Freitag, 5. Februar 2016

Nachträge zu Dorsten und Neues aus Nordenham

Die Pfarrei St. Agatha in Dorsten, über die ich unlängst erstmals berichtete, feiert an diesem Sonntag ihr Patronatsfest. Eigentlich ist der Gedenktag der Hl. Agatha aber schon heute. Grund genug für mich, einen erneuten Blick auf die Pfarrei an der Lippe zu werfen. Aber zunächst, eingedenk des kalendarischen Anlasses, ein paar Worte zur Namenspatronin der Pfarrei und heutigen Tagesheiligen. 

Die Heilige Agatha von Catania war der Überlieferung zufolge eine Märtyrerin der Christenverfolgung unter Kaiser Decius um das Jahr 250. Ihre Legende ähnelt jenen verschiedener anderer populärer Heiligen und Märtyrerinnen aus römischer Zeit - etwa der Hl. Barbara und der Hl. Margareta - insofern, als es von ihr heißt, sie sei eine ausnehmend schöne Jungfrau gewesen und sei dadurch ins Fadenkreuz der Christenverfolgung geraten, dass sie das Liebeswerben eines heidnischen Stadt- oder Provinzstatthalters zurückgewiesen habe. Zu den bemerkenswerten Details der Agatha-Legende gehört es, dass es darin heißt, ihr verschmähter Verehrer habe sie zunächst in ein Bordell verschleppen lassen, um sie zur Unkeuschheit zu verführen; nachdem dies nicht den erwünschten "Erfolg" hatte, wurde Agatha schließlich zu Tode gefoltert, wobei ihr u.a. die Brüste abgeschnitten wurden. Dieser Umstand prägt auch die Darstellungen Agathas in der bildenden Kunst: So gibt es Bilder, auf denen sie skurrilerweise ihre Brüste auf einem Tablett vor sich herträgt. Zum Beispiel dieses Gemälde von Francisco de Zurbarán (1598-1664):


Auf diese Weise wurde die Hl. Agatha auch zur Schutzheiligen gegen Brustleiden, und in einigen Gegenden werden zu ihrem Gedenktag Brötchen in Form von Brüsten gebacken. Kein Scherz. Außerdem ist die Hl. Agatha Schutzpatronin der Insel Malta, ihrer Heimatstadt Catania auf Sizilien, Patronin der Ammen, Hirtinnen, Weber, Goldschmiede, Glaser und Gießer; sie wird zum Schutz vor Ausbrüchen des Ätna sowie gegen Erdbeben, Fieber und Hungersnot angerufen.

Interessant, nicht? Aber eigentlich komme ich deshalb auf die Dorstener Pfarrei zurück, weil ich nach der Veröffentlichung meines ersten Dorsten-Artikels noch auf ein paar Informationen gestoßen bin, die ich mit Sicherheit in den Artikel eingebaut haben würde, wenn ich schon vorher davon gewusst hätte. Also muss ich das nun nachtragen. 

Da wären zum einen die Umstände, die dazu geführt haben, dass es in der Pfarrei kurzfristigen Bedarf für einen Aushilfspriester gab. Der ehemalige Nordenhamer Pfarrer Torsten Jortzick übernimmt in St. Agatha vorübergehend die Aufgaben des bisherigen Kaplans Jan Finkemeier. Warum aber ist Kaplan Finkemeier aus seinem Dienst in der Pfarrei ausgeschieden? Antwort: Er wurde vom Bischof suspendiert, weil er sich dazu bekannt hat, mit einer Frau zusammenzuleben. ich erwähne das nicht in der Absicht, es zu skandalisieren. Kaplan Finkemeier war in der Gemeinde augenscheinlich sehr beliebt. Wenn ein engagierter Priester am Zölibat scheitert, ist das zunächst einmal ein persönlicher Konflikt, über den man nicht leichtfertig urteilen sollte; und für die Kirche ist es sicherlich ein Verlust. Problematisch ist es, dass solche Fälle nicht selten zum Anlass genommen werden, den Zölibat insgesamt in Frage zu stellen. Wenn bei den Dorstenern, die es bedauern, ihren Kaplan zu verlieren, der Gedanke aufkommt "Wenn es den doofen Zölibat nicht gäbe, hätten wir ihn behalten können", ist das menschlich durchaus verständlich. Da wäre es dann aber eigentlich umso wichtiger, den Leuten zu vermitteln, dass und warum der Zölibat nichtsdestoweniger seinen Sinn und Wert hat. Aber wer wagt es heutzutage noch, etwas Positives über den Zölibat zu sagen? Und wenn es tatsächlich mal jemand tut - wie wird das aufgenommen? (Das meine ich jetzt nicht allein auf diesen konkreten Fall bezogen, sondern ganz allgemein.) 

Jan Finkemeier jedenfalls hat in St. Agatha eine schöne Verabschiedungsfeier bekommen, über die ein Teilnehmer auf der Facebook-Seite der Pfarrei schreibt:
"Starkes Zeichen der Pfarrei und aller Beteiligten - Dechant Franke, Pfarreirat, Gemeindeausschuss St. Nikolaus bei der Verabschiedung von Kaplan Finkemeier. Volle Kirche, tolle Reden und Zeichen. Die Katholiken vor Ort sind nicht von gestern, sondern leben den Glauben und die Gemeinschaft so, wie Jesus es sich sicher wünscht, das war heute zu deutlich spüren. Danke!" 
"Nicht von gestern", "so, wie Jesus es sich wünscht" - mich wandelt bei dieser Wortwahl ein leises Grauen an, aber ich war ja nicht dabei und kann daher nicht einordnen, was der Verfasser dieser Zeilen damit konkret meint. Lassen wir das also mal so stehen. 

Sodann: Dem leitenden Pfarrer von St. Agatha, Ulrich Franke, habe ich in meinem ersten Dorsten-Artikel womöglich etwas Unrecht getan, aus purer Irritation über seinen übelgelaunten Pfarrbrief-Text zur Personalsituation in seiner Pfarrei. Jedenfalls gibt es Indizien dafür, dass er eigentlich doch ein Guter ist. Ich habe nämlich in den Weiten des Internets ein Interview mit ihm in der Dorstener Zeitung gefunden, von dem ich zunächst dachte, es gehe darin um die in meinem ersten Dorsten-Artikel ausführlich gewürdigte Umfrage zum Zukunftsbild der Pfarrei. Tatsächlich stammt der Zeitungsartikel jedoch aus dem März 2015 und dreht sich um eine andere Umfrage - eine Umfrage des Bistums Münster, in der 30% der Befragten angaben, mit der Katholischen Kirche unzufrieden zu sein. Danach befragt, was für Konsequenzen aus diesem Ergebnis zu ziehen seien, sagte Pfarrer Franke einige beachtenswerte Dinge. Meine Lieblingspassage lautet: 
"Darf ich auch was Kritisches zum Ansatz der Studie sagen? Sie wurde ja unter Marketing-Gesichtspunkten erstellt. Marketing-Leute geben Geschäftsleuten Rat, wie sie gewinnbringender verkaufen und sich deutlicher als Marke darstellen können. Für jeden Geschäftsinhaber ist das ja okay. Kirche läuft aber anders [...]. Wir sollen Gott ehrlich verkündigen und den Menschen in seinem Namen nahe sein und versuchen, ihnen zu helfen. Vieles, was wir machen, ist nach außen schwer darstellbar und darf es auch nicht sein. Wir verkaufen nichts. [...] Kirche ist Werkzeug Gottes. Wer so denkt, macht sich keine Sorgen darum, wie ich mich besser als Marke darstellen kann." 
Na das lässt sich doch hören! Dann muss man sich wohl auch keine allzu große Sorgen darum machen, wie die Ergebnisse der Zukunftsbild-Umfrage in der Gemeindearbeit umgesetzt werden.

Soviel einstweilen aus Dorsten; aber auch aus der Pfarrei St. Willehad gibt es Neuigkeiten, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten will. Wir erinnern uns: Zum 3. Advent hatte der Offizial und Weihbischof Heinrich Timmerevers sich mit einem offenen Brief an die Gemeinde gewandt und die zerstrittenen Interessengruppen zur Versöhnung aufgerufen. Zu Weihnachten nun hielt Diakon Christoph Richter in St. Willehad eine beachtenswerte Predigt, in der er dieses Anliegen aufgriff. In voller Länge ist sie auf der Facebook-Seite der Pfarrei nachzulesen; hier einige Kernsätze:
"Und die Engel der Heiligen Nacht singen es auch: Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.
Diese Menschen seiner Gnade sind WIR. Und WIR alle bilden unsere Gemeinde St. Willehad mit allen Gemeindeteilen. Wir alle und noch viele darüber hinaus. Und da ist es egal, in welcher Gemeindegruppe wir mitarbeiten, welche Stellung wir als Mitarbeiter haben, oder ob wir hier einfach nur zum Gottesdienst zusammen kommen.

Ich für mich möchte weiterhin einem jeden Menschen, der sich in irgendeiner Weise mit St. Willehad verbunden fühlt [...], freundlich und mit großem Respekt begegnen - denn auch in dir und in dir ist Weihnacht. Für mich ist dieses Weihnachtsfest eine Art Neubeginn in St. Willehad, ich kann den Frieden, der mir in dieser Nacht [...] geschenkt ist nicht für mich  behalten. Ich möchte ihn teilen - mit Ihnen - Sie auch?" 
Ausgesprochen stark, wie ich finde - aber gleichzeitig wirft das auch ein Licht darauf, wie sehr die Dinge innerhalb der Gemeinde im Argen liegen, wenn eine solche Predigt notwendig ist. Aber hoffen wir für die Zukunft mal das Beste. --

Bei der diesjährigen Sternsinger-Aktion, an der in Nordenham, Butjadingen und Stadland insgesamt 23 Kinder teilnahmen, wurden an 110 angemeldeten Adressen insgesamt 3483 € an Spenden gesammelt (Pressebericht hier, weitere Fotos hier). Auf der Facebook-Seite der Pfarrei hieß es allerdings, man habe in diesem Jahr "deutlich weniger Kinder aussenden" können als 2015. Über die Gründe lässt sich allenfalls spekulieren, aber der Gedanke liegt wohl nicht ganz fern, dass sich hier die Konflikte zwischen verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Gemeinde ausgewirkt haben könnten.

Am selben Wochenende, an dem die Sternsinger unterwegs waren, gab es einen Einbruch ins Rat-Schinke-Haus, das ehemalige Pfarrhaus von Herz Mariae in Burhave, jetzt ein Gästehaus für Jugendgruppen und Familien. Dabei wurden Schlüssel und eine ungenannte Summe an Bargeld erbeutet; es entstand ein Sachschaden in vierstelliger Höhe. Das schmerzt. Ich habe  in meiner Kindheit und Jugend so viel Zeit in diesem Haus verbracht, dass es für mich praktisch ein Stück Zuhause ist. 

Und am vergangenen Wochenende war Firmung in St. Willehad. Weihbischof Heinrich Timmerevers spendete das Sakrament der Firmung 22 Jugendlichen - eine recht stolze Zahl, wie ich finde. Ein paar schöne Fotos davon gibt es hier. In die Lokalpresse schaffte es dieses Ereignis nur in Gestalt eines knappen Vorberichts, dessen Verfasser (obwohl er selbst Gemeindemitglied von St. Willehad ist und sogar dem Kirchenvorstand angehört) beharrlich vom "Fest der Firmung" spricht - das es als solches gar nicht gibt, denn der Begriff "Fest" bezeichnet im Sprachgebrauch der Katholischen Kirche den liturgischen Rang bestimmter Tage im Kirchenjahr. Könnte man wissen, muss man aber offenbar nicht. "Das Fest der Firmung geht zurück auf das Pfingstereignis, wovon in der Bibel unter anderem [!] die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium berichten", weiß der NWZ-Journalist seinen staunenden Lesern zu berichten. Und weiter? Nichts weiter. Was bedeutet es, dass Jugendliche vom Bischof (bzw. Weihbischof) gefirmt werden? Was passiert da mit ihnen, und warum? Das alles muss dem in kirchlichen Dingen unbewanderten Leser ein Geheimnis bleiben. Auch der Begriff "Sakrament" kommt im Artikel nicht vor. Viel wichtiger ist allemal die Aufzählung der Namen der Firmlinge. So funktioniert Lokalpresse.

Mehr habe ich im Augenblick nicht zu berichten. Aber vielleicht gibt es unter meinen Lesern ja ein paar Ortsansässige, die mehr wissen. Ich freue mich also auf Ergänzungen...!



Update 17:30 Uhr: Schon gibt's die erste Ergänzung bzw. Richtigstellung. Diakon Christoph Richter teilt mir aus Nordenham mit, der Vorbericht zur Firmung basiere auf einer Pressemitteilung der Pfarrei. Die beanstandeten Formulierungen stammen also nicht vom Lokalredakteur der NWZ. "Im Sprachgebrauch der Menschen bedeutet Fest etwas anderes, als das liturgische Fest, nämlich die Zusammenkunft der Familie nach der Sakramentenspendung. Daher haben wir uns entschieden, diese Feier so anzukündigen." 


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