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Samstag, 6. Juli 2024

Creative Minority Report Nr. 37

Saludos, Compañeros! So ziemlich jeden Samstag bestehen meine letzten Handgriffe am jeweiligen Wochenbriefing – abgesehen von der Formatierung des Texts und dem Einfügen von Links – darin, ein Vorschaubild auszuwählen und mir einen Einleitungsabsatz aus den Rippen zu schneiden. Was den letzteren Punkt betrifft, habe ich mich gefragt: Hat das aktuelle Wochenbriefing einen Roten Faden, einen Leitgedanken, der die einzelnen thematischen Abschnitte in einem höheren oder tieferen Sinne zueinander in Beziehung setzt? Nach eingehender Prüfung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich in der neuen Creative Minority Report-Ausgabe, abgesehen von dem wie fast immer sehr präsenten Schwerpunkt Kinder- bzw. Familienkatechese, zwei Leitmotive benennen lassen, nämlich Gastrokritik und christlicher Anarchismus. Und jetzt hoffe ich, euch damit ausreichend neugierig gemacht zu haben... 

How do you want to contribute to creating a better climate in Berlin? Ich würde mal annehmen, die Frage ist bewusst mehrdeutig gehalten.

Was bisher geschah 

Wie im vorigen Wochenbriefing bereits angekündigt, war ich am vergangenen Samstag mit Frau und Kindern den ganzen Nachmittag bis in den frühen Abend hinein beim Baumfest in Panketal – und fuhren anschließend noch zum Baumhaus; für einen eigenständigen Artikel reicht das, was wir da erlebt haben, wohl nicht aus, für einen eigenen thematischen Abschnitt in diesem Wochenbriefing aber allemal ("Unter Bäumen"). Am Sonntag hatte meine Liebste Geburtstag; der erste Programmpunkt des Tages bestand indes darin, den letzten Kinderwortgottesdienst der Saison über die Bühne zu bringen ("Schwarzer Gürtel in KiWoGo"), und anschließend grillte der Sozialdienst katholischer Männer. Danach machten wir erst mal einen Spaziergang durch die immerhin zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Großsiedlung Siemensstadt, ließen die Kinder eine Weile auf einem Spielplatz herumtollen und gingen dann noch Eis essen, ehe wir heim nach Tegel fuhren. Zum Geburtstags-Abendessen gingen wir in ein indisches Restaurant in der Fußgängerzone von Alt-Tegel; ganz so lecker, wie man sich's hätte wünschen können, war das Essen dort nicht, aber ganz okay, auch vom Preis her. 

Am Montag unternahm ich erstmals den Versuch, eine schon letztes Jahr gegen Ende der Sommerferien ausgeheckte Idee ernsthaft in die Tat umzusetzen: nämlich, die Spandauer Filiale eines bekannten schwedischen Einrichtungshauses als Kombination aus KiTa und Co-Working-Space zu nutzen. Der Versuch scheiterte jedoch schon im Ansatz: Als wir gegen 11 Uhr dort ankamen, erfuhren wir, dass das Småland an diesem Tag erst um 15 Uhr öffnete. Schuld war offenbar Mitarbeitermangel. Also schauten wir uns auf dem neben dem Eingang zum Småland an die Wand montierten Fernsehschirm drei Folgen "Der kleine Rabe Socke" an und traten dann den Rückzug an. Mein Plan war, dass wir uns mit meiner Liebsten, die unerwartet früher Unterrichtsschluss hatte als sonst montags, in den Spandau Arcaden zu einer gemeinsamen Snackpause zu treffen; auf dem Weg dorthin schlief der Kleene allerdings im Kinderwagen ein. Als die Liebste eintraf, gingen wir dennoch zusammen zu KFC – und an dieser Stelle muss ich mich dann doch mal ausnahmsweise als Gastro-Blogger betätigen und sagen: Ich rate vom Besuch dieser Location ab. Der Burger, den ich hatte, war gut, aber die Fritten waren eher kläglich, die frittierten Hähnchenteile offenbar "schon etwas länger frisch", Softgetränke gab es nur in der "Zero"-Variante (uäh) und zum Kindermenü gab's kein Spielzeug. Dass die ganze Zeit ein Servier- und Abräumroboter durch den Laden fährt und Gäste anpflaumt, die ihm im Weg sind, ist anfangs irgendwie hübsch skurril, aber irgendwann nervt's dann halt auch. 

No, it's not.

Am Dienstag, dem Fest Mariä Heimsuchung, hatte meine Liebste unterrichtsfrei und wollte mit unserem Jüngsten einen Ausflug machen – woraufhin das Tochterkind spontan beschloss, sich einen Tag schulfrei zu nehmen, um zu diesem Ausflug mitkommen zu können. Ich blieb derweil zu Hause, um mich endlich mal wieder einem Buchprojekt zu widmen, das zuvor mehrere Monate brachgelegen hatte. Am Mittwoch, dem Fest des Apostels Thomas, waren die Kinder morgens mal wieder schwer wach zu kriegen, aber schließlich schafften wir es doch, früh genug zu Hause loszugehen, dass der Jüngste und ich, nachdem wir das Tochter zur Schule gebracht hatten, noch knapp pünktlich zur Messe in St. Marien Maternitas kamen. Diese wurde von dem nigerianischen Pfarrvikar zelebriert, der mir eigentlich als liturgisch ausgesprochen korrekt bekannt ist; umso konsternierter war ich, dass es in dieser Messe Kelchkommunion mit Selbstintinktion gab – und das auch noch in der so ziemlich schlimmsten denkbaren Form: Die Teilnehmer wurden ausdrücklich aufgefordert, "sich selbst ein Stück Leib Christi" von einer Patene zu nehmen, die der Priester in der einen Hand hielt, und dieses dann in den Kelch einzutauchen, den er in der anderen Hand hielt. Sorry, aber das geht nun wirklich gar nicht. Ich war nahe daran, unter diesen Umständen überhaupt nicht zur Kommunion zu gehen, aber da hatte ich die Rechnung ohne meinen Jüngsten gemacht, der, als der Rest der Gemeinde zur Kommunion antrat und ich einfach in der Bank sitzen blieb, nachdrücklich fragte: "Anstellen?" Also reihten wir uns hinter einer über-90jährigen Frau ein, die schon allein deshalb Mundkommunion empfing, weil sie beide Hände für ihre Gehhilfen brauchte. Danach stellte es dann keine weitere Schwierigkeit dar, auch mir die Mundkommunion zu spenden. – Was es über das JAM zu berichten gibt, findet sich diesmal wieder unter dem Rubrikentitel "Auf der anderen Straßenseite". 

Der Donnerstag verlief weitgehend ohne besondere Vorkommnisse; am Freitag gab es an der Schule unseres Tochterkindes ein Schulfest, das mit einer Art Talentshow begann – rund zwei Stunden Programm mit zahlreichen Tanz-, Gesangs- und Rap-Nummern, einer Zaubershow und dergleichen mehr. Unsere Tochter trat dabei nicht auf, aber zwei der Tanzdarbietungen ("Guck mal diese Biene da" und "Komm lass uns tanzen") tanzte sie im Zuschauerraum mit und bewies damit, dass sie die Choreographie von vorn bis hinten beherrschte. Na, vielleicht traut sie sich im nächsten Jahr auf die Bühne... 


Was ansteht 

Heute vormittag hätte das letzte Wichtelgruppentreffen der Saison sein sollen, aber wie man angesichts der Entwicklung (bzw. Nicht-Entwicklung) der letzten Monate schon fast hätte erwarten können, fiel es abermals mangels Beteiligung aus; die fälligen und schon vorige Woche angekündigten Erwägungen, was man konkret unternehmen könnte und müsste, um der Wichtelgruppe nach der Sommerpause einen erfolgreicheren Neustart zu bescheren, verschiebe ich daher mal noch um mindestens eine weitere Woche. Am morgigen 14. Sonntag im Jahreskreis steht, erstmals seit gefühlt mehreren Monaten, "nichts Besonderes" an, also werden wir wahrscheinlich "ganz normal" in Siemensstadt in die Messe gehen. Und dann beginnt die letzte "ganze" Schul- und Arbeitswoche vor den Sommerferien – wenn auch im Grunde nur für das Tochterkind, denn an der Schule meiner Liebsten ist Exkursionswoche: An zwei Tagen ist sie mit ihren Schülern auf Exkursion und hat dafür den Rest der Woche frei (wird aber wohl einen dieser "freien" Tage für Bürokram verwenden müssen). Einen "Omatag" wird es in dieser Woche erneut nicht geben, da meine Schwiegermütter wieder verreist sind. Am Donnerstagabend findet das Saison-Abschlussessen des Arbeitskreises Kinderwortgottesdienst statt; ich erwähnte es bereits: Pizza essen auf Kosten des Kirchensteuerzahlers! Und am Samstag sind wir zu einem Sommerfest in Werder an der Havel eingeladen – das hat sich bei dem Geburtstagspicknick, bei dem wir vor zwei Wochen waren, gewissermaßen als "Folgeeinladung" ergeben – so kann der Sommer von mir aus weitergehen...! 


Unter Bäumen 

Die Einladung zum 17. Panketaler Baumfest verdankten wir vorrangig der Tatsache, dass im Förderverein des Robert-Koch-Parks Panketal, der dieses Fest ausrichtet, meine Schwiegermütter aktiv sind und auch am Festprogramm beteiligt waren. So gesehen war dieses Event für uns bzw. unsere Kinder eine Art "vorgezogener Omatag". Allerdings hatte ich – obwohl die Programmankündigung allerlei Angebote für Kinder umfasste (Holz-Geschicklichkeitsspiele, Kinderschminken, Basteln mit Naturmaterialien, eine Märchenerzählerin...) – im Vorfeld irgendwie den Verdacht, die Veranstaltung richte sich tendenziell eher an alte Leute. Was sich tatsächlich als nicht ganz falsch herausstellte. Sagen wir's so: Der Großteil der durch einheitliche T-Shirts als zum Veranstalter-Team gehörig gekennzeichneten Personen und auch ein beträchtlicher Teil der Festbesucher war mindestens Mitte 60, und so war es einigermaßen folgerichtig, dass der ganze Stil und die Atmosphäre des Fests deutlich die Handschrift der Grünen-Gründergeneration trug. So empfand ich das jedenfalls, und ich habe eine recht ausgeprägte Antenne dafür, denn meine Grundschul-Klassenlehrerin gehörte zu dieser Spezies, und ebenso eine Frau, die in meinem heimatlichen Dorf ein Kinder-Akkordeonorchester leitete und daneben diverse Funktionen in der dortigen katholischen Kirchengemeinde ausübte. Überhaupt habe ich den Eindruck, in Kiechengemeinden ist häufig derselbe (oder ein ähnlicher) Menschenschlag aktiv wie in Vereinen zur Förderung von Naturschutz und Kultur im ländlich-kleinstädtischen Raum. Muss wohl was mit "bildungsbürgerlicher Milieuverengung" zu tun haben. Jedenfalls erklärt das vielleicht, dass ich mich auf dem Panketaler Baumfest tendenziell fühlte wie auf einem Pfarrfest. 

Wobei man allerdings anerkennen muss: Als Pfarrfest betrachtet war's eher eins der besseren. Insbesondere was das Angebot für Kinder angeht: Unsere Kinder bastelten Raupen aus Eierpappen, das Tochterkind ließ sich schminken (der Jüngste hatte dazu keine Lust), und bei einem Quizspiel gewannen beide (mit Unterstützung jeweils eines Elternteils) je ein gehäkeltes Kuscheltier: Der Jüngste entschied sich für einen Froschkönig, das Tochterkind für einen melancholischen Hasen. 

Live-Musik (Gesang und Gitarre) gab's von der Musiktherapeutin Dörte Badock, die, wie ich hörte, schon seit Jahren quasi zum Inventar dieses Fests gehört. Somit verwundert es nicht, dass sich ihr musikalisches Repertoire (das eine bemerkenswert ironiefreie Interpretation von "Karl der Käfer" enthielt, andererseits aber auch das Popel-Lied von Gerhard Schöne), ihr Vortragsstil und überhaupt ihr ganzes Auftreten sich sehr stimmig in die Atmosphäre der Veranstaltung einfügte. Sie spielte zwei Sets von jeweils rund einer halben Stunde Länge, und während des ersten fragte ich mich, woran es eigentlich genau lag, dass mir ihre Performance nicht gefiel. Mal abgesehen davon, dass sie einfach nicht besonders gut sang und Gitarre spielte, aber das kann ja, wie ich an anderer Stelle schon mal angemerkt habe, durchaus auch sympathisch wirken. Tat es in diesem Fall aber nicht. Klar, manchmal stimmt einfach die Chemie nicht zwischen Performer und Zuhörer, und dafür kann dann keiner was; im vorliegenden Fall trug aber sicherlich auch die eigentümliche Mischung aus Ökoromantik und Ostalgie dazu bei, die aus ihrer Liedauswahl sprach. – Im zweiten Set bekamen die Liedtexte und Zwischenmoderationen einen zunehmend esoterisch-neuheidnischen Einschlag, selbst eine Hymne an die Pachamama fehlte nicht, kein Witz. Später trat dann noch eine Seniorentanzgruppe auf, deren Mitglieder einer noch früheren Generation anzugehören schienen als die Damen vom Förderverein und deren Darbietung in der Hauptsache darin bestand, sich zu abgeschmackter Schlagermusik langsam im Kreis zu drehen. Na, immerhin kein Sitztanz. Wir hörten derweil lieber der Märchenerzählerin zu – die allerdings für mein Empfinden deutlich zu schnell sprach: Auch wenn man die Leistung, sich bei diesem Tempo nur vergleichsweise selten zu verhaspeln, durchaus anerkennenswert finden mag, wirkte es doch hektisch und nicht sehr kindgerecht. 

Übrigens gab es auf dem Fest eine stilechte Öko-Toilette: 

Lebe glücklich, lebe froh / Wie der Frosch auf dem Haferklo.

Ich zog es allerdings vor, einen noch authentischeren Beitrag zum Ökosystem zu leisten und direkt an den "Baum des Jahrtausends" zu pinkeln. 

Bei aller Kritik muss man sagen, dass es den Kindern auf dem Fest so gut gefiel, dass wir am Ende Mühe hatten, sie zum Aufbruch zu bewegen. So kamen wir beim Baumhaus, wo wir zu Abend essen wollten, etwas später an als beabsichtigt – aber trotzdem nicht zu spät: Drinnen lief, als wir ankamen, noch ein Workshop-Gespräch im Rahmen des "Urgent Action Summit", also ließen wir uns draußen nieder, wo auch diesmal wieder ein Pizzaofen aufgebaut worden war. 

Außer Pizza gab es aber wie üblich auch Gemüseeintopf und Salat. Und Brot. 


Nachdem ja schon so ziemlich den ganzen Tag "Action" gewesen war, waren die Kinder am Abend ziemlich überdreht; wir schafften es zwar noch, einigermaßen zivilisiert zu Abend zu essen, und unterhielten uns dabei auch recht nett mit unseren Tischnachbarn, aber danach fanden wir, die Kinder müssten dringend nach Hause und ins Bett. Folglich konnten wir wieder nicht zur "News You Can Use"-Runde bleiben, was ich durchaus schade fand; aber nun gut, früher oder später wird sich schon mal wieder eine Gelegenheit ergeben. 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo 

In der Kirche St. Joseph Siemensstadt herrschte zu Beginn der 11-Uhr-Messe am 13. Sonntag im Jahreskreis eine Raumtemperatur von 27 Grad, die Messdiener trugen kurze Hosen unter ihren Chorröcken, und der Pfarrvikar kündigte an, er wolle versuchen, die Messe kurz zu halten. Im Pfarrsaal bereitete der Sozialdienst katholischer Männer Essen für die Gemeinde vor, also mussten wir mit dem Kinderwortgottesdienst auf das bedeutend kleinere "Pfarrzimmer" ausweichen. Es war aber auch von vornherein nicht mit einem so großen Andrang zu rechnen gewesen, dass wir Platzprobleme bekommen würden; allerdings fiel die tatsächliche Beteiligung noch deutlich schwächer aus, als ich es erwartet hätte: Die Kirchenbänke waren insgesamt dünn besetzt, aber Kinder waren – mit Ausnahme meiner eigenen und der jüngsten Tochter meiner Teamkollegin – überhaupt keine da. Wir zogen unser vorbereitetes Programm aber trotzdem durch – und es lief sogar richtig gut! Die Idee, die Auferweckung der Tochter des Jaïrus als Rollenspiel zu gestalten, wollte ich angesichts der mageren Beteiligung schon fast fallen lassen, ließ mich aber umstimmen, da meine Tochter gern die Tochter des Jaïrus spielen wollte (eine nicht sehr anspruchsvolle Rolle: Sie musste nur auf einem Tisch liegen und sich im passenden Moment aufrichten). Meine Liebste übernahm daraufhin kurzerhand die Rolle des Jaïrus und meine Teamkollegin spielte Jesus, die beiden kleineren Kinder erhielten Statistenrollen und ich übernahm den Part des Erzählers. Beim anschließenden Auslegungsgespräch konzentrierten wir uns auf die Frage "Was ist bzw. woran erkennt man ein Wunder?" und stellten dabei den Gedanken in den Fokus, das Entscheidende an einem Wunder sei nicht, dass es ein spektakuläres, außergewöhnliches oder unerklärliches Ereignis ist, sondern vielmehr, dass sich darin das Wirken Gottes in der Welt zeigt. Am Sammeln von Beispielen aus dem eigenen Erfahrungsbereich beteiligte sich auch das Tochterkind, nämlich mit Beobachtungen aus dem Schulgarten – und ich war verblüfft, wie passend diese Beispiele waren (so etwa: Ein schon für tot gehaltener Baum bekam unverhofft neue Blätter). – Zum Abschluss gab es ein Gebet, und pünktlich zum Ende des Credo waren wir zurück in der Kirche. 

Was lautet also das Fazit dieses letzten KiWoGo vor der Sommerpause? – Natürlich hätte ich es schön gefunden, wenn ein paar mehr Kinder dabei gewesen wären. Womit indes nichts darüber gesagt ist, wie sich das auf die Qualität der Katechese ausgewirkt hätte. Das Rollenspiel wäre mit mehr Teilnehmern sicherlich lebhafter geraten, hätte aber wohl auch mehr Zeit in Anspruch genommen. An dem Auslegungsgespräch hat mir gerade gefallen, dass es so konzentriert war; ob das in einer größeren Gruppe genauso gut funktioniert hätte, sei mal dahingestellt. Hätten wir insgesamt mehr Zeit zur Verfügung gehabt, hätte ich gern noch ein Lied eingebaut, z.B. "Jesus, berühre mich" (a.k.a. "Nur den Saum deines Gewandes"). 

Abschließend noch eine Anekdote vom anschließenden Essen im Pfarrsaal: Als meine Liebste erwähnte, sie habe sich am Grill das vorletzte Stück Fleisch gesichert, das letzte sei für den Pfarrvikar reserviert, kommentierte ich: "Na, das ist ja auch... äh... würdig und recht." Worauf unsere sechsjährige Tochter wie aus der Pistole geschossen antwortete: "In Wahrheit ist es würdig und recht." Ich war begeistert. 


Auf der anderen Straßenseite 

Nachdem beim JAM in der vorigen Woche die Apostelgeschichte zu Ende erzählt worden war, war ich recht gespannt, was für eine Geschichte wohl diesmal drankommen würde; da es ja nicht mehr lange bis zu den Sommerferien war, ging ich nicht davon aus, dass mit einer neuen auf mehrere wöchentliche Fortsetzungen angelegten biblischen Erzählung begonnen werden würde, und damit hatte ich Recht. Tatsächlich erzählte die JAM-Leiterin eine Geschichte über einen Missionar, der in China ins Gefängnis geworfen wurde und den seine Wächter aufforderten, ihnen die christliche Heilslehre mittels eines Blattes Papier zu erklären. Eines leeren Blattes Papier, wohlgemerkt. Natürlich hatte sie zur Illustration dieser Erzählung ihrerseits ein leeres Blatt Papier mitgebracht, das sie erst faltete, dann in verschieden große und verschieden geformte Stücke zerriss und diese dann wiederum auseinanderfaltete – und die so entstandenen Formen benutzte, um damit die zentralen Aussagen der christlichen Glaubenslehre zu illustrieren. Ich versuchte hinterher, diese Geschichte – idealerweise mit einer "Bastelanleitung" für das Falten und In-Stücke-Reißen des Papiers – im Internet wirderzufinden, aber bisher ohne Erfolg. 

Als die Erzählung vermeintlich schon zu Ende war, spielte eine andere JAM-Mitarbeiterin der Leiterin sozusagen nochmals "den Ball zurück", indem sie sie fragte, was man denn nun konkret tun könne oder müsse, um an der Erlösung durch Jesus Christus, von der zuvor die Rede war, Anteil zu haben. Die Antwort darauf lief – wie man vielleicht hätte erwarten können – auf das klassisch evangelikal-freikirchliche "Jesus als meinen persönlichen Herrn und Erlöser akzeptieren" hinaus. Bei einer so starken Fokussierung auf die persönliche Willensentscheidung des Einzelnen frage ich mich immer, was eigentlich aus dem reformatorischen "sola gratia" geworden ist, oder weniger polemisch formuliert: was die Evangelikalen mit Aussagen Jesu wie "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt" (Joh 15,16) anfangen. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei den Adressaten dieser Katechese um Kinder handelt, die nach evangelikaler Auffassung noch gar nicht die nötige Reife für eine so schwerwiegende Lebensentscheidung haben. Ich habe das schon einmal problematisiert: Evangelikale Kinderkatechese geht prinzipiell davon aus, dass die Kinder noch keine Christen sind und bis auf Weiteres auch "noch nicht so weit sind", es werden zu können. Da ist es natürlich heikel, wenn man da mit Kindern hingeht, die bereits getauft sind und die nicht den Eindruck vermittelt bekommen sollen, ihre Taufe habe keine echte Bedeutung, weil sie ja nicht ihre eigene Entscheidung war. – Nun, man könnte sagen, wenn beim JAM ungefähr einmal in vier Monaten etwas vorkommt, was bei mir derartige Bedenken oder Einwände hervorruft, dann ist das aufs Ganze gesehen noch kein Grund, in Zweifel zu ziehen, ob man da als Katholik mit seinen Kindern guten Gewissens hingehen kann. Es unterstreicht aber, dass wir Katholiken selbst mehr und bessere katechetische Angebote für Kinder brauchen, und zwar nicht erst ab dem Erstkommunionalter. Das ist ein Gedanke, den man bei der fälligen Neukonzeption der Wichtelgruppe im Auge behalten sollte. 

Aber noch einmal kurz zurück zum JAM vom vergangenen Mittwoch: Im Zusammenhang mit dem Thema der "Lebensentscheidung für Jesus" erklärte die Leiterin den Kindern, eine solche Entscheidung könne auch bedeuten auf manche Dinge verzichten zu müssen, weil manche Dinge einfach nicht gehen, wenn man "mit Jesus unterwegs sein" wolle. Sie selbst zum Beispiel habe sich, als sie ihre Entscheidung für Jesus traf, von ihrer CD-Sammlung trennen müssen – und zwar nicht (wie man anhand klischeehafter Vorstellungen über Evangelikale vielleicht annehmen könnte), weil da böse Musik drauf war, sondern weil sie diese Musik mittels illegaler Downloads erworben hatte. "Und in der Bibel steht, dass wir uns an die Gesetze halten sollen und dass wir dem Staat gehorchen sollen." Nun wohl, die einschlägigen Bibelstellen kennen wir alle, gerade in der Corona-Zeit war vielfach die Rede davon. Ich muss allerdings sagen, dass ich die Argumentation "Man darf das nicht, weil es illegal ist" ein bisschen schwach und obendrein zirkelschlüssig finde. Zumal Legalität und Illegalität im demokratischen Staat – innerhalb der Grenzen verfassungsmäßig garantierter Grundrechte – grundsätzlich verhandelbar und veränderlich sind; ja, man kann sagen, der demokratische Rechtsbegriff basiert geradezu darauf, dass die Gesellschaft sich immer wieder neu darauf verständigt, "was recht ist". Und dass geltendes Recht und Gerechtigkeit nicht unbedingt immer deckungsgleich sind, dürfte ja nun eine weit verbreitete Erfahrung sein. Insofern ist das Problematische an der Berufung auf die Pflicht des Christen zur Gesetzestreue und zum Gehorsam gegenüber dem Staat, dass man damit so ziemlich alles rechtfertigen kann (und auch tut). Und genau deswegen stehen in der Bibel andererseits auch Sätze wie "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg 5,29). Damit will ich – auf das konkrete hier vorliegende Beispiel bezogen – nicht unbedingt behaupten, dass das geltende Urheberrecht widergöttlich wäre und Gott uns zum Filesharing berufen hätte; aber ich muss gestehen, eine Diskussion zu diesen Thesen könnte ich mir als ganz reizvoll vorstellen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

"Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter" (Lk 1,46f.). Mit diesen Worten preist Maria zunächst zwar die besonderen Gaben, die ihr geschenkt wurden, dann aber zählt sie auch die allgemeinen Wohltaten auf, mit denen Gott unaufhörlich und auf ewig für das Menschengeschlecht sorgt. Ihre Seele preist den Herrn, der alle Regungen ihres inneren Menschen für das Lob und den Dienst Gottes gefangen nimmt, weil sie durch die Beobachtung der göttlichen Gebote zeigt, dass sie stets an die Macht und Majestät Gottes denkt. Ihr Geist jubelt über Gott, ihren Retter, ihr Geist, den allein das Denken an seinen Schöpfer erfreut, von dem er das ewige Heil erhofft. Die Worte passen zwar auf alle, die vollkommen sind, doch vor allem auf die selige Gottesmutter, da sie kraft ihres einzigartigen Gnadenvorzugs in einer geistgeschenkten Liebe zu dem entbrannt ist, dessen leiblicher Empfängnis sie sich erfreuen darf. Mit besonderem Recht kann sie über Jesus, das heißt: ihren Retter, in einer vor allen Menschen ausgezeichneten besonderen Freude jubeln. Denn sie kennt ihn als den ewigen Urheber des Heils und weiß, dass er bei seinem Eintreten in die Zeit aus ihr geboren wird, er, ihr Sohn und ihr Herr in ein und derselben Person. 

"Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig" (Lk 1,49). Nichts schreibt sie also ihren Verdiensten zu. Ihre ganze Größe führt sie auf das Geschenk Gottes zurück, der seinem Wesen nach mächtig und groß ist und gerne seine Gläubigen, die klein und schwach sind, stark und groß macht. Treffend fügt sie hinzu: "und sein Name ist heilig", um ihre Hörer aufhorchen zu lassen, ja um alle, an die ihr Wort gelangt, zu lehren, wie schnell sie zum Glauben und zur Anrufung des göttlichen Namens bereit sein sollen, damit auch sie der ewigen Heiligkeit und des wahren Heils teilhaftig werden können, nach dem Spruch des Propheten: "Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet" (Joel 3,5). Das ist ja der Name, von dem sie sagt: "Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter."

Darum hat sich in der Kirche der gute und heilbringende Brauch eingebürgert, dass alle jeden Tag beim Abendlob ihren Hymnus singen. So sollen die Herzen der Menschen immer wieder an die Menschwerdung des Herrn denken und dadurch zu liebender Hingabe entbrennen, und die häufige Erinnerung an das Beispiel der Gottesmutter soll die Herzen in der Tugend festigen. 

(Beda Venerabilis, Homilie zu Ehren der Gottesmutter) 


Ohrwurm der Woche 

Danny Wilson: Mary's Prayer 

Der Titel passt zum Fest Mariä Heimsuchung, nicht wahr? Und nicht nur der Titel, sondern auch Textstellen wie "If I say ten Hail Marys, leave a light on in Heaven for me" oder "Blessed is the one who shares / your power and your beauty, Mary". Eine klare religiöse Aussage hat der Songtext dennoch nicht – es handelt sich eher um ein assoziatives Spiel mit religiösen Motiven –, aber ein schönes Lied ist es allemal, finde ich. Diese musikalische Stilrichtung, die um die Mitte der 80er ziemlich en vogue war und zu der auch Gruppen wie Roxy Music, ABC, Spandau Ballet, Johnny Hates Jazz oder Matt Bianco ihren Teil beitrugen, nannte sich übrigens "SophistiPop", und ob man's glaubt oder nicht, das war eine der zahlreichen Facetten des Gesamtphänomens Post-Punk. Was auch noch zu sagen wäre: Danny Wilson war nicht der Name des Sängers oder eines anderen Bandmitglieds, sondern der Name der Band. Sie hatte sich nach dem von Frank Sinatra dargestellten Titelhelden des Films Meet Danny Wilson (deutscher Titel: "Zu allem entschlossen") benannt, allerdings erst nachdem die Erben des Schauspielers Spencer Tracy es der Band untersagt hatten, sich Spencer Tracy zu nennen. Klingt komisch, is' aber so. 


Freitag, 5. Juli 2024

Mehr von den Fallers und der Erstkommunion

Was ist eigentlich aus der Erstkommunion im Hause Faller geworden? – Nun, ehrlich gesagt gar nicht so viel, gemessen daran, wie ausgiebig dieses Thema in Folge 1215 der beliebten SWR-Familienserie problematisiert worden ist; trotzdem denke ich, mein Artikel zu diesem Thema verdient aus verschiedenen Gründen ein Update. Und keine Sorge: Darauf, wie die Erstkommunion bei den Fallers gelaufen ist, werde ich im Rahmen dieses Updates auch eingehen. 

Zunächst aber mal was Anderes: Mareike Wolff, die ich unlängst als einen der beiden Köpfe hinter dem Podcast "Heilige & Halunken" erwähnt habe, ist nicht mehr dabei. Sie hat ein Abschiedsvideo gepostet, in dem sie erklärt: "Der Prophet Kohelet hat einmal gesagt: Alles hat seine Stunde." – Na klar, der Prophet Kohelet, wer kennt ihn nicht. Fun Fact: Leute, die "der Prophet Kohelet" sagen, sagen auch "die Apostelin Junia". (Und bevor es jetzt Beschwerden hagelt: Das war ein Scherz, Leute.) – Jedenfalls gibt Frl. Wolff zu Protokoll, sie nehme "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" Abschied vom Halunkenpodcast, und so sieht sie auf ihrem Abschiedsvideo auch tatsächlich aus – ein interessanter, wenn auch irgendwie irritierender Anblick. 

Außerdem – und damit kommen wir dem eigentlichen Thema näher – habe ich mit etwas Verspätung festgestellt, dass es "Heilige & Halunken" auch auf Facebook gibt und dass der Beitrag mit dem Ausschnitt aus der Serie "Die Fallers", den ich zuerst auf Instagram gesehen habe, auch dort gepostet wurde. Und unter diesem Facebook-Beitrag findet sich ein sehr bemerkenswerter Kommentar – verfasst von Regina Nagel, Vorsitzende des Bundesverbands der Gemeindereferentinnen. 

Zunächst erklärt Frau Nagel, sie frage sich "seit 40 Jahren, weshalb es diese jahrgangsweise E[rst]K[ommunion] noch gibt" – gerade auch vor dem Hintergrund, dass es "[a]ktuell [...] noch 6%" seien, "die regelmäßig an der sonntäglichen Eucharistiefeier (manchmal stattdessen Wort-Gottes-Feier) teilnehmen". Diese einleitende Frage beantwortet sie sich allerdings sogleich selbst: "[D]as 'Dorffest' mit chic gekleideten Kindern und Musikkapelle gefällt." Schon vor 30 Jahren, so fügt sie hinzu, habe eine Mutter zu ihr gesagt: "Ach, Frau Nagel, es kommt doch nicht auf die Texte und den Inhalt an, es kommt nur auf die Stimmung an". 

Okay: Dass eine große Zahl weitgehend inaktiver Kirchenmitglieder die Sakramente der Kirche dennoch – und zwar "selektiv und mit oft sehr eigenwilligen Sinnzuschreibungen", wie der bekannte Psdtoraltheologe Rainer Bucher es mal formuliert hat – als Dienstleistungen im Anspruch nimmt, ist nun wirklich keine besonders originelle Erkenntnis. Eher überraschend ist es, dass Frau Nagel betont, darin an und für sich kein Problem zu sehen: "[V]on mir aus kann das natürlich weitergemacht werden, wenn es gefällt", erklärt sie explizit. – Das allein ist für die Vorsitzende des Gemeindereferentinnenverbandes ja schon mal eine bemerkenswerte Haltung; es wird aber noch interessanter. So bekennt sie, bei dem Ausschnitt aus der "Fallers"-Episode Nr. 1215 "ungute Gefühle" zu haben. Warum? – Dass "die Eltern leider bisher wohl alles zum Thema 'Religion' ignoriert" haben, bewertet Frau Nagel zwar als "ungut", findet es aber zugleich auch verständlich, denn "es bedeutete ihnen nichts". Das eigentliche Problem ist aus ihrer Sicht, dass das Kind nun "ohne Wissen der Eltern und ohne jeglichen Wissenshintergrund in eine religiöse Gruppe" geht: 

"Dort ist eine nette Katechetin und eine liebe Freundin. Und die glauben was und die wollen was feiern. Und jetzt will das Kind auch." 

Und da fangen die Gefühle nun an, richtig "ungut" zu werden, denn in dieser Konstellation sieht Frau Nagel "ein Einfallstor für spirituellen Missbrauch". Das eigentlich Problematische an der religiösen Indifferenz der Eltern ist demnach in ihren Augen auch, dass ihnen dadurch die Kompetenz fehlt, ihr Kind "vor der aktuell zunehmenden Neuevangelisierung schützen zu können". 

Lassen wir das bitte mal einen Moment sacken: Die Vorsitzende des Bundesverbands der Gemeindereferentinnen betrachtet Neuevangelisierung als etwas, wovor man Kinder schützen müsse. Da kann man mal sehen, wie tief das "schmutzige Schisma" tatsächlich geht: Seit der Apostolischen Exhortation "Evangelii nuntiandi" des Hl. Paul VI. (1975) haben die Päpste wieder und wieder die Neuevangelisierung – auch wenn der Begriff als solcher erst vom Hl. Johannes Paul II. geprägt wurde – als die vorrangige Aufgabe der Kirche in unserer Zeit herausgestellt; derweil sitzen im institutionellen Apparat der Kirche an einflussreichen Positionen Leute, die mit diesem Ziel nicht nur nicht übereinstimmen, sondern aktiv dagegen arbeiten. Da wundert man sich über nichts mehr. 

In diesem Zusammenhang ist mir übrigens auch wieder eingefallen, aus welchem Anlass ich Regina Nagel schon mal auf meinem Blog erwähnt und zitiert hatte. Das war im letzten Sommer, da hatte die Dame in einem "Standpunkt"-Beitrag auf häretisch.de Kritik an "fundamentalistischen" Tendenzen beim Weltjugendtag in Lissabon geäußert. Nachdem sie darauf breiten Widerspruch erntete, konkretisierte sie auf Facebook ihr Verständnis des Begriffs "Fundamentalismus" – was mich wiederum zu der Bemerkung veranlasste: 

"Ist es nicht bemerkenswert, dass innerhalb einer Kirche diejenigen Leute, die tatsächlich ernsthaft an das glauben, was diese Kirche lehrt, so sehr als Randgruppe wahrgenommen werden, dass man einen speziellen Namen für sie braucht? Noch dazu einen offenkundig abwertend gemeinten? Das kommt mir ein bisschen so vor, als würden in einem Veganer-Verein diejenigen Mitglieder, die sich nicht nur Veganer nennen, sondern tatsächlich keine tierischen Produkte konsumieren, von den anderen Mitgliedern als 'Grünzeugfresser' beschimpft." 

I stand by that. – Aber jetzt mal zurück zu unserem aktuellen Thema: Was würde Frau Nagel denn Eltern raten, die im wirklichen Leben vor einer Situation stehen, wie sie in der Serie "Die Fallers" dargestellt wird? – Sie sieht grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie man mit einer solchen Situation umgehen kann: "Variante 1: Mit 14 bist du religionsmündig. Vorher entscheiden wir." Das beschreibt in etwa die Haltung von Carlottas Vater in der "Fallers"-Episode; am Ende der Folge – in einer Szene, die im "Teaser" nicht zu sehen war – lässt er sich aber umstimmen. Auch Frau Nagel räumt ein, es wäre "echt doof", in dieser Form die elterliche Autorität auszuspielen, "weil das Kind das nicht kapieren wird". – "Variante 2: mit Bauchschmerzen der Taufe und der Erstkommunion zustimmen. Respektvoll mit der religiösen Phase [!] des Kindes umgehen, aber ehrlich weiterhin die eigene Sichtweise äußern." Das kennen wir auch schon irgendwoher, oder? – In der Tat: Das beschreibt in etwa die Haltung eines Vaters, der anno 2018 in einem Artikel in der "Christ und Welt" seine Irritation darüber abarbeitete, dass seine Kinder frömmer sind als er; dazu habe ich mich seinerzeit schon ausgiebig geäußert. 

Die kleine Carlotta von den "Fallers" ist nicht das einzige Kind, das vor der Erstkommunion erst mal getauft werden muss. (Illustration aus dem Buch "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg) 

Wie aber handhabten es nun eigentlich die Fallers? – Nachdem die Frage, ob Carlotta zur Erstkommunion gehen darf, einen der drei Haupthandlungsstränge von Folge 1215 bildete, kommt dieses Thema in Folge 1216 überhaupt nicht weiter vor, und in Folge 1217, nicht umsonst "Heiliger Sonntag" betitelt, ist der große Tag dann schon da. Carlotta ist so aufgeregt, dass sie nicht einmal frühstücken will (was zweifellos gut für die eucharistische Nüchternheit ist); der Vater, der noch kurz zuvor allem, was mit Kirche zu tun hat, so strikt ablehnend gegenüber gestanden hatte, hat sich in seinen besten Anzug gezwängt, den er, wie seine Frau anmerkt, "seit unserer Hochzeit nicht mehr angehabt" hat, und ist, wie er selbst sagt, für seine Tochter sogar bereit, "stundenlang den Bauch" einzuziehen, damit der Anzug "noch passt". Ungemach kündigt sich an, als die Oma nicht auftaucht, um Carlotta wie versprochen eine schöne Frisur zu machen; das muss daher die Mutter übernehmen. Die Kirche sieht man nur von außen, ungefähr fünf Sekunden lang; im Mittelpunkt des Interesses steht vielmehr die Feier in der Familie – die kleiner ausfällt, als ich sie mir vorgestellt hatte: Neben Carlotta und ihren Eltern sind nur Uropa Hermann sowie "Oma und Obernd" mit von der Partie – und der Letztgenannte kommt auch noch zu spät und verpasst dadurch das vom vietnamesischen Koch des von Carlottas Mutter Eva betriebenen Lokals gekochte Festessen – "Buddhas tausend Köstlichkeiten", "ein richtig heiliges Essen", wie Carlotta findet. Und dann wird die Feier durch einen heftigen Streit zwischen "Oma und Obernd" gesprengt – der im Nachgang auch noch zu einem Streit zwischen Carlottas Eltern führt: Um Carlotta das häusliche Drama zu ersparen, hat Eva ihren Opa Hermann damit beauftragt, mit dem Kind in die Konditorei zu gehen und es auch danach noch möglichst lange von zu Hause fernzuhalten. Am nächsten Tag berichtet der Papa, der Carlotta zur Schule gebracht hat, seiner Frau aufgebracht: 

"Unsere Tochter saß zwanzig Minuten neben mir im Auto und wollte nicht aussteigen. Sie hat sogar geweint. Und sie hatte Angst, dass ihre Freundinnen sie auf die Feier ansprechen und sie dann erzählen muss, dass sie stundenlang mit Opa im Uhrenmuseum war, weil es zu Hause Streit gab." 

Wie es scheint, hat er sein Unbehagen angesichts des Wunsches seiner Tochter, getauft zu werden und zur Erstkommunion zu gehen, damit beschwichtigt, dass er sich sagt, es gehe ihr letztlich nur um "einen feierlichen Tag [...], an dem sie im Mittelpunkt steht" (eine Haltung, die nebenbei bemerkt keiner der von Frau Nagel skizzierten Alternativen entspricht), und ist nun umso verärgerter, dass sie genau das "nicht bekommen" hat. – Verglichen damit, wie ernsthaft und differenziert Carlottas Wunsch, getauft zu werden und zur Erstkommunion zu gehen, und die Reaktionen darauf in der früheren Episode behandelt worden waren, ist diese Weiterführung des Handlungsstrangs schon ziemlich enttäuschend. 

Kommen wir daher lieber nochmal zurück zu Regina Nagels Bekenntnis, sie wundere sich "seit 40 Jahren, weshalb es diese jahrgangsweise E[rst]K[ommunion] noch gibt". Bisher dachte ich ja, die Forderung, die Erstkommunion in ihrer landläufig praktizierten Gestalt abzuschaffen, wäre innerkirchlich eine extreme Außenseiterposition, die praktisch nur von Peter Winnemöller und mir vertreten würde; das scheint jedoch nicht der Fall zu sein. So war unlängst auf häretisch.de zu lesen, "[i]n jüngster Zeit" werde "vermehrt die Abschaffung gemeinsamer Erstkommunionfeiern gefordert". Spannend! Nicht gut finden das allerdings die namhaften Religionspädagogen Albert Biesinger und Reinhold Boschki sowie der Pastoraltheologe Bernd Hillebrand – die darum einen Beitrag mit dem programmatischen Titel "Beziehungsorientierte statt individualisierte Erstkommunionbegleitung" bei der Bonner Schismatikerpostille lancierten. Die Überschrift lässt ja erst einmal aufhorchen: War Individualisierung nicht vor Kurzem noch etwas Gutes? – Stringente Argumentation ist insgesamt nicht die Stärke dieses Beitrags: Man hat eher den Eindruck, die Verfasser werfen in ihrem Bestreben, die gängige Erstkommunionpraxis zu verteidigen, alles Mögliche an die Wand und hoffen, das irgendwas davon kleben bleibt. Das Sakramentenverständnis der Verfasser möchte man lieber nicht hinterfragen: Dass in ihrem Text von "Jesus-Brot" die Rede ist, hatte ich neulich schon stirnrunzelnd angemerkt; etwas weiter unten wird die Notwendigkeit einer "symboldidaktische[n] Vermittlung" der Eucharistie betont: "Was meint Leib Christi, Blut Christi – wir essen ja nicht den Körper von Jesus auf"; wie gesagt: Hinterfragen wir lieber nicht, wie sie das meinen. Das zentrale Argument, das die Autoren für die Beibehaltung der Praxis anführen, die Kinder der Pfarrei jahrgangsweise zur Erstkommunionvorbereitung antreten zu lassen, betrifft den Aspekt der Gemeinschaftserfahrung: 

"Ohne gemeinsamen Weg zur Erstkommunion nimmt man Kindern die Erlebnisse des Weges in einer Gruppe Gleichaltriger und eines gemeinsamen großen Festes. Und den Familien nimmt man die Möglichkeit zu Beziehungen mit anderen Familien. Gerade heute brauchen Kinder eine Intensivierung von Gemeinschaftserfahrungen, von gemeinsamen Ritualen, von Festen und Feiern, von Gruppentreffen – auch die Eltern brauchen solche Erfahrungen." 

Nun ist es mit der Gemeinschaft in der Volkskirche ja so eine Sache. Ich bin geneigt zu sagen, die Apologeten des Systems Volkskirche reden über Gemeinschaft wie Teenager über Sex: Je weniger sie davon tatsächlich haben, desto mehr prahlen sie damit. Die Vorstellung, man müsse mittels institutioneller Maßnahmen Gemeinschaftserlebnisse schaffen (um nicht zu sagen "simulieren"), weil die Leut' ansonsten keine haben, sagt da im Grunde schon alles. Gäbe es in unseren Pfarreien ein Gemeindeleben, das diese Bezeichnung wirklich verdient – in dem Sinne, das es organisch daraus erwüchse, dass die Gemeindemitglieder sich wirklich als eine Gemeinschaft betrachten und entsprechend miteinander umgehen –, bräuchte man überhaupt keine speziellen Erstkommunionkurse, sondern könnte auf eine Mischung aus Gruppenveranstaltungen mit katechetischem Anteil (da denke ich an sowas wie das JAM in der EFG The Rock Christuskirche in Berlin-Haselhorst) und individueller, auf die Bedürfnisse, den Verständnishorizont und eventuell vorhandene Vorkenntnisse des einzelnen Kindes abgestimmter Katechese in der Familie setzen. Auf die große gemeinsame Feier könnte man umso eher verzichten, als in einer Pfarrgemeinde, die eine echte Gemeinschaft wäre, jede Sonntagsmesse ein großes Fest wäre; und natürlich würde eine solche Gemeinde dann auch mit jedem einzelnen Kind feiern, das seine Erstkommunion empfängt – wohingegen heute die Gemeinde ja vielfach kaum eine Chance hat, die Erstkommunion mitzufeiern, da fast alle Plätze in der Kirche für Familienangehörige und deren Gäste reserviert werden. Nebenbei bemerkt käme ja wohl auch keiner auf die Idee, alle Taufen oder alle Eheschließungen, die im Laufe eines Jahres in einer Pfarrei anfallen, auf einen gemeinsamen Termin zu legen, um das "Erlebnis eines gemeinsamen großen Festes" zu ermöglichen. 

Wer übrigens meint, ich sei (in diesem wie in anderen Fällen) in meiner Kritik zu hart, den dürfte es interessieren, dass auf häretisch.de nur zwei Tage nach der Veröffentlichung des Beitrags von Biesinger, Boschki und Hillebrand eine äußerst polemische Erwiderung auf diesen erschien – und zwar aus der Feder von Dominik Blum, seines Zeichens Pfarrbeauftragter in der Katholischen Pfarreiengemeinschaft Artland im Bistum Osnabrück. Dem Herrn Blum bin ich mal bei einer Pfarrversammlung in Nordenham begegnet, als er noch Leiter des Referats Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta war; und ich habe auf meinem Blog auch schon ein paar in der "Standpunkt"-Rubrik auf häretisch.de erschienene Beiträge von ihm besprochen, zwar eher kritisch als zustimmend, aber immerhin zeigt das ja, dass die Standpunkte dieses Herrn immer wieder zur Auseinandersetzung einladen. Im vorliegenden Fall gäbe es an seinem Artikel mit der Überschrift "Die jetzige Form der Erstkommunionkatechese ist missionarisch impotent" sicherlich auch Manches zu kritisieren oder zu hinterfragen, aber vorrangig feiere ich ihn dafür, wie unverblümt (pun not intended) er den Herren Biesinger, Boschki und Hillebrand – "übrigens auch Autoren des vielleicht meistverkauften Kursbuches zur Kommunionvorbereitung"! – vorwirft, die religionssoziologischen Entwicklungen der letzten zwölf bis vierzehn Jahre verpennt zu haben und an Konzepten und Methoden festhalten, die "heute in keiner Weise der Realität in der Praxis" gerecht werden. Man brauche schon deshalb mehr Individualisierung in der Erstkommunionvorbereitung, weil die Voraussetzungen, die die Kinder und ihre Eltern mitbringen, so unterschiedlich seien. Insbesondere kleidet er dem konzeptionellen Ansatz von Biesinger et al. an, von "bildungsbürgerlicher Milieuverengung" geprägt zu sein – die sich etwa darin ausdrücke, "von der Meditation zu einem Nolde-Bild eine familienorientierte religiöse Bildung aller Beteiligten zu erwarten". Ich sag mal: Chapeau. 

Ein gewichtiger Kritikpunkt, den Blum gegen die landläufige Erstkommunionpraxis ins Feld führt, lautet, dass der dafür betriebene Aufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag steht – und folglich Ressourcen bindet, die dadurch an anderer Stelle fehlen: Obwohl "selbst unter den katholischen Familien" die Beteiligung an den alljährlich angebotenen Kursen zur Erstkommunionvorbereitung rapide rückläufig sei – "in der Diaspora", so Blume, erreiche man damit "inzwischen weniger als zehn Prozent der Kinder einer Alterskohorte" –, habe "die Erstkommunionkatechese in vielen Pfarreien absolute Priorität": "Sie beschäftigt [...] angesichts sinkender Personalressourcen pastorale Mitarbeiterinnen mit mehr als 100 Prozent ihres Beschäftigungsumfangs für einen Großteil des Jahres." Daraus folgt, dass für alle diejenigen, die nicht an den Erstkommunionkursen teilnehmen, nichts übrig bleibt: Diese, so meint Blum, "erfahren ebenso wenig vom Evangelium wie alle Nichtchristen. Weil wir leider keine Zeit und keine Kraft mehr haben" – wahrscheinlich aber, so muss man hinzufügen, auch keine Ideen, was man jenseits der eingespielten Routine noch tun könnte oder sollte. "Die Kommunionfamilien aber nehmen trotz leuchtender Kinderaugen und spiritueller Verzauberung beim Familienfest keine dauerhafte Beziehung zur Gemeinde oder zu Jesus Christus auf." Tja. 

Wenn Blum sich zudem überzeugt zeigt, es sei "viel nachhaltiger", Kinder bzw. Familien auf dem "Weg zur Erstkommunion und beim Glaubenlernen" in Form von "Patenschaften, kleinen Weggemeinschaften und freiwilligen Netzwerken" zu begleiten "als bei Großgruppentreffen in Pastoralräumen und mit dem Bischof", bin ich als Verfechter des Prinzips Graswurzelrevolution natürlich ganz auf seiner Seite. Darüber, wie so etwas konkret aussehen sollte und wie es gelingen kann, die herkömmliche Praxis der Erstkommunionkatechese und -feier zu überwinden, sind die letzten Worte zweifellos noch nicht gesprochen; aber ich finde es schon mal ermutigend und erfrischend, dass eine solche Debatte überhaupt stattfindet. 


Hinweis in eigener Sache: Dieser Artikel erschien zuerst am 25.06. auf der Patreon-Seite "Mittwochsklub". Gegen einen bescheidenen Beitrag von 5-15 € im Monat gibt es dort für Abonnenten neben der Möglichkeit, Blogartikel rund eine Woche früher zu lesen, auch allerlei exklusiven Content, und wenn das als Anreiz nicht ausreicht, dann seht es als solidarischen Akt: Jeder, der für die Patreon-Seite zahlt, leistet einen Beitrag dazu, dass dieser Blog für den Rest der Welt kostenlos bleibt! 


Samstag, 29. Juni 2024

Creative Minority Report Nr. 36

Mich brennt's in meinen Reiseschuh'n, Leser! – Es mag zum Teil am Wetter liegen, dass es mich zur Zeit nur schwer in meinen vier Wänden (oder überhaupt zwischen irgendwelchen Wänden) hält; aber sicherlich liegt es nicht nur daran. Als ich meinem Tochterkind unlängst den Hobbit als Bettlektüre vorlas – darauf wird selbstverständlich in der Sommerausgabe der Artikelreihe "Vorlesestoff fürs Tochterkind" zurückzukommen sein –, verspürte ich schon so ein gewisses Zucken von Wanderlust; und dann war ich letzten Sonntag am Potsdamer Platz und sah diesen bemalten Stromkasten: 

Ich hätte am liebsten sofort meinen Rucksack gepackt und wäre losgepilgert, kein Witz. Ein paar Tage später versuchte mich dann auch noch dieses Plakat auf den Jakobsweg zu locken: 

Zufall? Schwer zu sagen! – Nun, bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen, und dann noch ein paar mehr, bis wir verreisen – aber das wird wieder einmal eher der Camino de Willehado als jener nach Santiago. Für den Jakobsweg müssen die Kinder wohl noch ein paar Jahre älter werden. Aber dann nehme ich sie mit! 

– Nach dieser Einstimmung sei gesagt, dass das vorliegende Wochenbriefing – nachdem die beiden vorigen Ausgaben des Creative Minority Report ja thematisch etwas breiter und damit tendenziell untypischer aufgestellt waren – wieder einen klaren Schwerpunkt in Sachen Basisarbeit und Familienpastoral hat; oder, wenn man so will, zwei solche Schwerpunkte, nämlich zum einen die Wichtelgruppe und zum anderen den Schwarzen Gürtel in KiWoGo. Und damit genug der Vorrede! 


Was bisher geschah 

Am vergangenen Samstag waren wir vom Nachmittag bis zum frühen Abend beim Geburtstagspicknick einer Künstlerfreundin, mit der ich in den Nuller und Zehner Jahren bei einer Vielzahl von Bühnenprogrammen, Kurzfilmen und Hörspielen zusammengearbeitet habe; die Party war sehr schön, auch den Kindern gefiel es dort ausgezeichnet, vielleicht komme ich an anderer Stelle noch ausführlicher darauf zurück, mal sehen. – Am Sonntag gingen wir vormittags zu einem Kinderkonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie: Die Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie spielte "Peer Gynt". Stell dir vor, es gibt Grieg, und keiner geht hin. Nee, blöder Witz, das Konzert war gut besucht – und mir gefiel es noch erheblich besser als das rbb-Kinderkonzert am Sonntag zuvor. Was die musikalische Darbietung angeht, macht so ein Kammerorchester nun mal einfach mehr Eindruck als ein fünfköpfiges Bläserensemble, und in Hinblick auf die erzählerische Gestaltung war's erst recht eine ganz andere Liga als der "Sommernachtstraum" im "Haus des Rundfunks". Im Anschluss an das Konzert durften die Kinder im Foyer noch verschiedene Orchesterinstrumente ausprobieren, unter fachkundiger Anleitung, versteht sich. 

Die Frage, wo und wann wir an diesem Sonntag in die Kirche gehen sollten, hatten wir dann übrigens doch zugunsten der Abendmesse in Herz Jesu Tegel entschieden. Zelebriert wurde diese Messe, wie ich vorsorglich dem Wochenplan entnommen hatte, von "Pater Brody", und was die Gemeinde angeht: Die einzige Person, die erkennbar von unserem Auftauchen in der Kirche Notiz nahm, war eine alte Dame philippinischer Herkunft, die uns immer gern gemocht hatte und sich folgerichtig über das Wiedersehen freute. Unser Jüngster schlief ziemlich bald nach Beginn der Messe an Mamis Brust ein, die Große war in etwas quengeliger Stimmung und nicht so recht bei der Sache, aber das hielt sich – gemessen daran, dass die Kinder abends eigentlich immer schwerer zu bändigen sind als morgens, was wohl auch nicht besonders verwunderlich ist – noch in erträglichen Grenzen. Meine Liebste, die jahrelang keinen Fuß in dieses Gotteshaus gesetzt hatte, meinte hinterher, sie könne über diesen Gottesdienstbesuch nichts Negatives sagen. Das würde ich selbst auch gern behaupten, aber ich muss doch etwas zum Orgelvorspiel anmerken: Dieses begann nämlich mit der Melodie von "Eine Seefahrt, die ist lustig", ehe es allmählich zum Einzugslied "Wer unterm Schutz des Höchsten steht" (GL 423) hinübermodulierte. Ist denn schon wieder Karneval?, dachte ich etwas indigniert. Tatsächlich hatte nicht etwa der Organist, sondern der Zelebrant selbst die Idee zu dieser Ouvertüre gehabt; was das sollte, erläuterte er in der Predigt: Im Rahmen des Ehrenamtsdanks der Pfarrei hatte es am selben Tag eine Dampferfahrt auf dem Tegeler See für engagierte Gemeindemitglieder gegeben, und das, so meinte Pater Brody, passe ja auch gut zum Evangelium vom Tag – Markus 4,35-41, Jesus stillt den Sturm auf dem See Genezareth. – Was es über die Predigt in dieser Messe sonst noch zu sagen gibt, folgt unter der Rubrik "Predigtnotizen". 

Am Montag, dem Hochfest der Geburt Johannes des Täufers (noch ein halbes Jahr bis Weihnachten!) fiel der sonst übliche "Omatag" aus, weil meine Schwiegermütter verreist waren; wie schon angedacht, nutzte ich dies als Gelegenheit, mal wieder mit dem Jüngsten einen Regionalbahn-Ausflug ins Umland zu unternehmen – und ich darf wohl sagen, dass dies der bislang spannendste Ausflug dieser Art war: Unser Ziel war diesmal Märkisch Wilmersdorf, ein Ortsteil von Trebbin im Landkreis Teltow-Fläming, wo der Verein Achor e.V. auf einem denkmalgeschützten Dreiseitenhof eine Begegnungsstätte und einen sogenannten Ort kirchlichen Lebens betreibt. Ein sehr inspirierender Besuch – so inspirierend, dass ich dazu einen eigenständigen Artikel verfasst habe, der bereits gestern auf Patreon veröffentlicht worden ist, mit der üblichen Verzögerung aber auch hier erscheinen soll. 

Am Dienstag fand das Vorbereitungstreffen für den anstehenden Kinderwortgottesdienst statt, das ich unter der Rubrik "Schwarzer Gürtel in KiWoGo" zu schildern gedenke. Am Mittwoch gelang es mir mit einiger Mühe, die Kinder früh genug wach zu kriegen, um rechtzeitig zum üblichen Mittwochsprogramm aufzubrechen. Die Messe in St. Marien Maternitas hielt der leitende Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd; zum Einzug ließ er "Wohl denen, die da wandeln" (GL 543) singen und erzählte anschließend erst mal ein paar Witze. Genauer gesagt handelte es sich um scherzhafte Bemerkungen zu den Titeln populärer Gemeindelieder: So gelte "Sag ja zu mir, wenn alles nein sagt" unter pastoralen Mitarbeitern als "das Lied der Gemeindereferentinnen" – "wenn die mal wieder jemanden suchen, der einen ehrenamtlichen Dienst in der Gemeinde übernehmen sollen"; das "Lied der Priester" sei hingegen eben das zuvor gesungene "Wohl denen, die da wandeln". – "Und das" – nämlich wandeln – "mache ich jetzt seit 31 Jahren", fügte der Pfarrer hinzu. Was sich hinter dieser Andeutung verbarg, war der Umstand, dass der Pfarrer an diesem Tag sein 31jähriges Primizjubiläum feierte; und dass das eine reichlich krumme Jahreszahl war, hielt ihn nicht davon ab, beim Gemeindefrühstück nach der Messe eine Runde Sekt zu spendieren. – Wohl wegen dieses Jubiläums waren auch zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Gemeindeteils St. Joseph Tegel anwesend, die man normalerweise nicht in der Werktagsmesse in Heiligensee antrifft: die schon mehrfach erwähnte pensionierte Gemeindereferentin und die Blumenfrau, die mein Jüngster und ich in letzter Zeit ein paarmal getroffen haben. Die Letztere saß in der Messe hinter uns, und unter anderem deshalb fand ich es recht lustig, dass mein Jüngster, als er beim Blättern im in den Kirchenbänken ausgelegten Pfarrbrief ein Foto der Kirche St. Joseph entdeckte, laut und freudig ausrief: "Da gehen wir doch immer beten mit Musik!" 

Das taten wir diese Woche übrigens auch wieder, allerdings kamen wir erst am Donnerstag nach dem Mittagsschlaf des Knaben dazu und mussten die Andacht etwas kürzer halten, da wir direkt im Anschluss die Große von der Schule abholen mussten. Am Freitag waren wir dann wieder bei der Eltern-Kind-Gruppe in der Gemeinde auf dem Weg – bzw. "auf dem Rumpelberg", wie der Jüngste mit Vorliebe sagt. Irgendwann werde ich über diese Gruppe mal mehr und Genaueres schreiben müssen; aber nicht diese Woche... 


Was ansteht 

Heute ist das Hochfest Peter und Paul, gleichzeitig aber auch Baumfest in Panketal; und wenn alles läuft wie geplant, sind wir gerade dort, wenn dieser Artikel online geht. Ob wir im Anschluss noch zum Community Dinner im Baumhaus fahren, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Morgen, am 13. Sonntag im Jahreskreis, findet dann in St. Joseph Siemensstadt der letzte Kinderwortgottesdienst der Saison statt, und außerdem hat meine Liebste Geburtstag. Wozu ich anmerken möchte, dass auch sie sich über neue Abonnenten unserer gemeinsamen Patreon-Seite "Mittwochsklub" freuen würde – ab 5 Euro im Monat könnt Ihr dabei sein! 

Die erste Juliwoche ist – der volkstümlichen Weisheit zum Trotz, derzufolge "nach Peter und Paul [...] die Pfarrer faul" werden – im Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet gespickt mit liturgisch signifikanten Daten: Am 2. ist das Fest Mariä Heimsuchung, am 3. das Fest des Apostels Thomas und dann an jedem weiteren Tag der Woche mindestens ein (nicht-gebotener) Heiligengedenktag. Was an diesen Tagen sonst noch so los sein wird, ist größtenteils noch ungewiss; aber am Freitag, dem Gedenktag des Hl. Antonius Maria Zaccaria, feiert die Schule, an der unser Tochterkind demnächst das erste Schuljahr abgeschlossen haben wird, ein Schulfest, und am nächsten Samstag, dem Gedenktag der Hl. Maria Goretti, steht das letzte Wichtelgruppentreffen der Saison an – ein Umstand, der nun sehr passend dazu überleitet, dass ich ein paar Überlegungen dazu anstellen möchte, wie es nach den Sommerferien mit der Wichtelgruppe weitergehen kann und sollte. 

Symbolbild: Quo vadis, Wichtel?


Aus meinem Wichtelbuch 

Man könnte vielleicht der Meinung sein, für eine Bilanz der Wichtel-Saison sei es noch zu früh, da ja schließlich noch ein Termin für ein Gruppentreffen bevorsteht; ich denke jedoch, es liegt schon jetzt auf der Hand, dass es meinen Teamkolleginnen und mir im Laufe eines vollen Jahres nicht gelungen ist, die Wichtelgruppe richtig zum Laufen zu bringen. Nun wäre es möglicherweise eine naheliegende Konsequenz, zu sagen: Dann lassen wir's eben. Dass man sich Misserfolge erlauben und eingestehen soll, sich nicht an Projekten festklammern, die nicht funktionieren, sondern lieber etwas anderes machen, steht sogar in der Benedikt-Option. Dann wäre aber immer noch zu fragen, was dieses Andere denn sein sollte oder könnte (mal abgesehen von dem Projekt "Kinder-Lobpreis-Disco", für das ich allerdings keinen besonders großen Rückhalt in der Gemeinde sehe. Wobei das mit dem Rückhalt in der Gemeinde sowieso ein Problem ist, aber darauf komme ich noch). 

Fangen wir vielleicht zunächst damit an, warum es schade wäre, die Wichtelgruppe nach der Sommerpause nicht weiterzuführen. Und da muss ich ehrlicherweise erst einmal von meinem Eigeninteresse ausgehen und sagen: Es ist mir für meine eigenen Kinder wichtig, dass es ein regelmäßiges Freizeitangebot für sie gibt, das mit der Kirche verknüpft ist und inhaltlich auch einen gewissen Anteil Glaubensvermittlung umfasst. Nun könnte man sagen, für den letzteren Aspekt gehen wir ja einmal in der Woche zum JAM; aber da fehlt eben der Aspekt der Anbindung an die Kirche, bzw. es ist eben an eine andere Kirche angebunden. Ich halte es für unschwer einsichtig, dass es eine wichtige Funktion kirchlicher Kinder- und Jugendgruppen ist, den Kindern einen Kontakt zu Gleichaltrigen zu vermitteln, die auch in der Kirche sind. Wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass unter seinen gleichaltrigen Freunden und Bekannten alle diejenigen, die überhaupt irgendwie religiös interessiert sind, einer anderen Glaubensrichtung angehören als die eigene Familie, kann das durchaus problematische Auswirkungen haben. 

Bis hierhin sind das natürlich alles lediglich Argumente dafür, überhaupt eine kirchliche Kindergruppe zu betreiben; das müsste nun nicht zwingend die Wichtelgruppe sein. Kommen wir also mal dazu, was das Spezifische an der Wichtelgruppe ist – und das lässt sich eigentlich ganz schlicht auf den Punkt bringen: Die Wichtelgruppe ist von ihrer Grundidee her darauf ausgerichtet, Kinder dafür zu interessieren und darauf vorzubereiten, später bei den Pfadfindern einzutreten (und zwar möglichst nicht bei den "woken" DPSG-Pfadfindern, aber lassen wir das vorerst mal beiseite – das ist ein Thema für sich). Und auch wenn ich – wie ich ja vor gut einem Jahr schon einmal ausgeführt habe – mit bestimmten einigermaßen paramilitärisch anmutenden Stilelementen des Pfadfinderwesens durchaus fremdle, finde ich doch die natur- und erlebnispädagogischen Aspekte der Pfadfinderarbeit ausgesprochen prima und kann mir gerade auch bei meinen eigenen Kindern sehr gut vorstellen, dass das etwas für sie wäre. In etwas mehr als einem Jahr wäre meine Tochter alt genug, um Wölfling zu werden, und sie hat auch Interesse daran; allerdings befürchte ich, dass dieses Interesse erlahmen könnte, wenn es nicht durch die Wichtelgruppe wachgehalten wird. 

Derweil muss man feststellen, dass die Pfadfinder – die verbandsunabhängigen Katholischen Pfadfinder Haselhorst nicht weniger als die DPSG-Stämme in den anderen Gemeindeteilen – auch Probleme haben, ihre Leute zu binden und zu halten. Auch da fallen mal Gruppentreffen mangels Beteiligung aus. Zum Teil wirkt sich da die Konkurrenz der Sportvereine aus, zum Teil haben die Pfadfinder, wenn sie im Teenageralter ankommen, auch einfach pubertätstypisch "kein' Bock mehr". Man hört auch immer wieder, dass es heute insgesamt, unabhängig von der inhaltlichen Gestaltung, schwierig sei, eine Kinder- oder Jugendgruppe aufzubauen und aufrecht zu erhalten, weil die Kinder und Jugendlichen die ganze Woche so eingespannt in schulische und außerschulische Aktivitäten sind, dass sie froh sind, auch mal nichts zu tun zu haben. 

Gleichwohl kann man natürlich sagen, die Nachwuchsprobleme der Pfadfinder sind gerade ein Argument dafür, dass die Wichtelgruppe eine wichtige Aufgabe hat: nämlich das Interesse an der Pfadfinderarbeit frühzeitig zu wecken und zu erhalten. In jedem Fall bleibt unter dem Strich festzuhalten: Wenn wir wollen, dass die Wichtelgruppe weiterläuft, müssen wir uns überlegen, was man dafür tun kann, dass sie in Zukunft besser läuft. – 

Dazu möchte ich zunächst keineswegs in Abrede stellen, dass ich selbst mehr dafür hätte tun können und sollen, dass die Gruppe besser läuft. Es wäre sicherlich ratsam gewesen, die einzelnen Gruppenstunden gründlicher vorzubereiten, stärker konzeptionell zu arbeiten, was mir doch eigentlich liegt. Und auch um die Werbung hätte ich mich wohl in einem größeren Maß persönlich kümmern sollen. Aber immerhin mache ich das Ganze nur ehrenamtlich und habe auch noch andere Dinge zu tun. Ich gebe zu, dass unter all den Dingen, die ich im Laufe des letzten Jahres so unternommen habe, die Wichtelgruppe nicht sehr weit oben auf meiner Prioritätenliste stand, aber das lag eben auch daran, dass die Gesamtsituation nicht sehr motivierend war. 

Das geht schon mit der Situation im Team los. Von der Papierform her war es ursprünglich eigentlich so gedacht, dass eine Teamkollegin, die ich daher gewohnheitsmäßig als "meine Co-Leiterin" zu bezeichnen pflege, und ich die Gruppe gleichrangig und gleichberechtigt leiten sollten; praktisch zeigte sich aber schnell, dass die eigentliche Leitungsverantwortung an mir allein hängen blieb (womit ich der Kollegin indes nicht das Verdienst schmälern will, dass sie inhaltlich immer wieder gute Impulse einbringt, Bastelmaterialien beschafft, sehr viel besser Gitarre spielen kann als ich und auch sehr schön singt). Ein eher inoffizielles Teammitglied ist meine Liebste; Aussichten auf weitere Verstärkung in der Leitung gab es im Laufe des zurückliegenden Jahres mehrmals, aber aus unterschiedlichen Gründen wurde da dann jeweils doch nichts draus, mit einer Ausnahme: Eine Mutter von drei Kindern, die auch im KiWoGo-Arbeitskreis mitmacht, kam mit ihrer jüngsten Tochter recht regelmäßig zur Wichtelgruppe und fing bald auch an, Leitungsaufgaben mitzuübernehmen. Diese Kollegin hat allerdings kürzlich angekündigt dafür in Zukunft nicht mehr zur Verfügung zu stehen – zum Teil aus Zeitgründen und wegen allzu vieler anderer, insbesondere familiärer Verpflichtungen, zum Teil aber auch infolge einer gewissen Unzufriedenheit damit, wie die Gruppe sich entwickelt bzw. nicht entwickelt. Beides kann ich ihr absolut nicht verübeln. 

Und dann wäre da der bereits angesprochene heikle Punkt des Rückhalts in der Gemeinde. Wie langjährige Leser wissen werden, bin ich ziemlich nachhaltig geprägt durch die Erfahrungen in der Tegeler Gemeinde, wo das höchste Maß an Unterstützung seitens der Pfarreileitung, das man erwarten durfte, darin bestand, kostenlos einen Raum für eine monatliche Veranstaltung zur Verfügung gestellt zu bekommen und ansonsten in Ruhe gelassen zu werden; teils unterschwellig,  teils bemerkenswert offen wurde meiner Liebsten und mir vermittelt, im Grunde müssten wir dankbar sein, dass die Pfarrei unser Engagement toleriert. Das ist, das kann man gar nicht deutlich genug betonen, in St. Joseph Siemensstadt/St. Stephanus Haselhorst entschieden anders; schon weil es hier einen Gemeindereferenten gibt, der unser Engagement aktiv fördert, aber das ist nicht der einzige Grund – ich würde auch das Klima in der Gemeinde insgesamt als deutlich "engagementfreundlicher" bezeichnen. Dennoch sehe ich da, gerade was die Wichtelgruppe angeht, noch deutlich Luft nach oben. Um's mal auf den Punkt zu bringen: Ich bin nicht gänzlich überzeugt davon, dass es den Verantwortlichen der Gemeinde St. Joseph/St. Stephanus in der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland wirklich ein Herzensanliegen ist, eine Gruppe für Kinder im Vorschulalter zu haben (ob als Wichtelgruppe oder mit einem anderen Konzept); oder ob sie sich nicht vielleicht denken "Wir haben schließlich eine KiTa, was will man mehr?" und die Wichtelgruppe daher eher als eine Privatinitiative ansehen, die die beteiligten Eltern im Wesentlichen für sich selbst bzw. ihre Kinder betreiben. Man mag hier einwenden "Ja, aber faktisch ist sie doch genau das"; worauf ich erwidern möchte: Ja eben – und wenn man der Meinung ist, das sei richtig so und solle so sein, dann ist es auch kein Wunder, wenn nichts Anderes daraus wird. Zum Beispiel, weil dann nicht konsequent und gezielt dafür geworben wird. 

(Ganz allgemein gesprochen habe ich den Eindruck, es ist "bei Kirchens" ziemlich weit verbreitet, Gemeindekreise und -gruppen als etwas anzusehen, was die jeweiligen Aktiven im Wesentlichen für sich selber machen, oder zumindest wird erwartet, dass sie ihre Zielgruppe selbst mitbringen. Diese Einstellung betrachte ich als eine wesentliche Ursache dafür, dass Pfarrgemeinden nicht missionarisch sind.) 

Nun gut: Halten wir einstweilen fest, dass es mehr als genug Stoff zum Nachdenken darüber gibt, was man dafür tun kann, dass die Wichtelgruppe nach der Sommerpause einen neuen und besseren Anlauf hinkriegt. Ich schätze, anfangen sollte man damit, genauer ins Auge zu fassen, was für eine Zielgruppe wir erreichen wollen, und daraus dann Konsequenzen etwa in Hinblick darauf zu ziehen, wie wir für dieses Gruppenangebot werben und wie wir die Termine für die Gruppentreffen ansetzen (wie oft, wie lange, an welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit). Ein paar Einzelideen hätte ich dazu schon, aber ich denke, nachdem ich mich hier so lange in Grundsatzfragen vertieft habe, nehme ich die konkreten Handlungsperspektiven lieber mit in die nächste Woche. Je nachdem, ob das letzte Gruppentreffen der Saison stattfindet oder auch wieder ausfällt, gibt es dann vielleicht schon ein paar neue Impulse. 


Predigtnotizen 

Wie bereits erwähnt, war das Evangelium des vergangenen Sonntags die Stillung des Sturms auf dem See Genezareth (Mk 4,35-41); und "Pater Brody" legte besonderen Wert darauf, diese Perikope in den erzählerischen Kontext des Markusevangeliums einzuordnen. So sagt Jesus in V. 35 – nachdem Er zuvor am Ufer des Sees gepredigt und Gleichnisse erzählt hat – zu Seinen Jüngern: "Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren." Was aber befindet sich eigentlich am anderen Ufer? Pater Brody verriet es: die Dekapolis, ein Gebiet, das von Heiden bewohnt wird. (Nicht umsonst stoßen Jesus und die Jünger dort in Kap. 5 prompt auf eine Schweineherde; das wäre ihnen auf jüdischem Territorium wohl nicht passiert, schließlich sind Schweine für die Juden unreine Tiere.) Vor diesem Hintergrund setzte der Prediger die Angst der Jünger vor dem Sturm (im Kontrast zu Jesus, der so entspannt ist, dass er sogar im Sturm schläft) in Beziehung zu ihrer Furcht davor, sich durch den Kontakt mit den Heiden zu verunreinigen – was mit Blick auf die kultischen Reinheitsvorschriften im damaligen Judentum eine durchaus ernstzunehmende Befürchtung war. 

"Nun war Jesus, dem Juden, dieser Gedanke offensichtlich ganz egal. Er sagt: Wir gehen auf die andere Seite. Wir lassen das, was wir gewohnt sind und was wir 'immer so gemacht haben', hinter uns." 

Man kann zwar bemängeln, der manifeste Inhalt der Perikope – nämlich, dass Jesus einer ist, dem "sogar der Wind und das Meer gehorchen" (V. 41) – komme in dieser Auslegung ein bisschen kurz; gleichwohl ist schon etwas dran an der Feststellung, dass Jesus derjenige ist, der die Dinge anders macht, als die Leut' es gewohnt sind, und dasselbe auch von Seinen Jüngern erwartet (vgl. "Werft das Netz an der anderen Seite aus", Joh 21,6). Und das ist auch eine durchaus wichtige "Take-Home-Message", nicht zuletzt wegen des in vielen Pfarrgemeinden verbreiteten Hangs zu einer "Das haben wir schon immer so gemacht"-Haltung und zu Berührungsängsten gegenüber allem Ungewohnten. Indes wird das Narrativ vom "unkonventionellen" Jesus, der alles anders macht, sich über Regeln und Traditionen hinwegsetzt und damit bei den religiösen Autoritäten Seiner Zeit aneckt, von liberalen und progressiven Predigern gern dazu genutzt, Tradition und Autorität in der Kirche insgesamt ins Zwielicht zu rücken und letztlich, wenigstens unterschwellig, die gesamte überlieferte Glaubenslehre und -praxis der Kirche zur Disposition zu stellen. Und da wird's dann absurd. Jesus ist "nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen" (vgl. Mt 5,17); und Er hat die Vollmacht dazu, weil Er Gottes Sohn ist: "Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat" (Mk 2,28); Er kann sich über Regeln und Vorschriften, die dadurch, dass sie auf kleinliche Weise verabsolutiert werden, in Widerspruch zu ihrem eigentlichen Sinn und Zweck geraten sind, ebenso hinwegsetzen, wie Er übers Wasser gehen und den Sturm stillen kann. Das heißt aber nicht, dass jeder Hansel in der Kirche alles auf den Kopf stellen kann und darf, weil er sich von einem Geist dazu getrieben wähnt, der, wenn man genauer hinsieht, wohl eher nicht von Gott kommt. 

Man sieht, diese Predigt enthielt einige interessante Denkanstöße, die man in durchaus unterschiedlicher Weise weiterentwickeln könnte, je nachdem, ob man sie auf den Synodalen Weg beziehen oder aber die Frage "Was muss sich in der Kirche ändern?" eher im Sinne Mutter Teresas mit "Sie und ich!" beantworten möchte. Pater Brody indes machte weder in die eine noch in die andere Richtung sonderlich viel aus diesen Ansätzen, sondern ließ mehr oder weniger alles in der Schwebe. Letztendlich war dies eine jener Predigten, die als Tiger abspringen und dann doch als Bettvorleger landen; aber vielleicht sollte man damit ganz zufrieden sein und sich sagen: Es hätte schlimmer kommen können. 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo 

Der am morgigen Sonntag anstehende Kinderwortgottesdienst in St. Joseph Siemensstadt zeichnet sich dadurch aus, dass es der letzte vor der Sommerpause ist; das heißt, ich habe demnächst meine erste Saison als KiWoGo-Mitarbeiter hinter mich gebracht, erfolgreich, darf ich wohl sagen. Eine weitere Besonderheit dieses KiWoGo ist es, dass eine Teamkollegin und ich ihn ohne Mitwirkung oder auch nur Aufsicht eines hauptamtlichen Mitarbeiters konzipiert und vorbereitet haben, da der Gemeindereferent gerade in Urlaub ist. Bei der Teamkollegin handelt es sich um dieselbe, die bisher auch bei der Wichtelgruppe mitgearbeitet hat, aber angekündigt hat, dafür zukünftig und bis auf Weiteres nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Im KiWoGo-Team macht sie aber weiter mit, und darüber bin ich sehr froh. 

Zu dem Zweck, gemeinsam ein Konzept für den letzten Kinderwortgottesdienst der Saison auszuhecken, hatten wir uns für Dienstag um 18 Uhr in St. Stephanus verabredet. Da im dortigen Gemeindehaus gleichzeitig – oder richtiger gesagt: leicht zeitversetzt – die Trommelgruppe probte und ein Gruppentreffen der Neokatechumenalen Gemeinschaft stattfand, nahmen wir uns kurzerhand zwei Stühle aus einem der Kellerräume und setzten uns in den Garten. 

Das Evangelium des kommenden Sonntags ist Markus 5,21-43 – die Auferweckung der Tochter des Jaïrus und die Heilung der blutflüssigen Frau. Wir einigten uns recht schnell darauf, die Heilung der blutflüssigen Frau wegzulassen: Um mit Kindern über Menstruation zu reden, ist ein Kinderwortgottesdienst nicht unbedingt der ideale Rahmen. Ich konnte meine Teamkollegin auch ohne große Mühe von meiner Idee überzeugen, die Auferweckung der Tochter des Jaïrus als Rollenspiel zu gestalten; hinsichtlich der Auslegung der Perikope war hingegen erst mal Brainstorming angesagt. Ich werde nächste Woche berichten, welche von den Ideen, die wir im Laufe dieses Vorbereitungsgesprächs gehabt haben, wir tatsächlich verwendet haben und wie das gelaufen ist; ein paar zentrale Gedanken möchte ich hier aber schon mal festhalten: 

  • Auch wenn nach menschlichem Ermessen schon alles zu spät zu sein scheint, kann Gott immer noch helfen. 
  • Woran erkennt man ein Wunder? Ist ein Wunder zwingend etwas Spektakuläres, Außergewöhnliches, ja sogar etwas, was man normalerweise für unmöglich halten würde – oder kann auch ein ganz "gewöhnliches", unauffälliges Ereignis ein Wunder sein, insofern, als Gott sich darin offenbart? (Hierzu wären Beispiele aus dem eigenen Erfahrungsbereich wünschenswert.) 

Auch über die Planung für den anstehenden KiWoGo hinaus war unser Gespräch ausgesprochen ertragreich und anregend. Erwähnen möchte ich noch, dass meine Teamkollegin einige Fragen zum JAM an mich richtete – da ich bei früheren Gelegenheiten schon ein paarmal erwähnt hatte, dass ich da mit meinen Kindern regelmäßig hingehe. Nun wollte sie wissen, wie da der Ablauf sei, wie lange das gehe und wie viele Kinder da so im Durchschnitt kämen; und je mehr ich davon erzählte, desto größer wurden ihre Augen. "Und wieso funktioniert das bei denen?", fragte sie schließlich – worauf ich spontan und ohne nachzudenken antwortete: "Ich glaube, die beten einfach mehr." 

Als ich dann noch ausführte, dass in der EFG The Rock Christuskirche in den ersten zwei Wochen des Jahres annähernd alle Gemeindeveranstaltungen ausfallen, weil die Mitarbeiter in dieser Zeit auf einem Gebets-"Retreat" sind, meinte die Kollegin, so etwas könnten oder sollten wir vielleicht auch mal machen – zwar nicht unbedingt zwei Wochen lang, aber vielleicht an einem Wochenende oder so. Ich wäre natürlich dafür. Na, übernächste Woche ist Saison-Abschlussessen mit dem KiWoGo-Team (Pizza essen auf Kosten des Kirchensteuerzahlers, harr harr!), da kann man das ja mal ansprechen... 

Auf das JAM-Programm vom Mittwoch der zurückliegenden Woche möchte ich übrigens auch noch kurz eingehen, denn da wurde die Geschichte von Paulus zu Ende erzählt. Oder jedenfalls so "zu Ende", wie es unter den Bedingungen von "sola scriptura" eben geht – denn bekanntlich bricht die Apostelgeschichte des Lukas ab, ehe Paulus in Rom vor Gericht gestellt wird. Und da es für eine evangelisch-freikirchliche Gemeinde wohl nicht in Frage kommt, sich auf außerbiblische Überlieferungen zu berufen, konnten die JAM-Mitarbeiter sich nur auf Passagen aus den Briefen des Paulus stützen, aus denen hervorgeht, dass er damit rechnete, zum Tode verurteilt zu werden. Tja, schade: In einem katholischen Pendant zu diesem katechetischen Format hätten die Kinder erfahren können, dass Paulus unter der Herrschaft von Kaiser Nero mit dem Schwert hingerichtet wurde und dass über seinem Grab die Basilika St. Paul vor den Mauern errichtet wurde. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Wir müssen im Gedächtnis behalten, dass der Tempel in vieler Hinsicht ein Sinnbild ist. Er bedeutet jede auserwählte Seele, die ein Haus und Tempel des Heiligen Geistes Christi ist, weil der Geist Christi in ihr wohnt. Der Tempel bedeutet auch die ganze Kirche, das heißt, die Versammlung aller Auserwählten, der Engel wie der Menschen. Er ist zudem auch ein Bild für den Leib des Herrn selbst, der aus der Jungfrau geboren wurde, ohne Sünde in der Welt lebte, von den Gottlosen getötet wurde, aber aus eigener Kraft am dritten Tag von den Toten erstand. Wie schon öfter gesagt wurde, bedeutet der Wiederaufbau des Tempels nach der Gefangenschaft auch die Besserung des Menschen, der eben erst den Weg der Wahrheit betreten hat und schon durch die Sünde in die Irre gegangen ist. Sehr richtig ist, dass ein solcher Tempel von den Priestern, Leviten und den anderen Heimkehrern in Freuden geweiht wird. Denn wenn sich die Sünder bessern, herrscht im Himmel große Freude bei den Engeln Gottes (vgl. Lk 15,10), bei den Lehrern, die für das Heil der Verirrten gearbeitet haben, und bei allen, die aus Babylon, das heißt aus der Verwirrung und der Sünde, mit Herz und Tat zur Hochburg der Tugend, zum Land der Verheißung gelangten.

(Beda Venerabilis, Auslegung zu den Büchern Esra und Nehemia) 


Ohrwurm der Woche 

Ataris: The Boys of Summer 


Manch ein Leser hätte hier vermutlich dem Original von Eagles-Frontmann Don Henley den Vorzug gegeben, und dafür habe ich auch volles Verständnis; aber ich muss gestehen, dass die knapp 20 Jahre jüngere Punk-Coverversion der Ataris meinem Herzen doch ein Stückchen näher steht. Ich möchte übrigens behaupten, dass es sich um eine Coverversion handelt, aus der nicht nur Respekt vor dem Original spricht, sondern sogar Liebe zum Original; was diese Version der Vorlage hinzufügt, ist in erster Linie eine Extraportion "Wumms" – und auch beim Tempo wird eine Schippe draufgelegt, wodurch die Ataris-Version um rund 40 Sekunden kürzer ist als das Original. 

Was "The Boys of Summer" zu einem unsterblichen Klassiker macht, ist übrigens nicht zuletzt der Text. Wer Lust hat, der möge mal den ersten Vers der dritten und letzten Strophe – "Out on the road today, I saw a Deadhead sticker on a Cadillac" – bei Google eingeben und staunen, was für tiefgründige Interpretationen man da allein zu diesem einen Vers findet. In der Version der Ataris ist der "Deadhead sticker" übrigens durchaus kongenial durch einen "Black Flag sticker" ersetzt worden.