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Dienstag, 9. Juni 2026

Mehr Neues vom Schulkind, den anderen Schulkindern und deren Eltern

Neulich war Tag der offenen Tür an der Schule des Tochterkindes, und auch wenn ich den Eindruck hatte, dort sei nicht sonderlich viel los, hatte ich da doch ein paar Begegnungen, die ich erwähnenswert finde – und sei es nur als Aufhänger für die Reflexionen, die ich im Folgenden daran zu knüpfen gedenke. Zunächst einmal wäre da die Begegnung mit den Eltern eines vielleicht neun- oder zehnjährigen Jungen, die sagten, sie scheiterten gerade am Regelschulsystem und suchten daher nach einer Schulalternative für ihren Sohn. Zu der von Mitarbeitern der Schule angebotenen Führung durch die Räumlichkeiten waren sie zu spät gekommen, und so ergab es sich, dass sie zunächst mit meiner Liebsten ins Gespräch kamen. Als sie ihnen den Wochenplan erläuterte, gesellte ich mich dazu, und als die Mutter Interesse zeigte, den Kunstraum zu sehen, bot ich ihr an, ihr diesen zu zeigen. (Genauer gesagt fragte ich zunächst meine Tochter, ob sie das übernehmen möge, da sie sich im Kunstraum sicher besser auskenne als ich; aber sie war gerade anderweitig beschäftigt.) Auf dem Weg durch das Schulgebäude stellte die Mutter mir zahlreiche Fragen zum Schulalltag und ‐konzept; nach dem Kunstraum zeigte ich ihr, ihrem Sohn und dessen Vater auch noch den Naturwissenschafts-Raum, die Bibliothek, den Musikraum und die Holzwerkstatt, und am Ende bedankte sich die Mutter so überschwänglich bei mir, als hätte ich ihrem Jungen gerade das Leben gerettet. (Das meine ich übrigens, auch wenn es so wirken mag, überhaupt nicht spöttisch; ich finde eher, es illustriert, wie sehr manche Familien unter dem Regelschulsystem leiden und wie froh sie sind, wenn sie sehen, dass es auch was anderes gibt.) – Die zweite erwähnenswerte Begegnung bei diesem Tag der offenen Tür hatte ich mit einer Journalistin, die eine Reportage über diese Schule schreiben will und zu diesem Zweck Interviews mit Schülern und Eltern führte. Da beteiligte ich mich natürlich gern, so von Kollege zu Kollegin; ich gab einige meiner Lieblingsanekdoten aus den zurückliegenden knapp drei Schuljahren zum Besten und beantwortete anschließend noch ein paar Fragen – darunter auch die, ob ich anfangs auch Bedenken gegenüber dem Schulkonzept gehabt hätte. Dazu sagte ich wahrheitsgemäß und zur offenkundigen Überraschung der Interviewerin, gewisse Bedenken gegenüber dem Schulkonzept hätte ich durchaus immer noch bzw. immer mal wieder – wenn auch eher nicht in der Hinsicht, dass ich etwa denken würde, meine Tochter würde an dieser Schule nicht genug lernen, sondern eher in Hinblick auf Dinge wie unregulierten Medienkonsum und allgemein sehr locker gehandhabte Aufsicht. Während ich darüber sprach, fiel mir plötzlich auf, dass ich, wenn ich anderen von der Schule meines Tochterkindes erzähle, nahezu ausschließlich, oder jedenfalls weit überwiegend, darüber spreche, was ich an dieser Schule gut finde. Was wohl dafür spricht, dass in meiner Wahrnehmung das, was ich an dieser Schule nicht so ganz ideal finde, im Verhältnis zu dem Guten nicht so sehr ins Gewicht fällt. Aber es ist nicht nur das: So sehr es zuweilen Anlass zur Sorge geben mag, dass mein Kind im Schulalltag problematischen Einflüssen ausgesetzt sein könnte – von ein paar Fallbeispielen war hier schon mal die Rede –, bin ich doch der Überzeugung, dass dies an einer Regelschule eher noch mehr der Fall wäre, wenn auch vielleicht in anderer Form. 

Symbolbild: Hauswand irgendwo in der Nähe des Spreeufers, glaub ich. 

Zugegeben: Womit man rechnen muss, ist, dass an einer freien Schule mit sehr alternativem Lernkonzept die Eltern der Mitschüler im Durchschnitt eher "progressiver" sind als an einer Regelschule, wo ja alle möglichen Leute ihre Kinder hinschicken, die nicht mehr miteinander gemeinsam haben als die Tatsache, dass sie in derselben Gegend wohnen – was zwar, je nach Zuschnitt der Schulbezirke, aus soziologischer Sicht schon größere Gemeinsamkeiten implizieren könnte als man meinen möchte, aber das ist jetzt und hier nicht mein Thema. Was die Lehrkräfte angeht, die sich bewusst dafür entscheiden, an so einer Schule zu arbeiten, und dafür gegenüber einer Tätigkeit im Regelschuldienst ein erheblich geringeres Einkommen und überhaupt ein sehr viel geringeres Maß an materieller Sicherheit in Kauf nehmen, kann und muss man wohl ebenfalls davon ausgehen, dass sie tendenziell anders drauf sind als der durchschnittliche Deutsch- und Mathelehrer an der Hans-Huckebein-Grundschule in Oberniederndorf; engagierter und idealistischer vielleicht, aber Idealismus geht ja nicht selten auch mit, sagen wir mal, nicht ganz mehrheitsfähigen Anschauungen und Überzeugungen einher bzw. speist sich aus diesen – da spreche ich aus eigener Erfahrung. Bleiben wir aber erst mal bei den Eltern. Beim Tag der offenen Tür fiel mir auf, dass die Mutter eines Mitschülers meiner Tochter nicht nur einen neuen Haarschnitt hat, sondern auf ihrem selbstgebastelten Namensschild die Pronomen dey/dem angegeben hatte. Augenroll. So sehr ich bereit und bemüht bin, Menschen, die sich selbst eine nichtbinäre oder fluide Gender-Identität zusprechen, mit Achtung und Takt zu begegnen: Bei dieser Masche mit den ausgedachten Pronomen hört's für mich auf. Das ist doch nur ein bescheuerter Social-Media-Trend. Ich habe erhebliche Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass es ernsthaft Leute gibt, die irgendwo die Pronomen ze/zir oder eben dey/dem lesen und spontan denken: Das bin ich! Endlich habe ich eine Möglichkeit gefunden, meine Gender-Identität adäquat auszudrücken! I don't think so. 

(Übrigens kenne ich zufällig und aus einem ganz anderen Zusammenhang – wie das Leben so spielt – auch den Bruder dieser nonbinären Elternperson, und der ist erzkatholisch. Aber das soll hier nicht mehr sein als eine anekdotische Randbemerkung.)

Eine andere Eltern-Anekdote hatte ich schon vor ein paar Wochen kurz angerissen und "zur eventuellen späteren Verwendung" vorgemerkt: Da hatte sich mein Tochterkind nämlich mit zwei Schulfreundinnen zu einem Ausflug ins Schwimmbad verabredet, oder genauer gesagt, die beiden anderen Mädchen hatten unsere Tochter eingeladen, zu einem bereits geplanten Schwimmbadausflug mitzukommen. Stattfinden sollte das Ganze an einem Sonntag, an dem ich in St. Joseph Siemensstadt einen Kinderwortgottesdienst mitzugestalten hatte; und als ich mich mit der Mutter der beiden anderen Mädchen in Verbindung setzte, um abzuklären, wie wir uns denn da jetzr miteinander koordinieren sollten, stellte sich heraus, dass sich alles bemerkenswert gut zusammenfügte: Nicht nur wohnte sie ebenfalls in Siemensstadt – genauer gesagt, im Neuen Gartenfeld –, sondern zudem hatte sie ziemlich genau in dem Zeitraum, in dem wir in der Kirche waren, auch noch einen Termin. Und zwar bei der Partei Die Linke, zur Vorbereitung des nächsten Wahlkampfs. Vive la difference, sag ich mal. Wir trafen uns nach ihrem Termin bei ihr zu Hause, sodass ich, auch wenn ich nicht ins Schwimmbad mitkam, immerhin die Wohnung zu sehen bekam – und das Bücherregal; das interessiert mich in fremden Wohnungen immer am meisten. Im vorliegenden Fall fand ich da ziemlich viele Bücher über Feminismus und Gender vor, aber auch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin Seite an Seite mit "Freiheit statt Kapitalismus" von Sahra Wagenknecht und, was ich fast noch witziger finde, den Koran neben Richard Dawkins' "Der Gotteswahn"

Und dann gibt es ja noch den jungen Mann, mit dem ich mal am heimischen Küchentisch eine Diskussion über Anarchismus und den Spanischen Bürgerkrieg hatte und dessen Tochter – deren Verhältnis zu meiner Tochter ich mal als "On/Off-Freundschaft" charakterisiert habe – seit einiger Zeit auch beim Kampfsport mitmacht. Dadurch sehe ich den Papa jetzt auch öfter – und habe ihm inzwischen auch, wie längst versprochen, das Buch "Mein Katalonien" von George Orwell ausgeliehen. Erwähnen wollte ich hier aber ein paar andere Erlebnisse mit ihm in der letzten Zeit. Unlängst hatten wir am Rande des Kampfsporttrainings einen kurzen Austausch darüber, dass seine Tochter ziemlich neidisch auf meine sei, da diese schon den weiß-gelben Gürtel hat und sie selbst "noch nicht mal" das gelbe Bändchen. Er merkte dazu an, es könne seiner Tochter gar nicht schaden, mal die Erfahrung zu machen, nicht in allem immer die Erste, Beste und Tollste zu sein, und ich signalisierte Zustimmung – verkniff mir dabei allerdings die Anmerkung, es liege ja wohl auch in der Verantwortung der Eltern, ihren Kindern beizubringen, dass sich nicht die ganze Welt um sie dreht. – Bei einer anderen Gelegenheit holten wir beide gleichzeitig unsere Töchter von der Schule ab, um sie zum Training zu bringen, und ich hatte dabei auch noch meinen Jüngsten im Schlepptau, den ich unmittelbar zuvor von der KiTa abgeholt hatte und der ebenfalls Training hatte. Unterwegs kam es zu ein paar kleinen, mehr oder weniger alltäglichen Konfliktsituationen zwischen den Geschwistern – nichts wirklich Dramatisches, aber ausreichend, um den Vater des anderen Mädchens zu der Bemerkung zu veranlassen, er stelle es sich ja ziemlich herausfordernd vor, mehr als ein Kind zu haben und diesen Kindern gleichermaßen gerecht zu werden. Er fügte hinzu, er könne sich auch nicht so richtig vorstellen, woher Eltern, wenn sie mit einem Kind "gerade so aus dem Gröbsten raus" seien, die Motivation nähmen, ein weiteres Kind zu bekommen, mit dem sie dann sozusagen wieder "von vorne anfangen" müssten. Ich schätze mal, das war mit einem gewissen Augenzwinkern gemeint, aber es warf doch ein gewisses Licht darauf, wieso seine Tochter Einzelkind ist. Da konnte ich es mir dann doch nicht verkneifen, meinen Gesprächspartner ein bisschen zu schocken, indem ich ihm von dem Väterwochenende in Zinnowitz erzählte, an dem ein Vater mit vier Kindern teilnahm – und dass dieser Vater noch vier weitere Kinder hatte, die nicht mitgekommen waren. 

Nun, wie es in einer Folge der Sendung mit dem Elefanten mal so schön und treffend hieß: Jeder Mensch ist anders, aber es gibt auch Menschen, die sind besonders anders. Ich glaube, das beschreibt unsere Position und Rolle in dem eigentümlichen Sozio-Biotop dieser Schulgemeinschaft recht gut. Akzeptanzprobleme wegen unserer besonderen Art des Andersseins haben wir da bisher noch nicht zu spüren bekommen, oder sagen wir: kaum. Wir haben schon mehrfach Freundinnen unseres Tochterkindes von der Schule aus zum christlichen Kindernachmittag JAM ("Jungschar am Mittwoch") mitgenommen, wohlgemerkt auf deren ausdrücklichen Wunsch und nicht ohne die Einwilligung der jeweiligen Eltern; das ist bisher nur einmal daran gescheitert, dass die Eltern einer Schulfreundin in letzter Sekunde doch etwas dagegen hatten, aber ob das mit dem christlichen Charakter der Veranstaltung zu tun hatte, weiß ich streng genommen nicht. Und neulich gab es mal einen Fall, wo die Mutter eines Mädchens, mit dem unsere Tochter gerade Streit hatte, sich in einer WhatsApp-Nachricht sarkastisch bis abfällig darüber äußerte, dass wir ja angeblich so tolle Christen seien. Auf die Hintergründe dieses Streits will ich hier gar nicht näher eingehen, es war eigentlich eher ein Streit zwischen zwei Freundinnen unserer Tochter, bei dem sie zwischen die Fronten geriet, weil sie nicht Partei ergreifen wollte. Religiöse Fragen spielten da eigentlich überhaupt keine Rolle, aber dass Leute, die selber mit dem christlichen Glauben nichts am Hut haben, bekennenden Christen einen besonders empfindlichen Stoß zu versetzen versuchen  indem sie vorwerfen, sie verhielten sich nicht sehr christlich, habe ich durchaus auch schon mal in ganz anderen Zusammenhängen erlebt. Das wäre vielleicht mal ein Thema für sich. 

Der besagte Streit im Freundinnenkreis bringt mich indes noch auf zwei weitere Aspekte, die ich in Hinblick auf den Schulalltag unserer Großen erwähnenswert finde; ich meine damit den Umgang der Schule mit zwei Themen, die beide mit M anfangen, nämlich Medien und Mobbing. In dem Streit zwischen den Freundinnen unserer Tochter verschränkten sich beide Themen auf charakterische Weise miteinander, denn dieser Streit spielte sich zu einem großen Teil in Form von Sprachnachrichten über WhatsApp ab. Was ich bis dahin nicht wusste, ist, dass WhatsApp sogar seitens des Anbieters der App nicht für Nutzer unter 12 Jahren empfohlen wird, und das hat offenbar seinen Grund. "Digital naiv", wie ich von Haus aus bin, hätte ich angenommen, WhatsApp sei "im Prinzip auch nichts anderes als früher SMS", aber wie es scheint, hat WhatsApp doch eine andere Dynamik, regt zu einem anderen Nutzerverhalten an und lässt Konflikte schneller und heftiger eskalieren. Im vorliegenden Fall führte das dazu, dass eine Mitarbeiterin der Schule den beteiligten Mädchen das Versenden von WhatsApp-Nachrichten während der Schulzeit kurzerhand verbot. Eine auffallend harte Maßnahme, wenn man bedenkt, dass Lehrkräfte an dieser Schule den Schülern normalerweise nicht einfach so etwas verbieten: Normalerweise gibt es für so etwas eine Rechtsversammlung, in der Lehrer und Schüler gleichberechtigt über Streitfälle richten und Konsequenzen für Regelverletzungen beschließen. Im vorliegenden Fall handelte es sich bei dem WhatsApp-Verbot aber um eine Sofortmaßnahme im Interesse der Deeskalation: Natürlich, so erklärte mir die besagte Mitarbeiterin, sei der eigentliche Konflikt damit noch nicht geklärt oder beigelegt, aber immerhin könne man so erst einmal verhindern, dass er sich weiter hochschaukelt. Ich fand, da hatte sie ganz recht. 

Ein paar Tage später ergab es sich dann, dass meine Liebste und ich (und unser Jüngster) unsere Große zu einer gemeinsamen Aktivität am Nachmittag von der Schule abholen wollten, und während sie noch damit beschäftigt war, ihre Sachen zusammenzusuchen usw., fiel mir auf, dass im Türspalt ihres Schließfachs ein Zettel klemmte – auf dem eine Beleidigung stand. Ich zeigte den Zettel erst einmal meiner Liebsten – und die marschierte damit sofort zu einem Mitarbeiter der Schule, nämlich einem, der am Rande einer Schulveranstaltung mal erzählt hatte, er sei Lehrer geworden, um Mobbing zu verhindern. Der reagierte sofort – nämlich indem er sich neben unsere Tochter, die noch mit Aufräumen beschäftigt war, auf den Boden hockte und sie ruhig und freundlich fragte, wie denn ihr Schultag so gewesen sei. "So mittel", erwiderte sie gedämpft, und im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich dann heraus, was für Konflikte es zwischen ihr und ein paar anderen Mädchen gegeben hatte und warum da jemand so sauer auf sie war, dass diese Person eine beleidigende Botschaft an ihrem Spind hinterließ. Der Mitarbeiter nahm das alles ruhig zur Kenntnis und gab ihr ein paar gute Ratschläge, wie sie mit der Situation umgehen solle, und ich möchte mal sagen, in meiner eigenen Grundschulzeit habe ich in vergleichbaren Situationen deutlich schlechtere Erfahrungen mit dem Konfliktmanagement von Lehrkräften gemacht. 

Um abschließend noch eine ganz andere Beobachtung festzuhalten: Es kommt immer mal wieder vor, dass ich Teenager, von denen ich weiß, dass sie dieselbe Schule besuchen wie mein Tochterkind, während der Schulzeit außerhalb der Schule treffe, zuweilen sogar ziemlich weit entfernt von der Schule (was in einigen Fällen sogar heißen kann "in einem anderen Stadtteil"). Zum Beispiel in einem Einkaufszentrum oder auf einem Kinderspielplatz, wo sie am höchsten Punkt einer Kletterspinne sitzen und chillen. In letzter Zeit sind mir in dieser Hinsicht wiederholt drei Mädchen aufgefallen, von denen eins vor knapp drei Jahren die Einschulungspatin meiner Tochter war. Aktuell sind bei diesen Mädchen punkige Klamotten, knallig gefärbte Haare und düsteres Make-up angesagt, sie tragen  Antifa-Aufnäher auf ihren Umhängetaschen, kauen mit offenem Mund Kaugummi und schlurfen betont lässig durch die Gegend. Neulich traf ich sie, als ich gerade meinen Jüngsten von der KiTa abholen wollte; da hatten sie eine mobile Lautsprecherbox bei sich, aus der "Because I Got High" von Afroman ertönte. Was diese ganzen "Wir sind böse Mädchen und schwänzen die Schule"-Attitüde aus meiner Sicht allerdings ziemlich unfreiwillig komisch macht, ist das Wissen darum, dass sie in Wirklichkeit gar nicht die Schule schwänzen. Das brauchen sie nämlich gar nicht. Wenn sie morgens vor 10:30 Uhr in der Schule aufkreuzen und sich in die Anwesenheitsliste eintragen, dann hindert sie – vorausgesetzt sie haben eine entsprechende Ausgeh-Erlaubnis von ihren Erziehungsberechtigten – nichts und niemand daran, den weiteren Schultag zum größten Teil im Einkaufszentrum, auf einem Klettergerüst oder an einem Badesee zu verbringen, vorausgesetzt, sie geben auf der "Ausgehliste" der Schule an, wo sie hingehen und wann sie voraussichtlich zurückkommen: Das gilt dann als an "außerschulischen Lernorten" verbrachte Schulzeit. Damit will ich sagen: Diese Teenager haben eigentlich überhaupt nichts, wogegen sie rebellieren müssten oder auch nur könnten. -- Man könnte auf den Gedanken kommen, das sei vielleicht gar nicht so gut für die Jugendlichen und man sollte ihnen lieber ein bisschen mehr Grund geben, sich aufzulehnen und sich ihre Freiheiten zu erkämpfen. Ein anderer Gedanke, der mir im diesem Zusammenhang kam, lautet, dass es irgendwie folgerichtig ist, wenn besonders solche Jugendliche, die in ihrer konkreten, unmittelbaren Lebenswirklichkeit wenig Grund oder Anlass zu Rebellion haben, ihre Spinde und Rucksäcke mit Parolen "gegen Rechts" und/oder gegen den Klimawandel bepflastern: Das sind eher diffuse Bedrohungsszenarien, die davon, dass man gegen sie protestiert, nicht weggehen, aber dafür kann man sich moralisch auf der richtigen Seite fühlen und wird von den maßgeblichen Autoritätsfiguren, wie zum Beispiel Lehrern, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar dafür gelobt

Aber das mal nur am Rande; wichtiger ist mir etwas anderes: Dass die Schule es den Schülern erlaubt, die Schulzeit an "außerschulischen Lernorten" zu verbringen, ist in meinen Augen ein illustratives Beispiel für die Chancen und Risiken dieses Schulkonzepts. Es leuchtet durchaus ein, dass selbstbestimmtes Lernen impliziert und voraussetzt, Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen. Das ist eine feine Sache, wenn's funktioniert – und es funktioniert dann, wenn die Schüler einen gewissen Sinn für Verantwortung mitbringen. Wenn das jedoch nicht der Fall ist, ist das Schulkonzept, meiner Wahrnehmung nach jedenfalls, nicht sonderlich gut dazu geeignet, ihnen ein solches Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln. Schlimmstenfalls lernen die Schüler dann eben nichts (oder zumindest nichts Gutes und Sinnvolles). Wobei man durchaus in Betracht ziehen sollte, wie viele Schüler es gibt, die in zehn oder mehr Jahren Regelschule ebenfalls nichts lernen (oder zumindest nichts Gutes und Sinnvolles). Gleichzeitig bin ich persönlich durchaus froh, dass im Fall meiner Tochter JAM, Kampfsport und Pfadfinder ein gewisses Gegengewicht zum Schulalltag bilden; aber das würde ich vermutlich, wenn auch aus teilweise anderen Gründen, ebenso empfinden, wenn sie auf eine Regelschule ginge. 

Wie komme ich jetzt zum Schluss? Vielleicht, indem ich an einen Satz anknüpfe, den ich zu der oben erwähnten Journalistin gesagt habe: Diese Schule ist nicht unbedingt die bestmögliche, die ich mir theoretisch vorstellen oder erträumen könnte, aber es gibt eben Vieles, was ich an ihr schätze und nicht missen möchte. Man könnte diesen Sachverhalt auch anders ausdrücken: Wenn ich mal in die Situation käme, an einer Schulgründung mitzuwirken – idealerweise nur in beratender Funktion, denn aus dem administrativen Teil einer Schulgründung würde ich mich dann doch gerne raushalten –, dann würde ich sagen, es gäbe so einiges, was man sich von der Schule meiner Tochter im positiven Sinne "abgucken" könnte; andererseits liefert sie aber durchaus auch einige Anregungen dazu, was man lieber anders machen sollte. Womit ich nicht behaupten will, dass ich mein Idealbild einer christlich-#benOppigen Alternativschule schon fertig im Kopf hätte. Ich denke, es wird noch Anlass und Gelegenheit geben, auf dieses Thema zurückzukommen. 


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