Was für eine Woche, Freunde: Deutschland ist aus der Fußball-WM ausgeschieden, die Piusbruderschaft hat sich die Tatstrafe der Exkommunikation zugezogen – beide Themen werden in diesem Wochenbriefing durchaus eine gewisse Rolle spielen, wenn auch eher indirekt und um die Ecke gedacht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mindestens eins dieser Themen mich noch weiter beschäftigen wird; seien wir also mal gespannt, welches das wohl sein wird. Auf jeden Fall erwartet euch ein vergleichsweise reflexionslastiges Wochenbriefing, und ziemlich umfangreich ist es auch wieder geworden – daher spare ich mir mal weitere Vorbemerkungen...
Eure engen Grenzen
Über das eindeutige Highlight im Berichtszeitraum dieses Wochenbriefings – die Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) – habe ich ja bereits einen separaten Artikel veröffentlicht; aber ich muss darauf doch noch einmal zurückkommen, und zwar speziell und zunächst auf die Messe in der Klosterkirche am Sonntag. Der betont "hochkirchliche" Stil dieser Messe stand nämlich in einem so augenfälligen Kontrast zu der Messe in der Seitenkapelle von St. Karl Borromäus in Berlin-Grunewald, an der ich am vorangegangenen Freitag teilgenommen hatte, aber auch zu allerlei anderen Messen, die ich in diversen eher liberal geprägten Pfarreien miterlebt habe, dass sich mir der Gedanke an etwas aufdrängte, was mein Freund Rod im Liturgie-Unterkapitel der #BenOp schreibt:
"Stell Dir vor, Du besuchst eine katholische Messe in einer öden vorstädtischen Kirche aus den 70ern, die aussieht wie eine umfunktionierte Pizza-Hut-Filiale. Am nächsten Sonntag nimmst Du an einem Hochamt in der St.-Patricks-Kathedrale in New York City teil. Die Schriftlesungen sind an beiden Orten dieselben, und Jesus ist in der Eucharistie in 'Unserer Lieben Frau von der Pizza Hut' genauso real präsent wie in der Kathedrale. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass Du in der vorstädtischen Kirche größere Mühe haben wirst, eine Empfindung für die Heiligkeit der Messe in Dir zu wecken, als in der Kathedrale" (S. 173/Paperback-Ausgabe S. 185).
Darüber hinaus musste ich an eine Diskussion denken, in die ich ein paar Tage zuvor in der App Formerly Known As Twitter gestolpert war und in der es um den bemerkenswerten Umstand ging, dass der 1886 von Papst Leo XIII. eingeführte Brauch, am Ende der Heiligen Messe das Gebet zum Hl. Erzengel Michael zu sprechen, im jüngster Zeit eine Renaissance zu erleben scheint. Die Meinungen darüber, ob das begrüßenswert oder eher befremdlich sei, waren ausgesprochen geteilt. Der Blogger John Monaco, von dem ich schon vor Jahren mal ein paar Artikel auf meinem Blog empfohlen und verlinkt hatte, brachte im Blick auf diese Debatte den von dem Philosophen Charles Taylor geprägten Begriff der "sozialen Vorstellungswelt" ("social imaginary") ins Spiel und merkte an, der Umstand, dass es Katholiken gebe, die das Gebet zum Hl. Erzengel Michael als irritierend oder anstößig empfinden, illustriere, wie sehr sich die soziale Vorstellungswelt des Katholizismus in den letzten Jahrzehnten verändert habe. Das erscheint mir als eine recht profunde Feststellung, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Situation in Deutschland, wo es ja – auch und gerade innerhalb des institutionellen Apparats der Kirche – eine Menge Leute gibt, die bedeutende Teile der Glaubens- und Sittenlehre als überholt und damit teils als schockierend, teils als schlicht lächerlich betrachten, gleichzeitig aber überzeugt sind, sie seien die wahren Katholiken und diejenigen, die immer noch an den betreffenden Lehren festhalten, seien gefährliche Fanatiker und Extremisten. Was sich ja, wie schon vor Jahren festgestellt, unter anderem auch in der Haltung der im BDKJ organisierten Jugendverbände, einschließlich des Pfadfinderverbands DPSG, gegenüber der KPE niederschlägt.
In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass ich am Samstagabend im Klosterhof einem Seniorenpaar begegnete, dessen männlicher Teil gerade dabei war, seiner Frau einen Text von seinem Smartphone vorzulesen, der wahrscheinlich aus dem Wikipedia-Artikel über die KPE oder einem darauf basierenden Artikel stammte und in dem es hieß, die KPE werde "dem katholischen Traditionalismus zugeordnet" und ihr würden "radikale Tendenzen vorgeworfen". Für mich war nicht ganz klar zu erkennen, ob es sich bei diesen Senioren um Wallfahrtsteilnehmer handelte, die den betreffenden Online-Text eher unter dem Aspekt "Guck mal, was andere über uns schreiben" rezipierten, oder ob sie sich aus ganz anderen Gründen auf dem Klostergelände aufhielten, sich gewundert hatten, wo all diese Leute herkommen, und sich daher im Internet darüber informieren wollten, was das eigentlich für Leute sind. Intuitiv tippe ich allerdings auf Letzteres. Ich erzählte meiner Liebsten davon, und als ich später am Abend ein Foto vom Abendgebet der Wölflinge auf dem Vorplatz der Klosterkirche machte, merkte sie an: "Wenn wir das den Omas schicken, lesen die sich auch bald gegenseitig Wikipedia-Artikel über die KPE vor."
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| Hier das gemeinte Foto. |
Übrigens gibt es auf dem Klostergelände auch eine evangelische Kirche, und als die hitzebedingt gekürzte Fußwallfahrt – kurz vor Schluss, auf dem Weg zur Klosterkirche – an dieser vorbeikam, war da gerade der Sonntagsgottesdienst zu Ende, sodass die Gemeinde samt Pfarrerin beim Verlassen der Kirche die KPE-Wallfahrer an sich vorüberziehen sah. Die machten vielleicht Augen!
Aber lassen wir mal die Anekdoten und fragen geradeheraus: Was ist denn nun tatsächlich dran an der Zuordnung der KPE zum "Traditionalismus"? – Je nachdem, wie weit oder wie eng man den Traditionalismus-Begriff fassen will, würde ich diese Frage mit "nicht viel" oder mit "überhaupt nichts" beantworten. Sieht man als definitorisches Merkmal der Traditionalistischen Bewegung im Katholizismus eine kritische bis ablehnende Haltung zum II. Vatikanischen Konzil an, dann kann man mit leichter Mühe – selbst wenn man nur den besagten Wikipedia-Artikel liest – feststellen, dass sich die KPE seit ihrer Gründung klar zum Konzil bekennt. Ordnet man als "traditionalistisch" all jene Gemeinschaften ein, die bevorzugt oder ausschließlich nach den "vorkonziliaren" liturgischen Büchern zelebrieren, dann möchte ich zu Protokoll geben, dass alle Messen, die ich bisher im Rahmen von KPE-Veranstaltungen mitgefeiert habe, in der ordentlichen Form des Römischen Ritus, also in der "nachkonziliaren" Liturgie, zelebriert worden sind – dabei allerdings im Rahmen der Gestaltungsspielräume, die diese Form des Ritus gewährt, zugegebenermaßen "traditioneller" aussahen als das, was die soziale Vorstellungswelt liberaler Katholiken als "normal" zu betrachten gewohnt ist. Gerade dafür ist die Jubiläumsmesse in der Klosterkirche von Schöntal ein illustratives Beispiel: Da trugen zwar zwei der Konzelebranten sogenannte "Bassgeigen", aber in der vorkonziliaren Liturgie war Konzelebration insgesamt unüblich; und da wurde das Eucharistische Hochgebet zwar in lateinischer Sprache gebetet, aber es ist gerade ein besonders auffälliges Merkmal der vorkonziliaren Liturgie, dass der Messkanon überhaupt nicht für die Gemeinde hörbar gesprochen wird. Kurz gesagt, wer eine Liturgie wie die der KPE-Jubiläumsmesse im Kloster Schöntal für "traditionalistisch" hält, hat von Traditionalismus überhaupt keine Ahnung. – Eine weitere Erinnerung, die da bei mir aufpoppt, betrifft eine Messe in der Stuttgarter Konkathedrale St. Eberhard, nach der ich mich beim Zelebranten über zahlreiche grobe liturgische Missbräuche beschwerte und dieser mir daraufhin beschied, ich könne ja zu den Piusbrüdern gehen. Ich sag mal: Auf die Idee, jemandem, der lediglich will, dass die ordentliche Form des Römischen Ritus ordnungsgemäß zelebriert wird, eine Gemeinschaft zu empfehlen, die ebendiese Form des Ritus dezidiert ablehnt, muss man erst mal kommen.
Insgesamt bin ich geneigt zu sagen: Wenn eine, wie ich es oben genannt habe, "hochkirchliche" Liturgie gleich als "traditionalistisch" wahrgenommen wird, ist im Prinzip derselbe Mechanismus am Werk, der ein Ernstnehmen der Glaubenslehre bis in persönliche Lebensentscheidungen hinein als Fanatismus und geistliche Gemeinschaften, die ihre Mitglieder für mehr als ein paar Stunden pro Woche in Anspruch nehmen, als "sektenartig" beurteilt: Die "soziale Vorstellung" davon, was "normal katholisch" sei, ist über Jahrzehnte hinweg, nach innen wie nach außen, vom linksliberalen "Boomer Catholicism" geprägt worden. Und ich spreche gewiss nicht nur für mich, wenn ich sage, dass ich das soziale Imaginarium des "Boomer Catholicism" in seiner biederen linksbürgerlichen Beschränktheit ausgesprochen öde finde. Ganz zu schweigen von der schon früher angesprochenen Tragikomik der Tatsache, dass für liberale Katholiken "Vielfalt" zwar ein entschiedenes "Hochwertwort" ist, sie gleichzeitig aber keinerlei Sympathie für die real existierende Vielfalt katholischer Frömmigkeitsformen haben und damit im Grunde überhaupt nicht umgehen können...
Nachträge zum "Mission is Possible"-Kongress
Wenn ich auf mein voriges Wochenbriefing zurückschaue, drängt sich mir der Eindruck auf, dass das, was ich da über den "Mission is Possible"-Kongress geschrieben habe, ein bisschen unfertig und lückenhaft wirkt; in gewissem Sinne hatte ich schon beim Schreiben selbst den Eindruck, dass es mir sowohl an Zeit als auch an Platz mangele, diesen thematischen Abschnitt richtig "rund zu kriegen". Obendrein habe ich von Leserseite den Hinweis erhalten, dass man die Vorträge des Kongresses in der Mediathek von Radio Horeb nachhören könne. Diesem Hinweis bin ich nachgegangen und habe dort 23 Beiträge vom "Mission is Possible"-Kongress mit einer Gesamtlaufzeit von rund viereinhalb Stunden gefunden, mir bisher allerdings nur die Zeit genommen, mir die Eröffnungsansprache des Augsburger Bischofs Meier und Johannes Hartls Vortrag "Warum wir heute einen missionarischen Aufbruch brauchen" anzuhören – das ist der mit der heiß diskutierten Passage über das Restaurant, in dem es nichts zu essen gibt, und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Eine Passage, die mich sehr bewegt hat – gerade auch mit Blick auf die Gemeinde von Herz Jesu Tegel (mehr dazu weiter unten) – möchte ich hier zitieren:
"Ich hab manchmal das Gefühl, oder manchmal so die Frage: Warum schickt Gott nicht noch mehr noch nicht glaubende Menschen zu uns? Ich hab manchmal das Gefühl, diese Menschen sind das Kostbarste, was Er hat. Für den Herrn sind die Menschen, die Ihn noch nicht kennen, die kostbarsten. Warum sollte Er die jemandem anvertrauen, der für die überhaupt kein Herz hat, der für die überhaupt keine Zeit hat? Der für die zwei Leute, die das letzte Mal geschickt wurden, keine Zeit fand?"
Aber auch auf ein paar Details aus dem Communio-Artikel von Alina Rafaela Oehler möchte ich noch zurückkommen. Da wäre zunächst einmal der schon im vorigen Wochenbriefing zitierte Satz "Nach außen wirken will der Kongress nicht", von dem ich denke, dass er zumindest missverständlich ist: Ich würde sagen, der Kongress war einfach auf eine andere Art von Wirkung ausgerichtet als auf ein großes Medienecho. In verschiedenen Berichten über den Kongress war von 850 bis 1000 Teilnehmern die Rede; verglichen mit der MEHR ist das natürlich wenig, und auch die Adoratio in Altötting oder die kommt & seht-Konferenz in Köln erreichen locker doppelt so hohe Teilnehmerzahlen. Aber wenn man davon ausgeht, dass es sich bei diesen Teilnehmern größtenteils um Leute handelt, die in ihren jeweiligen Ortsgemeinden aktiv sind, dann können die Impulse zur Gemeindeerneuerung, die sie von dem Kongress mitnehmen, an der Basis tatsächlich eine sehr beträchtliche Wirkung entfalten. Wie ich neulich schon mal anmerkte, liegt es nun einmal "in der Natur von Graswurzelarbeit, dass ihre Ergebnisse, aus der Distanz betrachtet, in der Regel eher klein und unauffällig sind". – Ein weiteres interessantes Detail von Frau Oehlers Artikel ist der Hinweis auf die konfessionelle Zusammensetzung des Publikums beim "Mission is Possible"-Kongress: "etwa 60 Prozent Katholiken" seien unter den Teilnehmern gewesen, "25 Prozent zählten sich zu Freikirchen, 15 zur evangelischen Landeskirche. Einzelne orthodoxe Christen waren auch da." Man wird wohl behaupten dürfen, dass der starke Katholikenanteil – auch wenn die Veranstaltung dezidiert als ökumenisch ausgerichtet beworben wurde – von Veranstalterseite durchaus so gewollt war, wofür schon die Beteiligung mehrerer katholischer Bischöfe am Programm spricht; dagegen ist das Zahlenverhältnis zwischen evangelisch-freikirchlichen und evangelisch-landeskirchlichen Teilnehmern einigermaßen auffällig, wenn man es zu den Mitgliederzahlen dieser Gemeinschaften in Deutschland ins Verhältnis setzt: Während die in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen trotz hoher Austrittszahlen immer noch über 17 Millionen Mitglieder haben, bringen es die bedeutendsten freikirchlichen Gemeindeverbände zusammen auf gerade mal 300.000. Nun ist es grundsätzlich wohl keine besonders neue oder überraschende Erkenntnis, dass bei dem missionarischen Aufbruch, den wir derzeit (wenn auch hierzulande, verglichen mit anderen Ländern um uns herum, bisher nur in Ansätzen) erleben, die evangelischen Landeskirchen kaum mitspielen; in der von Maria Hinsenkamp beschriebenen "deutschsprachigen KiNC-Landschaft" findet viel Kooperation und Vernetzung zwischen katholischen und freikirchlichen Akteuren statt (wofür das Gebetshaus Augsburg ein prominentes Beispiel und wohl auch ein Vorreiter ist), während die evangelischen Landeskirchen dieser Bewegung insgesamt eher fern stehen. Insofern bin ich auch eigentlich nicht überrascht, dass unter den Teilnehmern des "Mission is Possible"-Kongresses "nur" 15% evangelisch-landeskirchliche Christen waren; wenn überhaupt, überrascht es mich eher, dass es nicht noch weniger waren. Man kann ja manchmal versucht sein, daran zu zweifeln, dass es in den evangelischen Landeskirchen überhaupt noch gläubige Christen gibt. Tatsächlich gibt's die durchaus, aber sie haben's halt schwer in ihren Kirchen und mit ihren Kirchen. Es gibt deswegen schon Websites mit interaktiven Landkarten, die gläubigen Protestanten dabei helfen sollen, im Sinne ihrer jeweiligen Konfession rechtgläubige Gemeinden zu finden. Ich denke manchmal, so eine Karte könnten gläubige Katholiken – und solche, die es werden wollen – hierzulande auch gebrauchen. Aber das ist wohl ein Thema für sich...
Wie geht es weiter in Herz Jesu Tegel?
Kaum zurück in Berlin, wartete schon wieder die Graswurzelarbeit auf mich: Ich hatte für Montagvormittag ein erneutes konspiratives Treffen mit einer meiner Kontaktpersonen aus der Gemeinde Herz Jesu Tegel verabredet, um Möglichkeiten eines zukünftigen Engagements in dieser Gemeinde zu sondieren. Wir hatten abgesprochen, uns beim Rosenkranzgebet zu treffen, das montags im Anschluss an die 9-Uhr-Messe in Herz Jesu stattfindet; zur Messe selbst glaubte ich es nicht pünktlich schaffen zu können, da ich ja erst noch die Kinder zur Schule und zur KiTa bringen musste, aber als ich feststellte, dass an diesem Montag das Hochfest Peter und Paul war, nahm ich mir vor, es wenigstens zu versuchen, und tatsächlich kam ich dann doch ganz knapp rechtzeitig. Außer mir und meiner Gesprächspartnerin fanden sich noch sieben oder acht ältere Damen in den Kirchenbänken ein; zelebriert wurde die Messe vom leitenden Pfarrer von St. Klara, der – wie so oft in Werktagsmessen – statt einer Predigt einen Zwei-Minuten-Impuls an die Begrüßung der Gemeinde anschloss. Diesen Impuls fand ich in mehrfacher Hinsicht recht bezeichnend: zunächst einmal, weil der Pfarrer es wieder einmal nicht lassen konnte, sich wichtig zu machen, indem er einleitend erwähnte, "vor einigen Jahren" sei er mal eingeladen worden, "in der Katholischen Akademie zum Fest Peter und Paul zu predigen", und daraufhin habe er sich überlegt, da müsse er wohl "ein bisschen was Anspruchsvolleres sagen"; dann aber auch, weil ich mir angesichts der Ausführungen, die er auf diese Einleitung folgen ließ, sagen musste: Wenn er das als "ein bisschen anspruchsvoller" betrachtet, na auweia. Die Apostelfürsten Petrus und Paulus als idealtypische Vertreter unterschiedlicher, ja gegenläufiger Tendenzen im Selbstverständnis und im Handeln der Kirche herauszustellen, ist als Predigtansatz ja nun nicht gerade originell, ja eher schon ein Klischee – wobei natürlich auch hier gilt, dass Klischees in der Regel einen wahren Kern haben: Wie der Pfarrer hervorhob, ist auch in der Präfation zum Hochfest Peter und Paul ausdrücklich die Rede davon, dass die beiden Apostel "auf verschiedene Weise der einen Kirche dienten". Kann man demnach mit einigem Recht Petrus und Paulus als Repräsentanten des hierarchischen und des charismatischen Aspekts der Kirche betrachten, so fand ich es nur allzu charakteristisch für den Pfarrer von St. Klara, wie er diese beiden Aspekte zu einem bloßen "Ordnung muss sein, Innovation muss aber auch sein" verflachte. Dass er dafür das Bild einer Küche heranzog, die, damit man in ihr vernünftig arbeiten könne, eine gewisse Ordnung und Struktur und eingespielte Abläufe brauche, in der man deswegen aber trotzdem nicht immer nur dieselben Gerichte kochen müsse, fand ich als Bild durchaus reizvoll, aber gerade auch in Hinblick auf die Grenzen seiner Anwendbarkeit auf die Kirche vielsagend: Es verriet nämlich einen rein auf organisatorische Abläufe fixierten Blick, dem die geistliche Dimension (wieder einmal) völlig fehlt. Davon, dass Hierarchie und Tradition in der Kirche dazu da sind, das unveräußerliche Glaubensgut zu bewahren, war ebenso wenig die Rede wie davon, dass sich Erneuerung in der Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes vollzieht. Man könnte diesen Mangel natürlich mit dem Hinweis zu entschuldigen suchen, dass es diesem Pfarrer nun mal bekanntermaßen nicht liegt, über geistliche Dinge zu reden (was für einen Geistlichen [!] indes wohl schon bedenklich genug wäre), aber ich glaube eigentlich nicht, dass es sich hier lediglich um ein Problem des sprachlichen Ausdrucksvermögens handelt, sondern dass hier tatsächlich von dem, wovon der Mund nicht spricht, auch das Herz nicht überfließt (vgl. Lk 6,45). Und das ist nicht nur eine Eigenart dieses einen Priesters, auch wenn es bei ihm besonders auffällig sein mag.
Bezeichnend fand ich es in diesem Zusammenhang auch, wie es im Anschluss an die Messe weiterging: Während sechs ältere Damen (und ich) den Rosenkranz beteten, fingen zwei andere ältere Damen ungerührt an "abzuküstern", wozu es nicht zuletzt gehört, den Altarraum aufzuräumen, und ließen sich von der gleichzeitig stattfindenden Andacht nicht im geringsten bei ihrer Arbeit stören; sie schalteten sogar das Licht in der Kirche aus, ehe wir mit dem Rosenkranz zu Ende waren. So etwas ist sicher keine böse Absicht, zeigt aber recht deutlich an, wo die Prioritäten liegen. Dispensare necesse est, orare non est necesse. Das ist natürlich genau verkehrtherum, dürfte aber, nicht nur in dieser Gemeinde, einigermaßen typisch für den post-volkskirchlichen Normalbetrieb sein. Immerhin konnte ich dieses Erlebnis gleich als Anschauungsbeispiel in mein "konspiratives Gespräch" mitnehmen, in dem ich nämlich gleich zu Beginn darlegte, dass ich nach reiflicher Überlegung eine Kandidatur für den Gemeinderat nicht als zielführend ansehe: Wie neulich schon angedeutet, hat mich mein Besuch einer Sitzung dieses Gremiums davon überzeugt dass man auch da so sehr auf das operative Tagesgeschäft fixiert und damit auch so sehr ausgelastet ist, dass für Fragen von Neuevangelisierung und/oder Gemeindeerneuerung kaum Platz auf der Tagesordnung ist. Aus diesem Grund unterbreitete ich meiner Gesprächspartnerin den Vorschlag, lieber den vor einigen Jahren – nach meinem Ausstieg und der Versetzung der Pastoralreferentin – eingeschlafenen Arbeitskreis Neuevangelisierung wiederzubeleben; eine Idee, die mir spontan während des Rosenkranzgebets gekommen war, lautete, um das Reizwort "Neuevangelisierung" zu vermeiden und auch Gemeindemitglieder anzusprechen, die mit diesem Begriff womöglich nichts anfangen können, könnte man diese Gruppe auch gleich "Arbeitskreis Offene Kirche" nennen. Sicherlich wäre es nicht schlecht, wenn dieser Arbeitskreis auch einen Vertreter oder eine Vertreterin im Gemeinderat hätte, der oder die dafür Sorge tragen könnte, dass ein "Bericht aus dem Arbeitskreis Offene Kirche" regelmäßig auf die Tagesordnung kommt, aber das muss ja nicht unbedingt ich sein, und davon abgesehen habe ich ja neulich schon angemerkt, dass man ja nicht unbedingt gewähltes Mitglied im Gemeinderat sein muss, um an dessen Sitzungen teilzunehmen, da diese ja in der Regel öffentlich sind. Wenn meine Gesprächspartnerin sich zur Kandidatur entschließt, werde ich das gleichwohl gern unterstützen. Im Übrigen teilte ich ihr meine Ideen für die drei "Sofortmaßnahmen" mit, die ein Arbeitskreis Offene Kirche in Angriff nehmen könnte und die ich hier neulich schon mal skizziert habe: Willkommensflyer für Besucher der offenen Kirche, Werbung für die spirituellen und katechetischen Angebote der Gemeinde, Angelusgebet. Ich stellte zudem in Aussicht, meine Ideen zu diesen Punkten schriftlich auszuarbeiten und ihr zuzuschicken; am gestrigen Freitag bin ich nun endlich dazu gekommen, diese Ankündigung in die Tat unzusetzen. Hier der Link für diejenigen Leser, die mal einen Blick darauf werfen mögen; keine Sorge, es sind nur zwei Seiten.
Eine ganz eigene Frage ist es derweil natürlich, in welchem Umfang ich mich persönlich noch am irgendwelchen Neuevangelisierungs-Bestrebungen in Herz Jesu Tegel beteiligen werde, wenn ich – wie neulich schon angedeutet – schon bald gar nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen werde. Aber darauf werde ich ein andermal näher eingehen...
Nationalismus, Demokratie usw.
Am Mittwoch entdeckten das Tochterkind und einige Schulfreundinnen während eines erlaubten Ausgangs vom Schulgelände bei Edeka Umhänge in den Farben der deutschen Nationalflagge, die – offenbar bedingt durch das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM – zu ermäßigten Preisen angeboten wurden, und kauften sich je einen solchen von ihrem Taschengeld (eigentlich hatte das Tochterkind mich am Morgen zu dem Zweck um Taschengeld gebeten, sich ein Eis kaufen zu können, aber die Eisdiele hatte zu). Zurück im der Schule, wurden die Mädchen prompt von einem Mitarbeiter gefragt, warum sie denn Deutschlandflaggen trügen, wo Deutschland im Fußball doch gerade ausgeschieden sei. "Das ist ja nicht nur wegen Fußball", erwiderten die Mädchen arglos, woraufhin der Mitarbeiter ausrief: "Das ist ja noch schlimmer!" Kurz darauf begegneten die Mädchen einer weiteren Lehrkraft, die sie ebenfalls fragte "Wieso tragt ihr Deutschlandflaggen, Deutschland ist doch ausgeschieden". – "Da hat's uns echt gereicht", berichteten sie mir später.
Tatsächlich ist es ja ein ziemlich interessantes Phänomen, dass es in Deutschland – anders als etwa bei unseren nördlichen Nachbarn, die, wie ich habe erzählen hören, sogar ihre Weihnachtsbäume mit dem Danebrog schmücken – nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit Sportereignissen, und zwar vorrangig Fußball-Länderspielen, üblich und akzeptiert ist, die Landesfarben zu zeigen. Mein fünfjähriger Sohn etwa identifiziert die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold mit größter Selbstverständlichkeit als "Fußballfarben"; dass diese Farben auch eine vom Thema Fußball unabhängige Bedeutung bzw. Funktion haben, kommt in seiner Vorstellungswelt nicht vor. Bei der Großen ist das schon etwas anders, schon dank ihrer Pfadfinderlager-Erfahrung, denn im Lager werden neben der Verbandsfahne stets die Deutschland- und die Europafahne gehisst. – Was mich betrifft, bin ich zwar – auch wenn mir Benedict Andersons Buch "Die Erfindung der Nation", das ich im Zuge meines Promotionsstidiums gelesen habe, eine erheblich differenziertere Sicht auf die Ideologiegeschichte des Nationalismus vermittelt hat, als ich sie vorher hatte – kein besonderer Fan des deutschen Nationalgedankens, aber das Ausmaß der Ablehnung, das dem Zeigen der deutschen Farben im eigenen Land oft entgegenschlägt – außer eben im Fußball –, finde ich dann doch teils albern und teils irritierend. Umso mehr übrigens, als die schwarz-rot-goldene Flagge sich nun wirklich deutlich nachvollziehbar aus der demokratischen Tradition der deutschen Nationalbewegung herleiten lässt. Dass es zwischen Nationalismus und Demokratie in der Neuzeit einen engen Zusammenhang gibt, wäre übrigens auch etwas, was man von Benedict Anderson lernen könnte; man könnt' natürlich auch ohne seine Hilfe drauf kommen, schließlich heißt Demokratie "Volksherrschaft", und wenn man will, dass das Volk herrscht, dann muss man sich auch darüber verständigen, wer dieses Volk eigentlich ist und nach welchen Kriterien jemand dazugehört oder eben nicht.
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| Was ist des Wauzen Vaterland? |
Dazu fällt mir übrigens noch eine weitere Anekdote ein: Unlängst entdeckte unser Tochterkind in einer Bücher-Verschenkekiste das Buch "Der blaurote Methusalem" von Karl May (Radebeuler Ausgabe, in Fraktur) und nahm es mit. Da wir das Buch nun mal zu Hause hatten, mussten wir es auch lesen, d.h. ich musste es vorlesen – und es kam bei den Kindern überraschend gut an. Gegen Ende der Handlung planen die Hauptfiguren, einem aus Deutschland stammenden, in China reich gewordenen, aber heimwehkranken Fabrikbesitzer ein Überraschungs-Geburtstagsständchen zu bringen, und zwar "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Ernst Moritz Arndt. Ehe ich beim Vorlesen zu der Stelle kam, an der dieses Lied dann tatsächlich gesungen wird, wollte ich es mir auf YouTube anhören, um es gegebenenfalls auch vorsingen zu können, und stellte fest, dass alle Versionen, die ich fand, mir zu pompös und zu pathetisch waren. Daraufhin fragte ich Google Gemini, ob die KI im Netz eine Version im Folk-/Liedermacherstil mit Klampfe ausfindig machen oder gegebenenfalls selbst eine solche Version erstellen könne. Die App machte sich an die Arbeit, brach dann aber plötzlich ab und teilte mir mit, sie wolle doch lieber keine Version dieses Liedes erstellen, und zwar wegen politisch-Ideologischer Bedenklichkeiten. Daraufhin erkundigte ich mich erst einmal, ob das Lied etwa verboten sei; dies wurde verneint, weshalb ich nachhakte: "Wenn das Lied nicht verboten ist, wieso kann ich mir dann keine Folk-Version davon erstellen lassen?" Daraufhin erklärte mir Google Gemini, die "Moderations-Algorithmen von KI-Plattformen" würden "automatisch bestimmte Begriffe" blockieren, die "als potenzieller Rechtsextremismus oder 'Hate Speech'" eingeordnet würden: "Die KI kann dabei nicht zwischen dem historischen Kontext von 1813 und moderner Hate Speech unterscheiden." Muss einem ja mal gesagt werden. Zu guter Letzt half mir die KI doch noch dabei, auf YouTube eine schöne Gitarrenversion des Liedes zu finden – ohne Gesang und folglich frei von ideologieverdächtigen Textstellen.
Derweil hat – was ja irgendwie auch zum Thema passt – die Identitäre Bewegung das Hermannsdenkmal besetzt, um gegen den geplanten Bau von Windrädern in dessen Nähe zu protestieren. Auf der App Formerly Known As Twitter hieß es, der geplante Windradpark würde "diese zentrale deutsche Kulturstätte" – auf den ersten Blick habe ich "Kultstätte" gelesen und nehme an, so war es auch gemeint – "entweihen [!] und unsere Geschichte mit Füßen treten". Wozu mir spontan nicht viel mehr einfällt als: Die haben sie doch nicht alle.
Geistlicher Impuls der Woche
"Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter" (Lk 1,46f.). Mit diesen Worten preist Maria zunächst zwar die besonderen Gaben, die ihr geschenkt wurden, dann aber zählt sie auch die allgemeinen Wohltaten auf, mit denen Gott unaufhörlich und auf ewig für das Menschengeschlecht sorgt. Ihre Seele preist den Herrn, der alle Regungen ihres inneren Menschen für das Lob und den Dienst Gottes gefangen nimmt, weil sie durch die Beobachtung der göttlichen Gebote zeigt, dass sie stets an die Macht und Majestät Gottes denkt. Darum hat sich in der Kirche der gute und heilbringende Brauch eingebürgert, dass alle jeden Tag beim Abendlob mit der Psalmodie auch ihren Hymnus singen. So sollen die Herzen der Menschen immer wieder an die Menschwerdung des Herrn denken und dadurch zu liebender Hingabe entbrennen, und die häufige Erinnerung an das Beispiel der Gottesmutter soll die Herzen in der Tugend festigen.
(Beda Venerabilis, Homilie zu Ehren der Gottesmutter)
Ohrwurm der Woche
Counting Crows: Mr. Jones
Als dieser Song rauskam, war ich 17, und für eine Weile war es mein absoluter Lieblingssong, ohne jede Konkurrenz. Ich habe ihn mir sogar mal sechsmal hintereinander angehört, nur um zu testen, ob ich ihn danach immer noch so toll finden würde, und das Ergebnis lautete: und ob. Dazu trägt neben dem folkrockigen Gitarrengeschrammel nicht zuletzt auch der Text bei – in dem es oberflächlich betrachtet zwar "nur" um zwei Typen geht, die sich schwer damit tun, hübsche Frauen anzusprechen, und neidisch darauf schauen, dass das anderen leichter fällt; aber gleichzeitig ist der Text eben "very, very meaningful". Ich würde sagen, ich kenne kaum einen anderen Songtext, der so vollgestopft mit "meaning" ist wie dieser; höchstens noch "American Pie" von Don McLean, und vielleicht "All Along the Watchtower".
Vorschau/Ausblick
Heute Mittag hatten wir (nach dem "Probelauf" vor zwei Wochen) unseren "richtigen" Einsatz bei der "Outreach"-Straßenevangelisation in der Spandauer Altstadt; was wir da so erlebt haben, wird natürlich ein Thema für das nächste Wochenbriefing werden. Am morgigen Sonntag ist in St. Joseph Siemensstadt im Anschluss an die Messe ein Kuchenbasar zur Mitfinanzierung der Religiösen Kinderfreizeit, und dazu wollte ich mindestens einen Kuchen, nach Möglichkeit zwei, beisteuern; das wird organisatorisch noch eine Herausforderung, zumal heute auch noch eine meiner beiden Schwiegermütter ihren 70. Geburtstag nachfeiert. – Und dann trennen uns nur noch wenige Tage von den Sommerferien! Diese Tage sind allerdings noch ziemlich vollgestopft mit "Programm": Am Montag trifft sich das Alpha-Kurs-Team der EFG The Rock Christuskirche zum Abschluss-Grillen, und ich gehe mal davon aus, dass meine Liebste da dabei sein will; am Dienstag gibt's eine weitere Grillparty, nämlich mit dem Lehrerkollegium der Schule, an der meine Liebste arbeitet; und am Mittwoch schließlich ist an der Schule des Tochterkindes Sommerfest zum Schuljahresabschluss. Tags darauf soll's dann direkt losgehen nach Butjadingen. Ob wir da in den paar Tagen, bis das nächste Wochenbriefing fällig wird, viel Blogrelevantes erleben werden, muss vorerst dahingestellt bleiben, aber einen Ausblick darauf, was uns in den kommenden Wochen in Butjadingen erwartet, dürfte es mindestens geben...!




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