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Samstag, 10. Mai 2025

Die 3 K der Woche (24): Kinder, Kirche, Konklave

Das war eine aufregende Woche, Freunde! Natürlich war das Top-Thema die Wahl des neuen Papstes, aber auch sonst war allerlei los – so viel, dass ich auf das eine oder andere Thema, das ich hier aus Platzgründen nur verhältnismäßig kurz anschneiden konnte, wohl an anderer Stelle noch werde zurückkommen müssen... Aber seht selbst! 

Screenshot vom EWTN-Livestream auf YouTube. Keine Urheberrechtsverletzung beabsichtigt.

Gottesdienst-Double-Feature in Haselhorst 

Der 3. Sonntag der Osterzeit war in diesem Jahr der erste Sonntag im Monat Mai, und diesen Umstand nahmen wir zum Anlass, wieder einmal zuerst in St. Stephanus Haselhorst in die Messe zu gehen und anschließend noch den freikirchlichen Gottesdienst der schräg gegenüber gelegenen EFG The Rock Christuskirche zu besuchen. Da meine Blogstatistik mir den Eindruck vermittelt, dass ich in jüngster Zeit einige neue Leser gewonnen habe, denke ich mir, ich sollte vielleicht ein paar erläuternde Worte zu diesem "Gottesdienst-Double-Feature" einschieben: Unseren ersten Kontakt zur EFG The Rock Christuskirche hatten wir schon, bevor wir in der örtlichen katholischen Pfarrei aktiv wurden; seit ein paar Jahren gehen wir dort regelmäßig mit unseren Kindern zum Kinderprogramm ("Jungschar am Mittwoch", kurz JAM) und kennen folglich einige Leute aus der Gemeinde recht gut – sowohl Mitarbeiter als auch andere Kinder und deren Eltern. Die Sonntagsgottesdienste dieser Gemeinde finden üblicherweise nachmittags statt – außer am ersten Sonntag im Monat, und an diesem beginnt der Gottesdienst genau dann, wenn die Heilige Messe in der benachbarten St.-Stephanus-Kirche gerade vorbei ist. So entstand die Idee, beide Gottesdienste unmittelbar nacheinander zu besuchen; allzu oft machen wir das allerdings nicht so, zuletzt im Februar und davor im ganzen Kalenderjahr 2024 nur zweimal. Nun sollte es aber mal wieder soweit sein. Im Bus nach Haselhorst trafen wir Pater Brody, der offenbar auf dem Weg nach St. Bernhard Tegel-Süd war, um dort die Messe zu halten; ich bemerkte ihn allerdings erst kurz bevor er ausstieg, unser Jüngster erst danach ("Das war ein Pfarrer! Den kenn' ich!") und er uns offenbar überhaupt nicht. 

Die Messe in St. Stephanus zelebrierte Padre Ricardo aus Mexiko in einem schönen goldenen Gewand, in den ersten Reihen saßen ungefähr zehn Erstkommunionkinder (die Erstkommunion für den Gemeindeteil St. Joseph-St. Stephanus findet an den nächsten beiden Sonntagen statt; die "erste Runde" werde ich also verpassen – zu den Gründen siehe die Rubrik "Vorschau/Ausblick" –, aber mein Bedauern darüber hält sich aus bekannten Gründen in Grenzen). Die Predigt war nicht weiter der Rede wert, aber das war nicht schlimm, zumal die Lesungstexte (1. Lesung: Apostelgeschichte 5,27-32.40b-41; 2. Lesung Offenbarung 5,11-14; Evangelium: Johannes 21,1-19) sehr gut für sich selbst sprechen konnten. Zudem lädt ja gerade so ein "Gottesdienst-Double-Feature" dazu ein, darüber zu reflektieren, dass in einer Heiligen Messe – sehr im Unterschied zu einem freikirchlichen Gottesdienst – die Qualität der Predigt gar nicht so entscheidend für das Ganze ist. Und das hat ja auch was Beruhigendes. 

Drüben bei den Freikirchlern begann der Gottesdienst ganz ähnlich wie beim letzten Mal, als wir dort gewesen waren: Erst gab's ein Lied, dann Begrüßungsworte eines Gemeindeältesten, Geburtstagsglückwünsche an Gemeindemitglieder sowie Veranstaltungshinweise für die kommende Zeit. Unter den Veranstaltungshinweisen möchte ich einen hier erwähnen; der bezog sich nämlich auf eine Online-Männergruppe (namens "Klickstopp"), deren Gründung vor drei Monaten angekündigt worden war. Dazu, was ich grundsätzlich von der Idee halte, habe ich mich da ja bereits geäußert; interessant fand ich aber vor allem, wie der Mitarbeiter (den wir vom JAM kannten) das Thema der kommenden Veranstaltung vorstellte. "Wie viele von euch sind Mitglied in einem Fitnessstudio?", fragte er die Anwesenden; schätzungsweise fünf oder sechs Personen meldeten sich. "Und wie viele von euch gehen da wirklich regelmäßig trainieren?" Nur eine Hand blieb oben. Das war offenbar so ungefähr das Ergebnis, das der Mitarbeiter erwartet hatte, und offenkundig verstand das Publikum auch intuitiv, worauf er damit hinauswollte. Welchen Sinn hat die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio, wenn man dann nicht trainiert? "Die einen sagen, ich bin Sponsor des Fitnessstudios. Die anderen sagen knallhart: Selbstbetrug." – Mich erinnerte das spontan daran, wie der Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd bei verschiedenen Gelegenheiten meinte, sogenannte distanzierte Kirchenmitglieder ausdrücklich dafür würdigen zu müssen, dass sie "die Arbeit der Kirche mit ihrer Kirchensteuer unterstützen"; was ich stets als bezeichnend für die verfehlten Anschauungen dieses Geistlichen empfunden habe. Für die Freikirchler liegt die Assoziation zum Thema Kirchensteuer natürlich nicht so nahe, daher kann man wohl davon ausgehen, dass der angekündigte Online-Männerkreis zum Thema "Selbstbetrug: Wo fängt das an, was kann man dagegen tun?" andere Schwerpunkte haben würde; erwähnen will ich aber noch das Symbolbild zur Veranstaltungsreihe "Klickstopp – Männer im Kampf um Reinheit" (!), das an die Wand projiziert wurde: Das zeigte nämlich die Silhouette einer Gruppe schwer bewaffneter Soldaten im Sonnenuntergang. In volks- bzw. großkirchlichen Kreisen, und wahrscheinlich auch nicht nur da, wäre eine derart martialische Bildsprache sicherlich auf allerlei Kritik gestoßen. Aber wenn man gezielt Männerpastoral machen will – da würde, beispielsweise, Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung sicherlich zustimmen –, dann muss man eben auch und gerade an diejenigen Aspekte von Maskulinität appellieren, die in unserer effeminierten Gesellschaft eher verpönt sind.

Bald darauf wurden die Kinder, nach Altersgruppen sortiert, 'rausgeschickt – was ein gewisses Konfliktpotential mit sich brachte, denn die Kinderkatechese für die 6-12Jährigen wurde wieder von derselben Mitarbeiterin geleitet, die mir letztes Mal nicht hatte erlauben wollen, als stiller Beobachter mitzukommen. Tatsächlich entschied sich das Tochterkind diesmal aber von sich aus, lieber mit der Mama und dem kleinen Bruder nach oben in den "Mini-Raum" zu gehen. Daraus zog ich die Konsequenz, während des Lobpreis-Blocks (vier Lieder, von denen ich allerdings nur eins kannte) noch im Hauptgottesdienst zu bleiben; danach holte ich mir beim Dönermann um die Ecke ein Getränk und verkrümelte mich anschließend ebenfalls in den "Mini-Raum". Übrigens wurde die Predigt aus dem Hauptgottesdienst theoretisch hierher übertragen, aber der Ton der Übertragung war leise gedreht. Übertragen wurden hingegen die Folien, die während der Predigt an die Wand projiziert wurden wie bei einer PowerPoint-Präsentation (oder präziser gesagt, wahrscheinlich war es eine). Ich möchte dazu nur soviel sagen: So Vieles es gibt, was ich an freikirchlichen Christen im Allgemeinen und an dieser Gemeinde im Besonderen schätze, und so sehr ich den regelmäßigen Kontakt zu dieser Gemeinde als Bereicherung des Glaubenslebens meiner Familie erlebe, hat so ein Gottesdienst-Double-Feature in Haselhorst doch regelmäßig den Effekt, dass ich froh bin, katholisch zu sein. Das habe ich wohl schon öfter angedeutet, und irgendwann werde ich wohl mal ausführlicher darauf eingehen müssen. 

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es wie üblich Kaffee, Kuchen und Pasta (wie ich immer gerne sage: Jeden Sonntag Gemeindefest!), und dabei geriet ich an einen Tisch mit einem jungen Mann, der anscheinend zum ersten Mal (oder zu einem der ersten Male) hier war, und einem etwa gleichaltrigen Pärchen, das offenbar als sein persönliches Welcome-Team agierte. Da machte ich mir natürlich eifrig mentale Notizen. Ich muss sagen, für mich mit meinem eher introvertierten und skeptischen Naturell wäre es wohl etwas too much gewesen, wie sie ihn mit Fragen zu seinem Glaubenshintergrund löchern und ihn auf weitere "sucherorientierte" Angebote der Gemeinde hinwiesen; aber der junge Mann schien das nicht so zu empfinden, und insgesamt kann man wohl sagen, dass "bei uns" tendenziell eher zu wenig in Sachen "Besucherbetreuung" unternommen wird. Auch dazu vielleicht ein andermal mehr... 


Eine Novene für das Pfarrhausfamilien-Projekt 

Ich erwähnte es schon: Die Website praymorenovenas.com hatte eine Novene zu Maria Knotenlöserin ausgerufen, beginnend am vorletzten Freitag, dem 2. Mai. Dass dieser Termin einigermaßen willkürlich angesetzt war, weil es keinen spezifischen Gedenktag für Maria Knotenlöserin gibt, war mir zunächst nicht klar, aber um in den Marienmonat Mai zu starten, ist so eine Novene ja allemal keine schlechte Idee, und zudem hat meine Familie derzeit ja einen konkreten Grund, den Beistand der Knotenlöserin zu erbitten – nämlich die unklare Situation in Hinblick auf das Pfarrhausfamilien-Projekt, die man durchaus als einen Knoten betrachten kann, den wir nicht aus eigener Kraft lösen können. Daher hatte ich aus dem Internet eine Vorlage für eine Novene zu Maria Knotenlöserin herausgesucht, die sich gegenüber verschiedenen anderen dadurch auszeichnete, dass sie für jeden Tag ein Gebet von Papst Franziskus enthielt. Gleich der erste Tag dieser Novene stand unter dem Motto "Maria, Stern der Neuevangelisierung", aber das fiel uns zuerst gar nicht so auf – bis wir zu der Frage "Welchen Knoten will ich zur Knotenlöserin bringen?" kamen. An dieser Stelle dachte meine Liebste laut darüber nach, dass in den letzten Wochen die Aussicht, vielleicht bis auf Weiteres doch einfach zu bleiben wo wir sind und unser Leben weiterzuführen wie bisher, gefühlt an Attraktivität gewonnen habe; dann setzten wir die Novene mit dem Abschnitt "Gedanken" fort, und ob man's glaubt oder nicht, dieser Abschnitt begann mit den Sätzen: 

"'Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen' (Mk 16,15). Der Herr sendet uns. Er gibt uns Mut und Ausdauer, die frohe Botschaft zu leben und andere damit bekannt zu machen." 

Na wenn das mal keine prompte Antwort war! Und weiter hieß es:

"Bitten wir Maria, Stern der Neuevangelisierung, dass sich die Knoten der Mutlosigkeit, Selbstgenügsamkeit und Angst lösen. Dann werden wir die Freude spüren, zu Christus zu gehören." 

Der zweite Tag der Novene stand unter dem Motto "Maria, Mutter des Glaubens"; da waren die Texte nicht ganz so sehr "on the nose", aber das für diesen Tag ausgewählte Gebet von Franziskus – aus der Enzyklika Lumen Fidei – enthielt immerhin die Zeilen "Erwecke in uns den Wunsch, seinen Schritten zu folgen, indem wir aus unserem 'Land wegziehen' und seine Verheißung annehmen". Man könnte sagen, die Anzeichen verdichten sich. Gewissermaßen zum Ausgleich waren die "Gedanken" zum 6. Tag der Novene mit dem Stichwort "Bleibt" überschrieben – aber das bezog sich natürlich auf den Satz "Bleibt in meiner Liebe" aus Johannes 15,9... Wie dem auch sei, demnächst wird mal eine Entscheidung fallen müssen, nicht zuletzt auch mit Blick auf die berufliche Situation meiner Liebsten. Wir brauchen also mehr denn je euer Gebet, Freunde...! 


Das Merz-Konklave: Sechs Stunden Staatskrise 

Am Dienstagvormittag gab's erst mal Schwarzen Rauch aus dem Bundestag: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik kam bei einer ordentlichen Bundeskanzlerwahl im ersten Wahlgang nicht die erforderliche absolute Mehrheit für den Kandidaten zustande. Ich muss gestehen, mir war zunächst gar nicht klar, was für ein großes Ding das ist. Warum sieht das Grundgesetz denn überhaupt drei Wahlgänge vor, wenn jedermann davon ausgeht, dass es schon im ersten Wahlgang klappen "muss"? Jedenfalls war es amüsant zu beobachten, wie die gesamte politische Klasse der Republik prompt die Nerven verlor. Wenngleich die Wahl im eilig anberaumten zweiten Wahlgang dann doch klappte, lässt sich der Eindruck, Merz' Kanzlerschaft sei schon gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hatte, nicht so ohne Weiteres wegwischen. Aber das ist wohl eher ein Thema für einen eigenständigen Artikel. In gewissem Sinne war ich jedenfalls ganz froh, dass das Thema Kanzlerwahl abgehakt war, bevor das "Extreme Konklave Mitfiebering" losging... 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo 

Wie schon angekündigt, hatte ich am Mittwochabend nach dem JAM noch einem Termin, nämlich ein Treffen des KiWoGo-Arbeitskreises – das dankenswerterweise in in St. Stephanus stattfand, sodass ich vom JAM aus nur einmal über die Straße gehen musste. Ziel des Treffens war die Planung der noch ausstehenden Kinderwortgottesdienste bis zu den Sommerferien; angedacht waren drei Termine, einer pro Kalendermonat. Allerdings hatte sich schon im Vorfeld gezeigt, dass gleich der erste dieser Termine – der 6. Sonntag der Osterzeit – nicht funktioniert, da an diesem Termin der Dankgottesdienst der Erstkommunionkinder stattfinden soll. Schade fand ich das vor allem insofern, als ich mir die Lesungstexte für diesen Sonntag bereits angeschaut hatte und zur 2. Lesung – Offenbarung 21,10-14.22-23, die Vision vom Himmlischen Jerusalem – einen Impuls in dem Buch "Voll cool – Noch mehr Andachten für dich" gefunden hatte, der sich um die Frage drehte "Ist es im Himmel langweilig?". Dazu hätte ich gerne etwas gemacht, aber na ja, vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ja mal in einem anderen Jahr. Zu den Texten des angedachten Ausweichtermins – des 7. Sonntags der Osterzeit, also eine Woche später – hatte erst einmal keine zündende Idee, aber es ergaben sich ohnehin noch andere Einwände gegen diesen Termin; zum Beispiel und vor allem, dass er an einem "langen Wochenende" (nach Himmelfahrt) liegt und man damit rechnen muss, dass viele Familien dieses für einen Kurzurlaub nutzen wollen. Nach einigem Abwägen entschieden wir uns daher dafür, den Termin ersatzlos zu streichen, und fassten stattdessen ins Auge, einen Programmbeitrag für das Pfarrfest in St. Stephanus am 7. Juli beizusteuern. Wie der Gemeindereferent berichtete, wird das Gemeindefest im Garten von St. Stephanus in diesem Jahr nämlich als Fest der gesamten Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland gefeiert, in den kommenden Jahren soll diese Ehre dann wohl anderen Gemeindeteilen zuteil werden. Als KiWoGo-Termine im laufenden Schuljahr blieben so jedenfalls nur noch der 29. Juni, das Hochfest Peter und Paul, sowie der 20. Juli, der 16. Sonntag im Jahreskreis (und letzter Sonntag vor den Sommerferien), und da fiel es nicht schwer, die inhaltlichen Schwerpunkte für den Kinderwortgottesdienst herauszuarbeiten: Im Evangelium zum Hochfest Peter und PaulMatthäus 16,13-20 – geht es um das Christusbekenntnis des Petrus und um Jesu Zusage "Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen"; da bietet es sich wohl an, das Petrusamt in den Fokus zu rücken und dabei auch Erinnerungen an die dann ja immer noch nicht allzu lange zurückliegende Wahl des neuen Papstes zu aktivieren. Und am 16. Sonntag im Jahreskreis gibt es das Evangelium von Maria und Marta (Lukas 10,38-42), dazu hatten wir erst im November eine Kinderkatechese im Rahmen eines Familientages in St. Stephanus; die könnte man im Großen und Ganzen wiederholen. Im Detail wird es an beiden KiWoGo-Entwürfen noch Manches zu klären und auszufeilen geben, aber wir haben ja noch etwas Zeit bis dahin... 


Keine Wölflinge im Tal von Achor 

Am Donnerstag war in Berlin Feiertag und in Brandenburg nicht, was zur Folge hatte, dass das Tochterkind schulfrei hatte, meine Liebste hingegen zur Arbeit musste; ich nahm dies zum Anlass, mit den Kindern einen Ausflug zum Achor-Hof zu unternehmen, wo, wie ich dem Kalender auf der Website entnommen hatte, von Donnerstag bis Sonntag eine Gruppe Wölflinge zu Gast sein sollte. Als wir kurz vor Mittag auf dem Hof ankamen, war allerdings niemand da. Da es ja noch recht früh am Tag war, dachte ich, sie würden vielleicht noch kommen, aber solange wir dort waren, erfüllte diese Hoffnung sich nicht. Fand ich ein bisschen schade, zumal ich gehofft hätte, das Interesse meiner Kinder an der Pfadfinderei wieder neu erwecken zu können; außerdem hätte es mich interessiert, zu welchem Pfadfinderverband diese Wölflinge wohl gehörten. – Nun, wie dem auch sei: Die Kinder ließen es sich nicht verdrießen, sich rund eine Stunde lang auf dem Gelände aufzuhalten und sich an der Natur zu erfreuen; und gerade als ich sie überzeugt hatte, mal auf den nahe gelegenen Spielplatz der evangelischen Kirchengemeinde zu wechseln, lief uns doch noch die Frau vom Achor-Verein über den Weg, die uns schon bei unseren ersten Besuchen so überaus freundlich empfangen hatte. Sie begrüßte uns freudig und teilte uns praktisch im selben Atemzug mit, sie habe leider gar keine Zeit für uns, da sie ihren "Bürotag" habe und in naher Zukunft einige Veranstaltungen anlägen, die noch allerlei Planungsarbeit erforderten. Das hielt sie indes nicht davon ab, uns auf die Schnelle ein Lunchpaket für den Spielplatz zusammenzustellen, einschließlich einer Thermoskanne mit Kaffee für mich. Dabei fragte sie beiläufig, wie es bei uns denn so laufe, und diese Vorlage nutzte ich, um ihr in kurzen Worten von unserem Pfarrhausfamilien-Projekt zu erzählen. Sie war – "keine Zeit" hin oder her – sofort Feuer und Flamme, meinte, das sei ja ein tolles Projekt, und hatte auch prompt einige Hinweise auf Lager, wie man dafür Fördermittel bekommen könne. Wir einigten uns darauf, uns demnächst per Telefon und/oder E-Mail genauer darüber auszutauschen. Man darf gespannt sein... 

Kaffeepause für Papi, sponsored by Achor e.V.

Habemus Leonem XIV! 

Das "Extreme Konklave Mitfiebering" begann für mich sozusagen in mehreren Stufen: Schon am Dienstagnachmittag gab es im Livestream von EWTN eine Sondersendung, bei der mein alter Freund Rudolf Gehrig mitwirkte und die ich zumindest teilweise mitzuverfolgen versuchte, nicht so sehr, weil ich davon nennenswerte neue Erkenntnisse erwartete, sondern lediglich "zur Einstimmung". Erschwert wurde das allerdings dadurch, dass ich, während die Live-Sendung lief, das Tochterkind von der Schule abholen und außerdem einkaufen musste. Bei den nächsten Stufen erging es mir nicht viel besser: Die Missa pro eligendo Romano Pontifice am Mittwochvormittag kollidierte zeitlich mit der Messe in St. Marien Maternitas Heiligensee mit anschließendem Frühstück, der Einzug der Kardinäle in sie Sixtinische Kapelle mit dem JAM und der erste Wahlgang mit dem Treffen des KiWoGo-Arbeitskreises. Aber mal der Reihe nach: Als ich mit meinem Jüngsten in St. Marien Maternitas ankam, fand dort gerade eine Maiandacht statt (anstelle des sonst üblichen Rosenkranzes); die kurze Pause zwischen Maiandacht und Messe nutzte ich, um in die Konklave-Vorberichterstattung auf EWTN 'reinzuschauen, und als ich meinem Jüngsten erklärte, worum es da ging, sagte er: "Ich freu mich schon auf den neuen Papst." – "Ich auch", pflichtete ich ihm bei. 

Die Messe hätte laut Zelebrationsplan eigentlich von Pater Mephisto zelebriert werden sollen, aber tatsächlich war der Gastpriester aus dem Erzbistum München und Freising mal wieder da, der gebürtig aus der Heiligenseer Gemeinde stammt. Er hielt eine schöne Osterpredigt, die allerdings weder auf die Lesungstexte vom Tag noch auf das Konklave Bezug nahm; immerhin wurde aber in den Fürbitten gebetet "Sende deinen Heiligen Geist den Kardinälen in Rom, die einen neuen Papst wählen", und im Gebet für die Verstorbenen im Rahmen der Interzessionen des Hochgebets wurde besonders "unseres Bruders Papst Franziskus" gedacht, "den du aus dieser Welt zu dir gerufen hast. Durch die Taufe gehört er Christus an, Ihm ist er gleich geworden im Tod, lass ihn mit Christus zum Leben auferstehen." 

Die Tischgespräche beim anschließenden Frühstück drehten sich sehr viel mehr um die Bundeskanzlerwahl als um das Konklave; erst als die Runde sich bereits aufzulösen begann, warf an einem Ende der langen Tafel jemand die Frage auf, wer denn nun wohl Papst werden würde. Auf gut Berliner wurde spekuliert, ob es wohl "een Farbija" werden würde; davon abgesehen war die Hoffnung zu vernehmen, der nächste Papst würde "ein bisschen moderner" sein, damit es in der Kirche "mal vorwärts geht und nicht immer nur zurück". Der ebenfalls geäußerte Wunsch, der künftige Papst möge "offener gegenüber der Weltkirche" sein – "Wir hier in Deutschland sind ja nur ein ganz kleiner Punkt auf der katholischen Landkarte" –, wurde offenkundig nicht als im Widerspruch zu den vorgenannten Forderungen stehend empfunden. Insgesamt könnte man es als bemerkenswert betrachten, dass solche Erwartungen an den nächsten Papst nach dem Pontifikat von Franziskus formuliert werden, aber ich habe den starken Verdacht, dass wir es hier lediglich mit einem reflexartigen und unreflektierten Widerkäuen von seit Jahrzehnten ins kollektive Bewusstsein eingeprägten talking points zu tun haben. Und das bei einem Publikum, das regelmäßig und sogar werktags in die Messe geht... Nun ja, so ziemlich bei der ersten Gelegenheit schwenkte die Diskussion wieder auf Aktualia aus der bundesrepublikanischen Politik um, und da war das Niveau der Meinungsäußerungen durchaus ähnlich. 

Den Einzug der Kardinäle in die Sixtinische Kapelle verfolgte ich im Livestream immerhin so lange, wie beim JAM freies Spiel angesagt war; und dann hieß es erst mal warten. Während des KiWoGo-Arbeitskreistreffens (s.o.) schaute ich immer mal wieder mehr oder weniger verstohlen auf mein Mobilgerät, aber da wir bei der Sitzung so zügig vorankamen, war ich schon wieder zu Hause, bevor der Schornstein auf dem Dach der Sixtinischen Kapelle zum ersten Mal rauchte. Immerhin entdeckte ich in dieser Phase, dass die Konklave-Live-Berichterstattung von Thy Geekdom Come auf der App Formerly Known As Twitter ausgesprochen amüsant war. Für die Nachwelt sei übrigens dokumentiert, dass die Tatsache, dass der erste Wahlgang des Konklaves erheblich länger dauerte als erwartet, allerlei Spekulationen auslöste, was da wohl los sei; aber als dann schließlich doch Rauch aus dem Schornstein kam, war er schwarz

Am Donnerstag gegen Mittag bekam ich, während die Kinder es sich auf Liegestühlen im Garten des Achor-Hofs gemütlich machten, an meinem Mobilgerät beinahe in Echtzeit mit, wie erneut Schwarzer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle drang; womit schon mal klar war, dass es kein außergewöhnlich kurzes Konklave geben würde. Am Nachmittag, auf der Rückfahrt nach Berlin, schaute ich mir ausgiebig den Livestream vom nicht-rauchenden Schornstein an, was auch die Neugier der Kinder weckte. Wir waren gerade mal seit einer Viertelstunde wieder zu Hause, als der Schornstein plötzlich weiß rauchte. 

Ein weiterer Screenshot, Quelle siehe oben.

Als dann Kardinalprotodiakon Mamberti auf die Loggia trat und den Vornamen des soeben zum Papst gewählten Kardinals als "Robertum" angab, dachte ich eine Sekunde lang tatsächlich "Sarah?", aber eigentlich konnte ich mir das nicht vorstellen, so sehr ich Kardinal Sarah auch für einen guten Mann halte. Und dann folgte ja auch noch ein "Franciscum", und Kardinal Sarah hat meines Wissens keinen zweiten Vornamen. Demnach musste es also offenbar jemand sein, den ich nicht so recht "auf dem Zettel" gehabt hatte. – 

Bei der Gelegenheit: Ist eigentlich im Vorfeld jemandem aufgefallen, wie viele der als "papabile" eingeschätzten Kardinäle eine Variante des Namens Petrus als Vornamen haben? Man hätte ja denken können, dass das die ohnehin unvermeidlichen Spekulationen bezüglich der Weissagungen des Malachias noch weiter anheizen würde. – Inwiefern? Nun ja: Die Weissagung über den letzten Papst, der Petrus Romanus (Peter der Römer) heißen soll und über den es heißt, zu seine Amtszeit werde von "vielen Bedrängnissen" geprägt sein, die Siebenhügelstadt (also Rom) werde zerstört werden und anschließend werde "der schreckliche Richter sein Volk richten", hat erheblich an Brisanz gewonnen, seit die Liste der Päpste, die in den Weissagungen des Malachias vor diesem Petrus Romanus genannt werden, an ihr Ende gekommen ist, nämlich mit Benedikt XVI., auf dessen Pontifikat sich demnach das Motto "Gloria olivæ" ("Ruhm des Ölbaums") hätte beziehen müssen. Folgerichtig gab es schon 2013 allerlei Spekulationen darüber, dass der nächste Papst jener ominöse Petrus Romanus sein müsse, und es fehlte dann auch nicht an Stimmen, die meinten, das Franziskus-Pontifikat stelle eine Erfüllung dieser Prophezeiung dar. Nun war Franziskus aber ja doch nicht der letzte Papst; was also machen die Anhänger der Weissagungen des Malachias aus diesem Umstand? Abgesehen davon, dass diese Weissagungen heute vielfach als eine Fälschung aus dem späten 16. Jahrhundert betrachtet werden, wird einerseits gern argumentiert, aus dem Wortlaut der Prophezeiung gehe gar nicht zwingend hervor, dass Petrus Romanus unmittelbar auf Gloria olivæ folge, es könnte also durchaus noch eine unbestimmte Anzahl von Päpsten geben, die in der Prophezeiung schlichtweg nicht erwähnt werden; und andererseits gibt es natürlich auch noch Leute, die meinen, der Rücktritt Benedikts XVI. sei ungültig gewesen, Franziskus sei daher nie rechtmäßiger Papst gewesen und deswegen sei der echte Petrus Romanus eben erst jetzt dran. Nun war von den diversen Peters unter den papabili zwar niemand im strengen Sinne Römer, aber ich schätze mal, wenn beispielsweise Pietro Parolin, der fast zwölf Jahre lang Kardinalstaatssektetär war und damit natürlich fest in Rom verwurzelt ist, der neue Papst geworden wäre, dann hätten wir zu diesem Thema so einiges zu hören bekommen. 

Dass es Kardinal Parolin nicht geworden ist, finde ich aber auch noch aus anderen Gründen erfreulich, wozu es nicht zuletzt gehört, dass er von vielen tatsächlichen und/oder angeblichen Vatikanexperten als haushoher Favorit, ja als fast schon sicherer Franziskus-Nachfolger gehandelt worden war. Besonders weit aus dem Fenster gelehnt hatte sich diesbezüglich der berüchtigte Dampfplauderer Andreas Englisch, und dem hätte ich einfach nicht gegönnt, dass er Recht behält. (Übrigens habe ich mir ein paar Minuten seines Auftritts bei der Phoenix-Runde zur Papstwahl angetan und muss sagen: Bei "Experten" seines Kalibers frage ich mich immer, ob die gar keine Angst haben, es könnte mal jemand merken, dass sie nur ausgedachten Quatsch daherreden.) 

Nun aber: Kardinal Prevost! Naturgemäß wurde man aus den Sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit mit allerlei Einschätzungen überschüttet, was das nun für einer sei, und diese ergaben ein recht facettenreiches, um nicht zu sagen widersprüchliches Bild; die Einschätzung, er sei ein "Mann der Mitte", wie es z.B. im Kölner Domradio hieß, schien mir da noch am plausibelsten: Wenn einer in einem Konklave von 133 Kardinälen mindestens 89 Stimmen bekommen hat, dann kann er wohl nicht allzu weit auf einem "Flügel" zu verorten sein. Zunächst einmal freute ich mich jedenfalls über seinen Papstnamen Leo XIV. und bedauerte es zugleich ein wenig, nicht darauf gewettet zu haben, dass der nächste Papst sich so nennen würde; denn ich war schon seit Jahren der Meinung, das sei ein passender und naheliegender Name für einen künftigen Papst. Seinen ersten Auftritt vor dem versammelten Volk fand ich dann auch recht überzeugend; wozu es, wie ich nicht verschweigen will, auch gehörte, dass er anders als sein Vorgänger in zeremonieller Kleidung auf der Loggia erschien. Sowas ist ja auch ein Statement. "Sieht cool aus", meinte mein Jüngster, und die Große merkte an: "Ich freue mich schon darauf, ihn kennenzulernen." 

Ich wünsche der katholischen Welt, dass sie diese Vorfreude teilt. 

Und noch ein Screenshot. Quelle wie gehabt.


Geistlicher Impuls der Woche 
Die weiße Gestalt dort! Man möchte die Augen schließen vor ihr. "Der Diener aller Diener Gottes", lautet ihr schönster Titel. "Tu es Petrus!" Ja, von Petrus zu Pius reicht die ungebrochenste Linie der ganzen Weltgeschichte. In Pius ist Petrus und mehr als Petrus. Mit seinem Herzschlag stärker als nit seinem Verstand begreift Seydel plötzlich das Geheimnis der Menschwerdung der Gottheit, an dem die Päpste in ihrer Art teilnehmen. Achille Ratti, ein gewöhnlicher Mensch und Priester, kein gottbegnadeter Geist, sondern ein stiller Gelehrter, zärtlicher Bibliothekar und tüchtiger Alpinist in seinen kräftigen Jahren. Eines Tages treten die Kardinäle zusammen, gewöhnliche Erdenmenschen alle siebzig, und erheben Achille Ratti auf Petri Stuhl. Und nun ist der Mensch Pius nicht mehr nur Mensch allein. Ein Tropfen des köstlichen Balsams, der sich seit dem Tage des Galiläischen Fischers, der mit dem Herrn umging, angesammelt hat, verwandelt den gewöhnlichen Menschen und fügt etwas zu seiner Natur hinzu, das nicht von dieser Welt ist. Einem flachköpfigen Intellektuellen könnte Seydel dies nicht erklären, aber er ist überzeugt davon, dass auch dieser flachköpfige Intellektuelle es jetzt und hier mit allen Nerven spüren würde wie er selbst. "Ecce sacerdos", denkt er. Du hoher Priester, der du zurückreichst in die unerschöpfliche Tiefe der Zeiten, der du fast zweitausend Jahre alt bist als Träger deines Amtes, hilf uns Verlorenen, führe unsere Sache, denn du musst die einzige Macht auf Erden sein, die gut ist und von Gott. 
(Franz Werfel, Der veruntreute Himmel) 

Ohrwurm der Woche 

The Connells: '74‐'75 

Platz 7 in meinen "Abi 95 Top 100": In dem Jahr, in dem ich Abi machte – 1995 – war dieser Song in Deutschland ein überraschend großer Hit; überraschend nicht zuletzt für die Band selbst, denn daheim in den USA war die Single zwei Jahre zuvor sang- und klanglos untergegangen und die Band hatte sich eigentlich nicht viel davon versprochen, die Platte auch in Europa herauszubringen. Tatsächlich wurde "'74-'75" in Norwegen und Schweden sogar ein Nummer-1-Hit. Die Zahlen im Songtitel beziehen sich auf einen High-School-Abschlussjahrgang, und folgerichtig treten im Video zum Song Absolventen des Abschlussjahrgangs '74/'75 der Broughton High School in Raleigh, North Carolina, auf, und ihr Aussehen zwanzig Jahre später wird ihren Fotos aus dem High-School-Jahrbuch gegenübergestellt. Über den Songtext heißt es in der englischsprachigen Wikipedia-Version treffend, er reflektiere nostalgisch über das Verstreichen der Zeit und darüber, wie Leute, die man früher gekannt hat, sich verändern. Dass dieser Song im unmittelbaren Vorfeld meines 30jährigen Abi-Jubiläumstreffens erhöhtes Ohrwurmpotential hat, dürfte damit hinreichend begründet sein; aber das ist noch nicht alles: Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich einmal um die Abi-Zeit herum mit einigen Freunden im Außenbereich eines Lokals in Nordenham saß, und da lief dieses Lied – und einer meiner Freunde merkte an, das Lied passe auch deshalb gut zu unserem Abi-Jahrgang, weil die meisten von uns in den Jahren 1974 und '75 geboren seien. (Nun ja: Ich nicht. Ich bin Geburtsjahrgang '76 und gehöre damit zu den "Küken" meines Abijahrgangs.) 


Vorschau/Ausblick 

Wenn dieser Artikel online geht, bin ich gerade in Nordenham, wo die lang erwartete 30-Jahre-Jubiläumsfeier meines Abiturjahrgangs stattfindet. Ich gehe davon aus, dass es darüber einiges zu berichten geben wird, sei es im nächsten Wochenbriefing oder vielleicht auch in einem separaten Artikel. Am morgigen Sonntag gedenke ich in St. Willehad in die Messe zu gehen, und wenn die Angaben im Gemeindeblatt ("Willehad aktuell") stimmen, wird diese von Pastor Kenkel zelebriert. Sollte mich freuen. Außerdem ist morgen Muttertag, da trifft es sich natürlich gut, dass ich gerade bei meiner Mutter zu Besuch bin. Am Abend geht's aber zurück nach Berlin, denn ab Montag erwartet uns eine "ganz normale" Schul- und Arbeitswoche. Genauer gesagt ist es die erste "ganz normale" Schul- und Arbeitswoche seit den Osterferien, insofern, als sie keine Feier- und Brückentage enthält. Und für den kommenden Samstag haben wir eine Kinderparty bei uns zu Hause geplant. Einfach so, zur Feier der Tatsache, dass wir so schön aufgeräumt und entrümpelt haben, dass man sowas in unserer Wohnung machen kann


Montag, 5. Mai 2025

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 20

Nachdem ich mir bei der soundsovielten Wiederaufnahme dieser lange liegengebliebenen Artikelserie erst mal einen doppelten Exkurs – zum einen über Sir John Retcliffes Romanzyklus "Biarritz" und zum anderen über "Paddington in Peru" – genehmigt habe, wird es nun wohl Zeit, dass ich mich wieder dem eigentlichen Hauptthema dieser Reihe zuwende, nämlich der Besprechung des abstrus-ausufernden Kolportageromans "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau" von Dr. A. Rode, mit der wir zuletzt bis zum LXII. Kapitel (von insgesamt LXXVI) gelangt waren. Die Protagonistin "Jovita von den Engeln", von der der Verfasser dem Leser weismachen will, sie sei identisch mit der realen Person Barbara Ubryk, war nach der Einnahme eines sogenannten "Prokrustespulvers" in geistige Verwirrung verfallen, woraufhin ihr schurkischer Beichtvater Pater Gratian die Behauptung aufgestellt hatte, sie sei nicht etwa wahnsinnig, sondern besessen; ein versuchter Exorzismus hatte damit geendet, dass Jovita von ihrer Krankenpflegerin Schwester Kordula blutig geprügelt wurde. – Bei alledem fällt es auf, dass die Handlung sich trotz des Romantitels und trotz der Tatsache, dass die echte Barbara Ubryk in einem Kloster in Krakau eingesperrt war, bis zu diesem Zeitpunkt immer noch im Karmeliterinnenkloster in Warschau abspielt. 

Unter diesem Aspekt lässt es für den Handlungsfortschritt hoffen, dass das LXIII. Kapitel, "Die Nacht auf dem Samborgehöfte", den Leser zunächst auf die "Heerstraße von Warschau nach Krakau" führt (S. 976). In einer Kutsche, die auf dieser Straße unterwegs ist, sitzen drei Personen, über deren Identität der Leser erst über 20 Seiten später aufgeklärt wird: Vorerst erfährt man nur, dass es sich um einen Herrn und zwei Damen in bürgerlicher Kleidung handelt – und dass eine der Damen einen "dichte[n] Schleier" trägt und an der "lebhaften Conversation der beiden Mitreisenden keinen Theil" nimmt (ebd.). Sodann wird die Bemerkung, man werde "morgen schon auf österreichischem Gebiete" sein (S. 978), zum Anlass für einen Exkurs über die jüngere Geschichte der "nicht unter Rußlands Scepter befindlichen" polnischen Gebiete genommen (ebd.); dieser Exkurs erstreckt sich fast über die Hälfte des Kapitels, und wir können es uns hier wohl sparen, ausführlich auf seinen Inhalt einzugehen. Immerhin ist der Hinweis, die Aufhebung des Freistaats Krakau bzw. seine Annexion durch Österreich sei vor "einem Jahre" erfolgt (ebd.), relevant für die Chronologie der Romanhandlung: Wir schreiben demnach inzwischen das Jahr 1847, was insofern von Belang ist, als die reale Barbara Ubryk, zeitgenössischen Berichten zufolge, 1848 in eine Einzelzelle im Krakauer Karmel eingesperrt wurde. Dass der Verfasser seinen Exkurs über die Geschichte des preußischen Großherzogtums Posen, des österreichischen Galizien und des Freistaats Krakau bis 1846 in Form eines Gesprächs unter den Reisenden präsentiert, hat indes recht problematische Auswirkungen – insofern, als er dabei Einschätzungen und Anschauungen, die offenbar seine eigenen sind (so etwa, dass es dem polnischen Bürger- und Bauernstand im Großherzogtum Posen besser ergangen sei als zur Zeit der polnischen Eigenstaatlichkeit, und nicht zuletzt die Aussage "Preußen allein vermag es, das Deutschthum durch die Macht der Civilisation zu verbreiten, weil es an der Spize der Civilisation marschirt", S. 979), dem Herrn in der Kutsche in den Mund legt, ohne zu beachten, dass solche Ansichten schwerlich zu dessen Charakter passen. (Dass der Leser zu diesem Zeitpunkt noch nicht explizit darüber aufgeklärt worden ist, wer dieser Herr ist, macht die Sache nicht besser.) 

An einer Stelle der Erzählung über den Krakauer Aufstand vom Februar 1846 "zuckte die verschleierte Dame in der Wagenecke zusammen" (S. 984); hier deutet sich also ein konkreter Zusammenhang zwischen dem zeitgeschichtlichen Exkurs und der fiktionalen Romanhandlung an: Veranlasst wird diese Reaktion der bisher so teilnahmslosen Mitreisenden durch die Erwähnung des Namens Ludwig Gorszkowski – "ein sehr geschätzter Philolog und vormals Professor an der Universität Krakau" (ebd.) – unter den Anführern des Aufstandes. Dieser Name war im Roman schon einmal – auf S. 698, dort allerdings Gorzkowski geschrieben – erwähnt worden, nämlich als Ehemann von Barbara Ubryks jüngster Schwester Anna. Ein Ludwik Gorzkowski (1811-1857) gehörte tatsächlich zu den führenden Köpfen des Krakauer Aufstandes, war allerdings kein Philologe, sondern Physiker; gleichwohl steht zu vermuten, dass der Autor schon bei der ersten Erwähnung von Gorzkowskis Namen die Absicht hatte, eine Verbindung der Romanhandlung zum Krakauer Aufstand vorzubereiten. Dass die verschleierte Dame in der Kutsche bei der Nennung von Gorzkowskis Namen offenbar erschrickt, sich aber wieder beruhigt, als ihr Reisebegleiter wenig später erwähnt, nach der Niederschlagung des Aufstandes habe Gorzkowski "in Brüssel mit Frau und Kindern Aufnahme" gefunden (S. 985), lässt beim aufmerksamen Leser den Verdacht aufkommen, die geheimnisvolle Reisende sei niemand anders als Barbara Ubryk (alias "Jovita von den Engeln"); gleichzeitig erscheint es angesichts dieser Flucht nach Brüssel fraglich, ob der Autor aus der Idee, einen der Anführer des Krakauer Aufstandes zum Schwager seiner Protagonistin zu machen, noch mehr erzählerisches Kapital wird schlagen können. 

Es folgen noch einige Informationen über die Stadt Krakau, dann kommt die Kutsche an einem Gehöft an, und da es bereits Abend wird, beschließen die Reisenden, auf diesem Hof die Nacht zu verbringen. Der Schilderung der Ärmlichkeit und Unsauberkeit des Hofes wie auch der Einfältigkeit der Bauernfamilie wird breiter Raum gegeben; wer die Übernachtungsgäste sind, wird immer noch nicht explizit verraten: Die "unverschleierte Dame" spricht ihren Begleiter zunächst, auch wenn sie unter sich sind, durchweg mit Karol an; als die "verschleierte Dame" ihn einmal Hochwürden nennt, wird sie von ihm scharf zurechtgewiesen: "Wurde es Ihnen nicht ausdrücklich verboten, uns bei Namen und Stand zu nennen? Wann wollen Sie einmal gehorchen?" (S. 994). Gleichwohl spricht am nächsten Morgen auch die Bauersfrau ihren Gast mit "Hochwürden" an (S. 999). Für wahrscheinlicher, als dass sie sein Inkognito durchschaut hat, halte ich es indes, dass der Autor hier nicht aufgepasst hat – das wäre ja nicht gerade ein Einzelfall. 

Adriaen van Ostade, Bauernfamilie in der Stube, 1647 (gemeinfrei)

Eine nähere Betrachtung verdient derweil das Abendessen der drei Reisenden. Das Angebot des Bauern, er "könne auch mit gutem Schnaps und frischem Fleische aufwarten" (S. 990), lehnt der Herr mit dem Hinweis ab "Speise und Trank führen wir selbst auf der Reise"; lediglich für "die schwarzverschleierte" bestellt er "warme Milch und Brod zum Abendessen" (ebd.). Während sich also die verschleierte Dame – von der man wie gesagt bereits ahnen kann, dass es die Titelheldin des Romans ist – mit in geronnene warme Milch gebrockten Brotstückchen begnügen muss (wobei sie "den Schleier zurückschlug und ihr blasses eingefallenes Gesicht enthüllte", S. 993), holt der Herr für sich selbst und die andere Dame "gesalzenen Schinken und kalten Braten" aus dem Reisegepäck hervor (S. 994). Dazu merkt er an: "Es ist zwar heute Freitag und die Fleischspeise verboten; um so besser soll mir der Schinken munden" (ebd.). Seine Begleiterin reagiert darauf mit dem Einwurf: "Wozu ist überhaupt die Enthaltung von Fleischspeisen an Freitagen geboten, Karol? Ich konnte nie einen vernünftigen Grund für dieses Gebot der Kirche finden" (ebd.). Wie man sich unschwer denken kann, nutzt der Autor dies für einen seiner zahlreichen Exkurse zur Lächerlich- und Verächtlichmachung kirchlicher Lehren: 

"Es gibt ja viele kirchliche Gebote, die nur aufgestellt sind, damit sie übertreten werden. Einem Papste fiel es ein, die Fleischspeisen an Freitagen zu verbieten. Er wußte recht wohl, daß die Leute gerade des Verbotes halber an diesem Tage das Fleisch lieber genießen und erlaubte für Entrichtung einiger Gulden die Dispensation auf ein Jahr. Die Reichen kauften sich nun jedes Jahr von der Verpflichtung, das Gebot zu beachten, mit klingender Münze los, und dieses Geld fällt in den römischen Säckel als eine Art Fleischsteuer. Die Armen begnügen sich aber mit Fischen, deren zartes Fleisch im Grunde nicht schlechter ist , als das des Kalbes. Dadurch fanden früher die zahllosen Klöster, welche großartige Fischteiche hielten, enormen Absatz ihrer kaltblütigen Waare, und wurden so durch jenes Gebot zwei Fliegen mit einem Schlage geklappt" (ebd.). 

Bald darauf geht man zu Bett, wobei die beiden Damen sich ein Bett teilen müssen; trotz des Zuredens ihrer Begleiterin weigert sich die blasse, stille Dame, sich ganz zu entkleiden, und behält ihr Unterkleid an. Um Mitternacht, als ihre beiden Mitreisenden fest schlafen, steht sie auf, kleidet sich an und stiehlt sich davon, nicht ohne die Kleider der beiden anderen an sich zu nehmen und sie – in der offenbaren Absicht, eine rasche Verfolgung zu verhindern – in eine Jauchegrube zu werfen. Erst als am nächsten Morgen ihre Flucht entdeckt wird, wird der Leser explizit über die Identität der drei Reisenden aufgeklärt: Die Entflohene war tatsächlich Jovita, die beiden anderen der schurkische Pater Gratian und ihre brutale Krankenpflegerin Schwester Cordula (die Schreibweise des Namens variiert), die offenbar die Absicht hatten, die geistesgestörte, angeblich besessene Jovita heimlich nach Krakau zu schaffen – warum bzw. wozu, erfährt der Leser erst im folgenden Kapitel, "Das Gespenst in der Kutte", in Form eines Briefes, den die Priorin des Krakauer Karmels im Beisein ihres Beichtvaters liest. Darin kündigt die Priorin des Warschauer Karmels, Zitta, ihrer Kollegin in Krakau die "Transferirung einer Nonne" (S. 1009) an: 

"Die genannte Schwester wurde vor einiger Zeit von einem Zustande befallen, der sich nach längerer Beobachtung als dämonische Besessenheit bewies. Der böse Geist, der von der Unglücklichen Besiz genommen hat, zeigte sich als ein Geist der Unreinigkeit. Durch die Kraft der Kirche beschworen, rächte er sich dadurch, daß er andere Schwestern mit seinen unreinen Gedanken anfiel und in das Kloster Verwirrung und Trübsal brachte. 

Zur Vermeidung ungeeigneter Auftritte einerseits, andererseits aber zum heilsamen Wohle der solchergestalt heimgesuchten Schwester wurde die Versezung derselben in ein anderes Kloster beantragt und die Ueberbringung in Ihr wohllöbl. Kloster anbefohlen. Der böse Geist ist von der Schwester noch nicht gewichen und macht sich nach Außen durch Raserei bemerkbar. 

In Ausführung des ergangenen Befehles werde ich die Schwester Jovita morgen durch einen Pater und die Schwester Krankenwärterin zu Wagen nach Ihrem wohlöbl. Kloster überbringen lassen und unterstelle dieselbe Ihrer Jurisdiktion. Die Verfolgung katholischer Geistlichen von Seite der russischen Poppen [sic!] macht es nothwendig, daß die drei Personen in weltlichen Kleidern reisen" (S. 1010). 

Angehängt an dieses Schreiben ist ein Dekret des Ordensprovinzials, in dem im Wesentlichen noch einmal dasselbe steht. – Was übrigens Jovitas Geisteskrankheit angeht, scheint diese sich seit dem vorigen Kapitel bedeutend gebessert zu haben; so ist es nicht verwunderlich, dass Schwester Cordula argwöhnt: "Ich wette darauf, daß der Teufel die Besessene entführt habe [...]. Ihrem zerrütteten Gehirne könnte unmöglich ein so teuflischer Gedanke entsprungen sein" (S. 1002). – Jedenfalls befinden sich Pater Gratian und Schwester Cordula durch Jovitas Flucht in einer misslichen Lage, umso mehr, als sie auf dem Samborgehöft bleiben müssen, bis ihre Kleidung gewaschen und getrocknet ist, was mehrere Tage dauert, sodass der Versuch einer Verfolgung von vornherein aussichtslos erscheint. Um in Krakau nicht zugeben zu müssen, dass Jovita ihnen "entwischt" ist (S. 1003), einigen sich Gratian und Cordula darauf, zu behaupten, "der böse Geist habe sie mitten in der Nacht, während wir schliefen, aus dem Bette geholt und durch die Lüfte entführt" (S. 1004). Da die Priorin des Krakauer Karmels – deren Beichtvater, der junge Pater Hyginus, ihr zuvor auseinandergesetzt hat, der Glaube an dämonische Besessenheit sei wissenschaftlich überholt – diese Geschichte nicht recht zu glauben scheint und grundsätzliche Zweifel daran äußert, dass Jovita besessen und nicht bloß "wahnsinnig und tobsüchtig" ist ("muß denn der Teufel überall im Spiele sein?", S. 1029), schildert Gratian ihr eindrücklich, wie der Dämon, von dem Jovita angeblich besessen ist, begonnen habe, "das ganze Kloster zu verderben" (S. 1028): 

"Er zerbrach die Fenster, stürzte das Geräthe um, schnitt die Glockenseile ab und trug sie davon; er schlug das Cymbalum [...] zur Nachtzeit und beunruhigte in solcher Weise die Schwestern, daß manche von ihnen beinahe wahnwitzig wurden. Bei Nacht trieb er sich im Dormitorium mit solcher Bosheit umher, daß keine der Schwestern wagte , allein durch den Schlafsaal zu gehen und viele sich so im Bette verkrochen, daß sie den Nachtchor versäumten. In einer Nacht griff er die Schwester Euphrasia und zerriß ihre Kleider an zwölf Orten, indem er Spuren von Krallen zurückließ, wie ein wildes Thier des Waldes" (ebd.). 

In dieser Manier geht es noch rund eine Seite weiter; die Priorin bleibt jedoch skeptisch. Als Gratian daraufhin anmerkt "Wenn aber diese Schwester zurückkehrt, werden Sie selbst Ihre Beobachtungen anstellen können" (S. 1029), erwidert sie zu Recht: "Wenn, ja! Wer kann es wissen, ob sie gleich dem Kloster zuläuft? Die Gelegenheit ist zu günstig, sie trägt jedenfalls weltliche Kleider [...] und wird nicht die geringste Lust verspüren, sich in die für ihren Zustand doppelt schwere Abhängigkeit des klösterlichen Lebens zu begeben" (S. 1029f.). – "Freiwillig wird sie schwerlich zurückkehren", räumt Gratian ein; "man wird sie aber durch die Hilfe der Gerichte einfangen lassen müssen"; dazu zeigt die Priorin indes wenig Neigung und weist darauf hin, dass sie "[d]ie weltliche Gewalt [...] erst anrufen" dürfe, "wenn der hochwürdige Provinzial es ausdrücklich erlaubt hat" (S. 1030). 

– Auf der Rückreise nach Warschau gesteht Gratian seiner Begleiterin Cordula, dass er selbst nicht an Besessenheit glaubt: 

"Was damals Pater Alfons im Refektorium mir entgegenhielt, war durchaus wahr. Besessene gibt es nicht mehr seit die Menschen durch die Wissenschaften civilisirter und die Bildung des Verstandes ein gemeinsames Gut Aller geworden sind. Krankheiten des Geistes und des Körpers, die man sich früher nicht deuten konnte, betrachtete man als Ausfluß böser Mächte, als Besessenheit. In Süditalien gibt es heute noch Besessene, – weil dort die Menschen in Allem noch um Jahrhunderte zurück sind" (S. 1032). 

Damit nicht genug, enthüllt er der Schwester auch noch, dass er den Spuk im Kloster, von dem er der Krakauer Priorin berichtet hat, selbst inszeniert hat

"Ich war es, der die Fenster zertrümmerte, das Geräthe umstürzte, die Glockenseile abschnitt und das Cymbalum schlug. Ich brachte die Nächte im Kloster zu, miaute, bellte, pfiff, heulte und kratzte im Schlafsaale, daß den Schwestern angst und bange wurde" (S. 1033). 

Kaum sind Gratian und Kordula nach Warschau zurückgekehrt, dringt russisches Militär in das dortige Kloster ein, um einen Befehl des "Generalgouverneur[s] der Provinz Polen, Fürsten Murawief, und Generaladjutant Sr. kaiserlichen Majestät" (S. 1036) zu vollstrecken, demzufolge "[a]lle Manns- und Frauenklöster der römischen Kirche" in Russisch-Polen "aufzuheben" seien (S. 1037). Dieser Befehl ist auf den 29. April 1847 datiert – und man muss sich einmal mehr wundern, wie unbekümmert der Verfasser mit den historischen Fakten umspringt, denn an dieser Geschichte stimmt nun wirklich gar nichts. Das fängt damit an, dass der russisch beherrschte Teil Polens bis 1867 offiziell nicht Provinz, sondern Königreich Polen hieß und nicht von einem Generalgouverneur, sondern von einem Vizekönig regiert wurde; und dieser war anno 1847 nicht Fürst Murawjow, sondern Fürst Paskjewitsch; und überhaupt habe ich keinerlei Belege dafür gefunden, dass 1847 in Russisch-Polen die katholischen Klöster aufgehoben wurden. Man mag geteilter Meinung darüber sein, was daran erstaunlicher ist: dass der Autor ein solches Ereignis, das, wenn es denn stattgefunden hätte, zum Zeitpunkt des Erscheinens des Romans noch nicht viel mehr als 20 Jahre her gewesen wäre, einfach erfindet; oder dass ich mich nach allem, was der Autor sich in dieser Hinsicht schon geleistet hat, immer noch darüber wundere

Den größten Teil des LXIV. Kapitels macht allerdings nicht die bis hierher skizzierte Handlung aus, sondern – wieder einmal – eine Reihe von Exkursen: Pater Gratian, der verrät, er sei in Krakau "geboren und erzogen" worden (S. 1005), schildert auf knapp drei Seiten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, insbesondere die Kirchen, und Denkwürdigkeiten aus der Lokalgeschichte; dem Pater Hyginus legt der Autor nicht nur einige Ausführungen zum Krankheitsbild der Hysterie ("Sie ist eine Krankheit des weiblichen Geschlechtes, die vorzüglich in den Klöstern zu sinden ist. Sie entsteht aus der Nichtbefriedigung natürlicher Triebe und wird zur Hysteromanie oder Manneswuth, wenn kein Mittel dagegen angewendet wird", S. 1012) in den Mund, sondern auch einen über elf Seiten langen Exkurs über die schädlichen Folgen des Zölibats und über sexuelle Ausschweifungen, der – wie auch schon frühere Passagen ähnlichen Inhalts – teilweise wörtlich, teilweise mit geringfügigen Änderungen aus dem "Pfaffenspiegel" des Otto von Corvin abgeschrieben ist. – Damit geben die Kapitel LXIII und LXIV ein recht zwiespältiges, um nicht zu sagen widersprüchliches Gesamtbild ab: Auf der einen Seite kann man in der versuchten "Transferirung" Jovitas von Warschau nach Krakau das Bemühen erkennen, die Handlung voranzubringen – und dazu hatte der Autor, wenn man die Geschäftspraktiken des Kolportagebuchhandels bedenkt, auch allen Grund: Üblicherweise verpflichteten sich die Leser nach Ansicht einiger Probenummern vertraglich zur Abnahme eines vollständigen Romans, und damit hatten sie im Prinzip ein Recht darauf, dass der betreffende Roman innerhalb der angekündigten Anzahl von Lieferungen abgeschlossen wurde. (Es sei indes nicht verschwiegen, dass es keine Seltenheit war, dass Kolportageromane "Überlänge" bekamen, weil die Autoren es nicht schafften, rechtzeitig zum Schluss zu kommen.) Durch die umfangreichen Exkurse werden diese Bemühungen um Handlungsfortschritt jedoch wieder konterkariert. Daraus kann man einerseits schließen, dass der Verfasser unter erheblichem Zeitdruck arbeitete und froh war, das Schreibpensum, das ihm wöchentlich oder alle 14 Tage abgefordert wurde, durch hemmungsloses Exzerpieren von Sekundärquellen zu erfüllen; andererseits aber auch, dass ihm antikatholische bzw. antiklerikale Propaganda sowie nicht zuletzt die Befriedigendung pornographischer Gelüste wichtiger war, als eine schlüssige, überzeugend konstruierte Handlung vorzulegen. Wer zu Beginn des Romans glaubte, viel tiefer könne das erzählerische Niveau nicht mehr sinken, sieht sich wieder und wieder getäuscht. 

– Wird der Autor auf den letzten gut 200 Seiten noch einmal die Kurve kriegen? Und vor allem: Wo steckt jetzt eigentlich Jovita, und wie wird sie wieder eingefangen (denn dass sie wieder eingefangen werden muss, ist ja vom Ausgang der Geschichte her zwingend vorgegeben)? Das werden wir uns in der nächsten Folge ansehen... 


Samstag, 3. Mai 2025

Die 3 K der Woche (23): Kinder, Kirche, Kardinäle

Willkommen im Wonne- und Marienmonat Mai, Leser; und willkommen zum zweiten Wochenbriefing in der Sedisvakanz, das, so Gott will, vielleicht auch schon das letzte Wochenbriefing vor dem Amtsantritt eines neuen Papstes sein wird. Es liegt wohl auf der Hand, dass dieser Blogartikel sehr stark von diesem Thema geprägt sein wird; das heißt aber nicht, dass es überhaupt keine anderen Themen gäbe. Seht selbst! 

Aus meinem Symbolbilder-Archiv. Weiß gar nicht mehr, wo ich das aufgenommen habe. 


Beobachtungen aus der Sedisvakanz 

Wie im vorigen Wochenbriefing schon angedeutet, verbrachte ich am vergangenen Samstag einen recht großen Teil des Vormittags damit, im Livestream von EWTN die Begräbnisfeierlichkeiten für Papst Franziskus anzuschauen; dies unterbrach ich allerdings, um die Straße runter zur Herz-Jesu-Kirche zu gehen und dort an der Rosenkranzandacht der Legio Mariae teilzunehmen. Das erwies sich auch insofern als eine gute Idee, als die Damen von der Legio ein bisschen Verstärkung gut gebrauchen konnten: Ohne mich wären sie diesmal nur zu zweit gewesen, die von den Philippinen stammende Leiterin der Gruppe (die mir nach der Andacht erzählte, einige Mitglieder seien mit dem Pfarrer auf einer Wallfahrt nach Neuzelle und die anderen säßen vermutlich vor dem Fernseher und schauten das Papst-Requiem) und eine junge Frau aus Madagaskar. Ich durfte daher zwei Gesätze des Rosenkranzes, das zweite und das fünfte, vorbeten; und natürlich wurde in dieser Andacht auch für den verstorbenen Papst gebetet. 

Tags darauf war Weißer Sonntag bzw. Barmherzigkeitssonntag, und wir erlebten unsere erste Sonntagsmesse seit Beginn der Sedisvakanz; in St. Joseph Siemensstadt war der oder das Ambo mit einem Porträtfoto von Papst Franziskus mit Trauerflor geschmückt. 

In der Predigt nahm der Pfarrvikar den Umstand, dass es der Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit war, zum Anlass zu der Anmerkung, gerade Papst Franziskus habe den Gedanken an "die Wirklichkeit der Barmherzigkeit Gottes in der Kirche wieder tief eingepflanzt": 

"Vielleicht gerade weil wir in einer Gesellschaft leben, die sehr technisiert ist: Man träumt davon, auf den Mars zu fliegen, und tut alles dafür; wir machen Künstliche Intelligenz; aber das Herz des Menschen braucht ein bisschen mehr: Es braucht, geliebt zu werden, und die Fähigkeit zu lieben, und das geschieht gerade über die Barmherzigkeit." 

Den vom Lektor vorgetragenen Fürbitten fügte der Pfarrvikar eine frei formulierte hinzu: 

"Beten wir auch für den verstorbenen Papst Franziskus, dass ihm Gott all das Gute vergelte, was er für die Kirche getan hat, und den Samen des Evangeliums neu belebe." 

Erwähnt sei übrigens auch noch, dass es im Zeitraum von Dienstag bis Freitag in jeder Kirche der Spandauer Pfarrei mit Ausnahme von St. Marien am Behnitz ein Requiem für Papst Franziskus gab: 

Praktisch bedeutete das, dass an jedem dieser Kirchenstandorte eine reguläre Werktagsmesse als Requiem für den verstorbenen Papst gefeiert wurde; aber immerhin. Andere Pfarreien hätten das ja theoretisch auch so machen können, aber z.B. in der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd war das offenkundig nicht der Fall. Als ich am Mittwoch mit meinem Jüngsten auf dem Weg nach St. Marien Maternitas in Heiligensee war, sagte ich zu ihm: "Mal sehen, was der Priester heute für ein Gewand anhat – ein weißes, weil Osterzeit ist, oder ein lilanes, weil der Papst gestorben ist." Der Knabe dachte sehr ernsthaft darüber nach und sagte dann: "Ich glaube, lila." War dann aber doch weiß – und nicht nur das: In der gesamten Messe wurde des verstorbenen Papstes mit keinem Wort gedacht, nicht in der kurzen Predigt, nicht in den Fürbitten. Dass Sedisvakanz war, merkte man lediglich daran, dass in den Interzessionen des Hochgebets kein Papst genannt wurde. Als wir am Nachmittag zum "Beten mit Musik" die Kirche St. Joseph Tegel aufsuchen, stand da immerhin ein Franziskus-Porträtfoto mit Trauerflor vor dem Altar. 

Bei der Festmesse zum Patronatsfest am Donnerstag am selben Ort war dieses Bild ein bisschen zur Seite gerückt, aber immerhin wurde der verstorbene Papst in dieser Messe sowohl in der Predigt als auch in den Fürbitten erwähnt. Alles in allem ergibt sich jedoch der Eindruck, dass in der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland, deren geistliches Personal nach konventionellem Lagerdenken als "eher konservativ" einzuordnen wäre, Papst Franziskus ein ehrenderes Andenken zuteil wird als in der "liberalen" Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd; daran ließen sich so manche Anmerkungen knüpfen, aber dazu vielleicht ein andermal. 


Solo im Baumhaus 

Wie angekündigt, war am vergangenen Samstagabend Community Networking Night im Baumhaus, und eigentlich wäre ich da gern mal wieder mit der ganzen Familie hingegangen; aber nachdem meine Liebste den ganzen Tag mit den Kindern im Tierpark gewesen war, schickte sie mir, als sie auf dem Rückweg war, eine Nachricht des Inhalts, der Jüngste habe Bauchweh und das Tochterkind habe nicht so richtig Lust aufs Baumhaus. Allerdings meinte sie, wenn ich allein hinginge, wäre das immer noch besser als gar nicht, und das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Diese Entscheidung hatte ich auch durchaus nicht zu bereuen, und zwar nicht nur wegen des wieder einmal sehr leckeren Essens: 

Es war diesmal eine relativ kleine Runde, die sich zur Community Networking Night einfand – ich glaube 16 oder 18 Personen gezählt zu haben, einschließlich der Gastgeber und meiner selbst –, aber darunter waren relativ viele, die zum ersten Mal dabei waren, darunter zwei Frauen, die zufällig vorbeigekommen waren und spontan beschlossen hatten, mal reinzugucken. Während des Essens erzählte Baumhaus-Mitbegründer Scott Bolden den "Neuen" allerlei über das Konzept des Hauses und der Veranstaltung sowie über seine persönliche Philosophie, und dabei kam er erneut auf die Idee der "Inner Commons" zu sprechen, über die ich im Sommer 2021 mal einen Vortrag von ihm gehört habe – woraufhin ich einwarf, ich wartete immer noch darauf, dass er ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht, weil ich dann eine Rezension darüber schreiben möchte. Scott erklärte, das Buch sei in Arbeit, und stellte in Aussicht, er werde die ersten zwei Kapitel auf dem "Emergent Berlin Festival" (vom 13.-15. Juni) vorstellen. Ich würde sagen, da gehe ich hin... 

Erwähnen möchte ich auch noch, dass Scott erzählte, seine Verwandtschaft bestehe zu ziemlich genau gleichen Teilen aus Schwarzen, Weißen und Native Americans, und das habe ihn sehr geprägt – insofern, als er dadurch von Kindheit an innerhalb seines eigenen familiären Umfelds gewissermaßen mehrere verschiedene Welten kennengelernt habe. 

Auch die "News You Can Use"-Runde nach dem Essen war im Verhältnis zur überschaubaren Teilnehmerzahl bemerkenswert ergiebig; es wurden Dienste von Schauspielunterricht bis Katzensitting angeboten, ich stellte unser "Pfarrhausfamilien"-Projekt vor und wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass wir Unterstützung bzw. Beratung in Sachen Fundraising/Crowdfunding gebrauchen könnten. Einige Tipps dazu erhielt ich gleich an Ort und Stelle von Scott, und insgesamt fand ich es sehr erfreulich und motivierend, auf wie viel wohlwollendes Interesse unser Vorhaben in dieser Runde stieß. Ich sag's ja immer wieder: Das Baumhaus tut einfach gut! 


Neues aus Synodalien: Kaum haben wir mal eine Woche lang keinen Papst... 

Siehe da: Anders als vorige Woche erwogen, hat der Rubrikentitel "Neues aus Synodalien" doch noch nicht ausgedient – jedenfalls nicht, soweit es, wie im Folgenden, tatsächlich um konkrete Nachwirkungen des Synodalen Weges geht. Der andere Teil der Überschrift ist durch eine Erinnerung an die Sedisvakanz nach dem Tod des Hl. Johannes Paul II. vor 20 Jahren veranlasst, die mir kürzlich spontan in den Sinn kam: Damals wurde in der Sendung "TV Total" ein Ausschnitt aus dem "Hochzeitsfest der Volksmusik" gezeigt, nämlich eine "Hundehochzeit" mit zwei Bulldoggen, die als Braut und Bräutigam kostümiert waren und von Moderator Florian Silbereisen "getraut" wurden. "TV Total"-Moderator Stefan Raab kommentierte diesen Ausschnitt mit den Worten: "Kaum haben wir mal eine Woche lang keinen Papst, und schon schändet die ARD das heilige Sakrament der Ehe." Daran, dass mir das in der aktuellen Sedisvakanz wieder eingefallen ist, ist indes nicht die ARD schuld, sondern die Gemeinsame Konferenz von DBK und "ZdK". (Wer wissen möchte, wer da konkret drin sitzt, wird auf der Website des "ZdK" fündig: Zehn Bischöfe – darunter leider auch "mein" Erzbischof Koch – sowie der Leiter des Kommissariat der Deutschen Bischöfe, Prälat Karl Jüsten, stehen oder sitzen da einer Mehrheit von zwölf Laienfunktionären gegenüber, zu denen u.a. Maria Flachsbarth, Andreas Lob-Hüdepohl, Claudia Lücking-Michel, Claudia Nothelle, Gregor Podschun und Dorothea Sattler gehören.

Nun, jedenfalls hat dieses Gremium bereits am 4. April eine "Handreichung für Seelsorger*innen" zum Thema "Segnungen für Paare, die sich lieben" beschlossen, diese allerdings erst am 23. April, zwei Tage nach dem Tod des Papstes, veröffentlicht; ein Dokument, das sich einerseits auf die Erklärung Fiducia supplicans des Dikasteriums für die Glaubenslehre beruft (mit der Einschätzung, darin werde "Abstand genommen vom bisherigen kategorischen Nein zu Segnungen von Paaren, für die eine kirchlich-sakramentale Ehe nicht möglich ist"), andererseits aber etwas propagiert, was in diesem Schreiben des Vatikans explizit abgelehnt wird, nämlich die Einführung besonderer Riten für die Segnung irregulärer Paarbeziehungen. Die Initiative Neuer Anfang veröffentlichte prompt eine Protestnote, in der die Handreichung als "unanständig" und als "Dokument des Ungehorsams" gegeißelt wird: 

"[D]as vorliegende Dokument [...] entstellt, was die Kirche in Wahrheit lehrt. Es gibt sich menschenfreundlich, kleidet sich in 'Gewänder des Heils', redet in scheinorthodoxen Sophismen und vereinnahmt den verstorbenen Papst für das Gegenteil seiner erklärten Absichten. Es nötigt auf subtile Weise." 

Kritisiert wurde dieses Papier aber auch aus der entgegengesetzten Richtung, nämlich von der Initiative "Out in Church": Ein "Segen zweiter Klasse" sei das, was DBK und "ZdK" anbieten, ja, ein "pinkgewaschener pastoraler Scheinheiligenschein", mit dem "queere Menschen, die um den Segen Gottes für ihre Beziehung bitten, weiterhin diskriminiert werden". Eine Kirche, "die sich auf Jesus und seine Botschaft beruft", müsse "jeder Form von Diskriminierung entschieden entgegentreten und eine Kultur der Diversität fördern", heißt es in der Pressemitteilung dieser Gruppe weiter. Nun, ich sag mal so: Wenn die Leute von "Out in Church" meinen, Diskriminierungsfreiheit sei in der katholischen Kirche erst dann erreicht, wenn gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen oder eventuell auch polyamore Liebescluster als gleichwertig mit der Ehe zwischen Mann und Frau anerkannt werden, können sie warten, bis sie schwarz werden. Fast hätte ich geschrieben, "...sollten sie sich vielleicht lieber nach einer anderen Religionsgemeinschaft umsehen", aber das will ich ihnen im Ernst doch nicht raten. So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich will nicht den Tod des Sünders, ich will dass er umkehrt und lebt (Ezechiel 33,11)

Derweil hat die "ZdK"-Vorsitzende Irme Stetter-Karp verlauten lassen, "96 Prozent der Katholikinnen und Katholiken" erwarteten "von ihrer Kirche dringend Reformen". Konkret nannte sie z.B. die Forderung, "dass Frauen gleichberechtigt in der Kirche mitarbeiten können sollten, etwa als Priesterinnen"; weiterhin betonte sie: 

"Beim Thema Vielfalt spielt auch der Umgang mit Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften eine Rolle. Der Zölibat steht ebenso infrage. Strukturell geht es vielen Laien um die Überwindung des Klerikalismus. Sie fordern Teilhabe an der Macht in der Kirche sowie Rechenschaftspflicht und Transparenz der Führung." 

Und weiter: "Wir wollen, dass die katholische Kirche in der Lehre ihre Vorstellungen von Sexualmoral grundlegend bearbeitet." – Erwähnenswert finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass ich bei statista.de über Ergebnisse einer Umfrage zum Thema "Erwartungen an den künftigen Papst" gestolpert bin: Auf die Frage "Was sollte der künftige Papst tun?" antworteten 95% der Befragten "Verhütungsmittel zulassen", 88% "Ehescheidungen zulassen", je 82% "Den Zölibat abschaffen" und "Frauen zum Priesteramt zulassen", 76% "Das Abtreibungsrecht anerkennen" [sic!], 60% "Die Homo-Ehe anerkennen" und 52% "Stärker auf Muslime zugehen". Der Witz an der Sache ist: Die Umfrage ist von 2013, sie bezog sich auf Erwartungen an den Nachfolger des zurückgetretenen Benedikt XVI. Und was ist draus geworden? "Stärker auf Muslime zugehen" ist ja, anders als die anderen Forderungen, ein bisschen schwammig formuliert, und man kann durchaus der Meinung sein, mit der Abu-Dhabi-Erklärung von 2019 habe Papst Franziskus da ein Häkchen dran gemacht. Die übrigen Erwartungen hingegen hat er jedenfalls, trotz seines progressiven Images, durchweg nicht erfüllt, und man darf wohl beruhigt davon ausgehen, dass auch der nächste Papst das nicht tun wird; und zwar unabhängig davon, wer das sein wird


Wer als Papst ins Konklave hineingeht... 

...kommt als Kardinal wieder heraus, lautet ein vielzitiertes Sprichwort; aber dass in der Zeit der Sedisvakanz Spekulationen darüber angestellt werden, wer wohl der nächste Papst wird, dürfte sich dennoch von selbst verstehen, und ich will auch gar nicht erst so tun, als beschäftigte diese Frage nicht auch mich zur Zeit ziemlich stark. Ich habe mir daher mal angesehen, wer in den Medien so alles als "papabile" gehandelt wird, und versucht, meine Schlüsse daraus zu ziehen. Genauer gesagt habe ich die Papabili-Liste der englischsprachigen Wikipedia-Version (die seitdem allerdings schon wieder verändert wurde) mit denjenigen aus dem Focus, dem Independent sowie von France24, CNN und Reuters abgeglichen. Insgesamt kommen da 34 Namen von Kardinälen zusammen, denen Chancen auf das Petrusamt zugetraut werden; fast die Hälfte davon, nämlich 16, werden allerdings nur in jeweils einer der sechs Listen genannt. Dagegen tauchen nur vier Namen in allen Listen auf und dürfen daher wohl als die "Topfavoriten" bezeichnet werden; dies sind, in alphabetischer Reihenfolge der Nachnamen: Peter Erdő, 72, Erzbischof von Esztergom-Budapest; Pietro Parolin, 70, bis zum Eintreten der Sedisvakanz Kardinalstaatssektetär des Vatikanstaats; Luis Antonio Tagle, 67, Propräfekt des Dikasteriums für die Evangelisierung; und Matteo Zuppi, 69, Erzbischof von Bologna und Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz. Was an diesem Favoritenfeld auffällt, ist, dass drei dieser vier Kardinäle als vergleichsweise progressiv gelten – was die Frage aufwirft, ob sie ihre Favoritenrolle nicht teilweise einem gewissen Wunschdenken der Medienvertreter verdanken, oder auch die, ob man daraus schließen sollte, dass der Vierte im Bunde, nämlich Erdő, die besten Chancen hat. Jedenfalls dann, wenn die Einschätzung, die Kardinäle würden diesmal mit hoher Wahrscheinlichkeit jemanden wählen, der tendenziell konservativer ist als Franziskus, nicht ebenfalls ein Quantum Wunschdenken enthält. 

Andererseits ist es aber ja – was sich schließlich auch in dem in der Zwischenüberschrift zitierten Spruchweisheit ausdrückt – ein Erfahrungswert, dass die vermeintlichen Topfavoriten es meist doch nicht werden; so gesehen ist es vielleicht interessanter, sich anzusehen, wer sozusagen zum erweiterten Kreis der Papabili gezählt wird. Als eine Art Geheimfavorit wird der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbatista Pizzaballa, gehandelt, auch wenn er mit gerade mal 60 Jahren ziemlich jung für das Papstamt wäre; er taucht in fünf der von mir zur Kenntnis genommenen Listen auf, ebenso wie der Erzbischof von Marseille, Jean-Marc Aveline, und der Generalsekretär der Bischofssynode, Mario Grech. Wie schon beim Konklave von 2005 und dem von 2013 spielt auch diesmal wieder die Frage "Wie wär's denn mal mit einem Papst aus Afrika?" eine Rolle in den Spekulationen über geeignete Nachfolgekandidate – was ja angesichts der Tatsache, dass Afrika der Kontinent ist, auf dem die katholische Kirche am stärksten wächst, nicht gerade abwegig ist. Von den Kardinälen aus Afrika werden der Erzbischof von Kinshasa, Fridolin Ambongo Besungu, und der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Peter Turkson, am häufigsten als "papabile" genannt, nämlich viermal in den von mir ausgewerteten sechs Listen, gefolgt vom emeritierten Kurienkardinal Robert Sarah mit drei Nennungen. Von diesen dreien ist Kardinal Sarah sicher der profilierteste Theologe, andererseits wird er aber dieses Jahr schon 80 und verdankt seine Bekanntheit zu einem nicht unwesentlichen Teil der Tatsache, dass er wiederholt deutliche Kritik am vergangenen Pontifikat geübt hat, was ihn als Nachfolgekandidaten eher unwahrscheinlich macht. Kardinal Turkson wurde schon 2013 als "papabile" gehandelt; derweil will ich nicht verschweigen, dass ich über einen Online-Artikel des Münchner Merkur gestolpert bin, der schon in der Überschrift dir Einschätzung zitiert, der aus Ghana stammende Kurienkardinal sei ein "Mann, der ins Gefängnis gehört". Warum wohl? Hat er vielleicht einen Korruptionsskandal an den Hacken oder so etwas? Mitnichten: Liest man den zu dieser Überschrift gehörenden Artikel, erfährt man, dass der angebliche "Vatikan-Experte" Andreas Englisch Kardinal Turkson wegen dessen "Homophobie" gern im Gefängnis sähe. Lassen wir das mal so stehen. 

Zu den Umständen, die das kommende Konklave besonders interessant machen, gehört es übrigens, dass relativ viele der wahlberechtigten Kardinäle noch ziemlich "neu" sind und aus eher abgelegenen Winkeln der Weltkirche kommen; das bedingt, dass sie sich untereinander noch nicht so gut kennen und sich nicht ohne Weiteres einem innerkirchlichen Lager zuordnen lassen. Das könnte zu allerlei Überraschungen beitragen, möglicherweise aber auch dazu, dass die Mehrheitsfindung länger braucht als die letzten Male. 

Was nun meine persönlichen Einschätzungen und Wünsche angeht – ich unterstelle mal, dass es Leser gibt, die sich dafür interessieren –, denke ich, es ist ratsam, sich nicht auf einen einzelnen Wunschkandidaten festzulegen; da ist die Wahrscheinlichkeit einfach zu groß, dass man enttäuscht wird. Hinzu kommt, dass ich über die meisten Kardinäle nicht viel mehr weiß als das, was die Medien über sie behaupten, und das ist wohl eine recht unsichere Basis für eine Beurteilung. Jedenfalls: Wie weiter oben schon angedeutet, erwarte ich, dass der nächste Papst – egal, wer das sein wird – der Lehre der Kirche treu bleibt; gleichzeitig kann ich aber nicht leugnen, dass meine Zuversicht, dass diese Erwartung erfüllt wird, doch größer wäre, wenn ein von den Medien als "konservativ" etikettierter Kardinal zum Papst gewählt wird, als wenn es etwa Hollerich, Grech oder Zuppi würden; ganz zu schweigen von Kardinälen wie Cupich, Marx oder Roche, die aber wohl ohnehin niemand ernsthaft zum Kreis der Favoriten zählt. So gesehen wäre ich wohl ganz zufrieden, wenn die Wahl auf Erdő, Pizzaballa oder einen der Afrikaner fiele, vielleicht auch auf Kardinal Bo aus Myanmar oder Kardinal Ranjith aus Sri Lanka, die auch gelegentlich als aussichtsreiche Kandidaten genannt werden. 

– Und wenn es doch jemand von meiner "Lieber-nicht-Liste" wird? Nun, dann bin ich immer noch bereit, mich positiv überraschen zu lassen... 


Tschüssikowski, meditativer Tanz 

Von der Facebook-Seite der Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland bin ich ja schon seit einiger Zeit geblockt, aber glücklicherweise ist die Pfarrei auch bei Instagram; andernfalls wäre mir wohl die Nachricht entgangen, dass am selben Tag, an dem in Rom der Papst beerdigt wurde, in Herz Mariä Burhave eine langjährige – sehr, sehr langjährige – ehrenamtliche Mitarbeiterin feierlich verabschiedet wurde, weil sie nach Oldenburg zieht. Ich kenne diese Frau buchstäblich seit ich denken kann und habe sie auch auf meinem Blog schon des öfteren erwähnt, meist allerdings ohne ihren Namen zu nennen. Die, wie ich glaube, erste ausführliche Würdigung dieser engagierten Laiin findet sich in einem Artikel von 2017 mit dem Titel "Warum wir doch nicht zum Meditativen Tanz in Tossens gegangen sind", und zuletzt erwähnt hatte ich sie anlässlich unseres Butjadingen-Urlaubs in den Sommerferien 2024, im Creative Minority Report Nr. 42. Ich würde sagen, beide Artikel, und auch noch mindestens ein chronologisch dazwischen liegender, spiegeln ganz gut das Zwiespältige in meiner Haltung ihr gegenüber wider. Auf der einen Seite war sie für mich von jeher der Inbegriff des liberalen Boomer Catholicism und ließ in dieser Hinsicht so zielsicher kein Klischee aus, dass es schon kaum mehr parodierbar ist. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, zu betonen, dass sie mir und meiner Familie trotz aller Differenzen stets mit großer Herzlichkeit begegnet ist; und überhaupt kann man wohl kaum umhin, dem unermüdlichen Einsatz für das (aus ihrer Sicht) Gute, den sie über Jahrzehnte hinweg an den Tag gelegt hat, einen gewissen Respekt zu zollen. Sie wird in der Gemeinde ohne Zweifel eine Lücke hinterlassen; wiederum andererseits bekenne ich mich gern zu der Auffassung, dass eine Lücke immer auch eine Chance bedeutet, einen Freiraum für Neues. Wie dem auch sei, der neue Pfarrer, der im September seinen Dienst antritt, wird jedenfalls der erste seit mehr als einem halben Jahrhundert sein, der ohne die Mitarbeit dieses Gemeindemitglieds auskommen muss. 


Ein Rückblick auf den Monat April 

Im April 2025 erschienen auf meinem Blog acht Artikel, genauso viele wie im Vorjahresvergleichszeitraum; damit hat das laufende Kalenderjahr gegenüber 2024 weiterhin einen Vorsprung von vier Artikeln (30 zu 26). Ähnlich sieht's mit meinen Beiträgen für die Tagespost aus, da kam im April '25 nur ein neuer Artikel hinzu, im April '24 waren es zwei, aber im Jahres-Quervergleich führt das laufende Jahr immer noch mit 6:4. 

Lobpreisandachten ("Beten mit Musik") in St. Joseph Tegel habe ich im zurückliegenden Monat ganze sieben abgehalten, eine stolze Zahl, besonders wenn man bedenkt, dass ich in den gesamten Osterferien überhaupt nicht dazu gekommen bin. Die bestimmenden Themen im April 2025 waren natürlich zuerst die Endphase der Fastenzeit, dann Ostern, dann der Tod von Papst Franziskus. In Sachen Pfarrhausfamilien-Projekt hat der April derweil, anders als erhofft, noch keine Klarheit, sondern erst einmal eher mehr Unklarheit gebracht. Es bleibt spannend...! 


Was sonst noch so los war (und was nicht) 

Der Maulbeerbaum aus der Zachäus-Geschichte wurde dargestellt durch eine mit einem braunen Tuch verhüllten Trittleiter mit ein paar Zweigen oben dran.

  • Die Idee, am 1. Mai zum Patronatsfest in St. Joseph Tegel zu gehen, erwies sich als ein totaler Reinfall. Das begann schon mit der Festmesse, die von Pater Brody zelebriert wurde – ich hatte angenommen, der leitende Pfarrer wäre bei der zeitgleich stattfinden ökumenischen Fahrradtour [sic!] in den Tegeler Forst, aber tatsächlich war er, wie Pater Brody in seinen Begrüßungsworten erwähnte, in Köln. Pater Mephisto konzelebrierte, der Diakon trug das Evangelium vor und predigte auch – wenn ich letzteres geahnt hätte, hätte ich mich vorsorglich mit einer Kiste angematschter Tomaten zum Werfen ausgerüstet. Nicht viel weniger schlimm als die Predigt waren die von der ebenfalls schon öfter erwähnten pensionierten Gemeindereferentin (in Mantelalbe) vorgetragenen Fürbitten; auf beides sollte ich vielleicht in einem gesonderten Beitrag eingehen, aber vielleicht lasse ich es auch bleiben und begnüge mich mit der Hoffnung, dass es so etwas unter dem nächsten Papst nicht mehr geben wird. Das gilt übrigens auch und erst recht dafür, dass, obwohl wie gesagt zwei Priester anwesend waren, die Kommunion ausschließlich vom Diakon, der pensionierten Gemeindereferentin und einer weiteren Gottesdienstbeauftragten in Mantelalbe gespendet wurde, und zwar in beiderlei Gestalt mit Selbstintinktion. Beim anschließenden Fest gab es, wie schon die letzten Jahre, alle Speisen und Getränke gegen Wertbons, die der Förderverein an einem separaten Stand für 1 € pro Stück verkaufte: Ein Stück Kuchen sollte es für 1 bis 2 Wertbons geben, Wasser für einen, Softgetränke für zwei, Grillwurst, Bier und Slush-Eis jeweils für drei; ganz schön teuer für ein Kirchenfest. Eingedenk der Tatsache, dass diese Preise eigentlich bloß Spendenempfehlungen sein konnten, weil sonst die ganze Veranstaltung umsatzsteuerpflichtig gewesen wäre, versuchte meine Liebste mit den Leuten vom Förderverein zu handeln und 20 Wertbons für 15 Euro zu erwerben. Darauf ließen sich die Herrschaften aber nicht ein, daher kehrten wir dem Fest den Rücken und gingen lieber zu Würgerking

Geistlicher Impuls der Woche 
Das Wort erbarmte sich unseres Geschlechtes, hatte Mitleid mit unserer Schwäche, nahm Anteil an unserer Verderbnis. Es konnte nicht ertragen, dass der Tod über uns herrschte. Es wollte nicht, dass das Gewordene unterginge und das Werk seines Vaters, die Erschaffung des Menschen, zunichte würde. Darum nahm es einen Leib an, der sich von dem unsrigen nicht unterscheidet. Im Schoß der Jungfrau erbaute sich das Wort einen Tempel, nämlich den Leib, den es zu seinem Werkzeug machte. In diesem Leib wurde es sichtbar und nahm darin Wohnung. Und weil alle der Verderbnis des Todes unterworfen waren, hat es diesen Leib für alle dem Tod ausgeliefert und ihn dem Vater aus Liebe zu den Menschen dargebracht. In ihm sollten alle sterben, und so sollte das Gesetz des Verderbens, dem alle Menschen verfallen waren, aufgehoben werden. Wenn der Tod am Leib des Herrn seine Macht erschöpft hätte, sollte er keine Macht mehr haben über die Menschen. Die Menschen, die der Verderbnis verfallen waren, sollten wieder zur Unvergänglichkeit zurückgeholt und vom Tod zum Leben geführt werden. Schließlich sollten alle Menschen durch die Gnade der Auferstehung von der Verderbnis befreit werden. Nun hat die Verderbnis des Todes keine Macht mehr über die Menschen, dank dem Wort, das durch einen Menschenleib unter uns Wohnung genommen hat.  

(Athanasius der Große, Über die Menschwerdung des Wortes)


Ohrwurm der Woche 

Levellers: One Way 

Platz 18 in meinen "Abi 95 Top 100". Ich denke mir, wer in einer Stadt wie Nordenham Abitur gemacht hat, müsste mit der Message dieses Songs etwas anfangen können – zumindest diejenigen unter uns, die aus Familien kamen, in denen es nicht gerade selbstverständlich war, aufs Gymnasium zu gehen und Abitur zu machen. (Als jüngstes von drei Geschwistern war ich zwar nicht das erste Mitglied meiner Familie, das Abitur machte, aber immerhin gehörte ich zur ersten Generation in meiner Familie, der diese Möglichkeit offen stand.) 


Vorschau/Ausblick 

Morgen ist schon wieder der erste Sonntag im Monat (irre, wie die Zeit vergeht), und meine Liebste hat bereits signalisiert, dass sie dies gern mal wieder zu einem "Gottesdienst-Double-Features in Haselhorst" nutzen würde. Und dann stehen ein paar Ereignisse von historischer Tragweite an: Am Dienstag soll im Bundestag der neue Bundeskanzler gewählt werden; wenn es keine sehr große Überraschung gibt, wird es wohl Friedrich Merz werden. Und tags darauf, also am Mittwoch, soll dann das Konklave eröffnet werden. Wenn es nicht erheblich länger dauert als diejenigen der zurückliegenden Jahrzehnte, darf man wohl davon ausgehen, dass wir, wenn das nächste Wochenbriefing erscheint, schon einen neuen Papst haben werden; und ehrlich gesagt hoffe ich das, denn ab Samstag Nachmittag habe ich mein 30jähriges Abi-Nachtreffen in Nordenham, und das verträgt sich wohl nicht so recht mit "Extreme Konklave Mitfiebering"... Aber erst mal zurück zur chronologischen Reihenfolge: Am Mittwochabend nach dem JAM habe ich KiWoGo-Arbeitskreis – da gilt es die letzten drei Kinderwortgottesdienste bis zu den Sommerferien zu planen. Am Donnerstag, den ich eigentlich am liebsten ganz dem "Extreme Konklave Mitfiebering" widmen würde, ist "Tag der Befreiung" – und der ist dieses Jahr in Berlin, nicht aber in Brandenburg ein gesetzlicher Feiertag; das bedeutet, dass das Tochterkind keine Schule hat, meine Liebste aber zur Arbeit muss. Was mach ich da mit den Kindern? Vielleicht noch mal zum Achor-Hof fahren...