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Donnerstag, 15. Oktober 2026

Glanz und Elend der Urlauberkirche, Teil 3: Summer of '92, Fortsetzung

Im ersten Teil meiner Erinnerungen an die Urlauberkirchen-Saison 1992 in Butjadingen hatte ich festgehalten, dass ich das Programm der katholischen Strandkorbkirche schon damals, "gerade unter dem Aspekt der religiösen Substanz", eher dürftig fand, aber auch, dass die Strandkorbkirche damals immerhin noch deutlich mehr auf die Beine gestellt hat, als die katholische Urlauberseelsorge in Butjadingen es heute tut. Um dies zu unterstreichen, möchte ich die nun folgende Fortsetzung mit dem Hinweis einleiten, dass in der Pfarrei St. Willehad unlängst die Herbstausgabe der neuen Quartalsschrift "Leuchtturm" erschienen ist, und darin findet sich auch ein Rückblick auf die diesjährige Urlauberkirchen-Saison, verfasst von Diakon Christoph Richter. Der geneigte Leser möge sich gern selbst ein Urteil bilden, aber mir drängt sich der Eindruck auf, da schreibt einer, der genau weiß, dass das gebotene Programm arg dürftig war, der aber krampfhaft versucht, es sich und dem Publikum schönzureden. Dies gerät ihm teils defensiv ("Das Nachmittagsprogramm mussten wir erst einmal testen: Was geht? Was geht nicht? Ist die Zielgruppe überhaupt offen und bereit für ein Angebot?"), teils trotzig ("Ein Riesenerfolg waren die Bingoabende [...]. Bingo hat 4× auf jedem Platz Menschen miteinander verbunden"); konsequent vermieden wird es hingegen, sich der Frage zu stellen, ob die Angebote der Urlauberkirche nicht auch inhaltlich gewissen – idealerweise katechetischen und/oder spirituellen – Anforderungen genügen sollten. Lediglich über das Kinoprogramm heißt es, dass die ausgewählten Filme "Spaßcharakter hatten und auch etwas mit dem christlichen Glauben zu tun hatten" – was ja nun auch wieder ziemlich defensiv klingt und im Übrigen so ziemlich alles Mögliche bedeuten kann. 

Nun aber zurück zu meinen Aufzeichnungen aus dem Sommer '92! – Über das zweite Strandkorbkirchen-Team dieses Sommers hatte ich ja, wie erwähnt, schon am 5. Juli die Einschätzung festgehalten, im Vergleich zu den Wellenbrechern könne dieses "eigentlich nur besser werden"; noch ehe ich jedoch Gelegenheit hatte, diese Annahme einer Überprüfung zu unterziehen, traf erst einmal ein Team der eher evangelikal ausgerichteten "Strandmission" im Burhaver Gästehaus des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen ein, was mir Veranlassung zu einem Tagebucheintrag mit der vielsagenden Überschrift "Die andere Seite" gab. Dieser Eintrag trägt das Datum vom 15. Juli, einem Mittwoch, und an diesem Tag ging ich erstmals in diesem Sommer zum Teenie-Programm der Strandmission, das abends stattfand unter der Bezeichnung "Teestube" lief; wie ich notierte, war das Team der Strandmission einen Tag zuvor angereist. Zur "Teestube" am Mittwoch ging ich zusammen mit meiner Schwester, und "[a]uf dem Weg dorthin verriet ich" dieser "auf ihre Frage hin, was mir an Freikirchlern nicht gefiel" – was ausgesprochen interessantes Material für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" bietet, weshalb ich diesen Teil des Tagebucheintrags lieber an anderer Stelle würdigen möchte; hier genüge es erst einmal, festzuhalten, dass ich mich mit meinen 16 Jahren entschieden als katholischer Christ sah, unbeschadet der Tatsache, dass mich bestimmte Formen der Glaubenspraxis, wie ich sie in freikirchlichen Kreisen (oder eben bei den "Krelingern", die ja keine Freikirchler waren, was mir damals aber wohl nicht bewusst war) vorfand, stark ansprachen und ich "so etwas" in meiner eigenen Kirche eher vermisste. 

Auf dem Weg zur Teestube trafen wir ein Mädchen aus dem Dorf, das ebenfalls zu dieser Veranstaltung wollte; dieses Mädchen war ungefähr in meinem Alter, war aber bisher (was sich nach diesen Sommerferien änderte) auf eine andere Schule gegangen als ich, und so hatten wir nicht sonderlich viel Kontakt zueinander; aber natürlich "kannte man sich", und als wir bei der Teestube ankamen, setzten wir uns zu dritt an einen Tisch – und nun passierte etwas Interessantes: "Zu uns gesellte sich ein Mädchen aus dem Team. Sie hieß witzigerweise Willi, was eine Abkürzung für Wiltrud war. Wir unterhielten uns sehr gut." Mir scheint, dass ich mir damals nicht besonders viel dabei gedacht habe, aber aus heutiger Sicht bin ich überzeugt, dass ich in diesen Zeilen ein sehr bewusstes und strategisch kluges Vorgehen des Teams festgehalten habe. Da kommen drei Leute rein, die sich untereinander offenbar schon kennen, und setzen sich zusammen an einen Tisch – was macht man da? Man setzt jemanden vom Team dazu, der ein Gespräch mit ihnen anfängt. So zeigt man Interesse, gibt den Neuankömmlingen das Gefühl, willkommen zu sein, und verhindert zugleich, dass sie zu sehr "unter sich bleiben" und damit in einer gewissen Distanz zum Geschehen verharren. Der Unterschied zur Strandkorbkirche, aber auch zu anderen Angeboten im post-volkskirchlichen Bereich, ist mit Händen zu greifen: Da fühlt man sich, wenn man zu einer Veranstaltung kommt, wo man (noch) niemanden kennt, ja eher wie jemand, der unbefugt in eine geschlossene Gesellschaft eingedrungen ist, und wird nicht selten auch so behandelt – "sogar da, wo die Kirche sich gezielt als jung und hip zu präsentieren sucht", wie ich im Februar 2025 aus seinerzeit gerade aktuellem Anlass notierte. 

Im Gespräch mit "Willi" und/oder anderen Teammitgliedern stellte sich übrigens heraus, dass die Leute von der Strandmission angenommen hatten, die Strandkorbkirche wäre ab dem nächsten Tag nicht mehr da; wir informierten sie jedoch darüber, "dass das nur das erste Team war und dass morgen (zum Glück) ein neues Team kam". In diesem Zusammenhang hielt ich die Beobachtung fest, die "Krelinger" wirkten "dieses Jahr bemüht, die üblichen Querelen mit der Strandkorbkirche zu umgehen", und merkte dazu an: 

"Meine Meinung zu dem Thema war: Lieber miteinander als gegeneinander. Wäre es so abwegig, wenn Strandmission und Strandkorbkirche mal das eine oder andere gemeinsam machen würden?" 

Tatsächlich könnte man ja meinen, "so abwegig" dürfte es eigentlich nicht sein, aber gerade die Tatsache, dass ich mir diese Frage stellte, impliziert ja, dass es auf der Basis der Erfahrungen früherer Jahre wohl doch ziemlich undenkbar war. Folgerichtig fügte ich sogleich einschränkend hinzu: "Zumindest aber könnte man sich ja miteinander arrangieren, um sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen." – Darüber könnte man nun natürlich auch wieder ausgiebig philosophieren: Können ein vom Ansatz her nicht-missionarisches und ein missionarisches Projekt einander Konkurrenz machen? Man muss diese Frage gar nicht zwingend auf ein religiöses Verständnis von Mission zuspitzen, sondern könnte auch sagen: Das eine Projekt – die Strandmission – sucht aktiv ein Publikum für sein Angebot, das andere – die Strandkorbkirche – tut dies nicht, sondern verlässt sich darauf, dass die angestrebte Zielgruppe sich von allein einfindet. Damit ist schon mal klar, dass die Strandkorbkirche für die Strandmission keine Konkurrenz darstellt; umgekehrt müsste aber die Strandkorbkirche – insofern, als sie ohnehin nicht darauf ausgerichtet ist, über den engen Kreis ihrer "Stammkundschaft" hinaus zu wirken – die Strandmission eigentlich auch nicht als Konkurrenz fürchten, tut es aber in gewissem Sinne doch, möglicherweise deshalb, weil sie gerade das, was dort anders gemacht wird, als eine Art stillen Vorwurf empfindet; und man könnte sagen: durchaus zu Recht. 

Dass ich es erwähnenswert (und "überaus positiv zu bewerten") fand, dass bei meinem ersten Besuch der Strandmissions-Teestube in diesem Sommer "keinerlei Katholikenfeindlichkeit auftrat", sagt sicher auch einiges aus, ist aber wohl eher ein Thema für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase". Zum inhaltlichen Programm des Abends notierte ich, zunächst sei "ein Sketch mit zwei Spinnen aufgeführt" worden, "der übrigens echt tiefsinnig war", und dann habe unsere neue Freundin "Willi" die Geschichte des Zöllner Zachäus mit Jonglierbällen dargestellt: "Es war super". An die Jongliernummer erinnere ich mich in Grundzügen tatsächlich heute noch, was ich von dem Spinnen-Sketch leider nicht im selben Maße behaupten kann. 

Tags darauf, am 16. Juli, fand erneut ein Glaubensgespräch im Rat-Schinke-Haus statt, über das ich mich schon in meinem Artikel "Kirche wozu? Die schon fast nicht mehr erwartete Fortsetzung" geäußert habe; hier möchte ich mich daher auf die "urlauberkirchenrelevanten" Details beschränken, zu denen es gehört, dass meine Schwester und ich vor Beginn des Gesprächsabends "einen Teil des neuen Strandkorbkirchenteams" kennenlernten, nämlich "ein junges Ehepaar, Dirk und Erika Schumann, mit zwei kleinen Kindern. Der Rest des Teams sollte erst morgen kommen". – "Und dann war da noch ein junger Mann am anderen Ende des Tisches", von dem ich im Zuge der von meiner Seite recht polemisch geführten Debatte mit der eher "postchristlich" eingestellten Referentin den Eindruck hatte, dass er "eher auf meiner Seite stand, aber moderater, ruhiger argumentierte [...]. Er wirkte jedenfalls sehr gebildet, zum Beispiel behandelte er mit größter Genauigkeit das Problem, ob man ohne Gott glücklich sein könne." Wie ich in "Kirche wozu? Die schon fast nicht mehr erwartete Fortsetzung" bereits verraten habe, handelte es sich bei diesem jungen Mann um Kai-Uwe Schroeter, der später (von 2004-2007) Leiter des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen und noch später Pfarrer in Dortmund wurde; im Sommer 1992 war er Vikar in der evangelischen Kirche und Teamchef der Strandmission. Dass meine Schwester und ich ihn nicht schon am Abend zuvor kennengelernt hatten, muss man wohl als Zufall betrachten; jedenfalls stellte sich Kai-Uwe "nach der Diskussion unserem Pfarrer vor und sprach auch mit den Schumanns" – sowie mit meiner Schwester und mir, wobei er anmerkte, er habe "uns noch von vor ungefähr sechs Jahren in Erinnerung" (Man beachte: Da war ich zehn!). Recht offensichtlich erscheint es jedenfalls, dass Kai-Uwes Teilnahme an diesem Glaubensgespräch im Zusammenhang mit seinen Bemühungen stand, das schwierige Verhältnis zwischen den "Krelingern" und den örtlichen Kirchengemeinden zu verbessern – wobei es bemerkenswert ist, dass gerade das Verhältnis zur evangelischen Kirchengemeinde stark belastet war. "Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen evangelischer Gemeinde und den Krelingern war letztes Jahr der traditionelle Strandgottesdienst gewesen, der ohne Beteiligung der Krelinger stattfand. Grund: Die Krelinger waren gar nicht gefragt worden, ob sie sich beteiligen wollten." Wie Kai-Uwe verriet, hatte er eine volle Stunde mit dem örtlichen evangelischen Pastor reden müssen, um ihn einigermaßen versöhnlich zu stimmen. 

Näheres über das neue Strandkorbkirchen-Team – über die beiläufige Erwähnung des Ehepaars Schumann hinaus – erfährt man im Tagebucheintrag vom kommenden Wochenende, dem 18./19. Juli: Am Samstagvormittag gab es im Rat-Schinke-Haus einen Termin zur Vorbereitung der Sonntagsmesse, und daran nahmen neben dem örtlichen Pfarrer, dem polnischen Gastpriester ("Woyzeck") und eben dem neuen Strandkorbkirchenteam auch meine Schwester und ich teil, was ja an sich schon mal ein ganz interessantes Faktum ist. "Zum Team waren inzwischen noch einige Mädchen gestoßen: Elisabeth, die wohl etwas älter als [meine Schwester] war, sowie zwei jüngere Mädchen, Nina und Ela. Ich hätte gedacht, dass die beiden etwa in meinem Alter wären, aber ich erfuhr, dass sie erst 14 waren." Von diesen jungen Damen wird in Folgenden noch ein paarmal die Rede sein; kommentarwürdig erscheint mir aus heutiger Sicht indes vor allem die folgende Passage zum Thema Gottesdienstgestaltung: 

"Im Gegensatz zu den Wellenbrechern machten die neuen Strandkorbkirchler einen separaten Teil für die Kinder außerhalb der Kirche. So musste man den eigentlichen Wortgottesdienst nicht auf Kinderniveau bringen, und die Kinder hatten viel mehr davon. Außerdem störten die Kinder dann nicht." 

Den letzten Satz finde ich ja entwaffnend ehrlich; im Übrigen möchte ich darauf verweisen, was ich in meinem Artikel "Gideon und Bernadette gehen nicht zur Kinderkatechese" von Anfang 2017 "zu dem Konzept [...], Kinder aus dem Gottesdienst 'rauszuholen, um ihnen ein Alternativprogramm zur Feier der Heiligen Messe angedeihen zu lassen", angemerkt habe. Inzwischen gestalte ich zwar selbst Kinderwortgottesdienste mit, aber zu meiner grundsätzlichen Kritik an diesem Format stehe ich im Großen und Ganzen auch weiterhin. Dass ich das mit 16 Jahren anders sah, finde ich im Rückblick allerdings verständlich: Nachdem ich dem Kindergottesdienst-Alter glücklich entwachsen war, hatte ich natürlich wenig Lust darauf, dessen Stilmittel auf dem Wege des "Familiengottesdienstes" in die "normale" Sonntagsmesse eindringen zu sehen. 

Zum Inhalt der Gottesdienst-Vorbesprechung an diesem Samstag erfährt man an dieser Stelle erst mal nichts Näheres, weiter unten liest man dann aber:

"Das Thema dieses Gottesdienstes, in dem das Evangelium von Maria und Martha vorkam, war: 'Nimm dir Zeit für Gott!' Und das war ja genau das, was ich in diesen Ferien machte." 

Diese letzte Anmerkung ist unter anderem wohl als Kommentar dazu zu verstehen, dass ich am selben Wochenende, nämlich am Samstagabend, zusammen mit meiner Schwester erneut auch die – wie an dieser Stelle ausdrücklich hervorgehoben wird – "täglich stattfindende Teestube" der Strandmission besuchte. Dies veranlasste mich, darüber zu reflektieren, "dass ich in diesen Ferien total auf dem religiösen Trip war. Krelinger, Strandkorbkirche – überall war ich voll dabei. Das gefiel mir, ich fühlte mich sehr wohl dabei"; und folgerichtig trägt der Tagebucheintrag über das Wochenende des 18./19. Juli die Überschrift "Voll auf dem Religionstrip". 

Die Strandmissions-Teestube an diesem Samstagabend fand ich übrigens "mal wieder voll gut". Zentraler Programmbeitrag war eine mit Musik unterlegte Diashow, die zur Diskussion und/oder zum Nachdenken anregen sollte, "und zwischendurch einige Ausschnitte aus einer Umfrage 'Was ist ein Christ?'". – "Die Dias passten perfekt zur Musik, oder umgekehrt"; na, wer hätte das gedacht. Die Musik ordnete ich als "hauptsächlich harter Rock" ein, was wohl eine Definitionsfrage ist; ausdrücklich genannt wurden "Knocking on Heaven's Door" – offenbar die damals gerade ziemlich aktuelle Coverversion von Guns 'N Roses – sowie "I am the Six O'Clock News" von Larry Norman, von dem ich festhielt, dass ich es "bisher nicht gekannt hatte", dass es mir aber "besonders gut" gefiel. Wer Larry Norman war, wusste ich damals nicht und war einigermaßen überrascht, das Lied Jahre später im Zuge meiner Lektüre von Gregory Alan Thornburys Norman-Biographie "Why Should the Devil Have All the Good Music?" quasi "wiederzuentdecken". – Was ich damals jedenfalls vom Liedtext wahrnahm und verstand, war, dass es darin um "all das Elend" ging, "das einem durch die Nachrichten vermittelt wurde Die Dias dazu: Mehrere Bilder von Soldaten, zwischendurch ein Nachrichtensprecher, dann eine US-Flagge vor einer Gedenktafel, und schließlich ein Soldatenfriedhof." 

Nicht minder interessant ist, dass meine Schwester und ich bei dieser Teestube mit einem jungen Mann ins Gespräch kamen, "der Markus hieß und Missionar werden wollte": "Er hatte vor einiger Zeit einen 'Einsatz' in der Mongolei mitgemacht und war davon völlig begeistert." – Und dann fanden sich "ein paar Jungs" bei der Teestube ein, von denen ich fand, dass sie "irgendwie nicht in das Milieu passten": "Sie trugen Heavy- Metal-T-Shirts und macht auch sonst einen dementsprechenden Eindruck." Dass ich Leute mit einem solchen Erscheinungsbild bei dieser Veranstaltung eher nicht erwartet hätte, ist wohl durchaus aussagekräftig; "[a]ber sie brachten Stimmung", und die Antwort auf die Frage "Wie hatten sie sich hierherverirrt?" lautete, "dass die Jungs zur Jugendfeuerwehr aus Holzminden gehörten, die zurzeit am Burhave" Strand kampierte– in der Nähe des Krelinger-Zeltes": 

"Da hatten die Krelinger es sich nicht nehmen lassen, sie zur Teestube einzuladen. Und jetzt war es natürlich eine große Freude, dass die Feuerwehrler gekommen waren. Ihnen zuliebe wurde die Dia-Show noch einmal gezeigt, und da die Musik genau den Geschmack der Jungs traf, gefiel es ihnen ziemlich gut." 

Diese Anekdote scheint mir recht illustrativ für den missionarischen "Spirit" der Strandmission, den man bei der Strandkorbkirche und erst recht bei ihren post-volkskirchlichen Nachfolgeprojekten vergeblich suchen würde; es folgt noch ein weiterer anekdotischer Beleg dafür, aber zunächst einmal wandte ich mich in meinem Tagebuch wieder dem neuen Strandkorbkirchenteam zu, das bis zu seinem ersten Sonntagsmessen-Einsatz noch einmal Verstärkung bekommen hatte: "Ansgar, ein alter Bekannter, und Gabi, eine schon nicht mehr ganz so junge Frau, die auch schon letztes Jahr dabeigewesen war, waren noch hinzugekommen." An diesen Ansgar erinnere ich mich tatsächlich recht gut, leider weiß ich seinen Nachnamen nicht und kann daher nicht Google befragen, was aus ihm geworden sein mag. Am Dienstag, dem 21. Juli, hielt ich jedenfalls fest, das neue Strandkorbkirchenteam gefalle mir "wirklich gut"; bezeichnend ist hier indes der Hinweis, "besonders Nina" sei "echt nett" – ehrlicherweise müsste man wohl ergänzen "und hübsch" –, "auch wenn sie nicht zu den Aktivsten gehörte". Im Klartext darf man das wohl so verstehen, dass ich, weil ich die 14jährige Nina einfach mochte, in ihrem Fall nicht so schlimm fand, was ich an anderen Strandkorbkirchen-Mitarbeitern scharf kritisiert haben würde – nämlich dass sie ihren Einsatz in erster Linie als billigen Urlaub betrachteten und nutzten und an der inhaltlichen Seite des Ganzen eher wenig Interesse zeigten. "Aktiv war dagegen Elisabeth (von Nina und Ela 'Betty' genannt), die auch ziemlich nett war" – von der ich indes auch zu Protokoll gab, meine Schwester sei "zunächst nicht so begeistert von ihr gewesen, aber mittlerweile hatte sich das geändert". Diese Bemerkung enthält einen subtilen Hinweis darauf, dass meine Schwester als junge Erwachsene nicht gerade der einfachste und umgänglichste Charakter war, aber ich kann versichern, dass sie seither erheblich entspannter geworden ist. – Der entscheidende Punkt des Tagebucheintrags vom 21. Juli ist jedoch, dass Strandkorbkirchen-Mitarbeitern Elisabeth am Abend "sogar mit zur Teestube der Krelinger" kam, die "[d]iesmal [...] im Zelt am Strand" stattfand. Zum Programmauftakt war dort "Gymnastik angesagt, geleitet von Kai-Uwes sehr sportlicher Frau. Ich beteiligte mich daran nicht", was wohl auch ziemlich typisch für mich war. "Es folgten die üblichen Gespräche und das Teetrinken, und dann kam der heutige programmatische Beitrag", den ich ausführlich genug geschildert habe, um meiner Erinnerung daran auf die Sprünge zu helfen. Es handelte sich um eine "gestellte Umfrage zum Thema Zukunft", das heißt, ein Mitarbeiter trat in der Rolle des Interviewers auf und befragte "Passanten", die jedoch ebenfalls zum Team gehörten und in die Rollen verschiedener etwas klischeehaft überzeichneter "Bevölkerungstypen" schlüpften, wie ich es damals formulierte – "Zum Beispiel: Öko-Freak. Oder: Fitness-Fanatiker. Markus spielte einen Sektenjünger, der meditierte, und Kai-Uwe einen Unternehmer, der in 2½ Minuten 50 Mark verdient. Der Typ Mode-Freak und der No-Future-Typ kamen auch vor. Alles sehr witzig. Natürlich war es eine völlige Verarschung all dieser Lebensstile" – oder anders ausgedrückt, eine in satirischer Form dargebotene Kritik daran, seine Hoffnungen für die Zukunft auf etwas anderes zu setzen als auf Jesus Christus. – Strandkorbkirchen-Mitarbeiterin Elisabeth "gefiel es offenbar recht gut", und dann kamen erneut einige Mitglieder der Jugendfeuerwehr-Gruppe vorbei: 

"Diesmal waren es noch mehr, und es waren auch Mädchen dabei. Eine kurze Absprache unter den Teamern genügte, und schon wurde beschlossen, den Feuerwehrlern zuliebe den Programmteil zu wiederholen." 

Was die Wiederholung des Interview-Sketchs für mich persönlich besonders spannend machte, war, dass Elisabeth mir heimlich den Vorschlag machte: "Misch' dich doch da mal unter die Passanten und sag' auch was!" Schon interessant, dass sie mir das zutraute; und mindestens ebenso interessant, dass die Strandmissions-Mitarbeiter so flexibel auf diese spontane Erweiterung ihrer Nummer reagierten. Da ich fand, ich müsse, wenn ich schon auf Elisabeths Anregung eingehe, "etwas Originelles bringen", und "fast alle 'Typen'" seien "schon vertreten", liefert ich eine Imitation des "Nationalhelden Bobbele Becker" ab, der kurz zuvor im Viertelfinale von Wimbledon gegen André Agassi ausgeschieden war. "Die Feuerwehrheinis fanden meine Darbietung offenbar gut, sie lachten lauthals." – Auch ein interessantes Detail dieses Tagebucheintrags ist es, dass Elisabeth im Anschluss an die Teestube "noch mit zu uns nach Hause" kam – zum Fernsehen. 

Darüber, ob dieser einmalige Besuch einer Strandkorbkirchen-Mitarbeiterin beim Programm der Strandmission irgendwelche weiteren Auswirkungen gehabt hat, geht aus meinen Tagebuchaufzeichnungen leider nichts Konkretes hervor. Dokumentiert ist, dass ich am 25. Juli, einem Samstag, nochmals bei der Teestube der Strandmission war, zusammen mit meiner Schwester und diesmal auch ihrem Freund, meinem jetzigen Schwager; was es über diese Teestube zu berichten gibt, gehört aber eher in den Kontext der "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase". Der Besuch meines Schwagers bei uns an dem besagten Wochenende ist allerdings noch in anderer Hinsicht erwähnenswert: An dem Samstag wollten meine Schwester und ich nämlich wieder an dem Treffen zur Gottesdienstvorbereitung im Rat-Schinke-Haus teilnehmen, und er kam kurzerhand dorthin mit. "Und dabei geschah heute etwas unheimlich Revolutionäres" – nun gut, diese Wortwahl würde ich aus heutiger Sicht als etwas übertrieben bezeichnen, aber dass ich es damals so empfand, sagt wohl schon einiges aus. – Worum also ging's? 

In der Gestaltung der betreffenden Sonntagsmesse sollte "besonderes Augenmerk auf das Vaterunser gelegt werden", und in diesem Zusammenhang machte Strandkorbkirchen-Mitarbeiterin Elisabeth "den Vorschlag, das Vaterunsergebet zu singen und gestisch zu begleiten – eine Art Tanz also". "Starke Idee", fand ich; wie sich zeigte, hatte Elisabeth "dazu sogar schon eine Vorlage", plädierte aber dafür, diese "noch zu vereinfachen". Ihre ältere Kollegin Gabi "war ebenfalls der Meinung 'weniger ist mehr'. Ich sah das aber anders" – und an diesem Punkt schaltete sich der Freund meiner Schwester in die Diskussion ein, "der zwar eigentlich nichts mit der Sache zu tun hatte, dafür aber mit ähnlichen Dingen praktische Erfahrung hatte": Er meinte, statt von der Vorlage "etwas wegzulassen, könne man sogar noch etwas hinzufügen. Elisabeth war da skeptisch", aber immerhin konnte man sich darauf einigen, in die Kirche zu gehen und die Choreographie dort "einfach mal auszuprobieren". "Die beiden Pfarrer – also der örtliche Pfarrer Kordecki und der schon erwähnte polnische Gastpriester Wojciech, von mir beharrlich "Woyzeck" geschrieben – "sahen zu"; eine durchaus wichtige Information, wie sich noch zeigen wird. Am Einüben der Choreographie beteiligten sich vom Strandkorbkirchen-Team außer Elisabeth "nur Erika, Ela und Gabi", und die letztere "stieg auch noch aus", als mein späterer Schwager "sich schließlich mit seinen Ideen durchsetzte"; wobei ich betonte, dass Gabi sich "nicht aus Protest" aus der Tanzgruppe zurückzog, sondern weil sie sich die anspruchsvollere Choreographie nicht zutraute. Elisabeth hingegen "ließ sich überzeugen, dass weniger eben doch nicht mehr war". – So war der Freund meiner Schwester, der, wie neulich schon erwähnt, einer Freien evangelischen Gemeinde angehörte, "auf gar wundersame Weise zum Chefchoreografen geworden. Er sagte später, er hätte nie gedacht, einmal so aktiv an einem katholischen Gottesdienst mitzuwirken". 

Der Tagebucheintrag vom Folgetag, eben dem Sonntag, trägt indes die Unheil verheißende Überschrift "Musste das sein?" und beginnt mit dem Eingeständnis, dass "der Gottesdienst zum Thema Vaterunser [...] beiweitem nicht so revolutionär [wurde] wie geplant". Als Grund bzw. Ursache dafür identifizierte ich den Umstand, dass die Messe nicht vom Ortspfarrer Kordecki, sondern vom polnischen Gastpriester zelebriert wurde – und der "ließ unsere Vaterunser-Inszenierung geradezu in letzter Minute platzen". (Wir erinnern uns, dass derselbe Priester schon zwei Wochen zuvor, in einer musikalisch von der Gruppe Wellenbrecher gestalteten Messe, einen geplanten Vaterunser-Song kurzerhand durch ein normales gesprochenes Vaterunser ersetzt hatte – was allerdings vielleicht keine Absicht, sondern eher das Ergebnis mangelnder Absprache gewesen war.) Wie ich notierte, begründete "Woyzeck" seinen Einspruch gegen die Vaterunser-Choreographie damit, "dass wir das Gesicht vom Altar abgewandt hätten" – nicht vielleicht eher vom Tabernakel? Aber das blieb sich im Endergebnis wohl gleich –, "und das sei aus liturgischen Gründen sehr schlecht". 

Ohne hier eine Grundsatzdiskussion über das Für und Wider liturgischen Tanzes anstoßen zu wollen, würde ich den genannten Kritikpunkt aus heutiger Sicht als durchaus valide betrachten, muss meinem jüngeren Ich aber gleichwohl in der Ansicht zustimmen, der Priester "hätte [...] es uns auch eher sagen können, er hatte uns schließlich beim Proben zugesehen"; hätte er seinen Einwand da vorgebracht, hätte man die Choreographie, oder genauer gesagt die Positionierung der Tänzer im Altarraum, vielleicht noch entsprechend anpassen können. Die Proben unkommentiert laufen zu lassen und dann den fertig vorbereiteten Beitrag kurzerhand abzusagen, verrät dagegen eine Haltung, die ich nicht unbedingt als "klerikale Arroganz" bezeichnen möchte, aber wenn sie jemand so bezeichnet, würde ich nicht direkt widersprechen. Zumindest zeigt sich hier mangelnde Einsicht in die Tatsache, dass ehrenamtliches Engagement von Laien eine kostbare Ressource ist und dass man es sich eigentlich nicht leisten kann, damit derart verschwenderisch umzugehen, indem man die Aktiven unnötig frustriert und vor den Kopf stößt. – Insbesondere meine Schwester "ärgerte sich unheimlich über das abgesetzte Vaterunser-Gestenspiel" – beteiligte sich aber dennoch zusammen mit Elisabeth (die sie, da wiederhole ich mich, ursprünglich gar nicht mochte) an der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes: Sie :spielten einige Stücke mit Orgel und Querflöte, unter anderem 'Air' von Bach und 'Zünde an dein Feuer'", ein Lied, das, wie ich beflissen vermerkte, auf "die Melodie der israelischen Nationalhymne" gesungen wurde. Außerdem gab ich noch zu Protokoll, dass "nach der Messe [...] ein von den Damen der Gemeinde organisierter Basar" stattfand, "dessen Erlös einem Kinderheim in Litauen zugute kam. Der Basar hatte recht guten Erfolg." 

Mit diesem Eintrag endet die Behandlung des Themas "Strandkorbkirche" in meinem Tagebuch aus dem Jahr 1992, obwohl die Sommerferien in Niedersachsen noch bis zum 5. August andauerten – und in Nordrhein-Westfalen, woher erfahrungsgemäß die meisten Butjadingen-Touristen kommen, sogar noch den ganzen August hindurch. Es ist somit eigentlich anzunehmen, dass es in diesem Sommer noch ein drittes Strandkorbkirchen-Team gab, aber darüber erfährt man ebenso wenig wie darüber, was das zweite Team in der dritten Woche seines Einsatzes noch so gemacht hat. Schade! – Noch "schader" finde ich es ehrlich gesagt, dass ich nicht noch mehr über die Teestube der Strandmission geschrieben habe bzw. dass ich da nicht noch öfter hingegangen bin; denn wenn man aus den hier ausgewerteten Tagebuchaufzeichnungen positive Impulse für die Kinder- und Jugendpastoral ableiten kann, dann sind diese ja wohl am ehesten bei der Strandmission zu finden und nicht bei der Strandkorbkirche. – Ich erinnere mich einigermaßen deutlich, dass ich auch in den folgenden zwei Sommern mindestens gelegentlich noch die Strandmissions-Teestube besucht habe, fürchte aber, die Quellenlage wird da nicht so gut sein wie im "Summer of '92" – weil ich nicht mehr so fleißig Tagebuch geführt habe, aber auch, weil sich meine "erste Fundi-Phase" im Schuljahr 1992/93 rapide dem Ende zuneigte. Dem letzteren Umstand wird in einem eigenständigen Artikel nachzuspüren sein; wie es mit der Reihe "Glanz und Elend der Urlauberkirche" weitergeht, ist demgegenüber weniger gewiss, aber mindestens ein Gesamtfazit wird es da wohl noch geben müssen... 


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