in Höhe von 54.000 Euro verweigert habe; aber schon die Überschrift lässt ja darauf schließen, dass es sich um einen Grundsatzartikel zum Thema "Pfarrhausfamilie" handelt, und die grundsätzlichen Überlegungen setzen bei der Frage an, wie man so ein ehemaliges Pfarrhaus eigentlich nutzen könnte oder sollte. Das Kernstück des Artikels bildet in dieser Hinsicht ein Auszug aus dem Beitrag der Nightfever-Mitbegründerin Katharina Fassler zum "Mission Manifest"-Buch; dieser Beitrag ist der neunten "Mission Manifest"- These "Wir brauchen eine 'Demokratisierung' von Mission"  gewidmet, und der Auszug, der mich da am meisten gefesselt und elektrisiert hat, findet sich dort unter der Zwischenüberschrift "Der Traum vom lebendigen Pfarrhaus". – "Ehrlich gesagt war ich ziemlich verblüfft, als meine Liebste mir die betreffende Passage [...] vorlas, denn schon zuvor hatten wir mehrfach miteinander über ähnliche Ideen beratschlagt", merkte ich an. – Im Kern geht es in Katharina Fasslers Vision darum, dass "Familien [...], die den besonderen Ruf spürten, verlassenen und verwaisten Pfarrkirchen in den unzähligen Dörfern neues Leben zu schenken", "[g]egen eine geringe Miete [...] in den dazugehörigen Pfarrhäusern wohnen" und dort "ihr geistliches Leben für die Dorfgemeinschaft zu öffnen und diese daran teilhaben zu lassen"; sie nennt die Stichworte "Bibelkreis, Stundengebet, Lobpreis, Rosenkranz, Kinderkatechese, Anbetung". Nicht der unwichtigste Aspekt dieses "Traums vom lebendigen Pfarrhaus" ist es, dass die "Pionier"-Tätigkeit der Pfarrhausfamilie eine aktivierende Wirkung auf die Gemeinde vor Ort entfalten kann und soll: "Im Dorf hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass sich jeder in der wiederbelebten Kirche einbringen kann und auch dringend gebraucht wird. […] Gemeinsam mit anderen Gläubigen sucht das Ehepaar im Ort begabte und zu begeisternde Mitarbeiter in der Pfarrei." 

Damit ist recht gut umrissen, wie wir uns auch und gerade für uns selbst ein Leben als "Pfarrhausfamilie" vorstellen könnten und wünschen würden; konkreter wird's dann wieder rund ein Jahr später in zwei Artikeln aus dem Juli 2019, die "Neues von der Willehad-Option" versprechen. Der erste dieser beiden Artikel, mit dem Titelzusatz "Rumble on the Beach", beginnt mit einem Besuch am ehemaligen Nordenhamer Strandbad ("ich nenne es 'ehemalig', weil dort seit Jahrzehnten Badeverbot herrscht"), der Anlass zu der Überlegung bietet, "dass man an diesem Ort ja durchaus leben könnte, wenn nur die kirchliche Situation nicht so trostlos wäre, wie sie es leider ist". Daran schließt sich erst einmal eine recht ausführliche Schilderung dieser unerquicklichen kirchlichen Situation an, wobei auch das Thema Urlauberseelsorge zur Sprache kommt – was dann wiederum den Bogen zurück zum Nordenhamer Strandbad und zur Frage einer möglichen Neubelebung desselben schlägt: 

"Meine Liebste jedenfalls begann schon auf dem Rückweg von unserem ersten Besuch beim stillgelegten Strandbad damit, Ideen für eine ganzjährige Strandmission zu entwickeln, nicht nur oder hauptsächlich auf Urlauber ausgerichtet, sondern auch und gerade auf die Einheimischen. Die haben eine Neuevangelisation schließlich offenkundig sehr nötig. Kein Wunder, dass ich sofort Feuer und Flamme war" – 

– wobei ich es als "wenig überraschend" einschätzte, "dass unsere Vorstellungen sich erheblich von den real existierenden 'kirchlichen Angeboten' vor Ort unterscheiden": 

"Wir denken da eher in Richtung 'ganze Tage am Strand verbringen, bei jedem Wind und Wetter, egal ob jemand kommt oder nicht'. Mit einem bunt bemalten Bauwagen oder Camper als Operationsbasis, von der aus man Passanten je nach Wetter kalte oder heiße Getränke anbieten und so mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Spiel-und-Spaß-Angebote müssen natürlich sein, im Sommer z.B. Hackysack oder Frisbee, im Herbst Drachen steigen lassen; aber eben auch mehrmals am Tag Gebetszeiten nach dem Stundenbuch, dazu Lobpreismusik mit Klampfe und Percussion..." 

Hervorzuheben ist an diesem Artikel schließlich auch noch die Feststellung, dass "man sich, wenn das nicht bloße Spinnerei bleiben sollte, die oder der Frage stellen" müsse, "wie man ein solches Projekt finanziert bekommt": 

"Aber das ist nicht das eigentliche Problem. Geld ist nie das eigentliche Problem. Mit ausreichend Gottvertrauen findet sich da schon ein Weg, wir beten im Vaterunser ja nicht ohne Grund 'Unser tägliches Brot gib uns heute'." 

Im zweiten Teil, dessen Titelzusatz "Warum nicht Einswarden?" lautet, liegt der Fokus auf den "von der Pfarrei aufgegebenen Kirchengebäude[n]", wobei zunächst die profanierte Kirche St. Josef in Stadland-Rodenkirchen im Fokus steht, dann aber vor allem die Kirche Herz Jesu im Nordenhamer Problemstadtteil Einswarden, auf deren Gelände meine Liebste und ich uns erst kurz zuvor einmal umgesehen hatten. Mein Urteil über die dort gewonnenen Eindrücke lautete: 

"Ich übertreibe kaum, wenn ich sage: Am liebsten wären wir gleich dageblieben. Das ganze Ensemble – Kirche, Pfarrhaus, Gemeindesaal mit Küche und Toilette, eine Blockhütte und zwei Garagen, dazu ein großes Gartengrundstück – wäre geradezu ideal für ein BenOp- bzw. Punkpastoral-Projekt. Man bräuchte uns praktisch nur einen Schlüssel zu geben, und wir könnten morgen anfangen. -- Was würden wir machen? Nun, für den Anfang ließen sich diejenigen Aktivitäten, die wir derzeit in unserer Wohnortpfarrei in Berlin-Tegel betreiben, ziemlich problemlos dorthin übertragen; da die Kirche dort obendrein genauso heißt wie hier, nämlich eben Herz Jesu, könnten wir sogar das Logo weiterverwenden." 

Als Aktivitäten, die sich "ziemlich problemlos dorthin übertragen" ließen, nannte ich im einzelnen das "Dinner mit Gott", den "Krabbelbrunch" ("oder meinetwegen auch 'Familienfrühstück mit Kinderspielecke'") sowie "Büchertreff" und Tauschbibliothek. Darüber hinaus merkte ich an, das Gartengrundstück "böte genug Platz, um sowohl wetterfeste Spielgeräte aufzustellen als auch Beete anzulegen, und vielleicht wäre sogar ein bisschen Kleintierhaltung möglich"; und: 

"In einer der Garagen würde ich gern einen Bandprobenraum einrichten [...]. Schülerbands, die mit ihrer Musik kein Geld verdienen, sollten den Probenraum kostenlos nutzen können, sollten sich aber bereit erklären, sich, wenn sie irgendwann doch mal bezahlte Auftritte an Land ziehen, mit einer Spende erkenntlich zu zeigen. Wenn's gut läuft, kann man über kurz oder lang vielleicht einige der musizierenden Jugendlichen für eine Lobpreis-Band rekrutieren." 

Zu alledem resümierte ich: 

"Und das alles wäre – im buchstäblichsten Sinne – 'nur der Anfang'; will sagen, das wären die Dinge, mit denen man sofort und ohne weitere Vorbedingungen loslegen könnte. Alles Weitere würde sich dann schon zu seiner Zeit finden." 

Nun haben sich diese Konzeptideen zwar in Hinblick auf dieses konkrete Objekt inzwischen zerschlagen (Ende 2021 wurde das Gebäudeensemble samt Grundstück an das Koptisch-Orthodoxe Bistum Norddeutschland verkauft, was ich in meinem Artikel "Spandau oder Portugal #4" als "unerwartet gute" Nachricht bewertete –, aber als Anschauungsbeispiel dafür, was man als Pfarrhausfamilie so alles auf die Beine stellen könnte, finde ich diesen Teil des "Warum nicht Einswarden?"-Artikels nach wie vor durchaus illustrativ. Interessant ist nicht zuletzt auch, dass dieser Artikel auf "ein gut funktionierendes Vorbild" dafür hinweist, wie aus einem vom örtlichen Bistum bereits aufgegebenen Kirchenstandort doch wieder eine Oase des Glaubens werden kann – nämlich das Beispiel "der in einem Hinterhof in Kreuzberg unweit des Anhalter Bahnhofs gelegenen Kirche St. Clemens": 

"Im Jahr 2007 verkaufte das Erzbistum Berlin das 1910 erbaute Gotteshaus samt Nebengebäuden an einen privaten Investor; dieser wiederum vermietete das ganze Ensemble an einen Förderverein, der dafür sorgte, dass St. Clemens weiterhin als Kirche genutzt wird -- und zwar durch eine Ordensgemeinschaft aus Indien". 

Was daraus zu lernen wäre: 

"Für ein Modell wie in St. Clemens bräuchte man a) einen privaten Investor als Käufer, b) einen Förderverein als Mieter und c) eine Ordensgemeinschaft [...]. Handelt es sich um eine Ordensgemeinschaft, die den kirchenrechtlichen Status eines Institut päpstlichen Rechts hat [...], dann unterliegt sie nicht der Jurisdisktion des Ortsbischofs; strenggenommen bräuchte sie nicht einmal seine Erlaubnis für die Niederlassung. Schöner wäre es natürlich, wenn er seine Einwilligung trotzdem gäbe. Und ich schätze mal, dies wäre am ehesten dann zu erwarten, wenn die Ordenspriester die Diözese im Bereich der Gemeindeseelsorge entlasten." 

Aber das geht nun eigentlich schon wieder über den Rahmen des Themas "Pfarrhausfamilie" hinaus. – Wenig Neues, nicht nur zu diesem Thema, sondern ganz generell, gab es auf meinem Blog während der Corona-Zeit; in meinem Jubiläumsartikel "Zehn Jahre 'Huhn meets Ei'" vom 26. September 2021 findet sich indes ein Absatz, der verrät, meine Liebste und ich dächten "in jüngster Zeit verstärkt darüber nach, ob es nicht allmählich an der Zeit wäre, den nächsten Schritt zu tun und mit dem schon wiederholt angedachten Projekt Ernst zu machen, mit Hilfe von Crowdfunding ein geistliches Zentrum in einem ehemaligen Pfarrhaus – oder gegebenenfalls auch in einem Resthof oder einem alten Wasserturm – aufzubauen. Das wäre natürlich ein großer und gewagter Schritt; aber wenn tatsächlich etwas daraus wird, dann kannst du sicher sein, lieber Leser: Hier erfährst du es zuerst!" Knapp zwei Monate später wird dieser Absatz in "Preview: Das neue Wochenbriefing kommt..." leicht gekürzt wiederholt. Da sieht man mal, wie sehr diese Idee uns gerade in der Corona-Zeit beschäftigte. 

Mehr oder weniger offenkundig stand der Wunsch, Pfarrhausfamilie zu werden, auch für das Motto der fünfteiligen Wochenbriefing-Reihe "Spandau oder Portugal" Pate; explizit kommt dies im ersten Teil dieser Reihe (vom 29. November 2021) zum Ausdruck: Da erwähne ich, es seien "so einige Ideen und Anregungen an uns herangetragen" worden, "wo wir hingehen und was wir da machen könnten, und ich empfinde es als ausgesprochen ermutigend, innerhalb von nur einer Woche schon so viel interessantes Feedback bekommen zu haben": 

"Teilweise beinhaltete das sogar konkrete Hinweise auf geeignete Immobilien. Ja, okay, in einer solchen Diskussion fiel irgendwann der Satz 'Und wo bekommen wir jetzt die 1-2 Millionen her?'. Das ist, zugegeben, keine ganz so leicht zu beantwortende Frage. Aber dann wiederum denke ich mir, na ja, sooo furchtbar viel Geld ist das ja nun auch wieder nicht. Das mag komisch klingen, besonders wenn es von jemandem kommt, der noch letzte Woche laut darüber nachdachte, wie er es anstellen könne, mit seinem Blog 500 € im Monat zu verdienen (eine Frage, die nach wie vor aktuell ist). Aber [...] wie Peter Maurin, der Mitbegründer der Catholic Worker-Bewegung, zu sagen pflegte: 'In der Geschichte der Heiligen wurde Kapital durch Gebet aufgebracht. Gott sendet dir, was du brauchst, zu der Zeit, wenn du es brauchst. Lies einfach die Lebensgeschichten der Heiligen.'" 

Ein anderes schönes Detail dieses Artikels ist es, dass "meine Liebste unlängst [...] geträumt" hatte, 

"wir würden als Selbstversorger in Portugal leben -- mit vier Kühen: 'Kühe sind schließlich Herdentiere, und weniger als vier wären keine Herde.' Sie habe sich allerdings, so erzählte sie weiter, schon im Traum gefragt, 'was wir eigentlich mit der ganzen Milch machen, und ob ich wirklich den ganzen Tag damit beschäftigt sein will, Käse zu machen -- ich hab' schließlich auch noch was anderes zu tun.' Was sie indes nicht davon anhielt, anschließend darüber zu sinnieren, dass man ja vielleicht auch Ponys halten und damit vielleicht über Reitbeteiligungen sogar Einnahmen generieren könnte. (Auf Twitter schrieb ich vor einiger Zeit mal, als Geschäftsmodell erinnerten mich Reitbeteiligungen an das Zaunstreichen bei Tom Sawyer; die Reaktionen, die ich für diesen Tweet erntete, zeigten mir, dass ziemlich viele Leute intuitiv verstanden hatten, wie ich das meinte.)" 

Gleichzeitig wird betont, "dass die Option 'ganz woanders hingehen' ja nicht unbedingt gleich 'Portugal' bedeuten müsse": 

"Insbesondere mit Blick auf die Idee, am Camino Portugues eine Pilgerherberge zu eröffnen, regte eine befreundete #BenOpperin aus Norddeutschland an, es müsse ja nicht unbedingt der Jakobsweg sein: Alte Pilgerwege gebe es schließlich so ziemlich überall in Europa. Und das stimmt natürlich." 

Als ich meinen Blog, nachdem er eine ganze Weile brachgelegen hatte, im März 2023 wiederbelebte, stellte ich sogleich – nämlich in "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #21" – klar, die Tatsache, dass die Alternative "Spandau oder Portugal" bis auf Weiteres im Sinne der ersteren Option entschieden worden sei, bedeute nicht, dass die Option Portugal damit endgültig "vom Tisch" sei: 

"Erst kürzlich hat meine Liebste sich einen Pilgerführer für den Caminho Português – den portugiesischen Jakobsweg – gekauft, mit der expliziten Absicht, zu prüfen, wo ein strategisch günstiger Ort wäre, um eine Pilgerherberge zu eröffnen." 

Weiter unten im selben Artikel führte ich aus, der "Wunschtraum, 'irgendwann mal' – und sei es im Rentenalter – eine Herberge für Jakobspilger zu eröffnen und zu leiten", bewege meine Liebste "wohl schon länger, als wir uns kennen; seit unserem gemeinsamen Jakobsweg im Sommer 2016 ist das jedenfalls immer mal wieder Gesprächsthema zwischen uns gewesen", und nach all den in früheren Blogartikeln dokumentierten konzeptionellen Überlegungen zum Modell "Pfarrhausfamilie" äußerte ich mich überzeugt, die Pilgerherbergen-Idee lasse sich "sicherlich unschwer mit anderen Aspekten" des Traums vom lebendigen Pfarrhaus verbinden. "Und etwas in der Art wollen wir mittelfristig auf jeden Fall machen", resümierte ich. "Das muss natürlich nicht unbedingt am portugiesischen Jakobsweg sein, aber es könnte immerhin."  

Die Absichtserklärung "Etwas in der Art wollen wir mittelfristig auf jeden Fall machen" gilt wohlgemerkt nach wie vor; neue Impulse hierfür hat uns im vergangenen Jahr die – im Artikel "Im Tal von Achor" geschilderte – Entdeckung beschert, dass es im Kreis Teltow-Fläming südlich von Berlin einen Hof gibt, "der von einer christlichen Initiative zu einer Begegnungsstätte und einem 'Ort kirchlichen Lebens' (wie das im Pastoralkonzept des Erzbistums Berlin genannt wird) aus- und umgestaltet" wurde und wird: Genauer gesagt hat diese Initiative "Teile eines denkmalgeschützten Dreiseitenhofs instandgesetzt" und betreibt dort "einen 'lebendigen Ort der Begegnung' [...] mit Gästezimmern und Seminarräumen, einer großen Gemeinschaftsküche, einem Gottesdienstraum, einer Anbetungskapelle und einem Blumen-, Obst- und Gemüsegarten". Noch bevor ich diesen Hof – zuerst zusammen mit meinem Jüngsten, dann noch einmal mit beiden Kindern – persönlich besuchte, lautete mein Eindruck, dort sei "Manches von dem verwirklicht, was meiner Liebsten und mir seit ein paar Jahren als Projektidee/Vision/Lebensmodell unter dem Arbeitstitel "Pfarrhausfamilie" im Hinterstübchen herumgeistert; oder zumindest" habe "das Projekt 'Achorhof' ausreichend Ähnlichkeit mit unserer Vision [...], dass man sich da einige Anregungen erhoffen konnte". Die eigene Anschauung hat diesen Eindruck bestätigt, und ich will da unbedingt auch mal zusammen mit meiner Liebsten hin. Vielleicht in den Osterferien... 

Den aktuellsten Stand der Dinge, was unsere Ambitionen angeht, selbst "Pfarrhausfamilie zu werden", fasst der Artikel "Hl. Simon und Hl. Judas, bittet für uns!" vom 15. November 2024 dahingehend zusammen, "die Idee, irgendwo auf einem Resthof in der Pampa oder wahlweise in einem ungenutzten Streckenwärterhaus einen eigenen 'Ort kirchlichen Lebens' aufzubauen, wie man das im heutigen Pastoralsprech nennt", sei "erst mal ein bisschen in den Hintergrund gerückt"; das bedeute jedoch "nicht, dass wir derartige Pläne aufgegeben hätten": 

"Irgendwo eine Art von Mischung aus Nachbarschaftszentrum, Pilgerherberge und Exerzitienhaus zu betreiben, ist im Prinzip nach wie vor unser Ziel, derzeit aber ein eher längerfristiges Ziel. Dabei spielt es auch eine Rolle, dass unser Tochterkind jetzt zur Schule geht, dort ausgesprochen 'gut angekommen' ist und dass man eine Schule wie diese wohl nicht so leicht ein zweites Mal findet. Unser Jüngster ist jetzt schon sicher, dass er auch auf diese Schule gehen will, und hat wohl auch gute Aussichten auf einen Platz. Eine wirklich umwälzende Veränderung unserer allgemeinen Lebenssituation ist also im Moment, und für die nächsten Jahre, erst mal nichts, was wir aktiv anstreben." 

– Wozu abschließend noch zu sagen wäre: Nicht aktiv anstreben schließt natürlich nicht aus, dass sich plötzlich und unerwartet von irgendwoher eine Möglichkeit auftun könnte, diese Vision zu verwirklichen. Womöglich sogar – träumen darf man ja – direkt oder indirekt ausgelöst dadurch, dass jemand dieses Dossier liest. Sollte also innerhalb der nächsten Jahre jemand auf uns zukommen und sagen "An Ort X gibt es so ein Haus, da könntet ihr einziehen, in der örtlichen Kirchengemeinde mitarbeiten und eure Ideen umsetzen", dann wäre das zweifellos etwas, was man prüfen und im Gebet erwägen müsste. Und falls dies nicht passiert, besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass der eine oder andere Leser sich von dem Konzept "Pfarrhausfamilie", wie ich es hier skizziert habe, angesprochen fühlt und für sich selbst die Möglichkeit sieht, einzelne oder mehrere Aspekte davon so oder so ähnlich umzusetzen. Sollte das der Fall sein, bitte ich um Rückmeldung! 


Samstag, 22. Februar 2025

Die 3 K der Woche (13): Kinder, Kirche, Kulturkatholizismus

Ich muss gestehen, Leser: Nachdem die erste Schul- und Arbeitswoche nach den Winterferien verhältnismäßig locker über die Bühne gegangen war, war ich während der zweiten permanent gestresst. Ich bin mir nicht mal ganz sicher, woran das lag. Okay, der Jüngste war ziemlich launisch (wohl wegen "Mamivermissung"), aber ich glaube, hauptsächlich war ich einfach angespannt, weil ich das Gefühl hatte, ich hab unglaublich viel zu tun (v.a. zu schreiben) und komme zu nichts. Einem gelassenen Umgang mit den Launen der Kinder ist so etwas natürlich nicht gerade förderlich, und so schaukeln diese Stressfaktoren sich gegenseitig hoch. Immerhin ist es mir gelungen, einen wegen drohender Überlänge aus dem Wochenbriefing ausgegliederten thematischen Abschnitt – nämlich über Politikzu einem separaten Artikel auszubauen und diesen gestern zu veröffentlichen; danach ging's mir besser, und Themen fürs Wochenbriefing blieben auch so noch genug. Seht selbst!  

Kommt jetzt schon der Frühling oder ist das nur so'ne Phase? 

I Get a Kick Out of You(th Pastoral) 

Wer das Wochenbriefing von voriger Woche gelesen hat, wird sich erinnern, dass mein Bericht über die "Kickoff"-Veranstaltung des neuen Jugendpastoral-Teams des Erzbistums Berlin noch der Fortsetzung harrt. Allerdings haben mich verschiedene Aspekte dieser Veranstaltung – darunter auch (aber nicht in erster Linie) die Begegnung mit ein paar Ehrenamtlichen aus der Jugendarbeit der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd – daran erinnert, dass ich meinen Lesern sowieso noch einen Artikel zum Thema Jugendpastoral schuldig bin, den ich bereits vor Monaten, nämlich in "Hasch mich, ich bi die Zukunft", angekündigt hatte. Und da passen die Eindrücke von der "Kickoff"-Veranstaltung eigentlich sehr gut rein. Ich hätte diesen Artikel – dem ich bei dieser Gelegenheit mal den Arbeitstitel "Willkommen bei der 'auch mal'-Pastoral" verpassen möchte – vielleicht sogar schon fertig, wenn ich nicht noch meine Rezension zum Buch "Urworte des Evangeliums" (die ebenfalls noch nicht fertig ist) und ein paar Sachen für die Tagespost in der Pipeline gehabt hätte, die Priorität beansprucht haben. – Nun stellt sich natürlich die Frage: Gibt es überhaupt noch etwas über die "Kickoff"-Veranstaltung zu berichten, was nicht im Interesse der Redundanzvermeidung besser in dem angekündigten separaten Jugendpastoral-Artikel aufgehoben wäre? Na, ein paar Einzelheiten vielleicht. Ich fand es auf den ersten Blick recht beruhigend, dass ich nicht der älteste Teilnehmer bei diesem Event war; die lustigen gruppendynamischen Kennenlernspielchen, die das Team sich für die Teilnehmer ausgedacht hatten, hätte ich allerdings auch schon doof gefunden, als ich wirklich noch jugendlich war. Erst recht galt das dafür, mit wie viel überkandideltem Schalala und Huhu (einschließlich buchstäblicher Konfettikanonen) die Vorstellung der Teammitglieder in Szene gesetzt wurde, die so jung ja nun auch nicht mehr sind. Substanziellere Kritik an der Teampräsentation hebe ich mir für den separaten Artikel auf, möchte mich an dieser Stelle aber schon mal für einen (anonymen) Kommentar zu meinem vorigen Wochenbriefing bedanken, der mich auf eine Umfrage im Zuge der sogenannten "Perspektiventwicklung Jugendpastoral" im Erzbistum Berlin aufmerksam machte: Offenbar seien die Umfrageergebnisse in wesentlichen Punkten anders ausgefallen als von interessierter Seite beabsichtigt, weshalb die unerwünschten Ergebnisse bei der Ausarbeitung des neuen Jugendpastoral-Konzepts kurzerhand ignoriert worden seien. Ich werde der Sache nachgehen...! 

Im Übrigen verließ ich die Veranstaltung gegen 19:30 Uhr, also ziemlich unmittelbar nachdem das neue Jugendpastoral-Team des Erzbistums sich und sein Konzept vorgestellt hatte; von Neukölln zurück nach Tegel ist es halt doch ein recht weiter Weg und ich wollte zu einer einigermaßen vernünftigen Zeit wieder bei meiner Familie sein. Obendrein versprach ich mir nach alllem, was ich bisher hier erlebt hatte, vom weiteren Verlauf der Veranstaltung nichts Gutes mehr – obwohl mich der für 20:30 Uhr angekündigte "Spirituelle Abschluss" durchaus interessiert hätte. Welchen Stellenwert "Spiritualität" im Jugendpastoral-Konzept des Erzbistums hat bzw. was dort überhaupt unter dieser Bezeichnung verstanden wird, wird ein wesentlicher Aspekt des angekündigten Artikels "Willkommen bei der 'auch mal'-Pastoral" werden; was ich aber hier und jetzt schon erwähnen möchte, ist, dass ich auf der Instagram-Präsenz der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd – in Form einer "Story" – einen kurzen Ausschnitt aus dem "Spirituellen Abschluss" der Veranstaltung vom vorletzten Freitagabend gesehen habe, der mir den Eindruck vermittelt hat, nichts Besonderes verpasst zu haben. In diesem kurzen Video war zu sehen und zu hören, wie die Anwesenden "Jesus Christ, You are My Life" sangen – ein von einem italienischen Priester für den Weltjugendtag 2000 geschriebenes Lied, das es sogar ins Gotteslob geschafft hat. Da kann man natürlich mal wieder sagen "Immerhin kein NGL", aber im Vergleich z.B. zu der seit Mitte der 90er Jahre von Albert Frey produzierten Lobpreis-Reihe "Feiert Jesus!" oder Liedern aus dem Gebetshaus Augsburg finde ich "Jesus Christ, You are My Life" musikalisch doch recht altbacken und bieder – und gerade darum eigentümlich passend für diese Veranstaltung. Und das noch nicht mal, weil so etwas wie das Gebetshaus Augsburg den diözesanen Jugendfunktionären zu "fundamentalistisch" wäre; das wäre es sicherlich auch, wenn sie überhaupt so weit denken würden, aber ich glaube eher, das haben sie überhaupt nicht auf dem Schirm, weil sie einfach viel zu sehr in ihrem eigenen volkskirtlichen Saft schmoren. Näheres zu den Gründen dieser Einschätzung dann wie gesagt demnächst an anderer Stelle... 


Predigtnotizen 

Am 6. Sonntag im Jahreskreis gingen wir mal wieder in St. Joseph Siemensstadt in die Messe, wo wir zuletzt vor drei Wochen gewesen waren; zelebriert wurde die Messe diesmal vom leitenden Pfarrer der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland. Das Evangelium vom Tag war Lukas 6,17-18a.20-26, die Lukas-Version der Seligpreisungen; dazu gab's als 1. Lesung Jeremia 17,5-8 (vom falschen und rechten Vertrauen) und als 2. Lesung 1. Korinther 15,12.16-20 (die Gewissheit künftiger Totenauferweckung), und der Pfarrer machte bereits in seinen Begrüßungsworten deutlich, worin er den Roten Faden zwischen diesen drei Bibelstellen sieht: "Jesus, der Herr, gibt uns die Möglichkeit, noch einmal eindeutig zu erkennen: Wir haben die freie Wahl; es ist das Geschenk Gottes an uns, dass wir uns für das Gute, allerdings auch für das Böse entscheiden dürfen. Und Er sagt auch ganz konsequent, was das bedeutet. Der Grund all unserer Hoffnung aber ist, dass wir erlöste Menschen sind durch die Auferstehung Jesu Christi, an die wir glauben, die wir bekennen." 

Dass an so prominenter Stelle das Stichwort "Wahl" fiel, war eine Woche vor der Bundestagswahl natürlich kein Zufall. Zu Beginn seiner Predigt erwähnte der Pfarrer, er habe an einem anderen Kirchenstandort seiner Pfarrei mit den angehenden Erstkommunionkindern darüber gesprochen, was eigentlich eine Wahl sei: "Überall sprechen die Leute von Wahl, und überall hängen diese Plakate aus. Die Menschen sollen wählen." Trotz dieser Einleitung war das, was folgte, keine "politische" Predigt in dem Sinne, wie man diese Bezeichnung üblicherweise versteht; vielmehr erklärte der Pfarrer, im Dialog mit den Kindern habe sich herauskristallisiert, dass man im Leben eigentlich ständig die Wahl hat, sich zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu entscheiden – aber auch, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat. In dieser Möglichkeit, aber auch Notwendigkeit, ständig Entscheidungen zu treffen, zeige sich auch, "wie wir Menschen von Gott gedacht sind. Uns ist etwas gegeben, was manchen auch zur Last wird: die Freiheit der Entscheidung." Bereits die Sündenfallerzählung des Buches Genesis mache deutlich: "Gott hat den Menschen mit Freiheit beschenkt, er ist in der Lage zu entscheiden." Die eine wirklich zentrale Entscheidung aber, das betonten die Lesungen dieses Sonntags, "besteht darin, wo ich mein Leben und meine Lebensperspektive festmache, wo ich den letzten Halt habe" – das heißt: ob ich auf Gott vertraue oder, wie es der Antwortpsalm formuliert, dem "Rat der Frevler", dem "Weg der Sünder" folge und "im Kreis der Spötter" sitze (Psalm 1,1). Die insgesamt gut 13 Minuten lange Predigt enthielt noch weitere bemerkenswerte Passagen, etwa über Dostojewskis Legende vom Großinquisitor oder über den Vorwurf der marxistischen Religionskritik, die Seligpreisungen Jesu, in denen Er "den Menschen, die vielleicht auf dieser Welt niemals Trost bekommen werden, die niemals in dieser Welt genügend zu essen haben werden", zusichert "Ihr seid in dem Augen Gottes nicht vergessen", seien "der billigste Trost, den Menschen sozusagen den Himmel zu versprechen, damit ihr diese Welt nicht verändern müsst": So sei es selbstverständlich nicht, betonte der Pfarrer. "Es bleibt der letzte Trost, den wir den Menschen gewähren können oder sagen können, aber das heißt nicht, dass wir dieses unser Leben nicht gerechter werden lassen müssen. Und das ist die Aufgabe auch der Christen auch in dieser Welt." Womit es zu guter Letzt wohl doch eine politische Predigt in einem weiteren Sinne war: Auch bei der anstehenden Wahlentscheidung müsse es darum gehen, die Würde des Menschen zu verteidigen, die darin bestehe, "was der Mensch ist in den Augen Gottes". 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo: Die Sache mit dem Moralismus 

In meinem vorigen Beitrag zur Rubrik "Schwarzer Gürtel in KiWoGo"vor vier Wochen – hatte ich mir den Vorsatz notiert, mir "als Hausaufgabe" mitzunehmen, "besser und differenzierter darlegen zu können, was ich unter moralisierenden Tendenzen in der Kinderkatechese verstehe und warum ich meine, dass man sie unbedingt vermeiden sollte". Da nun am Dienstag der zurückliegenden Woche wieder ein Treffen des KiWoGo-Arbeitskreises anstand, sagte ich mir, nun wird's aber mal Zeit, diese Hausaufgabe in Angriff zu nehmen. Meine Vorbereitung auf das Arbeitskreistreffen bestand daher im Wesentlichen darin, meine Gedanken zu diesem Thema zu ordnen – und zwar einmal allgemein und einmal mit Blick auf den anstehenden Kinderwortgottesdienst zu Lukas 6,43-45 (den Baum erkennt man an seinen Früchten). 

Fangen wir also mal mit einer knalligen These an: 

  • Vorrangiges Ziel jeder Form von Kinderkatechese muss es sein, dass die Kinder Jesus Christus kennen und lieben lernen. Alles Weitere, was zum Christsein (und zum Katholischsein) gehört, folgt daraus

Und gleich noch eine zweite knallige These hinterher: 

  • Das Missverständnis, Christ zu sein bedeute im Wesentlichen, ein moralisch "guter Mensch" zu sein, ist so verbreitet, dass die Kinder geradezu zwangsläufig zu einem gewissen Grad von dieser Vorstellung beeinflusst werden. Aufgabe der Katechese muss es daher sein, hier gegenzusteuern, statt diese Auffassung noch zu bestärken

– Was ist nun aber an der Vorstellung, die Essenz des Christlichen bestehe darin, ein moralisch guter Mensch zu sein, so falsch? Fragen wir mal den YouCat

341. Kann man sich durch gute Werke den Himmel verdienen? 

Nein. Kein Mensch kann sich den Himmel bloß aus eigener Kraft erarbeiten. Dass wir erlöst sind, ist reine Gnade Gottes, die dennoch die freie Mitwirkung des Menschen fordert. 

Das mit der Mitwirkung des Menschen ist natürlich ein wichtiger Punkt, und so heißt es im nächsten Absatz: 

Sosehr es die Gnade und der Glaube sind, durch die wir gerettet werden, so sehr soll sich doch an unseren guten Werken die Liebe zeigen, die Gottes Handeln an uns hervorbringt. 

Halten wir das mal fest: Es ist das Handeln Gottes an uns, das Liebe hervorbringt, und diese Liebe befähigt uns dazu, das Gute zu tun. Das ist offenkundig etwas ganz Anderes, als die Botschaft des Christentums auf die Forderung "Sei ein guter Mensch!" zu reduzieren; aber wenn sich schon Erwachsene schwer damit tun, das zu unterscheiden, muss man bei Kindern erst recht auf der Hut sein, Missverständnisse zu vermeiden. 

Und was heißt das nun konkret für das Evangelium, um das es im anstehenden KiWoGo gehen soll? Betrachten wir die Verse Lukas 6,43-45 im Wortlaut der Einheitsübersetzung, dann können wir feststellen, dass da von guten Werken bzw. Taten gar nicht ausdrücklich die Rede ist, sondern von guten und schlechten Früchten; möglicherweise ist es also schon ein moralistischer Fehlschluss, sich unter diesen Früchten automatisch konkrete Taten vorzustellen. – Aber was sollte man sich sonst darunter vorstellen? Bear with me, wie der Angloamerikaner sagt: 

Jesus spricht von Früchten, die aus dem Herzen hervorgehen – gute Früchte aus einem guten Herzen, böse Früchte aus einem bösen. Für sich gesehen könnte man das dahingehend (miss-)verstehen, dass sozusagen "von Natur aus" manche Herzen gut und andere böse sind, aber so ist es zweifellos nicht gemeint. "Arglistig ohnegleichen ist das Herz und unverbesserlich" heißt es schon in Jeremia 17,9; und in Matthäus 15,19f. sagt Jesus: "Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Lästerungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht". Auf der anderen Seite heißt es schon in Psalm 51,12 "Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist!"; in den Seligpreisungen der Bergpredigt sagt Jesus denen, die "ein reines Herz haben", zu, dass sie "Gott schauen" werden (Matthäus 5,8); und im Galaterbrief (4,6) lesen wir, dass "Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen" gesandt hat. Um abermals den YouCat zu zitieren: "Der Heilige Geist, der in unsere Herzen eingesenkt ist, schenkt uns ein Herz, das von Liebe zu Gott und den Menschen erfüllt ist" (Nr. 290). Ein gutes Herz ist demnach ein Herz, in dem der Geist Gottes wirkt, und folglich können wir die Früchte eines guten Herzens mit den Früchten des Heiligen Geistes identifizieren, als die der Apostel Paulus "Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit" benennt (Galater 5,22f.). Und damit sind wir dann schon fast bei einer Unterscheidung der Geister im ignatianischen Sinne: Ob etwas gut für unser Herz ist und uns Gott näher bringt, können wir daran erkennen, ob es die genannten Früchte hervorbringt. 

Diese Überlegungen nahm ich also mit in das Treffen des KiWoGo-Arbeitskreises am Dienstag; dieses fand in recht informellem Rahmen und nur zu zweit statt, da die Dritte im Team aus familiären Gründen kurzfristig verhindert war. Der Gemeindereferent hatte sich inzwischen ebenfalls seine Gedanken über den "schwierigen" KiWoGo zum 8. Sonntag im Jahreskreis gemacht, allerdings vorrangig mit Blick auf Fragen des Ablaufs und der visuellen Gestaltung; wie sich zeigte, ergänzten sich seine und meine Vorstellungen ziemlich gut. Genaueres dazu werde ich aber erst in zwei Wochen verraten, wenn der KiWoGo über die Bühne gegangen ist... 

Außerdem besprachen wir bei diesem Treffen auch den Kinderkreuzweg, der in der Woche vor den Osterferien stattfinden soll. Wie ich sicherlich schon mal erwähnt habe, möchte der Gemeindereferent in diesem Jahr noch einmal ein gegenüber den vorangegangenen Jahren neues und anderes Kinderkreuzweg-Konzept entwickeln, um dann in Zukunft zwischen drei erprobten Modellen "rotieren" zu können; und er hat für dieses Jahr auch schon eine gute Idee gehabt, die ich allerdings noch nicht verraten möchte. Jedenfalls soll dieser Kinderkreuzweg wie der vom letzten Jahr wieder sieben Stationen umfassen, aber die Aufgabenverteilung unter uns ist diesmal anders: Letztes Jahr hatten der Gemeindereferent und ich die Gestaltung der einzelnen Stationen unter uns aufgeteilt (er hatte drei übernommen und ich vier), diesmal erarbeitet er für alle sieben Stationen die "Betrachtungen" und ich suche passende Bibelstellen dazu heraus und formuliere für jede Station ein kurzes Gebet. Letzteres ist eine Aufgabe, von der ich wohl noch vor ein paar Jahren gesagt hätte, sie wäre "nicht so mein Ding", aber jetzt freue ich mich drauf. So wächst man an seinen Aufgaben... 


Vermischtes aus der religiösen Frühförderung 

Mit den "Beten mit Musik"-Andachten in St. Joseph Tegel lief es in der zurückliegenden Woche wieder nicht so gut, wie ich es mir eigentlich gewünscht hätte: Am Montag hatten wir von vornherein keine Zeit dazu, am Dienstag schlief der Jüngste wieder auf dem Weg zur Kirche ein, und als er wieder aufwachte, hatten wir zwar noch genug Zeit, aber der Knabe hatte schlechte Laune und wollte, ohne auf Nachfrage Gründe dafür angeben zu können, "keine Musik!". Da er sich nicht umstimmen ließ, betete ich kurzerhand die Sext vor, ohne Gesang oder irgendwelche Erweiterungen; dann konnte ich meinen Junior überreden, eine Opferkerze anzuzünden, und danach war er dann auch bereit für ein Lied zum Abschluss – nämlich sein erklärtes Lieblings-Lobpreislied, "Jesus, unser Herr (Jetzt beten wir für diese Stadt)" von der CD "Es geht um Jesus", da kommen Rap-Passagen drin vor. 

Am Mittwoch gingen wir wieder in Heiligensee zur Messe; der nigerianische Pfarrvikar, der von jeher unser Lieblingsgeistlicher in dieser Pfarrei ist, war wieder im Lande, nachdem er fünf Wochen in Nigeria gewesen war, und der Zelebrationsplan der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd für die zurückliegende Woche sah so aus, als müsse er die versäumte Zeit nacharbeiten (aber vielleicht liegt das auch daran, dass jetzt ein anderer Priester der Pfarrei Urlaub hat, das weiß ich nicht). Zur Messe in Heiligensee am Mittwoch kam er allerdings über zehn Minuten zu spät; gerade hatte der steinalte Küster/Lektor/Ministrant – wie schon einmal in ähnlicher Situation – beschlossen, dann eben einen Wortgottesdienst zu halten, und ein Lied zum Einzug singen lassen, da erschien der Pfarrvikar in der Sakristeitür und erklärte, sein Bus habe Verspätung gehabt, er habe versucht anzurufen, aber niemanden aus der Gemeinde erreicht. Jedenfalls konnte nun doch noch Heilige Messe gefeiert werden; mich erinnerte dieser ganze Vorgang daran, dass ich schon seit fast einem Jahr einen Artikel mit dem Arbeitstitel "Klaus Mück und der Priestermangel" angedacht habe – wird wohl langsam mal Zeit, darauf zurückzukommen, jedenfalls wenn die weiter oben erwähnten vorrangigen Artikelthemen abgearbeitet sind... 

Am Mittwochnachmittag beim JAM ging es weiter mit dem Buch Daniel, und wie man, wenn man das Buch kennt, leicht hatte voraussehen können, war diesmal das Gastmahl des Belsazar an der Reihe. Als aus dem Tempel geraubte Gefäße wurden dabei die echten Abendmahlskelche der Gemeinde eingesetzt. 

Das Schlagzeug kam nicht zum Einsatz, das steht halt immer da.

Als im "Ergebnissicherungs"-Gespräch die Frage gestellt wurde, wer oder was uns denn (neben dem Lesen in der Bibel und dem Hören auf Gott im Gebet; diese Möglichkeiten wurden auch genannt) dabei helfen könne, herauszufinden, was Gott von uns will, gab mein Tochterkind eine gut katholische Antwort: "Die Kirche." 

Nächste Woche müsste aller Voraussicht nach Daniel in der Löwengrube drankommen. Die Geschichte kennen meine Kinder schon, dank der Tatsache, dass sie ein ausgesprochen "gern genommenes" Sujet für Bibel-Bilderbücher ist. Schön wäre es, wenn die Schulfreundin des Tochterkindes mal wieder mitkäme; diesmal ist das an einer Terminkollision gescheitert. 


Neues aus Synodalien: Welche Religion hat mein Kind? 

Unlängst bin ich über die (an und für sich natürlich nicht besonders überraschende) Tatsache gestolpert, dass es auf häretisch.de eine Elternkolumne gibt; und gleich der erste Beitrag, den ich dort zur Kenntnis genommen habe, erscheint mir kommentarwürdig. Da schreibt häretisch.de-Redakteurin Melina Schütz darüber, dass Ohr siebenjähriger Sohn sie während einer Autofahrt mit der Frage "Mama, welche Religion habe ich eigentlich?" konfrontierte. Ich habe hier durchaus nicht die Absicht, darüber zu spotten, dass der Knabe das nicht weiß: Ich habe schließlich selbst ein siebenjähriges Kind, und wenn ich sage, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass meine Tochter mir so eine Frage stellen würde, dann in erster Linie deshalb, weil ich vermute, dass ihr die Existenz unterschiedlicher Religionen höchstens vage bewusst ist. Gut vorstellen könnte ich mir daher, dass auch der Junge in der Kolumne diese Frage nur irgendwo aufgeschnappt hat und sie an seine Mutter weitergibt, ohne sich ganz im Klaren darüber zu sein, was sie eigentlich bedeutet. Auf die Gegenfrage der Mutter, woran er denn glaube, erwidert der Knabe jedenfalls mit Überzeugung "Jesus", und ich glaube, das würde meine Tochter auch sagen. 

Soweit also eigentlich alles in Butter, oder? – Nun ja: was das Kind angeht, schon; kritische Anmerkungen habe ich hingegen zur Haltung der Mutter. Das fängt damit an, dass sie sich über die "Unwissenheit" ihres Sohnes wundert – oder präziser gesagt, aus welchen Gründen sie das tut: "Hat er doch jahrelang eine katholische Kita besucht und nun auch schon ein paar Monate Religionsunterricht in der Grundschule hinter sich. Seine Mutter, also ich, arbeitet für die katholische Kirche. Wie konnte seine Religion an ihm vorbeigehen?" – Ich stelle fest, dass ich zunehmend verblüfft reagiere, diese institutionsfixierte Sicht auf die Kirche in freier Wildbahn anzutreffen; ich sage mir immer, so langsam müsste die doch mal aussterben. Dabei sollte ich eigentlich aus Erfahrung wissen, was für ein zähes Leben diese Vereinsmentalität hat – und zwar allem Anschein nach besonders unter Leuten, die für die Kirche arbeiten. Das muss diese Selbstbezogenheit ("autoreferencialidad") sein, vor der Papst Franziskus wiederholt so eindringlich gewarnt hat. Aber wer war es nochmal, der gesagt hat, die Zugehörigkeit zu einer Kirche macht dich ebensowenig zum Christen, wie du ein Auto wirst, wenn du in einer Garage stehst? Bezogen auf diese Elternkolumne könnte man sagen, die Verfasserin hat ihren Sohn in der Garage geparkt und wundert sich nun, dass er kein Auto geworden ist. Diese Verwunderung wirkt umso tragikomischer, als die Mutter sich scheut, ihrem Sohn auf die Frage nach seiner Religionszugehörigkeit eine klare Antwort zu geben: "Am Ende habe ich meinem Sohn nicht gesagt, dass er katholisch ist. Stattdessen haben wir erst einmal über das Wirken Jesu gesprochen." Letzteres ist ja gut und schön, aber warum "stattdessen"? Das kann oder will die Verfasserin dem Leser nicht so recht erklären; stattdessen breitet sie sich umfassend darüber aus, dass sie sich, als sie "Mama wurde, [...] zum ersten Mal intensiv mit [ihren] eigenen Werten beschäftigt und [s]ich gefragt, welche davon [sie] an [ihre] Kinder weitergeben möchte. Hilfsbereitschaft zum Beispiel." Und weiter: "Wir haben die Verantwortung, Werte, die uns wichtig sind, auch vorzuleben. Religion kann dabei eine große Stütze sein." Ah ja. Das ist, ob man's glauben mag oder nicht, die einzige Stelle in diesem Text, an der sich die Verfasserin darüber äußert, was ihre Religion (oder die ihres Sohnes) ihr bedeutet: Sie ist hilfreich für die Werteerziehung. Toll. Soviel mal dazu, warum es mir so wichtig ist, Moralismus in der Kinderkatechese zu vermeiden

Das ist aber noch nicht das einzige Problem, das ich hier sehe. Intuitiv neige ich dazu, Leuten nicht zu glauben, die einem, wenn man sie fragt, warum sie eigentlich Christen bzw. Kirchenmitglieder sind, sogleich etwas von "christlichen Werten" erzählen. Wie ich vor Jahren schon mal schrieb: "Christliche Werte" sind eine Abstraktion. Um sich zu Werten zu bekennen und nach besten Kräften nach ihnen zu leben, braucht man weder Christus noch die Kirche; man muss diese Werte auch nicht unbedingt "christlich" nennen, denn zu vielem von dem, was gemeinhin so bezeichnet wird, bekennen sich auch viele Nicht- und Andersgläubige. Wenn nun jemand – wie zum Beispiel die Verfasserin dieser Elternkolumne – sagt "Okay, vielleicht braucht man den christlichen Glauben nicht unbedingt, um diese Werte zu vertreten, aber er hilft immerhin dabei", mag da was Wahres dran sein, aber als Argument für den Glauben ist es mir zu schwach. Wenn ich nun sage, ich neige dazu, Leuten nicht zu glauben, wenn sie sagen, sie seien deshalb in der Kirche, weil ihnen christliche Werte wichtig sind, dann will ich diesen Leuten damit nicht unterstellen, dass sie lügen; ich glaube vielmehr, dass sie sich diese Erklärung zurechtgelegt haben, um vor sich selbst und anderen eine Kirchenbindung zu rechtfertigen, die ihnen letztlich selbst nicht ganz erklärlich ist. Diese sozusagen vor-rationale, "gefühlte" Kirchenbindung halte ich auch für den Hauptgrund dafür, dass so viele Leute immer noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Aus rein "weltlicher" Sicht mag man Erziehung und Gewohnheit für diese rudimentäre Kirchenbindung verantwortlich machen, und so gesehen könnten auch katholische KiTa und Religionsunterricht durchaus eine gewisse prägende Rolle im Leben des Sohnes der häretisch.de-Kolumnisten spielen. Aber ich würde keinesfalls ausschließen, dass sich bei den vielen Nichtausgetretenen tatsächlich der charakter indelibilis der Taufe auswirkt – in dem Sinne, dass, wer einmal in den Mystischen Leib Christi aufgenommen wurde, nicht mehr so ganz von ihm loskommt. 

Möglicherweise – aber das müsste noch zu Ende gedacht werden – schlummert hier auch eine Erklärung dafür, dass man gerade im institutionellen Apparat der Kirche, einschließlich der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, so viele Leute findet, die mit dem Glauben der Kirche eigentlich wenig anfangen können: Wenn "Mir sind eben christliche Werte wichtig" eine Rationalisierung dafür ist, dass man trotz fehlender Glaubensübereinstimmung "immer noch dabei ist, ist "Na, ich arbeite eben da" gewissermaßen die gesteigerte Version dieser Rationalisierung; und sofern es sich nicht um eine rein "ehrenamtliche" Mitarbeit handelt, gibt es sogar noch Geld dafür. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Das Verweilen bei [dem Eucharistischen Leib Christi] ändert uns zum Guten hin. Denn die Umgebung, der wir ausgesetzt sind, hat unweigerlich Auswirkung auf uns, wir können uns ihr nicht entziehen. Kein Mensch ist in der Lage, unabhängig von seiner Umwelt zu leben. Wir atmen die Luft, in der wir leben, spüren die Strahlen der Sonne, die uns wärmen. Sind wir der Sonne ausgesetzt, verändert sie uns. Das ist ein Naturgesetz. Wir können uns ins Dunkle zurückziehen, uns der Sonne verweigern. Dann werden wir ihre lebensspendende Kraft nicht an uns erfahren. Die Sonne verwandelt alles, worauf ihr Schein fällt; ihre Strahlen bewirken Leben. Wie die Blumen im Frühling ihrer Wärme nicht widerstehen können und zum Leben erwachen, so werden wir durch die Strahlen der Eucharistischen Gegenwart verwandelt, sobald wir uns öffnen und sie wirken lassen. Sie verändert uns. 

(Elisabeth Bock in "Urworte des Evangeliums") 


Ohrwurm der Woche 

Ray Barretto: Pastime Paradise 

Vor Jahren, als ich noch regelmäßig Geld für CDs ausgab, habe ich mir mal einen Sampler mit dem vielsagenden Titel "A Jazz Tribute to Stevie Wonder" geleistet, auf dem Jazzmusiker wie Ramsay Lewis, Roy Ayers, Stanley Turrentine und Ahmad Jamal Songs von, nun ja, eben Stevie Wonder interpretieren. Die CD ist insgesamt sehr gut, aber am stärksten bei mir "hängen geblieben" ist doch Ray Barrettos Latin-Jazz-Version von "Pastime Paradise". Möglicherweise auch deshalb, weil mir zwar Stevie Wonders Original nicht sonderlich geläufig war, dafür aber die Gangsta-Rap-Adaption "Gangsta's Paradise" von Coolio. Und immer wenn ich diese höre, fällt mir wieder Ray Barrettos Version ein. Mit rund achteinhalb Minuten ist sie ziemlich lang, aber dank eines Klavier-, eines Saxophon-, eines Gitarren- und zu guter Letzt eines Percussion-Solos lohnt es sich, sie bis zu Ende anzuhören. 


Vorschau/Ausblick 

Wie schon erwähnt, ist heute Abend wieder Community Networking Night im Baumhaus, aber ob wir es wirklich dahin schaffen, stand bei Redaktionsschluss – wie so oft – noch nicht ganz fest. Morgen werden wir wohl wieder in St. Joseph Siemensstadt in die Messe gehen, und davon abgesehen ist morgen natürlich der von Vielen mit Spannung erwartete Wahltag; dann werden wir wohl sehen, ob nach dem Februar der Merz kommt, und dann können wir vielleicht mal wieder über was anderes reden. Ein Thema, das in nächster Zeit wieder eine größere Rolle spielen dürfte als im letzten halben Jahr, ist die Pfadfinderei: Es steht die Möglichkeit im Raum, dass ich als Betreuer zur nächsten Frühlingsfahrt der Katholischen Pfadfinder Haselhorst mitkommen könnte – was ich gerne machen würde, vorausgesetzt, es wäre eins meiner Kinder (realistisch betrachtet also die Große) dabei. Die Fahrt ist zwar erst für das Wochenende nach Himmelfahrt geplant, und bis dahin ist ja noch ziemlich viel Zeit; aber um uns darüber klar zu werden, ob wir da wirklich mitwollen, wäre es sicher sinnvoll, im Vorfeld mit dem Tochterkind zu dem einen oder anderen Stammestreffen der Haselhorster Pfadfinder zu gehen, und die erste Gelegenheit dazu wäre schon am kommenden Samstag. Im Übrigen habe ich für die Haselhorster Pfadfinder gerade einen Spezialauftrag übernommen, nämlich, einen Kontakt zum Tegeler Stamm der Royal Rangers, eines freikirchlichen Pfadfinderverbandes, herzustellen – mit dem Ziel, zu sondieren, ob man gelegentlich mal was zusammen machen könnte. Als Gelegenheit zur Kontaktaufnahme hätte es sich theoretisch angeboten, dass, wie ich erfahren habe, die Frau des Gruppenleiters mit zweien ihrer Kinder in der "Rumpelberggruppe" ist, zu der ich fast jeden Freitag mit meinem Jüngsten gehe; ausgerechnet gestern waren sie allerdings nicht da. Nun hätte ich natürlich einfach mal auf Verdacht mit meiner Großen zu deren Stammestreffen gehen können – das war nämlich just heute Vormittag –, aber ich denke mir, ich warte lieber ab, ob sich nächsten oder übernächsten Freitag bei der Rumpelberggruppe ein informeller Erstkontakt ergibt, und dann gehe ich gegebenenfalls zum nächsten Stammestreffen, das ist nämlich schon in zwei Wochen. In der kommenden Woche wird außerdem eine neue Folge meiner Tagespost-Kolumne fällig, und wie wir wissen, habe ich noch ein paar Blogartikel außerhalb der Wochenbriefing-Reihe in der Pipeline. Ansonsten steht für die letzte Februarwoche bisher nichts Außergewöhnliches im Terminkalender; aber das kann sich natürlich noch ändern! 


Freitag, 21. Februar 2025

Ein paar politische Schlaglichter kurz vor der Wahl

Symbolbild, aufgenommen Anfang Februar in Nordenham. 

Vielleicht, o Leser, kennst du die Theorie der "six degrees of separation", die besagt, dass über maximal sechs Zwischenstufen alle Menschen auf der Welt einander kennen. Trotzdem kann ich sagen, es ist schon ein komisches Gefühl, wenn ein Freund eines Freundes plötzlich US-Vizepräsident wird. Richtig aufgefallen ist mir das allerdings erst anlässlich der Aufregung um den Auftritt von J.D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz; oder genauer gesagt, infolge eines Artikels meines Freundes Rod Dreher auf Substack, der mit einer Erinnerung daran beginnt, dass er – also Rod – im vorigen Jahr gerade zur Zeit der Sicherheitskonferenz in München war und dass J.D. Vance, damals Senator für den Bundesstaat Ohio, auch da schon an der Konferenz teilnahm. Allerdings war seinerzeit niemand auf der Konferenz sonderlich beeindruckt von ihm, und insbesondere wurde es ihm verübelt, dass er den herrschenden Konsens über die Ukraine-Politik des Westens in Frage stellte. Irgendwann dachte sich Vance, ach, ich pfeif' auf diese Konferenz und geh lieber mit meinem alten Kumpel Rod ein Bierchen trinken. Rods Artikel auf Substack ist mit einem lustigen Foto illustriert, auf dem J.D. mit Basecap und College-Pulli zu sehen ist. Ja, die beiden kennen sich schon länger, und eigentlich wusste ich das, aber so richtig präsent war es mir trotzdem nicht gewesen, bis jetzt. 

Was nun die Rede von J.D. Vance auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz angeht, habe ich, wie wahrscheinlich viele Menschen, zuerst die Aufregung darüber wahrgenommen und dann zur Kenntnis genommen, was er tatsächlich gesagt hat. Und nachdem ich letzteres im vollen Wortlaut nachgelesen habe, muss ich sagen: Im Detail kann man da Manches übertrieben bzw. überspitzt dargestellt finden, aber im Großen und Ganzen sehe ich nicht, wie man ihm widersprechen sollte. Dass unsere Spitzenpolitiker einigermaßen pikiert auf die Rede reagiert haben, ist menschlich wohl verständlich; aber wenn sie – allen voran natürlich Robert Habeck, aber, in etwas zurückhaltenderer Diktion, auch Kanzler Scholz und sein voraussichtlicher Nachfolger Merz – Trumps Vize im Grunde das Recht absprechen wollen, sich so zu äußern, beweisen sie damit im Grunde nur, wie sehr er mit seiner Kritik am Zustand von Demokratie und Meinungsfreiheit in Europa den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Auf X, der App formerly known as Twitter, kommentierte J.D. (als "friend of a friend" nenne ich ihn jetzt einfach beim Vornamen, das ist bei den Amis so üblich) die Empörung über seine Rede pointiert: Wenn die Sorge um die Demokratie, die er ausgedrückt habe, als Angriff auf die Demokratie aufgefasst werde, müsse man sich fragen, ob seine Kritiker überhaupt wissen, was das Wort Demokratie bedeutet. 

(Quelle: Tenor.com

Mit dem Zustand von Demokratie und Meinungsfreiheit in unserem Land befasst sich auch Johannes Hartl in einem Beitrag auf Facebook und Instagram – in einem Format, das er gern verwendet: einer Bildergalerie aus Texttafeln, auf denen jeweils nur ein bis zwei oder höchstens mal drei Sätze stehen. In diesem Fall Sätze wie "Demokratie bedeutet das Recht der anderen, für etwas einzutreten, was Du total bescheuert findest" und "Meinungsfreiheit bedeutet das Recht der anderen, das zu sagen, was Du nicht hören willst." Hartl warnt davor, politische Gegner – oder überhaupt Menschen, die anderer Meinung sind als man selber – automatisch für dumm oder böse zu halten (und den eigenen Standpunkt ebenso automatisch mit dem "Guten und Gescheiten" schlechthin zu identifizieren). Ein rundum besonnener und vernünftiger Appell, sollte man meinen – aber zahlreiche Social-Media-Nutzer hatten nichts Wichtigeres zu tun, als darunter (sinngemäß) "Ja, aber die AfD...!!" zu kommentieren. Hartl selbst reagierte – auf Instagram – mit "Erstaunen" auf diese "Reihe von Kommentaren, die reflexhaft irgendetwas über die AfD antworten": 

"Ernsthaft: können wir uns nicht generell über ein dialogorientiertes Miteinander verständigen, ohne immer sofort nur über Parteien zu sprechen? [...] Dass unsere Reaktion auf [...] 'lass uns Menschen nicht verteufeln' [...] reflexhaft wieder einmal nur parteipolitisch in eine bestimmte Richtung ist, scheint mir ein Symptom des von mir beschriebenen Problems. Eine entspanntere und auch lösungsorientiertere Debatte bekommen wir nur, wenn wir den Dialog suchen, offen streiten und widersprechen, doch aufhören, das Böse, Dumme und Falsche immer nur bei den anderen zu suchen." 

Als Reaktion auf diesen Appell – man ahnt es bereits – erntete Johannes Hartl erneute Forderungen, er solle sich endlich mal glaubwürdig von der AfD distanzieren. Seufz. 

Derweil entdeckte ich auf Bluesky einen Beitrag der Christians for Future, in dem es hieß: 
"Sonntag abend wird wahrscheinlich nicht einfach werden. Wir schaffen deshalb einen Raum um online zusammenzukommen, unsere Gefühle über das Ergebnis teilen und gemeinsam neuen Mut und Kraft schöpfen." 

Da möchte man ja mal Mäuschen spielen – oder vielleicht auch lieber nicht. Man könnte ja meinen, wenn sie sich schon ausdrücklich als christliche Initiative bezeichnen, stünde es den Christians for Future gut an, zu gemeinsamem Gebet am Wahlsonntag aufzurufen; aber was sie tatsächlich im Sinn haben, sieht dann ja wohl eher nach Gruppentherapie aus. Woran erinnert mich das? – Im Baumhaus, das ich ja bekanntlich sehr schätze, gab es mal eine Veranstaltung namens "Klima-Café" (oder so ähnlich), deren Zweck es ausdrücklich sein sollte, dass die Teilnehmer sich über ihre Gefühle angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel austauschen sollten. Das fand ich auch schon eher unfreiwillig tragikomisch, aber das war immerhin live und nicht online, so als hätten wir immer noch Corona. – So oder so, würde ich sagen, bietet der virtuelle Cry Room der Christians for Future Anlass, über das therapeutische Element im Politikverständnis und politischen Aktivismus der woken Linken zu reflektieren. Irgendwie geht es immer, mehr oder weniger deutlich, um emotionale Verletzungen, die man von anderen validiert bekommen möchte, auch wenn man sich diese emotionalen Verletzungen dafür erst mal selbst zufügen bzw. einreden muss. Was mich daran erinnert, dass schon seit längerer Zeit Christopher Laschs "Zeitalter des Narzissmus" auf meiner Liste von Büchern steht, die ich "irgendwann mal lesen will". Ich glaube, das könnte sich als sehr aufschlussreich erweisen. 

Im Übrigen ging mir heute Morgen auf dem Klo der von mir schon öfter bemühte Vergleich der Bundestagswahl mit der Fußball-WM durch den Kopf, und dabei stellte ich fest, dass diese Events noch mehr miteinander gemeinsam haben als nur den Umstand, dass sie in der Regel alle vier Jahre stattfinden und auch Leute mitreißen, die sich sonst kaum oder überhaupt nicht für Fußball bzw. Politik interessieren. Zu dieser Analogie gehört natürlich auch, dass Leute, die eigentlich überhaupt keine Ahnung von Fußball bzw. Politik haben, sich plötzlich berufen fühlen, über alles Mögliche mitzureden; man kann die Analogie aber noch weiter treiben: Für Leute, deren einzige Form politischer Betätigung darin besteht, "in jedem vierten Jahr ein Kreuz zu malen", wie Franz Josef Degenhardt sang, haben die Wahlen naturgemäß einen anderen Stellenwert, einen anderen Nimbus von Wichtigkeit als für solche, die noch anderweitig politisch aktiv sind. Auch das ist im Fußball ähnlich. Wer fleißig den Politikteil der Tageszeitung liest und im Fernsehen politische Diskussionssendungen und womöglich sogar Liveübertragungen von Parlamentsdebatten anschaut, wäre in dieser Hinsicht dem Fußballfan vergleichbar, der das ganze Jahr über die Bundesliga und womöglich auch noch ausländische Ligen verfolgt, daher natürlich eine begründete Meinung dazu hat, wer in der Nationalelf spielen sollte und wer nicht, sich zugleich aber auch bewusst ist, dass Welt- und Europameisterschaften letztlich nur ein Schaufenster sind, in dem die Spieler ihren Marktwert demonstrieren wollen, und dass die wirklich große Kohle im Vereinsfußball gemacht wird. Wer schließlich selbst auf lokaler Ebene politisch aktiv ist, sei es in einer Partei, einer Bürgerinitiative oder einem Nachbarschaftsverein, könnte mit jemandem verglichen werden, der selbst im Verein Fußball spielt oder vielleicht eine Jugendmannschaft trainiert. Für diesen wird die Fußball-WM möglicherweise auch ein großes Ereignis sein, bei dem er mitfiebert und das sein Herz höher schlagen lässt; vielleicht wird er aber auch der Meinung sein, dieses Event habe sich allzu weit von seinen Wurzeln entfernt und es gehe da weit mehr um Showbusiness, Ideologie und Werbeverträge als um Fußball. Bei manchen trifft vielleicht sogar beides gleichzeitig zu. 

Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass es auch beim JAM-Elterncafé am vergangenen Mittwoch um Politik ging; genauer gesagt um die Frage "War Jesus politisch?", was natürlich die Folgefrage implizierte, ob Christsein politisch ist oder sein sollte. Ich stieß erst spät dazu, da es mich zunächst mehr interessierte, was den Kindern währenddessen über das Buch Daniel beigebracht wurde; meinen somit eher fragmentarischen Eindruck von der Diskussion im Elterncafé würde ich als durchwachsen bezeichnen: Erfrischend, wenn auch nicht unbedingt überraschend, fand ich es, bei den Freikirchlern eine erheblich größere Distanz zum gesamten Politikbetrieb festzustellen, als man es aus den Großkirchen gewohnt ist; für die Teilnehmer der Gesprächsrunde (oder jedenfalls einige von ihnen) schien es keineswegs ausgemacht, ob es überhaupt ratsam ist, sich mit Politik zu befassen. Als ebenfalls typisch freikirchlich, aber in einem weniger erfreulichen Sinne, empfand ich die von einem naiv-oberflächlichen "sola scriptura"-Verständnis geprägte Form der Auseinandersetzung mit dem Für und Wider: Da wurden unsystematisch und kontextfrei einzelne Bibelstellen einander gegenübergestellt, wobei am Ende einigermaßen folgerichtig nicht viel mehr herauskam als "Das kann man so oder so sehen". Gut fand ich hingegen das Schlussplädoyer der neuen Elterncafé-Leiterin (die übrigens durchblicken ließ, sie habe früher durchaus einen Hang zu politischem Radikalismus gehabt, und wenn sie nicht Christ geworden wäre, würde sie "heute vielleicht im Schwarzen Block marschieren oder [s]ich auf der Straße festkleben"), denn dieses Fazit erinnerte mich an die "antipolitische Politik" der Benedikt-Option: Jenseits von der Teilnahme an Wahlen, von etwaigen Parteipräferenzen o.ä. sei Christsein insofern politisch, als Christen einfach dadurch, dass sie in ihrem alltäglichen Leben Jesus nachzufolgen suchen, in die Gesellschaft hinein wirken

Ich finde, das ist jetzt ein echt schönes Schlusswort, und vielleicht können wir uns ab Montag alle mal wieder etwas mehr auf diese Form der politisch-gesellschaftlichen Teilhabe konzentrieren.