Wie im vorigen Wochenbriefing schon angekündigt, mussten wir am vergangenen Sonntag infolge unvorhergesehener Umstände zwischen unserem Hotelaufenthalt in Nürnberg und den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald einen Übernachtungs-Zwischenstopp in der Pilgerherberge in Schwabach einlegen. Wir brachen dorthin auf, nachdem wir aus dem Hotel ausgecheckt hatten, in der Sonntagsmesse gewesen waren und beim Restaurant zu den Goldenen Bögen (wo wir noch Bonuspunkte aus der App einzulösen hatten) zu Mittag gegessen hatten.
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| Kuschelhund Hubert sitzt hier nicht, wie man denken könnte, auf einer Spenden-, sondern auf einer Kaffeedose. |
Leider war es ein total verregneter Tag, andernfalls hätte zumindest ich durchaus Lust gehabt, die 15 Kilometer vom Nürnberger Jakobsplatz zur Pilgerherberge in Schwabach tatsächlich zu Fuß zurückzulegen. Was außer dem Wetter auch noch dagegen sprach, war indes der Umstand, dass wir unser Gepäck diesmal – eigentlich untypisch für uns – in Rollkoffern statt in Rucksäcken transportierten. So fuhren wir also vom Nürnberger Hauptbahnhof eine Station mit der Regionalbahn, und am Bahnhof in Schwabach wurden wir von einem ehrenamtlichen "Hospitalero" (so heißt das jedenfalls in Spanien) der Pilgerherberge in Empfang genommen. Manni. Ein Pfundstyp, wie man hier in der Gegend wohl sagt. Kurzer grauer Bart, schmaler Pferdeschwanz, Kreuzanhänger an einer dünnen Lederschnur um den Hals, breites Lächeln. Ich fühlte mich gleich in guten Händen. Manni zeigte uns die Pilgerherberge – die ich mir erheblich anders vorgestellt hatte, aber dazu gleich mehr –, erklärte uns, wie wir sie am nächsten Tag hinterlassen sollten, und dann fragte er mich unvermittelt: "Sag mal, trinkst du Bier? So grundsätzlich?" Ich bejahte, und Manni erklärte: "Ich brau' nämlich selber Bier, und da schenk" ich unseren Gästen immer eine Flasche, sofern sie mögen." Wir mochten, und so kamen wir in den Besitz einer 1-Liter-Bügelflasche Rotbier der Marke "Mannis Garagenbräu". Sehr lecker!
Was die Herberge betrifft, hätte ich erwartet, dass es da einen Gemeinschaftsschlafsaal mit mindestens zehn Doppelstockbetten gäbe; tatsächlich gab es lediglich ein kleines Zimmer mit genau einem Doppelstockbett, dazu zwei Klappbetten, die man im Flur aufbauen konnte. Außerdem: Dusche und Toilette, Waschmaschine und Trockner, Küche, Aufenthaltsraum. Alles sehr schlicht, dafür aber besser mit Basics wie Kaffee und Tee, Zucker und Salz, Kaffeefiltern, Seife und Klopapier ausgestattet als so manche Ferienwohnung. Ein Plakat im Eingangsbereich informierte darüber, dass pro Jahr ungefähr 80 Pilger hier übernachten.
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| Dieses Foto vom Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdón bei Pamplona war sogar auf die Bettwäsche aufgedruckt. |
Der Website kann man entnehmen, dass die Pilgerherberge in Schwabach eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Schwabach-St. Martin ist, aber in ökumenischer Zusammenarbeit mit dem Römisch-Katholischen Dekanat Schwabach betrieben wird; weitere Kooperationspartner sind die Gewobau der Stadt Schwabach GmbH und das Quartiersbüro Soziale Stadt für die Altstadt in Schwabach. Bei manchem Leser mag das die Frage aufkommen lassen, ob meine Dankbarkeit dafür, dass ich mit meiner Familie in dieser Einrichtung Unterkunft für eine Nacht gefunden habe, mich nicht etwas gnädiger gegenüber dem institutionellen Apparat der Großkirchen und seiner Verflechtung mit weltlichen Institutionen stimmen müsste. Meine Antwort lautet: Nicht unbedingt. Vielleicht wäre es so, wenn die Großkirchen ihre Mittel tendenziell mehr für solche Graswurzelprojekte einsetzten und weniger für "Citypastoral" oder Mitarbeiterschulungen in Sachen Gender- und Diversity-Sensibilität. Nicht umsonst zieht sich durch das Gästebuch der Schwabacher Herberge wie ein Roter Faden das freudige Staunen der Jakobspilger, "endlich mal eine richtige Pilgerherberge" gefunden zu haben: Solche von Ehrenamtlichen betreuten, spendenbasierten Herbergen in Trägerschaft der örtlichen Kirchengemeinden sind in Deutschland nämlich extrem selten. In Spanien, wo die Kirche viel ärmer ist, dafür aber auch keinen so aufgeblähten bürokratischen Apparat mit sich herumschleppt, findet man dergleichen viel häufiger.
Nun aber zurück zum vergangenen Sonntag: Nachdem wir uns in der Herberge einigermaßen eingerichtet hatten, wollte ich mir – trotz nach wie vor ungemütlichem Wetter – ein wenig die Altstadt von Schwabach ansehen; Frau und Kinder wollten aber lieber in der Herberge bleiben, also ging ich alleine los. In unmittelbarer Nähe unserer Herberge stieß ich erst einmal auf die evangelische Spitalkirche; als ich sie betrat, bauten einige junge Leute gerade eine Musikanlage im Altarraum auf.
Wie ich einem Aushang im Schaukasten der Kirche entnahm, sollte dort an diesem Abend ein sogenannter "TAU-Gottesdienst" stattfinden – und "Tau-Gottesdienst heißt ein Abend mit Musik, Gemeinschaft, Band, Gebet, Anbetung, Erfahrung, Freundschaft, Licht, Begegnung, Vielfalt", so habe ich's, allerdings erst im Nachhinein, im Internet gelesen. – Ich spazierte erst mal weiter zum ausgesprochen malerischen Marktplatz und zur evangelischen Stadtpfarrkirche St. Johannes und Martin.
In der Kirche findet derzeit (noch bis zum 12. November) eine Ausstellung zum Thema "Häusliche Gewalt" statt, komplett mit Triggerwarnung; ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit jedoch lieber auf die diversen prachtvollen Altarretabeln in der Kirche:
Dass eine doch eher kleine Stadt wie Schwabach eine derart prachtvoll ausgestattete Kirche besitzt, erklärt sich wohl nicht zuletzt daraus, dass diese Stadt von alters her ein Zentrum der Blattgoldherstellung ist ("Goldschlägerstadt"). Besonders eindrucksvoll ist der 1508 fertiggestellte Hochaltar aus der Werkstatt von Michael Wolgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers:
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| Auch interessant: Ein Prozessionsesel auf Rollen, vermutlich zum Mitführen bei Palmsonntagsprozessionen. |
Anschließend wollte ich mal gucken, ob die katholische Stadtpfarrkirche St. Sebald ebenfalls noch geöffnet war; und auf dem Weg dorthin begegnete ich --- einem anderen Pilger. Es handelte sich um einen jüngeren, aber nicht mehr sehr jungen Mann – wohl so zwischen 30 und 40 – mit Bart, Regenkleidung und Rucksack, der wie aus dem Nichts auf mich zukam und mich ansprach: Er sei "auf Pilgerschaft", teilte er mir mit, worauf ich spontan erwiderte: "Ich auch, in gewisser Weise." Und schon waren wir mittendrin im Gespräch. Kurz beschlich mich der unbehagliche Gedanke, mit unserem Aufenthalt in der Schwabacher Pilgerherberge hätten wir diesem jungen Mann praktisch den Schlafplatz weggenommen, aber er machte eigentlich nicht den Eindruck, einen Schlafplatz zu suchen. Er verriet mir, er sei erst seit relativ kurzer Zeit gläubig, und aktuell versuche er, einfach dahin zu gehen, wohin Gott ihn führt: Mal führe Er ihn zur Begegnung mit Menschen – so wie jetzt mit mir –, dann wieder in die Natur. "Und du?", fragte er mich. "Bist du schon immer gläubig?" – "Das ist eine schwierige Frage", erwiderte ich. "Oder nein, die Frage ist nicht schwierig, aber die Antwort ist kompliziert." Auf meine Aussage hin, ich sei "schon in einer ziemlich gläubigen Familie aufgewachsen", erklärte mein Gesprächspartner, darum beneide er mich; er habe das Gefühl, viel verpasst zu haben, weil er erst so spät zum Glauben gekommen sei. – Zum Abschluss unseres Gesprächs wollte ich ihm eine Wundertätige Medaille schenken, die ich "zufällig" gerade in der Hosentasche hatte, aber er entgegnete, er wolle lieber nichts annehmen – er sei im Moment eher darauf aus, Dinge loszuwerden. Ein legitimes Ansinnen, fand ich.
Die katholische Kirche St. Sebald besteht aus zwei in der Außenansicht deutlich voneinander zu unterscheidenden Gebäudeteilen, von denen der ältere – nachdem in Schwabach 1840 erstmals seit der Reformation wieder eine katholische Pfarrei gegründet worden war – von 1848-50 erbaut wurde und der neuere von 1923-26. Unschwer als katholische Kirche zu erkennen ist sie dadurch, dass man im Zuge der jüngsten Innenraumsanierung (2015/16) partout ein völlig unpassendes und potthässliches modernistisches Element in den Altarraum hineinklotzen musste:
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| In diesem Fall einen Volksaltar, der aussieht wie eine Palette Pflastersteine. |
Schön sind indes der Josefs- und der Marienaltar.
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| Hier als Collage. |
Das war's dann auch so ziemlich mit meinem Sightseeing-Ausflug durch Schwabach. In der Herberge verbrachten wir einen entspannten Abend und schliefen gut; die Kinder sagten sogar, sie fanden es gemütlicher als im Hotel. Am nächsten Morgen zogen wir die Betten ab, fegten einmal durch, brachten Müll raus und verewigten uns im Gästebuch, dann brachen wir auf zur Weiterreise zum Kloster Heiligenbronn. Ich muss sagen, für mich war dieser unverhoffte Zwischenstopp in der Pilgerherberge ein Highlight unseres Herbsturlaubs; und diese spannende Erfahrung hätten wir nicht gemacht, wenn wir nicht zuerst einen Fehler bei der Hotelbuchung gemacht hätten und uns dann auch noch das Geld ausgegangen wäre. Woran man wohl mal wieder sehen kann, "dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient" (Römer 8,28)...


















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