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Montag, 29. November 2021

Spandau oder Portugal #1 (1. Woche im Advent)

"Ist es dazu gekommen, dass wir nach Afrika reisen?", fragte unsere vierjährige Tochter neulich aus heiterem Himmel, und das fand ich schon von der Formulierung her ganz entzückend; aber die Antwort lautet trotzdem Nein, bis auf Weiteres jedenfalls. Was wir zu dem Zeitpunkt, als Bernadette diese Frage aufwarf, tatsächlich vorhatten, war, für ein paar Tage nach Altötting zu reisen, und das ist ja, von Berlin aus gesehen, fast schon Afrika; aber auch dazu ist es nicht gekommen. Na, erst mal der Reihe nach: 

Option Spandau (im engeren Sinne): Im Prinzip lag es auf der Hand, dass wir, um unsere Fühler in Richtung Spandau auszustrecken, erst mal dort zur Messe gehen sollten. Die erste Gelegenheit dazu wäre eigentlich am 32. Sonntag im Jahreskreis, dem 7. November, gewesen, aber da unsere Große am Tag zuvor ziemlich erkältet gewesen war, hielten wir es doch für besser, zu Hause zu bleiben. Am Sonntag darauf schafften wir es aber -- und zwar gingen wir nach Hakenfelde in die St.-Lambertus-Kirche, eigentlich "nur" ein "Gemeindezentrum mit Sakralraum" (ich habe schon mal was darüber geschrieben). Ich war ein bisschen angespannt, da ich die Befürchtung hatte, der Trip nach Hakenfelde werde uns lediglich demonstrieren, dass es woanders auch nicht besser sei als in unserer bisherigen Gemeinde. Diese Sorge erwies sich vom ersten Moment an als unbegründet. Die Frau am Einlass begrüßte uns freundlich, erkannte natürlich gleich, dass wir nicht zum festen "Stamm" der Gemeinde gehörten, und bot uns ein Exemplar des aktuellen Pfarrbriefs an; am Eingang zum Gottesdienstraum gab es nicht nur einen Handdesinfektionsmittel-, sondern auch einen (kontaktlosen) Weihwasserspender; von der Gemeinde ernteten wir, und besonders unsere Kinder, freundliche Blicke, und die Messfeier selbst war, von den drei Messdienern (zwei davon Mädchen) über Inhalt und Vortrag der Predigt bis hin zum feierlichen Ernst des Zelebranten beim Eucharistischen Hochgebet eine ganz andere Liga als das, was wir aus unserer Wohnortpfarrei gewohnt sind. 

Im Prinzip wären wir daher am nächsten Sonntag - Christkönig - gleich wieder dorthin gegangen, aber da unsere Große einen Erkältungs-Rückfall hatte und ich selbst mich gesundheitlich ebenfalls etwas angeschlagen fühlte, klappte es doch nicht. Was natürlich umso bedauerlicher war, als es bis auf Weiteres der letzte Sonntag ohne "2G"-Regel in den Kirchen war. In der Kirche "Maria, Hilfe der Christen" am Rande der Spandauer Altstadt war am Nachmittag des Christkönigssonntags Eucharistische Anbetung und Vesper, da wäre ich eigentlich auch gern hingegangen, aber auch das klappte leider nicht. 

Natürlich gibt es in Spandau noch mehr Kirchen, aber mein Hauptinteresse im Rahmen der "Option Spandau" gilt zum gegenwärtigen Zeitpunkt doch dem Gemeindezentrum in Hakenfelde. Das Gebäude sieht zwar, wie Rod Dreher sagen würde, ein bisschen aus wie "Unsere Liebe Frau von der Pizza Hut", aber irgendwie hat es was -- und es würde mich doch sehr interessieren,  was es da außer dem Gottesdienstraum noch so an Räumlichkeiten gibt. Ein großes Gartengelände gibt es obendrein. Ich könnte mir vorstellen, dass man da so allerlei Aktivitäten entfalten könnte -- wenn auch vielleicht erst im nächsten Frühjahr, wenn die Coronavirus-Saison vorbei ist. 

Ganz im Westen des Bezirks Spandau liegt der Ortsteil Staaken, und dort wurde Ende Januar die evangelische Zuversichtskirche - ein mit Ziegeln verblendeter Stahlbeton-Skelettbau aus dem Jahr 1966 - entwidmet. Wie bei vielen Betonkirchen aus den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die Bausubstanz marode, aber das ist wohl nicht der einzige Grund für den Beschluss, die Kirche abzureißen: "Auf dem Grundstück soll in den kommenden drei Jahren das neue Zentrum des Quartiers rund um die Louise-Schroeder-Siedlung entstehen", erfährt man im Tagesspiegel - "mit Kita (90 Plätze), Saal für 150 Leute, Andachtsraum und Stadtteil-Café." Pfarrer Cord Hasselblatt wird mit der Aussage zitiert: "Auch wenn diese Veränderung Trauer auslöst, so ist sie doch auch Zeichen für die Lebendigkeit unserer Gemeinde." Na sicher. "Vermutlich im Sommer 2021", so hieß es im Januar, solle "der Rückbau des bisherigen Ensembles beginnen und im Frühjahr 2022 der erste Spatenstich für den Neubau stattfinden". Darüber, wie weit die Arbeiten inzwischen tatsächlich sind, bin ich nicht auf dem neuesten Stand, zumal neuere Artikel des Tagesspiegels zu diesem Thema durchweg hinter der Bezahlschranke liegen. Aber ich werde mal versuchen, die Sache im Auge zu behalten. Die Kirchenglocken, so hört man, sollen in Tansania eine neue Heimat finden; und wie man auf der Website der ev. Kirchengemeinde Staaken erfahren kann, soll ein "Re-Use des Naturstein-Fußbodens in der Zuversichtskirche"  sogar "das Leben indischer Kindersklaven verbessern". Wie das? "In Kirche, Foyer und Sakristei am Brunsbütteler Damm sind auf 320 qm Naturstein aus Bayern verlegt. [...] Dieser ist für den Wiedereinbau im Neubau vorgesehen. Durch diese Maßnahme können wir einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und gleichzeitig verhindern, dass in unserem Neubau - ggfs. sogar unwissentlich - Bodenbelag verbaut wird, der mit Kinderarbeit geschlagen wurde. Wie es leider viel zu häufig der Fall ist." Kannste dir nicht ausdenken. 

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(im erweiterten Sinne) Wie vorige Woche bereits angedeutet, muss sich die "Option Spandau" aber ja nicht zwingend in Spandau abspielen, oder zumindest nicht ausschließlich dort. Und auch wenn es, gerade nach den oben geschilderten ersten Eindrücken, in mehr als einem Sinne naheliegend erscheint, bis auf Weiteres (und soweit die Coronaregeln es erlauben) in Spandau, und zwar vorzugsweise in diesem Gemeindezentrum in Hakenfelde, zur Messe und zu Anbetung zu gehen, und es sicherlich wünschenswert wäre, auch unsere diversen Laienapostolats-Initiativen zumindest zum Teil dorthin zu verlegen, gibt es für Letzteres durchaus auch noch andere denkbare Anlaufstellen in Wohnortnähe. Sofern es "nur" - oder jedenfalls vorrangig - darum geht, einen Raum zur Verfügung gestellt zu bekommen, in dem wir beispielsweise den Krabbelbrunch bzw. kindergartenfrei-Spieltreff und/oder evtl. auch das Büchereiprojekt weiterführen könnten, bin ich durchaus gewillt, auch mal bei anderen christlichen Konfessionen anzuklopfen, von denen es allein in Tegel eine ganze Reihe gibt. Okay, zu den Adventisten würde ich nicht gehen - irgendwo gibt es ja doch Grenzen -, aber ganz in der Nähe gibt es auch noch eine neuapostolische und etwas weiter weg eine methodistische Gemeinde, und nicht zuletzt hat auch die (zur EKBO gehörende) Evangelische Kirchengemeinde Tegel-Borsigwalde ohne Zweifel mehr Räumlichkeiten als Leute, die diese nutzen wollen. Und zu guter Letzt gibt es in Borsigwalde noch die - ich sag' mal - "afro-charismatische" Akebulan-Gemeinde. Auf die bin ich ehrlich gesagt am neugierigsten. Wie dem auch sei, ich denke, dass von all diesen Gemeinden in den kommenden Wochen noch verschiedentlich die Rede sein wird. 

Auch da ist aber natürlich zu bedenken, dass es schwierig werden dürfte, mitten in der Coronasaison neue Initiativen zu starten. Schon vor der jüngsten Maßnahmenverschärfungswelle hatte ich mich mal auf den Websites der genannten Gemeinden umgesehen um festgestellt, dass die Corona-Regeln überall unterschiedlich sind, aber - womit ich nicht gerechnet hätte - anscheinend gerade bei den kleineren Konfessionen (sprich: Freikirchen) tendenziell strenger als (bis dahin) in den "Großkirchen". Wie mag das kommen? Ist man dort besorgter um die Mitgliederbasis, oder liegt es eher daran, dass im Verhältnis zur Größe der Räume mehr Leute zum Gottesdienst kommen und es deshalb schwieriger ist, Abstand zu halten? Wie auch immer, irgendwie hätte ich gerade den Freikirchen mehr Gottvertrauen zugetraut. 

Ein Indiz dafür, dass an der letzteren Einschätzung doch was dran sein könnte, stellt diese Website dar, auf die ich via Facebook aufmerksam gemacht wurde. Unter der Überschrift "Wir bekennen uns zur freien Ausübung des Gottesdienstes - für alle Menschen" heißt es kämpferisch, aus "theologischen und gewissensbedingten Gründen" sei es "unter keinen Umständen" zu akzeptieren, "dass ein G-2-Status (geimpft, genesen) oder ein G-3-Status (geimpft, genesen, getestet) zur Bedingung für die Teilnahme an unseren Gottesdiensten gemacht wird": "Eine solche Forderung würde sowohl dem biblischen Mandat als auch der jahrtausendealten kirchengeschichtlichen Erfahrung in Notzeiten diametral widersprechen und das jedem zustehende Grundrecht auf freie Religionsausübung massiv angreifen." Eine ausführliche Erklärung mit dem Titel "Gott schließt niemanden aus – wir auch nicht!" wird als PDF-Datei zum Download angeboten. Initiator der Aktion ist laut Impressum Peter Dridiger, Gemeindeältester der Freien evangelischen Bibelgemeinde Lage; angeschlossen haben sich dem Aufruf u.a. die Elia-Gemeinde Lippe, die Gemeinde "Treffpunkt Hoffnung" Golßen, die Deutsche Gemeinde-Mission e.V., die Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e.V., die Evangelisch-Reformierten Baptisten Frankfurt, die Gemeinde "Licht und Leben" Hamburg, das Missionswerk "Voice of Hope" der Reformierten Baptistengemeinde Reichshof, die Bibelgemeinde Pforzheim, der Christliche Gemeinde-Dienst, die Lukas-Schriftenmission und die Evangeliums-Christengemeinde Heilbronn. Dass unsere öffentlich-rechtlichen Großkirchen in dieser Aufzählung mit Abwesenheit glänzen, ist durchaus erwartungsgemäß und spricht für sich; aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben: "Jede Kirche oder Gemeinde kann sich an dieser Aktion beteiligen", liest man in der Menüleiste. "Kontaktiere uns einfach und wir helfen dir weiter wie du es tun kannst." 
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Option Portugal (im engeren Sinne): Hier gibt es noch nicht viel Neues. Nein, wir haben derzeit keine konkreten Pläne für eine Auswanderung nach Portugal. Allerdings erzählte mir meine Liebste unlängst beim Frühstück, sie habe geträumt, wir würden als Selbstversorger in Portugal leben -- mit vier Kühen: "Kühe sind schließlich Herdentiere, und weniger als vier wären keine Herde." Sie habe sich allerdings, so erzählte sie weiter, schon im Traum gefragt, "was wir eigentlich mit der ganzen Milch machen, und ob ich wirklich den ganzen Tag damit beschäftigt sein will, Käse zu machen -- ich hab' schließlich auch noch was anderes zu tun." Was sie indes nicht davon anhielt, anschließend darüber zu sinnieren, dass man ja vielleicht auch Ponys halten und damit vielleicht über Reitbeteiligungen sogar Einnahmen generieren könnte. (Auf Twitter schrieb ich vor einiger Zeit mal, als Geschäftsmodell erinnerten mich Reitbeteiligungen an das Zaunstreichen bei Tom Sawyer; die Reaktionen, die ich für diesen Tweet erntete, zeigten mir, dass ziemlich viele Leute intuitiv verstanden hatten, wie ich das meinte.) 

Und dann habe ich unlängst in der Pfarrhausküche unserer bisherigen Gemeinde diesen Teller entdeckt... 

...und frage mich nun, ob das womöglich ein Zeichen sein soll. 

Wenn man sich mit dem Gedanken an Auswanderung trägt, sollte man natürlich auch und nicht zuletzt an die Kinder denken; und wer meinen Blog schon länger verfolgt, für den wird es vielleicht keine gar so große Überraschung sein, dass ich es durchaus als einen Vorteil des Lebens im Ausland ansehen würde, dass meine Kinder nicht in in Deutschland zur Schule gehen müssten. Oder überhaupt zur Schule gehen. -- Auf Unverständnis gegenüber dieser Einstellung bin ich gefasst. Obwohl die Schulpflicht in Deutschland, wie ich nicht müde werde zu erwähnen, in ihrer bis heute gültigen strikten Form von den Nazis eingeführt wurde, und obwohl ihre praktische Durchsetzung zunächst unter Fridays for Future und dann vor allem unter den Corona-Lockdowns einigermaßen gelitten hat, gilt sie immer noch weithin als eine positive Errungenschaft, und diese Auffassung wird gern untermauert durch diffamierende Vorurteile gegen Homeschooling. Seine Kinder zu Hause unterrichten, statt sie zur Schule zu schicken, das würden - wenn es denn erlaubt wäre - doch nur Flache-Erde-Kreationisten und homophobe Nazis tun, und überhaupt würden die Kinder dadurch zu sozial inkompetenten, weltfremden Waldschraten erzogen. -- Solche Vorurteile gibt es freilich nicht nur in Deutschland, sondern durchaus auch in Ländern, in denen es Homeschooling sehr wohl gibt und wo folglich die Möglichkeit besteht, diese Vorurteile empirisch zu überprüfen. Tut man das, stellt sich heraus, dass sie (...Trommelwirbel...) NICHT den Tatsachen entsprechen. Im Gegenteil. Eine neue Studie der Harvard-Universität hat ergeben, dass aus Kindern, die zu Hause unterrichtet werden, überdurchschnittlich zufriedene und sozial gut integrierte Erwachsene werden, die sich gegenüber den Absolventen öffentlicher Schulen durch eine signifikant höhere Versöhnungsbereitschaft und höhere Bereitschaft zu gemeinnützigem Engagement auszeichnen. Dass sie zudem signifikant religiöser sind, passt in gewisser Weise eher zum gängigen Klischee, und nicht jeder wird das als etwas Gutes ansehen; aber ich schon. -- Aber ist Homeschooling in Portugal überhaupt möglich bzw. erlaubt? -- Die Antwort lautet Ja
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(im erweiterten Sinne) Andererseits haben meine Liebste und mich so einige Reaktionen auf meinen Preview-Artikel erreicht, die darauf hinwiesen, dass die Option "ganz woanders hingehen" ja nicht unbedingt gleich "Portugal" bedeuten müsse. Insbesondere mit Blick auf die Idee, am Camino Portugues eine Pilgerherberge zu eröffnen, regte eine befreundete #BenOpperin aus Norddeutschland an, es müsse ja nicht unbedingt der Jakobsweg sein: Alte Pilgerwege gebe es schließlich so ziemlich überall in Europa. Und das stimmt natürlich. Der aktuellen MediZini, die unsere Tochter neulich in der Apotheke geschenkt bekommen hat, liegt ein "Wissens-Poster Leben im Mittelalter" bei, dem man u.a. entnehmen kann: 

"Pilger [...] wandern zu einem der vielen Orte, wo es Reliquien gibt. Reliquien sind zum Beispiel die angeblichen Knochen von Heiligen oder Splitter aus dem Kreuz Christi." 

In unmittelbarer Nähe unseres derzeitigen Wohnorts etwa verlief einst ein Pilgerweg zu den Wunderbluthostien von Wilsnack. Leider sind die Wunderbluthostien im Zuge der Reformation zerstört worden, weshalb Versuche, den Pilgerweg nach Wilsnack wiederzubeleben, eher wenig aussichtsreich erscheinen. 

Aber auch jenseits der Pilgerherbergen-Idee wurden so einige Ideen und Anregungen an uns herangetragen, wo wir hingehen und was wir da machen könnten, und ich empfinde es als ausgesprochen ermutigend, innerhalb von nur einer Woche schon so viel interessantes Feedback bekommen zu haben. Teilweise beinhaltete das sogar konkrete Hinweise auf geeignete Immobilien. Ja, okay, in einer solchen Diskussion fiel irgendwann der Satz "Und wo bekommen wir jetzt die 1-2 Millionen her?". Das ist, zugegeben, keine ganz so leicht zu beantwortende Frage. Aber dann wiederum denke ich mir, na ja, sooo furchtbar viel Geld ist das ja nun auch wieder nicht. Das mag komisch klingen, besonders wenn es von jemandem kommt, der noch letzte Woche laut darüber nachdachte, wie er es anstellen könne, mit seinem Blog 500 € im Monat zu verdienen (eine Frage, die nach wie vor aktuell ist). Aber wie ich vor längerer Zeit schon mal schrieb: "Trotzdem bin ich der Meinung: Wären wir erst mal so weit, dass nur noch das Geld fehlt, dann würde das Geld schon irgendwo her kommen." Oder wie Peter Maurin, der Mitbegründer der Catholic Worker-Bewegung, zu sagen pflegte: "In der Geschichte der Heiligen wurde Kapital durch Gebet aufgebracht. Gott sendet dir, was du brauchst, zu der Zeit, wenn du es brauchst. Lies einfach die Lebensgeschichten der Heiligen." 

Vor einigen Monaten war in den Linktipps meiner "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" ein paarmal von einem ambitionierten Siedlungsprojekt in Texas die Rede, wo unter dem schönen Namen "Veritatis Splendor" ein eigenes Städtchen für glaubenstreue Katholiken entstehen soll. Nun gibt es Neuigkeiten, allerdings keine guten. Die bisherige Leiterin des Projekts, Kari Beckman, ist von ihrem Posten zurückgetreten, nachdem bekannt geworden ist, dass sie eine außereheliche Affäre gehabt hat -- mit dem Leiter der Anti-Abtreibungs-Organisation "Texas Right to Life", Jim Graham, der dem Verwaltungsrat der von Beckman geleiteten Regina Caeli Academy angehörte und nun nicht mehr angehört. Sowohl Beckman als auch Graham sind verheiratet, nur eben nicht miteinander. Dass das Ganze keine gute Werbung für ein Projekt ist, das sich ausdrücklich als Refugium vor dem sittlichen Verfall der säkularen Gesellschaft präsentiert, liegt auf der Hand. Womöglich noch gravierender ist indes der Vorwurf, Beckman habe finanzielle Mittel ihrer Regina Caeli Academy für das Projekt Veritatis Splendor und/oder sogar für private Zwecke zweckentfremdet.

Der Artikel ist sehr lang, und ich habe ihn nicht zu Ende gelesen, unter anderem auch deshalb nicht, weil ich irgendwann den Eindruck gewann, dass die Verfasser in ihrem Bemühen, die Initiatoren von Veritatis Splendor in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken, eine etwas übertriebene Akribie an den Tag legen; weniger wäre da mehr gewesen, ganz zu schweigen von einem gewissen Aroma von Häme und Böswilligkeit, das das Ganze durchweht. Was das angeht, sehe ich insgesamt schon seit einiger Zeit bedenkliche Tendenzen in Simcha Fishers von mir früher sehr geschätztem Blog. Aber das ändert natürlich nichts daran, dass man Hinweise auf finanzielle und spirituelle Missbräuche in "frommen Kreisen" ausgesprochen ernst nehmen sollte. 

*

Was es sonst Neues gibt: Ein beherrschendes Thema der zurückliegenden Wochen war natürlich die Frage "Wie lassen wir unser bisheriges Engagement in der örtlichen Pfarrgemeinde geordnet auslaufen, statt einfach alles stehen und liegen zu lassen?" Diese Frage stellte sich bereits an Allerseelen -- das war ein Dienstag, da hätten wir also normalerweise Lobpreis in der Pfarrkirche gehabt, aber andererseits war eben auch Allerseelen, und da war für 18 Uhr ein Requiem angesetzt -- weshalb unsere Lobpreisandacht, die regulär um 17:30 Uhr begonnen hätte, kurzerhand aus dem Wochenplan gestrichen worden war, und zwar ohne Rücksprache mit uns. Auch ein aussagekräftiges Indiz für die Wertschätzung, die unserer Arbeit in dieser Gemeinde entgegengebracht wird bzw. wurde. Wir erwogen zunächst, die Lobpreisandacht kurzerhand nach St. Joseph oder, passend zu Allerseelen, auf einen der umliegenden Friedhöfe zu verlegen, aber letztlich erwies sich das alles als nicht praktikabel, und wir hielten die Andacht zu Hause ab. War schön und so intensiv wie schon lange nicht mehr. Tags darauf - am Gedenktag des Hl. Martin von Porres (des "anderen St. Martin", wie ich ihn in einem für die November-Ausgabe der "Lebendigen Steine" geplanten Artikel hätte nennen wollen, der nun aber wohl bis nächstes Jahr wird warten müssen) - wäre eigentlich Vesper dran gewesen, aber trotz eines Beschlusses des Lokalausschusses vom 27. August (!) stand auch dies nicht im Zelebrationsplan. Unter normalen Bedingungen hätte ich die Vesper wohl trotzdem gehalten, aber da an diesem Tag meine Schwiegermütter zu Besuch kamen und uns zum Essen einluden, verzichtete ich darauf. 

Ebenfalls an Allerseelen hatte ich übrigens per E-Mail meinen Rücktritt aus dem Pfarrgemeinderat erklärt. Abgesehen davon, dass ich später am selben Tag auf dem Kirchengrundstück flüchtig dem Pfarrer begegnete, der mir knapp mitteilte, er habe das zur Kenntnis genommen, erreichten mich vorerst keinerlei Reaktionen auf diesen Schritt. Oder doch: Nach rund zweieinhalb Tagen erhielt ich eine Mail von einem Gemeindemitglied, das bemerkenswerterweise gar nicht auf der Adressatenliste meiner Mail gestanden hatte. (Wie die Informationskanäle in dieser Gemeinde funktionieren, habe ich nach fünf Jahren immer noch nicht herausgefunden.) Jedenfalls war es eine recht wohlwollende und verständnisvolle Antwortmail: Der Verfasser teilte mir mit, er sei vor Jahren auch mal im Pfarrgemeinderat gewesen und habe sich da ebenfalls über Vieles geärgert. 

Die Lobpreisandacht am 9. November (Weihetag der Lateranbasilika) hätte ich an sich ganz gern gehalten, aber irgendwie fügte es sich nicht recht in die Organisation des Tagesablaufs mit Kindern, Einkaufen, Kochen usw. ein, und wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich auch schlicht keinen Bock, bei der Andacht Leute zu treffen, die womöglich anschließend noch zum Bibelteilen wollten (bzw. zu dem, was der volkskirchlich geprägte deutsche Christ fälschlicherweise unter Bibelteilen versteht, aber dazu vielleicht ein andermal mehr). Ersatzweise hielt ich am Mittwochnachmittag, während Frau und Kinder beim "Omatag" waren, eine kleine Solo-Andacht in St. Joseph. Eigentlich hatte ich das in Herz Jesu machen wollen, aber da waren, als ich um 15 Uhr die Kirche betrat, irgendwelche Leute auf der Orgelempore und unterhielten sich in recht ungedämpfter Lautstärke miteinander, also trollte ich mich wieder. -- Die Solo-Andacht in St. Joseph war jedenfalls ausgesprochen wohltuend; so sehr, dass ich auch an den nächsten beiden Oma-Tagen wieder eine abhielt. Aber auch den Dienstags-Lobpreis in Herz Jesu hielt ich schließlich doch noch zweimal ab, am 16. und am 23. November, und beide Termine waren sogar vergleichsweise gut besucht. Aber kehren wir zurück zur chronologischen Reihenfolge: 

Am 11.11. fand in Tegel ein ökumenischer St.-Martins-Umzug statt, da gingen wir mit den Kindern natürlich hin; die Veranstaltung war ausgesprochen gut besucht, und natürlich trafen wir dabei einige Leute aus der Pfarrgemeinde, aber auch einige andere Bekannte, und insgesamt war es eigentlich ziemlich nett. Am darauffolgenden Samstag gingen wir noch zu einem weiteren St.-Martins-Umzug, im benachbarten Statdtteil Borsigwalde; die besondere Attraktion dort war, dass der von einem Mädchen dargestellte St. Martin auf einem echten Pferd ritt. Unsere Große schlief auf dem Weg zum Ort des Geschehens im Bollerwagen ein, aber ich weckte sie, als ich eine Gelegenheit ergab, das Pferd zu streicheln. -- Zwischen diesen Terminen fand eine Vorstandssitzung des Vereins "Freunde der katholischen Kirche Herz Jesu Tegel e.V." statt, dessen Vorsitzende meine Liebste (noch) ist; sie gab in dieser Sitzung ihre Absicht kund, den Vorsitz abzugeben, ließ sich aber dazu überreden, noch solange im Amt zu bleiben, bis ein Nachfolger gefunden ist -- damit der Verein geschäftsfähig bleibt. Da kann man mal sehen, dass meine Liebste in manchen Dingen doch kompromissbereiter ist. Ich hätte mich darauf nicht eingelassen. 

Und dann noch das Altötting-Drama. Eigentlich hätte ja am Christkönig-Wochenende in Altötting der Adoratio-Kongress stattfinden sollen, und unsere Pastoralreferentin hatte schon vor Monaten die Idee gehabt, eine gemeinsame Fahrt dorthin zu organisieren. Es gab in den Reihen der Pfarrei auch einige Interessierte, von denen rund die Hälfte aus unterschiedlichen Gründen aber nach und nach wieder absprang; schließlich waren außer der Pastoralreferentin selbst wie meine Familie übrig. Und dann wurde der Adoratio-Kongress abgesagt. -- Ich weiß, ich weiß: Offiziell fiel der Kongress nicht aus, sondern "fand online statt". Aber mal ehrlich, dieses ganze Gerede von "Online-Veranstaltungen" anstelle von "Präsenzveranstaltungen" ist doch Bullshit.  Sich ein paar Vorträge im Livestream anzusehen oder zu -hören, ist keine Teilnahme an einer Veranstaltung. Lasst euch nicht verarschen, Leute. Also, der Kongress fiel aus. Nun schlug unsere Pastoralreferentin vor, man könne ja trotzdem wie geplant nach Altötting fahren, und damit waren auch alle Beteiligten einverstanden; aber wenige Tage bevor es losgehen sollte bekam die Pastoralreferentin doch Bedenken wegen der frisch aktualisierten Corona-Vorschriften des Erzbistums für von Hauptamtlichen verantwortete Gemeindeveranstaltungen, und das Ende vom Lied war, dass die "Wallfahrt" nur unter 2G stattfinden durfte. Und damit waren wir raus. Wir hätten zwar - zumal wir das Bahnticket sowieso selbst gekauft hatten - "privat" nach Altötting fahren können, hätten dort dann aber keine Unterkunft gehabt. Na, schönen Dank auch. 

Und am vergangenen Freitag waren wir dann zum wohl letzten Mal bei einer Sitzung des Lokalausschusses. Aber das hätten wir uns im Grunde sparen können. Unser Anliegen war eigentlich gewesen, in der Sitzung zur Diskussion zu stellen, ob und inwieweit die von uns angestoßenen Projekte und Veranstaltungsreihen in der Gemeinde auch ohne uns weitergeführt werden könnten. Aber das Interesse daran, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, war erkennbar begrenzt. Man hatte Wichtigeres zu tun, z.B. den Aufbau der Weihnachtsdekoration zu planen. Davon abgesehen ist es in den letzten Tagen immer deutlicher geworden, dass die tonangebenden Leute in der Gemeinde, Haupt- wie Ehrenamtliche, sich durch unseren Rückzug aus der Gemeindearbeit persönlich angegriffen und ungerecht behandelt fühlen. Aber auch das ist ja charakteristisch für Mobbing: Wenn die Opfer nicht mehr mitmachen wollen, gelten sie als Spielverderber. Na ja, ein Andermal mehr dazu. 

Zum Schluss ein nicht mehr ganz taufrischer Twitter-Fund: ein Kummerkasten-Beitrag aus dem linksliberalen Magazin Slate, von dem man eigentlich hoffen würde, es handle sich um Satire, aber ich befürchte, der ist echt. Worum geht's? -- Die Vertrauensbasis zwischen einer Mutter und ihrer elfjährigen Tochter ist schwer belastet, nachdem das Mädchen an einem Abend, an dem beide Eltern (die Mutter schreibt wörtlich "her other parent and I") aus dem Haus waren, eine Freundin zu sich eingeladen hat. Als die Eltern nach Hause kamen, saßen die Tochter und ihre Freundin zusammen auf der Couch - ohne Abstand, ohne Maske!! - und aßen Chips aus derselben Schüssel. Horror! Die Freundin wurde natürlich sofort nach Hause geschickt, die Tochter musste zwei Wochen lang in ihrem Zimmer bleiben, das Haus wurde gründlich geputzt und gelüftet, und so ist glücklicherweise niemandem etwas zugestoßen - auch den Eltern nicht, die, wie nebenbei erwähnt wird, beide geimpft sind und trotzdem andere Leute nur mit Abstand und Maske treffen -, aber die Frage bleibt: WIE KONNTE DAS MÄDCHEN ETWAS SO FURCHTBARES TUN??!!?? -- Man muss anerkennen, dass die Kummerkasten-Mitarbeiterin Stacia L. Brown sich bemüht, die verstörte Mutter zu besänftigen; allerdings nur in Hinblick auf die Frage, ob die Mutter ihrer Tochter nach diesem Fehltritt jemals wieder vertrauen könne. Die Berechtigung und Angemessenheit der Maßnahme, das Kind nach diesem Couch-und-Chips-Vorfall zu zwei Wochen Stubenarrest (pardon, ich meine natürlich "Quarantäne") zu verdonnern, wird nicht im Geringsten in Frage gestellt. -- In gewisser Weise scheint es mir recht bezeichnend, dass es vorrangig eine sich selbst als liberal, aufgeklärt und antiautoritär verstehende Klientel ist, die in der aktuellen Lage komplett die Nerven und das Maß verliert. Aber diesen Gedanken näher auszuführen, überlasse ich meinen Lesern gern selbst. 
(Nicht ganz ausschließen kann ich, dass die Zuschrift satirisch gemeint ist und die Kummerkastenredaktion das schlicht nicht gemerkt hat. Was aber ja auch schon einiges aussagen würde.) 

Ohrwurm der Woche: Beautiful South, "Rotterdam (or Anywhere)" (1996) 


Den Song für die erste Folge von "Spandau oder Portugal" auszuwählen, fiel nicht schwer, denn der Songtitel klingt schon von der Sprachmelodie her einigermaßen ähnlich wie der neue Wochenbriefing-Reihentitel, und von der Stimmung her passt's auch irgendwie. Typisch für den Stil von The Beautiful South ist ja die Kombination von bitter-sarkastischen Texten und schwungvoller, fast heiterer Musik, aber dieser Text ist lange nicht so finster wie manch ein anderer von dieser Band und erscheint mir daher noch vertretbar. 

Aus der Lesehore: 

Jesus kam, weihte die Wüste durch sein vierzigtägiges Fasten und bestimmte sie für die Buße. Dort wurde er versucht und besiegte die Bosheit des Versuchers. Wer seitdem in die Wüste flieht, braucht nicht mehr die Nachstellungen des Feindes zu fürchten, sondern hat am Ort des Schreckens eine sichere Zuflucht und findet in der Einsamkeit eine wohnliche Stadt. Jesus, der in der Wüste fastete, speiste dort die Volksscharen und spendete freigebig das Manna, das Brot der Engel. So sollen sie das Erbarmen des Herrn preisen, und die Menschen, die Christus in die Wüste folgen, sollen nicht länger verzweifeln und fragen: "Was sollen wir essen, was sollen wir trinken?". Er, der die erschöpfte und hungernde Seele mit Gütern sättigt, der "dem Vieh seine Nahrung gibt und den jungen Raben, die zu ihm schreien", er wird auch die Seele, die sich Christus durch die Verpflichtung des Gelübdes und durch das Band der Profeß verlobt hat, in der Einsamkeit nicht einsam lassen. 

(Peter von Blois, Predigt zum Advent)  


Montag, 22. November 2021

Preview: Das neue Wochenbriefing kommt...

...und zwar kommt es pünktlich zum Advent, also ab nächster Woche. Dies hier ist also quasi die "Nullnummer" der neuen Serie -- ein Vorschauartikel, um meine geschätzten Leser darauf einzustimmen, was sie hier zukünftig erwartet und was sich gegenüber der bisherigen wöchentlichen Reihe "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" ändert. Und dazu gehört es natürlich auch und sogar vorrangig, die Umstände zu erläutern, die mich zur Eröffnung einer neuen Wochenbriefing-Reihe veranlasst haben. Beginne wir also mit der altbewährten Rubrik...

Was bisher geschah: Am 28. Oktober, dem Fest der Apostel Simon und Judas, fassten meine Liebste und ich einhellig den Entschluss, die Mitarbeit in unserer Wohnortpfarrei zu beenden. Auf die Ereignisse des vorangegangenen Abends, die den unmittelbaren Auslöser für diese Entscheidung darstellten, will ich hier nicht näher eingehen, denn die waren für sich betrachtet eigentlich ziemlich banal -- und kaum der Rede wert im Verhältnis dazu, was wir in den vergangenen fünf Jahren in dieser Gemeinde an Feindseligkeit, Ablehnung und übler Nachrede haben einstecken müssen, an Be- und Verhinderung unserer Initiativen, sei es aus Desinteresse, Konkurrenzdenken, Bosheit oder auch aus purer Inkompetenz. Also, relativ gesehen ist an dem besagten Abend gar nichts Besonderes vorgefallen, aber es war eben der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es geht mir nicht um persönliche Schuldzuweisungen. Wir haben in den zurückliegenden Jahren oft gedacht, unser größtes Problem in dieser Gemeinde wäre der Pfarrer, aber das war offenbar zu kurz und zu schlicht gedacht. Zu optimistisch wohl auch, denn mit einem einzelnen Gegner, selbst wenn's der leitende Pfarrer der Gemeinde ist, kann man noch irgendwie fertig werden. Gegen ein toxisches, kodependentes Beziehungsgeflecht, das das gesamte Gemeindeleben prägt (und von dem leider zu vermuten steht, dass es weniger spezifisch für diese eine Pfarrgemeinde als vielmehr typisch für durch Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel ausgezehrte und überalterte Strukturen ist), ist man machtlos. 

Die Entscheidung ist mir dennoch nicht leicht gefallen. Im ersten Moment dominierte das Gefühl, vor einem Trümmerhaufen zu stehen: Fünf Jahre Aufbauarbeit, oft über die Grenze der Erschöpfung hinaus, gegen allerlei Widerstände -- sollte das nun wirklich alles umsonst gewesen sein? Aber so nach und nach dämmerte mir, dass das durchaus nicht der Fall war. Wie es in der Rap-Strophe von Miriam Buthmanns "Beschützer der Welt" heißt: 

"Du bist bis hier gekommen und gewachsen mit jedem Schritt 
Und manchmal führt der Weg eben ins Nichts -- 
sagen die Andern, doch du weißt: 
Es war nur das Gegenlicht."

Meine Liebste und ich haben schließlich eine Menge gelernt in diesen fünf Jahren, haben Erfahrungen gesammelt, Fertigkeiten erworben, Ideen und Konzepte entwickelt -- auch wenn deren Umsetzung in unserer Gemeinde meist schon im Ansatz stecken blieb. Der Gedanke daran, was wir hier alles hätten bewegen können, wenn wir mal ein bisschen mehr Unterstützung bekommen hätten statt immer nur aufs Maul, führte wie von selbst zu der Erkenntnis: Wir können mehr. Wir verschwenden in dieser Gemeinde nur unser Potential. Am nächsten Tag, Freitag, kamen wir auf einem ausgedehnten Spaziergang (mit dem großen Kind im Bollerwagen und dem Baby im Tragetuch) an der Kirche St. Joseph vorbei, und da meine Liebste sowieso gerade festgestellt hatte, sie müsse unseren Jüngsten mal aus dem Tragetuch herausnehmen und stillen, gingen wir in die Kirche hinein und hielten eine spontane, improvisierte Andacht. Danach hatte ich meinen Frieden mit der Entscheidung zum Rückzug aus der Gemeindearbeit gemacht. 

Symbolbild: St. Joseph und sein treuer Luchs hüten eine Herde Rosenkohl. 

Aber wie jetzt weiter? Erst kürzlich, anlässlich meines zehnjährigen Bloggerjubiläums, hatte ich geschrieben,  meine Liebste und ich dächten

"in jüngster Zeit verstärkt darüber nach, ob es nicht allmählich an der Zeit wäre, den nächsten Schritt zu tun und mit dem schon wiederholt angedachten Projekt Ernst zu machen, mit Hilfe von Crowdfunding ein geistliches Zentrum in einem ehemaligen Pfarrhaus - oder gegebenenfalls auch in einem Resthof oder einem alten Wasserturm - aufzubauen."

Das mag nach einem etwas hoch gegriffenen Ziel aussehen, aber im Prinzip ist es das, was jetzt auf unserer Agenda steht. -- Nun haben wir allerdings den präzisen Plan, inklusive Location, Finanzierungskonzept und allen möglichen sonstigen organisatorischen Details, nicht einfach so fertig in der Schublade. Und ich bin sogar geneigt zu sagen: Das ist auch gut so. Es ist in diesem Stadium der Entscheidungsfindung wichtig, offen für die Führung des Heiligen Geistes zu bleiben -- und dafür, dass sich "etwas ergibt". Wir haben daher vorläufig zwei alternative strategische Ansätze für das weitere Vorgehen ausgeheckt, die wir, soweit möglich,  vorerst parallel verfolgen wollen, bis sich herauskristallisiert, welcher Weg der richtige ist. Schlagwortartig zusammengefasst, gibt diese Doppelstrategie auch gleich den Titel für die neue Wochenbriefing-Reihe ab, nämlich (...Trommelwirbel...): 

Spandau oder Portugal.

Was ich an diesem Begriffspaar - abgesehen von seinem reinen Klang - so mag, ist, dass beide Bestandteile gewissermaßen metaphorisch gemeint sind, aber zu einem gewissen Grad auch wortwörtlich verstanden werden können. Das muss ich jetzt wohl erklären. 

Spandau ist einfach der nächste Stadtbezirk, man kommt mit dem Bus recht unkompliziert hin und wir kennen da einen Priester. Es könnte also eine im wahrsten Sinne des Wortes naheliegende Lösung sein, bis auf Weiteres erst mal dort in die Messe zu gehen, zu sondieren, ob und inwieweit wir unsere bisherigen Gemeindeaktivitäten oder zumindest Teile davon - Lobpreisandacht, Krabbelbrunch bzw. kindergartenfrei-Spieltreff, evtl. auch das Büchereiprojekt? - in die dortige Pfarrei verlegen könnten. Zur "Option Spandau" im wortwörtlichen Sinne gehört auch, dass es dort eine sympathische freikirchliche Gemeinde gibt, die wir vor einigen Monaten eher zufällig kennengelernt haben und mit der wohl auch eine Kooperation denkbar wäre. 

Die Option, einigermaßen "wohnortnah" nach einer neuen Location (oder mehreren) für unsere Aktivitäten zu suchen, ist natürlich nicht auf den Bezirk Spandau beschränkt; wir hätten da durchaus schon ein paar Ideen, wo man diesbezüglich anfragen könnte, und zum Teil liegen die sogar diesseits der Havel, will sagen: in Tegel, Borsigwalde oder jedenfalls im Bezirk Reinickendorf. Aber im erweiterten oder "metaphorischen" Sinne gehört auch das zur "Option Spandau" -- die man folglich beschreiben könnte als: 

"Erst mal hierbleiben und so ähnlich weitermachen wie bisher, nur nicht mehr unter dem (physischen und institutionellen) Dach unserer bisherigen Pfarrei; und dann mal ganz in Ruhe schauen, was sich daraus noch so ergibt und entwickelt." 

Demgegenüber wäre die "Option Portugal" natürlich die erheblich radikalere Variante: 

"Sachen packen, Staub von den Füßen schütteln und irgendwo weit weg ein Exerzitienhaus aufmachen, oder so." 

Das müsste natürlich nicht zwingend in Portugal sein. Vor längerer Zeit haben wir auch schon mal über Costa Rica gesprochen; das ist auch ein schönes Land, die Hauptstadt heißt San José, und der Hl. Josef ist doch ein prima Schutzpatron für eine Familie, die als Familie Gott dienen will (s. Bild). Also, wenn meine Liebste eine Stelle als Lehrerin am Colegio Humboldt in San José bekäme, würde ich das auf jeden Fall gutheißen. Aber Portugal hat auch einiges für sich. Unter anderem, dass dort eine der traditionellen Hauptrouten den Jakobswegs verläuft. Da könnte man eine Pilgerherberge aufmachen und jeden Abend (zumindest in den Sommermonaten) ein Dinner mit Gott mit Gästen aus aller Welt veranstalten. 

Im Grundsatz geht die "Option Portugal" jedenfalls von der Überlegung aus, ob es überhaupt sinnvoll bzw. erfolgversprechend ist, innerhalb Deutschlands "woanders hinzugehen" -- ob man nicht damit rechnen muss, überall auf dieselben kranken und dysfunktionalen Strukturen in den Pfarrgemeinden zu stoßen, allenfalls teils mehr, teils weniger stark ausgeprägt; und ob man nicht darüber hinaus damit rechnen muss, dass im Zeichen von Schismatischem Weg, Coronapolitik und demnächst wahrscheinlich auch noch Ampelkoalition zumindest auf kurze Sicht alles noch viel schlimmer wird. Im Zuge solcher Überlegungen stieß meine Liebste vor einiger Zeit auf Twitter auf eine Diskussion darüber, wo man denn hingehen könne, wenn man's in Deutschland nicht mehr aushielte, und da gab es einige Argumente für Portugal als attraktives Auswanderungsziel. Das ist bei meiner Liebsten hängen geblieben, und deshalb heißt dieser Aspekt unserer Zukunftsplanung nun eben "Option Portugal". Obwohl meine Liebste neulich meinte: "Wir könnten natürlich auch sagen Spandau oder Spanien, Pankow oder Portugal, Costa Rica oder Charlottenburg, Ungarn oder... äh..." -- "Oder vielleicht Limburg!", warf unsere kürzlich vier Jahre alt gewordene Tochter fröhlich ein. Na ja. Kindermund tut ja manchmal überraschende Einsichten kund, aber ich denke, wenn das eine Option sein soll, dann wohl eher das Limburg mit dem Käse als das an der Lahn

Und wenn unsere jetzige Pfarrkirche mitsamt Pfarrhaus dann irgendwann für einen symbolischen Euro zum Verkauf steht, dann kommen wir zurück und kaufen sie. Vielleicht. 

Soweit, so gut. Das wesentliche Strukturprinzip für die kommende Artikelreihe "Spandau oder Portugal" stelle ich mir daher in etwa vor wie folgt: Von Woche zu Woche protokollieren, was es in Hinblick auf die "Option Spandau" und auf die "Option Portugal", jeweils im engeren und im weiteren Sinne, Neues gibt. Und daran dann jeweils weiterführende Reflexionen anschließen. Mir schwebt vor, auch die Linktipps nach diesen Kategorien zu ordnen, aber da muss ich erst noch schauen, ob sich das als praktikabel erweist. Eine Rubrik "Was es sonst noch Neues gibt" dürfte sich so oder so als unerlässlich erweisen, und auf jeden Fall erhalten bleiben die Rubriken "Ohrwurm der Woche" und "Aus der Lesehore"; da geht mir der Stoff so schnell nicht aus. 

Was auch noch erwähnt werden muss: Ich hatte diesen Vorschauartikel - und das Konzept für die neue Artikelserie mithin erst recht - schon größtenteils fertig, als mich die Mitteilung ereilte, das Erzbistum Berlin habe beschlossen, in der Advents- und Weihnachtszeit für alle Veranstaltungen, einschließlich der Gottesdienste, die "2G"-Regel einzuführen. Das hat mir erst mal ziemlich die Luft rausgelassen, und ich habe daraufhin kurz geschwankt, ob ich nicht doch lieber die Reihe "Grüße aus dem Corona-Park" wiederaufnehmen oder meine Blogpause lieber gleich bis April oder so (wenn die Coronavirus-Saison vorbei ist) verlängern sollte. Habe mich dann aber doch entschieden, bei dem oben ausgeführten Konzept zu bleiben. Sollte es in nächster Zeit wenig bis nichts im Sinne praktischer Basisarbeit zu beschicken geben, so gibt es umso mehr zu planen und Konzepte zu entwickeln. Und ich schätze mal, meine Familie und ich werden schon dafür zu sorgen wissen, dass das auch aus der Leserperspektive nicht langweilig wird. 

Und noch etwas kann an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Weiter oben fiel schon mal das Stichwort "Finanzierung", und das ist natürlich ein ernstes Thema. Dieser Blog ist kostenlos und werbefrei und soll es auch bleiben, aber ich denke dennoch verstärkt darüber nach, ob es nicht möglich sein sollte, über das Bloggen ein kleines Zubrot zu erwirtschaften. So etwa 500 Euro im Monat (über mehr würde ich mich natürlich auch nicht beschweren) würden meiner Familie schon gelegen kommen, gerade jetzt in der Elternzeit. Vielleicht hat der eine oder andere Leser ja Ideen oder sachdienliche Hinweise zu diesem Thema... Einstweilen möchte ich aber nicht vergessen zu sagen: Danke für die Gebete und die Schokolade! 

(Beispielbild.) 


Samstag, 30. Oktober 2021

Umbaupause!

Dem einen oder anderen treuen Leser wird vielleicht aufgefallen sein, dass es am vergangenen Montag kein Wochenbriefing gab. Unmittelbar lag das zwar daran, dass ich nach dem großen Kindergeburtstags-Wochenende total in den Seilen hing, aber im Laufe der Woche hat sich herauskristallisiert, dass es wohl doch noch tiefer liegende Ursachen gab. Klingt mysteriös? Ist es eigentlich nicht. Ich habe in den vergangenen Monaten schon mehrfach angedeutet, dass meine Liebste und ich darüber nachdenken, unseren gemeinsamen Aktivitäten und Bestrebungen im Bereich Neuevangelisierung und Gemeimdeaufbau/Gemeindeerneuerung eine neue Form und Basis zu geben. Zum Teil handelt es sich dabei eigentlich "nur" um ein Wiederaufgreifen früherer Ideen, oder sagen wir, um den neu und verstärkt erwachten Willen, mit Ideen, die uns bisher nur vage im Hinterstübchen herumspukten, endlich ernst zu machen. Im Laufe der zurückliegenden Woche ist der Entschluss, dieses Thema anzugehen, in uns beiden gewissermaßen "zum Durchbruch gekommen", verbunden mit der Erkenntnis, dass das zunächst einmal erfordert, einige Brücken abzubrechen und manchen Ballast abzuwerfen. 

Das heißt nicht - wie ich einen allerdings kurzen Moment lang erwogen habe -, dass ich aufhöre zu bloggen. Im Gegenteil denke ich, dass mein Blog ein wichtiger Bestandteil dessen bleiben wird, was meine Liebste und ich in Zukunft tun werden. Aber im Moment ist bei uns so viel in Bewegung und im Prozess der Klärung, dass ich das nächste Wochenbriefing wohl ebenfalls ausfallen lassen werde, und das übernächste vermutlich auch. Und dann sehen wir mal weiter. Vielleicht wäre es ein sinnvoller Vorsatz, die Wochenbriefings pünktlich zum Advent wieder aufzunehmen, dann mit leicht überarbeitetem Konzept und evtl. mit einem neuen Reihentitel (ich habe da schon eine Idee, aber die verrate ich noch nicht). Und vielleicht nutze ich die Pause auch, um meinem Blog ein komplettes "Makeover" in puncto Seitenlayout zu verpassen, aber da bin ich mir noch nicht sicher. 

Die "Lebendigen Steine" pausieren ebenfalls; da habe ich mir bereits eine Frist zur Wiederaufnahme gesetzt: Im neuen Kalenderjahr, also ab Januar, soll's da mit überarbeitetem Konzept weitergehen. 

Bis dahin bitte ich also um ein wenig Geduld; auf jeden Fall kann und möchte ich aber schon mal zu Protokoll geben, dass die anstehenden Veränderungen mich mit einem Gefühl von Hoffnung und Vorfreude, ja, in einem Wort gesagt, mit einem Gefühl von Zukunft erfüllen, wie ich es allzu lange entbehrt habe. 

Einstweilen die Bitte an Dich, geschätzter und hochherziger Leser: Bete für meine Familie und für unsere Zukunftspläne! (Oder, wenn Beten Dir nicht so liegt, schick Schokolade. Schokolade ist auch gut.) 


P.S.: Zur Teil-Entschädigung für das ausgefallene Wochenbriefing, und anlässlich der morgigen Vigil von Allerheiligen, landläufig auch Halloween genannt, habe ich noch einen Linktipp: 


Montag, 18. Oktober 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #20 (29. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Zu Anfang der zurückliegenden Woche litt ich unter einem ziemlichen Lagerkoller. Unser Jüngster war schlecht drauf - zum Teil wohl deshalb, weil er gerade seinen vierten Zahn bekommt - und hielt die Mami praktisch permanent auf Trab, ein paar Spielverabredungen für unsere Große fielen aus, das Wetter war auch eher unschön, wir hockten also alle ziemlich viel aufeinander und steckten uns gegenseitig mit schlechter Laune an. Am Dienstag gab, pünktlich zu Beginn der Lobpreisandacht, unsere mobile Lautsprecherbox den Geist auf. Nun ja, man kann sagen, sie hat ihre Pflicht erfüllt. Es war, seit wir vor rund dreieinhalb Jahren mit unseren Lobpreisandachten angefangen haben, erst unser drittes Gerät - eines ist verloren gegangen oder gestohlen worden (das ist wohl eine Definitionsfrage) und eines ebenso wie dieses nach ausgiebiger Benutzung kaputt gegangen. Gekauft hatte ich diese Box, wenn  ich mich recht erinnere, für sieben oder acht Euro bei einem der einschlägigen Elektronik-Discounter, und wir haben mit ihr nicht nur den allwöchentlichen Lobpreis bestritten, sondern auch mehrere Novenen, Herz-Jesu- und Rosenkranzandachten in mindestens drei verschiedenen Kirchen; möge sie in Frieden ruhen. Am Donnerstag habe ich eine neue besorgt. Wieder eine billige. Falls uns jemand ein hochwertigeres Gerät spenden möchte - die Preisspanne scheint da nach oben hin offen zu sein -, würde ich das dankbar und demütig annehmen. 

Ein Bild aus besseren Tagen. 

Am Freitag war für Frau und Kinder "Omatag", wohingegen ich zu Hause blieb -- u.a. deshalb, weil am Abend Lokalausschusssitzung war. Dort waren wir diesmal eine recht kleine Runde, dafür aber umso produktiver: Wir arbeiteten eine umfangreiche Tagesordnung ab, und ich empfand die Atmosphäre als sehr positiv. 

Zum "Krabbelbrunch" am Samstag erschien außer uns selbst diesmal leider mal wieder niemand. Außerdem hatte ich mit zeitweise heftigen Kopfschmerzen zu kämpfen, die sich am Sonntag dann als erste Anzeichen einer dicken Erkältung entpuppten. Meiner Liebsten ging es nicht viel besser; hingegen waren die Kinder munter wie eh und je und ließen uns daher wenig Zeit zum Ausruhen. Das ist auch der wesentliche Grund, weshalb dieses Wochenbriefing verspätet und in abgespeckter Gestalt erscheint... 


Was ansteht: Gesundheitlich weiterhin etwas angeschlagen, habe ich diese Woche gleichwohl mehr als genug zu tun: für die Tagespost, für die "Lebendigen Steine" und nicht zuletzt für ein neues Projekt, über das ich vorläufig noch nicht allzu viel verraten will. Morgen ist natürlich Lobpreis -- zu welchem Anlass ich mir noch überlegen muss, wie ich den Gedenktag der nordamerikanischen Marterpfahl-Märtyrer (Hll. Jean de Brébeuf, Isaac Jogues und Gefährten) angemessen würdigen kann, der mir, angesichts meiner tiefsitzenden Vorliebe für Indianer-Abenteuergeschichten, auf besondere Weise am Herzen liegt. Für Donnerstag war ein Treffen der AG Neuevangelisierung angedacht -- und zwar zu dem Zweck, auf Einladung bzw. Anregung des Erzbistums Berlin Impulse in die Vorbereitungsphase der weltweiten Synodalitäts-Synode einzubringen. Kein Scheiß. Da ich mich aus allgemeiner Planungsunsicherheit heraus bisher noch nicht zu diesem Terminvorschlag geäußert hatte, werde ich mich wohl erst noch vergewissern müssen, ob das Treffen wirklich stattfindet, und wenn ja, müssen wir mal sehen, ob ich da allein hingehe oder mit der ganzen Familie. Am Freitag haben meine Liebste und ich "Hölzerne Hochzeit", und gleichzeitig ist es der vierte Geburtstag unserer Großen. Letzteres werden wir aus pragmatischen Gründen allerdings erst am Samstag feiern. Und dann ist die Woche ja auch schon wieder fast rum!  

Statt Linktipps: Ein Hinweis auf das Reform-Manifest "Neu anfangen" des Arbeitskreises Christliche Anthropologie 

Ich bin vermutlich ein bisschen spät dran mit diesem Thema. Über 4.000 Unterschriften hat das Manifest schon, und meine ist noch nicht dabei. Wie sieht's mit dir aus, Leser? Renne ich bei dir offene Türen ein, trage ich Eulen nach Athen? Oder hast du von dieser Initiative vielleicht noch gar nichts gehört? 

Was mich betrifft: Ich vermute, ich hätte dieses Manifest schon längst unterschrieben, wenn ich bloß mal dazu käme, es komplett zu lesen. Das ist mit zwei kleinen Kindern im Haus gar nicht so einfach -- zumal ich, wenn sie gerade mal nicht im Haus sind, sondern auf dem Spielplatz, im Tierpark oder im Zirkus, meist auch noch was anderes zu tun habe (siehe oben). Im zweiten oder dritten Anlauf bin ich immerhin bis zur vierten oder fünften der neun Thesen gekommen, aber inzwischen müsste ich wohl noch mal von vorne anfangen. Ich unterschreibe einfach ungern etwas, was ich nicht bis zu Ende gelesen habe -- auch wenn ich im vorliegenden Fall eher nicht befürchte, ich könnte mich nichtsahnend zur Abnahme so vieler Waschmaschinen verpflichten, wie ich tragen kann, oder etwas in der Art. Was ich bis jetzt von dem Manifest gelesen habe, findet jedenfalls meine Zustimmung, außerdem gehört der von mir sowohl persönlich als auch hinsichtlich seiner theologischen und, wenn man das so nennen will, "kirchenpolitischen" Positionen sehr geschätzte Publizist und Verleger Bernhard Meuser zu den Initiatoren. 

Also, Leser, wenn du's nicht schon längst getan hast: Schau's dir an, bilde dir ein Urteil und verbreite diesen Aufruf weiter! Es geht, kurz gesagt, darum, einen Gegenpol zur Agenda des "Schismatischen Weges" zu schaffen; zu zeigen, dass es in Deutschland noch Katholiken gibt, die unter einer erstrebenswerten Reform der Kirche nicht die Dekonstrunktion von Glaubenslehre und Glaubenspraxis, von sakramentaler und hierarchischer Struktur verstehen, und auch nicht die Unterwerfung unter säkulare Ideologien -- sondern vielmehr eine innere Erneuerung der Kirche aus dem Geist missionarischer Jüngerschaft. Man kann das meinetwegen "evangelikalen Katholizismus" nennen; muss man aber nicht. Entscheidend ist, wie es in der Präambel heißt: 

"Wir bekennen uns zum lebendigen Wort Gottes, in dem Licht und Wahrheit ist. Wir finden es lebendig bezeugt in der Heiligen Schrift, lebendig überliefert durch die Kirche, lebendig sichtbar gemacht durch gelebten Glauben. Dieses lebendige Wort Gottes wird verbindlich gemacht und bewahrt durch die mit dem Lehramt beauftragten und gesendeten Zeugen."

So. Ist das eine klare Positionierung? Mehr zu diesem Thema, wenn ich das gesamte Manifest gelesen (und anschließend dann wohl auch unterschrieben) haben werde... 


Ohrwurm der Woche: Peter Frampton, "Baby, I Love Your Way" (1976) 



Es ist wohl ein ziemlich seltenes Phänomen, dass ein Interpret seinen mit Abstand größten Charterfolg mit einem Live-Album hat. Aber das sechsfach mit Platin ausgezeichnete Album "Frampton Comes Alive" ist zu Recht ein Klassiker. Den hier ausgewählten Song kannten die Jüngeren und Banausen unter uns bisher vielleicht nur in einer Coverversion von Big Mountain aus dem Jahr 1994 -- aus dem Soundtrack zum Film "Reality Bites" mit Winona Ryder. Okay, das mit den Banausen nehme ich zurück: Ich kannte den Song auch zuerst in der Big Mountain-Version, was vielleicht entschuldbar ist, wenn man bedenkt, dass das Album "Frampton Comes Alive" im Jahr meiner Geburt erschien. Diese "Ungnade der späten Geburt", soweit es die Würdigung großer Rock- und Popmusik betrifft, habe ich durch einige Jahre DJ-Tätigkeit in einer Retro-Bar allerdings gründlich wettgemacht... 

Aus der Lesehore: 

Mein Gott und mein Heiland Jesus, womit kann ich dir alle Wohltaten vergelten, mit denen du mir entgegengekommen bist? Den Kelch deiner Schmerzen will ich aus deiner Hand entgegennehmen und deinen Namen anrufen. Ich gelobe vor deinem ewigen Vater und dem Heiligen Geist, vor deiner heiligen Mutter, vor den Engeln, den Aposteln und Märtyrern -- ich gelobe dir, meinem Heiland Jesus: Soweit es an mir liegt, will ich mich niemals der Gnade des Martyriums entziehen, wenn du sie mir, deinem unwürdigen Diener, in deiner unendlichen Huld jemals anbieten solltest.

Darum also, mein geliebter Jesus, opfere ich dir in der Freude, die mich heftig bewegt, schon jetzt mein Blut, meinen Leib und mein Leben. Wenn du mir die Gnade dazu gibst, möchte ich nur für dich sterben; denn du starbst auch für mich. Gib mir die Gnade, so zu leben, dass du mir auch die große Gnade schenkst, selig für dich zu sterben. So will ich denn, mein Gott und Heiland, aus deiner Hand den Kelch entgegennehmen und deinen Name anrufen: Jesus, Jesus, Jesus!
(Aus den Schriften des Hl. Jean de Brébeuf) 

 

Montag, 11. Oktober 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #19 (28. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Am Montag machte ich mich zunächst an die bereits überfällige Endredaktion der Oktober-Ausgabe der "Lebendigen Steine" und wurde fast fertig damit, ehe am frühen Nachmittag meine Schwiegermütter an der Tür klingelten: Es war "Omatag", und der fand ausnahmsweise mal bei uns statt. Am Dienstag hatten wir eine schöne und verhältnismäßig gut besuchte Lobpreisandacht, und spät am Abend fragte ein Mitglied des Pfarrgemeinderats per Mail in die Runde, ob die für Mittwoch angekündigte Sitzung eigentlich stattfinde -- es war nämlich immer noch keine ordnungsgemäße Einladung mit Tagesordnung versendet worden. Als darauf keine Antwort erfolgte, schrieb ich am Mittwochvormittag meinerseits eine Mail, in der ich dafür plädierte, die Sitzung zu verschieben. 

Ansonsten war ich am Mittwochvormittag damit beschäftigt, letzte Hand an die neuen "Lebendigen Steine" zu legen, ein Handout für die Rosenkranzandacht am selben Abend zu erstellen und beides in Berlins günstigstem Copyshop zu drucken. Zur Rosenkranzandacht am Abend erschienen außer mir nur vier ältere Damen aus der Gemeinde, die mir alle persönlich bekannt waren; anschließend ging ich, da auf meine Mail vom Vormittag keine Antwort erfolgt war und immer noch keine Tagesordnung vorlag, nicht zur Pfarrgemeinderatssitzung, sondern nach Hause und kochte Abendessen für meine Familie. War ein eigentümlich befreiendes Gefühl. Welche Konsequenzen ich daraus für die Zukunft ziehe, muss ich mir aber noch gründlich überlegen. 

Der Donnerstag verlief friedlich, aber am Freitag musste ich mich schon wieder ärgern. Während meine Liebste mit den Kindern im Tierpark war, hatte ich mich für ein paar Stunden in "meine" Pfarrbücherei gesetzt, um zu arbeiten, und danach wollte ich zur Anbetung und zur Abendmesse. Als ich die Kirche betrat, kam eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gemeinde (die ich, das muss dazu gesagt werden, im Allgemeinen durchaus schätze und mag) auf mich zu, um mir - wohlgemerkt in der Kirche, quasi vor dem ausgesetzten Allerheiligsten - mitzuteilen, ich solle doch endlich mal die Bücherkartons aus dem Treppenhaus des Gemeindehauses wegschaffen. Ich war viel zu verdattert, um darauf eine sinnvolle Antwort zu geben -- die zum Beispiel hätte lauten können, ich sähe gar nicht ein, wieso das meine Aufgabe seon solle, schließlich seien das nicht meine Bücher und ich hätte sie da auch nicht hingestellt, und davon abgesehen verstünde ich auch nicht, wieso die da überhaupt weg sollten, da sei doch genug Platz. (Ich benutze die Bücher aus diesen Kartons hauptsächlich dazu, von Zeit zu Zeit das unser öffentliches Büchertauschregal aufzufüllen; einige Bücher, von denen ich der Meinung war, sie seien "zu schade", um irgendwie "verschütt zu gehen", habe ich bereits in Sicherheit gebracht.) Jedenfalls war ich nach dieser Begegnung so sauer, dass ich die Kirche erst einmal wieder verlassen und etwa zehn Minuten spazieren gehen musste, ehe ich mich bereit fühlte, zur Anbetung zu gehen. 

Am Sonntag ging ich mit der ganzen Familie morgens in die Messe -- und durfte spontan den Lektorendienst übernehmen, da der eigentlich eingeteilte Lektor krank war. 

Die Fürbitten waren ziemlich furchtbar - wer schreibt sowas?!? -, aber ich bemühte mich, zu retten, was gerade noch zu retten war.

Der Organist tauchte übrigens ebenfalls nicht auf; für ihn sprang ein Jugendlicher aus der Gemeinde, ein früherer Messdiener, ein. Es muss wohl einen Fehler bei der Diensteinteilung gegeben haben, denn am Nachmittag lief mir der Organist über den Weg und erklärte mir, er habe Urlaub. 


Was ansteht: Auf dem Terminkalender steht für diese Woche noch gar nicht viel, und das finde ich eigentlich ganz entspannend; zu tun gibt's ja auch ohne besondere Vorkommnisse immer genug. Zumal ich zwei Artikel für die Tagespost zu schreiben habe -- aber ich denke, ich fange lieber erst mal mit einem an. Daneben sollte ich wohl auch den Redaktionsschluss für die November-Ausgabe der "Lebendigen Steine" im Auge behalten, damit ich zum Ende des Monats hin nicht wieder in Zeitdruck gerate. -- Morgen ist jedenfalls Lobpreis - kein besonderer Gedenktag diesmal, einfach Dienstag im Jahreskreis, Psalterium 4. Woche -; und am Freitag, dem Gedenktag der Hl. Teresa von Ávila, ist Lokalausschusssitzung. Nach der Szene am letzten Freitag rechne ich damit, dass auch da die Bücherkartons im Treppenhaus zur Sprache kommen; ich beabsichtige daher, einer Debatte darüber von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem ich meinerseits das Thema Pfarrbücherei auf die Tagesordnung setzen lasse und einen kleinen Vortrag darüber halte, was für einen Schatz wir mit dieser Bücherei besitzen und dass sich doch bitte alle mal die Frage stellen sollen, was sie dazu beitragen können, diese Bücherei für die Gemeinde und darüber hinaus besser nutzbar zu machen. -- Das Problem dabei ist, dass in dieser Gemeinde (wie vermutlich in vielen anderen Kirchengemeinden auch!) das Schlechtmachen, Be- und Verhindern von Initiativen erheblich größer geschrieben wird als jedwede konstruktive Tätigkeit. Wir erinnern uns: Als es darum ging, die Anschaffung eines neuen Opferkerzenständers zu verhindern, berief der Lokalausschuss eine Sondersitzung ein, zu der signifikant mehr Leute kamen als sonst. Das sagt, glaube ich, schon eine Menge aus. -- Was beim Lokalausschuss sonst noch so auf den Tisch kommt, bleibt abzuwarten; tags darauf, am Samstag, ist dann schon wieder Krabbelbrunch. Hätte ich beinahe vergessen, wenn's nicht in den Vermeldungen stünde. Eigentlich hätte ich mir die Krabbelbrunch-Termine für die nächsten Monate schon längst mal in den Kalender eintragen können, aber irgendwie sagt mir eine hartnäckige innere Stimme, das lohne sich nicht, da jeden Moment eine neue Verschärfung der Corona-Regeln dazu führen könne, dass die ganze Veranstaltungsreihe wieder abgeblasen werden müsse. Es dürfte interessant zu beobachten sein, wie lange solche Gedanken unser aller tägliches Leben noch begleiten werden. 

Zitat der Woche: 

"Wenn der Feind uns bekämpft, ist das gut und nicht schlecht." 
(Mao Zedong)

Linktipps: 

Eins vorweg: Isch 'abe gar kein Netflix -- und obwohl ich durchaus wahrgenommen habe, dass der Regisseur Mike Flanagan für seine Äußerungen über seinen religiösen Hintergrund einige Aufmerksamkeit in katholischen Twitterkreisen geerntet hat, war mir zunächst nicht klar, was eigentlich der Anlass für diese Debatte war -- nämlich Flanagans neue, auf Netflix veröffentlichte Horror-Miniserie "Midnight Mass". Auf Aja Romanos im linksliberalen Magazin "Vox" erschienene Kritik der Serie wurde ich aufmerksam, weil Simcha Fisher sie auf Facebook geteilt hat; und, um Missverständnissen vorzubeugen: Der Grund, weshalb Simcha Fisher diese Kritik auf Facebook geteilt hat und weshalb auch ich sie hier verlinke, ist, dass die Kritik so doof ist -- aber eben auf bezeichnende Art doof.

Was Aja Romano an der Serie auszusetzen hat, ist, kurz gesagt, dass sie ihr zu religiös ist. Nun gut: Dass ihr das nicht gefällt, ist selbstverständlich ihr gutes Recht, aber persönlicher Geschmack allein ist keine besonders gute, jedenfalls keine ausreichende Basis für ein kritisches Urteil. (Ich kann mir vorstellen, dass an dieser Stelle vielleicht manche meiner Leser einwenden möchten "Ach nicht? Wieso nicht? Was denn sonst?". Diese Einwände einlässlich zu erörtern, würde hier den Rahmen sprengen, daher nur ganz kurz: Wenn die Beurteilung von Kunstwerken bloße Geschmackssache wäre, dann hätte es von vornherein keinen Sinn, Kritiken zu schreiben oder zu lesen, denn dann wäre jede mögliche Meinung zu einem bestimmten Werk genauso valide wie jede andere.) -- Darauf, warum die Kritikerin dennoch der Meinung ist, ihre persönliche Verärgerung über den für ihr Empfinden allzu ausgeprägten religiösen Gehalt der Serie sei ein valider Kritikpunkt, komme ich noch; zuvor möchte ich jedoch noch anmerken, dass diese Kritik die Serie aus meiner Sicht gerade interessant macht. Nicht zuletzt, weil der Befund, es handle sich um "eine Geschichte voll religiösen Eifers", nach den bereits angesprochenen Aussagen des Regisseurs über seinen religiösen Hintergrund eher überraschend kommt.

Mike Flanagan ist als Katholik groß geworden, war jahrelang Messdiener und beschreibt die Erfahrungen, die er als Kind in und mit der Kirche gemacht hat, rückblickend als im Wesentlichen positiv. Aber dann fing er irgendwann an, selbständig in der Bibel zu lesen -- und war schockiert, darin Dinge vorzufinden, die er mit dem Glauben, den man ihm in der Kirche vermittelt hatte, nicht in Einklang zu bringen vermochte. Daraufhin begann er sich für andere Religionen und Weltanschauungen zu interessieren und stellte schließlich fest, dass rationalistische und atheistische Denker wie Samuel Harris, Christopher Hitchens und Carl Sagan ihn am meisten ansprachen; über Sagans Buch "Blauer Punkt im All" sagt er, es habe ihn in spiritueller Hinsicht tiefer berührt als die Bibel.

Wie mehrere Kommentatoren auf Twitter anmerkten, werfen diese Erfahrungen Flanagans ein bezeichnendes Licht auf die Qualität der Katechese in handelsüblichen katholischen Pfarreien. Nicht zuletzt kann man dies auch als ein Lehrstück darüber betrachten, dass und warum eine harmlos-oberflächliche "Friede, Freude, Eierkuchen"-Kinderkatechese einfach nicht nachhaltig ist: Irgendwann kommen die Kinder schon von selbst dahinter, dass da irgendwas nicht stimmt.

In der Serie "Midnight Mass" bekommt man es nun allem Anschein nach mit einer sowohl intensiveren als auch traditionelleren Form katholischer Frömmigkeit zu tun als der, die Flanagan aus eigenem Erleben vertraut ist; und Mancher wird nun meinen, das müsse ja wohl auch so sein, denn so ein richtig krasser Dunkelkatholizismus sei dem Horror-Genre nun einmal angemessen. Das dachte sich anscheinend auch Kritikerin Aja Romano, und nun ist sie enttäuscht, weil Glaube und Kirche in der Serie in keinem so eindeutig negativen Licht erscheinen, wie sie erwartet hat.

Über die Handlung der Serie erfährt man aus dieser Rezension nicht viel; das, was Aja Romano darüber sagt, ist allzu bruchstückhaft, verworren und durch Voreingenommenheit verzerrt, als dass man sich ein klares Bild machen könnte. Unterhalb der reinen Handlungsebene geht es jedenfalls, wie die Rezensentin meint, um eine "kaum verhüllte Allegorie der Covid-19-Pandemie". Zwar, so räumt sie ein, sei die Serie bereits vor der Pandemie konzipiert worden, aber produziert wurde sie während der Pandemie, und somit sei es "unausweichlich", sie als eine lehrhafte Fabel für die Pandemie-Ära zu lesen. Und in dieser entdeckt Aja Romano "so viel überschwängliche Christlichkeit, so exaltierte Äußerungen von Gläubigkeit", Elemente von Predigt und biblischem Vokabular, dass, wie sie meint, "die Horror-Elemente beinahe wie bloße Dekoration anmuten."

Und was - abgesehen davon, dass es der Rezensentin schlichtweg nicht gefällt - ist daran nun schlimm? Antwort: Es verstößt gegen das Ethos des Horror-Genres. -- Im Ernst? Ja, im Ernst. Die Kernsätze von Aja Romanos Kritik sind in ihrer funkelnden Schönheit derart unübersetzbar, dass ich sie hier im Original zitieren möchte:

"As a queer, genderqueer atheist who was raised as an evangelical, I’m drawn to horror in part because horror stories fundamentally offer a counter-narrative to mainstream Christianity’s most toxic ideas. Through tropes that tend to celebrate villainy, sinfulness, deviance, queerness, and defiance, horror embraces and empowers all that conservative religion rejects as immoral and unholy."
Ah ja, herzlichen Dank. Und angesichts von Flanagans "Midnight Mass" fühlt sich die Rezensentin nun nicht nur persönlich, sondern zugleich stellvertretend für alle queer-atheistischen Horrorfans wie ein unartiges Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen und es dem ohnehin bevorzugten, wohlerzogeneren Geschwisterkind gegeben hat. Da könnt' man jetzt sagen "Heul doch", aber hilfreich wär' das wohl eher nicht so.

Auch ganz unabhängig von dieser Netflix-Serie und der Frage, wie gut oder wie schlecht sie nun wirklich ist, scheint mir Aja Romanos erzürnte Kritik bezeichnend für ein Phänomen, das ich als Paradox des Atheismus bezeichnen möchte: Man erlebt es nicht gerade selten, dass dieselben Leute, die einem triumphalistisch aufs Brot schmieren, die Menschheit werde geradezu naturgesetzlich immer weniger religiös und dem Atheismus gehöre folglich die Zukunft, es gleichzeitig hinkriegen, sich als diskriminierte, von fanatischen Gläubigen unterdrückte und marginalisierte Minderheit darzustellen.  Wenn Atheismus tatsächlich nichts anderes bedeutete als nicht an Gott zu glauben - bzw. genauer: überzeugt zu sein, dass kein Gott existiert -, sollte man dann nicht annehmen, dass Atheisten mit der Existenz von Religion(en) auf der Welt etwas gelassener umgehen könnten? Nö, anscheinend nicht. Hat das - wie in einer Erzählung von Martin Buber, die Joseph Ratzinger in seiner "Einführung in das Christentum" zitiert - mit dem Erschrecken vor dem Gedanken "Vielleicht ist es aber wahr" zu tun? --  Tatsächlich habe ich bei besonders engagierten Atheisten nicht selten den Eindruck, sie seien wegen irgendwas mehr oder weniger Persönlichem sauer auf Gott und wollten sich an Ihm rächen, indem sie nicht an Ihn glauben. Ein ehemaliger Arbeitskollege von mir formulierte dieses Paradox einmal andersherum, mit dem schönen Satz: "Ich glaube nicht an Gott, und dafür hasst Er mich." Man könnte es auch noch simpler ausdrücken, mit dem Spruch: Wenn es Gott nicht gäbe, gäbe es auch keine Atheisten. 

Eine gewagte Prämisse: Kann (darf?) man die Coronavirus-Pandemie mit den Terrorattacken des 11. September 2001 vergleichen? -- Na gut, vergleichen kann man im Grunde alles mit allem, es kommt nur darauf an, worin man jeweils das Vergleichbare zu erkennen meint und ob der Vergleich dann mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede ergibt.

Der Essayist und Buchautor Peter Van Buren, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Außenministeriums, ist jedenfalls der Meinung, dass das "Mindset", das die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die Pandemie bestimmt, frappierende Ähnlichkeit mit jenem hat, das seinerzeit die Reaktionen auf "09/11" prägte. Er erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass Irakkriegs-General Petraeus schon früh die Frage aufwarf: "Wo soll das alles enden?" Konkret: Was ist das strategische Ziel, auf das wir hinarbeiten, sodass wir, wenn es erreicht ist, sagen können: "Jetzt haben wir's geschafft"? Im Falle der Coronavirus-Pandemie hat es den Anschein, dass das Ziel der Maßnahmen permanent umdefiniert wird, sodass es trotz aller Fortschritte in der Pandemiebekämpfung in immer weitere Ferne zu rücken scheint. "Es fing an mit 'Zwei Wochen, um die Kurve abzuflachen', und dann ist es ausgewuchert zu 18 Monaten voller Lockdowns, Maskenpflicht und neuerdings Impfzertifikaten", stellt Van Buren fest: "Das meiste von dem, was inzwischen Realität geworden ist, wäre vor einem Jahr noch als Verschwörungstheorie zurückgewiesen worden." Was ist nun also das angestrebte Ziel? Die Neuinfektionen auf Null zu reduzieren? "Das ist ungefähr so realistisch wie Demokratie in Afghanistan."

Van Buren ist kein Verschwörungstheoretiker; im Gegenteil weist er sogar darauf hin, dass die aktuellen Regierungen vergleichsweise erheblich weniger darauf versessen scheinen, politisches Kapital aus der Corona-Krise zu schlagen, als es die Bush-Administration nach "09/11" war. Van Buren ist auch kein Impfgegner: Im Gegenteil rechnet er es zu den schädlichsten Auswirkungen des gesellschaftlichen Klimas in der Corona-Debatte, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen in überproportionalem Ausmaß dazu verleitet werden, der Impfung zu misstrauen, und folglich auch in überproportionalem Ausmaß sterben. Ob das wirklich so stimmt, kann ich nicht beurteilen; zustimmen würde ich Van Buren aber jedenfalls in der Wahrnehmung, dass der öffentliche Umgang mit der Corona-Krise, ebenso wie seinerzeit nach "09/11", eine fatale Botschaft transportiert -- die man zusammenfassen kann als "Gib Freiheit auf zugunsten von Sicherheit, vertraue der Regierung und betrachte deine Mitmenschen als potentielle Bedrohung"

Was das angeht, neige ich übrigens zu der Auffassung, dass die Deutschen noch erheblich anfälliger für derartige Botschaften sind als die US-Amerikaner. Dass der Staat bzw. die Regierenden für das Wohlergehen der Untertanen Bürger zuständig und verantwortlich seien, scheint seit dem "aufgeklärten Absolutismus" des alten Fritz fest im deutschen Politikverständnis verankert zu sein, während die angloamerikanische Tradition den Staat ja eher als neutralen Schiedsrichter zwischen den Interessen der Bürger sieht, der nur eingreifen soll, wenn's unbedingt nötig ist, und die Leut' ansonsten in Ruhe lassen soll. 

Mein Misstrauen gegenüber der typisch deutschen Auffassung vom Wohlfahrtsstaat war übrigens auch ein wesentlicher Grund, weshalb ich so zusammengezuckt bin, als in den Fürbitten vom vergangenen Sonntag von einem "politische[n] Handeln" die Rede war, das die "Ängste" der Menschen "vor den Wechselfällen des Lebens mindern" solle. WTF?, dachte ich. Herzlich willkommen in der Wohlfühldiktatur. 

Der eine oder andere wird's wohl mitbekommen haben: Eine BDKJ-Funktionärin und Teilnehmerin des Schismatischen Weges hat auf ihrem Instagram-Account Vorwürfe gegen Kardinal Woelki erhoben. Dieser habe sich am Rande der jüngsten Synodalversammlung ihr gegenüber übergriffig verhalten und seine klerikale Macht gegen sie ausgespielt. Wie das? Nun, er ist, nachdem sie ihn in einem Redebeitrag scharf angegriffen hatte, in einer Sitzungspause auf sie zugekommen und hat versucht, ein persönliches Gespräch mit ihr zu führen. Und DAS geht ja nun mal GAR nicht! -- Kann man diesen Vorgang anders kommentieren als dadurch, dass man noch ein paar weitere Ausrufezeichen und "einself!!" dranhängt? Man kann, und Bloggerkollegin Anna von "Katholisch ohne Furcht und Tadel" tut es. Da sie davon ausgeht, dass "Satire heute angesichts grassierenden Narzissmus‘ nicht mehr richtig funktioniert", stellt sie ihrem Artikel einen Disclaimer voran, der fast so lang ist wie der ganze darauffolgende Text (den man allerdings, einem "Predisclaimer" zufolge, überspringen darf, wenn man "Satire ohne Warnhinweis versteht"); aber im Grunde ist ihr Artikel mehr als bloße Satire -- nämlich eine trotz aller Überzeichnung und trotz der Verwendung so witzig-treffender Namen wie "Laura Pia Lauchhügel" und "Malte Fridolin Rübengipfel" im Kern durchaus ernstzunehmende Analyse der manipulativen und totalitären Argumentationsschemata, derer sich die postliberale "successor ideology" bedient. Der Theorie des Intersektionalismus zufolge ist jemand, der per definitionem zu den Opfern struktureller Unterdrückung gehört - also beispielsweise eine Frau in einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft, wie es die katholische Kirche nun einmal unbestrittenerweise ist - gegenüber denen, die von struktureller Unterdrückung profitieren (wie z.B. die Bischöfe), immer im Recht. Und zwar nicht nur mit dem, was frau sagt und tut, sondern auch und erst recht mit dem, was sie fühlt. Wenn frau sich unterdrückt fühlt, dann ist der, von dem sie sich unterdrückt fühlt, de facto ein Unterdrücker. Punkt.

Die Aporien, die aus einer solchen ideologischen Grundannahme resultieren, arbeitet Anna überzeugend, mit Scharfblick und Witz heraus. Also husch den Link angeklickt, Leser! Im Übrigen erwäge ich sehr ernsthaft, den BDKJ fortan nur noch "KAQFAPOCgM" (katholische, anarchistische, queer-feministische, antifaschistische People of color gegen Machtmissbrauch) zu nennen, aber vielleicht wird mir das doch auf die Dauer zu umständlich. 

Was mag wohl dabei herauskommen, wenn Maria Zwonull eine Rosenkranzandacht gestaltet? Das mag jetzt vielleicht klingen wie eine Scherzfrage à la "Was liegt am Strand und spricht undeutlich? -- Eine Nuschel!", aber nee, sowas gibt's in echt, und Bloggerkollegin Claudia hat das Opfer auf sich genommen, da hinzugehen, um darüber zu berichten. Allein dafür gebührt ihr schon Anerkennung. Was sie im Einzelnen zu berichten hat, bewegt sich im Großen und Ganzen im Rahmen des Erwartbaren, ist darum aber nicht weniger lesenswert.

Da beginnt der Rosenkranz mit einem selbst ausgedachten Credo, das man sich durchaus noch kruder hätte vorstellen können, in dem aber weder die Gottheit Christi noch Seine Auferstehung eindeutig benannt werden (und, irgendwie folgerichtig, auch weder von der Auferstehung der Toten noch von der Vergebung der Sünden die Rede ist); in den einzelnen Gesätzen des Rosenkranzes heißt es dann:
"Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus...
... der uns annimmt, wie wir sind.
... der Unrecht und Machtmissbrauch verurteilt.
... der den Schrei nach Gerechtigkeit hört. ... der die Kleinen und Machtlosen in den Mittelpunkt stellt.
... der mit uns eine geschwisterliche Kirche ersehnt. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes."
Claudia kommentiert diese Sätze wohlwollender, als ich es tun würde, daher überlasse ich ihr das Wort:
"Grundsätzlich kann ich jeden dieser Einschübe überzeugt mitbeten, den ersten und den fünften allerdings mit einem „ja aber“ im Hinterkopf. Jesus nimmt uns an, wie wir sind – als Sünder -, aber Er sagt auch: Geh und sündige nicht mehr. Jesus will, daß wir geschwisterlich leben im besten Sinne, aber das Haupt der Kirche ist Er. Ursprung und Ziel der Kirche ist nicht ein liebevoller Familienkreis, sondern Gott."

Natürlich kam auch die Forderung nach "wertschätzende[r] Haltung und Anerkennung [...] gegenüber selbstbestimmter achtsamer Sexualität und Partnerschaft" zur Sprache -- und zur Begründung wurde darauf verwiesen, dass Jesus ja schließlich auch "außerhalt der üblichen Familienstrukturen" zur Welt gekommen sei. Grönch. Was Claudia sonst noch über diese Andacht und die darauf folgende Diskussionsrunde schreibt - in der sie laut eigener Einschätzung die einzige Teilnehmerin war, "die die katholische Lehre vollständig annimmt und verteidigt" -, erweckt den Eindruck einer Veranstaltung, die von wenig Kenntnis und Verständnis des katholischen Glaubens geprägt war, dafür aber von umso mehr Wut -- einer Wut, die man verständlich und zu einem gewissen Grad berechtigt finden könnte, wenn und insoweit sie sich auf tatsächliche Missbräuche und Verbrechen im Bereich der Kirche - sexuelle und andere - bezöge. Aber ich kann mir nicht helfen, ich werde den Eindruck nicht los, dass sowohl die Zwonullerbewegung als auch der Schismatische Weg diese Themen lediglich als Vorwand nutzen. Der eigentliche Grund für die Wut der Zwonullerinnen ist, dass die Kirche nicht so ist, wie sie sie haben wollen -- und dass sie sich persönlich nicht genügend wertgeschätzt fühlen. Dabei rekrutiert sich doe Zwonullerbewegung wesentlich aus Personen, die seit Jahrzehnten auf Pfarrei-, Dekanats- und/oder Bistumsebene im institutionellen Apparat der Kirche aktiv sind und da zum Teil durchaus einflussreiche Positionen innehaben. Aber das genügt ihnen nicht, solange sie nicht Diakonin, Priesterin, Bischöfin und Päpstin werden können.

Bloggerkollege Kephas äußerte bereits vor Monaten auf Twitter:

"Die Zweinullgruppe ist die Rache der Rentner an einem anerzogenen Glauben, den sie nie teilen wollten."

Er fügte zwar den Hashtag #changemymind hinzu, aber damit kann ich ihm nicht dienen -- denn meine eigene Einschätzung unterscheidet sich allenfalls in Nuancen von der seinen. Ich denke, wir haben es hier mit Leuten zu tun, die einer aus verwässerten und in Pastellfarben angestrichenen Versatzstücken des Christentums, pantheistisch-neuheidnisch angehauchten Matriarchatsphantasien plus Ökoromantik, Bachblüten, Aromatherapie und 70er-Jahre-Psychobabbel zusammengebastelten Pseudoreligion anhängen, von der sie irrtümlich annehmen, das sei das Christentum; und wenn sie mal jemanden treffen, der sich dazu bekennt, was die Kirche tatsächlich lehrt, dann ist das in ihren Augen ein ewiggestriger, mittelalterlicher Fundamentalist. Ein bisschen geht es ihnen also wie dem jungen Mike Flanagan, nur dass sie schon viel älter und in ihrem Irrtum gefestigter sind und darum, statt wie Flanagan zu dem Schluss zu kommen, das Christentum sei dann wohl doch nichts für sie, darauf beharren, sie seien die wahren Christen. Das ist fast ein bisschen zu traurig, um sich darüber lustig zu machen.

Aber eben nur fast

Ohrwurm der Woche: "Hart haben sie mich bedrängt" (Peter Janssens, 1977) 

Ein Pastiche zu Psalm 129, überraschend funky interpretiert von Sacropop-Großmeister Peter Janssens. Den Track habe ich auf YouTube entdeckt, während ich im Copyshop die aktuelle Ausgabe der "Lebendigen Steine" ausdruckte. Wie ich überhaupt darauf gekommen bin, nach so etwas zu suchen, ist eine Geschichte für sich, die ich vorläufig noch nicht verraten möchte; aber schon allein den Umstand, dass längst vergessen geglaubte Sacropop-Perlen aus den 70ern heutzutage in Rare-Groove-Kollektionen von Psychedelic- und Krautrock-Connaisseuren Auferstehung feiern, finde ich schon äußerst bemerkenswert -- und witzig. 

Wie so oft im NGL-Bereich (exemplarisch sei auf die Strophen des Klassikers "Die Sache Jesu braucht Begeisterte" verwiesen) steht auch hier der Sound in einem offenbar gewollten Spannungsverhältnis zur Sperrigkeit und Thesenhaftigkeit des Texts; so unfreiwillig komisch das passagenweise wirkt ("Mich hat nie jemand in eine Mondrakete gedrängt", merkte Bloggerkollege Kephas an, als ich den YouTube-Link auf Facebook teilte -- und fügte hinzu, "Mondrakete" sei ja heutzutage bereits ein "komplett ausgestorbenes Wort"), kann ich mit der fortschrittsskeptischen und nonkonformistischen Message des Songs doch so Einiges anfangen; und unbeschadet der "Mondraketen und Atomkraftwerke" erscheint mir der Text im Großen und Ganzen wie auch in einigen Details  ("Nummerieren wollen sie mich, all meine Daten erfassen") durchaus aktuell. -- "Aber heute sind diese Leute bestimmt alle gegen Corona geimpft", merkte meine Liebste an. -- "Schon", räumte ich ein, "aber die sind auch alle alt genug, um zur Risikogruppe zu gehören." (Janssens selbst natürlich nicht, denn der ist bereits 1998 verstorben; wäre aber, wenn er noch lebte, heute 87 Jahre alt.) 

Ach ja, und beim in triumphierenden Tonfall vorgetragenen Schlussrefrain "Frustriert werden sie sein, denn der Herr ist mein Sinn / Nie werd' ich funktionieren" kommt mir immer, ob ich will oder nicht, ein Juwel aus der SFB-"Abendschau" von anno 1972 in den Sinn, das ich meinen Lesern keinesfalls vorenthalten möchte

Aus der Lesehore: 

Immer mehr kam ich ab von dir, immer weiter entfernte ich mich von dir, mein Herr, du mein Leben. Ja, mein Leben war schon daran, ein Leichnam zu werden, oder vielmehr, in deinen Augen war ich schon ein Leichnam. Eine schmerzhafte Leere hast du mich spüren lassen. Nie habe ich eine solche Traurigkeit erlebt wie damals. Du, Herr, hast mir diese Unruhe des schlechten Gewissens eingepflanzt; denn so abgestumpft es auch war, tot war es keineswegs. Ich habe nie soviel Traurigkeit, Unbehagen und Unruhe erlebt wie damals.  
Wenn ich damals gestorben wäre, ich wäre in die Hölle gekommen. Gott, deine Hand war über mir und ich ahnte es kaum! Du hast mich unter deinen Flügeln beschirmt, als ich nicht einmal an deine Existenz glaubte!
So hast du mich während der Jahre behütet, bis du die Zeit für gekommen hieltest, mich in die Herde zurückzuführen. 

(Sel. Charles de Foucauld)