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Mittwoch, 19. Februar 2020

Die 100-Bücher-Challenge: Etappe 3

Willkommen zurück, Leser! Ehe ich mich an die Auswertung einer Leseetappe mache, von der ich im Vorfeld argwöhnte, sie werde sich in Sachen #BenOp-Relevanz als die bislang schwächste des laufenden Kirchenjahres erweisen, sind vielleicht ein paar grundsätzliche Anmerkungen zu meinem Vorgehen bei der Auswahl meiner Lektüre und der Zusammenstellung der einzelnen Etappen am Platz. Ich könnte schließlich auch am laufenden Band Fachbücher über Gemeindeaufbau, Gemeindeentwicklung etc. lesen. Aber mal abgesehen davon, dass mich das wahrscheinlich zu Tode nerven würde, würden mir auch allerlei überraschende Impulse entgehen, läse ich nur Bücher, von denen ich in groben Zügen schon vorher zu wissen glaube, was drinsteht und inwiefern sie #BenOp-relevant sind. 

Hinzu kommt natürlich, dass mein umfangreiches Lesepensum nicht allein dazu dient, Anregungen für das Großprojekt Christliche Graswurzelrevolution zu sammeln, sondern auch dazu, Bücherspenden oder Fundstücke aus "Büchertankstellen" auf ihre Tauglichkeit für das Büchereiprojekt zu überprüfen, und wenngleich diese beiden Zwecke nicht gänzlich unabhängig voneinander sind, sind sie doch auch nicht einfach identisch. Aber das nur am Rande. Entscheidend ist vor allem, dass ich mich gern überraschen lasse -- und darum eine ganze Menge Bücher auf meine Leseliste gesetzt habe, bei denen ich lediglich das vage Gefühl habe, sie könnten "irgendwie interessant" sein, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, worin dieses "Irgendwie" konkret bestehen könnte. Und außerdem bemühe ich mich, die Chancen, das Pensum von 100 Büchern in einem Jahr überhaupt zu schaffen, dadurch zu erhöhen, dass ich die einzelnen Etappen möglichst abwechslungsreich und unterhaltsam gestalte. 

Wie gut ist mir das in Etappe 3 gelungen? Schauen wir mal: 




  • Alexander Oetker: Winteraustern

Angesichts der Tatsache, dass dieses Buch ein Weihnachtsgeschenk von meiner Mutter war, und unter Berücksichtigung des Umstands, dass meine Mutter hier zumindest gelegentlich mitliest, mag die Frage im Raum stehen: Könnte ich es unumwunden zugeben, wenn es mir nicht gefallen hätte? -- Nun, ich denke schon, dass ich das könnte. Fangen wir aber trotzdem mal mit dem Positiven an: Der Roman liest sich flüssig und passagenweise sogar ausgesprochen fesselnd, der Autor beherrscht souverän die Genre-Konventionen  des Erfolgsmodells "Regionalkrimi". Für meinen Geschmack sogar ein bisschen zu souverän; aber okay, der Mann hat bei RTL gearbeitet und kennt das Publikum, und man kann ihm wohl kaum einen Vorwurf daraus machen, dass er mit seinen Büchern Geld verdienen möchte. Ein bisschen ärgerlich ist es aber doch, wie deutlich man merkt, dass der Roman weniger mit Herzblut geschrieben wurde als vielmehr mit festem Blick auf den Geldbeutel. Und zwar ist das vor allem deshalb ärgerlich, weil der Roman durchaus gut genug ist, dass man sich wünschen würde, er wäre noch etwas besser

Inhaltlich geht es in dem Buch um Mordermittlungen im Austernzüchter-Milieu an der französischen Atlantikküste, und etwas augenzwinkernd könnte man sagen, das sei schon allein deshalb ein #BenOp-relevantes Thema, weil Rod Dreher ein großer Liebhaber von Austern ist. Mit erheblich größerem Ernst könnte man diese Aussage dahingehend modifizieren, dass traditionelle regionale Kulinarik als bewahrenswertes und bedrohtes Kulturgut ein "Crunchy Cons"-Thema ist, und die Schwierigkeiten kleiner Familienbetriebe, sich auf dem Markt zu behaupten, erst recht. Dank dieser Hintergrundmotive konnte sich der Roman zeitweilig durchaus Hoffnungen auf eine wenn auch bescheidene Ranglistenplatzierung machen. Insbesondere der Umstand, dass die beiden Mordopfer eine Kooperative junger Austernzüchter geplant hatten, um trotz der immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Bedingungen die kleinen Familienbetriebe erhalten zu können, erscheint #benOppig, doch leider wird dieses Thema nur recht oberflächlich angeschnitten, und der Mord hat damit, wie sich herausstellt, überhaupt nichts zu tun -- aber dazu später. Auch noch interessant ist es, dass mehrfach (auf S. 31 u. 232) die islamistischen Terror-Akte vom 13. November 2015 in Paris angesprochen werden; diese liegen zu Beginn der Haupthandlung des Romans nämlich erst gut einen Monat zurück. Thematisiert werden in diesem Zusammenhang auch die Lebensbedingungen in den Banlieues von Paris, die als Brutstätten von Kriminalität und politisch-religiöser Radikalisierung gezeichnet werden. Okay: Dass aktuelle, im weitesten Sinne politische Themen mit in die Handlung hineinspielen, ist durchaus auch eine genretypische Zutat. Am Rande spielt sogar "die EU mit ihrer Datenschutzverordnung" eine Rolle (S. 135). 

Was an diesem Roman indes ziemlich arg nervt, ist der angeberisch anmutende Einsatz von Französisch-Vokabeln, und mehr noch das dick aufgetragene, versnobte Schwelgen in Feinschmecker-Fachjargon. Gerade dies scheint aber das Alleinstellungsmerkmal von Oetkers "Aquitaine-Krimis" zu sein, die spezielle Zutat, die seinen Serienhelden Luc Verlain von anderen Wallander-Klonen unterscheidet. Selbst mit dem trauernden Vater eines Mordopfers tauscht der Ermittler sich ausgiebig über die Zubereitung von Austern und den dazu passenden Wein aus, und auch als der Roman zum Ende hin erheblich tempo- und actionreicher wird, ist für Gourmet-Fachsimpeleien über Wein, Käse und Rinderfilet immer noch Zeit. -- Erschwerend kommt hinzu, dass die Handlung auch in Krimi-spezifischer Hinsicht zunehmend enttäuschend verläuft. Gegen Ende der ersten Romanhälfte unterläuft dem Autor - so scheint es mir jedenfalls - erstmals ein logischer Anschlussfehler. "Ich habe Sie zuerst nicht erkannt, Commissaire, mein Mann aber schon", sagt die Mutter eines der beiden Mordopfer auf S. 125 zum Ermittler -- womit gemeint ist, dass er ihn als Sohn eines früheren Austernzüchter-Kollegen von früher her kennt; als aber 20 Seiten später ihr Mann vernommen wird, scheint er sich erst wieder daran zu erinnern, als der Kommissar es selbst erwähnt. Weiter hinten liefert sich Verlains dienstliche und private Partnerin Anouk einen Boxkampf mit dem Betreiber einer Kampfsport-Schule, um diesen dazu zu bewegen, Informationen über die Identität eines Verdächtigen preiszugeben; kurze Zeit später wird die Identität dieses Verdächtigen jedoch durch einen Abgleich von Fingerabdrücken festgestellt, womit der Boxkampf als ermittlungstechnisch völlig überflüssiges Schaustück für den Leser dasteht. Dass das ein grober Patzer ist, scheint dem Autor nicht einmal bewusst zu sein, denn er weist sogar explizit darauf hin: "Schade, dass wir die Akte nicht ein wenig früher hatten, dann wäre dir der Boxkampf erspart geblieben" (S. 249). Tja. Doof.

Und gerade als man denkt, die Ermittlungen liefen allzu glatt, der Fall sei ein bisschen arg simpel gestrickt und nichts deute darauf hin, dass noch eine Überraschung bevorstehen könnte, kommt der Autor mit einem Twist um die Ecke, der den Zusammenhang zwischen der Krimihandlung und dem wirtschaftlichen Überlebenskampf der kleinen Austernzüchter kurzerhand aus dem Fenster wirft und stattdessen, man höre und staune, Homophobie als Mordmotiv aus dem Hut zaubert. Sorry für den Spoiler, obwohl, eigentlich eher #sorrynotsorry. "Nur weil das Weltbild des alten Pujol eine solche Lebensweise nicht vorsah" (S. 298), also bitte

Stellen wir der Vollständigkeit halber noch die Gretchenfrage: Wie hält es der Roman mit der Religion? Dass militanter Islamismus am Rande eine Rolle spielt, hatte ich schon erwähnt; der zwischenzeitliche Hauptverdächtige Karim, ein in den Banlieues aufgewachsener junger Mann nordafrikanischer Herkunft, ist Muslim, aber nicht fromm (er vertreibt sich die Zeit mit "Pornoheftchen", S. 207), während sein Boxtrainer gegenüber der Polizei bekennt, er habe "zu Allah gebetet" (S. 245), dass Karim nichts mit den Morden zu tun haben möge. Auf christlicher Seite korrespondiert damit eine Äußerung der sympathischen jungen Austernzüchter-Tochter Julie Labadie: S. 227: "Madame Pujol [...] ist im Krankenhaus, sie kriegt heute ihre Diagnose. Ich habe heute Nacht für sie gebetet" (S 227). Auf S. 268 erfährt man übrigens, dass dieses Gebet erhört wurde. An zwei Stellen des Romans werden bedeutende Kirchenbauten in Bourdeux, nämlich einmal die Kathedrale (S. 86) und einmal die Basilika Saint-Michel (S. 100), als Sehenswürdigkeiten bzw. Orientierungspunkte erwähnt; das war's dann aber auch. 

Zusammenfassend möchte ich diesen Roman als ein Paradebeispiel für das wohl gar nicht so seltene Phänomen betrachten, dass ein Buch gerade dadurch, dass es gar nichts anderes sein will als leichte Unterhaltung, selbst diesem Anspruch nur mit Abstrichen gerecht wird. Ich wäre zu behaupten, hätte der Autor die Themen, die er lediglich oberflächlich anreißt, etwas ernster genommen, hätte das gerade auch der Krimi-Handlung gut tun können. Nach dem Abschluss des "Falles" geht das Buch übrigens noch etwa 20 Seiten lang weiter und endet mit einem Cliffhanger, der auf eine geplante Fortsetzung hindeutet. Die ist aber bisher nicht erschienen. 

  • Andreas Schlüter: Level 4 - Die Stadt der Kinder 
Die Story sieht erst einmal vielversprechend aus: Ein 12-jähriger Schüler probiert ein gerade frisch auf den Markt gekommenes Computerspiel aus, das in einer Stadt ohne Erwachsene spielt - und plötzlich verschwinden aus der Stadt, in der er lebt, tatsächlich alle Erwachsenen, woraufhin sich eine Gruppe von Kindern und Teenagern im Alter von etwa neun bis 14 Jahren vor die Aufgabe gestellt sieht, das Abgleiten der Stadt in Chaos und Anarchie aufzuhalten. Zu einem Zeitpunkt, als ich noch mitten in der Lektüre steckte, habe ich bereits den paradoxen Eindruck zu Protokoll gegeben, dieser Jugendroman "könnte ein gutes Buch sein, wenn es nicht so schlecht wäre". Nun, da ich damit durch bin, kann ich diese Einschätzung nur unterstreichen. Ich habe selten so ein schlampig und uninspiriert hingeschmiertes Buch gelesen, und das ist angesichts des Potentials, das in der Handlungsidee gesteckt hätte, ein ausgesprochen schmerzhafter Befund.

Nicht der geringste Mangel des Buches besteht darin, dass die Klappentext-Behauptung, es handle sich um einen "Computerkrimi", im Grunde eine Mogelpackung ist: Das Computerspiel, um das es vorgeblich geht, kommt tatsächlich nur am Rande vor, und die wenigen Passagen, in denen der Spielverlauf beschrieben wird, wirken recht primitiv und phantasielos. Das Buch ist von 1994, und ich möchte behaupten, ich wäre schon damals - obwohl ich nie ein besonders großer Computerspiel-Freak war - in der Lage gewesen, mir auf der Basis real existierender Spiele, die ich kannte, etwas Überzeugenderes auszudenken.

Noch schlimmer ist allerdings, dass der Handlungsverlauf insgesamt den Eindruck völliger Planlosigkeit erweckt. Wobei man zugeben muss, dass gerade dadurch zuweilen recht interessante Situationen entstehen -- wenn auch unbeabsichtigt oder sogar wider Willen. So fällt auf S. 49, einen Tag nachdem schlagartig und auf unerklärliche Weise alle Erwachsenen aus der Stadt verschwunden sind, einer der Hauptfiguren plötzlich ein: "Ich habe meinen Bruder vergessen!" Dieser kleine Bruder ist drei Jahre alt und "geht in die Kinderkrippe": "Meine Eltern holen ihn immer nach der Arbeit ab und kommen mit ihm dann nach Hause aber gestern Abend kamen meine Eltern ja nicht" -- und das hat offenbar ausgereicht, damit die große Schwester die bloße Existenz ihres Bruders fast einen vollen Tag lang komplett vergisst. Tatsächlich drängt sich hier der Eindruck auf, in Wirklichkeit sei es der Autor gewesen, der bis zu diesem Punkt der Handlung vergessen hatte, dass es ja auch Kleinkinder und Säuglinge geben müsste, für die das plötzliche Verschwinden der Erwachsenen unmittelbar viel dramatischere Folgen haben müsste als für Schulkinder. Also verfällt er kurzerhand auf die Lösung, dass Kleinkinder und Säuglinge ebenso verschwunden sind wie die Erwachsenen. Toll. Aber immerhin, für einen kurzen, glorreichen Moment hing eine Problematisierung der flächendeckenden Krippenerziehung in der Luft.

Noch interessanter und potentiell #BenOp-relevanter wird es allerdings, als die recht überschaubare Schar derjenigen Kinder, die gewillt sind, dem Chaos Einhalt zu gebieten, zu der Erkenntnis gelangt, dass jeder Einzelne von ihnen Fähigkeiten und Kenntnisse hat, die zum Nutzen der Gemeinschaft eingesetzt werden können. Besonders gut gefällt mir die Passage, in der die Überlegung des Protagonisten, als Vorsichtsmaßnahme gegen Verrat oder Unzuverlässigkeit nur einen "inneren Kreis" der auf seiner Seite stehenden Kinder in seine Pläne einzuweihen, als eine Versuchung zurückgewiesen wird. 

Insgesamt muss man aber leider sagen, dass einzelne halbwegs gelungene Passagen nur umso mehr den miserablen Gesamteindruck unterstreichen. Zu diesem trägt auch die Darstellung des Verhältnisses zwischen Kindern und Erwachsenen bei, die gleichermaßen inkonsistent wie überzogen anmutet. Wenn der Autor die plötzlich auf sich allein gestellten Kinder darüber sinnieren lässt, dass ihnen ja jetzt erst bewusst wird, was die Erwachsenen normalerweise alles für sie tun und dass sie eigentlich dankbar dafür sein müssten, ist da zwar von der Sache her etwas Wahres dran, aber der dick aufgetragene Moralismus der Darstellung wirkt eher peinlich. An anderer Stelle wird dann wieder so getan, als wäre es typisch für die Erwachsenenwelt, dass die Interessen und Bedürfnisse der Kinder in ihr nichts zählen: So entdecken die Protagonisten kurz vor Schluss, dass es analog zum Computerspiel "Die Stadt der Kinder" auch eine "Stadt der Erwachsenen" gibt -- eine Art Stadtverwaltungs-Simulation, in der es abstruserweise Punkte dafür gibt, die Turnhalle abzureißen oder alle Straßenbäume zu fällen. Alles in allem, so scheint mir, lässt dieses Buch darauf schließen, dass Autor und Verlag keine besonders hohe Meinung von der Intelligenz ihres Zielpublikums gehabt haben. 

Stellen wir auch hier wieder die sprichwörtliche Gretchenfrage, so ist festzustellen, dass Kirchen (ebenso wie auch Moscheen, Synagogen, Tempel oder sonstige Stätten der Religionsausübung) - in Schlüters "Level 4" im Unterschied zu Oetkers "Winteraustern" nicht einmal mehr als Gebäude eine Rolle spielen. Während der Umstand, dass einige handelnde Personen in der Jugendfeuerwehr aktiv sind, eine gewisse Rolle für den Handlungsverlauf spielt, ist keine Rede davon, ob es in der "Stadt der Kinder" vielleicht Messdiener gibt; und man komme mir jetzt bitte nicht mit dem Einwand, deren besondere Fähigkeiten und Kenntnisse wären für die Handlung ja auch wesentlich weniger relevant als die der Jugendfeuerwehr. Man hätte sich da sehr wohl etwas einfallen lassen können, wenn man gewollt hätte. Damit nicht genug, wird auch an keiner Stelle in Betracht gezogen, dass in Notsituationen auch Beten eine plausible Handlungsoption sein könnte. -- Es ist nicht so, dass ich diese völlige Abwesenheit von Religion nun unbedingt dem Autor zum Vorwurf machen wollte: Hätte ich das Buch zu einem anderen Zeitpunkt und in einem anderen Kontext gelesen, wäre mir dieser Umstand womöglich gar nicht besonders aufgefallen. Und genau da liegt das Problem. Mir scheint, es sagt eine Menge über den Zustand unserer Gesellschaft aus, wenn die totale Abwesenheit von Religion gar nicht mehr als auffällig wahrgenommen wird. Eine Stadt ohne Kleinkinder, eine Stadt ohne Straßenbäume oder ohne Hunde und Katzen, das käme uns sonderbar vor und würde nach einer Erklärung verlangen, aber eine Stadt ohne Kirchen wird unhinterfragt hingenommen. Wobei: Immerhin wird relativ kurz vor Schluss  des Buches beiläufig erwähnt, dass die beiden weiblichen Hauptfiguren Jennifer und Miriam "früher" - wann immer das gewesen sein mag, schließlich sind sie erst 13 Jahre alt - öfter zur "Kirchendisco" gegangen sind (S. 216 u. 220). Als ziviligesellschaftliche Institution - hier konkret als eine, die Freizeitangebote für Kinder macht, die noch zu jung sind, um in eine richtige Disco reinzukommen - ist die Kirche also doch noch präsent. (Bei so einer "Kirchendisco" war ich in meinen frühen Teenagerjahren übrigens auch mal. Das gibt's also tatsächlich.)

In gewissem Sinne könnte man also vielleicht sagen, das Buch werde erst durch seine Mängel wirklich interessant, aber letztlich ist das alles einfach unbefriedigend. Insbesondere - ich wiederhole mich -, weil die prinzipielle Handlungsidee so viel mehr hergegeben hätte. 


  • Maxim Gorki: Wanderungen durch Russland 

Diesen Band, der 29 zwischen 1912 und 1917 erstveröffentlichte, überwiegend wohl vergleichsweise unbekannte Erzählungen des Autors enthält, möchte ich als einen entschiedenen Glücksgriff bezeichnen: Von Stil und Atmosphäre der Erzählungen Gorkis bin ich schwer begeistert, wenngleich mir im letzten Drittel mehrfach durch den Kopf ging, es wäre der konzeptionellen Geschlossenheit des Bandes möglicherweise förderlich gewesen, wenn er nach der Erzählung "Es tut sich was!" (S. 251-265) zu Ende gewesen wäre; nicht etwa, dass die noch folgenden Erzählungen alles in allem schlechter gewesen wären als die davor, aber mit wenigen Ausnahmen ("Die Vogelsünde""Am Tschangul""Ein lustiger Geselle", eventuell noch "Das Buch" und "Die Gaffer"passen sie vom Stil, der Atmosphäre und Erzählsituation her nicht so recht zu diesen. Das verbindende Element zwischen den einzelnen Geschichten, gewissermaßen der rote Faden der Sammlung, der im letzten Drittel zuweilen verloren zu gehen droht, besteht darin, dass der Ich-Erzähler - ein offenbar überdurchschnittlich gebildeter junger Mann - kreuz und quer durch Russland wandert (daher der Titel), um Land und Leute kennenzulernen, und hier und dort Gelegenheitsarbeiten annimmt (meist solche, für die ihn der Umstand qualifiziert, dass er  lesen und schreiben kann). -- Unter "rein literarischen" Gesichtspunkten zählt der Band ohne jede Diskussion zum Besten, was ich in den zurückliegenden Monaten gelesen habe; inhaltlich ist der Befund indes komplizierter.

Ich hatte ja bereits angemerkt, dass ich mich für den in der Sowjetunion trotz persönlicher Freundschaft mit Lenin ideologisch nie ganz unumstrittenen Gorki nicht zuletzt wegen seines wohl einigermaßen ambivalenten Verhältnisses zum christlichen Glauben interessiere; womit ich allerdings nicht gerechnet hätte, ist, wie allgegenwärtig religiöse Bezüge in dieser Sammlung sind. Unter den 29 Einzeltexten sind nur zwei - und zwar die beiden kürzesten, "Heimwärts" (es sei denn, man zählte hier die beiläufige Erwähnung des "gottgefälligen Gewerbe[s]" der Fischer auf S. 230 mit) und "Das Glück" - in denen nicht von Elementen des christlichen Glaubens die Rede wäre, von Gott und Heiligen, von Kirchen und Klöstern, von Gottesdienst und Gebet, es treten Kirchendiener, Diakone, Popen und ehemalige Klosterzöglinge auf. Unabhängig von der Haltung des Erzählers zur Religion - dazu später - drängt sich angesichts dieses Befunds zunächst einmal der Gedanke auf: Wenn der christliche Glaube im vorrevolutionären Russland tatsächlich so allgegenwärtig war, wie es in diesen Erzählungen den Anschein hat, was für verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft muss es dann gehabt haben, dass diesem Volk später staatlicherseits der Atheismus verordnet wurde? 

Die klassische marxistisch-leninistische Erwiderung darauf wäre natürlich, gerade die Religion sei in vorrevolutionärer Zeit ein Mittel gewesen, das Volk im Elend festzuhalten, und folglich sei es zur Verbesserung der Lage des Proletariats dringend notwendig gewesen, die Menschen aus den "Fesseln der Religion" zu befreien; und tatsächlich erscheint es durchaus möglich, Gorkis Darstellung der starken und geradezu selbstverständlich erscheinenden Frömmigkeit gerade der einfachen und armen Leute in diesem Sinne zu interpretieren; aber wirklich eindeutig ist das nicht. In einigen der Erzählungen wird zwar ein recht deutlicher Kontrast zwischen dem Hang der Frommen zu passiver Duldsamkeit und dem Eifer derer in Szene gesetzt, die bestrebt sind, das Los der Menschen zu verbessern.; interessant ist indes, dass der Erzähler - in dem man angesichts des autobiographischen Hintergrunds zumindest eines Teils der Erzählungen wohl mehr oder weniger ein Alter Ego des Autors sehen kann - dabei nicht eindeutig Stellung bezieht. Es scheint wesentlich zum Konzept dieses Erzählzyklus zu gehören, dass der Erzähler auf seinen Wanderungen Eindrücke sammelt, ohne sie zu bewerten. Er mag emotionale Reaktionen zeigen - Dinge, die er erlebt und erfährt, machen ihn traurig oder zornig oder rühren ihn -, aber ein Urteil gibt er nicht ab.

Deutlich genug wird allerdings, dass der Ich-Erzähler selbst, soweit er überhaupt als Charakter fassbar wird, kein Frommer ist; an einer Stelle (S. 266) sagt er explizit, dass er sich nicht zu den "Gläubigen" zählt, und wiederholt finden sich bei ihm Hinweise auf eine vitalistische, pantheistisch angehauchten Naturspiritualität, so etwa, wenn er auf S. 259 "die strahlendhelle Sonne" als "Stammutter aller Menschen und Götter" anspricht. In der Erzählung "Graue Gespenster" (S. 404-422), die Lenin besonders geschätzt haben soll, legt Gorki einem verkrüppelten und vernachlässigten Knaben die naive Frage in den Mund: "[W]er hat denn den Hergott gemacht - die Herrgottschnitzer?" (S. 418). Im Rahmen der Erzählung löst diese Frage lediglich Gelächter aus, aber ich frage mich doch, ob Gorki hier nicht womöglich einen versteckten Hinweis auf die religionsphilosophische Bewegung der "Gotterbauer" eingebaut hat, von der Tante Wiki sagt, er habe ihr zumindest zeitweilig nahegestanden. 

In einigen Erzählungen des Bandes - und das sind einigermaßen folgerichtig die, die mir am besten gefallen - entsteht der Eindruck, dass der Ich-Erzähler die Gläubigkeit der kleinen Leute nicht bloß mit Verwunderung, sondern zu einem gewissen Grad auch mit Bewunderung betrachtet -- weil er wahrnimmt, wie viel Kraft und seelische Stabilität selbst im größten Elend sie aus diesem Glauben schöpfen (was freilich nicht hindert, dass einige von ihnen hier und da auch recht eigenwillige und fragwürdige Auffassungen von Gott und Christentum an den Tag legen). Meine Favoriten unter den 29 Erzählungen der Sammlung sind in dieser Hinsicht: 

  • "Ein Mensch wird geboren" (S. 6-18) 
Hier begegnet der Ich-Erzähler einer Wanderarbeiterin, die am Rande der Landstraße ein Kind zur Welt bringt, und hilft ihr bei der Entbindung. Die Zuversicht der Frau, trotz aller Widrigkeiten das Leben zu meistern, wird nachdrücklich mit ihrem Vertrauen auf den Beistand der Muttergottes in Verbindung gebracht (S. 15: "Ja freilich, wenn die Muttergottes mit ihr war - was sollte ich da noch sagen!") 

  • "Niluschka" (S. 69-95) 
In einem armen, verkommenen Wohnvierteln lebt ein "gottgefälliger Narr" (S. 75): ein hübscher, sanftmütiger, leicht geistig verwirrter Knabe, der von den Nachbarn als ein fast überirdisches Wesen bestaunt wird. Der Händler und Pfandleiher Wologonow will den Nimbus der Heiligkeit, der den Knaben umgibt, noch verstärken, indem er ihm - erfolglos - beizubringen versucht, in Rätseln zu sprechen. Der Ich-Erzähler missbilligt das (wobei es allerdings immerhin bemerkenswert ist, dass Wologonow keine eigennützigen Interessen verfolgt, sondern lediglich überzeugt ist,  die Leute im Stadtteil bräuchten einen Heiligen), aber auch er kann sich der Ausstrahlung des Jungen nicht entziehen. Schließlich stirbt der Knabe - nachdem er in der "Spätmesse" gewesen ist und dort zwei "Weihbrote [...] als milde Gabe erhalten" hat (S. 90) -, überraschend, aber sehr friedlich im Schlaf. 

  • "Der Verstorbene" (S. 234-250) 
Der Ich-Erzähler kommt in ein abgelegenes, nur aus sieben Häusern bestehendes Dorf und fragt nach Arbeit; zunächst weißt man ihn ab, aber dann wird ihm gesagt, er könne sich einen Groschen verdienen, indem er die Totengebete für einen kürzlich Verstorbenen liest - im Dorf gibt es nämlich niemanden, der lesen kann. Allerdings zeigt sich, dass im Dorf auch kein Gebetbuch aufzutreiben ist; das einzige Buch, das dort vorhanden ist, ist ein Lehrbuch für Grammatik. Der Erzähler rezitiert daraufhin die ihm bekannten Totengebete aus dem Gedächtnis und erfüllt diese Aufgabe sehr gewissenhaft, obwohl er gleichzeitig in Gedanken seine Skepsis gegenüber dem christlichen Glauben zum Ausdruck bringt. Diese Geschichte scheint mir sehr illustrativ für die ambivalente Haltung des Erzähler gegen dem Christentum, auch wenn er am Ende wieder seinem oben bereits angesprochenen vitalistisch-pantheististischen Sonnenkult huldigt. 

Auch in der Erzählung "Ein Weib" (S. 136-168) bezieht die Titelfigur - wiederum eine Wanderarbeiterin - Lebensmut und Zuversicht aus ihrem Glauben, wenngleich ihr Lebenswandel selbst nach ihren eigenen Maßstäben nicht unbedingt gottgefällig ist. Besonders interessant an dieser Erzählung finde ich die Passage, in der die Titelfigur dem Ich-Erzähler ihre Zukunftspläne unterbreitet: 
"Warte nur, wenn mir erst der richtige Mann begegnet, suchen wir uns zusammen ein Stück Land. Wir werden es in der Nähe von Nowyj Afon finden, ich kenne die Gegend, ich hin dort gewesen. Und dann werden wir anfangen, das Land zu bestellen: wir werden einen Obstgarten haben, einen Gemüsegarten und einen Acker, alles wie sich's in einer guten Wirtschaft gehört. [...] Und wenn wir erst alles gut eingerichtet haben, werden andere zu uns stoßen, dann sind wir schon die Alteinwohner und genießen Achtung bei allen anderen! Nicht lange, und ein neues Dorf ist entstanden, ein hübscher Winkel. Der Mann wird, eh man sich's versieht, zum Dorfältesten gewählt. [...] Und im Garten spielen die Kinder, eine Laube steht mitten darin..." (S. 158f.) 
Ich finde, diese Vision mutet ausgesprochen #benOppig an, bis hin zu dem bemerkenswerten Detail, dass es in der Nähe der hier projektierten Ansiedlung ein Kloster gibt (das in der Erzählung "Kalinin", S. 203-229, vorkommt). 

Interessant ist auch, dass in mehreren Texten der Sammlung religiöse Minderheiten/Sekten/Sondergemeinschaften eine Rolle spielen, am profiliertesten die Molokanen in der Erzählung "In der Schlucht" (S. 169-202). In der Erzählung "Das Buch" (S. 308-319) gibt der Telegrafist Judin einem Kollegen brieflich den Rat, "in eine Kolonie von Tolstoi-Anhängern zu gehen" (S. 314). 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die insgesamt bestenfalls als zwiespältig zu beurteilende Haltung zum Christentum, die in dem Buch zum Ausdruck kommt, es einigermaßen schwierig macht, ihm einen angemessenen Platz auf der Rangliste zuzuweisen; indes haben wir ja bereits einige Präzendenzfälle dafür, dass mangelnde Rechtgläubigkeit allein noch kein Ausschlusskriterium ist. Dennoch, und trotz aller hier hervorgehobenen interessanten Details, bleibt die #BenOp-Relevanz des Bandes hinter seiner allgemeinen literarischen Qualität deutlich zurück; mehr als ein Platz zwischen May und Orwell ist da leider nicht drin. 


  • G.K. Chesterton: Thomas & Franz 
Bei dieser Ausgabe von Chestertons biographischen Essays über den Hl. Thomas von Aquin und den Hl. Franz von Assisi in einem Band handelt es sich, wie ich schon einmal vermerkt hatte, nach Angaben des Verlags um die "[e]rste vollständige deutsche Textfassung" dieser Werke; beide Teile des Buches greifen auf ältere Übersetzungen zurück, die jedoch "durchgesehen, überarbeitet und ergänzt" wurden --  und wenn ich an dem Buch etwas auszusetzen habe, dann, dass es ein gründlicheres Lektorat verdient hätte. An einigen Stellen holpern Satzbau und Grammatik ganz erheblich. Nun gut, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie solche Fehler entstehen: Man formuliert einen Satz mehrfach um, und am Ende steht hier und da ein aus einer früheren Fassung übriggebliebenes Partikelchen an einer Stelle herum, wo es nicht (mehr) hingehört, oder man ersetzt ein Verb, ohne zu beachten, dass sich dadurch die Rektion ändert. Kann alles passieren, und ironischerweise passiert so etwas typischerweise gerade dann, wenn besonders sorgfältig am Text gearbeitet wurde; aber früher gab es mal Lektoren, die solche Fehler eliminiert hätten, bevor das Buch in den Handel kommt. 

So. Wenn dies mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch ist, dann sagt das wohl schon eine Menge darüber aus, wie begeistert ich vom Inhalt bin. Trotzdem noch eine Anmerkung zur Form: Auf den ersten Blick wirkt es unverständlich, warum in diesem Band die später entstandene Biographie über Thomas von Aquin vor derjenigen über Franz von Assisi abgedruckt ist. Es lässt sich jedoch vermuten, dass dies damit zu tun hat, dass das Kapitel "Zwei Bettelmönche", das den Hl. Thomas und den Hl. Franz als unterschiedliche Typen von Heiligen gegeneinander kontrastiert, auf diese Weise die Funktion einer Einleitung für den ganzen Band übernehmen kann. Dieses einleitende Kapitel schlägt dann auch direkt einige ausgesprochen #BenOp-relevante Saiten an. Natürlich könnte man sagen - und könnte dies mit einschlägigen Zitaten von Freund Rod begründen -, das Studium des Lebens großer Heiliger sei schon an und für sich #BenOp-relevant; ein Kapitel, das dezidiert die Frage in den Fokus rückt, was es eigentlich heißt, ein Heiliger zu sein, und was die Heiligen uns für unsere Gegenwart und Zukunft zu sagen haben, und das außerdem den revolutionären Charakter der hochmittelalterlichen Bettelorden-Bewegung hervorhebt, ist dann doch noch in besonderem Maße interessant. Ein paar bemerkenswerte Zitate gefällig? 
"Der Heilige ist ein Heilmittel, weil er ein Gegengift ist. Darum ist er wahrhaft oft ein Märtyrer, denn weil er ein Gegengift ist, hält man ihn für ein Gift. Meistens erneuert und heilt er die Welt dadurch, daß er besonders von dem zuviel hat, was die Welt zu wenig hat, und das ist fraglos in jedem Zeitalter etwas Verschiedenes. Jede Generation sucht sich instinktiv ihren eigenen Heiligen, und der ist nicht so, wie die Menschen ihn sich wünschen, sondern vielmehr, wie Sie ihn brauchen." (S. 18f.)  
"Wenn die Welt zu weltlich wird, kann die Kirche sie zurechtweisen, aber wenn die Kirche zu weltlich wird, kann die Welt sie nicht ob ihrer Weltlichkeit zurechtweisen." (S. 19) 
Über die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner - die "große mittelalterliche Bewegung, die immer noch so wenig verstanden wird" - sagt Chesterton auf S. 22, diese sei "[i]m Gesamtaufbau der Geschichte [...] wichtiger als die Reformation" gewesen: "Ja, im eigentlichen Sinne des Wortes war gerade sie die Reformation." Darauf kommt er auf S. 28 nochmals zurück: "Die Menschen, die aus anderen Gründen den Ausgang der Reformation begrüßen, werden sich nichtsdestoweniger die Tatsache klarmachen müssen, daß die Scholastiker die Reformatoren und die späteren Reformatoren im Vergleich zu diesen Reaktionäre waren." (Im Nachwort zu seinem Thomas-Essay, auf S. 181, geht Chesterton in seinem negativen Urteil über die Reformation so weit, Martin Luther als "eindeutig krank" einzuschätzen.) Über den Hl. Dominikus berichtet der Verfasser eine bemerkenswerte Anekdote, "die bei uns sicher noch sehr viel öfter erzählt würde, wenn es um ein Puritaner gegangen wäre" (S. 37): Demnach habe seinerzeit einmal "der Papst auf seinen prächtigen päpstlichen Palast gezeigt" und gesagt : "Petrus kann nicht mehr länger sagen: 'Silber und Gold habe ich nicht'", worauf der Hl. Dominikus erwidert habe: "Nein, und ebensowenig kann er heute noch sagen: 'Stehe auf und wandle!'" (S. 37f.) -- Und schließlich noch ein schönes und hochgradig #BenOp-relevantes Bonmot über die Volksbewegung der Bettelorden: 
"Ein Mensch, der es wagt, sich direkt an das Volk zu wenden, hat immer eine große Menge von Feinden, angefangen beim Volk selbst." (S. 41) 
Was Chesterton im weiteren Verlauf des Buches über die Biographie des Aquinaten mitzuteilen weiß, ist zweifellos lesenswert; im engeren Sinne #BenOp-relevant ist dieser im engeren Sinne biographische Teil aber in deutlich geringerem Maße als Chestertons Ausführungen über die Philosophie des Hl. Thomas oder, allgemeiner gesprochen, über seine Sicht auf das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft. Hier knüpft Chesterton in mancherlei Hinsicht an sei  Standardwerk "Orthodoxie" an (Stichwort: "Der Selbstmord des Denkens");  gleichzeitig sind hier auch die Anknüpfungspunkte zum 2. Kapitel der "Benedikt-Option" über die geistesgeschichtlichen "Wurzeln der Krise" sind nicht zu übersehen. Bereits im Einleitungskapitel hat Chesterton die leicht boshafte These aufgestellt, 
"daß, wie das 18. Jahrhundert sich für das Zeitalter der Vernunft, das 19. Jahrhundert sich für das Zeitalter des gesunden Menschenverstandes hielt, das 20. Jahrhundert sich bis jetzt nur für das Zeitalter eines ungesunden Menschenverstandes halten kann" (S. 20); 
was würde er wohl erst zum einundzwanzigsten sagen? Ein paar Seiten später tadelt er, "die modernen Schriftsteller" gingen "ohne Nachprüfung von der Annahme aus, daß alles geistige Freiwerden den Menschen von der Religion weg und zum Unglauben hinführen müsse, und so haben sie blindlings und öde das charakteristischste Merkmal des Religiösen überhaupt aus dem Auge verloren" (S 27). In einem ähnlichen Zusammenhang heißt es auf S. 49, im Viktorianischen Zeitalter sei die abstruse Auffassung aufgekommen,
"nur die Häretiker hätten der Welt je geholfen, nur diejenigen, die die mittelalterliche Kultur fast zerstörten, könnten bei dem Aufbau der modernen Welt von Nutzen sein. Diese Auffassung hat eine Menge der merkwürdigsten Fabeln hervorgebracht, so die, daß die Kathedralen eigentlich von einem Geheimbund von Freimaurern erbaut worden seien, oder daß das Epos des Dante eine Geheimschrift sei, die auf die politischen Hoffnungen Garibaldis hinweise."
Tatsächlich trifft man ja auch heute noch, besonders im Internet (oder in Kneipen), Leute, die derartigen Schwachsinn buchstäblich für wahr halten und weiterverbreiten. Chesterton hingegen stellt klar:
"Aber derartige Verallgemeinerungen sind schon von vornherein unwahrscheinlich und entsprechen auch nicht den Tatsachen. Diese mittelalterliche Zeit war im Gegenteil eher eine Periode gemeinnützigen und körperschaftlichen Denkens und in mancher Hinsicht wirklich weiter und umfassender als das individualistische Denken unserer Zeit." 
Das Kapitel "Eine Betrachtung über die Manichäer" enthält exzellente Passagen über das rechte Verständnis christlicher Askese und zur Zurückweisung des verbreiteten Vorwurfs der Lebens-, Leib- und Weltfeindlichkeit, und natürlich ist auch das ein Thema, das allerlei Anknüpfungspunkte gegenüber der "Benedikt-Option" aufweist. "Wie weit katholische Aszese auch gehen mag, in jedem Fall ist sie eine mehr oder minder weise Vorsichtsmaßregel gegen das Übel des Sündenfalles. Niemals aber bedeutet sie einen Zweifel an das Gute der Schöpfung", stellt Chesterton klar (S. 96); und er macht sich lustig über die verbreitete, aber irrige Vorstellung, "daß die katholische Kirche die sexuelle Sphäre als etwas Sündiges betrachte": "Wie es dann möglich ist, daß die Ehe als Sakrament gilt, wenn doch Sex Sünde sei, oder warum die Katholiken die Geburten fördern, während ihre Gegner für Geburtenbeschränkung eintreten, das herauszufinden überlasse ich der Kritik" (S. 94). Im Essay über Franz von Assisi taucht das heiß umstrittene Thema "Kirche und Sexualmoral" abermals auf: 
"In dem Augenblick, da der Geschlechtstrieb aufhört, Diener zu sein, wird er zum Tyrannen. Es liegt, aus welchem Grunde auch immer, etwas Gefährliches und Übertriebenes in der Bedeutung, die man ihm in der menschlichen Natur beimißt, und er bedarf wirklich einer besonderen Reinigung und Weihe." (S. 216)
Diese Zeilen könnten fast wortwörtlich auch im 9. Kapitel der "Benedikt-Option" stehen; sinngemäß jedenfalls tun sie es. -- Aus Chestertons Ausführungen darüber, wie die neuzeitliche Philosophie im Vergleich zu derjenigen des Hl. Thomas buchstäblich den Verstand verloren habe, ließe sich noch allerlei zitieren, aber das würde hier wohl den Rahmen sprengen. Wenden wir uns lieber dem mit Spannung erwarteten Essay über Franz von Assisi zu, denn der ist wirklich brillant; so brillant, dass es schwerfällt, daraus zu exzerpieren, weil man sich dann ja dazu entschließen müsste, etwas wegzulassen. Sehr schön sind schon die einleitenden Ausführungen dazu, warum es für den modernen Menschen so schwierig ist, eine Gestalt wie den Hl. Franziskus zu begreifen; und die kirchengeschichtliche Einordnung der Situation, in der der Hl. Franziskus lebte und wirkte, schließt gewissermaßen eine Lücke in dem historischen Abriss, den Freund Rods "Benedikt-Option" liefert, nämlich die Lücke zwischen der Zeit des Hl. Benedikt und dem von Rod als Ursprung der modernen Malaise identifizierten "schrecklichen 14. Jahrhundert". Interessant ist da nicht zuletzt auch die Beobachtung Chestertons, der moderne Mensch neige intuitiv dazu, die Lebenszeit des Hl. Franz "der Frühzeit der Kirche" zuzurechnen, obwohl die Kirche damals tatsächlich "bereits älter als tausend Jahre" war; noch genauer auf den Punkt gebracht, steht Franz von Assisi unserer heutigen Zeit chronologisch näher als der Zeit der ersten Christen. 
"Die Kirche sah damals alt aus wie jetzt, und wie jetzt gab es manche, die da glaubten, sie liege in den letzten Zügen. In Wahrheit war die Rechtgläubigkeit nicht gestorben, sie mag jedoch  sterbenslangweilig gewesen sein. Sicher ist, daß manche Leute anfingen, sie für sterbenslangweilig zu halten." (S. 233)
Die Schlussfolgerung daraus liegt auf der Hand: Wenn es damals möglich war, quasi aus dem Nichts eine Bewegung zu schaffen, die die alt und müde gewordene Kirche wieder jung, frisch und vital erscheinen ließ, wieso sollte es nicht auch heute möglich sein? -- Was Chesterton über die eigentliche Biographie des Heiligen schreibt, ist nicht weniger fesselnd und faszinierend. Besonders hervorhebenswert erscheint mir, dass der Autor den poverello von Assisi zwar als hinreißend sympathisch schildert, dabei aber gleichzeitig sehr deutlich macht, dass der Heilige durchaus nicht der softe, harmlose Proto-Hippie war, als der er durch allerlei Kindergottesdienst-Materialien, NGL-Liedtexte und den Zeffirelli-Film "Bruder Sonne, Schwester Mond" geistert. Ein Aspekt, der damit durchaus zusammenhängt, ist für die Frage nach der #BenOp-Relevanz des Buches von ganz zentraler Bedeutung: der Aspekt des von Chesterton stark betonten Kontrasts zwischen der franziskanischen Bewegung und dem älteren, auf den Hl. Benedikt zurückgehenden Klosterwesen. Zunächst einmal erkennt Chesterton die auch von Rod Dreher hervorgehobene, kaum zu überschätzende Bedeutung des benediktinischen Mönchtums für den Aufbau der europäischen Zivilisation ausdrücklich an: Mit seinen "Ratschläge[n] zur Vollkommenheit", die "immer die Form von Gelübden der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams angenommen" hätten, mit seinen "unweltlichen Zielen" also habe das christliche Klosterwesen "einen großen Teil der Welt zivilisiert": "Die Mönche hatten die Leute pflügen und säen wie auch lesen und schreiben gelehrt. Tatsächlich hatten sie die Menschen beinahe alles gelehrt, was die Menschen wußten." (S. 219) Gleichwohl, argumentiert Chesterton, habe die besondere Leistung und, wenn man so will, das Erfolgsrezept der franziskanischen Bewegung gerade darin gelegen, worin sie sich vom älteren Mönchtum unterschied, ja diesem geradezu entgegengesetzt war: 
"In einem treffenderen Sinn, als ihn die Antithese gewöhnlich ausdrückt, ist es wahr, daß der hl. Franziskus verstreute, was der hl. Benedikt  gesammelt hatte. Was aber in der Welt des Geistes wie Korn in den Speichern aufbewahrt lag, wurde die Samen über die Erde verstreut. Die Diener Gottes, die eine belagerte Garnison gewesen waren, wurden zu einer marschierenden Armee." (S. 276) 
Interessant ist diese Gegenüberstellung nicht zuletzt deshalb, weil im Zuge der Kritik an Rod Drehers "Benedikt-Option" zuweilen die Idee einer "Franziskus-Option" als Gegenentwurf durch die religiös-politischen Feuilletons waberte. Zumeist (wenn auch nicht ausnahmslos) basierten diese Entwürfe auf einer übertriebenen bzw. verzerrten Darstellung der #BenOp als einer von Pessimismus geprägten, isolationistischen und rein defensiven "Wagenburg-Strategie", auf die mit einem optimistischen, weltoffenen Ansatz zu antworten sei, nämlich eben der "Franziskus-Option", die sich mindestens ebenso sehr auf den gegenwärtigen Papst beruft wie auf dessen Namenspatron aus Assisi. "An die Ränder gehen" und so. Na, dann schauen wir uns doch mal an, wie Chesterton den Unterschied zwischen dem benediktinischen und dem franziskanischen Ansatz sieht. 
"Der hauptsächliche Unterschied [...] lag natürlich in der Idee, daß die Mönche ein fast nomadisches Wanderleben führen sollten, statt fest ansässig zu bleiben. Sie sollten sich mit der Welt mischen. Und darauf antwortete der mehr altmodische Mönch natürlich mit der Frage, wie sie sich denn mit der Welt mischen wollten, ohne in die Welt verstrickt zu werden. Das war eine viel ernstere Frage, als sich eine lockere Frömmigkeit klarmachen mag. Aber der heilige Franziskus gab eine Antwort, die genau seiner Persönlichkeit entsprach [...]. Sein Argument war, daß der geweihte Mann überall hingehen könne, zu allen Menschen, selbst den schlimmsten, solange es nichts gebe, womit sie ihn halten könnten. Wenn er aber Bande oder Bedürfnisse wie die gewöhnlichen Menschen hätte, so würde er den gewöhnlichen Menschen gleich werden." (S. 278f.) 
Bäm. Wir sehen hier: Die Forderung "Gleicht euch nicht dieser Welt an" (Römer 12,2) bleibt vollumfänglich in Kraft -- und da das Leben "mitten in der Welt" es im Vergleich zum Leben im Kloster schwieriger macht, diese Forderung zu erfüllen, werden verschärfte Maßnahmen angewandt, um der Gefahr der Verweltlichung vorzubeugen. 
"In einer Beziehung war der [Franziskaner-]Bruder tatsächlich fast das Gegenteil eines Mönches. Der Wert des alten Klosterlebens hatte darin bestanden, daß es nicht nur ein ethischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Rückhalt war. [...] Für den Mönch war es charakteristisch, daß alle wirtschaftlichen Belange mit seinem Eintritt ein für allemal erledigt waren. Er wußte, wo er sein abendliches Mahl bekommen würde, wenn es auch ein sehr einfaches Mahl war. Hingegen war es für einen Bruder charakteristisch, daß er nicht wußte, wo er sein abendliches Mahl bekommen würde. Es bestand immer die Möglichkeit, daß er gar nichts bekam." (S. 285) 
In diesem Zusammenhang weist Chesterton auch auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass die anfängliche Skepsis der kirchlichen Hierarchie gegenüber der franziskanischen Bewegung wohl in erster Linie der Sorge entsprang, "ob die Regel [der Franziskaner] nicht allzu hart für die menschliche Natur sei. Denn die katholische Kirche ist immer auf der Hut vor einem zu weit gehenden Asketentum und dessen Übeln" (ebd.). -- Mit anderen Worten: Die "franziskanische Option", richtig verstanden, ist gegenüber der "benediktinischen" keineswegs die mildere, sondern ganz im Gegenteil die wildere, die radikalere und gefährlichere Variante. Ich denke da zum Beispiel an die Franziskaner der Erneuerungdie sich gezielt in den schlimmsten, von Armut, Drogensucht und Gewaltkriminalität gebeutelten Gegenden niederlassen. Wer dieser Option den Vorzug geben möchte: bitte gerne. Aber man muss eben wissen, worauf man sich einlässt. Wer von einer "Franziskus-Option" spricht und darunter ein anspruchsloses Kuschelchristentum versteht, der hat nun wirklich überhaupt nichts begriffen. -- Aus "punkiger" Perspektive hingegen hat die franziskanische Option (wie gesagt: wenn man zu einem solchen Maß an Radikalität bereit ist) durchaus unverkennbare Vorzüge: 
"Besonders ein Unterschied zwischen den alten Mönchen und den neuen Brüdern erwies sich jedoch gerade für die praktische und rasche Durchführbarkeit von Wert. Den alten Gemeinschaften mit ihrer stabilitas loci und ihrem abgeschlossenen Leben haftete die Beschränktheit eines gewöhnlichen Haushalts an. Wie einfach sie auch lebten, benötigten sie doch eine gewisse Zahl von Zellen oder wenigstens Betten, in jedem Fall jedoch einen gewissen Raum für die jeweilige Anzahl von Mitbrüdern. Die Zahl der Mönche hing deshalb ab vom Landbesitz und vom Baumaterial. Franziskaner konnte man hingegen durch das bloße Versprechen werden, mit Glück am Wegesrand Beeren zu finden oder eine Brotrinde aus einer Küche zu erbetteln, unter einer Hecke zu schlafen oder geduldig an einer Türschwelle zu sitzen. Es gab daher keinen wirtschaftlichen Faktor, der die Zahl der exzentrischen Enthusiasten begrenzte, gleichgültig wie schnell sie auch anwuchs." (S. 281f.) 
Abschließend möchte ich noch ein paar Einzelaspekte hervorheben. Im Zusammenhang mit der bekannten Anekdote, derzufolge der Hl. Franz den in einer Vision empfangenen Auftrag, das verfallene Haus Gottes wieder aufzurichten, zunächst ganz wörtlich versteht und sich daran macht, eigenhändig eine baufällige Kirche instandzusetzen, findet sich bei Chesterton eine Passage, die das Herz des Graswurzelrevolutionärs höher schlagen lässt: "Kirchen baut man nicht, indem man für sie bezahlt, und bestimmt nicht mit dem Geld anderer Leute. Kirchen baut man nicht einmal, indem man mit eigenem Geld für sie bezahlt. Kirchen baut man, indem man sie baut" (S. 240f.). Ganz großes Tennis! Eine Passage, mit der man die AG Gendergerechtigkeit ärgern kann, hat das Buch ebenfalls aufzuweisen. Mit Blick auf den berühmten "Sonnengesang" des Hl. Franz, in dem leblose Dinge als "Bruder" und "Schwester" angesprochen werden, lobt Chesterton den "feine[n] Instinkt für Differenzierung", den der Heilige an den Tag lege -- "beispielsweise den Sinn für den Geschlechtsunterschied": "Nicht umsonst nannte er Feuer seinem Bruder, wild, lustig und stark, und Wasser seine Schwester, rein, klar und unberührt." (S. 269) Siehst du, werter Leser, die wutverzerrten Gesichter vor dir, die beispielsweise die Vertreterinnen und Sympathisanten der Zweinullerbewegung angesichts solcher Zuschreibungen aufsetzen würden? Ich sehe sie! Und schließlich ein sehr schöner Satz, den man sich getrost übers Bett hängen kann: 
"Allerdings ist es, im Gegensatz zur Meinung der Pazifisten und Übergerechten, nicht die geringste Inkonsequenz, wenn wir die Menschen lieben und sie bekämpfen, sobald wir sie ehrlich und um einer guten Sache willen bekämpfen." (S. 232) 
Was sagen wir nun also abschließend zu diesen beiden Heiligenbiographien aus der Feder des großen Chesterton? Wir sagen: Absolut großartig, muss man lesen! In der Rangliste ordne ich das Buch dennoch hinter Carretto ein, aus dem einzigen Grund, dass dessen Büchlein praxisorientierter ist und stärker darauf abzielt, den Leser zu aktivieren. Aber davon abgesehen reicht keines der seit dem Advent gelesenen Bücher auch nur entfernt an dieses heran. 
  
  • Matt Ruff: Fool on the Hill 
Zu diesem Buch hatte ich schon ziemlich früh zu Protokoll gegeben, dass es zwar "hübsch skurril" und "flott lesbar" sei, aber infolge der "aufreizenden Oberflächlichkeit der Story" auch "etwas Ärgerliches" an sich habe. Im weiteren Verlauf der Lektüre nahm der letztere Aspekt mehr und mehr überhand: In dem Maße, wie der ursprüngliche Reiz des "Frechen" und "Unkonventionellen" sich abnutzte, wuchs in mir die Überzeugung, dass die phantastischen wie auch die grotesk-komischen Elemente, mit denen der Roman aufgemotzt ist, in erster Linie dazu dienen, davon abzulenken, dass die Handlung im Grunde recht banal, ja fast möchte ich sagen: primitiv ist. Ironischerweise findet sich bereits im ersten Drittel des Romans eine Passage, in der ein als verklemmter Spießer gezeichneter Nebencharakter, der Student Brian Garroway, seine Meinung über einen von dem unschwer als Alter Ego des Autors erkennbaren Protagonisten George verfassten Roman kundtut:
"Du schreibst einen ganz ordentlichen Stil [...]. In seiner unausgefeilten Art ganz gut. Abgesehen davon fand ich die Geschichte ziemlich an den Haaren herbeigezogen - ein New-Wave-Artusroman? - und außerdem viel zu lästerlich. Und zu romantisch." (S. 117f.) 
Hey, dachte ich, diese Kritik könnte von mir sein! Später verschärft Brian seine Kritik an George (der ihm inzwischen die Freundin ausgespannt hat) zu der Einschätzung, dieser sei "nur darauf aus, das amerikanische Lesepublikum moralisch zu verderben. Genau wie dieser James Joyce" (S. 366); und auch da war meine spontane Reaktion: Da is' was dran. 

Auch nicht uninteressant ist, dass es in der englischsprachigen Wikipedia-Version eine "Inhaltsangabe" zu diesem Roman gibt, die buchstäblich nichts über seinen Inhalt verrät, jedenfalls wenn man "Inhalt" im Sinne von "Handlung" versteht. Es handelt sich eher um einen Interpretationsansatz, und zwar um einen für mein Empfinden ziemlich an den Haaren herbeigezogenen. Bezeichnend ist dieser Wikipedia-Artikel allerdings auch insofern, als die Handlung des Romans tatsächlich kaum nacherzählbar ist. 

Nach gut drei Achteln des Gesamtumfangs bekam ich erstmals Lust, die Lektüre kurzerhand abzubrechen. Machte ich dann aber doch nicht, zumal die Romanhandlung nach 382 Seiten (!) schlagartig erheblich an Spannung zunahm -- dank der Wiedererweckung eines dämonischen Ungeheuers, das mehr als ein Jahrhundert lang auf dem im Volksmund "Knochenacker" genannten Friedhof der Cornell University geschlafen hat. (Dass ich das hier verrate, sehe ich nicht als Spoiler an, da es bereits diverse Vorausdeutungen auf dieses Geschehen gegeben hat und sogar im Klappentext die Rede davon ist). Ein noch überzeugenderer Grund dafür, das Buch zu Ende zu lesen, bestand indes darin, dass es auf seine Weise etwas ausgesprochen lllustratives an sich hat -- und zwar gerade in denjenigen Aspekten, die mir an ihm missfallen

Der jenseits seines reinen Unterhaltungswertes wohl interessanteste Aspekt des Buches ist,  dass (und auf welche Weise) der Autor sich darin an seinem christlichen Background abarbeitet: Er kommt aus einer Familie frommer Lutheraner, sein Vater war Krankenhausseelsorger, seine Mutter wuchs als Missionarstochter in Südamerika auf. -- Dass der Held des bedeutendsten Nebenhandlungsstrangs des Romans ein Hund namens Luther ist, ist in diesem Zusammenhang noch als vergleichsweise liebenswürdig zu betrachten: Dieser Hund ist ausgesprochen fromm und zugleich ein eindeutiger Sympathieträger. Eine im Kosmos dieses Romans geradezu einzigartige Kombination, möchte ich hinzufügen. Sehr viel bezeichnender und für eine Analyse des Romans aus #benOppiger Sicht geradezu zentral ist eine Passage, in der die weibliche Hauptfigur Aurora den Protagonisten George fragt, was er eigentlich gegen Christen habe. George reagiert ausweichend: Er habe gar nicht grundsätzlich etwas gegen Christen, vielmehr sei er "schlicht gesagt ein Vertreter der Eisdielen-Theorie des Christentums": "Einunddreißig Geschmacksrichtungen. Daß du Zitrone nicht magst, bedeutet nicht, daß du den ganzen Laden boykottierst" (S. 301). Bei der "Geschmacksrichtung", die George (und mit ihm wohl der Autor) "nicht mag", soll es sich offenbar in erster Linie um das erzkonservative "Moral Majority"-Christentum handeln, das zur Entstehungszeit des Romans gerade gesellschaftspolitisch im Aufwind war und das innerhalb der Romanhandlung primär durch den oben schon erwähnten Brian Garroway repräsentiert wird: führendes Mitglied der Campusgruppe "Cornellianer für Christus", "ein überzeugter Christ, unerschütterlich in seinem Glauben und ein erklärter Gegner von Drogen, Alkohol, Zigaretten und Pornographie" (S. 65). Das Vorzeigebeispiel dafür, dass Christen auch anders sein können, soll dagegen offenbar Aurora verkörpern, die sich - "[t]rotz des Kreuzes [...], das sie um den Hals trug, und trotz des dazugehörigen dogmatischen Überbaus" Gott insgeheim als weiblich vorstellt:
"Es war eine romantische Vorstellung, und Aurora hätte sie Brian und den anderen Christlern niemals erklären, geschweige denn vor ihnen rechtfertigen können. Also glaubte sie einfach daran, in aller Stille und ganz für sich allein" (S.159).
Na ganz toll. Als in der oben angesprochenen Religionsdiskussion mit George ein zufällig vorbeikommender Dritter einwirft, George habe "zufällig eine Voreingenommenheit zugunsten aller Arten von Ausgestoßenen", und das mache ihn "zu einem natürlichen Gegner jeder organisierten Religion" (S. 301), wirft Aurora ein: "Auch Christen können Ausgestoßene sein" (S. 302). Diese zunächst auf Unverständnis stoßende Aussage untermauert sie mit der Feststellung:
"Spricht man von Gott in einer Weise, die nicht nach hundert Prozent reiner Theorie klingt, endet das Gespräch so prompt, als habe jemand den Stecker rausgezogen." (ebd.) 
Das ist sehr fein beobachtet, aber trotzdem werde ich nicht recht warm mit dieser Aurora -- die sich übrigens später auf dem Heuboden ihres Elternhauses ausführlich von George entjungfern lässt. Dieser wiederum hat bereits bei seinem allerersten Auftritt im Roman einem Hund davon erzählt, dass er sein erstes Mal im zweiten Jahr auf der High School mit einer Katholikin hatte, die er zu diesem Zweck erst einmal betrunken machen musste: "Bei ihrer nächsten Beichte gelangte Caterina zu der Überzeugung, daß wir eine Todsünde begangen hatten, und machte Schluß mit mir" (S. 23). Ich weiß auch nicht: Irgendwie scheint es mir charakteristisch für eine bestimmte Spielart von Gegnern des Christentums (wozu insbesondere frustrierte Ex-Christen gehören), dass sie Jungfräulichkeit nicht ertragen können. So als wüssten sie, dass der Jungfräulichkeit eine geheimnisvolle Macht innewohnt, die sie brechen zu müssen glauben.

Nebenbei bemerkt scheint der Autor der Überzeugung zu sein, konservative Christen würden auf den bloßen Anblick gleichgeschlechtlicher Liebespaare ähnlich reagieren wie Vampire auf Sonnenlicht oder Superman auf Kryptonit, und deshalb mutet er seinen einschlägigen Charakteren solche Anblicke mehrfach mit unverhohlener Schadenfreude zu. -- Man würde ja erwarten oder sich zumindest wünschen, dass jemandem mit einem familiär-religiösen Hintergrund, wie Matt Ruff ihn hat, im Rahmen einer Distanzierung vom (bzw. kritischen Auseinandersetzung mit dem) Christentum mehr und Anderes einfiele, als gläubige Christen pauschal als Langweiler, Spießer und/oder Sexualneurotiker zu veralbern; in dieser Hinsicht ist das Buch eine grobe Enttäuschung. 

Die Abwehrhaltung gegenüber dem gesellschaftspolitisch konservativen Backlash der Reagan-Ära prägt den Roman indes auch über die Religionsdiskussion hinaus; schließlich liegt es nahe, dass eine "progressive" Universität wie Cornell - an der der Autor studierte und diesen Roman als Abschlussarbeit im Fach "Kreatives Schreiben" einreichte und die, wenn auch in grotesk-phantastisch überzeichneter Gestalt, auch den Schauplatz des überwiegenden Teils der Romanhandlung abgibt - sich als eine bedeutende Bastion des Widerstands gegen "rückschrittliche" Tendenzen sehen möchte. Ironischerweise macht der Roman allerdings die programmatische Schwäche der (damals noch) "Neuen Linken" schmerzhaft deutlich: Verschiedene positive Identifikationsfiguren des Romans betrachten sich als "links", aber man hat den Eindruck, selbst wenn ihr Leben davon abhinge, könnten sie keine auch nur halbwegs plausible Erklärung dafür liefern, was das überhaupt heißen soll. Man ist gegen alles, was irgendwie rechts ist - gegen Ronald Reagan (S. 178ff.), William F. Buckley (S. 308f.), Lyndon LaRouche (S. 299f.), die (fiktive) Studentenverbindung Rho Alpha Tau und den Ku-Klux-Klan, so als wäre das alles mehr oder weniger dasselbe -, aber positiv entgegenzusetzen hat man dem nicht viel mehr als "freie Liebe" und einen vagen Nonkonformismus, der, abgesehen vom Protagonisten George, am reinsten von der Clique der sogenannten Bohemier verkörpert wird. Dabei handelt es sich um einen betont exzentrisch auftretenden Club von Studenten, der offenbar als eine Art Gegenentwurf zu den elitären Greek Letter Societys gedacht ist, aber tatsächlich auf seine Art nicht weniger elitär ist als diese -- und es ist einigermaßen verblüffend, wie offenherzig der Autor das eingesteht: 
"Sicher, viel von dem, was die Bohemier taten, war nicht im eigentlichen Sinn des Wortes originell - Löwenherz verdankte, was den Kleidungsstil seiner Mitkombattanten anging, einen Großteil seiner Einfälle Greenwich Village, wo er aufgewachsen war; die Finanzierung des kavalleristischen Aspektes der Gruppe verdankte er wiederum dem beträchtlichen, aus der Alten Welt stammenden Vermögen seiner Eltern". (S. 128)
Mich persönlich erinnern die Bohemier an nichts so sehr wie an die Life and Death Brigade aus "Gilmore Girls" (und wer weiß, womöglich waren sie sogar ein Vorbild für diese); kurz gesagt, es sind keine Revolutionäre, sondern Dandys, und so erscheint es einigermaßen folgerichtig, dass es auf Ruffs fiktionalisiertem Cornell-Campus auch eine (ihrem Selbstverständnis nach) stärker politisch ausgerichtete Abspaltung von den Bohemiern gibt, nämlich die "Blauen Zebras": "Während die Bohemier das Evangelium des Nonkonformismus predigten, brachten Fantasy und ihre Zebras [...] die Frohe Botschaft der Konfrontation und des Widerspruchs unter die Leute" (S. 147). Aber auch diese Gruppierung hat eher "Spaßguerilla"-Charakter und profiliert sich mit Nonsens-Forderungen wie "Selbstverteidigungstraining für Robbenbabys" (S. 145) -- was mir aus liturgischer Sicht natürlich gut gefällt; okay, Insiderwitz, 'Tschuldigung. So ziemlich das einzige politisch-weltanschauliche Thema, das mit einigem Ernst behandelt wird - das dann aber umso ausgiebiger -, heißt Rassismus. Der gesamte Hunde-Handlungsstrang dreht sich mehr oder weniger um dieses Thema, nämlich um die Feindschaft zwischen reinrassigen Hunden und Mischlingen. Aber auch unter den menschlichen Romancharakteren sind die richtig üblen Bösewichter durchweg Rassisten. Zudem legt der Autor eine auffällige Vorliebe für "gemischtrassige" Liebespaare an den Tag -- wobei ausgerechnet das Protagonistenpärchen George und Aurora eine auffällige Ausnahme bildet. Ein bisschen verräterisch, will mir scheinen. Dass das Thema Rassismus so eine prominente Rolle spielt, sieht mir überhaupt ein bisschen nach billigem und unoriginellem virtue signalling aus: Ich dächte, es gäbe einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Rassismus böse und falsch ist, und soweit ich mich erinnere, gab es diesen Konsens auch in den 80ern schon; was also treibt den Autor um, dass er uns seinen Antirassismus derart dick aufs Brot schmieren muss? (Gewiss: Dieselbe Frage könnte man, beispielsweise, auch an die Harry-Potter-Reihe stellen.)

Man könnte nun sagen, dieses virtue signalling stehe in einem etwas heiklen Spannungsverhältnis zu dem bei jeder Gelegenheit strapazierten Bekenntnis zum Nonkonformismus. Ich glaube allerdings - und das ist zugegebenermaßen ein noch etwas unausgegorener Gedanke -, dass gerade dieses Spannungsverhältnis zentral für das Verständnis des Romans ist. Ebenso wie die Tatsache, dass dieser Roman die Abschlussarbeit des Autors an der Uni war, denn das impliziert ja bereits, dass er ihn zu dem Zweck geschrieben hat, eine spezifische Form von Anerkennung zu ernten. Anerkennung seitens einer Zielgruppe, die eine rebellische Attitüde schätzt. Ja, das ist paradox. Aber menschlich. Viel mehr ist an Ruffs Verständnis von "Nonkonformismus" auch nicht dran als die Maxime "Lebe so, dass es die Spießer schockiert". Dafür, dass diese Haltung auch mir durchaus nicht fremd ist, legen meine Haartracht, meine T-Shirts und nicht selten auch mein aktiver Wortschatz durchaus beredt Zeugnis ab, aber wenn sie sich nicht mit höheren Idealen verbindet, wird sie doch recht schnell hohl und fade. 

Wie dem auch sei: Trotz aller Kritik kann ich mich einer gewissen Sympathie für diesen Roman und seine Charaktere letztlich doch nicht erwehren, und gemessen daran, dass ich mich oben noch über seine "aufreizende Oberflächlichkeit" beschwert habe, hat die Analyse ja doch einige ganz interessante Ergebnisse hervorgebracht. Somit qualifiziert sich der "Fool on the Hill" zwar definitiv nicht für die Rangliste, aber eine "nicht-direkt-lobende Erwähnung" in der Abschlusswertung verdient der Roman wohl doch. 


Der neue Zwischenstand der Rangliste sieht aus wie folgt: 

1. (1) Carlo Carretto: Wir sind Kirche
2. (NE) G.K. Chesterton: Thomas & Franz
3. (2) Norbert Baumert (Hg.): Jesus ist der Herr
4. (3) Georg Friedrich Rebmann: Ideen über Revolutionen in Deutschland
5. (4) Sr. M. Lucia (Hg.): Umkehr - Heiligung - Freude in Gott
6. (5) Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V.
7. (6) Karl May: "Weihnacht!"
8. (NE) Maxim Gorki: Wanderungen durch Russland
9. (7) George Orwell: Mein Katalonien
10. (8) Martin Klein: Lene und die Pappelplatztiger 
Die Zahl der Bücher, die die Qualifikation für die Rangliste nicht geschafft haben, erhöht sich (genauer gesagt: verdoppelt sich!) auf sechs: Südsee, Pilgern, Wölfe, Winteraustern, Level 4, Fool on the Hill. -- Soweit, so gut; nun aber auf zur Prognose für Etappe 4!

(Hinweis: Diese Prognose habe ich verfasst, BEVOR ich mit der 4. Leseetappe angefangen habe, und auch wenn das nun schon ein paar Wochen her ist, habe ich seither nichts mehr daran verändert.) 

  • Juli Sommermond: Tod einer Kinderseele, Bd. I 

Dieses Buch wurde von einer Frau aus unserer Pfarrgemeinde - einer Freundin, darf man wohl sagen - in unserem Büchereiregal hinterlegt, mit einigen Anmerkungen auf einem hineingelegten Blatt Papier; es folgten dann noch ein paar mündliche Mitteilungen an mich. Sie kennt die Autorin ("Juli Sommermond" ist, wie man sich wohl denken kann, ein Pseudonym) nämlich persönlich, oder kannte sie jedenfalls früher mal, zu einer Zeit nämlich, als die Autorin ebenfalls Mitglied unserer Pfarrgemeinde war. Das macht die Sache natürlich von vornherein interessant. Es handelt sich um den ersten Teil einer insgesamt dreibändigen, im Selbstverlag publizierten Autobiographie, die zugleich wohl auch als Geschichte einer spirituellen Suche angelegt ist. Schon der Klappentext macht auf mich einen etwas... sagen wir mal... überspannten Eindruck, aber neugierig auf den Inhalt bin ich allemal. 

  • William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit 

Ein Fundstück aus einer Büchertelefonzelle, ich wüsste aber beim besten Willen nicht mehr, aus welcher. Ein Klassiker der Weltliteratur jedenfalls -- und somit gemäß der Regeln, die ich letztes Jahr aufgestellt habe, von vornherein nicht qualifiziert für die Rangliste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte. Dafür aber 937 Seiten stark, daa Nachwort von Herbert Kühn (in dem es - es handelt sich um eine DDR-Ausgabe - wahrscheinlich wieder einmal darum geht, dem Roman mit einer ideologisch konformen Lesart nachzurüsten)  noch nicht mal mitgerechnet. Da könnte man jetzt natürlich fragen: Ist es dann nicht ziemliche Zeitverschwendung, das zu lesen, während eine unüberschaubare Menge zumindest potentiell #BenOp-relevanter Bücher auf mich wartet? Darauf antworte ich: Kann sein. Wird sich zeigen. Wenn ich im Zuge der Lektüre tatsächlich den Eindruck bekomme, meine Zeit zu verschwenden, kann ich die Lektüre immer noch abbrechen. Vielleicht ist das Buch abetrja auch gut genug, um es ganz "zweckfrei" zu lesen. Stanley Kubrick wollte den Roman verfilmen, entschied sich dann aber für ein anderes Werk des Autors, "Barry Lyndon"; er soll geäußert haben, Thackeray schreibe derart filmisch, dass man gar kein adaptiertes Drehbuch brauche, sondern einfach mit aus dem Roman herausgerissenen Seiten ans Set kommen und sie eins zu eins verfilmen könne. Gleichzeitig kann man wohl sagen, dass Thackeray rezeptionsgeschichtlich ziemlich tief im Schatten seines ein Jahr jüngeren Zeitgenossen Dickens steht. Na, ich bin jedenfalls gespannt, was mich erwartet. 

  • Georg Holmsten: Die Königin von Saba 

Ebenfalls aus einer Büchertelefonzelle: Ein historischer Roman aus den 50er-Jahren, über den man online so gut wie nichts in Erfahrung bringen konnte, außer dass offenbar noch recht viele Exemplare antiquarisch gehandelt werden. Könnte sich also - biblisches Sujet hin oder her - um zu Recht in Vergessenheit geratene Massenware handeln; der Untertitel "Geheimnisvoller Orient" wirkt nun auch nicht unbedingt vertrauenerweckend. Aber warten wir's mal ab; immerhin hat der Autor auch historische Sachbücher verfasst, darunter die Rowohlt-Monographien über Friedrich II., Voltaire, Rousseau und den Freiherrn vom Stein. Und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde er auch. All das sagt aber natürlich nichts über die Qualität oder Pfarrbücherei-Tauglichkeit seines Romans aus (von eventueller #BenOp-Relevanz gar nicht erst zu reden), oder wenn doch, dann nicht zwingend etwas Positives... 

  • Gabriel Mandel: Das Reich der Königin von Saba 

Auch ein Fund aus einer Büchertelefonzelle. Nein, ich habe es nicht zusammen mit dem ähnlich betitelten Roman von Holmsten entdeckt, aber es erscheint mir reizvoll, beide Bücher in derselben Etappe zu lesen. Mandels Buch ist nämlich ein archäologisches Sachbuch. Da kann man dann gleich mal sehen, wie viel Holmstens "historischer Roman" in historischer Hinsicht taugt. Darüber hinaus weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, was ich mir von Mandels Buch versprechen soll; aber dass es für die Pfarrbücherei taugt, kann ich mir durchaus gut vorstellen.


  • Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes 

Dieses ist, msn ahnt es bereits, das "mutmaßlich rechtgläubige" Buch dieser Etappe; ich habe es vor gut zweieinhalb Jahren beim Tag der Offenen Tür im Priesterseminar des Neokatechumenalen Weges in Berlin-Biesdorf abgestaubt und damals auch gleich angefangen, es zu lesen, bin aber, wie ein seitdem in dem Buch steckendes Lesezeichen beweist, damals nicht über S. 184 (von 376) hinausgekommen. Obwohl ich es sehr interessant fand. Na, jetzt bin ich, was das Lesen angeht, ja wesentlich besser im Training. Übrigens habe ich schon "damals" einige Leseeindrücke aus dem Buch in einem Blogartikel festgehalten. An viel mehr als die dort wiedergegebenen Exzerpte erinnere ich mich ehrlich gesagt nicht mehr, oder zumindest nicht mehr präzise; Thema des Buches ist jedenfalls die Krise der katholischen Kirche bzw., was noch gravierender ist, des katholischen Glaubens nach dem II. Vatikanischen Konzil; und ich würde mal sagen, dieses Thema hat seither nicht an Aktualität verloren. Eher im Gegenteil.


Wenn ich diese Leseliste so überblicke, dann scheint es mir, die 4. Etappe könnte der 3. den Titel der hinsichtlich der #BenOp-Relevanz bislang schwächsten Leseetappe gleich wieder abjagen. Es erscheint mir durchaus denkbar, dass nur Hildebrand es in die Rangliste schafft, und auch von diesem erwarte ich eigentlich nicht, dass er es mit Chesterton aufnehmen kann. Aber eingedenk dessen, was ich in der Einleitung zu diesem Artikel geschrieben habe, bleibe ich guten Mutes, dass es möglicherweise auch ganz anders kommt...



Montag, 17. Februar 2020

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (6. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Fangen wir mal mit dem Positiven an: Ichgabe in der zurückliegenden Woche sehr viele schöne Momente mit meiner Tochter erlebt, die - so kommt es dem stolzen Papi zumindest vor - in jüngster Zeit rasante Fortschritte in ihren kognitiven Fähigkeiten und ihrem sprachlichen Ausdrucksvermögen macht. Tag für Tag schafft sie es, mich zu verblüffen. Wenn ich daran denke, wie viel davon ich verpassen würde, wenn ich einen handelsüblichen 38,5-Stunden-Job in irgendeinem Büro oder dergleichen hätte, dann bin ich ausgesprochen glücklich über mein Leben als "Stay-at-Home-Dad". Die Kehrseite der Tatsache, dass mein Kind - auch durch einen wohl zumindest teilweise durch Erkältung und einen kurz vor dem Durchbruch stehenden Backenzahn bedingten unregelmäßigen Schlafrhythmus - meine Zeit, Aufmerksamkeit und Energie derzeit sehr stark beansprucht, besteht indes darin, dass ich in dieser Woche in Hinblick auf meine Tätigkeit als Journalist, Essayist, Blogger und #BenOp-/Punkpastoral-Aktivist nicht halb so viel geschafft habe, wie mir lieb gewesen wäre. 

Wobei, immerhin: Am Montag habe ich einen befreundeten Ordenspriester besucht und ihm dabei geholfen, seinen persönlichen Bücherbestand zu reduzieren -- mit anderen Worten, ich habe von ihm einige Bücher als Spende für das Büchereiprojekt entgegengenommen. Habe mich dabei auf 20 Bände beschränkt: überwiegend Theologisches, aber auch ein paar Werke aus den Bereichen Philosophie, Geschichte und Archäologie sowie einige Literaturklassiker (Boccaccio, Cervantes u.a.); besonders gespannt bin ich indes auf das Buch "Apokalypse jetzt!" von Greta Taubert. Könnte mir vorstellen, dass sich das als hochgradig #BenOp-relevant herausstellt -- wobei es angesichts meiner umfangreichen Leseliste vorerst noch nicht abzusehen ist, wann ich wohl mal dazu kommen werde, es zu lesen. 

Am Donnerstag hatte ich dann mein erstes Firmkurs-Modul, unter der Überschrift "Der Schatz im Acker - Jesus erzählt vom Reich Gottes". Sechs Jugendliche nahmen daran teil, und von diesen machte einer auf mich den Eindruck, es sei etwas bei ihm angekommen. Leute, die Erfahrung mit so etwas haben, sagen mir allerdings, das sei gar keine so schlechte Quote; und dass die anderen fünf Jugendlichen eher wenig Reaktion zeigten, muss auch nicht zwingend etwas Schlechtes bedeuten. Mein Modul war allerdings auch anspruchsvoll: Es mutete den Teilnehmern zu, eine Reihe von Impulsen selbständig weiterzudenken, und vor allem im ersten Drittel setzte es methodisch stark auf paradoxe Intervention. Es würde mich daher nicht unbedingt wundern, wenn der eine oder andere den Eindruck gewonnen haben sollte, ich hätte ihnen nahe legen wollen, sich lieber nicht firmen zu lassen. Wenn sie das allerdings ihren Gruppenleitern erzählen, bekomme ich womöglich Mecker... na, ich werd's überleben. Eventuell arbeite ich mein in Stichworten gehaltenes Konzeptpapier für dieses Modul noch zu einem eigenständigen Blogartikel aus, damit auch noch Andere etwas davon haben. Falls ich im Laufe der Woche Zeit dafür finde, haha. 

Davon abgesehen war ich diese Woche recht aktiv auf Twitter, was ja etwas ist, was sich gut "nebenbei" erledigen lässt; das große Thema war hier natürlich das nachsynodale Schreiben "Querida Amazonia" von Papst Franziskus, oder genauer gesagt, die Reaktionen darauf. Noch genauer gesagt waren es ja weniger die Reaktionen darauf, was in dem Schreiben drinsteht, als vielmehr darauf, was zur Enttäuschung der Einen und Erleichterung/Befriedigung der Anderen nicht drinsteht. Mit dem tatsächlichen Inhalt des Schreibens  habe ich mich noch nicht groß befassen können, aber das geht wohl den meisten anderen Kommentatoren genauso. Schade ist es aber doch, denn ich habe die vage Ahnung, "Querida Amazonia" könnte durchaus einige #BenOp- bzw. Punkpastoral-relevante Impulse enthalten. Aber okay, das läuft ja nicht weg. Von Mittwoch bis Freitag war es erst einmal vorrangig, sich am Heulen und Wehklagen der üblichen Verdächtigen von "ZdK", kfd, Maria Zwonull, häretisch.de etc. zu weiden. (Mehr dazu unten in den Linktipps.)  

Am Samstag war eigentlich Krabbelbrunch, und da zwei Mütter, die sich mit ihren Kindern in den letzten Monaten zu Stammgästen dieses Veranstaltungsformats gemausert hatten, diesmal schon im Vorfeld aus unterschiedlichen Gründen hatten absagen müssen, waren wir etwas in Sorge, ob überhaupt jemand kommen würde. Tatsächlich fand sich dann aber eine Familie ein, die wir im November letzten Jahres bei der Tauferinnerungsfeier in St. Rita getroffen hatten, und das war sehr erfreulich. Parallel zum Krabbelbrunch traf sich im Nebenraum der Erstkommunion-Vorbereitungskurs, und auch das fand ich im Prinzip gut: Dann sehen die mal, was wir hier veranstalten, dachte ich mir, und vielleicht haben einige der Erstkommunionkinder ja noch jüngere Geschwister. Der Haken an dieser Überlegung ist allerdings die (wahrscheinlich nicht nur) in dieser Gemeinde tief verwurzelte Angewohnheit, dass jeder sich nur um seinen Kram kümmert und sich nicht dafür interessiert, was andere Gruppen machen. --  Am Sonntag schliefen wir erst einmal gründlich aus, umgingen so den monatlichen Familiengottesdienst und gingen lieber in die Abendmesse. Ob das, mal abgesehen vom Ausschlafen, eine kluge Entscheidung war, erscheint allerdings fraglich. Ich will hier gar nicht auf alle Ärgernisse dieser Messe eingehen, aber die Fürbitten kann ich nicht unkommentiert stehen lassen: Da wurde für all jene gebetet, "die sich nach der Amazonas-Synode deutlichere Signale für eine Erneuerung der Kirche erhofft hatten", für jene, "die im Zuge des Synodalen Weges aufeinander zugehen wollen" -- und das alles in einer so heimtückisch manipulativen Wortwahl... Bisher, so schien es, hatte in unserer Pfarrgemeinde - bei allen sonstigen Konflikten - an dieser kirchenpolitischen Front Waffenstillstand geherrscht, aber das ist nun wohl vorbei. Zum Auszug wurde "Maria Zwonull, du bist allzeit mein Sinn" gesungen. Nein, nicht wirklich; aber unterschwellig drängte sich der Eindruck auf, dass es so gemeint war. 
Was ansteht: Heute Nachmittag hat meine Tochter ihren "Oma-Tag", was für mich bedeutet, dass ich diese Zeit tunlichst nutzen sollte, liegengebliebene Arbeit zu erledigen. Dienstag und Mittwoch sind aller Voraussicht nach mehr oder weniger "business as usual"; am Donnerstag wird in der Schönstatt-Kapelle in Frohnau eine Heilige Messe anlässlich der bevorstehenden offiziellen Eröffnung des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd gefeiert, und da könnte man natürlich hingehen. Man könnte aber stattdessen auch mal wieder zur "Community Networking Night" im Baumhaus gehen. (Ein mehrfach angekündigter Blogartikel darüber, was am Baumhaus so toll ist, ist übrigens in Arbeit und gehört zu den Dingen, die ich in der vergangenen Woche nicht fertig gekriegt habe.) Am Freitag hat meine Liebste, wenn ich richtig informiert bin, mal wieder einen Foodsaving-Einsatz in einem Biomarkt; am Sonntag ist dann Büchertreff, und dazu fehlt uns noch ein "thematischer Beitrag". Okay, irgendwas wird uns schon einfallen, aber das will dann ja auch noch vorbereitet sein. Kurz, es gibt schon wieder mehr als genug zu tun für eine Woche...


aktuelle Lektüre: Laut dem ursprünglichen Zeitplan meiner "100-Bücher-Challenge" hätte ich heute mit der 4. Etappe fertig sein müssen. Bin ich aber noch nicht, und es wird wohl noch ein paar Tage länger dauern. Mit der Auswertung der 3. Etappe bin ich in der zurückliegenden Woche auch nicht großartig vorangekommen. Aber es besteht Hoffnung: Die Bücher, die ich mir für die fünfte Etappe vorgenommen habe, sind zum größten Teil erheblich weniger umfangreich als die zuletzt gelesenen. Es handelt sich - so viel sei schon mal verraten - um einen auf historischen Tatsachen basierenden Roman über Widerstandskämpfer in Odessa während der deutschen Besatzung im II. Weltkrieg, Memoiren eines Klatsch-, äh, Pardon: Gesellschaftskolumnisten, ein Jugendbuch über Liebe im Internet, einen unter Genre-Kennern hoch geschätzten Science-Fiction-/Fantasy-Roman und eine Edition vin Tagebuchnotizen, Briefauszügen und anderen Kleinschriften der Hl. Mutter Teresa. Fast unnötig zu sagen, dass ich mir vom erst- und letztgenannten Buch am meisten verspreche, aber warten wir's mal ab. 

Linktipps: 
Weiter oben war bereits die Rede davon:  Das nachsynodale Schreiben zur Pachamama- Amazonas-Synode war im Vorfeld - und zwar allem Anschein nach besonders hierzulande - mit allerlei sensationellen Erwartungen befrachtet worden; dann kam es am vergangenen Mittwoch endlich raus, und die Öffentlichkeit rieb sich verwundert die Augen: Na sowas, der Papst ist immer noch katholisch, der Rhein fließt doch nicht in den Amazonas (oder umgekehrt); es bleibt beim Nein zur Frauenweihe, und viri probati (Gesundheit!) sind überhaupt kein Thema. Die zwischen Ratlosigkeit und blankem Entsetzen schwankenden Reaktionen der liberal-progressiven "Reformkatholiken", besonders in Deutschland, betrachtet der Theologieprofessor und Catholic Herald-Kolumnist Pecknold mit Gelassenheit und sardonischem Humor. Sehr hübsch auch, wie nonchalant er das im Gefühl seiner angemaßten Wichtigkeit oft etwas angeschwollen wirkende "ZdK" auf Normalmaß zurückstutzt, indem er es schlicht als "a lay group" bezeichnet. Auch die deutschen Bischöfe, namentlich Kardinal Marx, fasst Pecknold nicht mit Samthandschuhen an. Sein Fazit: Im Zweifel ist immer noch darauf Verlass, dass der Heilige Geist die Geschicke der Kirche lenkt und nicht das dicke Scheckbuch der deutschen Teilkirche. 

Eine 13jährige Schülerin fragt den Pastor ihrer (anglikanischen) Kirchengemeinde, ob es verhältnismäßig sei, einem Jungen "einen zu blasen", wenn dieser ihr dafür ein Menü bei McDonalds  ausgibt, oder ob sie eine teurere Gegenleistung verlangen könne. Ärzte berichten von Ehepaaren mit Kinderwunsch, die erst einmal an "normalen" (d.h. penil-vaginalen) Geschlechtsverkehr gewöhnt werden müssen. Sind das extreme Einzelfälle? Sicherlich. Wahrscheinlich. Möchte man annehmen. Aber solche Extrembeispiele existieren ja nicht im luftleeren Raum; stellt man sie sich als Gipfel vor, dann impliziert das, dass sich unter ihnen ein ganzes Gebirgsmassiv befindet -- das heißt, eine unüberschaubare Masse jeweils für sich betrachtet weniger spektakulärer, dafür aber umso verbreiteterer Symptome einer krankhaften Übersexualisierung der Gesellschaft, die sich in der Summe zu einer ernsthaften Gefahr für den Fortbestand der Zivilisation auswachsen. Das mal als Mahnung an die Adresse all derer, die meinen, mit der Sexualmoral der katholischen Kirche stimme etwas nicht, weil sie sich zu weit "von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt" habe, sowie auch aller anderen, die meinen, was unsere Gesellschaft ganz dringend brauche, sei noch mehr "Offenheit" in sexualibus. Freund Rod meint, angesichts solcher Entwicklungen verspüre er den Drang, ein neues Buch namens "The Benedict Option II: Head for the Hills!" zu schreiben. Also, ich würd's kaufen. Vielleicht muss ich es aber auch selber schreiben. (Wenn ich mal Zeit habe, haha.) 

So, und dann habe ich diese Woche ungewöhnlicherweise noch einen dritten Linktipp. Ich habe überlegt, den folgenden Pressebericht zum Anlass für einen eigenständigen Artikel zu nehmen, aber angesichts der sehr realen Gefahr, dass ich dazu doch nicht komme, handle ich ihn mal kurz und bündig hier ab:

Eine Filmproduktion eines südkoreanischen Fernsehsenders mit dem Titel "I Met You" hat weltweit für Aufsehen gesorgt: In dem Film wird die "Begegnung" einer Frau mit einer mit modernster Computertechnik "erschaffenen" virtuellen Projektion ihrer 2016 im Alter von sechs Jahren an Leukämie gestorbenen Tochter in Szene gesetzt. Der Fall wirft natürlich allerlei Fragen auf, wie zum Beispiel: "Haben diese Leute alle nicht 'Friedhof der Kuscheltiere' gelesen?!?" Aber mal im Ernst: Was ich an der Art, wie die Berliner Zeitung, das alte SED-Blatt, den Vorgang schildert, am frappierendsten finde, sind Formulierungen, die komplett auszublenden scheinen, dass die Frau nicht wirklich ihre verstorbene Tochter trifft. Das fängt mit der Überschrift an und zieht sich durch den ganzen Artikel. Natürlich wiry nicht verschwiegen, dass es sich um eine computergenerierte Simulation handelt, aber unterschwellig wird der Eindruck vermittelt, es gäbe da keinen entscheidenden qualitativen Unterschied. Wir haben es hier gewissermaßen mit einer "technologically enhanced version" der Idee zu tun, dass Verstorbene "in der Erinnerung ihrer Lieben weiterleben" -- was ich schon immer als bekloppte Aussage empfunden habe. Stellt es nicht eine eklatante Missachtung der Würde der verstorbenen Person dar, wenn man sie zu einem bloßen Hirngespinst ihrer Hinterbliebenen degradiert? -- Nun ist es zugegebenermaßen nicht so, dass in der Zeitungsmeldung überhaupt keine Kritik an dieser TV-Produktion laut würde. Doch, die gibt es schon: 
"Während viele Zuschauer starkes Mitgefühl mit der trauernden Mutter zeigten und die Dokumentation lobten, warfen andere den Machern Ausbeutung des Leids der Familie vor."
Ah ja. Dass in einer kapitalistischen Gesellschaft das Streben nach Gewinn als moralisch anrüchig gilt - während dieselbe Gesellschaft ansonsten kaum noch verbindliche moralische Maßstäbe kennt bzw. anerkennt -, wird wohl nie aufhören, mich zu faszinieren. Und sonst so? Auf der Facebook-Seite der Berliner Zeitung kommentierte eine Leserin: 
"Wenn es für die Beteiligten ok und aufarbeitend ist, warum nicht. Kann jeder selbst entscheiden. Ich finde es gut, dass es solch eine möglichkeit gibt..." 
Nun gut, das ist ja heutzutage quasi der Standard-Kommentar zu so ziemlich allem. Aber mal im Ernst: Immer wenn ich so etwas lese oder höre, verspüre ich den Drang, mich auf ein hohes Gebäude zu stellen und in die Welt hinauszurufen "EBEN NICHT!!!". 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 17. Februar: Hll. Gründer des Servitenordens. Sieben wohlhabende Bürger aus Florenz - Bonfilius Monaldi (1176-1262), Bonajunkta Manetti (1206-1267), Manettus dell'Antella (†1268), Amadeus von Amidei (†1266), Hugo Lippi-Ugoccioni (†1282), Sosteneus di Sostegno  (1205-1282) und Alexis Falconieri (ca. 1200-1310) -, die sich im Jahre 1233 zusammentaten, um den "Orden der Diener Mariens" (Ordo Servorum Mariae, daher kurz "Serviten" genannt) zu gründen. Sie verzichteten auf ihren Besitz, lebten auf dem Monte Senario nach der Ordensregel der Augustiner, sorgten für Arme und Kranke und standen schon zu Lebzeiten im Ruf der Heiligkeit. 

Freitag, 21. Februar: Hl. Petrus Damiani (ca. 1007-1072),  Bischof und Kirchenlehrer. Benediktinermönch und Kirchenreformer, übte scharfe Kritik an moralischen Missständen im Klerus (insbesondere Päderastie); wurde 1057 von Papst Stephan IX. zum Bischof von Ostia und zum Kardinal ernannt, wichtiger Berater mehrerer Päpste. 1828 von Papst Leo XII. zum Kirchenlehrer ernannt, auch Schutzheiliger gegen Kopfschmerzen. 

Am Samstag, dem 22. Februar, ist das Fest Kathedra Petri, auf Deutsch auch "Petri Stuhlfeier" genannt. An diesen Tag erinnert die katholische Kirche an die Übertragung des obersten Hirtenamtes an den Apostel Petrus.


Aus dem Stundenbuch: 

Rette uns, Herr, Du Gott des Alls, *
und wirf Deinen Schrecken auf alle Völker! (Sir 36,1f.)


Montag, 10. Februar 2020

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (5. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Der Start in den Urlaub geriet ein wenig holprig, dank der Deutschen Bahn, die bekanntlich immer für eine Überraschung (oder, wie in diesem Fall, gleich mehrere auf einmal) gut ist. Das begann damit, dass die Abfahrtzeit des Zuges, mit dem wir am Montagvormittag Berlin verlassen wollten, wegen Bauarbeiten auf der Strecke um rund eine halbe Stunde vorverlegt worden war, was wir erst erfuhren, als wir schon am Bahnhof waren (und dort eigentlich noch hätten frühstücken wollen). Die nächste Überraschung bestand darin, dass aus technischen Gründen nur einer von zwei Zugteilen bereitgestellt wurde, und in dem Zugteil, der fehlte, befanden sich unsere reservierten Plätze. Damit noch immer nicht genug, musste der Zug schon kurz nach Beginn der Fahrt wegen eines Antriebsschadens umkehren und wir mussten den nächsten nehmen -- der folgerichtig total überfüllt war. Aber im Grunde hatten wir angesichts dieser Häufung von Zwischenfällen noch Glück, denn im weiteren Verlauf ging alles glatt und wir erreichten unser Reiseziel nur eine Stunde später als geplant. 

Eine weitere Fehlkalkulation meinerseits bestand in der zugegebenermaßen arg naiven Vorstellung, im Urlaub würde ich endlich mal ausreichend Zeit zum Arbeiten haben. War natürlich Quatsch. Hätte ich eigentlich wissen können, dass das nicht klappt. Ein mittelschwerer Männergrippe-Rückfall kam auch noch hinzu. Und kaum dass ich angefangen hatte, den Urlaub trotz allem zu genießen, war er auch schon wieder vorbei. Nein, das klingt jetzt alles viel zu negativ: Ehrlich gesagt war's alles in allem ziemlich schön im Urlaub, außer dass die Woche nachrichtentechnisch erst vom Schismatischen Weg, dann vom Iowa Caucus und dann von der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen überschattet war. Keine gute Woche, um mal ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Die Rückreise am Freitag gestaltete sich recht anstrengend, zumal sowohl die Liebste als auch ich mit Kopfschmerzen zu kämpfen hatten, während das Kind putzmunter war. Trotzdem war ich prinzipiell guten Willens, am Samstag beim Krippenabbau in der Kirche mitzuhelfen, aber meine Tochter wollte, dass ich mit ihr in den Zoo gehe, und dieser Wunsch war mir natürlich Befehl. Am Sonntag nach der Messe kamen wir mit einer weiteren erst relativ kürzlich ins Gemeindegebiet gezogenen Familie (drei Kinder!) ins Gespräch; allmählich tut sich hier was, scheint mir...

(Bildquelle: Pinterest)

Was ansteht: Für heute Nachmittag hatte ich eigentlich ins Auge gefasst, die  Berliner Niederlassung einer bekannten Ordensgemeinschaft aufzusuchen und dort aussortierte Bücherbestände in Augenschein zu nehmen; allerdings hat meine Liebste einen Arzttermin, da müssen wir also mal sehen, ob das zeitlich unter einen Hut zu kriegen ist. Morgen, Dienstag, hat am frühen Abend die Foodsharing-Ortsgruppe Reinickendorf  ihr Quartalstreffen; eigentlich will meine Liebste da hin, allerdings kollidiert das einigermaßen mit unserer wöchentlichen Lobpreis-Andacht. Schlimmstenfalls werde ich die Andacht daher allein gestalten und dabei gleichzeitig das Kind beaufsichtigen müssen, aber das klären wir bis dahin noch untereinander. Für Mittwoch haben wir uns bereit erklärt, quasi zum Ausgleich für unsere in der vergangenen Woche ausgefallenen Veranstaltungen die Gestaltung des Vespergebets in unserer Kirche (und im Anschluss daran dann auch den Kirchenschließdienst) zu übernehmen. Am Donnerstag habe ich dann mein erstes Firmkurs-Modul; darauf werde ich mich noch gründlich vorbereiten müssen, auch wenn durchaus die Frage im Raum steht, wann ich dafür eigentlich Zeit haben soll. Und am Samstag ist schon wieder Krabbelbrunch -- so schnell vergeht die Zeit... 


aktuelle Lektüre: In den Urlaub hatte ich, wie angekündigt, von vornherein nur zwei der fünf Bücher von meiner aktuellen Leseliste mitgenommen, nämlich "Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes" von Dietrich von Hildebrand und "Jahrmarkt der Eitelkeit" ("Vanity Fair") von William Makepeace Thackeray. Beide Bücher finde ich nach wie vor großartig, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Gründen. Insgesamt bin ich aber im Urlaub weit weniger zum Lesen gekommen, als ich gehofft hatte, und konnte diesen Rückstand auch am Wochenende nicht aufholen. Alles in allem heißt das, dass ich mit der 4. Etappe meiner 100-Bücher-Challenge kräftig im Rückstand bin, und gleichzeitig bin ich mit der Auswertung der 3. Etappe auch noch nicht fertig. Aber da geht es immerhin einigermaßen voran. Der betreffende Blogartikel kommt also demnächst... hoffe ich. 


Linktipps:

Der eine oder andere wird's mitbekommen haben: Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln, hat sich recht kritisch über die erste Synodalversammlung des Schismatischen Weges geäußert und sich damit natürlich prompt sehr unbeliebt gemacht -- jedenfalls bei den Propagandisten der emergierenden deutschsynodalen Unkirche und all denen, die sich von diesen das Denken abnehmen lassen. Mit seiner Kritik, so hieß es, erweise sich der Kardinal als Verfechter eines quasi-aristokratischen Amtsverständnisses, das es gerade zu überwinden gelte, weil es total unzeitgemäß und undemokratisch und überhaupt un- sei, also kurz und gut, wenn der Synodale Weg einem Kardinal Woelki nicht gefalle, dann beweise das geradezu die Notwendigkeit dieses Weges. Bloggerkollege Kephas stellt dieses Narrativ infrage, indem er über Ursprung, Wesen und Aufgaben des Bischofsamts reflektiert. Sehr lesenswert!  

Nicht erst im Zusammenhang mit dem Debakel um die Auszählung der Abstimmungsergebnisse beim Iowa Caucus ist mir recht beharrlich die Frage im Kopf herumgegangen, wie es kommt, dass ich im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten intuitiv so etwas ähnliches wie Sympathie für den Linksaußen-Kandidaten Bernie Sanders empfinde, obwohl er Positionen vertritt, die für einen gläubigen Katholiken absolut inakzeptabel sein sollten. Okay, da könnte man einwendem: Das tun die anderen Bewerber um die demokratische Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten ebenfalls, und die sind dabei wesentlich weniger cool. Nun, jedenfalls habe ich Matthew Schmitz' Analyse des "Phänomens Bernie Sanders aus katholischer Sicht", wenn man das so nennen will, mit großem Interesse gelesen. Schmitz sieht Sanders - durchaus überzeugend - als eine Art linkes Pendant zu Trump und argumentiert, ebenso wie Trump als Präsident eine weit "normalere" Politik betreibe, als sein unkonventionelles Auftreten und seine markigen Sprüche es vermuten lassen würde, könne man dies auch von einem Präsidenten Sanders erwarten; noch interessanter erscheint mir Schmitz' Überlegung, aus Sicht der katholischen Soziallehre sei ein "radikal linker" Präsident womöglich besser als ein "gemäßigt linker": Eine Politik der "Mitte", so Schmitz, laufe heutzutage praktisch auf einen "radikalen Liberalismus" hinaus, denn "die gemäßigten Rechten liberalisieren den Markt und die gemäßigten Linken liberalisieren die Moral". Was derweil ein eindeutig schlechtes Licht auf Sanders wirft, ist seine Positionierung als geradezu fanatischer Abtreibungsbefürworter; ausgerechnet darin unterscheidet er sich indes kaum von seinen Mitbewerbern in der Demokratischen Partei. Man ist, so ungern man es eingestehen mag, geneigt zu sagen: Ungeborene würden Trump wählen. 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 10. Februar: Hl. Scholastika (ca. 480-542), Jungfrau. Schwester (evtl. Zwillingsschwester) und enge Vertraute des Hl. Benedikt; dessen vom Hl. Papst Gregor dem Großen verfasste Vita ist die maßgebliche Quelle über ihr Leben. Darin wird Scholastika als Vorbild in der vollkommenen Gottesliebe hervorgehoben und ihr wird die Gabe des wunderwirkenden Gebets zugeschrieben. Traditionell wird sie als Begründerin des weiblichen Zweigs des Benediktinerordens betrachtet. 

Der morgige Dienstag, der 11. Februar, ist der Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes, oder anders ausgedrückt, der Jahrestag der ersten der 18 Neuerscheinungen, die die Hl. Bernadette Soubirous in der Grotte Massabielle in bzw. bei Lourdes erlebte. Für meine kleine Familie ist dies nicht zuletzt deshalb ein bedeutsames Datum, weil sich an diesem Tag vor drei Jahren herausstellte, dass meine Liebste schwanger war. Nicht von ungefähr heißt unsere Tochter Bernadette. 

Freitag, 14. Februar: Hl. Valentin, Märtyrer -- nee, eben nicht. Ja, okay, es ist der Gedenktag des Hl. Valentin, aber das ist seit der Reform des liturgischen Kalenders, also seit 1969, in der ordentlichen Form des Römischen Ritus kein liturgisch relevanter Gedenktag mehr; und ich bezweifle stark, dass es Traditionalisten mit Befriedigung erfüllt, wenn Kirchen landauf, landab "Gottesdienste für Verliebte" und ähnlichen Ramsch veranstalten, um von der kommerziellen Vermarktung des Valentinstags als  "Tag der Liebenden" ein paar Brosamen abzubekommen. Nein, liturgisch ist der 14. Februar der Gedenktag der Hll. Kyrill (ca. 826-869) und Methodius (ca. 815-885), Glaubensboten. Als Söhne eines hochrangigen byzantinischen Beamten erhielten sie eine umfassende Bildung;  Methodius schlug zunächst die militärische Laufbahn ein, Kyrill (ursprünglich Konstantin) wurde ca. 848 zum Diakon geweiht, 850/51 auf eine religiös-diplomatische Mission in den heutigen Irak, 860 zu den Chasaren im nördlichen Kaukasus gesandt. Methodius war inzwischen in ein Kloster eingetreten. 862 wurden die beiden Brüder vom byzantinischen Kaiser Michael III. als Missionare ins Großmährische Reich entsandt. Sie schufen ein eigenes Alphabet für die damalige slawische Sprache und übersetzten die Evangelien und die wichtigsten liturgischen Texte in diese, heute als "Altkirchenslawisch" bezeichnete Sprache. In den Ostkirchen werden Kyrill und Methodius als "apostelgleiche Heilige" verehrt; Papst Johannes Paul II. ernannte sie 1980 zu Mitpatronen Europas. 


Aus dem Stundenbuch: 

In deiner Hand liegen Kraft und Stärke; *
von deiner Hand kommt alle Größe und Macht. (1. Chronik 29,12)


Freitag, 7. Februar 2020

Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen löse ich die Kirchenkrise

"Im Laufe der Jahre hat sich die Selbstverständlichkeit des Glaubens immer weiter verflüchtigt" – das schreibt die Nordwest-Zeitung (in Gestalt von Svenja Gabriel-Jürgens, Volontärin im 2. Ausbildungsjahr), und fügt hinzu: "auch im oft als hoch-katholisch geltenden Cloppenburg." Tja. Ich habe zwar keine belastbaren empirischen Daten zur Hand, könnte mir aber vorstellen, dass es durchaus typisch für den rasanten Niedergang der Volkskirche ist, dass die Kirchenbindung großer Teile der Bevölkerung gerade dort besonders dramatisch wegbricht, wo sie lange Zeit als Selbstverständlichkeit behandelt worden ist. Was sich unschwer dadurch erklären ließe, dass man es dort über Jahrzehnte versäumt (sprich: nicht für nötig gehalten) hat, die Kirchenbindung "der Leute" auf ein solideres Fundament zu stellen als Gewohnheit und sozialen Konformitätsdruck. Und jetzt hat man den Salat. 

Aus diesem Grund haben sich, wie NWZ-Volontärin Svenja zu berichten weiß, "Mitglieder der Kirchengemeinde St. Andreas" in Cloppenburg "Gedanken gemacht" -- nämlich über die Frage: "Wie kann der Glaube bewahrt und dem Wohl der Menschen beitragen?" Ja, liebwerte Leser, der Satz steht tatsächlich wortwörtlich so in dem Artikel. Auch die Überschrift - "Was tun gegen die Glaubenskrise? Veranstaltungen in Cloppenburg sollen helfen" - mutet für mein Empfinden etwas tragikomisch an, aber es geht mir hier nicht darum, auf der Volontärin herumzuhacken. 

Anlass für ihren Bericht ist die Vorstellung einer Veranstaltungsreihe der St.-Andreas-Gemeinde, die sich so ziemlich durch das ganze Jahr 2020 ziehen soll und unter dem Motto "Memory – ein Jahr der Er-Innerung" steht. Na, ob das so ein gelungenes Motto ist? Ich höre im Geiste schon die Protestschreie von kfd, Maria Zwonull, Anna Selbdritt und wie sie alle heißen: "Was heißt denn hier Er-Innerung? Wieso nicht Sie-Innerung?" Tatsächlich glaube ich allerdings, die speziell im öffentlich-rechtlichen deutschen Kirchenjargon unausrottbar scheinende Marotte, Begriffe durch Bindestriche mehrdeutig und bedeutungsschwanger aussehen zu lassen, verfolgt in diesem Fall die Absicht, den Aspekt der Innerlichkeit zu betonen. Mit-Initiator Günter Kannen erklärt, es gehe "um die Frage, wie und wo wir Christen unserer Gotteshoffnung innewerden und wie und wo wir gemeinsam versuchen, im Leben zu entdecken, was uns Halt und Hoffnung gibt". Weiter heißt es in dem Artikel: 
"Auch der Verweis auf das bekannte Gesellschaftsspiel 'Memory', bei dem es darum geht, zwei zueinander passende Bilder zusammenzubringen, sei nicht zufällig gewählt. Im 'Jahr der Er-Innerung' geht es laut Organisatoren um die Verbindung der Lebenswirklichkeit mit dem überlieferten Glauben." 
Ächz. Ich könnte mich ja täuschen, vielleicht ist das Ganze total glaubensstarkund zugleich innovativ, aber dieses Vokabular beschwört bei mir eher Visionen von Batikhalstüchern, Kartoffeldruck-Wandzeitungen und Kerzenmeditationen herauf, von demselben esoterisch angehauchten moralistisch-therapeutischen Geraune, das sich seit mindestens vierzig Jahren wie eine zähe, klebrige Masse über die pastorale Praxis der Mainstream-Kirchen ausbreitet. Wen will man denn damit hinter dem Ofen hervorlocken? 

-- Aber à propos Ofen: Zu der Beteuerung Günter Kannens, es gehe nicht um eine "Nostalgieveranstaltung, die 'gute alte Zeiten' beschwört", steht es in einem gewissen Spannungsverhältnis, dass die Veranstaltungsreihe teilweise in Zusammenarbeit mit dem Museumsdorf Cloppenburg konzipiert wurde. Na klar, das Museumsdorf Cloppenburg, wer kennt es nicht. Zumindest wer wie ich im Oldenburger Land aufgewachsen ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mal einen Schulausflug dorthin mitgemacht haben, wenn nicht mehrere. Und nun findet dort beispielsweise am 27. Februar ein Kamingespräch zum Thema "Religion und Glaube in vorindustrieller Zeit und im 21. Jahrhundert" statt; damit aber nicht genug: 
"An der sinnlichen Erfahrung der christlichen Botschaft können Interessierte am 14. August im Backhaus und Brauhaus im Museumsdorf teilnehmen. Neben dem Brotbacken findet eine Agapefeier statt." 
Beinahe hätte ich "christliche Brotschaft" gelesen. (Bildquelle: Pixabay
Da spare ich mir nun jedweden eigenen Kommentar und zitiere stattdessen lieber Christian Schmitt ("Bewußt aus den Quellen leben: Katechese", in:  Hanns-Gregor Nissing/Andreas Süß [Hg.], Nightfever. Theologische Grundlegungen. München: Pneuma 2013, S. 153-163):
"Es wird immer noch ganz viel Brot gebacken in der Eucharistiekatechese und immer noch zu wenig von der realen und substantialen Gegenwart desHerrn gesprochen, der unter den eucharistischen Gestalten die Gemeinschaft seiner Kirche aufbaut. Es wird das Symbol in seinem menschlichen Gehalt erschlossen [...]. Aber das Entscheidende, wofür die Tischgemeinschaft ein Symbol ist, darf nicht unterbelichtet oder weggelassen werden. Was sonst herauskommt, ist [...] ein rein horizontaler Vorgang: Brot ist zum Essen da, und beim Herstellungsvorgang sowie beim Verzehr entsteht, wenn es gut geht, Gemeinschaft. [...] Was wirklich deutlich werden muß, ist, daß die Gabe des Brotes nicht nur dem irdischen Leben dient, sondern Symbol für die Hingabe Jesu Christi an uns als Speise zum ewigen Leben. Das ist nicht unmöglich. Es müßte nur gemacht werden.“ (S. 156)
Aber Backen und Brauen ist noch nicht alles, was die Cloppenburger an sinnlichen Erfahrungen im Programm haben: 
"In den Monaten Mai, Juni und Juli sollen bei Prozessionen und beim Pilgern der Glauben 'erlaufen' bzw. 'erfahren' werden. Beginn ist am 3. Mai mit einer meditativen Fahrradprozession" ---- 
Nein, ich mag darüber nicht einmal mehr Witze machen. Ich finde es nur noch traurig, diesen ganzen fehlgeleiteten Aktionismus, mit dem man die Grube, in der man sitzt, nur immer tiefer schaufelt. Weil man merkt, dass einem die Felle wegschwimmen, und denkt, man müsste irgend etwas dagegen tun, aber es fällt einem schlichtweg nichts anderes ein als noch mehr von dem, was man schon immer gemacht hat. Leute, ich hätte einen Vorschlag. Vielleicht solltet ihr mal damit anfangen, in Erwägung zu ziehen, dass es diesen Gott, von dem bei euch zumindest hin und wieder mal die Rede ist, womöglich wirklich gibt. "Wirklich" in dem Sinne, dass Er in der Welt und im Leben von Menschen WIRKT. Und dass die Kirche Ihm gehört und nicht euch. Und dann setzt ihr euch vielleicht mal still hin und fragt Ihn - gern zum Beispiel in der Eucharistischen Anbetung -, was Er eigentlich von euch und von Seiner Kirche will. Vielleicht wärt ihr überrascht von der Antwort, die ihr bekommt. Und das wäre doch schön mal ein guter Anfang. 

Ach ja, eins noch:
"Am 8. November wird in der St.-Josefs-Kirche zum Mahl in der Tradition der Gemeinschaft St. Edigio eingeladen. Die Veranstaltung richtet sich besonders an Menschen, die es schwer haben" -- 
und trifft das nicht auf uns alle zu, irgendwie? 


Montag, 3. Februar 2020

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (4. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Meine Einschätzung, ein Großteil der Woche werde ohne besonders spektakuläre Vorkommnisse verlaufen, hat sich im Wesentlichen bewahrheitet; allerdings war der betreffende Teil der Woche stark von dem mysteriösen Phänomen geprägt, dass man ständig "zu tun" hat, dabei aber kaum etwas fertig kriegt und sich hinterher selbst fragt, was man eigentlich die ganze Zeit gemacht hat. Okay, ich habe Sachen für die Tagespost und für den Pfarrbrief geschrieben, an meinem Lektürepensum gearbeitet, Gitarre geübt und mich um das Kind gekümmert, und erkältet war (und bin) ich außerdem auch noch. Die mit Abstand spannendsten Tage der Woche waren jedenfalls Donnerstag und Freitag, und das lag nicht (oder höchstens marginal) an der Eröffnung der ersten Synodalversammlung des "Schismatischen Weges" in Frankfurt. Was für eine armselige, bizarre Veranstaltung. Derweil besuchte uns am Donnerstag Vormittag eine Mitstreiterin aus der Pfarrgemeinde zu einem allgemeinen Gedanken- und Ideenaustausch, der sich über drei Stunden hinzog und allerlei interessante, in Zukunft noch vertiefungswürdige Aspekte aufwarf. Am Abend war ich, da meine Erkältung mir doch ziemlich zu schaffen machte, zunächst unschlüssig, ob ich zum "Emergency Meeting" im Baumhaus gehen sollte, entschied mich dann aber doch dafür -- und bin froh darüber. In Zukunft muss ich da öfter hin -- okay, das habe ich mir nach meinen früheren Besuchen auch schon gedacht, aber ich möchte das nun wirklich noch einmal bekräftigen. Zu erläutern, was ich am Baumhaus so toll finde und warum ich die dortige Community Networking Night als so inspirierend und motivierend erlebe, wäre eigentlich ein Thema für einen eigenständigen Artikel; vielleicht (hoffentlich) komme ich ja im Urlaub (s.u.) mal dazu. Die Absichtserklärung, dieses Veranstaltungsformat an diesem Ort zukünftig häufiger zu besuchen, setzt natürlich voraus, dass der derzeitige finanzielle Engpass, der die Einberufung eines Emergency Meetings veranlasst hat, den Baumhaus-Betreibern nicht das Genick bricht. Konkret geht es darum, die laufenden Kosten für die nächsten zwei Monate aufzubringen, und dabei handelt es sich nicht um astronomische Summen; ich sag mal so: Wenn 200 Leute, die diesen Artikel lesen, dem Baumhaus pro Nase einmalig 30 Euro spenden, ist die ganze Geschichte ausgestanden. (Spendenquittung gibt's leider nicht.) -- Am Freitag fand dann in "unserer" Kirche Herz Jesu Tegel zum zweiten Mal (nach September 2018) ein Nightfever-Special statt. Ich half beim Auf- und Abbau mit, Frau und Kind, die den Nachmittag mit einer der beiden Patentanten des Kindes verbracht hatten, fanden sich pünktlich zu Beginn der Abendmesse in der Kirche ein.  Insgesamt war es - wie Nightfever im Allgemeinen zu sein pflegt - sehr schön und berührend, wenn auch leider weniger gut besucht als beim vorigen Mal; zu einem wesentlichen Teil lag das daran, dass der diesjährige Firmkurs überwiegend durch Abwesenheit glänzte. Zwar ist lobend zu erwähnen, dass ein paar Mädels schon zum Aufbau erschienen und auch tatsächlich mit anpackten, aber wie mir später aus den Reihen des Nightfever-Teams berichtet wurde, verschwanden sie schon kurz darauf wieder -- nachdem sie sich ihre Teilnahme durch eine Unterschrift hatten quittieren lassen. Nun gut, das verweist wohl auf ein typisches Dilemma, das man nicht nur in der kirchlichen Jugendarbeit antrifft: Gerade der Versuch, eun gewisses Minimum an "freiwilliger" Beteiligung dadurch sicherzustellen, dass man Teilnahmenachweise verlangt, führt dazu, dass das ganze Interesse sich auf den Erwerb dieses Nachweises konzentriert. So ähnlich wie wenn Studenten einen bestimmten Kurs nur besuchen, weil sie "den Schein brauchen", und nicht, weil sie dort etwas lernen wollen. Been there, done that. Eine Patentlösung dafür, wie man solche Effekte vermeidet, habe ich leider auch nicht parat; aber ich denke, ich werde das mal mit den Teilnehmern meines ersten Firmkurs-Moduls diskutieren. -- Eine schöne Überraschung brachte der sonntägliche Messbesuch: Wir trafen nämlich eine Familie wieder, die wir Ende Oktober kennengelernt hatten und die, wie ich in der seinerzeitigen "Kaffee & Laudes"-Folge vermerkt habe, zu diesem Zeitpunkt gerade auf Wohnungssuche war. Und jetzt haben sie eine Wohnung im Gebiet unserer Pfarrei gefunden! Gebetserhörung: check. Bin mal gespannt, was sich aus dieser Bekanntschaft zukünftig noch ergibt.


Was ansteht: Mit einem Wort: Urlaub! Heute Vormittag mache ich mich zusammen mit Frau und Kind auf die Reise an einen geheimen Ort, wo uns (besonders zu dieser Jahreszeit) niemand vermuten würde, und kommen am Freitag spät abends zurück nach Berlin. Ich hoffe sehr, dass ich während dieses Urlaubs mal etwas mehr zum Schreiben kommen werde -- für den Blog und auch für Anderes.  Ach ja, und meine Liebste hat sich in den Kopf gesetzt, die Gitarre mitzunehmen, damit ich fleißig üben kann. Meine Fähigkeiten auf den sechs Saiten sind noch sehr unausgereift, aber ich sehe mich schon, wenn das Frühjahr kommt, mit der Gitarre auf einer Bank am Brunowplatz sitzen und Jugendliche anlocken wie weiland der Rattenfänger von Hameln. 

Infolge unseres Urlaubs fällt nicht nur unsere wöchentliche Lobpreis-Andacht in Herz Jesu einmal aus, sondern auch das "Dinner mit Gott" für diesen Monat. Was in Herz Jesu Tegel in dieser Woche auch noch ansteht, ist der Abbau der Weihnachtskrippe -- der aus praktischen Gründen in zwei Etappen vor sich gehen muss: Bereits heute werden sich einige Damen aus der Gemeinde um den Abbau der Krippenfiguren und kleinerer Dekorationsteile kümmern; für den Rückbau der größeren und sperrigeren Bauelemente werden jedoch einige kräftige Männer benötigt, und da die heute nicht zur Verfügung stehen, wurde dieser Teil der Arbeit auf Samstag verschoben. Da werde ich dann wohl auch mit von der Partie sein. -- Ich muss in diesem Zusammenhang anmerken, dass ich in den vergangenen Jahren schon ein paarmal darüber sinniert habe, ob man nicht eine kleinere, schlichtere Weihnachtskrippe gebrauchen könnte, deren Auf- und Abbau mit weniger Aufwand verbunden wäre; andere Kirchen unseres "Pastoralen Raums" haben schließlich auch nicht so ein monumentales Teil. Aber, was soll ich sagen: Meine Tochter liebt diese Krippe, und das überzeugt mich natürlich restlos. 


aktuelle Lektüre: In der zurückliegenden Woche habe ich die dritte Leseetappe meiner 100-Bücher-Challenge abgeschlossen und die vierte begonnen, aber da ich mit dem dazugehörigen Bilanz- und Ausblick-Blogartikel noch nicht fertig geworden bin, will ich mich zu diesem Thema erst mal einigermaßen bedeckt halten. Eine Feststellung möchte ich hier aber doch loswerden, nämlich dass es geradezu Fügung gewesen sein muss, dass ich ausgerechnet am Tag der Eröffnung der Synodalversammlung damit angefangen habe, "Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes" von Dietrich von Hildebrand zu lesen; denn vor diesem Hintergrund wirkt die 1967 verfasste scharfe Abrechnung des katholischen Philosophen Hildebrand mit einer sich als "zeitgemäß" und "fortschrittlich" gerierenden Theologie so aktuell wie nur je. Anders ausgedrückt: Hätte die Kirche in den letzten gut 50 Jahren Hildebrands Warnungen vor der Dekonstruktion des katholischen Glaubens im Namen eines vermeintlichen "Fortschritts" besser beherzigt, müssten wir uns heute nicht mit solchen Leuten herumärgern, wie sie die Agenda des "Schismatischen Weges" bestimmen -- Leuten, bei denen man sich, wie Hildebrand in seiner Vorrede schreibt, "des Eindrucks nicht erwehren" kann, dass sie "nicht nur ihren katholischen Glauben verloren haben, sondern nicht einmal mehr das Wesen der auf göttliche Offenbarung gegründeten Religion verstehen" (S. 9). Ein paar weitere bezeichnende Zitate aus Hildebrands Buch:
"Angesichts einer [...] Frage, bei der es allein auf die wahre Antwort ankommt, von 'konservativ' und 'fortschrittlich' zu sprechen, ist nicht nur sinnlos, sondern sogar ausgesprochen dumm. Denn jedes andere Motiv als das der Wahrheit ist ebenso unsachlich, wie wenn jemand ein Bild für schön hält, bloß weil es sein Vetter gemalt hat." (S. 18f.)  
"Jede wahre Reform aber ist eine Rückkehr zu Christus, eine Erneuerung des wahren Lebens der Kurche, das zu allen Zeiten ein und dasselbe ist." (S. 28f.) 
Ich bin mal gespannt, was da noch so alles kommt. -- Ebenfalls mit großem Vergnügen, wenngleich aufgrund gänzlich anderer Qualitäten, lese ich derzeit Thackerays "Jahrmarkt der Eitelkeit" ("Vanity Fair"). Diese beiden Bücher werde ich wohl auch in den Urlaub mitnehmen und die anderen, die in der aktuellen Leseetappe "dran" wären, auf die Zeit danach vertagen... 


Linktipps: 
In einer Diskussion auf Facebook (den Link habe ich gerade nicht parat) bemerkte die Bloggerin, Kolumnistin, Buchautorin, gefragte Vortragsrednerin und zehnfache Mutter Simcha Fisher unlängst, sie erlebe es durchaus zuweilen, dass Leute es sich explizit verbitten, von einer Frau, durch ein Kinder hat, über Familienplanung belehrt zu werden; das seien in der Regel dieselben Leute, die es vehement ablehnen, sich von zölibatär lebenden Männern in ihr Sexualleben hineinreden zu lassen. You get the point, don't you. Anno 2013 hat die gute Simcha ein Buch mit dem originellen Titel "The Sinner's Guide to Natural Family Planning" veröffentlicht, und die Leser(innen)rezensionen auf goodreads.com ergeben ein deutliches Bild: Diese Frau kennt sich aus mit NFP -- und mit den Schwierigkeiten, die damit verbunden sein können. Um die geht es auch in diesem aktuellen Artikel. Allerdings empfinde ich den zweiten Satz der Überschrift als ein bisschen irreführend: Ja, es ist durchaus von technischen Fortschritten auf dem Gebiet der natürlichen Empfängnisregelung die Rede, von neu entwickelten Produkten und Methoden, die die Zyklusbeobachtung einfacher und sicherer machen sollen, und von deren Kosten; aber der Schwerpunkt des Artikels, so wie ich ihn gelesen und verstanden habe, ist ein anderer: nämlich, was die Kirche - in ihrer institutionellen Gestalt - tun könnte, sollte oder müsste, um Frauen bzw. Paaren, die gewillt sind, die kirchliche Lehre zum Thema Empfängnisverhütung zu befolgen, dabei zu helfen, dies auch praktisch umzusetzen. Dazu muss ich zunächst einmal anmerken, dass mich schon die Fragestellung mitverwas Ähnlichem wie Neid erfüllt hat. Die Kirche in Deutschland hat ja - siehe Königsteiner Erklärung etc. - die Lehre von Humanae Vitae nie so richtig angenommen, und folgerichtig ist NFP in kirchlichen Kreisen hierzulande ein ausgesprochenes Nischenthema; mir wäre jedenfalls nicht bekannt, dass Verbände wie kfd, KDFB oder gar BDKJ Schulungen dazu in ihrem Programm hätten. Vermutlich geht man dort davon aus, dass katholische Frauen genauso selbstverständlich die Pille nehmen wie alle anderen auch, was zu einem gewissen Grad natürlich eine self-fulfilling prophecy ist. Vor diesem Hintergrund fand ich es dann doch bemerkenswert, dass in den USA "sogar" das ausgeprägt "liberalkatholische", vom Jesuitenorden herausgegebene "America"-Magazin einen Beitrag wie diesen veröffentlicht. -- Nicht der uninteressanteste Aspekt des Artikels ist der Hinweis darauf, dass das Thema "fertility awareness" - ein schöner Begriff; "awareness" ist ja heutzutage immer etwas Gutes - in der säkularen Welt durchaus im Aufwind ist (weil: gesund... natürlich... die Signale des eigenen Körpers besser verstehen lernen... im Einklang mit sich selbst und der Natur leben... und so), während die Kirche diesen Trend offenbar weitgehend verschläft. -- Als den zentralen Absatz des Artikels betrachte ich jedoch diesen: 
"Given the church’s desire for couples to practice fertility awareness based methods, you might think every parish and diocese would offer numerous, easily accessible and affordable ways to learn these methods in order to use them consistently and reliably. You would be wrong." 
Ich übersetze mal schnell und schmutzig: 
"Bedenkt man, wie sehr die Kirche will, dass Paare Methoden der Familienplanung anwenden, die auf Beobachtung der Fruchtbarkeit basieren, sollte man denken, dass jede Pfarrei und jede Diözese zahlreiche, leicht zugängliche und kostengünstige Programme anbietet, mit deren Hilfe man lernen kann, diese Methoden konsequent und verlässlich anzuwenden. Aber das wäre ein Irrtum." 
Nun gut: Ich habe ja bereits angemerkt, dass es bei der institutionellen Kirche in Deutschland offenbar schon am Wollen scheitert. Aber auch unabhängig von dieser Einschätzung finde ich die Vorstellung bzw. Forderung, jede Pfarrei solle NFP-Lehrgänge anbieten, faszinierend. Mit Blick auf "meine" Pfarrei war mein erster Gedanke, ein solches Projekt würde wohl schon daran scheitern, dass es in der Gemeinde zu wenige Frauen "im gebärfähigen Alter" gibt. Wobei das eigentlich gar nicht stimmt. Man braucht sich nur mal die Zahlen der Kindertaufen der letzten paar Jahre bei uns in der Pfarrei anzusehen, um festzustellen, dass es hier offenbar eine gar nicht so geringe Zahl junger Familien gibt. Nur kommen die irgendwie nicht in der "Kerngemeinde" an. Okay, das ist ein Problem eigener Art, aber eines, das mich permanent stark beschäftigt, also musste ich es hier auch erwähnen. 
Wie oben schon angedeutet, betrachte ich die just zu Ende gegangene erste Synodalversammlung des Schismatischen Weges als ein Thema, dem man nicht mehr Aufmerksamkeit schenken sollte als unbedingt nötig; aber ganz ignorieren kann man es ja doch nicht. Insofern trifft es sich günstig, dass  Freund Rudolf für die Catholic News Agency (CNA) in Frankfurt am Start gewesen ist und seine Eindrücke freimütig in den Sozialen Netzwerken mitgeteilt hat -- was z.T. durchaus kontrovers aufgenommen wurde: So beschwerte sich etwa ein Twitter-Nutzer,  er könne nicht verstehen, "daß jemand als Pressevertreter akkreditiert wird", der über den Synodalen Weg "mit dem Hashtag #KartoffelKatholizismus schreibt. Unterirdisch!" Rudolfs abschließender Gesamtkommentar zur ersten Synodalversammlung kommt jedoch ausgesprochen seriös und un-polemisch daher, und er enthält in übersichtlicher Form alles, was man über diese fragwürdige Veranstaltung wissen muss. Wirklich restlos alles.


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 3. Februar: Hl. Ansgar (ca. 801-865), Glaubensbote und Bischof. Benediktiner, ging 826 als Missionar nach Dänemark, 829/30 nach Schweden; wurde 834 von Kaiser Ludwig dem Frommen zum Erzbischof von Hamburg ernannt, widmete sich in dieser Position weiterhin dem Projekt der Christianisierung Skandinaviens. Nach der Zerstörung Hamburgs durch Wikinger im Jahr 845 wurde sein Bischofssitz nach Bremen verlegt. Bistumspatron des 1994 wiederbegründeten Erzbistums Hamburg; Kirchenpatron zahlreicher Kirchen in Norddeutschland und Dänemark. -- Hl. Blasius, Bischof und Märtyrer. Ursprünglich Arzt in der damaligen römischen Provinz Armenien,  suchte der Legende zufolge angesichts einer Christenverfolgung unter Kaiser Licinius Zuflucht in einer Höhle im Wald und lebte dort mit wilden Tieren zusammen. Auch als er Bischof von Sebaste wurde, soll er sein Bistum von dieser Einsiedelei aus geleitet haben. Etwa im Jahr 316 erlitt er das Martyrium; vor seiner Hinrichtung soll er einen zusammen mit ihm eingekerkerten Jungen geheilt haben, der sich an einer Fischgräte verschluckt hatte und zu ersticken drohte. Wird daher als Schutzpatron gegen Halskrankheiten verehrt; an seinem Gedenktag wird traditionell der Blasiussegen über zwei gekreuzte Kerzen hinweg gespendet. Da ich mit meiner kleinen Familie ja heute auf Reisen bin, müssen wir mal sehen, wo wir einen Blasiussegen herbekommen; Schutz gegen Halskrankheiten könnten wir jedenfalls gut gebrauchen... 

Dienstag, 4. Februar: Hl. Rabanus Maurus (ca. 780-865), Bischof. Wurde in der Benediktinerabtei Fulda erzogen, ab ca. 804 Lehrer an der dortigen Klosterschule, später (etwa ab 816) deren Leiter, 822 Abt von Fulda, 847 von Ludwig dem Frommen zum Erzbischof von Mainz ernannt. Umfassend gebildet, verfasste Schriften von großer thematischer Vielfalt. 

Mittwoch, 5. Februar: Hl. Agatha (ca. 225-ca. 250), Jungfrau und Märtyrerin. Über die Legende dieser populären frühchristlichen Heiligen und das mit ihr verbundene Brauchtum habe ich mich an anderer Stelle schon mal ausfürlich geäußert. 

Donnerstag, 6. Februar: Hl. Paul Miki (1565-1597) und Gefährten, Märtyrer in Nagasaki. Der in Kyoto geborene Paul Miki trat im Alter von 22 Jahren in den Jesuitenorden ein und machte sich in der Folge um die Ausbreitung des christlichen Glaubens in seinem Heimatland Japan verdient; nach dem Verbot des Christentums in Japan und dem Beginn staatlicher Christenverfolgungen wurde er in Osaka festgenommen und zusammen mit 25 anderen gefangenen Christen bei winterlicher Kälte zu Fuß und ohne Schuhe nach Nagasaki überführt, wo sie am 5. Februar 1597 öffentlich gekreuzigt wurden. 

Samstag, 8. Februar: Hl. Hieronymus Aemiliani (1486-1537), Ordensgründer. Aus venezianischer Patrizierfamilie; schlug zunächst die militärische Laufbahn ein und brachte es bis zum General, ehe er 1511 in Kriegsgefangenschaft geriet. Nach dem Ende seiner Gefangenschaft wandte er sich der Fürsorge für durch den Krieg verwaiste Kinder zu und gründete mehrere Waisenhäuser. 1518 zum Priester geweiht, gründete 1534 mit zwei anderen Priestern eine Kommunität, aus der der Orden der Somasker hervorging. Starb an der Pest. -- Hl. Josephine Bakhita (1869-1947), Jungfrau. Stammte aus der westsudanesischen Provinz Darfur, wurde im Alter von sechs oder sieben Jahren von arabischen Sklavenhändlern verschleppt, lebte daraufhin rund acht Jahre lang als Sklavin und wurde oft und schwer misshandelt. Gelangte schließlich nach Italien, wo sie als Kindermädchen beschäftigt wurde, 1890 auf eigenen Wunsch die Taufe empfing und in der Folge in den Orden der Canossianerinnen eintrat.  47 Jahre lebte sie als Klosterpförtnerin im norditalienischen Schio, wo sie sich bei der Bevölkerung hohes Ansehen erwarb; schon bald nach ihrem Tod wurden Rufe nach ihrer Heiligsprechung laut, die im Jahr 2000 durch Papst Johannes Paul II. erfolgte. Benedikt XVI. würdigte sie in seiner Enzyklika Spe Salvi (2007). 


Aus dem Stundenbuch: 

Unsere Tage zu zählen, lehre uns! *
Dann gewinnen wir ein weises Herz. (Psalm 90,12)