Nachdem ich am vergangenen Montag beim Bürgeramt war, um endlich mal die Ummeldung unseres Wohnsitzes unter Dach und Fach zu bringen, könnte man ja denken, mit der Gemeinde Herz Jesu Tegel wäre ich, da wir jetzt auch offiziell nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen, endgültig fertig; allerdings nehme ich an, dass wir für die am 14./15. November anstehenden Gremienwahlen noch dort wahlberechtigt sind, und daher war ich am vergangenen Samstag auch bei der Gemeindeversammlung, bei der die Kandidaten für den Gemeinderat sich vorstellen sollten. In erster Linie wollte ich mit meiner Anwesenheit diejenige Kandidatin unterstützen, mit der ich im Frühjahr und Sommer – als noch die Möglichkeit im Raum stand, dass ich selbst für den Gemeinderat kandidieren könnte – ein paar konspirative Treffen hatte; die war dann allerdings gar nicht da. Interessant war es trotzdem, und ich habe auch eine relativ klare Vorstellung davon gewonnen, wen ich (unter der Voraussetzung, dass ich für diese Gremienwahl tatsächlich noch in meiner alten Wohnortgemeinde wahlberechtigt bin) wählen würde – und wen nicht.
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| Disclaimer: Dieses mit Tesafilm geflickte Kruzifix dient hier nur als Symbolbild, es hängt nicht in einer Einrichtung der Gemeinde Herz Jesu Tegel oder überhaupt der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd. |
Man könnte natürlich fragen, warum mich das eigentlich kümmert – nicht nur, weil es ja wie gesagt gar nicht mehr meine Gemeinde ist (diese Frage wurde mir tatsächlich gestellt, und zwar, wie ich denke, ohne böse Absicht von einer Frau, die mit mir am Tisch saß), sondern auch und vor allem, weil ich doch erst kürzlich (und nicht zum ersten Mal) die Überzeugung kundgetan habe, dass der ganze Gremienapparat in der Kirche nichts taugt. Aber ich schätze, dass ist wieder einmal ein Beispiel dafür, was ich an anderer Stelle mal als "pragmatische Inkonsequenz" bezeichnet habe: Man mag der Meinung sein, Adornos Maxime "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" treffe auf nichts so sehr zu wie auf Gremienarbeit, aber gleichzeitig sage ich mir auch, solange es diese Gremien nun mal gibt, sollte man sie nicht so ohne Weiteres den falschen Leuten überlassen. Und wenn ein paar gute Leute in einem Gemeinde- oder Pfarreirat schon nicht mehr erreichen können, als den anderen das Leben ein bisschen schwerer zu machen, ist das ja immerhin schon mal was.
In besonderem Maße denke ich da natürlich an den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd, dem ich, wie es scheint, das Leben schon dadurch gebührend schwer mache, dass ich bei Veranstaltungen wie dieser Gemeindeversammlung auftauche. Dies gab er denn auch unmittelbar zu erkennen, indem er in seine Ansprache die Bemerkung einflocht, er wolle ja nicht hoffen, dass seine Ausführungen zur Situation der Gemeinde nachher "in irgendwelchen Blogs" nachzulesen sein würden. Worauf man natürlich erwidern könnte, so eine Gemeindeversammlung sei schließlich eine öffentliche und ihrer Natur nach für die Öffentlichkeit bestimmte Veranstaltung, auch dann, wenn da außer den Kandidaten, die sich vorstellen möchten, nur ungefähr 20 Leute hingehen; aber letztlich hätte es wohl wenig Sinn, überhaupt irgendwas dazu zu sagen.
Bevor es an die Vorstellung der Kandidaten für den Gemeinderat ging, kamen erst einmal die Sprecher (m/w) des alten Gemeinderats zu Wort, um eine Art Rechenschaftsbericht über ihre Arbeit abzulegen und zugleich einen Überblick darüber zu geben, was der Gemeinderat tut, wofür er zuständig ist und wofür nicht. Dabei fiel insbesondere der Redebeitrag des männlichen Vertreters – der bezeichnenderweise nicht wieder kandidiert – derart desillusioniert und defätistisch 'rüber, dass der Sprecher von mehreren Teilnehmern der Versammlung ermahnt wurde, er solle doch die neuen Kandidaten nicht so demotivieren. Wozu ich sagen möchte: Dieser Redebeitrag wirkte vielleicht deshalb besonders düster, weil sich in ihm sehr authentisch auch die persönliche Frustration des Sprechers aussprach; aber die Grundhaltung, man könne ja im Grunde gar nicht viel mehr oder Anderes tun, als den Niedergang zu verwalten, prägte – mit ganz wenigen Ausnahmen, auf die ich noch gesondert zu sprechen kommen werde – so ziemlich die ganze Veranstaltung. Und zwar wohlgemerkt nicht nur die Redebeiträge auf dem "Podium" (tatsächlich saßen der Pfarrer, die Sprecher des alten Gemeinderats und die Kandidaten für den neuen gar nicht auf einem solchen, obwohl der Saal eine Bühne hat), sondern auch Äußerungen aus dem Publikum, zum Beispiel von Leuten, die mit mir zusammen an einem Tisch saßen und die ich aus meiner aktiven Zeit in der Tegeler Gemeinde ganz gut kenne. Mein Eindruck war, sogar Leute, die ich (gemäß der Kriterien des "Religions-Monitors") als persönlich durchaus "hochreligiös" einschätzen würde – ja vielleicht sogar besonders diese – stecken bis über beide Ohren im Niedergangs-"Mindset". Alles geht den Bach runter, niemand interessiert sich mehr "für Kirche". Haben die noch nichts vom "Quiet Revival" gehört, vom postsäkularen Zeitalter, von der wachsenden Aufgeschlossenheit insbesondere Jugendlicher und junger Erwachsener für religiöse Antworten auf ihre Lebensfragen? Vielleicht würden sie darauf antworten "Davon sehen wir hier aber nichts"; dann würde ich ihnen empfehlen, sich mal eine halbe Stunde am Tag in Herz Jesu in die Offene Kirche zu setzen, da würden sie staunen, was da für Leute reinkommen. Manche nur um "mal zu gucken", klar; aber viele tatsächlich zum Beten. Oder zur Einkehr, zur Besinnung, oder wie auch immer sie das für sich nennen. In den Strukturen der institutionellen Kirche tauchen diese Leute vielleicht nicht unbedingt auf, aber das liegt dann vor allem daran, dass diese Strukturen ihnen für das Stadium ihres persönlichen Glaubenswegs, in dem sie sich gerade befinden, nichts anzubieten haben.
Ich wurde hellhörig, als der scheidende Gemeinderats-Sprecher Überlegungen oder Anregungen erwähnte, in der Gemeinde einen Alpha-Kurs zu veranstalten. Er meinte jedoch, das sei nicht durchführbar, denn dafür brauche man Leute, die nicht nur punktuell mal mitmachen, sondern Leute, die sich über Monate hinweg verbindlich engagieren, und solche Leute seien heute praktisch nicht mehr zu finden. Was mich daran ärgerte, war die implizite Behauptung, es sei ein allgemeines Zeitphänomen, dass Leute sich nicht mehr längerfristig für irgendwas engagieren wollen. Da mag aus soziologischer Sicht was dran sein, aber man kann es halt auch prima als Ausrede benutzen. Sicher, Klagen über einen Mangel an Ehrenamtlichen hört man aus vielen Gemeinden, aber wenn diese Klagen in einer Gemeinde geäußert werden, die bekannt dafür ist, dass engagierte und motivierte Leute da gezielt vergrault und weggemobbt werden, wirkt das schon recht tragikomisch. Umso mehr, wenn auch Leute in dieses Lamento einstimmen, die sich in der Vergangenheit aktiv an diesem Mobbing beteiligt haben.
Der Pfarrer erwähnte, als er hier anfing – vor mittlerweile zwölf Jahren, wenn ich richtig informiert bin – habe es auf dem Gebiet der jetzigen Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd rund 15.000 Katholiken gegeben, jetzt seien es noch knapp 12.000; er beeilte sich jedoch hinzuzufügen, diese Tendenz sei "bistumsweit, das liegt nicht daran, dass der Pfarrer hier so böse ist". Was bei mir natürlich mal wieder zwanghaftes Augenrollen auslöste. Das Problem ist ja nicht, dass der Pfarrer böse wäre – sondern dass es ihm an Glaubenseifer, Mut und geistiger Klarheit mangelt und dass er charakterlich einfach ungeeignet sowohl für die Seelsorge als auch für die Leitung einer Gemeinde ist. Da passt es natürlich ins Bild, dass er die Ursachen für den schlechten Zustand der Kirche in seinem Verantwortungsbereich auf strukturelle Faktoren zu schieben versucht, auf bistumsweite Tendenzen oder darauf, dass die Zeiten nun mal so sind, statt in Erwägung zu ziehen, dass er vielleicht selber mal etwas ändern müsste.
Gleichzeitig stimmt es natürlich auch, dass nicht an allem der Pfarrer persönlich schuld ist. Aber das habe ich ja schon öfter betont. Es gibt zweifellos so etwas wie ein toxisch-kodependentes Beziehungsgeflecht zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, und auch den bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht sichtbaren Einfluss "einfacher Geneindemitglieder" sollte man in diesem Zusammenhang keinesfalls unterschätzen. Und das alles gilt ganz gewiss nicht allein für diese Gemeinde oder diese Pfarrei – wäre das so, würde es sich ja kaum lohnen, dem Thema hier so großen Raum zu geben. Wahrscheinlich gibt es in ganz Deutschland mehr Pfarreien, die an derartigen Problemen laborieren, als solche, in denen das nicht der Fall ist.
Ich denke daher, ich kann getrost darauf verzichten, näher auf Faktoren einzugehen, die für diese Gemeinde oder diese Pfarrei spezifisch sind (zumal ich davon ja seit einigen Jahren gar nicht mehr so viel mitkriege, es sei denn aus zweiter Hand). Der Kern der ganzen Misere scheint mir jedenfalls das völlige Fehlen einer missionarischen Einstellung zu sein. Tatsächlich fehlt diese so sehr, dass nicht einmal ein Bewusstsein dafür festzustellen ist, dass die Kirche eigentlich missionarisch sein müsste. Bezeichnend dafür war ein Satz des Pfarrers, der ihm so wichtig zu sein schien, dass er ihn sogar zweimal sagte: Im Zusammenhang damit, dass es angesichts des Immobilienentwicklungsprozesses des Erzbistums zweifelhaft erscheint, ob die Pfarrei auf längere Sicht alle ihre Kirchenstandorte wird erhalten können, verwies er auf die an einigen dieser Standorte doch sehr mageren Gottesdienstbesuchzahlen und merkte dazu an: "Wenn irgendwann keiner mehr kommt, tut's auch keinem mehr weh", wenn Standorte geschlossen werden. Und das ist so falsch, dass ich laut schreien könnte vor Frustration darüber, dass niemandem aufzufallen scheint, wie falsch das ist. Klar, man hofft – d.h. diejenigen, die noch nicht komplett aufgegeben haben, hoffen –, dass man es irgendwie schafft, wieder mehr Leute in die Kirchenbänke zu bekommen; warum? Weil man die Standorte erhalten will und dafür in der Lage sein muss, eine gewisse Nachfrage vorzuweisen. Dass die Gläubigen nicht dazu da sind, die Institution am Leben zu erhalten, dass vielmehr die institutionelle Gestalt der Kirche nur ein Mittel zu einem Zweck sein sollte und dass dieser Zweck das Heil der Menschen ist – und dass diese institutionelle Gestalt daher nur insoweit wertvoll und erhaltenswert ist, wie sie diesem Zweck dient –, kommt im Denken dieser Leute überhaupt nicht vor.
Wenn ich's mir recht überlege, erklärt sich der oben angesprochene Umstand, dass auch die persönlich durchaus "hochreligiösen" Gemeindemitglieder im Modus der Klage über den Niedergang feststecken, statt mit Freude und Hoffnung darauf zu schauen, was der Heilige Geist für die Zukunft der Kirche vorbereitet hat, vielleicht nicht zuletzt daraus, dass auch sie diesen institutionsfixierten Blick haben. Denn die institutionelle Gestalt der Kirchensteuerkirche werden auch die Neubekehrten nicht retten – nicht nur, weil sie (noch, aber wohl auch für die absehbare Zukunft) zu wenige sind, um einerseits die Austrittszahlen und andererseits das allmähliche Abtreten der Baby-Boomer-Generation aufzuwiegen, sondern auch, weil sie daran gar kein Interesse haben; weil die Erwartungen, die sie an die Kirche haben, ganz andere sind. Insofern ist – wie ja auch bei der Veranstaltung im Kardinal-Bengsch-Saal anklang, über die ich berichtet habe – dieser junge Wein für die alten Schläuche der institutionellen Kirche weit eher eine Bedrohung als die Lösung ihrer Probleme.
Aber das ist vielleicht eher mal ein Thema für sich; in Herz Jesu Tegel würde ich bis auf Weiteres eher nicht damit rechnen, dass Scharen von Neubekehrten die Türen einrennen und alles auf den Kopf stellen. Dies umso weniger, als zu befürchten steht, dass auch diejenigen, die noch motiviert sind, in dieser Gemeinde etwas auf die Beine zu stellen, diesen institutionsfixierten Blick haben und daher eher darauf aus sind, irgendwie "den Laden am Laufen zu halten", als auf eine spirituelle Erneuerung. Wobei ich da eigentlich gar nicht den Plural zu benutzen bräuchte, denn als wirklich motiviert aufgefallen ist mir nur einer der Gemeinderats-Kandidaten, die sich bei dieser Versammlung vorgestellt haben: ein mir bisher nicht bekannter Mann, ein paar Jahre jünger als ich, Vater von drei Kindern, und wie er erzählte, hat er in letzter Zeit am Standort St. Joseph Tegel einige Veranstaltungsformate für die Kinder- und Jugendarbeit entwickelt und ausprobiert – Breakdance-Workshops für Kinder ab 7 Jahre zum Beispiel, oder auch Kinderdisco-Nachmittage. Wenn ich richtig gehört habe, nahmen an einer seiner jüngsten Veranstaltungen 64 Kinder unter 14 Jahren teil – das ist schon eine sehr stolze Zahl. Natürlich drängt sich da einmal mehr die Frage auf, ob die Motivation hinter solchen Veranstaltungen eigentlich darüber hinausgeht, den Kindern "positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Kirche" zu vermitteln, und wenn ja, ob es denn wenigstens ansatzweise Konzepte dafür gibt, wie man von Breakdance und Disco eine Brücke zu Evangelisierung und Katechese schlagen könnte. Aber vielleicht bin in diesem Fall ja ich es, der reflexartig in unangemessenen Pessimismus verfällt. Kinder durch Sport-, Spaß- und Spiel-Angebote mit der örtlichem Kirchengemeinde in Kontakt zu bringen, macht sie an und für sich noch nicht zu gläubigen und praktizierenden Christen, aber es kann ein erster Schritt dazu sein; und wenn jemand offensichtlich erfolgreich darin ist, solche ersten Schritte zu ermöglichen, und sich dieser Aufgabe mit Freude und Eifer widmet, ist das erst einmal etwas Gutes. Auch wenn die nächsten Schritte dann vielleicht (!) eher nicht so sein Ding sind und von anderen Leuten übernommen werden müssten. Im Übrigen fand ich den Umstand, dass sich bei dieser Gemeindeversammlung wenigstens ein Kandidat vorstellte, der wirklich was auf die Beine stellt, statt immer zu jammern, so erfrischend, dass ich mir sage: Ick werde diesen Mann wahrscheinlich wählen.

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