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Donnerstag, 17. August 2023

...Verspätungsnotiz...

Hallöchen, Leser! Es ist 18 Uhr an einem Donnerstag, und normalerweis wäre das der Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Wochenbriefings; aber zum ersten Mal seit der Wiederaufnahme dieses Artikelformats vor fast genau fünf Monaten muss ich um etwas mehr Geduld bitten – der Artikel ist noch nicht fertig. Schuld daran ist, neben dem üblichen "Viel zu tun und wenig Zeit um auszuruh'n" vor allem die Kinderbibelwoche der EFG The Rock Christuskirche – und das in mehrfacher Hinsicht: Einerseits habe ich während der Kinderbibelwoche noch weniger Zeit und Muße zum Bloggen als sonst, und andererseits fände ich es auch komisch, meinen Bericht über dieses Event am vorletzten Tag der Kinderbibelwoche zu veröffentlichen, was zur Folge hätte, dass ich den Abschluss noch ins nächste Wochenbriefing "mitnehmen" müsste. 

Das Thema der diesjährigen Kinderbibelwoche lautet übrigens "Superhelden"... 

Ich bitte also noch um ein wenig Geduld! Spätestens übermorgen sollte ich so weit sein; und danach werde ich mich bemühen, wieder zum mittlerweile etablierten Donnerstagabend-Termin zurückzukehten. Zur Überbrückung der Wartezeit könnt Ihr gern den einen oder anderen meiner Artikel aus den letzten Monaten lesen, wie zum Beispiel: 

Ansonsten sag ich mal: Bis bald; und Danke für Euer Interesse! 


Donnerstag, 10. August 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #42

Willkommen beim Wochenbriefing! Nach dem ereignisreichen Urlaub in Ostfriesland sind meine Familie und ich derzeit noch damit beschäftigt, wieder im Alltag anzukommen – wobei: So ganz Alltag ist es ja noch nicht, schließlich hat meine Liebste immer noch Urlaub und die Welt um uns herum scheint im Großen und Ganzen auch noch im Urlaubsmodus zu sein. Das hat auch dazu geführt, dass wieder einmal einige der sonst üblichen Rubriken entfallen; aber ich glaube, es ist mir dennoch gelungen, ein einigermaßen buntes Themenspektrum abzudecken. 

Aus der Rubrik "Dinge mit Gesicht" 

Was los war und was ansteht 

Schon während des Urlaubs in Ostfriesland hatten meine Liebste und ich gelegentlich darüber sinniert, wie wir es anstellen könnten, mal ein bisschen "kinderfreie" Zeit für uns zu haben; das mag auf den ersten Blick nicht sehr liebevoll wirken, aber ich schätze, so ziemlich jeder, der Kinder hat, wird dieses Bedürfnis nachvollziehen können. Jedenfalls war im Zuge solcher Überlegungen die Idee aufgetaucht, "zu IKEA zu fahren und die Kinder im Småland abzugeben", und auch wenn das anfangs wohl eigentlich als Witz gemeint war, entschieden wir uns am ersten ausgeprägten Schlechtwettertag nach unserer Rückkehr nach Berlin dazu, das tatsächlich mal auszuprobieren. Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten, war, dass unser Jüngster noch ein bisschen zu smål fürs Småland war. Das Tochterkind wollte trotzdem rein und hielt sich dann auch tatsächlich einige Stunden fröhlich dort auf; für mich hingegen war der Aufenthalt bei IKEA zunächst, sagen wir mal, eine Herausforderung. Das hätte ich im Grunde freilich vorher wissen können: Ich bin nicht der Typ, der sich in Shoppingtempeln wohlfühlt, und IKEA ist nun wirklich notorischerweise die Königin der Shoppingtempel. Im Restaurantbereich ließ sich's dann aber doch ganz gut aushalten: reizarme Umgebung dank schlichter weißer Möbel, freier Internetzugang, Ladestation fürs Mobilgerät, Kaffee mit Nachfülloption. Wenn man's recht bedenkt, eigentlich ein echt günstiger Co-Working-Space. Das könnte, wenn der Kleene erst mal alt genug dafür ist, ein gutes Konzept für Schultage sein, also z.B. nächstes Jahr im Zeitraum zwischen Oster- und Sommerferien: die Große zur Schule bringen, den Kleinen ins Småland und dann bloggen, was das Zeug hält – und zum Mittagessen lecker Fleischbällchen. Köttbullar herbeikullar

Die Freiheit, die einem blüht, wenn man IKEA (im Hintergrund links) lebend wieder entronnen ist. 

In der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland gilt noch bis Ende August ein Ferien-Zelebrationsplan; konkret bedeutet das, dass die Zahl der Sonn- und Werktagsmessen in der Gesamtpfarrei soweit reduziert und die Anfangszeiten so einander angepasst wurden, dass man gegebenenfalls nur drei Priester benötigt, um alle acht Standorte abdecken zu können. Für uns hielten sich die Auswirkungen in Grenzen, denn die Sonntagsmesse in St. Joseph Siemensstadt ist lediglich um 15 Minuten nach hinten verlegt worden. Am Fest der Verklärung des Herrn zelebrierte hier der schon mehrfach erwähnte Ruhestandsgeistliche die Messe, und ich musste mich einmal mehr über die Predigt ärgern. Inhaltlich hatte sie – abgesehen von einem für mein Empfinden ganz unnötigen Seitenhieb auf Gläubige, die angesichts der Kirchenkrise Sicherheit und Stabilität im sogenannten "alten Ritus" suchten – durchaus einige gute Impulse zu bieten; umso ärgerlicher fand ich es, dass der Priester sie wieder einmal partout mit kirchen- und dogmengeschichtlichen Exkursen, exegetischen Spitzfindigkeiten und ein paar Vokabeln aus dem griechischen Originaltext anreichern musste. Wirklich, ich empfinde es als eine Zumutung, die Gemeinde mit so etwas zu behelligen; und vor allem beeinträchtigt es die Wirkung der Predigt, weil es die Wahrscheinlichkeit verringert, dass bei den Hörern eine "Take-Home-Message" hängen bleibt. 


Synodalien oder Portugal 

Aus aktuellem Anlass gibt es diese Woche mal einen "Remix" aus zwei der sonst üblichen Rubriken-Überschriften; dieser Anlass ist natürlich der jüngst zu Ende gegangene Weltjugendtag in Lissabon – und dessen Wahrnehmung durch die Brille von häretisch.de. Dass die hochsubventionierte Schismatikerpostille, die, wenn sie ein bisschen cooler wäre, den Spruch "Niemand hat die Absicht, eine Nationalkirche zu errichten. Außer uns" als offizielles Motto in ihrem Header tragen würde, mit der Weltkirche so ihre Schwierigkeiten hat, liegt ja auf der Hand, und das war auch in ihrer Berichterstattung über den Weltjugendtag vielfach zu spüren. Ein Sahnehäubchen darauf setzte zum Abschluss ein "Standpunkt"-Beitrag von Regina Nagel, ihres Zeichens Vorsitzende des Gemeindereferent*innen[sic]-Bundesverbands. Ebenso wie die vorangegangene Berichterstattung des Portals hat dieser "Standpunkt" zwei miteinander korrespondierende Schwerpunkte: Einerseits wird lobend hervorgehoben, dass der Weltjugendtag gar nicht durchweg so erz- und dunkelkatholisch war, wie man hätte annehmen können (z.B. gab es eine "Veranstaltung zu Klimagerechtigkeit und Kolonialismus", und es gab auch "junge Leute, die eine Regenbogenfahne dabei hatten"), auf der anderen Seite wird eine kritische Debatte darüber angemahnt, inwieweit er es eben doch war. Also etwa wegen der Präsenz "zahlreiche[r] Gruppen, Personen und Botschaften, bei denen die Bezeichnung 'konservativ' geschmeichelt wäre" – eine Formulierung, mit der Frau Nagel übrigens zu erkennen gibt, dass sie "die Bezeichnung 'konservativ'" an und für sich nicht als schmeichelhaft empfindet, aber das mal nur nebenbei. Sie spricht von "fundamentalistischen Kreise[n]", deren "Gefahrenpotentiale" nicht genügend "in den Blick genommen" würden; es werde zu wenig getan, um "junge Menschen vor spiritueller Manipulation zu schützen". Und dann war da ja noch die Sache mit der "erzwungenen Mundkommunion". – 

– Solange ich diese Meldung nur als Überschrift kannte, fragte ich mich zunächst einmal, wie so etwas denn praktisch möglich sein sollte, stellte mir grimmige Inquisitionsschergen in roten Henkerskapuzen vor, die dem Kommunikanten mit Zangen den Mund aufsperren, damit der Priester ihm die Hostie hineinschieben kann, dachte natürlich "Kann ja gar nicht sein" und kam folglich zu dem Schluss, die Überschrift müsse wohl übertrieben skandalisierend formuliert sein und es habe sich wohl "nur" um eine verweigerte Handkommunion gehandelt. Indes war in einem Bericht der Münsteraner Bistumszeitung Kirche + Leben eben doch ausdrücklich die Rede davon, dass mindestens einem Weltjugendtagspilger gegen seinen Willen "die Hostie in den Mund gedrückt" wurde, und wenn das so stimmt, dann finde ich das schon allein deshalb tadelnswert, weil das – unabhängig davon, wie man grundsätzlich über verschiedene Formen des Kommunionempfangs denkt – nun wirklich kein würdiger Umfang mit dem Allerheiligsten Sakrament ist. – Und wenn es sich nun doch "nur" um die Verweigerung der Handkommunion gehandelt hätte? Auch dann wäre ich dem Argument, solange die Kirche Handkommunion grundsätzlich erlaube, sei es nicht Sache eines einzelnen Kommunionspenders, über ihre Zulässigkeit zu entscheiden, durchaus zugänglich. Es stimmt mich jedoch misstrauisch, dass die Angelegenheit von BDKJ-Funktionären einseitig und offenkundig interessegeleitet skandalisiert wird. Wäre es umgekehrt gewesen, hätte ein Priester die Spendung der Mundkommunion verweigert – wie ich persönlich es schon mehrmals, vor wie nach Corona*, erlebt habe –, wäre das nicht mindestens genauso tadelnswert? (Ich sage "mindestens", weil die Mundkommunion weltkirchlich immer noch die ordentliche Form des Kommunionempfangs ist, wohingegen Handkommunion gewissermaßen nur toleriert wird.) Ich bin mir aber nahezu sicher, dass ein solcher Fall kein derartiges Aufsehen erregt hätte. (* Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Corona in diesem Zusammenhang auch bloß ein Vorwand war: Es gibt keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, Handkommunion sei hygienischer als Mundkommunion – eher ist das Gegenteil der Fall.) 

– Okay, das war jetzt eine ziemlich umfangreiche Abschweifung; dann mal flugs zurück zu Frau Nagels "Standpunkt"! Wen oder was meint sie denn eigentlich mit den "zahlreichen fundamentalistischen Richtungen", vor denen sie so dringend warnen zu müssen meint? Nun, explizit meint sie zum Beispiel die Fernsehsender EWTN und K-TV, die Jugend 2000, die Legionäre Christi, aber auch den YOUCAT. Lesern, die den YOUCAT nicht kennen, sei gesagt: Das ist ein in jugendgerechte Sprache und Aufmachung "übersetztes" Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, herausgegeben von der österreichischen Bischofskonferenz, von zahlreichen anderen Bischofskonferenzen approbiert und mit einem Vorwort vom Papst versehen. Fundamentalistisch? Frau Nagel bemängelt Katechesen, die "sehr niederschwellig" gewesen seien (war das nicht vor Kurzem noch etwas Gutes?) und deren "Grundtenor" gelautet habe "Jesus liebt dich!"; und was soll daran bitte verkehrt sein

Kurz und gut, man könnt' sich über diesen Beitrag weidlich aufregen, aber im Grunde finde ich ihn dafür viel zu illustrativ. Man sollte den Kollegen von häretisch.de dankbar sein, dass sie ihn veröffentlicht haben, denn daran wird so allerlei deutlich. Ein zentraler Satz des Kommentars lautet "Wir sind auch noch da – nicht nur die, die auf der Neuevangelisierungwelle schwimmen!"; und mit diesem "Wir" und "Die" ist eine Menge gesagt. Ich bin bekanntermaßen kein Freund von Lagerdenken, aber man muss wohl schlichtweg anerkennen, dass zwischen denjenigen, die den Auftrag und Daseinszweck der Kirche im Sinne der Abschiedsworte Jesu im Matthäusevangelium verstehen ("Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt"), und einem deutschen Gremien- und Verbandskatholizismus, der sein Heil im Synodalen Weg sucht, eine Wasserscheide verläuft: Die Ströme fließen in unterschiedliche, ja in einander entgegengesetzte Richtungen. 

Eine lesenswerte Erwiderung auf Frau Nagels "Standpunkt" gibt's übrigens auch bei "Katholisch ohne Furcht und Tadel"


Was ich gerade lese 

In dieser Rubrik will ich mich diesmal einigermaßen kurz fassen: Was die Lektüre zu Studienzwecken angeht, habe ich mir nach der Rückkehr aus dem Urlaub erneut den Dokumentationsband zum Katholikentag 1968 in Essen vorgeknöpft und mich durch die Berichte über die Podiumsdiskussionen zum Forum I, "Diese Welt und Gottes Wort", durchgebissen. Diese Texte verdienen, so frustrierend die Lektüre vielfach gewesen ist, eine intensivere Auseinandersetzung, als ich sie im Rahmen des Wochenbriefings leisten kann, daher möchte ich mich hier mit ein paar flüchtigen Notizen begnügen. Zunächst einmal: Wir schreiben das Jahr 1968, von der Studentenbewegung lernen heißt siegen lernen, und so gelingt es einer Handvoll Vertreter einer radikalen Gruppe namens "Aktionskomitee kritischer Katholizismus", ein schwach besuchtes Forumgespräch zum Thema "Biblische Modelle des Weltverhaltens" zu kapern, indem sie dekretieren, "das Podium habe sich als unfähig erwiesen, die Frage sachgerecht zu diskutieren". Das Credo dieses Aktionskomitees könnte man als Abwandlung von Karl Marx' 11. Feuerbach-These beschreiben: "Die Theologen haben die Bibel nur unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf an, die Welt zu verändern". (Derselbe Satz beschreibt übrigens auch den Punkt, an dem beispielsweise eine Dorothee Sölle entscheidend über ihren geistigen Vater Bultmann hinausgeht, aber das mal nur am Rande.) 

Faszinierend ist es auch, die Forumgespräche "Kommt das Reich Gottes durch Evolution?" und "Naturwissenschaft und Glaube" einander gegenüberzustellen: In beiden geht es um Fragen des naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts, darunter insbesondere um Bioethik und Genmanipulation; aber unter der einen Überschrift tummeln sich die von Teilhard de Chardin beeinflussten Fortschrittsbegeisterten, die Thesen formulieren wie die, es gebe geradezu eine moralische Pflicht, "an der Evolution positiv mitzuarbeiten" ("Wer sich der Evolution zu widersetzen sucht, entzieht sich dem Schöpfungsauftrag und somit dem Willen Gottes"), während sich die Warner, Mahner und Bedenkenträger unter der anderen versammeln. Dass man sie so sauber voneinander getrennt hat, statt sie zusammen in ein Forumgespräch zu stecken, ist sicherlich schade, gibt aber auch zu denken. So oder so entsteht der bemerkenswerte Eindruck, dass die Menschen vor 55 Jahren – in einer Welt ohne Internet, ohne Mobiltelefonie, ohne Personal Computer und ohne GPS – den technischen Fortschritt als überwältigender, bahnbrechender und auch bedrohlicher wahrnahmen als heute. 

Bei der Bettlektüre sind wir immer noch bei Kiera Stewarts "Dumme Ideen für einen guten Sommer", und es gefällt mir immer noch gut, ja eigentlich sogar immer besser. Trotzdem habe ich gewisse Zweifel, ob ich mit dem Schluss der Geschichte zufrieden sein werde, aber das ging mir schon öfter so. Zwölf Kapitel haben wir noch vor uns; ich werde berichten...! 


Aus meinem Wichtelbuch 
"In Dänemark ist es Brauch, für die Hauswichtel eigene Eingangstüren zu basteln, damit sie ein und aus gehen können. Zu Weihnachten tauchen die kleinen Türchen dann in dänischen Kinderzimmern auf, denn dahinter wohnt der Weihnachtswichtel! Allerdings ist der ein wenig schüchtern und traut sich erst heraus, wenn im Haus alle schlafen." –

Das hat das Tochterkind in einer Feen- und Einhornzeitschrift entdeckt, zusammen mit einer Bastelanleitung für solche Wichteltüren. Ist das eine gute Idee, oder ist es für eine christliche Kindergruppe zu abergläubisch? Wir haben früher auch am Nikolausabend ein Schälchen mit Zuckerstücken für Knecht Ruprechts Esel vor die Haustür gestellt... 


Am 10. September ist in St. Stephanus in Haselhorst Gemeindefest, und da soll und will auch die Wichtelgruppe etwas beitragen. Angedacht ist eine Schatzsuche, aber das wird noch einige Vorbereitung erfordern... Na, etwas Zeit ist ja noch. 


Aus dem Stundenbuch 
Schaut, meine Lieben, der Schatz des Christen ist nicht auf der Erde, sondern im Himmel. Unser Denken muss sich also dahin richten, wo unser Schatz ist. Dies ist die schöne Aufgabe des Menschen: zu beten und zu lieben. Wenn ihr betet und liebt, seht, das ist das Glück des Menschen auf Erden. Das Gebet ist nichts anderes als Vereinigung mit Gott. Wenn jemand ein reines, mit Gott verbundenes Herz hat, dann überkommt ihn ein berauschendes Gefühl von Wonne und Glück, ein Licht, das ihn wunderbar umleuchtet. In dieser tiefen Vereinigung sind Gott und die Seele wie zwei ineinander verschmolzene Kerzen, die keiner mehr trennen kann. Überaus schön ist die Vereinigung Gottes mit seinem geringen Geschöpf; es ist ein Glück, das niemand begreifen kann. 
Wir waren nicht würdig, zu beten; aber Gott erlaubte uns in seiner Güte, mit ihm zu reden. Unser Gebet ist der Weihrauch, der ihm am besten gefällt. Meine Kinder, ihr habt ein enges Herz, aber das Gebet weitet es und macht es fähig, Gott zu lieben. Das Gebet gibt uns einen Vorgeschmack des Himmels, etwas vom Paradies steigt zu uns herab. Es lässt uns niemals ohne Süßigkeit zurück. Es ist Honig, der in der Seele fließt und alles versüßt. Im rechten Gebet schmelzen die Schmerzen wie Schnee in der Sonne.
Das Gebet bewirkt, dass die Zeit schnell und mit solcher Freude voranschreitet, dass der Mensch die lange Dauer nicht merkt. 
Es gibt Menschen, die sich ganz ins Gebet versenken wie die Fische ins Meer, weil sie ganz Gott hingegeben sind. In ihrem Herzen gibt es keinen Zwiespalt. Wie sehr liebe ich diese hochherzigen Seelen! Der heilige Franz und die heilige Coleta sahen unsern Herrn und sprachen mit ihm so, wie wir miteinander reden. Wenn dagegen wir zur Kirche kommen, wie oft wissen wir nicht, was wir tun oder auch nur was wir beten sollen! Wenn wir aber zu irgendeinem Menschen gehen, wissen wir gut, weshalb wir ihn aufsuchen. Ja, es gibt Menschen, die Gott zu sagen scheinen: "Ich will dir nur zwei Worte sagen, damit du zu deinem Recht kommst." Wenn wir kommen, um den Herrn anzubeten, denke ich oftmals: Käme unser Gebet doch aus lebendigem Glauben und reinem Herzen, dann würden all unsere Wünsche erfüllt. 
(Hl. Pfarrer von Ars, Katechese über das Gebet) 

Ohrwurm der Woche 

Michel Polnareff: Gammler-Ballade 


Im Zuge meiner Recherchen für ein Buchprojekt – das trotz intensiver Arbeit noch immer nicht so weit gediehen ist, dass ich mich trauen würde, darüber mehr als ein paar Andeutungen an die Öffentlichkeit dringen zu lassen – bin ich unlängst auf eine 2008 erschienene Compilation-CD mit dem Titel "Hippies, Hasch und Flower Power – 68er-Pop aus Deutschland" aufmerksam geworden und finde sie ohne Übertreibung sensationell. Nicht nur musikalisch deckt sie eine beachtliche Bandbreite an Stilen ab, sondern auch und gerade hinsichtlich der in den Liedern zum Ausdruck kommenden Haltungen zur Hippie- und 68er-Bewegung: Von Veralberung über wohlwollendes Ernstnehmen bis hin zu kommerzieller Vereinnahmung ist alles dabei, einschließlich ganz, ganz sonderbarer Mischungen daraus. Michel Polnareff darf man, auch wenn die deutsche Textfassung seines Liedes von Schlagerprofi Ernst Bader stammt, wohl getrost zu den "Ernstnehmern" zählen, zumal er tatsächlich zeitweilig als Straßenmusiker lebte. 

(Die Rubrik "Blogvorschau" kommt nächste Woche wieder! Versprochen!) 

Donnerstag, 3. August 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #41

Saludos! Wir sind wieder zurück in Berlin, dennoch wird dieses Wochenbriefing noch sehr stark vom Thema "Urlaub in Ostfriesland (mit einem Abstecher nach Oldenburg in Oldenburg)" geprägt sein. Daneben gibt's aber auch mal wieder allerlei interessantes Material für die Rubrik "Neues aus Synodalien"; und die schon mehrfach angekündigte neue Rubrik "Aus meinem Wichtelbuch"  kann ich wohl auch nicht guten Gewissens abermals verschieben. Dagegen fällt die Rubrik "Blogvorschau" erneut mangels Neuigkeiten aus; ich hoffe aber, das wird nächste Woche wieder anders... 

Die Möwen warten schon.

Urlaubs-Rückblick 

Für den Donnerstag, an dem ich das vorige Wochenbriefing veröffentlicht habe, war anhaltender Regen angekündigt, und anfangs sah es auch danach aus; also machten wir Pläne für einen Schlechtwettertag. Erste Anlaufstelle war der Museumsschuppen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), der ganz in der Nähe unserer Unterkunft lag (weshalb wir seit Samstag mindestens zweimal täglich daran vorbeigelatscht waren) und der an zwei Tagen in der Woche jeweils zwei Stunden lang zur Besichtigung geöffnet ist. Die Ausstellung gefiel uns allen ausgezeichnet: 





Anschließend hätten wir eigentlich gern das Waloseum besichtigt, aber wie sich herausstellte, ist das für Leute ohne Auto offenbar nicht vorgesehen. Genauer gesagt wären wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwar wohl hin gekommen, aber nicht mehr am selben Tag zurück. Klingt bizarr, ist aber Ostfriesland. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns schließlich dafür, stattdessen das Ostfriesische Teemuseum in Norden anzusteuern. Auf dem Weg dorthin kamen wir allerdings an der Ludgerikirche vorbei, also gingen wir kurz entschlossen erst einmal dort hinein. – Von dem imposanten Eindruck, den diese Kirche dank ihrer "mittelalterlichen Wuchtigkeit und schieren Größe" von außen macht, war bereits vorige Woche die Rede; wie ich inzwischen irgendwo gehört oder gelesen habe, handelt es sich wohl um die größte mittelalterliche Kirche Ostfrieslands. 

Im Innern herrscht allerdings eine gewisse protestantische Kargheit; "Jesus nicht da", merkte unser Jüngster trocken an. 



Geschäftsidee: atheistischer Fahrradladen. 


Einen Hochaltar mit Texttafeln statt mit Bildern auszustatten, mag man als 'typisch evangelisch" betrachten, aber ich muss zugeben: Die Idee, sozusagen die AGBs des würdigen Kommunionempfangs in Großbuchstaben über den Altar zu hängen, hat was. Außerdem mag ich die Sprache.

Anschließend gingen wir dann wirklich ins Teemuseum und hielten uns dort sogar ziemlich lange auf. Ermöglicht wurde das nicht zuletzt dadurch, dass dieses Museum über eine geräumige und gut ausgestattete Kinderspielecke verfügt, aber auch museumspädagogisch wird dort wirklich gute Arbeit geleistet. Ich kann einen Besuch guten Gewissens empfehlen. 




(Zur Geschichte des Teetrinkens in Ostfriesland vgl. übrigens auch diesen Artikel.) 

Der historische Stadtkern von Norden hat übrigens einige Ähnlichkeit mit demjenigen von Aurich, nur ist alles etwas kleiner ubd schlichter, weniger verschnörkelt. Da wirkt sich wohl der Unterschied zwischen einer ehemaligen fürstlichen Residenzstadt und einem normalen "Mittelzentrum" aus. 

Wie ich ebenfalls schon vorige Woche angekündigt hatte, war am Wochenende am Strand von Norddeich "Wikingerfest". Ich weiß nicht genau, was ich mir darunter vorgestellt habe, als ich meinte, das müssten wir uns wohl mal ansehen; aber sonderbarerweise hatte ich nicht damit gerechnet, dass es sich als Sparversion eines Mittelaltermarktes entpuppen würde. Auf so etwas stehe ich ja, wie langjährige Leser meines Blogs wissen, gar nicht. Hingehen war natürlich trotzdem ein Muss, und wir taten das am Freitagnachmittag – bei unerwartet schönem Wetter – zusammen mit meiner Schwester und meinem Schwager. 




Ein Highlight, besonders aus Sicht des Tochterkindes, war eine Marionettentheater-Aufführung: 

Dagegen fand ich den nominellen Programmhöhepunkt, die Aufführung "Die Schlacht von Nordendi", eher läppisch: eine Mischung aus schlechtem Laien-Freilichttheater und mittelprächtiger Schwertkampfshow. Na ja, muss man wohl mal gesehen haben. All you need is LARP, rapbadabada


Interessant war immerhin – angesichts der bei früheren Gelegenheiten schon festgehaltenen Beobachtung, dass das typische Mittelaltermarkt-Publikum eher mit dem Neuheidentum sympathisiert – der Umstand, dass hier eine Schlacht nachgestellt wurde, in dem die heidnischen Wikinger von einem christlichen Ritterheer besiegt wurde: Der Conférencier der Show schlüpfte selbst in die Rolle des Hl. Rimbert und legte zu Beginn der Schlacht mit den Worten "Das Zeichen, in dem wir kämpfen" ein großes Brustkreuz an. Also das, doch doch. 

Am Samstag kehrten wir Norddeich dann wieder den Rücken – fuhren aber noch nicht gleich wieder zurück nach Berlin; übers Wochenende waren wir nämlich noch bei Freunden in Oldenburg eingeladen. Das ist eigentlich eine Geschichte für sich; im Interesse der Privatsphäre werde ich hier aber nicht allzu sehr ins Detail gehen. Nur soviel: Ein paar Wochen vor unserem Urlaubsbeginn meldete sich aus heiterem Himmel eine Freundin "von früher" bei mir, von der ich ungelogen seit über 15 Jahren nichts gehört hatte. It can happen to you! Kurz und gut, diese unverhoffte Kontakt-Wiederaufnahme führte dazu, dass ich mit meiner Familie im Anschluss an unseren Ostfriesland-Urlaub ein paar Tage in Oldenburg Station machte, zumal das ja sowieso auf dem Weg lag. In Oldenburg hatte die besagte Freundin auch schon gewohnt, als wir noch regelmäßiger Kontakt zueinander hatten; damals hatte sie zwei kleine Kinder, die inzwischen natürlich ziemlich groß geworden sind, aber seitdem sind noch zwei weitere hinzugekommen; die Familie lebt in einem denkmalgeschützten Haus mit Garten, und wir durften uns für zwei Übernachtungen unter dem Dach einquartieren. 

Blick in den Garten

Naturgemäß hatten wir uns nach so langer Zeit eine Menge zu erzählen; auch meine Liebste verstand sich ausgezeichnet mit meiner alten Freundin (das hatte ich im Grunde nicht anders erwartet), und ihr jüngster Sohn und unser Tochterkind waren absolut ein Herz und eine Seele. Insgesamt hatten wir eine sehr sehr schöne Zeit dort, ohne irgend etwas "Besonderes" zu unternehmen; und in Zukunft wollen wir uns wieder öfter sehen. Das nächste Mal vielleicht in Berlin.  


Währenddessen in Tegel 

Kurz notiert: In der Pfarrkirche Herz Jesu Tegel steht neuerdings ein Bild des Barmherzigen Jesus. Ich frage mich, ob das eine Guerilla-Aktion polnischer Gläubiger war, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass der Pfarrer von der Idee, ein solches Bild in "seiner" Kirche aufzustellen, sonderlich begeistert gewesen ist. Möglicherweise deutet der Umstand, dass das Bild so unauffällig in einer dunklen Ecke steht, aber auch auf einen Kompromiss hin (nach dem Motto "Wenn's denn sein muss, stellt es auf, aber dann an einer Stelle, wo's nicht so auffällt"). 

Jesus, ich vertraue auf dich! 


Neues aus Synodalien 

Vor zwei Wochen habe ich hier über die Kontroverse um die in der Paderborner Bischofsgruft aufgestellte Hinweistafel über die Fehler und Versäumnisse der dort bestatteten Erzbischöfe im Umgang mit Missbrauchsfällen berichtet – und diesen Abschnitt des Wochenbriefings mit dem Satz "[M]an darf gespannt sein, was für Kreise die Angelegenheit noch ziehen wird". Was ich, als ich diese Worte formulierte, nicht habe kommen sehen, war, wie schnell in dieser Angelegenheit die verbale Auseinandersetzung durch direkte Aktion abgelöst werden würde: Seit einer Woche ist die umstrittene Tafel aus der Krypta verschwunden, mit anderen Worten, sie wurde entwendet. Ich möchte diese Tat ausdrücklich weder loben noch tadeln; auffällig finde ich es aber, dass es in denjenigen Regionen des katholischen Web 2.0, in denen ich mich überwiegend bewege, überhaupt keine Debatte darüber zu geben scheint, ob diese Tat zu loben oder zu tadeln sei. Oder habe ich etwas übersehen? – Jedenfalls: Als während der Amazonas-Synode anno 2019 eine inoffiziell als Pachamama bekannt gewordene Holzfigur aus einer römischen Kirche entfernt und in den Tiber geworfen wurde, wurde – meiner Wahrnehmung zufolge – über die Frage nach der Legitimität dieser Aktion sehr viel kontroverser diskutiert

Bei dieser Gelegenheit möchte ich übrigens erwähnen, dass mir, seit ich vom Verschwinden der Paderborner Missbrauchstafel erfahren habe, die Idee zu einer Karikatur durch den Kopf schwirrt, auf der diese Tafel, die Pachamama und ein noch zu benennender dritter Gegenstand in einem Geheimversteck Skat spielen. Bin mir aber nicht sicher, ob irgendjemand außer mir das lustig fände. 

Derweil wird in diversen Pressemeldungen über das Verschwinden der Missbrauchstafel so nebenbei erwähnt, dass im Paderborner Dom außerdem ein in eine Mauer geritztes Hakenkreuz entdeckt wurde. Zwar deutet nichts darauf hin, dass es zwischen diesen beiden Vorgängen einen Zusammenhang gibt, aber unsere lieben Leitmedien scheinen der Auffassung zu sein, es könne nicht schaden, wenigstens assoziativ einen solchen Zusammenhang anzudeuten. Semper aliquid haeret, wie der Lateiner sagt. 

Dass das Verschwinden der Paderborner Missbrauchstafel nicht kontroverser diskutiert wird, könnte zum Teil natürlich auch daran liegen, dass derzeit ein ganz anderes Ereignis die Gemüter Synodaliens sehr viel mehr erhitzt: Ein Pfarrer aus Mettmann im Erzbistum Köln wurde abgemahnt, weil er einen von einer Gruppe mit dem bezeichnenden Namen "Regenbogenkirche für alle" organisierten Segnungsgottesdienst "für alle sich liebenden Paare" abgehalten hat. Man könnte zu diesem Fall eine Menge sagen, aber mir fällt dazu eigentlich nur ein, dass ich immer, wenn ich "Mettmann" höre, eine überlebensgroße Statue aus rohem Hackfleisch vor meinem geistigen Auge sehe. – Nee, Quatsch, das ist natürlich nicht das einzige, was mir zu diesem Thema einfällt; aber mir läuft gerade ein bisschen die Zeit zur Fertigstellung dieses Wochenbriefings davon, daher versuche ich mich kurz zu fassen. Der Sturm der Entrüstung, den die Abmahnung des Pfarrers ausgelöst hat, zeigt exemplarisch, was Bischöfen blüht, die nicht gewillt sind, die Beschlüsse des Synodalen Wegs – die wohlgemerkt, wie man nicht müde werden sollte zu betonen, in keiner Weise rechtlich bindend sind – umzusetzen. Allerdings dürfte Kardinal Woelki die Rolle des Lieblingsfeindbildes der Synodalisten auch ohnedies schon hinlänglich gewohnt sein. – Da ich indes damit rechne, dass unter den Lesern meines Blogs auch solche sind, die ganz ehrlich und guten Willens nicht verstehen, was an der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare denn verkehrt oder problematisch sein soll, möchte ich hier eine Stellungnahme eines befreundeten "Netzkatholiken" zitieren, die ich auf Facebook gefunden habe: 

"Die Kirche segnet Gläubige. Niemand ist vom Segen Gottes ausgeschlossen. Es kann aber keine Segensfeier geben, in der Verbindungen gesegnet werden, die dem durch Jesus Chtistus bezeugten Bund der Ehe nicht entsprechen. Daher kann nicht einer Verbindung unbesehen (!) Segen zugesprochen werden, die zum Beispiel den Bruch eines bestehenden Ehebandes darstellt. 

Es kann auch nicht die sexuelle Beziehung von Personen gleichen Geschlechts gesegnet werden, da sie der Wesensbestimmtheit der Sexualität widerspricht. Eine solche zu leugnen würde bedeuten, sich vom katholischen Ethos zu verabschieden. 

Pastorale Begleitung darf die Lehre der Kirche nicht außer Acht lassen oder ihr entgegen handeln. Auch wenn es schmerzt." 

Übrigens habe ich ja durchaus Freunde und Bekannte, die mit der Kirche und ihrer Lehre überhaupt nichts am Hut haben, einschließlich solcher, die meinen Glauben und insbesondere den Stellenwert, den dieser in meinem Leben einnimmt, eher befremdlich finden. Was ich jedoch in den Monaten seit den Beschlüssen der letzten Synodalversammlung nicht ein einziges Mal erlebt habe, ist, dass jemand, der die katholische Kirche nur aus der Außenperspektive wahrnimmt, etwas zu mir gesagt hätte wie "Bei euch verändert sich ja gerade ganz schön viel" oder "Das ist ja toll, dass bei euch jetzt auch homosexuelle Paare gesegnet werden können" oder "Na, dann wird es bei euch ja wohl bald auch Priesterinnen geben". Soweit ich es beurteilen kann, nehmen meine "nichtkirchlichen" Freunde und Bekannten den ganzen Synodalen Weg entweder überhaupt nicht wahr, oder sie sind sich intuitiv darüber im Klaren, dass das alles Fake ist. Dass die Kirche nicht einfach ihr komplettes Welt- und Menschenbild über den Haufen werfen und trotzdem die Kirche bleiben kann. Was ich damit sagen will: Vielleicht wäre es heilsam, sich öfter mal bewusst zu machen, in welchem Maße der ganze Synodale Weg ein Filterblasenphänomen ist. Dieser Gedanke wäre sicherlich noch zu vertiefen, aber erst einmal mache ich hier einen Punkt. 


Aktuelle (Bett-)Lektüre 

Es ist nicht leicht, zwölf zu sein, wenn man Edith Posey-Preston heißt, eine überbehütende Mutter, einen Vater vom Typ "zerstreuter Professor" und hochbegabte achtjährige Zwillinge als Geschwister hat. Zu allem Übel muss Edith ihre Sommerferien in einem stinkigen Kaff in Florida verbringen, wo ihre Familie das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter auf Vordermann bringen soll – einer Großmutter, die Edith nie kennengelernt hat. Immerhin lernt sie dabei ihre coole Cousine Rae kennen, die sie bisher nur von Fotos kannte – und aus Werbespots im Fernsehen, ohne jedoch zu ahnen, dass es sich um dieselbe Person handelte. Gemeinsam schmieden Edith und Rae Pläne, um in diesen Ferien allen widrigen Umständen zum Trotz Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben; dabei finden sie eine Menge über ihre exzentrische Großmutter heraus – und letzten Endes, so darf man wohl prognostizieren, auch über sich selbst. 

– Dieses Buch habe ich kurz vor dem Urlaub in der Kinder- und Jugendbuchabteilung unserer Stadtteilbibliothek entdeckt und in der Absicht ausgeliehen, für den Urlaub ein Vorlesebuch zu haben, an dem ich auch selbst Spaß haben würde. Auf Wunsch des Tochterkinds mussten wir zwar erst einmal drei "Sternenschweif"-Geschichten in einem Band hinter uns bringen (die ehrlich gesagt gar nicht so schlecht waren, wie man hätte befürchten können, aber dazu vielleicht ein andermal), aber seit ein paar Tagen bzw. Nächten sind wir nun bei der Lektüre von "Dumme Ideen für einen guten Sommer", und bis jetzt hat das Buch mich keineswegs enttäuscht. In Stil, Erzählweise und inhaltlichem Niveau ist es mit Natalie Standifords "Ein Baum voller Geheimnisse" vergleichbar, das wir vor ein paar Monaten gelesen haben; und wie dieses besticht es durch ein skurriles Setting, liebevoll gezeichnete Charaktere und warmherzigen Humor. Ein bisschen warte und hoffe ich allerdings noch darauf, dass der Protagonistin dämmert, dass die supercoole Rae, die mit zwölf Jahren schon Hunderte von Instagram-Followern hat, nur bedingt als Vorbild taugt und dass ihre überfürsorgliche Mutter, auch wenn ihre Erziehungsmaßregeln oft übertrieben und darum kontraproduktiv sind, es grundsätzlich gut mit ihr meint. Na, schauen wir mal. 

Übrigens möchte ich zu Protokoll geben, dass ich, bevor ich dieses Buch entdeckte, den Eindruck hatte, es wäre zunehmend schwieriger, in der Bibliothek Bücher zu finden, die ich sowohl für meine Tochter geeignet finde als auch selbst mit Vergnügen lese. Anscheinend werden kaum noch eigenständige, in sich abgeschlossene Romane für Kinder und Jugendliche produziert, sondern zu 90% Buchreihen; und bei diesen handelt es sich zum weit überwiegenden Teil um so Fantasy-Kram mit Vampiren, Werwölfen oder anderen Gestaltwandlern. Das muss vielleicht nicht unbedingt und ausnahmslos schlecht sein, aber um es mal etwas zugespitzt zu sagen: Mein Eindruck ist, bei den meisten dieser Bücher handelt es sich entweder um Harry-Potter-Plagiate oder um Twilight-Fanfiction. (Nebenbei: Stimmt es eigentlich, dass "50 Shades of Grey" aus Fanfiction zu Twilight entstanden ist, oder war es umgekehrt? Ich verwechsle das immer.) Und sofern Kinder-und Jugendbücher sich dann doch mal um das echte Leben normaler Menschen drehen, hat man häufig – wie schon Bastian Balthasar Bux zu Recht kritisierte – das Gefühl, man solle "zu was gekriegt werden". Und zwar in der Regel zu etwas Wokem. Diesbezüglich war "Pembo" von Ayşe Bosse schon hart an der Grenze; aber im Grunde war das auch schon früher bei Gretchen Sackmeier so. Wenn ich es recht bedenke, ist genau dieses Problem – dass es gar nicht so leicht ist, gute oder auch nur unbedenkliche Kinder und Jugendliteratur ausfindig zu machen und als solche zu erkennen – ja gerade der Grund dafür, dass es diese Rubrik im Wochenbriefing gibt. Also, liebe Eltern unter meinen Lesern: Bleibt dran, um zu erfahren, was ich noch so alles entdecke! 


Aus meinem Wichtelbuch 

Pünktlich zu Beginn der Sommerferien habe ich mir vorgenommen, zur Vorbereitung auf meine Aufgaben als Wichtelgruppenleiter ein spezielles Notizbuch mit Ideen, Lesefrüchten und Reflexionen zu führen, die mir für die Arbeit mit der Wichtelgruppe von Nutzen sein könnten. Bisher habe ich noch nichts hineingeschrieben, aber ich habe das Buch in den Urlaub mitgenommen – und dazu den Jahrgang 1956 des "Komm-mit-Kalenders"; für diesen Jahrgangsband entschied ich mich, weil es einer der ältesten aus meiner bei eBay erstandenen Sammlung ist, und der älteste, den ich beim Packen für den Urlaub auf die Schnelle finden konnte. – Auch wenn ich zu viel mehr als flüchtigem Durchblättern bisher noch nicht gekommen bin, hat mir schon dieses flüchtige Durchblättern den Eindruck vermittelt, dieser Kalender enthalte eine ganze Menge "pfadfinderrelevantes" Material; das geht gleich nach dem Kalendarium los mit dem Artikel "Kleine Tipps für große Fahrten!". Was man da über Fahrpreisermäßigungen bei der Bundesbahn für Gruppen "einer anerkannten Jugendorganisation", über die Beantragung von Reisepässen für Auslandsreisen ("Visum braucht man nur noch für Spanien und Jugoslavien"), Regeln für Bargeld-Mitnahme und Umtausch usw. erfährt, ist zwar allenfalls noch von historischem Interesse; bemerkenswert fand ich indes die folgende Passage: 

"Vor jeder Auslandsfahrt schreiben wir eine Postkarte mit unserer Reiseroute zum 'Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge', Kassel, [...] und bitten, uns einen Soldatenfriedhof zur Betreuung zu nennen. [...] Beim Friedhof melden wir uns zuerst beim Friedhofswärter, Bürgermeister oder Pastor und bitten um Anweisung. Dann machen wir die Gräber mit (geliehenen) Rechen usw. in Ordnung. Rückgabe, Dank und kurzen Bericht nach Kassel nicht vergessen." 

Man muss bedenken, dass der II. Weltkrieg, als dieser Kalender erschien, gerade mal zehn Jahre vorbei war und dass bei den Jugendgruppen, die sich hier Anregungen für ihre Ferienfahrten holten, wohl manch einer dabei war, dessen Vater, Onkel oder Bruder auf einem Soldatenfriedhof ruhte. Trotzdem würde ich diese Anregung auch heute noch nicht unbedingt als veraltet betrachten. Tote begraben zählt schließlich zu den Werken der Barmherzigkeit, und ich schätze, in einem erweiterten Verständnis kann man wohl auch Grabpflege dazu zählen. – Ich erzählte meiner Liebsten davon, als wir bei unserer Ankunft in Tannenhausen – auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Reiterhof – an einem Wegweiser vorbeikamen, der auf eine nahe Kriegsgräberstätte hinwies; sie gab zu bedenken, eine Pfadfindergruppe, die im Ausland deutsche Soldatengräber pflegte, würde sich allzu leicht dem Verdacht deutschnational-revanchistischer Tendenzen aussetzen. Dagegen wandte ich ein, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gebe es schließlich noch heute, und meines Wissens sei das eine allseits respektierte und durchaus nicht als "rechtsoffen" verdächtigte Institution; oder irre ich mich da? Gleichwohl konnte ich den Gedanken nicht ganz von der Hand weisen, für Leute, die Pfadfindergruppen – jedenfalls solchen, die etwas, sagen wir mal, traditionsorientierter sind als die DPSG – ohnehin gern "rechte" Tendenzen unterstellen, könnte so eine Kriegsgräberpflege-Aktion ein gefundenes Fressen sein. Nicht umsonst habe ich in meinem obigen Zitat aus dem "Komm-mit-Kalender" eine Passage ausgelassen, die tatsächlich auch für mein Empfinden einigermaßen deutschnational und revanchistisch 'rüberkam. 

Darüber, wie es kommt, dass es in Ostfriesland überhaupt eine Kriegsgräberstätte gibt, machte ich mir solange keine Gedanken, bis ich direkt davor stand (sie befindet sich in so unmittelbarer Nähe des Reiterhofs, dass wir im Laufe der Woche praktisch jedesmal daran vorbeikamen, wenn wir irgendwo hingingen) und feststellte, dass sie zweisprachig, nämlich deutsch und russisch, beschildert ist und ein russisch-orthodoxes Kreuz in der Mitte der Anlage steht. 



Wie, fragte ich mich, kommt ein sowjetischer Soldatenfriedhof nach Ostfriesland? Ich dachte, die Gegend wäre von kanadischen Truppen besetzt worden? Der Sache musste ich auf den Grund gehen. Hier das Ergebnis meiner Recherchen: Bei den ca. 236 sowjetischen Soldaten, die hier bestattet sind, handelte es sich um Kriegsgefangene, die im Munitionslager Aurich als Zwangsarbeiter eingesetzt worden und dabei zu Tode gekommen waren. – Ich würde mal vermuten, die Gräber von Zwangsarbeitern und/oder anderen Opfern der Nazidiktatur zu pflegen, wäre nun wirklich eine politisch unverfängliche Aufgabe...


Aus dem Stundenbuch
Alle Heiligkeit und Vollkommenheit beruht auf der Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus, unserem Gott, unserem höchsten Gut und Erlöser. Verdient etwa Gott nicht unsere ganze Liebe? Er hat uns von Ewigkeit her geliebt. "Bedenke, o Mensch", so spricht er, "dass ich der erste war, der dich liebte. Du hattest das Licht der Welt noch nicht erblickt, die Welt war noch nicht da, und ich liebte dich bereits. Seit ich bin, liebe ich dich!"
Als er ihm eine Seele verleiht nach seinem Bild, begabt mit Gedächtnis, Verstand und Willen; als er ihm einen mit Sinnen ausgestatteten Leib gab; als er für ihn Himmel und Erde erschuf mit einer Fülle von Einzeldingen, schuf er das alles aus Liebe zum Menschen. 
Um sich unsere Liebe zu erwerben, ging er so weit, dass er sich selbst ganz schenkte. Ja, der ewige Vater ging so weit, dass er uns seinen einzigen Sohn gab. Was tat er, als er sah, dass wir durch die Sünde tot und ohne Gnade waren? Seine übergroße Liebe trieb ihn, seinen geliebten Sohn zu senden mit dem Auftrag, für uns Genugtuung zu leisten und uns zu dem Leben zurückzurufen, das wir durch die Sünde verloren hatten. Er schenkte uns den Sohn, und um uns zu schonen, schonte er ihn nicht. Mit ihm schenkte er uns alles Gute: Gnade, Liebe und das Paradies.
(Alfons Maria von Liguori, Traktat über die tätige Liebe in Christus)


Ohrwurm der Woche

MC Solaar: Le Nouveau Western 


"Deutschlands 'Wilder Westen' lag im Norden", habe ich in meiner Jugend mal in einem heimatkundlichen – pardon: regionalgeschichtlichen – Buch gelesen, und daran musste ich während des Urlaubs in Ostfriesland immer mal wieder denken. Kühe, Pferde, weites Land und wortkarge Eingeborene trifft man dort jedenfalls bis heute reichlich an. – Den Song von MC Solaar kenne ich ursprünglich von einem Sampler mit dem Titel "The Rebirth of Cool Phive", den ich mir irgendwann gegen Ende des vorigen Jahrtausends in der Absicht kaufte, meinen musikalischen Horizont zu erweitern. Irgendwann ist die CD dann bei einem Umzug oder dergleichen "verschütt gegangen", aber "Le Nouveau Western" gehört zu den Stücken, die ich in guter Erinnerung behalten habe. Wozu sicherlich die Samples aus "Bonnie and Clyde" von Serge Gainsbourg das Ihre beigetragen haben. 



Donnerstag, 27. Juli 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #40

Abermals Grüße aus dem Urlaub, Leser! Es ist seit Jahren meine Überzeugung, dass jeder Urlaub gewisse Unbequemlichkeiten mit sich bringt, die man nicht hätte, wenn man zu Hause geblieben wäre, müsse so sein, damit man sich am Ende des Urlaubs wieder auf zu Hause freut. In dieser Hinsicht war die Woche auf dem Reiterhof fast schon zu gut; die zweite Urlaubswoche hat das aber tendenziell wieder ausgeglichen. Näheres dazu unten! Urlaubsbedingt gibt es diese Woche ein paar Sonderrubriken, dafür fallen einige der gewohnten Rubriken aus – darunter auch die "Blogvorschau", denn da wüsste ich gerade wirklich nichts zu schreiben, was ich nicht schon vorige Woche geschrieben habe.  – Die angekündigte Rubrik "Aus meinem Wichtelbuch" verschiebe ich nochmals um eine Woche, da dieses Wochenbriefing sonst nicht rechtzeitig fertig wird und es auch ohnedies mehr als genug zu berichten gibt. 

Zum Gedenken an alle Embolismen, die beim Vaterunser in der Messliturgie "aus pastoralen Gründen" weggelassen wurden

Weiteres aus dem Urlaub in Ostfriesland 

Am Freitag, dem letzten vollen Tag unseres Aufenthalts auf dem Reiterhof Kleine Mücke, wollte meine Liebste sich erkundigen, ob unsere Kinder am Nachmittag noch eine Reitstunde bekommen könnten, und passte zu diesem Zweck das Ende des Mittagessens der Ferienmädchen ab. Unser Jüngster begleitete sie nach unten, und als beide zurück in unsere Ferienwohnung kamen, verkündete er freudestrahlend: "Toffel!" Tatsächlich, meine Liebste brachte eine Schüssel Kartoffelbrei mit. Die war beim Mittagessen der Ferienmädchen übrig geblieben, und jetzt durften wir den Kartoffelbrei aufessen. Nebenbei war meiner Liebsten mitgeteilt worden, unsere Ferienwohnung sei noch für ein paar weitere Tage frei. Gut zu wissen, dass man uns gern noch länger dabehalten hätte. Ein paar Tage zuvor hatte ich beim Frühstück den Satz fallen lassen "Von mir aus können wir hier jedes Jahr Urlaub machen", worauf das Tochterkind prompt erwidert hatte: "Von mir aus können wir hier einziehen." 

– So ist das, wenn das Leben ein Ponyhof ist. Die Frage nach dem Reitunterricht für die Kinder wurde übrigens dahingehend beantwortet, dass die beiden am Nachmittag einen geführten Ausritt machen durften. Am Samstagmorgen hieß es dann Abschied nehmen vom Reiterhof Kleine Mücke, und somit war der schöne Teil des Urlaubs erst mal vorbei. Für die folgenden sieben Tage hatte meine Liebste eine Ferienwohnung in Norddeich gebucht – theoretisch eine gute Idee: Ein paar Dörfer weiter wohnen meine Schwester und mein Schwager, die wir bei der Gelegenheit mal besuchen wollten, und meine Mutter wollte auch für ein paar Tage dazustoßen; davon abgesehen hat Norddeich einerseits einen Strand, andererseits aber auch das Erlebnisbad OceanWave, ein Kinderspielhaus, eine Seehundstation und ein Waloseum, sodass wir annahmen, einigermaßen wetterunabhängig zu sein – es war nämlich Dauerregen angekündigt. 

Als wir in Norddeich ankamen (es gibt übrigens mit öffentlichen Verkehrsmitteln keine sinnvolle Direktverbindung von Aurich nach Norden, wir mussten über Emden fahren, was, wenn man es sich auf der Landkarte ansieht, ein grotesker Umweg ist), regnete es recht beharrlich, und da wir noch fast zwei Stunden Zeit hatten, bis wir in die Unterkunft konnten, flüchteten wir vom Bahnhof erst einmal in eine Eisdiele namens Frieseneis. Da war's super: 





So begann der Aufenthalt in Norddeich also mit einer positiven Note; es blieb aber vorläufig die letzte. Zuerst stellten wir fest, dass wir uns bei der Adresse unserer Ferienwohnung in der Hausnummer geirrt hatten und die Unterkunft zwar nah am Hafen und am Bahnhof, aber längst nicht so dicht am Zentrum von Norddeich lag, wie wir gedacht hatten; dann stellte sich heraus, dass wir uns erst einmal den Schlüssel im Büro der Ferienhausverwaltung abholen mussten, das abermals ganz woanders (sprich: einen gut 20minütigen Fußweg entfernt) lag; und die Ferienwohnung selbst erwies sich, als wir endlich hineinkonnten, auch nicht gerade als komfortabel. Ich sag mal so: Auf unserem gemeinsamen Jakobsweg vor sieben Jahren haben meine Liebste und ich einmal in einer Pension in León übernachtet, die so aussah, als wäre sie seit den Tagen von Generalissimus Franco nicht renoviert worden, und auch so roch, und nachts wurde man vom Gebrüll des besoffen Fußball guckenden Mannes der Pensionswirtin wach gehalten; und über Weihnachten 2019 waren wir in Nordenham in einer Ferienwohnung, die sonst meist als Monteurswohnung genutzt wurde und in der die Möbel eine bedenkliche Neigung zeigten, auseinanderzufallen. Aber eine Bronzemedaille im Kampf um den Titel der miesesten Ferienunterkunft hat diese Norddeicher Ferienwohnung sich allemal verdient. Meine Liebste versichert indes, es sei die einzige einigermaßen bezahlbare Unterkunft für eine vierköpfige Familie gewesen, die zu dieser Jahreszeit in Norddeich zu finden war. 

Was mich zum nächsten Punkt auf der Liste der Ärgernisse bringt: Norddeich ist sehr touristisch. Wenn man zuvor eine Woche an einem Ort verbracht hat, an dem Reiterferien die dominierende Form des Tourismus darstellen (okay: Auf dem Tannenhauser See kann man auch wakeboarden. Dafür kann man in Norddeich aber kite-surfen – und tut das auch, und zwar nicht zu knapp), ist das schon ein kleiner Kulturschock. Das fiel mir schon auf dem Weg von unserer Unterkunft zur Ferienhausverwaltung und zurück auf, als ich Leuten begegnete, die miteinander Schwäbisch sprachen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Schwaben, einige meiner besten Freunde sind – aber das ist einfach nicht das, was man als gebürtiges Nordlicht erwartet, wenn man von Berlin nach Ostfriesland reist. 

Davon abgesehen äußert sich der touristische Charakter von Norddeich hauptsächlich darin, dass alles zu voll und zu teuer ist. Wobei das ehrlich gesagt nicht ganz stimmt: Zu teuer ist eigentlich nur die Gastronomie; der Eintritt ins OceanWave-Schwimmbad ist eigentlich recht günstig und der ins Kinderspielhaus sogar kostenlos. – Im Übrigen ist mir das Widersinnige daran, sich als Tourist darüber zu beschweren, dass es am Urlaubsort seiner Wahl zu viele Touristen gibt, sehr wohl bewusst. Ich glaube aber trotzdem, dass das eine Regung ist, die Viele nachvollziehen können. Man lese nur mal "The Beach" von Alex Garland: Der Unterschied zwischen Individual- und Pauschaltouristen ist nun mal der, dass der Individualtourist gern dahin möchte, wo die Anderen nicht sind, aber immer wieder ergeht's ihm wie dem Hasen in der Schwankerzählung vom Hasen und dem Igel, und der Igel ist zumeist ein Schwabe. (Sorry, die Pointe konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.) 

Der größte Minuspunkt von Norddeich ist, dass es keine öffentlichen Mülleimer gibt. Im Ernst, ich habe im ganzen Ort keinen einzigen gesehen. Und im Übrigen werden um 21 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Einige wenige Lokale haben bis 22 Uhr geöffnet, und danach nur noch Metas Musikschuppen – aber nur samstags. Die einmalige Chance, diese Kult-Location des frühen deutschen Rock'n'Roll und Beat, wo sowohl Otto Waalkes (als Sänger und Leadgitarrist einer Beatband) als auch Howard Carpendale (als Elvis-Imitator, kein Witz) ihre Karrieren begannen, von innen zu sehen, verpasste ich, weil ich am Abend unseres Ankunftstags so erschöpft war, dass ich froh war, endlich ins Bett gehen zu dürfen. 

Trotz alledem entwickelte sich unser Aufenthalt in Norddeich in den folgenden Tagen besser, als man nach dem schlechten Start hätte erwarten mögen. Zu den Highlights gehörte es, dass wir zusammen mit meiner Schwester und meiner Mutter die Seehundstation besuchten: 







Ins OceanWave gingen wir natürlich auch, und auch das Wetter besserte sich so weit, dass wir mehrmals an den Strand gehen konnten. – Übrigens eine kleine Beobachtung aus dem OceanWave: Eltern, die ihre Kinder #kitafrei aufziehen, stehen ja häufig im Ruf, überfürsorgliche Helikoptereltern zu sein. Ich persönlich halte das für Quatsch. Ich kann nicht für alle kitafreien Eltern sprechen und will auch die Auswirkungen der KiTa-Betreuung auf das Verhalten von Kindern nicht verallgemeinern, möchte aber behaupten, unsere Kinder agieren für ihr Alter ziemlich souverän und selbstsicher; und zumindest zu einem gewissen Grad, so denke ich, rührt das gerade daher, dass sie mit der Erfahrung aufwachsen, dass mindestens ein Elternteil jederzeit für sie da ist, wenn sie uns brauchen. – Was nun aber wirklich überforsorgliche Eltern angeht, so habe ich im OceanWave sogar im Kleinkinder-Planschbecken zahlreiche Kinder gesehen, die mit Schwimmflügeln, Schwimmwesten oder so komischen Schwimmgürteln ausgerüstet waren, mit denen man aussieht wie ein Selbstmordattentäter. Einige Kinder trugen sogar mehrere solcher Teile gleichzeitig. Bei einer Wassertiefe von maximal 20 Zentimetern, wo selbst ein Kleinkind höchstens dann ertrinken kann, wenn es mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegt – und genau dann nützen auch solche Schwimmhilfen nichts. 

Wie dem auch sei: Auf dem Programm stehen nun noch das Waloseum, eventuell das Ostfriesische Teemuseum in Norden, und auf der Drachenwiese am Strand beginnt heute ein "Wikingerfest" – da müssen wir wohl auch mal gucken. Ich werde berichten! 


Neues von der musikalischen Frühförderung 

Dass unser Jüngster großes Interesse an Musik zeigt, habe ich in den letzten Wochen ja schon ein paarmal erwähnt, und in diesem Urlaub hat es sich einmal mehr bestätigt. Am späten Nachmittag unseres Ankunftstags in Norddeich dachte ich, ich könnte mich vielleicht kurz mal ein bisschen ausruhen, aber die Kinder waren nicht dieser Meinung und sprangen ausgelassen um mich herum. Der Jüngste brabbelte dabei teils mehr, teils weniger unverständlich vor sich hin, und ein Wort, das er mehrmals wiederholte, klang für mein Ohr so ähnlich wie Papageno.  "Papageno? Kann ich dir zeigen", sagte ich spontan, zückte mein Handy und suchte bei YouTube eine Aufnahme von "Der Vogelfänger bin ich ja" heraus – als Auszug aus einer Zauberflöten-Aufführung an der Opéra Nationale de Paris aus dem Jahr 2001 mit Detlef Roth als Papageno. Ehrlich gesagt entschied ich mich für diese Version hauptsächlich deshalb, weil mir das Kostüm gefiel bzw. ich annahm, dass es meinen Kindern gefallen würde. Ich wurde nicht enttäuscht: Die Kinder waren absolut gefesselt, und insbesondere der Jüngste kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die Folge war, dass ich den Kindern noch diverse weitere Papageno-Auftritte aus derselben Zauberflöten-Aufführung zeigen musste. Besonders gut kam das Papageno-Papagena-Duett an, auch wenn der Jüngste mit kindlicher Logik überzeugt war, Pagagena müsse "Mama-Geno" heißen. (Wie Heinz Erhardt dichtete: Aus der Ferne grüßen Fata und Mutta Morgana.) Zu diesem Duett übrigens eine inhaltliche Anmerkung: Papageno und Papagena sind endlich vereint, hatten einander verloren und haben sich wiedergefunden – und widmen dieser Tatsache gerade mal zwei Verse pro Person, ehe sie dazu übergehen, von den Kindern zu singen, die sie zusammen bekommen wollen. Das nämlich, so meinen sie, sei "das Höchste der Gefühle". Mit Blick auf meine eigenen Kinder möchte ich da nicht widersprechen, aber bemerkenswert finde ich diese Prioritätensetzung schon. 

In den Tagen seither ist es immer mal wieder vorgekommen, dass der Jüngste, wenn er gerade wegen irgendetwas traurig, maulig oder aufgebracht war, zu mir gelaufen kam und nachdrücklich "Papageno!" forderte. Allmählich erinnert mich das an Ludwig Tiecks Theaterstück "Der gestiefelte Kater", in dem es die Figur des "Besänftigers" gibt: Zunächst ist es seine Aufgabe, den von Stimmungsschwankungen geplagten König aufzumuntern wie weiland David König Saul, aber zunehmend wird er dazu eingesetzt, das über die zahlreichen Mängel des Stücks erzürnte Publikum zu besänftigen. Und dieser Besänftiger... tritt in einem Papageno-Kostüm auf und trägt Auszüge aus der Zauberflöte vor! (Das Stück erschien erstmals 1797, nur sechs Jahre nach der Uraufführung der Zauberflöte.) 


Zu Gast in deinem Zelt Strandkorb 

Am Dienstag stand ich am Strand von Norddeich am Coffee-Bike an und ärgerte mich, dass die Warteschlange vor mir nicht kürzer wurde (was nicht unwesentlich daran lag, dass der Barista telefonierte, statt die Kunden zu bedienen), als eine Lautsprecherdurchsage meine Aufmerksamkeit auf sich zog: Eine Frau, die sich als Almut vorstellte, lud die anwesenden Kinder für 15 Uhr zur "Kinderkirche" am Kirchenstrandkorb ein. Der Kirchenstrandkorb war dank einer blau-weißen Fahne mit der Aufschrift "Kirche" weithin zu erkennen; ich ließ die Hoffnung auf einen frischen Kaffee fahren, kehrte zu meiner Familie zurück und fragte das Tochterkind (da der Jüngste gerade auf Mamis Schoß Mittagsschlaf hielt), ob sie Lust habe, mit mir zur Kinderkirche zu gehen. Sie bejahte ohne Zögern, also stiefelten wir los. 

Bei diesem "Kirchenstrandkorb" handelt es sich um eine Einrichtung der "Ökumenischen Urlauber*innenseelsorge [sic] Norden/Norddeich"; Almut entpuppte sich als freundliche ältere Dame von der evangelischen Kirchengemeinde, die den ca. zehn zu ihren Füßen versammelten Kindern (fast ausschließlich Mädchen) eine freie Nacherzählung der Geschichte von Jona und dem Wal präsentierte, teilweise szenisch illustriert mit Playmobil-Figuren. 

Ich fand es übrigens recht charakteristisch, dass von allen anwesenden Kinder einzig meine Tochter Anstalten machte, das Programm ein bisschen interaktiver zu gestalten, indem sie auf die in die Erzählung eingestreuten rhetorischen Fragen tatsächlich Antworten gab. 

Anschließend wurden noch ein paar Lieder gesungen: Zunächst "Bruder Jakob" – ein Lied, dessen christlicher Hintergrund zumindest in der deutschen Textfassung kaum mehr zu erahnen ist, aber okay, immerhin passte es dazu, dass gerade der Festtag des Apostels Jakobus war –, dann "Weißt du, wieviel Sternlein stehen", dessen Text man schon als erheblich eindeutiger christlich geprägt bezeichnen kann, und schließlich ein mir bis dahin nicht bekanntes, aber eindeutig kinderkirchentaugliches Lied mit dem Titel "Große Leut', kleine Leut'". Insgesamt fand ich diese "Kinderkirche" so mittel, was aber für ein Angebot der großkirchlich-ökumenischen Urlauberseelsorge bei mir allemal "besser als erwartet" bedeutet; und das Tochterkind fand es richtig gut, was im Zweifel das gewichtigere Urteil ist. Zum Abschluss bekam jedes Kind ein Büchlein mit kindgerechten Morgen-, Mittags- und Abendgebeten geschenkt; die Gebete gefallen mir gut, und schön illustriert ist das Büchlein auch. – "Ich hätte es ja besser gefunden, wenn da Lobpreis gesungen worden wäre", sagte ich zum Tochterkind, während wir zum Strandspielplatz zurückgingen. "Sowas wie 'Je-Je-Jesus ist größer' zum Beispiel." – "Oder 'Alles was ich hab'", erwiderte meine Tochter, also sangen wir das auf dem Weg zum Spielplatz. 

Neues aus Synodalien 

Am vergangenen Freitag fand in der Kirche St. Canisius in Berlin-Charlottenburg ein von der "Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V" ausgerichteter "Ökumenischer CSD-Gottesdienst" unter dem Motto "Mit Gottes Segen - für mehr Solidarität und Empathie" statt; darüber informierte mich eine Pressemitteilung, die mich per eMail erreichte. Es zelebrierten Pater Georg Maria Roers SJ und Thomas Beckmann, die Predigt hielt Veronika Gräwe von der Initiative #OutinChurch, und, nun die Pointe: "An der Orgel begleitet[e] den Gottesdienst Anna Vavilkina, Hausorganistin im Kino Babylon". Sic. Das lasse ich einfach mal so stehen

Derweil habe ich auch diesmal wieder ein paar Beobachtungen aus der Diaspora des vakanten Bistums Osnabrück mitzuteilen. In Norddeich gibt es zwar keine katholische Kirche, wohl aber in Norden, und diese heißt ebenso wie die in Aurich St. Ludgerus. Um die Verwirrung komplett zu machen, heißt auch die evangelische Hauptkirche von Norden Ludgerikirche; genauer gesagt ist dies eigentlich die erste dem Hl. Ludger geweihte Kirche des Ortes, sie wurde bereits im 13. Jh. errichtet, die heutige katholische Kirche Nordens hingegen erst 1885. Die erstere habe ich bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nur von außen gesehen, war aber beeindruckt von ihrer mittelalterlichen Wuchtigkeit und schieren Größe; die letztere kann da nicht mithalten, ist aber größer und prächtiger als die gleichnamige Kirche in Aurich – was zwar insofern überrascht, als Norden eine deutlich kleinere Stadt als Aurich ist, aber, wie ich bei Tante Wikipedia gelesen habe, der großzügigen Stiftung eines Münsteraner Pelzhändlers zu verdanken sein soll. 



Bedenklich erscheint indes, dass im Schaukasten der Kirche die Thesen von Maria 2.0 aushängen. Einen "Frauenstammtisch" gibt es in der Gemeinde auch, aber der veranstaltet eher so Sachen wie Kartenspielabende, "Weihnachtsmarktbesuch oder [!] Plätzchenbacken" und, besonders hübsch, "Gewürzabenteuer: Heilmittel-Curryduft-Kompositionen sehen, riechen, schmecken" ("Wir probieren Chutney und Papadam und machen uns eine eigene Gewürzmischung zum Mitnehmen"). 

À propos Mitnehmen: Natürlich nahm ich mir auch hier wieder den Pfarrbrief mit – ein 72 Seiten starkes, bunt bebildertes Heft, das ich hier nicht umfassend rezensieren kann und will, aber ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind, will ich doch festhalten. Im Bericht über die Konstituierung des neugewählten Pfarrgemeinderates heißt es: "Gerade heute in den Zeiten des Umbruchs und Neuanfangs im Bistum Osnabrück und in der kath. Kirche Deutschlands müssen wir zusammenstehen und weitere Umstrukturierungen und neue Ansätze bzw. Möglichkeiten einfordern." Diejenigen Beiträge, in denen es um "Seelsorge am Meer", die Urlauberseelsorge des Bistums Osnabrück, geht – aber, soweit ich gesehen habe, nur diese –, sind gespickt mit Gender-Sternchen, sogar beim Wort "Gott*". Ansonsten wirkt der Großteil des Pfarrbriefs auf den ersten Blick recht "normalkatholisch", im Guten wie im Bösen; kurz vor Schluss folgt dann aber eine Doppelseite über den "Synodalen Weg". Irritierenderweise ist dieser Beitrag zwar in Ich-Form geschrieben und enthält dezidiert subjektive Einschätzungen, ist aber dennoch nicht namentlich gezeichnet, sodass man sich wie Susi Sorglos fragen möchte: "He, wer spricht'n da?". Jedenfalls liest man da unter anderem: 

"Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass dieser Weg richtig und wichtig war und ist. Meine anfängliche Euphorie, dass wir bahnbrechende Veränderungen erlangen, hat sich im Laufe der Versammlungen sicherlich verändert. Und ja, kritische Stimmen bemerken zu recht, dass wir die Jahrzehnte diskutierten Hauptthemen: frauenweihe, Pflichtzölibat und Sexualmoral nur angekratzt haben. Aber dieses hartnäckige Kratzen und Füße scharren war und ist fruchtbar. Mit dem Synodalen Weg haben wir deutliche Spuren hinterlassen vielleicht sogar in Rom". 

Und abschließend: 

"Und nein, mit dieser 5. Versammlung ist der Synodale Weg nicht beendet, können wir uns nicht wieder bequem zurück lehnen, können und dürfen wir nicht mehr hinter dem zurück, was wir angestoßen haben! Für mich beginnt der Synodale Weg jetzt erst richtig!

Es ist nun an uns, dass wir die oft sperrigen Texte in unserem Bistum, Gemeinden und Verbänden mit Leben füllen. Mit der sofortigen Umsetzung der Beschlüsse, die unser Bistum direkt angekündigt hat: Taufspendung und Predigtdienst durch befähigte Lai*innen" – da ist er also doch noch einmal, der Genderstern – "und Segensfeiern für alle, setzen wir erste konkrete und ermutigende Zeichen für einen für mich [!] notwendigen Veränderungsprozess – für mehr Menschlichkeit – für mehr Veränderungswillen – für ein Mehr in Kirche!" 

Schöner kann man's fast nicht sagen: Die hier schreibende Person findet die auf dem Synodalen Weg propagierten Veränderungen  für sich notwendig, und der Rest der Kirche hat da gefälligst mitzuziehen. Das hat etwas von einer Geiselnahme, einer Flugzeugentführung

Zusammenfassend gesagt: Es ist nicht leicht, in Ostfriesland katholisch zu sein, aber das war es wohl noch nie – womöglich nicht einmal vor der Reformation. Interessant ist, dass es an der St.-Ludgerus-Kirche in Norden auch eine vietnamesische Gemeinde gibt; die könnte eventuell ein Refugium für glaubenstreue Katholiken sein, denn soweit ich es von Berlin aus beurteilen kann, haben die sogenannten "muttersprachlichen Gemeinden" mit der ganzen Synodalen Agenda absolut nichts am Hut. Ansonsten kann man natürlich darauf hoffen, dass sich im Bistum Osnabrück unter dem nächsten Bischof Manches ändert, aber übermäßig optimistisch wäre ich da bis auf Weiteres nicht. 


Spandau oder Portugal 

Dies ist eine Premiere, Leser: das erste Wochenbriefing, in dem es in der Rubrik "Spandau oder Portugal" nicht um Spandau geht, sondern um Portugal! Verantwortlich dafür ist natürlich der Weltjugendtag in Lissabon. Dieser hat zwar noch nicht begonnen, aber wie mich eine eMail der Pressestelle des Erzbistums Berlin informierte, sind bereits am gestrigen Mittwoch "180 junge Menschen aus 13 Pfarreien aus dem Erzbistum Berlin gemeinsam mit 28 Betreuer:innen [sic] zum 38. Weltjugendtag (WJT) nach Portugal" aufgebrochen. Zum Programm bis zur eigentlichen Eröffnung des Weltjugendtags heißt es da: 

"Zunächst geht es zu den Tagen der Begegnung im Vorfeld des Weltjugendtages nach Marinha Grande. Der knapp einwöchige Aufenthalt in der Pfarrei bietet Gelegenheit, die Bevölkerung und die Jugend vor Ort kennenzulernen. Außerdem werden hunderte weitere Jugendliche aus aller Welt mit vor Ort sein. Zu den Programmpunkten gehört ein Ausflug ins nahe gelegene Fatima, dem Ort der berühmten Marienerscheinungen von 1917, deren zentrales Thema das Gebet für den Frieden ist. Von Samstag, 29. bis Montag, 31. Juli wird der Berliner Erzbischof Heiner Koch zur Gruppe dazu stoßen." 

Gender-Doppelpunkt und Fatima: eine brisante Mischung, könnte man meinen. Aber wie ich immer gern sage, im Erzbistum Berlin macht der BDKJ sogar beim Nightfever mit. Auf den zweiten Blick fiel mir die Aussage ins Auge, das "zentrale Thema" der Marienerscheinungen von Fatima sei "das Gebet für den Frieden". Ach so, na dann: Das findet natürlich jeder jut, "gerade heute", wie man im Pastoralsprech so sagt. Ich muss sagen: Auf die Idee, dass man die Erscheinungen von Fatima politisch korrekt "framen" könnte, wäre ich nicht gekommen. 

Nebenbei, und weil ich gerade beim Thema bin: Im Vorfeld des Weltjugendtags sorgte eine Interviewaussage des Präsidenten der Stiftung Weltjugendtag Lissabon 2023, Américo Aguiar – seines Zeichens Weihbischof im Patriarchat von Lissabon und angehender Kardinal – für Unruhe, derzufolge der Weltjugendtag nicht darauf ausgerichtet sei, "die jungen Menschen [...] zu Christus oder zur katholischen Kirche [zu] bekehren, absolut nicht". Nun kann man sicherlich einige Verrenkungen anstellen, um dieser Aussage eine möglichst wohlwollende Deutung zu unterlegen – z.B., dass die Veranstaltung Weltjugendtag einfach vom Format her nicht auf Evangelisierung und Mission zugeschnitten sei und diese auf anderen Wegen geschehen müsse –; man kann auch, wie die portugiesische katholische Nachrichtenagentur ACI es tut, darauf verweisen, auch Papst Benedikt XVI. habe schließlich in einer Audienz mit Bischöfen aus Kasachstan und Zentralasien im Jahr 2008 gesagt, dass "die Kirche den katholischen Glauben nicht aufzwingt, sondern frei anbietet, weil sie weiß, dass die Bekehrung die geheimnisvolle Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes ist". Aber wie man es dreht und wendet: Weihbischof Aguiars Aussage bleibt problematisch, weil sie den Eindruck einer direkten Absage an den zentralen Auftrag Jesu an Seine Kirche, "Gehet hin in alle Welt und macht alle Menschen zu meinem Jüngern" (Mt 28,19), erweckt. – Nun ist mir natürlich die eigentümlich dialektische Argumentation bekannt, gerade im Interesse dieses Auftrags müsse die Kirche den Eindruck vermeiden, missionieren zu wollen, weil der Begriff des Missionierens so einen negativen, abschreckenden Klang bekommen habe. Aber ich bezweifle, dass das stimmt. Wie ich neulich schon mal schrieb: "Klimaschützer, Tierrechtsaktivisten, Veganer, LGBTQ- und Antirassismus-Initiativen haben solche Bedenken hinsichtlich ihrer jeweiligen Message in der Regel nicht: Die glauben daran, dass das, was sie zu sagen haben, richtig, wichtig und eben darum auch attraktiv sei, und verhalten sich entsprechend." 


Aus dem Stundenbuch 

Die Söhne des Zebedäus bedrängten Jesus mit den folgenden Worten: "Lass in deinem Reich den einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen." Was antwortet Jesus? Er weist darauf hin, dass sie etwas Ungeistliches erbeten haben und dass sie es nicht gewagt hätten zu bitten, hätten sie gewusst, um was sie bitten. Dann fährt er fort: "Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?" Er will damit sagen: Ihr sprecht von Ehren und Kränzen, ich aber rede von Kampf und Schweiß. Denn noch ist nicht die Zeit für den Siegerpreis, noch erscheint meine Herrlichkeit nicht. Die Gegenwart ist eine Zeit von Mord, Kampf und Gefahr. Sie antworteten ihm: "Wir können es."

In der Bereitwilligkeit ihres Herzens versprechen sie es sogleich, ohne zu wissen, was sie da sagen, und erwarten die Gewährung ihrer Bitte. Und was sagt Jesus? "Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde." Eine große und schöne Verheißung gibt er ihnen, nämlich, ihr werdet des Martyriums gewürdigt und müsst ebenso leiden wie ich. Mit einem gewaltsamen Tod werdet ihr euer Leben beschließen, und darin werdet ihr meine Gefährten sein. 
(Johannes Chrysostomus, Homilie zum Matthäusevangelium) 

Ohrwurm der Woche 

Julien Bam: Mach die Robbe 


Die Kenntnis dieses Liedes verdanke ich ursprünglich der "Orry & Friends"-Kinderdisco im CenterParc Tossens, wo wir in den Winterferien waren, aber wie dem auch sei: Seinen Status als Ohrwurm der Woche hat sich der Song spätestens nach dem Besuch der Seehundstation redlich verdient. Einen guten zweiten Platz belegt Falco mit "Maschine brennt", wegen der Textstelle "Ich seh' es ganz genau, noch ist der Himmel blau, wer weiß, wie lange dieser Segen hält"...