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Dienstag, 8. März 2016

Radio Days Are Here Again!

Es ist mal wieder so weit: Heute, am Dienstag, dem 8. März, um 20:30 Uhr werde ich auf Radio Horeb in der Sendung Credo zu hören sein - im Gespräch mit dem charmanten Gregor Dornis. Nachdem ich bei meinem ersten Auftritt in dieser Sendereihe sehr viel über die Blogoezese, das Bloggen im Allgemeinen und die Entstehungsgeschichte dieses meines Blogs erzählen durfte, lautet das Thema der Sendung heute schlicht "Aktuelles". Es verspricht also abwechslungsreich zu werden. Angedachte Gesprächsthemen sind u.a. das Phänomen "Hate Speech" im Internet, der Wahlkampf in den USA, ein Rückblick auf den diesjährigen Valentinstag und die Dauerbrenner-Aufreger-Frage "Dürfen Frauen Hosen tragen?". Außerdem soll auch von dem wohl spannendsten katholischen Social-Media-Projekt des noch jungen Jahres die Rede sein: dem Facebook-Auftritt des bislang wenig bekannten Bistums Gnadensuhl

Jedenfalls freue ich mich wie verrückt auf die Sendung und kann nur wärmstens empfehlen: Schaltet ein! Für alle die, die Radio Horeb nicht empfangen können oder heute Abend um halb Neun keine Zeit haben, wird es, wie ich zuversichtlich annehme, die Sendung in Kürze auch als Podcast und/oder mp3-Download geben; die entsprechenden Links werde ich dann hier nachtragen. 

In diesem Sinne: Man hört sich!


(Nachtrag 09.03.: HIER geht's zum Podcast!) 

Sonntag, 6. März 2016

Eilmeldung: Karl Jasbinschek wird neuer Pfarrer in St. Willehad

Wie die Facebook-Seite der Katholischen Kirchengemeinde St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland am heutigen Sonntag Laetare ("Freuet Euch!") mitteilt, soll Karl Jasbinschek neuer Pfarrer der Pfarrei am nördlichsten Zipfel des zum Bistum Münster gehörigen Offizialatsbezirks Vechta werden, nachdem der vorherige Pfarrer Torsten Jortzick nach knapp eineinhalbjähriger Amtszeit mit Wirkung zum Fest Christkönig letzten Jahres von seinem Amt entpflichtet worden war. Aus der Mitteilung der Pfarrei kann man folgern, dass das vom Offizialat für den Monat März angekündigte Kontaktgespräch, mit dem der künftige Pfarrer und eine Auswahl von Vertretern der Pfarrei einander vorgestellt werden sollten, bereits stattgefunden hat - und dass es positiv verlaufen ist, jedenfalls insoweit, dass es von keiner Seite schwerwiegende Einwände gegen den künftigen Pfarrer gegeben hat. Aber damit war ja, wie ich neulich schon schrieb, im Grunde auch nicht zu rechnen gewesen. 

Pfarrer Jasbinschek ist 60 Jahre alt und derzeit noch (seit 2010) Pfarrer der Gemeinde Seliger Niels Stensen in Lengerich, der flächenmäßig größten Pfarrei des Bistums Münster. Der im Kamp-Lintfort aufgewachsenen Karl Jasbinschek wurde 1983 zum Priester geweiht und im selben Jahr Kaplan in Neubeckum, 1987 dann in Emsdetten. 1990 wurde er zum Diözesankaplan der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) und zum Diözesanpräses der Jungen Gemeinschaft KAB/CAJ  ernannt. 1997 wurde er Pfarrer von St. Ida in Moers; im Nebenamt übernahm er auch die Aufgaben eines Polizeipfarrers und Notfallseelsorgers im Kreis Wesel. (Quelle zu diesen Angaben hier.) Für etwa zweieinhalb Jahre war er Pfarrer in Warendorf, bevor er in die Diaspora nach Lengerich wechselte. Dazwischen pilgerte er noch auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Gelernter Bankkaufmann und ausgebildeter Polizeibeamter ist er obendrein auch noch. 

Alles in allem sieht es also danach aus, als habe das Offizialat für die schwierige Pfarrstelle in Nordenham einen erfahrenen und vielfältig qualifizierten Mann gefunden. Habe ich trotzdem etwas zu meckern? Nun ja, das wird sich vermutlich erst noch zeigen müssen; aber wer mich kennt, den wird es nicht überraschen, dass mich das Foto von Pfarrer Jasbinschek, das die Facebook-Seite von St. Willehad gepostet hat, verhalten misstrauisch stimmt. Weil er darauf im Räuberzivil zu sehen ist, sprich: im Pullover mit offenem Hemdkragen drunter. Allerdings scheint korrekte priesterliche Kleidung im Bistum Münster (und wohl nicht nur dort) insgesamt gar nicht so en vogue zu sein. Das kann man, je nach Temperament, schade oder ärgerlich finden und auf Lukas 16,10 verweisen ("Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen"), aber für einen allgemein verbreiteten Missstand muss man wohl nicht unbedingt einen Einzelnen verantwortlich machen. Hoffen wir also einstweilen, dass der zukünftige Pfarrer von St. Willehad, seinem Foto zum Trotz, kein typischer "Pullover-Priester" ist. Einen solchen würde ich der Gemeinde nämlich ganz und gar nicht wünschen. -- Die Nordenhamer Gemeinde jedenfalls, so heißt es auf Facebook, freut sich auf Pfarrer Jasbinschek; dann will ich mich mal möglichst mitfreuen. Und die künftige Entwicklung in St. Willehad weiterhin aufmerksam verfolgen, versteht sich... 

 

Sonntag, 28. Februar 2016

Anders einen sitzen haben - oder: Pastoral der Sitzengelassenen

Manche Dämonen lassen sich einfach nur durch Gelächter austreiben. 

Das ist ein sehr wesentlicher Grund, warum ich so froh bin, dass es die Facebook-Gruppe "Ein ungenanntes Bistum" gibt. Zwar bringt die inhaltliche Ausrichtung dieser Gruppe es einerseits mit sich, dass man mit bizarren Fundstücken aus der Welt des pastoralen und liturgischen Irrsinns konfrontiert wird, von denen einem sonst wohl ein Großteil erspart bliebe; aber andererseits führen die in dieser Gruppe geposteten Beiträge regelmäßig zu hinreißend witzigen Diskussionen im Kommentarbereich - und das hat vielfach eine unbestreitbare kathartische Wirkung. 

Neulich zum Beispiel wurde in dieser Gruppe auf eine Website mit dem an sich unverdächtigen  (wenn auch teilweise etwas redundanten) Namen "kirchbau.de - das Portal zum Kirchenbau, Sakralarchikektur, Kirchenpädagogik und sakraler Architektur" hingewiesen. Die Seite bietet eine umfangreiche Kirchendatenbank, Informationen zu Kirchenbaugeschichte und Kirchbautheologie, allerdings auch eine "Sammlung kirchenraumpädagogischer Elemente, mit denen junge und ältere Menschen den Kirchenraum neu erleben können auf kreative, diskursive, spielerische und spirituelle Weise" - und da bietet sich dem Auge des staunenden Lesers dann allerlei Befremdliches dar. So etwa das ausdrücklich für Erwachsene konzipierte Projekt
"Anders sitzen - andere Eindrücke". 
Beschrieben wird es wie folgt:
"In der Kirche sind verschiedenste Sitzmöbel aufgestellt. Es sollten einige mehr sein als Personen teilnehmen.
Die TN bewegen sich durch die Kirche und nehmen verschiedene Sitzmöbel ein. Sie sollen den Ort mit dem ganzen Körper erspüren.
Durch akustisches Zeichen werden alle gebeten, sitzen zu bleiben bzw. sich auf ein freies Möbel zu setzen. Eindrücke werden ausgetauscht. Dies kann auch in weiteren Runden geschehen.
Schließlich können die TN gebeten werden, zum Sitzmöbel zu gehen, das ihnen zum Erleben des Raumes heute am meisten weitergeholfen hat. Dort setzen sie sich bzw. bleiben beim Möbel stehen. Gemeinsamer Austausch über die Wirkung von Sitzmöbeln auf das Befinden, die Aufmerksamkeit, die Ausrichtung, usw.
Sitzmöbelbeispiele: Stuhl, Hocker, Sitzsack, Sitzball, Bobby-Car, Bierbank, Gesundheitsliege, Strandliege, Polstersessel, Baumstumpf (Holzrugel), Bodensitzkissen, Kirchentagshocker, Barhocker, Schemel, Eimer, Meditationskniebank". 
Alles klar soweit? Die Facebook-Freundin, die in den Weiten des Netzes auf dieses kirchenpädagogische Konzept gestoßen war und es nun der Gruppe vorstellte, merkte an, sie müsse sich jetzt erst einmal darum kümmern, dass ihre 94jährige Mutter sich "nach dieser Lektüre wieder beruhigt"; in der Folge griffen mehrere Gruppenmitglieder die Anregungen des Projektvorschlags auf ihre eigene Weise auf.
"Reise nach Jerusalem?" - "Ja, mit Erfolgserlebnis, weil keiner verliert."

"Nehmen Sie den Sitzsack? Ich nehme den Gymnastiksitzball, den kenne ich noch von der Geburtsvorbereitung." 

"Ich nehme die Bierbank. Die hilft mir meist am besten. Da erlebt man den Raum voll intensiv und so." -  "Mist, die wollte ich doch nehmen. Na dann eben den Barhocker." - "Ich glaube, da sitzt schon mein Mann!" - "Macht nichts, wie man sieht, ist genug Platz vorhanden und in Gesellschaft schmeckt es eh besser."

"Meine Mutter nimmt den Eimer - 'für alle Zwecke, die mich dort überkommen', sagt sie..."

"Ich nehme den Eimer... den kann man so schön rumdrehen und rein***..." - "Den hat schon meine Mutter! Wie wäre es mit dem Bobbycar?" - "Nee, dann spiele ich nicht mehr mit!" [*Bobbycar in die Ecke donner und schmollend weg geh*] - "Dann tun wir Sie auf die Massageliege für Auszeit." 

"Huch, was ist das denn für ein Waldorf-Katholizismus?" - "Lasst uns die Pfingstsequenz tanzen. Oder die Allerheiligenlitanei. Namen tanzen ist eh groovy." 

"Ich nehme die Eselsbank." 

"Ist eigentlich auch eine Couch vorgesehen? Es scheint mir da doch ein gewisser Behandlungsbedarf vorhanden..."
Nach stundenlangem Herumgeblödel wurde aber schließlich doch noch substantielle Kritik an dem Projektentwurf geübt:
"Wenn alle sitzen, wie soll man sie dann abholen, wo wie stehen? Das ist aber pastoral nicht sehr gut durchdacht!" 
Doch keine Bange: Die Seite kirchbau.de hat im Bereich "Kirchenraumpädagogik" noch mehr Schönes zu bieten. Zum Beispiel das Projekt "Kirchenschlaf". Wobei, ganz so innovativ ist das wohl auch nicht: Für eine Erfahrung dieser Art sorgt in manch einer Kirche schon die Predigt...


Was bitte ist denn der Herr Zimmermann für einer?

Wie viele meiner Leser wohl wissen werden, habe ich seit meiner Studentenzeit einige Kontakte zur so genannten "linken Szene" in Berlin. Auch wenn es in den letzten Jahren etwas schwieriger für mich geworden ist, mich in diesen Kreisen zu bewegen, kann ich doch nach wie vor sagen, dass es da viele Menschen gibt, die - auch wenn ihre Vorstellungen von einer besseren und gerechteren Gesellschaft nicht unbedingt die meinen sind - ohne Zweifel gute und ehrenwerte Absichten haben und auch sehr wohl in der Lage sind, sich sachlich, differenziert und respektvoll mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Ich kenne in dieser Szene nicht wenige Leute, die ich persönlich sehr schätze und mag. 


Zur letzteren Kategorie wird man wohl die Personen rechnen müssen, die in der Nacht zum Montag letzter Woche das Lokal "Stadtklause" am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg verwüstet haben. Ein Lokal, das in der Nähe meines Arbeitsplatzes liegt und in dem ich in den letzten ca. fünf Jahren zwar nicht oft, aber doch immer mal wieder zu Gast war. Die Nachricht, dass dort jemand die Scheiben eingeschlagen und Bitumen an die Wände des Gastraums gespritzt hatte, machte mich somit auch persönlich betroffen. - Auf der einschlägig bekannten Internetplattform linksunten.indymedia.org erschien ein Bekennerschreiben, das man wohl als authentisch einschätzen kann, da es offenbar "Täterwissen" enthält. Zur Begründung des Anschlags heißt es in dem Text:
"[W]er Strukturen für faschistische Organisationen stellt, muss mit Angriffen rechnen." 
Strukturen für faschistische Organisationen? - Nun, der Vorwurf bezieht sich offenkundig darauf, dass sich vor einigen Monaten mal der Bezirksverband der AfD in dem Lokal getroffen hat. Vielleicht auch mehr als einmal - diesbezüglich sind die Angaben des Gastwirts und des AfD-Sprechers in der Presse nicht ganz eindeutig -, aber jedenfalls nur gelegentlich und nicht regelmäßig. Getroffen haben sich in der gemütlichen, etwas altmodisch-rustikalen "Stadtklause" aber auch noch ganz andere Leute. Zum Beispiel ich mich mit sehr unterschiedlichen Personen, darunter Journalisten, katholischen Priestern und einmal sogar mit einer Grünen-Politikerin. Zugegeben, ich war dort auch ein-, zweimal bei Veranstaltungen des Berliner Landesverbands der "Christdemokraten für das Leben" (CDL), und ich kann nicht ausschließen, dass die CDL aus Sicht der Antifa ebenfalls als "faschistische Organisation" gilt. Aber stellen wir diesen Gedanken mal vorerst noch zurück.

Jedenfalls, da ich wie gesagt in der Nähe des Lokals arbeite, ging ich, nachdem ich am Mittwoch aus dem Tagesspiegel von dem Anschlag erfahren hatte, in meiner Mittagspause mal kurz dort vorbei. Fünf Personen waren damit beschäftigt, den Gastraum zu reinigen; darunter war ein Mitarbeiter, den ich ein bisschen kenne und der, wie ich glaube, aus Polen stammt. Jedenfalls aus Osteuropa. "Hast du mitgekriegt, was hier passiert ist?", fragte er mich. Ich bejahte. "Schöne Scheiße das." - "Und die Ausländer müssen es jetzt ausbaden", lachte er, und ich erwiderte: "Ja, schon irgendwie ironisch. - Ihr kriegt den Laden aber wieder hin, oder?" - "Na klar. Und dann stellen wir hier eine Spendenbüchse auf." Ich versprach, dann bei Gelegenheit mal auf ein Bier vorbeizukommen, und verabschiedete mich.

Wenig später entdeckte ich auf Twitter die folgende Wortmeldung zum Thema:


Klare Aussage: Ein Gastwirt, der in seinem Lokal "Rassist*innen" duldet, ist selbst schuld, wenn ihm die Scheiben eingeschlagen und die Wände beschmiert werden, ja, es geschieht ihm sogar recht. Man könnte dies sogar als unverhohlene Drohung gegen andere Gastwirte auffassen: Seht zu, dass es euch nicht genauso ergeht! -- Freilich könnte man im Sinne der Unschuldsvermutung erwägen, der Tweet sei womöglich zu einem gewissen Grad ironisch gemeint; auf Nachfrage bestätigte der Herr Zimmermann jedoch ausdrücklich, seine Aussage sei als "wohlwollende[] Kommentierung" des Anschlags zu verstehen.

Da stellt sich nun natürlich die Frage: Was bitte ist eigentlich der Herr Zimmermann für einer? In seinem Twitter-Profil nennt er als Interessenschwerpunkte "activism, press, feminism, antifascism. drugs". Das ist ja nun schon fast ein bisschen zu klischeehaft, um wahr zu sein. Einen Blog hat er auch, aber da ist schon seit über einem Jahr kein neuer Artikel mehr erschienen. Was man allerdings mit minimalem Rechercheaufwand feststellen kann, ist, dass Jan Zimmermann in der Piratenpartei aktiv ist - oder war. Ende 2014 wurde er sogar als Beisitzer in den Berliner Landesvorstand der Partei gewählt. Dort machte er sich allerdings nicht nur Freunde: So beklagte sich schon kurz nach seiner Wahl die parteiinterne Plattform "Sozial-Liberale Partizipation" darüber, Zimmermann habe den sozialliberalen Flügel der Piraten als "traditionell faschistische Vereinigung" (!) bezeichnet. Anhand der Protokolle des Landesvorstands kann man nachvollziehen, dass Jan Zimmermann irgendwann zwischen dem 12. April und dem 10. Mai 2015 von seinem Beisitzerposten zurückgetreten ist. Zu den Gründen erfährt man da aber nichts. Ist wohl auch nicht so wichtig: Piraten treten ja ständig wegen irgendwas von irgendwelchen Ämtern zurück oder aus der Partei aus.

Man mag nach alledem der Ansicht sein, Jan Zimmermann sei bloß irgendein Krawallvogel, dem man tunlichst keine größere Aufmerksamkeit zuteil werden lassen sollte. Aber er ist ja nicht allein mit seinen Ansichten. Vielmehr scheint es mir ein beunruhigendes Anzeichen für die allgemeine Radikalisierung der Gesellschaft zu sein, dass die Auffassung, zur Bekämpfung politischer Gegner sei auch Gewalt ein legitimes Mittel, sich einer wachsenden Zustimmung erfreut. Zumindest dann, wenn es "gegen Rechts" geht. Dann ist es so zu sagen Notwehr. -- In einem Leserkommentar auf der oben erwähnten indymedia-Seite wurde der Anschlag auf die "Stadtklause" als Erfolg bezeichnet, weil der AfD-Sprecher Roland Gläser im Tagesspiegel mit der Aussage zitiert wurde, es werde für seine Partei "immer schwieriger, für Treffen in der Öffentlichkeit Lokale zu finden". Der anonyme Kommentator folgerte: "Hier wurde ein effektiver Beitrag dazu geleistet, der AfD öffentliche Räume zu nehmen." Die Gefährdung der unternehmerischen Existenz einen Gastwirts ist dabei, so scheint es,  als Kollateralschaden in Kauf zu nehmen.

-- Ist das so? Besonders in Sozialen Netzwerken begegnen einem immer mal wieder Wortmeldungen, die in den steigenden Umfragewerten für die AfD eine Parallele zum Aufstieg der NSDAP in der Spätphase der Weimarer Republik sehen. Das spricht zwar - so viel es auch an Positionen von AfD-Vertretern und -Anhängern berechtigterweise zu kritisieren gibt - für ein sehr simpel gestricktes Geschichtsverständnis, aber das allein würde ich noch niemandem zum Vorwurf machen. Problematisch wird es jedoch, wenn die Annahme, die wachsende Popularität der AfD stelle eine akute Bedrohung für Demokratie und Rechtsstaat dar, jedoch zu der Auffassung führt, zur Bekämpfung dieser Partei müsse jedes Mittel recht sein. Dass man Demokratie und Rechtsstaat nicht verteidigen kann, indem man im Umgang mit dem Gegner demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien außer Acht lässt, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Tut es aber anscheinend nicht bzw. immer weniger.

Zu bedenken ist dabei auch, dass der derzeit bevorzugt gegen Repräsentanten und Anhänger der AfD gerichtete Vorwurf, sie seien die Nazis von heute (und deshalb mit allen Mitteln zu bekämpfen), sich beinahe beliebig auf andere Gruppen ausweiten lässt. Auch dafür ist Jan Zimmermann, der ja selbst innerhalb seiner eigenen Partei faschistische Strukturen witterte, ein gutes Beispiel. Ein ziemlich extremes, zugegeben. Aber mit einer ganz ähnlichen Rhetorik, wie sie sich im Bekennerschreiben zum "Stadtklause"-Anschlag findet ("...muss mit Angriffen rechnen"), wurden, beispielsweise, auch schon Fälle von Vandalismus gegen Lebensschützer gerechtfertigt. Klar, sind ja im weitesten Sinne auch alles Nazis. Da trifft es sich ja gewissermaßen ganz gut, dass mit der "Stadtklause", wie oben erwähnt, auch ein regelmäßiges Tagungslokal der "Christdemokraten für das Leben" getroffen wurde. -- Wenig überraschend übrigens, dass auch unser Freund Jan Zimmermann eine Meinung zum Thema Abtreibung hat. Sie lautet: "Der Mann* muss vor allem seine Fresse halten wenn es um den Körper einer Frau* geht. Seriously. Wtf." Fairerweise muss man dazusagen, dass die Position, auf die er mit diesem Tweet antwortet, gerade keine Lebensschutzposition ist. Im Gegenteil. Für die Zimmermannsche Argumentation spielt das aber im Grunde keine Rolle, denn er meint ja, der Verfasser des von ihm kritisierten Beitrags habe überhaupt kein Recht, sich zu diesem Thema zu äußern. Merke: Meinungsfreiheit ist nicht für alle da, jedenfalls nicht bei jedem Thema bzw. nur danmn, wenn man die richtige Meinung hat. Folgerichtig stößt es Jan Zimmermann auch übel auf, dass der Blog, auf dem der betreffende Beitrag erschienen ist, "'Meinungsfreiheit' so plakativ im Header trägt": So jemand könne "eigentlich nur scheiße sein". Schon klar: Wer Meinungsfreiheit für sich einfordert, setzt sich schon aus Prinzip dem Verdacht aus, eine falsche Meinung zu haben - also ein "Faschofreund" zu sein. Und da gilt dann: "Der Kartoffelmob muss von der Straße geprügelt werden. Immer wieder." Beziehungsweise: "Deutschland aufs Maul!"

Zusammenfassend gesagt ergibt sich aus den gesammelten Tweets des Jan Zimmermann der Eindruck, er sei überzeugt davon, dass der Faschismus den Deutschem gewissermaßen im Blut liege. Äh, Moment - im Blut? Das kann nicht sein, das wäre ja rassistisch. Also liegt er den Deutschen wohl in irgendwas Anderem. Ich hingegen halte - ohne das Problem fremdenfeindlicher Gewalt in Deutschland kleinreden zu wollen - die Gefahr, dass Deutschland schnurstracks auf eine aktualisierte Neuauflage der NS-Diktatur zusteuern könnte, für relativ gering; für durchaus real hingegen halte ich die Gefahr, dass die Beschwörung einer faschistischen Bedrohung dazu instrumentalisiert wird, einen sich selbst als "antifaschistisch" bezeichnenden Extremismus zu legitimieren und zu verharmlosen.

Aber das habe ich ja so ähnlich schon mal geschrieben.



Donnerstag, 25. Februar 2016

Wir verwalten uns zu Tode - Bloggupy St. Willehad, Teil 2

Im ersten Teil meines Berichts über die Pfarrversammlung in St. Willehad (Nordenham) hatte ich den größten Brocken noch ausgespart: die Debatten über die Hintergründe der Entpflichtung von Pfarrer Torsten Jortzick, die einen erheblichen Teil der mehr als zwei Stunden dauernden Versammlung einnahmen. Gleich zu Beginn widersprach Offizialatsrat Monsignore Bernd Winter der Auffassung, nur eine kleine Gruppe innerhalb der Gemeinde habe gegen den ansonsten allseits hochgeschätzten Pfarrer agitiert. "Wir haben sehr, sehr viele Briefe und eMails aus der Gemeinde erhalten", erklärte Monsignore Winter. "Die Einen haben geschrieben 'Dank Pfarrer Jortzick blüht hier alles auf', die Anderen 'Der macht hier alles kaputt'. Und es ist nicht so, dass es da klare Mehrheitsverhältnisse gegeben hätte." Dass diejenigen Gemeindemitglieder, die Pfarrer Jortzicks Wirken in St. Willehad positiv bewerteten, nach eigenen Angaben niemals konkrete sachliche Gründe für die ablehnende Haltung anderer Gemeindemitglieder dem Pfarrer gegenüber zu hören bekommen hätten, wurde z.T. damit erklärt, dass Beschwerden über Pfarrer Jortzick nicht zuletzt auch von hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern gekommen seien, die sich aufgrund ihrer Loyalitätspflicht nicht öffentlich dazu hätten äußern können bzw. dürfen. 

"Niemand im Offizialat sagt, Torsten Jortzick wäre ein schlechter Priester", betonte Monsignore Winter. Auch bestreite niemand, dass Pfarrer Jortzick auf dem Gebiet der Seelsorge sehr gute Arbeit geleistet habe. Defizite habe es jedoch auf anderen Gebieten gegeben - so zum Beispiel bei der Kommunikation mit den Gremien der Pfarrei und den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. 

In diesem Zusammenhang rekapitulierte Monsignore Winter die Vorgänge, die vor einem knappen Jahr zum Rücktritt der meisten Mitglieder des Pfarreirats und in der Folge zur Auflösung dieses Gremiums geführt hatten. Der Vorsitzende des Pfarreirats, Dr. Günther Schöffner, und die stellvertretende Vorsitzende Henriette Eichner hätten sich mehrfach um ein persönliches Gespräch mit Pfarrer Jortzick über verschiedene Kritikpunkte bemüht; Pfarrer Jortzick habe ein solches Gespräch zunächst zugesagt, es dann aber immer wieder hinausgezögert und seine Zusage schließlich widerrufen. Auch ein Vermittlungsangebot des Offizialatsrats habe er abgelehnt und schließlich ausdrücklich erklärt, er wolle mit Dr. Schöffner und Frau Eichner nicht reden. "Im Grunde hätte er da schon gehen müssen", bemerkte Monsignore Winter. 

Die Vorsitzende der Nordenhamer Kolpingsfamilie, Andrea Suhr, und andere Teilnehmer der Pfarrversammlung warfen an dieser Stelle ein, man solle auch erwähnen, dass Pfarrer Jortzicks Weigerung, mit den Vorsitzenden des Pfarreirats zu sprechen, eine Vorgeschichte gehabt habe und dass Dr. Schöffner und Frau Eichner an dem Zerwürfnis durchaus nicht unschuldig seien; aber Monsignore Winter beharrte: "Ein Pfarrer muss immer gesprächsbereit sein." Über mangelnde Gesprächsbereitschaft des Pfarrers, gebrochene Zusagen für persönliche Unterredungen und allgemeine Unempfänglichkeit für Kritik klagten auch mehrere haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter der Pfarrei. 

Monsignore Winter stellte fest, mit den administrativen Aufgaben der Leitung einer Pfarrei sei Pfarrer Jortzick offenbar vielfach überfordert gewesen. Als symptomatisch hierfür stellte er den Umstand heraus, dass während Pfarrer Jortzicks ganzer Amtszeit die Kirchenbücher der Pfarrei nicht ordnungsgemäß geführt worden seien; ja, diese seien in einem - so wörtlich - "katastrophalen Zustand" hinterlassen worden. "Alles, was zur Verwaltung einer Pfarrei gehörte, lag ihm offenbar überhaupt nicht", resümierte Monsignore Winter - und räumte ein: "Im Grunde hat das Offizialat da einen Fehler gemacht. Wir haben einen Mann, der gut für die Seelsorge ist, an die falsche Stelle gesetzt." 

An seiner neuen Stelle in Dorsten, meinte Monsignore Winter, sei Torsten Jortzick ohne Zweifel besser aufgehoben: Dort könne er seelsorgerisch arbeiten, ohne mit Leitungsaufgaben belastet zu sein. Auch Pfarrer Manfred Janßen, der derzeit zusätzlich zu seiner eigenen Pfarrei St. Bonifatius in Varel die Pfarrverwaltung von St. Willehad übernommen hat, bestätigte, in Dorsten gehe es Pfarrer Jortzick gut. 

Nun ist das natürlich schön für Torsten Jortzick und auch schön für die Gemeinde in Dorsten; aber mal ganz abgesehen davon, dass seine dortige Stelle auf ein halbes Jahr befristet ist, stellt sich die Frage, was daraus für solche Pfarreien folgt, die - wie eben St. Willehad - nur eine Planstelle für einen Priester haben, der sich folglich um Verwaltung und Seelsorge kümmern muss. Im Moment ist die Gemeinde von St. Willehad ja noch in einer vergleichsweise glücklichen Lage: Während die Verwaltungsaufgaben von Pfarrer Janßen verantwortet werden, wird die Pfarrei seelsorgerlich von Kaplan Alex Mathew und Diakon Christoph Richter betreut. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Kaplan und der Diakon derzeit so ziemlich die einzigen Personen in St. Willehad sind, die von der ganzen Gemeinde einhellig geschätzt und gemocht werden. Das spricht wohl dafür, dass sie ihre Arbeit gut machen. Allerdings ist Pater Alex nur vorübergehend in St. Willehad, und die Vertreter des Offizialats haben unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Stelle eines Kaplans für diese Pfarrei auf Dauer nicht vorgesehen ist. Dagegen wird Diakon Richter der Gemeinde voraussichtlich auch weiterhin erhalten bleiben, aber er ist nun einmal kein Priester - das heißt: Er kann in der Seelsorge vielerlei Aufgaben übernehmen, aber Sakramente spenden kann er nicht. 

-- Worauf will ich hinaus? Mir scheint, der Umstand, dass nach Einschätzung vieler Gemeindemitglieder das kirchliche Leben in St. Willehad unter Pfarrer Jortzick "aufgeblüht" ist, während es gleichzeitig unbestreitbare Missstände im administrativen Bereich gegeben hat, ist über den konkreten Fall dieser einen Pfarrei hinaus aussagekräftig. Sicher ist das Ausmaß der Eskalation der Konflikte innerhalb der Gemeinde von St. Willehad ein besonders dramatischer Fall, und sicher hat dies vielschichtige Ursachen, die zumindest zum Teil ortsspezifisch sind. Aber dass Gemeindepfarrer überlastet, überfordert, frustriert, desillusioniert sind; dass die Verwaltungsaufgaben die Seelsorge überwuchern oder, wie im Fall von St. Willehad, eben umgekehrt; das hört man immer wieder von verschiedensten Orten. Das kann man der Presse entnehmen, und das konnte ich auch an vielfältigen Reaktionen auf meine bisherigen Blogartikel über die Lage in St. Willehad ablesen. "Es ist überall dasselbe", habe ich wiederholt zu hören oder zu lesen bekommen. Es stellt sich also die Frage, ob hier nicht ein grundsätzliches strukturelles Problem vorliegt. 

Dass eine Pfarrei ein Management benötigt, ist unschwer einzusehen. Das ordentliche Führen von Kirchenbüchern ist da ja noch das kleinste Problem. Pfarreien verwalten Immobilien, Pfarreien beschäftigen Angestellte, Pfarreien betreiben Kindergärten und andere soziale Einrichtungen. Da hängt viel Arbeit dran, und in letzter Instanz ist der leitende Pfarrer für all das verantwortlich. Aber, mal ehrlich: Wer wird denn Priester, weil er einen Verwaltungsjob machen will? Man sollte annehmen, jemand, der den Weg zum Priesteramt einschlägt, sieht seine Berufung vor allem in der Seelsorge und im Spenden der Sakramente. Und dann sieht er sich plötzlich mit Aufgaben ganz anderer Art konfrontiert. -- Wenn hierzulande ein grassierender Priestermangel beklagt wird, kann man zwar darauf verweisen, dass das rein zahlenmäßige Verhältnis zwischen Priestern und Gläubigen - und erst recht praktizierenden Gläubigen - hier und heute tatsächlich besser ist als zu anderen Zeiten, und auch besser als in vielen anderen Teilen der Welt, in denen die Kirche nichtsdestoweniger floriert. Aber trotzdem ist landauf, landab zu beobachten, dass Pfarrer ihre Arbeit nicht bewältigt bekommen. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Pfarrer einfach mit zu vielen Aufgaben belastet werden - und zwar nicht zuletzt mit solchen, die im eigentlichen Sinne keine priesterlichen Aufgaben sind. -- Man hört immer wieder, das Problem des Priestermangels sei nur durch eine stärkere Einbindung von Laien in die Arbeit der Pfarreien zu bewältigen. Das erscheint durchaus vernünftig. Aber wäre es dann nicht sinnvoll, Laien vor allem für solche Aufgaben einzusetzen, die ohnehin nicht im eigentlichen Sinne zum priesterlichen Dienst gehören - Aufgaben, für die Laien, die einen "weltlichen" Beruf erlernt haben, womöglich sogar erheblich besser qualifiziert sind als ein Priester? -- Stattdessen bestellt man Laien zu Kommunionhelfern und "Beerdigungsdienstleitern" und ersetzt Eucharistiefeiern durch von Laien geleitete "Wort-Gottes-Feiern", während die Priester an ihrem Schreibtisch in bürokratischem Papierkram ertrinken. Irgendwas läuft da doch verkehrt.

Ich gebe zu, dass ich keine praktikable Lösung für dieses Dilemma parat habe. Klar ist: Wenn die Gesamtleitung der Pfarrei einem Priester unterliegt, dann hat dieser auch die Gesamtverantwortung - auch die geschäftliche. Und die Alternative, die darauf hinausliefe, dass der Priester de facto nur Angestellter der Pfarrei wäre, ist ja nun auch keine wünschenswerte Lösung. Mal abgesehen davon, dass manche Gemeindegremien ihre Pfarrer ohnehin schon so behandeln.

Aber lassen wir diese allgemeinen Reflexionen vorerst mal so stehen und wenden uns wieder dem konkreten Fall St. Willehad zu. Ein spezielles Thema der Pfarrversammlung stellte die Schließung der Herz-Jesu-Kirche in Nordenham-Einswarden und des Kommunikationszentrums "Oase" in Butjadingen-Tossens dar, die zum Jahreswechsel 2014/2015 für Unmut und Irritationen in der Gemeinde gesorgt hatte - und auch im Offizialat, wie sich nun herausstellte. Offizialatsrat Monsignore Winter betonte, bei der Investitur eines Gemeindepfarrers werde diesem die "besondere Sorge für die Gotteshäuser der Gemeinde" aufgetragen. Mit der als "vorläufig" bezeichneten Schließung von zwei der bis dahin fünf Gottesdienststandorten der Pfarrei sei Pfarrer Jortzick dieser Verpflichtung nicht gerecht geworden und habe zudem seine Kompetenzen überschritten: "Kein Pfarrer darf eigenmächtig Kirchen schließen - das ist ein Rechtsakt des Bischofs." Wenn eine Pfarrei der Meinung sei, ein Gotteshaus mittelfristig nicht mehr betreiben zu können, müsse dies der Bistumsleitung im Rahmen eines Pastoralplans unterbreitet werden. Auch müsse der Gemeinde Gelegenheit gegeben werden, "von einem Gotteshaus Abschied zu nehmen". Gemeindemitglieder aus Einswarden reagierten auf diese Ausführungen mit der naheliegenden Frage, weshalb die Schließung der betreffenden Standorte, wenn diese doch unrechtmäßig gewesen sei, nicht rückgängig gemacht werde bzw. nicht bereits rückgängig gemacht worden sei. Diese Frage blieb jedoch unbeantwortet im Raum stehen; ebensowenig wurde thematisiert, wie ein einzelner Priester fünf weit auseinanderliegende Gottesdienststandorte hätte betreuen sollen, für die zuvor zwei Pfarrer zuständig gewesen waren. Alles in allem ergibt sich der Eindruck, dass dem Offizialat die von Pfarrer Jortzick eigenmächtig geschaffenen Fakten im Ergebnis gar nicht so unrecht sind.

Zu dem Umstand, dass es in St. Willehad seit mittlerweile fast einem Jahr keinen Pfarreirat gibt, erklärte Monsignore Winter, man habe angesichts der vielfältigen Konflikte innerhalb der Gemeinde bislang keine sinnvollen Voraussetzungen für die Neuwahl dieses Gremiums gesehen: Würde unter den derzeitigen Verhältnissen ein neuer Pfarreirat gewählt, sei damit zu rechnen, dass die Zusammensetzung dieses Gremiums lediglich die problematische Lagerbildung innerhalb der Gemeinde widerspiegeln werde, womit die bestehenden Konflikte lediglich auf eine andere Ebene verlagert würden und im Ergebnis niemandem geholfen sei. Man gehe daher derzeit davon aus, dass es bis zum nächsten regulären Wahltermin im Herbst 2017 keinen neuen Pfarreirat geben werde; sehr wohl sei es aber notwendig, ein Übergangsgremium zu schaffen, über dessen konkrete Zusammensetzung noch gesprochen werden müsse.

Hingegen wurde der Gemeinde mitgeteilt, dass die Einsetzung eines neuen Pfarrers für St. Willehad bereits auf einem guten Weg sei. Pfarrverwalter Manfred Janßen erklärte in seinen Begrüßungsworten, angesichts der Tatsache, dass der Priesternachwuchs in Deutschland "überall im Argen" liege, könne die Gemeinde "sehr, sehr dankbar" sein, dass sie überhaupt noch einen neuen Pfarrer bekomme; Offizialatsrat Monsignore Winter widersprach dieser Darstellung jedoch: Nordenham habe nun einmal eine Pfarrerstelle, und es habe grundsätzlich nie in Frage gestanden, dass diese auch wieder besetzt werden würde. Inzwischen gebe es auch bereits einen Kandidaten für diese Stelle. Das Prozedere für die Besetzung von Pfarrerstellen im Offizialatsbezirk Vechta sieht ein Kontaktgespräch mit den Gremien der Pfarrei vor, bei dem geklärt werden soll, ob es seitens der Gemeinde begründete Einwände gegen den Priester gibt oder gegebenenfalls auch umgekehrt; bis zu diesem Termin wird der Name des Kandidaten nicht öffentlich bekannt gegeben. Bestehen von keiner Seite schwerwiegende Einwände, folgt die Ernennung des Pfarrers durch den Bischof, sodann die Investitur in Vechta und schließlich die Amtseinführung vor Ort. Das Kontaktgespräch soll laut den Plänen des Offizialats im März stattfinden; wenn dann alles gut laufe, könne die Amtseinführung "um Pfingsten herum" erfolgen.

Nun sollten an einem solchen Kontaktgespräch allerdings theoretisch der Kirchenausschuss und der Pfarreirat teilnehmen, und den letzteren gibt es in St. Willehad ja wie gesagt derzeit nicht. Monsignore Winter erklärte, unter den vorliegenden Bedingungen sei es prinzipiell möglich, nur den Kirchenausschuss am Kontaktgespräch teilnehmen zu lassen, aber man wolle das Gespräch doch lieber auf eine breitere Basis stellen und schlage daher vor, je einen Vertreter aller Gruppen und Kreise der Pfarrei zum Kontaktgespräch zu entsenden. Insgesamt komme man dann einschließlich der Mitglieder des Kirchenausschusses auf ungefähr 35 Personen. Bei der Aufzählung der diversen "Gruppen und Kreise" - Basarteam, Ökumenischer Eine-Welt-Kreis, Ökumenischer Taizé-Gebetskreis... - wurde mir zwar teilweise schon ganz anders, aber ich will es mal mit meinen Pawlowschen Reflexen gegenüber bestimmten Reizwörtern nicht übertreiben. Zumal ja auch - beispielsweise - die Leiterin der Messdienergruppe, die Erstkommunion- und Firmkatechetinnen und Vertreter der Kolpingsfamilien Nordenham und Einswarden diesem improvisierten Gremium angehören werden; und auch von einigen Mitgliedern des Kirchenausschusses bin ich überzeugt, dass sie sich einen Pfarrer wünschen, der die positiven Impulse der liturgischen und seelsorgerischen Arbeit von Torsten Jortzick weiterführt. Zu bedenken ist dabei natürlich so oder so, dass die Vertreter der Gemeinde den neuen Pfarrer nicht wählen, wie das etwa in evangelischen Kirchengemeinden der Fall wäre. Im Grunde haben die Gemeindevertreter ja lediglich der Ernennung des ihnen vorgestellten Kandidaten zuzustimmen - oder eben nicht zuzustimmen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das passiert. Genauer gesagt, ich kann mir kaum vorstellen, was der designierte Pfarrer für einer sein sollte, damit die Gemeindevertreter lieber keinen neuen Pfarrer haben möchten als diesen. Aber lassen wir uns mal überraschen -- "um Pfingsten herum" wissen wir wohl mehr...


Dienstag, 23. Februar 2016

Suchen und Fragen - Bloggupy St. Willehad, Teil 1

Die Nordenhamer Lokalpresse berichtet über neue Entwicklungen in der krisengebeutelten Pfarrei St. Willehad. Aber diesmal muss ich mich nicht auf das verlassen, was die beiden örtlichen Tageszeitungen schreiben: Erstmals seit rund vier Monaten war ich mal wieder selbst vor Ort und konnte mir ein Bild von der Lage machen. 

Eigentlich hatte ich nicht gedacht, dass ich so bald wieder in mein Heimatstädtchen kommen würde - obwohl es mich natürlich brennend interessierte, wie die Dinge in der dortigen Kirchengemeinde so stehen. Aber dann verschlug mich ein familiärer Anlass - auf den ich hier nicht groß eingehen möchte, da er im Grunde nicht zum Thema gehört - kurzfristig doch dorthin. Und das ausgerechnet an dem Wochenende, an dem in der Pfarrei St. Willehad eine Pfarrversammlung anstand, zu der auch Vertreter des Bischöflich Münsterschen Offizialats in Vechta erwartet wurden. Das muss man dann wohl als Fügung betrachten. 

Im Ankündigungstext zur Pfarrversammlung, den die Pfarrei St. Willehad veröffentlicht hatte, hieß es u.a., es sollten "Klarstellungen erfolgen zu Behauptungen und Gerüchten, die hier in der Gemeinde kursieren". Spannend - und sehr notwendig. Weiter hieß es, "es sollen die weiteren Schritte der Zukunftsentwicklung unserer Gemeinde in den Blick kommen". Bemerkenswert fand ich auch, wen das Offizialat zu dieser Versammlung entsandte: "Neben den örtlichen Seelsorgern nehmen seitens des Offizialates der Offizialatsrat Bernd Winter, der Leiter des Referats Erwachsenenseelsorge, Dominik Blum, und der Rechtsanwalt Andreas Windhaus an dem Gespräch teil", war der örtlichen Presse zu entnehmen

Soweit, so fein. Mit Offizialatsrat Monsignore Winter hatte ich, wie berichtet, schon mal einen sehr netten Mail-Kontakt, im Zuge dessen wir uns gegenseitig versichert hatten, wir würden uns gern einmal persönlich kennenlernen; da ergab sich ja nun eine unerwartete Gelegenheit. Dominik Blum war mir bislang nur von einem Gastbeitrag auf katholisch.de her ein Begriff, in dem er zu guter Nachbarschaft zwischen Christen und Muslimen ermunterte. Zu denken gab mir allerdings die angekündigte Teilnahme von Rechtsanwalt Windhaus - der, sehr passend zu seinem Beruf, für die Rechtsabteilung des Offizialats arbeitet. Was sollte es wohl bedeuten, dass der zu diesem Treffen entsandt wurde? 

Vor die Pfarrversammlung am Sonntag Reminiscere hatte der Herrgott jedoch die Heilige Messe gesetzt, und ganz im Einklang mit Björn Odendahls 10-Punkte-Plan ging ich da extra früh hin. Der erste Besucher war ich trotzdem nicht. Auch hatte ich weder mein Goldschnitt-Exemplar des Gotteslobs dabei noch blankgeputzte Schuhe an; und schlimmer noch, ich setzte mich nicht etwa in die erste Reihe, sondern ganz gezielt in die letzte. Damit alle, die hereinkämen, an mir vorbei müssten. Auf diese Weise sah ich eine Menge bekannte Gesichter. Meinen ehemaligen Religionslehrer. Eltern früherer Mitschüler. Einige Männer und Frauen, die schon in meiner Jugend in den damals noch nicht zu St. Willehad gehörenden Kirchengemeindem von Burhave und Einswarden aktiv gewesen waren. Kurz vor Beginn der Messe war die Kirche mehr als voll besetzt. 

Die Stirnwand der Kirche war mit fastenzeitlich violetten Tüchern verhüllt, vor deren Hintergrund das durchaus dekorative, aber etwas nichtssagende Hungertuch von Dao Zi prangte. Nun gut, dafür, wie das aktuelle Misereor-Hungertuch aussieht, kann die Pfarrei St. Willehad ja nichts. Allerdings war dies tatsächlich das erste Mal, dass ich dieses Hungertuch in einer Kirche sah - die anderen Kirchen, in denen ich seit Aschermittwoch war, hatten es nicht ausgestellt. Interessant. 

Zelebriert wurde die Messe von Monsignore Winter; Pater Alex Mathew, der übergangsweise als Kaplan in Nordenham ist, konzelebrierte, das Evangelium wurde von Diakon Christoph Richter vorgetragen. Am Einzug, der, wenig feierlich, nicht durch den Mittelgang erfolgte - vielmehr trat man direkt aus der Sakristei in den Chorraum -; nahmen neben den drei Genannten nicht nur fünf junge Messdiener, sondern auch die Lektorin und die Kommunionhelferin teil. Vermaledeites Erzlaientum, dachte ich zähneknirschend. Und à propos Kommunionhelferin: Diese Dame teilte die Kommunion in den hinteren Bankreihen am Platz aus. Ein bisschen sah es so aus, als habe sie ihre spezielle Klientel, die die Kommunion von ihr empfängt; aber dieser Eindruck mag getrogen haben. 

Doch der Reihe nach. Gleich zu Beginn der Messe überraschte Monsignore Winter - der übrigens, wie ich finde, eine irritierende physiognomische Ähnlichkeit mit Kardinal Marx hat - die Gemeinde durch eine Ansprache, in der er die Frage aufwarf: "Können wir heute morgen überhaupt zusammen Eucharistie feiern?" Es werde der Würde der Eucharistiefeier schließlich nicht gerecht, sie lediglich als "frommes Vorspiel zur Pfarrversammlung" zu betrachten, betonte er. Er fand eindringliche Worte zum zerrütteten Zustand der Gemeinde, sprach von Verleumdungen und Beleidigungen, die sich zum Teil auch gegen ihn persönlich gerichtet hätten. Das habe ihn wütend gemacht, gestand er. Gleichzeitig übte er Selbstkritik, räumte ein, er habe die Dinge in Nordenham allzu lange schleifen lassen, weil er "oft ganz einfach keine Lust" gehabt habe, sich mit der verfahrenen Situation in dieser Pfarrei auseinanderzusetzen. ("Das war aber falsch!", rief ein älteres Gemeindemitglied dazwischen.) 

Jedenfalls, so Monsignore Winter, sei er überzeugt, dass er, bevor er mit der Gemeinde von St. Willehad die Eucharistie feiern könne, zunächst zwei Dinge tun müsse: Erstens, all jenen vergeben, die ihn verletzt und ihm Unrecht getan hätten; und zweitens, all jene um Verzeihung zu bitten, denen er Unrecht getan habe. Und er lud die Gemeinde ein, es ihm gleichzutun. 

Komisch, dachte ich, eigentlich ist das doch sowieso Bestandteil der Liturgie. Aber ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da zeigte sich, dass Monsignore Winter tatsächlich gerade dabei war, zum Allgemeinen Schuldbekenntnis überzuleiten. Einem Bestandteil der Messe, den Pfarrer Bögershausen seinerzeit nur allzu gern weggelassen hatte. Und Monsignore Winter betete das Schuldbekenntnis sogar ad orientem - mit dem Gesicht zum Altar -, um deutlich zu machen, dass er gemeinsam mit der Gemeinde auch seine Schuld bekannte und um Vergebung bat. Seiner Aufforderung, zum Schuldbekenntnis aufzustehen und einander die Hände zu reichen, auch über den Mittelgang hinweg, kamen die meisten anwesenden Gemeindemitglieder nach, allerdings nicht alle

Monsignore Winter sagte mir später, er sei überzeugt, dass der Neuanfang, den die Gemeinde von St. Willehad brauche, ein geistlicher Neuanfang sein müsse. Darin stimme ich ihm unbedingt zu. Gleichzeitig schien mit seine Ansprache, die, so beeindruckend sie auch war, praktisch gesehen doch nichts Anderes war als eine sehr ausführlich geratene Einleitung zum Schuldbekenntnis, in hohem Maße bezeichnend für die Bedeutung einer korrekt und würdig gefeierten Liturgie. Schließlich spielt das Element der Versöhnung - mit Gott, aber auch untereinander - aus gutem Grund (vgl. Matthäus 5, 23f.) eine herausragende Rolle in der Architektur der Heiligen Messe; aber die Leute verstehen das nicht mehr, daher muss man es ihnen erst erklären. (Eine kurze Reprise solcher Erklärungen gab es vor dem Friedensgruß: Monsignore Winter betonte, der Sinn des Friedensgrußes vor der Kommunion bestehe darin, zu zeigen, dass man wenigstens so weit im Reinen mit seinem Nächsten sei, dass man ihm die Hand reichen könne. Erneut konnten sich einige wenige Gemeindemitglieder nicht zu dieser Geste durchringen.)

Wer mich kennt, den wird es nicht überraschen, dass ich zu der Auffassung neige, der Umstand, dass viele Gottesdienstbesucher den Sinn der Liturgie nicht ohne Erläuterungen erfassen können, sei eine Folge jahrzehntelangen Herumpfuschens in der Liturgie. Wenn der Eindruck vermittelt wird, die Rubriken des Messbuchs seien etwas Beliebiges, mit dem man frei nach Schnauze verfahren könne, dann bedingt das mehr oder weniger die Auffassung, sie könnten gar keinen tieferen Sinn haben. Umgekehrt möchte ich sogar die Behauptung wagen: In einer Gemeinde, in der die aktiven Mitglieder allsonntäglich die Liturgie der Heiligen Messe wirklich bewusst mitvollzögen, wären solche Verwerfungen, wie St. Willehad sie derzeit erlebt, gar nicht möglich. Denn der bewusste Mitvollzug der Heiligen Messe stimmt demütig, versöhnlich und dankbar. Jedenfalls sollte es so sein.

In Sachen liturgischer Korrektheit gab es an dieser Messe nicht sonderlich viel zu meckern. Dass es nach beiden Lesungen statt des Antwortpsalms des Tages und eines fastenzeittauglichen Äquivalents zum Halleluja-Ruf Lieder aus dem Gotteslob gab, war nicht so recht nach meinem Geschmack, aber immerhin gab es beide Lesungen; und das Lied vor dem Evangelium ("Aus der Tiefe rufe ich zu Dir", GL 283) war durchaus schön und stimmungsvoll. Ein liturgisch-musikalischer Tiefschlag war es allerdings, dass anstelle des Agnus Dei die Katholikentags-Hymne "Da berühren sich Himmel und Erde" (Nr. 839 im Regionalteil des GL) gesungen wurde; da zog ich es dann doch vor, währenddessen den Text des Agnus Dei still zu beten. Kniend. Das Lied zum Auszug (der auch wieder kein "richtiger" Auszug war), war ebenfalls schlimm, wenngleich vom Titel her irgendwie zum Tage passend: "Suchen und Fragen" (GL 457).

Trotz solcher Abzüge in der B-Note hatte mich die Messe, und insbesondere Monsignore Winters Ansprache zum Schuldbekenntnis, durch und durch mit Milde und Versöhnlichkeit getränkt; und das war in Hinblick auf die nun folgende Pfarrversammlung auch gut so. Wäre ich tatsächlich der ultra-erzkatholische Hardliner, Scharfmacher und "Brandbeschleuniger", für den mich einige meiner Kritiker halten, dann wäre es mir ein Leichtes, aus den Eindrücken der Pfarrversammlung eine Geschichte zu stricken, derzufolge in St. Willehad eine stalinistische Säuberungswelle gegen die Anhänger des abgesetzten Pfarrers Jortzick im Gange ist und ein Pfarrverwalter eingesetzt wurde, dessen herausragende Qualifikation für diese Position seine ausgeprägte Bräsigkeit ist. Aber ich ziehe es vor, bei allen Beteiligten von grundsätzlich guten Absichten auszugehen. Wenngleich das Gehörte und Gesehene einige Fragen aufwirft, auf die eine Antwort nicht so leicht erhältlich zu sein scheint.

Eröffnet wurde die Pfarrversammlung vom Pfarrverwalter Manfred Janßen, im Hauptamt Pfarrer von St. Bonifatius in Varel. Der musste sich der Gemeinde erst einmal vorstellen, denn die meisten hatten ihn noch nie gesehen. Er verwaltet die Pfarrei ja auch erst seit ungefähr drei Monaten. Insgesamt machte er den Eindruck, irgendwie auf der falschen Veranstaltung zu sein.

Zu den Themen, über die in der Gemeinde - so Monsignore Winter - "merkwürdige Gerüchte" umliefen, die in der Versammlung ausgeräumt werden sollten, zählte die Entlassung der Pfarrsekretärin Caroline Grimmelt. In der Versammlung wurde der Eindruck greifbar, dass es in verschiedensten Teilen der Gemeinde, darunter nicht zuletzt bei der Mitarbeitervertretung der Kirchenangestellten, erhebliche Unzufriedenheit mit der Arbeit der Pfarrsekretärin gegeben hatte. Details darüber waren nicht in Erfahrung zu bringen; die Vertreter des Offizialats beriefen sich darauf, dass Personalangelegenheiten nicht öffentlich diskutiert werden dürften. Monsignore Winter betonte jedoch, wenn Pfarrverwalter Janßen - der schließlich persönlich "überhaupt keine Aktien" in den diversen Konflikten innerhalb der Gemeinde habe - und eine klare Mehrheit der Kirchenausschussmitglieder die Kündigung der Pfarrsekretärin beschlossen hätten, dann dürfte die Gemeinde beruhigt davon ausgehen, dass dafür triftige arbeitsrechtliche Gründe vorgelegen hätten.

Die Kündigung war bei einer nichtöffentlichen Kirchenausschusssitzung am 15. Januar beschlossen worden; bei derselben Sitzung hatte es einen Eklat gegeben, in dessen Mittelpunkt das Kirchenausschussmitglied Dr. Sebastian Wegener gestanden hatte. Wie die Vertreter des Offizialats mitteilten, habe es sich herausgestellt, dass Dr. Wegener eigentlich gar nicht als Kandidat zur Wahl des Kirchenausschusses hätte aufgestellt werden dürfen, da er zum Zeitpunkt der Wahl seinen Wohnsitz nicht auf dem Gebiet der Pfarrei hatte und außerdem nebenberuflich als Kirchenmusiker bei der Pfarrei angestellt war (hauptberuflich ist er Lehrer am Nordenhamer Gymnasium). Die Entdeckung, dass er eigentlich nicht rechtmäßig in den Kirchenvorstand wählbar gewesen wäre, habe Fragen in Bezug auf die Rechtsgültigkeit von Beschlüssen des Kirchenvorstands aufgeworfen, an denen Dr. Wegener beteiligt gewesen war. Um nun bei der Entscheidung über die Kündigung der Pfarrsekretärin jegliche Rechtsunsicherheit auszuschließen, habe Pfarrverwalter Janßen in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kirchenausschusses Dr. Wegener gebeten, an der diesbezüglichen Abstimmung nicht teilzunehmen.

Dr. Wegener selbst widersprach dieser Darstellung: Er sei ultimativ zum Rücktritt aus dem Kirchenausschuss aufgefordert worden, ein Zusammenhang mit der Abstimmung über Frau Grimmelts Entlassung sei dabei nicht hergestellt worden. Im Übrigen sei er sich eines Angestelltenverhältnisses zur Pfarrei nicht bewusst gewesen; er habe nie einen Arbeitsvertrag unterschrieben, sondern für seine Tätigkeit als Kirchenorganist lediglich Honorarrechnungen gestellt. Rechtsanwalt Windhaus stellte jedoch klar, bereits seit 2007 würden im gesamten Offizialatsbezirk alle nebenberuflichen Kirchenmusiker als Angestellte geführt, das das Finanzamt dies verlangt habe. Ein schriftlicher Arbeitsvertrag sei dafür nicht notwendig.

Die stellvertretende Vorsitzende des Kirchenausschusses, Christiane Spannhoff, ergriff hingegen Partei für Dr. Wegener: Es sei indiskutabel, wie bei der betreffenden Sitzung mit ihm umgesprungen worden sei; man hätte die Sitzung bis zur Klärung der offenen Fragen um die Rechtmäßigkeit seiner Mitgliedschaft im Kirchenausschuss vertagen sollen. Ein anderes Kirchenausschussmitglied sei aus Ärger über diesen Vorgang zurückgetreten. Pfarrverwalter Janßen räumte ein, er sei angesichts des tumultartigen Verlaufs der Sitzung "kurz davor" gewesen, sie abzubrechen.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde geäußert, unabhängige Experten für kanonisches Recht hätten erklärt, Dr. Wegeners Mitgliedschaft im Kirchenausschuss sei trotz der fehlenden Voraussetzungen für seine Wählbarkeit rechtmäßig, da die Wahl nicht innerhalb der dafür vorgesehenen Frist beanstandet worden sei. Es wurde die Frage aufgeworfen, wie es zu erklären sei, dass die Unregelmäßigkeiten bei der Wahl erst eineinhalb Jahre später jemandem aufgefallen seien; darauf hatte niemand eine Antwort. Dr. Wegener forderte zur Bestätigung seiner Darstellung die Verlesung der nicht vertraulichen Teile des Protokolls der Kirchenausschusssitzung vom 15. Januar, doch diese Forderung wurde übergangen.

Stand der Dinge ist jedenfalls, dass Dr. Wegener als Kirchenorganist gekündigt wurde und im Gegenzug im Kirchenausschuss bleiben darf. Mehrere Gemeindemitglieder äußerten Unverständnis darüber, dass die Pfarrei auf wechselnde Gastorganisten, u.a. von der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde, zurückgreife, obwohl sie mit Dr. Wegener einen ausgezeichneten Organisten in den eigenen Reihen hat. Offizialatsrat Monsignore Winter erwähnte, an ihn seien Gerüchte herangetragen worden, Dr. Wegener sei als Organist gekündigt worden, "weil er mit 1.000 € im Jahr zu teuer sei". Das sei "Quatsch", erklärte der Offizialatsrat wörtlich.

Ebenfalls zur Sprache kam die wohl neueste Eskalationsstufe der Konflikte in der Gemeinde: Die Leiterin des Kinderchors, Melanie Botzenhardt, habe zum Entsetzen von Kindern und Eltern erklärt, ihre Tätigkeit einstellen zu wollen. Monsignore Winter merkte dazu an, es habe wohl Unstimmigkeiten über die ihr von Pfarrer Jortzick zugesagte Vergütung gegeben. An dieser Stelle ergriff Frau Botzenhardt selbst das Wort: Sie habe nicht nur den Kinderchor geleitet, sondern auf vielfältige Weise an der musikalischen  Gestaltung der Gottesdienste mitgewirkt. Sie sei Berufsmusikerin und diplomierte Musikpädagogin und könne es sich auf Dauer schlicht nicht leisten, de facto ehrenamtlich für die Pfarrei zu arbeiten. Geld scheint da allerdings nicht das einzige Problem zu sein: Sichtlich emotional bewegt erklärte Frau Botzenhardt, sie habe seitens der Gemeinde "einiges aushalten" müssen und habe sich nie beschwert, aber nun könne und wolle sie nicht mehr.

Schließlich nahmen die Vertreter des Offizialats auch Stellung zu hartnäckigen, auch in der örtlichen Presse gestreuten Gerüchten, die derzeit in Löningen tätige Pastoralreferentin Yvonne Ahlers, die von 2000 bis 2013 Pfarrsekretärin in St. Willehad war, solle als Pastoralreferentin in die Pfarrei zurückkehren. Allem Anschein nach lösten diese Gerüchte in der Gemeinde sehr emotionale - und überwiegend negative - Reaktionen aus. Monsignore Winter betonte jedoch, an der Sache sei absolut nichts dran: Es habe nie zur Debatte gestanden, Frau Ahlers nach Nordenham zu schicken - das Offizialat setze Pastoralreferenten prinzipiell nicht in Pfarreien ein, in denen sie zuvor schon in anderen Funktionen gewirkt hätten.

Ein Thema, über das eigentlich auch noch hätte gesprochen werden sollen, das dann aber doch unter den Tisch fiel, war der Umstand, dass es aus der Gemeinde Kritik daran gegeben hatte, es sei von vornherein ein Fehler gewesen, bei der Fusion der Pfarrgemeinden St. Willehad/St. Josef und Herz Jesu/Herz Mariae im Jahr 2010 die bisherigen Gemeindepfarrer Bögershausen und Kordecki als gleichberechtigte Leiter der fusionierten Pfarrei im Amt zu belassen. Dieser Punkt hätte mich sehr interessiert, da ich ebenfalls den vagen Verdacht habe, ein Teil der Konflikte in der Pfarrei habe genau hier seine Wurzeln; aber dass dann doch nicht darübe rgesprochen wurde, war wohl zumindest zum Teil dadurch bedingt, dass viele der Anwesenden vor allem über die Umstände sprechen wollten, die zum Rücktritt von Pfarrer Jortzick geführt hatten. "Wie ist dieser ganze Eklat überhaupt entstanden?", fragte eine Frau gleich zu Beginn der Versammlung. "Der Großteil der Gemeinde hat überhaupt keine Ahnung, und die, die etwas wissen, äußern sich nicht." - "Man hat unseren Pfarrer aus dem Tempel gejagt", warf ein älterer Herr ein, "aber das waren nur Wenige. Die Mehrheit der Gemeinde hat immer hinter ihm gestanden." - "Das stimmt so nicht", widersprach Offizialatsrat Monsignore Winter.


[Demnächst:
Warum musste Pfarrer Jortzick gehen? - Seelsorge contra Verwaltung - Die Schließung der Kirchen in Einswarden und Tossens - Übergangsgremium bis zur nächsten Pfarreiratswahl? - Der Weg bis zur Amtseinführung eines neuen Pfarrers] 



Freitag, 19. Februar 2016

Heiliger Schacht Konrad, bitte für uns!

Ich hätte ja gedacht, nach dem "Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit" könne es nicht mehr schlimmer kommen, aber, o doch, es kann. Für die diesjährige Fastenzeit hat sich das Bistum Hildesheim etwas ganz Besonderes für all Jene ausgedacht, die der Meinung sind, die hauptsächliche (wenn nicht einzige) Aufgabe der Kirche sei es, sozialem, politischem oder speziell ökologischem Engagement ein spirituelles Mäntelchen umzuhängen: den "Kreuzweg der Schöpfung"

Man möchte es für einen Scherz halten. 

Es ist aber keiner. 

Also gut, dann stellen wir uns mal ganz dumm und fragen mal so: Wat is'n Kreuzweg? -- Die Wikipedia, die man wohl als eine nicht ausgeprägt dunkelkatholische Quelle betrachten kann, definiert den Kreuzweg als "einen der Via Dolorosa ('schmerzensreiche Straße') in Jerusalem, dem Leidensweg Jesu Christi nachgebildeten Wallfahrtsweg wie auch eine Andachtsübung der römisch-katholischen Kirche, bei der der Beter den einzelnen Stationen dieses Weges folgt". Laut einer Instruktion der Kongregation für Ablässe und Reliquien (Congregatio indulgentiarum et sacrarum reliquiarum) vom 3. April 1731 sollen in jeder katholischen Kirche Kreuzwegbilder bzw. -stationen ausgestellt sein, aber natürlich gibt es nach wie vor auch Kreuzwegprozessionen unter freiem Himmel, oft über erhebliche Wegstrecken hinweg. Etwa seit dem 17. Jahrhundert umfasst der Kreuzweg üblicherweise 14 Stationen:
1. Jesus wird zum Tode verurteilt
2. Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern
3. Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz
4. Jesus begegnet seiner Mutter
5. Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen
6. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch
7. Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz
8. Jesus begegnet den weinenden Frauen
9. Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz
10. Jesus wird seiner Kleider beraubt
11. Jesus wird an das Kreuz genagelt
12. Jesus stirbt am Kreuz
13. Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt
14. Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt. 
An den einzelnen Kreuzwegstationen halten die Teilnehmer inne, knien nieder und beten. Diese Form des Kreuzwegs wurde 1731 von Papst Clemens XII. als kanonisch anerkannt und mit einem Ablass verbunden. Seit 1964 findet alljährlich am Karfreitag ein Kreuzweg mit dem Papst am Kolosseum in Rom statt, mit jährlich wechselnden Andachtstexten zu den einzelnen Stationen, die seit 1984 eigens zu diesem Anlass verfasst werden.

Domenichino (Domenico Zampieri, 1581-1641: Jesus fällt unter dem Kreuz. Bildquelle: Wikimedia Commons.
Kurz und schlicht zusammengefasst: Beim Kreuzweg geht es um die Vergegenwärtigung der Passion Jesu Christi. - Worum aber geht es beim Schöpfungs-Kreuzweg des Bistums Hildesheim? Zunächst einmal gibt es hier nur acht Stationen - zwei in Hannover, drei in Langwedel und drei in Salzgitter. Dabei ist es offenbar nicht vorgesehen, die insgesamt immerhin 264 Kilometer zwischen den einzelnen Stationen zu Fuß zurückzulegen; obwohl, Zeit genug wär', denn die Termine der Stationen an den drei genannten Orten liegen jeweils eine Woche auseinander.

Los geht's, wie gesagt, in Hannover, und zwar am kommenden Sonntag, dem 21. Februar. "Zum Auftakt der Aktion [...] predigt der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil in der Kirche St. Heinrich in Hannover. Das Thema seiner Predigt wird sein: Flüchtlinge und Fluchtursachen." Da drängt sich erst mal die Frage auf: Warum? Warum predigt in einer katholischen Kirche ein Politiker, noch dazu einer, der, wie Tante Wiki weiß, "Anfang der 1980er-Jahre aus der Kirche ausgetreten" ist? - Nun, keine Bange, die Frage "Warum?" wird sich uns im Folgenden noch oft genug stellen. -- Von der St.-Heinrich-Kirche geht es dann zum Maschsee, Hannovers beliebtestem Naherholungsgebiet; "[d]ort angekommen wird es nach einem kurzen feierlichen Abschluss des Tages um 16:30 Uhr Gelegenheit zur Begegnung geben." Na, Begegnung ist natürlich immer gut! Und das war's dann auch schon für den ersten Tag des Schöpfungskreuzwegs.

Eine Woche später trifft man sich an der Freilichtbühne Holtebüttel in Langwedel im Landkreis Verden, um der 4.500 unter Karl dem Großen hingerichteten heidnischen Sachsen zu gedenken von dort über die Friedhofskapelle in Schülingen zur evangelischen Kapelle in Völkersen zu pilgern. In letzterer spricht "Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über die Problematik der Erdgasförderung" - na, wenn das keine wirksame Selbstkasteiung für die Zuhörer ist! Überhaupt wird die theologische Brisanz der Erdgasförderung ja allgemein oft unterschätzt. Immerhin: "Nach dem Vortrag sind die Teilnehmer zu heißen und kalten Getränken im Gemeindehaus in Völkersen eingeladen." Na dann Prost.

Schließlich, am 6. März, "steht das geplante Atommüllendlager Schacht Konrad in Salzgitter im Fokus der dritten Kreuzweg-Station. Beginn ist um 15 Uhr an der Infostelle Konrad [...]. Nach einem Stopp am Bundesamt für Strahlenschutz ziehen die Teilnehmer bis zur katholischen Kirche St. Michael [...]. Die Predigt während des Gottesdienstes um 16:15 Uhr hält der Braunschweiger Regionaldechant, Domkapitular Propst Reinhard Heine."

Noch Fragen, Euer Ehren? - Gewiss! Zum Beispiel: Wieso heißt diese Veranstaltung, die heuer übrigens schon zum sechsten Mal stattfindet, Kreuzweg? Die Antwort hierauf ist einfach: "Im Zentrum der dreiteiligen Kreuzwegprozession des Kreuzweges der Schöpfung steht ein übermannsgroßes Kreuz, das die Teilnehmer auf dem Weg schweigend und betend mit sich tragen werden." Aha. Und was soll das Ganze? Darauf haben die Veranstalter keine Antwort; das soll sich der geneigte Leser wohl selbst denken. Na gut, ich versuch's mal. Indem die Verantwortlichen diese Aktion, deren Ziel es ist, "auf die Bedrohung der Schöpfung weltweit und soziale Ungerechtigkeiten in Deutschland hinzuweisen", als Kreuzweg bezeichnen und gestalten, soll offensichtlich das Leiden der Schöpfung in Parallele zur Passion Christi gesetzt werden. Super Idee, weil total sozial und ökologisch? Weil die Kirche ja, um gesellschaftlich relevant zu bleiben, aktuelle Themen aufgreifen muss, die den Menschen auf den Nägeln brennen? Und weil damit einem alten Ritual, das allzu weit weg ist von der Lebenswirklichkeit der Menschen, neues Leben eingehaucht wird? Könnte man sagen. Man könnte aber auch sagen:
Habt Ihr eigentlich noch alle Latten am Zaun? 
Gibt es an verantwortlicher Stelle im Bistum Hildesheim irgendwen, der noch ein Bewusstsein für die heilsgeschichtliche Bedeutung der Passion Christi hat? Der zumindest ein Gefühl dafür hat, dass die Passion Christi als das, was sie tatsächlich ist, viel zu bedeutungsvoll ist, um als bloßes Symbol für Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit herzuhalten? - Mehr noch: Indem das Leiden Christi unter der Hand durch das Leiden der Schöpfung ersetzt wird, nimmt die Schöpfung selbst die Stelle des Heilands und Erlösers ein. Das ist, sagen wir's frei heraus, neuheidnischer Synkretismus der schlimmsten Sorte

Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal ein paar heiße und kalte Getränke.

Im Übrigen denke ich mir, ich muss jetzt wohl doch mal Laudato si' lesen. Damit ich Antworten parat habe, wenn mir jemand weismachen will, derartige Bestrebungen zur Vergöttlichung der Natur seien ganz im Sinne von Papst Franziskus...