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Samstag, 12. September 2026

Utopie und Alltag 42: Every Day is Unboxing Day

Gott zum Gruße, Leser! Wenn dieses Wochenbriefing online geht, sitze ich zwar gerade nicht zwischen unausgepackten Umzugskartons in einer noch nicht vollständig eingerichteten Wohnung, aber insgesamt beschreibt das meine aktuelle Lebenssituation doch recht gut – im wortwörtlichen wie auch im metaphorischen Sinne, wobei mich gerade der Eindruck beschleicht, dass ich das so ähnlich in jeder der letzten drei, vier Wochenbriefing-Einleitungen geschrieben habe. – Am aktuellen Wochenende gönnen meine Familie und ich uns indes eine Auszeit vom Umzug, nämlich bei der Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche; aber darüber berichte ich nächste Woche. So gesehen hatte das vorliegende Wochenbriefing gewissermaßen einen vorgezogenen Redaktionsschluss am Freitag Mittag; aber darüber, was bis dahin so los war, gibt es auch wieder genug zu berichten... 


Gartengottesdienst mit doppeltem Primizsegen 

Der mit Spannung erwartete "große Umzug", also der Transport der meisten und wichtigsten Möbel von der alten in die neue Wohnung, ging am vorigen Samstag innerhalb von drei Stunden am Vormittag erfreulich unkompliziert über die Bühne, und seitdem wohnen wir im Wesentlichen bereits in der neuen Wohnung, auch wenn wir aus der alten noch nicht ganz raus sind und auch noch nicht umgemeldet sind. Die erste Nacht im neuen Zuhause verlief jedenfalls für alle Familienmitglieder gut, obwohl die Übernachtungssituation für die Eltern bis auf Weiteres durchaus herausfordernd ist: Für ein so großformatiges Familienbett, wie wir es in der alten Wohnung hatten, ist in der neuen einfach nirgends Platz, also haben wir uns erst mal ein provisorisches Matratzenlager geschaffen und warten jetzt auf die ausstehende Steuerrückerstattung, um uns ein den Dimensionen der Wohnung angemessenes Schlafsofa kaufen zu können. – Nach dem Frühstück machte ich mich mit dem Tochterkind auf den Weg nach Haselhorst, wo der "RKF-Projektchor" in der Messe singen und nach Möglichkeit vorher noch einmal proben sollte. Eigentlich dachten wir, wir wären früh genug losgegangen, um eine halbe Stunde vor Beginn der Messe in St. Stephanus zu sein, aber leider fand an diesem Sonntag ein Halbmarathon statt, der am Rathaus Reinickendorf startete und in weitem Umkreis den Verkehr lahmlegte. Am Ende fanden wir mit Mühe und Not eine Busverbindung mit dreimal Umsteigen und kamen knapp rechtzeitig zum Beginn der Messe; die Liebste und der Jüngste, die von vornherein eine andere Busverbindung genommen hatten, waren sogar vor uns da. Die Chorprobe war allerdings, wie sich zeigte, mangels Beteiligung sowieso ausgefallen; ohnehin war der Gemeindekirchenmusiker, der bei der RKF die Chorproben mit den Kindern geleitet hatte, an diesem Wochenende wegen anderer Termine verhindert, und somit lautete das Gesamtergebnis, dass es "offiziell" keinen Beitrag des "RKF-Projektchors" zur musikalischen Gestaltung der Messe gab – inoffiziell aber doch, denn die drei Lieder, die die Kinder eingeübt hatten, wurden trotzdem gesungen, nur eben von der ganzen Gemeinde. 

Wie schon angekündigt, wurde die Messe zum Auftakt des Gemeindefestes im Garten von St. Stephanus gefeiert, und als besondere Attraktion feierten zwei frisch geweihte Priester des Erzbistums Berlin in dieser Messe Nachprimiz. Diese beiden jungen Männer, von denen der eine aus der Dominikanischen Republik, der andere aus Italien stammt, spendeten nicht nur zum Abschluss der Messe einen allgemeinen Primizsegen, sondern standen anschließend noch für alle, die das wollten, zu einem Einzelsegen zur Verfügung. Wir wollten natürlich. "Früher hat man gesagt, vom Primizsegen latscht man sich zwei Paar Sandalen durch", merkte der Pfarrvikar in seinen Begrüßungsworten an. "Also, es ist eine besondere Gnade." 

Interessant ist natürlich auch und nicht zuletzt, warum diese beiden Neupriester – die zusammen buchstäblich die Hälfte des aktuellen Weihejahrgangs im Erzbistum Berlin ausmachen – hier ihre Nachprimiz feierten. Die Antwort auf diese Frage lautet: Sie gehören beide der 1. Neokatechumenalen Gemeinschaft in Siemensstadt an. Insgesamt, so verriet der Pfarrvikar, sind aus dieser Gemeinschaft schon neun Priester hervorgegangen: "Das heißt, wo der Glaube ist, gibt es auch eine Fruchtbarkeit und eine Fülle des Reichtums." 

Im Evangelium dieses Sonntags – Matthäus 18,15-20 – ging es um die brüderliche Zurechtweisung, und als damit korrespondierende 1. Lesung gab es Ezechiel 33,7-9; die Predigt dazu hielt der Italiener unter den beiden Neupriestern. Im Mittelpunkt dieser Predigt stand der Gedanke, dass Gott uns auf Gemeinschaft und Beziehung hin geschaffen habe und dass Gemeinschaft ein Weg sei, die Gegenwart Gottes zu erfahren; und der junge Mann bezog das auch und insbesondere auf seinen Weg zur Priesterweihe: "Man glaubt nicht allein, und umso weniger wird man allein Priester." 

Übrigens wirkten Mitglieder der Neokatechumenalen Gemeinschaft auch an der musikalischen Gestaltung der Messe mit: Der Antwortpsalm wurde in typisch neokatechumenaler Manier als monotoner Sprechgesang mit Gitarrengeschrammel vorgetragen, während der Kommunion gab es noch zwei Lieder in ähnlichem Stil. An meiner Beschreibung wird wohl bereits deutlich, dass diese Art der Sakralmusik nicht so ganz mein Ding ist, aber es ist nun mal ein so eigener, charakteristischer Stil, dass ich ihn als einen Bestandteil katholischer Vielfalt irgendwie doch schätze. Einer Gemeinde, in der immer und ausschließlich so musiziert würde, würde ich nicht gern angehören, aber das ginge mir mit Gregorianischen Chorälen ehrlich gesagt genauso. 

Zum Programm des Gemeindefests, das sich an die Messe anschloss, hätte ich eigentlich – wie vor drei Jahren schon einmal – eine Schatzsuche beisteuern sollen, hatte diese Aufgabe aber rechtzeitig an eine Junge Leiterin aus dem RKF-Team weiterdelegiert; schließlich hatten wir am selben Nachmittag unsere Einweihungsfeier und daher eigentlich gar keine Zeit, uns länger als unbedingt nötig beim Gemeindefest aufzuhalten. Während meine Liebste sich mit dem Jüngsten, der schon während der Messe ziemlich unruhig gewesen war, ziemlich sofort auf den Heimweg machte, blieben das Tochterkind und ich immerhin lange genug, um uns je ein Stück Kuchen und ein Steak vom Grill zu genehmigen. Dabei liefen mir einige Leute aus dem Katechetenteam für die Erstkommunion und aus dem RKF-Team über den Weg, mit denen ich mich im Grunde gern länger unterhalten hätte, aber man kann sich nun mal nicht zweiteilen. Wären die Mädchen dagewesen, mit denen das Tochterkind sich bei der RKF angefreundet hatte, wäre es sicherlich noch schwieriger gewesen, uns vom Gemeindefest loszureißen, aber schade war es natürlich doch, sie nicht zu treffen, zumal sie auch tags zuvor beim Nachtreffen schon nicht dabei gewesen waren. Nun ja, vielleicht muss man sich einfach mal mit ihnen verabreden – die Kontaktdaten habe ich ja, dank der RKF-Eltern-WhatsApp-Gruppe. Aber ich denke mal, das ist was für "Wenn wir mit dem Umzug fertig sind"... 


Ein offenes Haus – diesmal aber echt 

Anlässlich unserer ziemlich improvisierten Einweihungsfeier am Sonntag habe ich meinen Blogartikel über die ebenfalls ziemlich improvisierte Einweihungsfeier nach unserem vorigen Umzug innerhalb Berlins – vor etwas mehr als neun Jahren (!) – nachgelesen; dieser trug die Überschrift "Ein offenes Haus" und begann geradewegs mit der Aussage: 

"Einer der erfreulichsten Aspekte der Tatsache, dass meine Liebste und ich jüngst innerhalb Berlins umgezogen sind, besteht darin, dass wir jetzt eine Wohnung haben, in der wir Besuch empfangen können." 

Nun, im Rückblick muss ich feststellen, dass wir in all den Jahren in unserer Wohnung in Tegel längst nicht so viel Besuch empfangen haben, wie wir uns das ursprünglich wohl vorgestellt hatten. Anstatt hier nun zerknirscht Ursachenforschung zu betreiben, möchte ich mich lieber darauf konzentrieren, dass unser neues "kurioses Wohnprojekt" – wie der Ex unserer neuen Hausgenossin es genannt haben soll – diesbezüglich ganz neue Chancen bietet. 

Das "Kuriose" an diesem "Wohnprojekt" besteht ja, wie ich wohl schon mal angedeutet habe, im Wesentlichen darin, dass das Haus, in dem wir jetzt wohnen, theoretisch zwei voneinander getrennte Wohnungen umfasst, aber praktisch sind sie ganz so getrennt dann doch nicht – wozu neben dem gemeinsamen Garten auch gemeinsame Gas- und Wasserzähler und bis auf Weiteres auch ein gemeinsamer Briefkasten beitragen (wir haben allerdings durchaus die Absicht, über kurz oder lang einen zweiten Briefkasten anzuschaffen und am Zaun zu befestigen); und nicht zuletzt ist die Küche der unteren Wohnung im Prinzip ein Durchgangszimmer, es sei denn, man betritt das Haus durch die Gartentür. – Wer meine Wochenbriefings regelmäßig verfolgt, wird vermutlich schon mitgekriegt haben, dass es sich bei unserer Hausgenossin, wie ich sie oben genannt habe und auch weiterhin zu nennen gedenke, um die Mutter einer Schulfreundin unserer Großen handelt; diese ist schon etwas früher in die Wohnung im Obergeschoss eingezogen als wir in die Erdgeschosswohnung, und das hat dazu geführt, dass, als wir nach unserem Urlaub mit den Umzugsvorbereitungen anfingen, schon richtig "Leben in der Bude" war – wozu neben der Tatsache, dass gelegentlich schon Besuch vorbeikam, besonders der Umstand beitrug, dass über uns auch zwei junge Katzen eingezogen waren. Anfangs blieb ihr Aktionsradius auf das Obergeschoss beschränkt, aber als wir am Samstag damit beschäftigt waren, unsere Möbel aus der alten Wohnung in der neuen aufzubauen, kamen die vierbeinigen Mitbewohner neugierig nach unten und nahmen fortan auch unsere Wohnung kurzerhand mit für sich in Beschlag. 

Eine von ihnen hat kurzerhand unseren Schreibtischstuhl zu ihrem Lieblingsplatz erkoren.

Am Samstagnachmittag kam die ältere der beiden Töchter unserer Hausgenossin, die bei einer Schulfreundin übernachtet hatte, nach Hause – und die Schulfreundin kam gleich mit und übernachtete ihrerseits bei ihr. – Ich freue mich, sagen zu können: Trotz meiner introvertierten Neigungen, trotz meines von Zeit zu Zeit doch sehr ausgeprägten Bedürfnisses, die Tür hinter mir zumachen zu können und mal meine Ruhe zu haben, habe ich festgestellt, ich finde das alles super. Und es ist eine ausgesprochen faszinierende Erfahrung, dass man sich in einem Zweifamilienhaus deutlich weniger allein auf der Welt fühlen kann als in einem Mietshaus mit zwölf Parteien; und vor allem, dass man sich, auch und gerade dadurch, dass mal Besuch kommt und/oder dass die Katzen aus der Nachbarwohnung sich bei einem breit machen, auf eine andere und intensivere Weise zu Hause fühlt

Gleichwohl muss ich gestehen, dass ich, als ich mit dem Tochterkind auf dem Weg vom Gemeindefest zu unserer Einweihungsparty war, eigentlich gar keine Lust mehr zum Feiern hatte. Meine Tochter kleidete dies in die scharfsinnige Beobachtung, ich sei wohl vom Halbmarathon so fertig, als wäre ich ihn gelaufen. Als ich dann aber endlich bei der Feier ankam, verflog mein Frust bald angesichts der fröhlichen und bunt gemischten Gästeschar, die sich in unserem Garten eingefunden hatte und noch einfand: Ungefähr zehn Kinder von der Schule unseres Tochterkindes (nicht mitgerechnet die, die im Haus wohnen) kamen mit ihren Eltern, in einigen Fällen auch mit jüngeren Geschwistern; hinzu kamen ein Mädchen aus der Kampfsport-Gruppe unserer Tochter (ebenfalls mit Eltern), eine Frau, die wir vom JAM-Elterncafé kennen, mit dem jüngsten ihrer drei Söhne, der ungefähr so alt wie unser Jüngster ist, und last not least Bloggerkollegin Claudia. Geschenke zum Einzug gab's auch, vom Klassiker Brot und Salz über Handtücher und Seifenspender bis hin zu einer Feuerschale für den Garten (inklusive Grillrost). – Ehe ich die Party richtig genießen und mich entspannen konnte, war indes noch allerlei zu erledigen: Damit wir im Garten Musik hören konnten, ging ich erst mal meine mobile Lautsprecherbox holen, die noch in der alten Wohnung stand; dann wurde ich von den Kindern mit Musikwünschen überschüttet (wobei man anerkennen muss, dass die meisten Lieder, die sie sich wünschten, gar nicht so schlecht waren) und dann wollten die Kinder Stopptanz spielen. Aber was soll's: Am Ende des Tages war ich extrem geschafft, aber glücklich. Und in diesem Garten müssen definitiv noch mehr Partys gefeiert werden. Die nächste wahrscheinlich dann, wenn wir mit dem Umzug "richtig fertig" sind... 


Sachsen-Anhalt wird blau 

Politik war bei unserer Einweihungsparty, soweit ich es mitbekommen habe, glücklicherweise kein Thema, trotz der schicksalhaften Wahl an diesem Sonntag. Schon während der Vorbereitungen zum Frühstück hatte Google News mir eine Meldung mit der Überschrift "Unwetter tobt über Sachsen-Anhalt" aufs Handy geschickt; "Das ist ein schlechtes Omen", dachte ich, aber als ich die Meldung öffnete, zeigte sich, dass das Unwetter schon am Freitagnachmittag war – und dass deswegen in Magdeburg ein "AfD-Fest abgesagt" werden musste. Na dann. – Insgesamt hatte ich in den letzten Tagen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt den Eindruck gehabt, die Presse lasse kaum eine Gelegenheit aus, die Aussichten der AfD auf einen Wahlsieg kleinzureden; aber realistisch betrachtet lautete die Frage ja eigentlich nur noch, wie hoch dieser Wahlsieg ausfallen würde. Und als am Sonntag um 18 Uhr die erste Prognose 'rauskam, sah es doch stark nach "höher als erwartet" aus. Besonders verblüffend fand ich, dass diese erste Prognose punktgenau ein Szenario zu bestätigen schien, das ich mir im Vorfeld ausgemalt hatte: dass AfD und BSW zusammen eine Mehrheit hatten, das BSW aber ganz knapp an der 5%-Hürde kratzte, was natürlich ein deutliches Fragezeichen hinter die Berechnung der Sitzverteilung setzte. Am nächsten Morgen stand das BSW aber immer noch bei 5,0% und war somit "drin", und der AfD fehlten drei Sitze zur absoluten Mehrheit. 

Nun mag man der Meinung sein, eine Koalition aus AfD und BSW sei keine sonderlich realistische Option, aber noch unrealistischer dürfte wohl das Projekt einer Fünf-Parteien-Koalition sein, die von nichts anderem zusammengehalten wird als dem Bestreben, den offensichtlichen Wahlsieger von der Macht fernzuhalten. Zudem würde man, was auch immer man von der AfD halten mag, eine derartige Koalition der Wahlverlierer wohl als eine eklatante Missachtung des Wählerwillens bezeichnen müssen. Man könnte sagen, manchmal sind "Angst um die Demokratie" und "Angst vor der Demokratie" gar nicht so leicht zu unterscheiden. 

Dies gilt, wie so oft, besonders auch für unsere Kirchenvertreter. Schon im Vorfeld der Wahl hatte man sich ja eindeutig positioniert: So hatte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, unlängst im Rahmen eines Festakts zum 80jährigen Bestehens des Landes Nordrhein-Westfalen davor gewarnt, "munter ins Blaue zu wählen"; und als mein geschätzter Erzbischof Heiner Koch in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA gefragt wurde, ob die Kirche "das Risiko eingehen müsse, im Zuge ihrer Positionierung AfD-Wähler zu verlieren", ließ er sich dazu hinreißen, dies zu bejahen: "Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen." Deutliche Kritik an dieser Aussage gab's ein paar Tage später von Kardinal Müller: Ein Bischof dürfe "niemals das ewige Heil derjenigen Katholiken gefährden, die nicht so wählen, wie er es gerne hätte", betonte er in einem Gastbeitrag auf kath.net; wollten Bischöfe "ihre geistliche Vollmacht in dem legitimen Kampf um die Mehrheit der Wählerstimmen in einem demokratischen Rechtsstaat [...] zu Gunsten oder zu Ungunsten einer einzelnen politischen Partei in die Waagschale werfen", wäre dies ein "Missbrauch der geistlichen Autorität zu politischen Zwecken". 

-- Um's ganz deutlich zu sagen, ich bin sehr wohl der Meinung, dass es zum Hirtenamt der Bischöfe gehört, darauf aufmerksam zu machen, dass bestimmte politische Positionen oder politische Forderungen im Widerspruch zum christlichen Menschenbild, zur christlichen Glaubens- und Sittenlehre stehen, und die Gläubigen zu ermahnen, dies bei ihrer Wahlentscheidung zu berücksichtigen. Problematisch wird es erst, wenn der Eindruck erweckt wird, solche aus christlicher Sicht inakzeptablen Positionen gäbe es ausschließlich oder weit überwiegend auf Seiten einer einzigen Partei oder politischen Richtung. Wenn AfD-Anhänger und deren Familienangehörige in kirchlichen Einrichtungen nicht beschäftigt werden oder nicht für Gremien kandidieren dürfen, dann ist es durchaus kein bloßer "Whataboutism", zu fragen, warum die institutionelle Kirche keine vergleichbare Abgrenzung gegenüber den Anhängern von Parteien für nötig hält, die Abtreibung und assistierten Suizid legalisieren wollen oder die für die Einführung der "Ehe für alle" und des "Selbstbestimmungsgesetzes" verantwortlich sind. 

Als Reaktion auf das Wahlergebnis – als wäre dieses nicht exakt so vorauszusehen gewesen – posteten meine besonderen Freunde von der Facebook-Redaktion des Bistums Münster das folgende "Gebet": "Gott, heute Abend bin ich ratlos, aufgewühlt, sprachlos und irgendwie chaotisch. Mehr kann ich grad gar nicht sagen. Amen." Um keine Fragen hinsichtlich der Ursache dieser Rat- und Sprachlosigkeit offen zu lassen, wird im Begleittext zu diesem "Visual" erklärt: "Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt beschäftigt und beunruhigt. Damit bist du nicht alleine." Letzteres stimmt offensichtlich, denn auch die Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka gibt, ebenfalls auf Facebook, bekannt "Wir sind erschüttert" (und guckt auch so). Aus dem fernen München lässt derweil Kardinal Marx verlauten, er empfinde den Ausgang der sachsen-anhaltinischen Landtagswahl als "furchtbar und niederdrückend". Mal ehrlich, was für ein Kommentar zu einem demokratischen Wahlergebnis. Man stelle sich mal vor, was los wäre, wenn ein Kirchenvertreter (oder meinetwegen auch eine andere Person des öffentlichen Lebens) einen Wahlsieg der CDU, der SPD oder auch der Grünen als "furchtbar und niederdrückend" bezeichnen wollte. Man könnt's ja mal ausprobieren, aber ich schätze, so bald wird es dazu keine Gelegenheit geben: Das letzte Mal, dass eine dieser Parteien bei einer Landtagswahl ein annähernd so gutes Ergebnis hingelegt hat wie jetzt die AfD in Sachsen-Anhalt, war 2022 in Schleswig-Holstein. Das kommt halt dabei raus, wenn vier oder mehr Parteien um dieselben 50-70% (je nach Bundesland) der Wählerschaft konkurrieren und den Rest links (bzw. rechts) liegen lassen. Das sollte eigentlich auch unseren Bischöfen zu denken geben, wenn sie sich denn schon zur Tagespolitik äußern müssen. 


Endlich wieder Student! 

Mitten im Umzugsstress flatterte mir ein dicker Briefumschlag von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen ins Haus, und das hier war drin: 

Ausgesprochen entzückend fand ich es ja, dass da sogar Samentütchen für den Garten dabei waren. Von größerer oder jedenfalls akuterer Wichtigkeit war indes der USB-Stick mit Informationen für Studienanfänger. Ein wenig habe ich mich da schon hineinvertieft, hatte aber noch nicht die Zeit und Muße, die Fülle an Materialien, die mir da zur Verfügung gestellt worden sind, gründlich durchzuarbeiten. Ein bisschen Zeit ist ja auch noch, bis das Semester richtig losgeht. Aber ich muss schon sagen, allmählich bekomme ich Lust aufs Studium – obwohl ich mich in letzter Zeit des Öfteren nicht des Gedankens erwehren konnte, eigentlich hätte ich auch ohnedies schon genug zu tun... Na, schauen wir mal, wie die Dinge sich entwickeln. 


Noch eine Beobachtung zum Thema Sonntagsschule 

Am Mittwoch war wieder JAM, und da dort Mitarbeitermangel herrschte, gab es diesmal kein getrenntes Programm für "Minis" und "Kids", sondern eine gemeinsame Katechese für alle Kinder, und zwar zum Thema "Schöpfung". Den Auftakt bildete ein "Anspiel", in dem sich zwei Schüler darüber unterhalten, was sie in ihrem jeweiligen Unterricht gelernt haben, der eine über das Sonnensystem, der andere über Wale; und angesichts dieser Wunder der Schöpfung meldeten sie Zweifel daran an, dass das alles, wie ihre Lehrer behaupteten, durch puren Zufall entstanden sei. Dann erhalten sie aus heiterem Himmel einen Brief mit einem "Geheimauftrag": Darin heißt es, sie würden in dem Briefumschlag einen Mikrochip finden und sollten herausfinden, was für Daten darauf gespeichert sind und wer den Code geschrieben hat. Tatsächlich handelt es sich bei diesem "Mikrochip" jedoch um einen Apfelkern, und bei den darauf gespeicherten "Daten" handelt es sich um den genetischen Bauplan eines Apfelbaums. 

An dieses Anspiel schloss sich eine kurze erläuternde Ansprache der JAM-Leiterin an, und dann sollten die Kinder anhand von Versen aus Genesis 1,1-2,3 einen Comic zu den sieben Schöpfungstagen zeichnen. 

Das Bild zum 4. Schöpfungstag stammt von meinem Tochterkind.

Insgesamt fand ich diese katechetische Einheit recht gelungen, vor allem das Anspiel fand ich gut; ich fand die Tendenz auch nicht übertrieben "kreationistisch": Explizit bezweifelt wurde ja nur, dass das Sonnensystem und das Leben auf der Erde rein zufällig entstanden sein könnte. In der Überleitung vom Anspiel zum Schöpfungs-Comic kam allerdings ein Satz vor, der mir auf bezeichnende Weise fragwürdig erschien. Da sagte die JAM-Leiterin nämlich: "Wir glauben an die Bibel, und deshalb glauben wir, dass Gott die Welt erschaffen hat." Und ich dachte spontan: Spannt das nicht irgendwie den Karren vors Pferd? Wieso sollte man an die Bibel glauben, wenn man nicht zunächst einmal an Gott glaubt? Mir scheint, hier liegt ein echtes Dilemma des evangelikalen "sola scriptura"-Verständnisses: Wenn uns allein die Bibel sagt, was wir glauben sollen, woher wissen wir dann, dass die Bibel glaubwürdig ist? Tatsächlich wird genau diese Frage in dem Facebook-Beitrag zum Thema "Die Sonntagsschule macht Ihre Kinder zu Atheisten", mit dem ich mich ja noch ausführlicher auseinandersetzen wollte, als zentrales Problem identifiziert – dort dargestellt in Form eines Dialogs zwischen der Sonntagsschullehrerin und einigen Kindern aus ihrer Gruppe: 

"Warum glaubt ihr, dass die Bibel wahr ist?" 
"Weil sie Gottes Wort ist." 
"Woher wisst ihr, dass sie Gottes Wort ist?"
"Weil... die Bibel das sagt?" 

Im vorliegenden Fall könnte man natürlich sagen, das Anspiel mit seiner Kernaussage "Die Schöpfung weist auf den Schöpfer hin" biete bereits einen Ansatz, aus dem sola-scriptura-Zirkelschluss herauszukommen; so gesehen wäre der Satz "Wir glauben an die Bibel, und deshalb glauben wir, dass Gott die Welt erschaffen hat" im Grunde eher ein Lapsus – aber eben ein sehr bezeichnender. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Die erste Aufgabe des Christen, so scheint mir, ist es, im Glauben an Gott zu wachsen – im Vertrauen auf Seine Macht, in der Überzeugung, dass wir alle in Seiner Hand geborgen sind. Er ist unsere Sicherheit, unser Schutz. Dieser Glaube, um den wir beten müssen, vertreibt die Furcht, die jedes Bemühen lähmt. Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor Hunger, vor dem Verlust der Wohnung, aber aich Furcht vor körperlicher Gewalt oder vor den Hieben von Beschimpfung und Verachtung. 

Ich will das Martyrium nicht kleinreden, aber was ich will, ist, stets die Worte im Bewusstsein zu bewahren: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). Gott liebt alle Menschen, "Gott will, dass alle Menschen gerettet werden" (1 Tim 2,4). Aber wir haben die große und herrliche Gabe des freien Willens erhalten, die den Menschen vom Tier unterscheidet, die Macht, eine Wahl zu treffen, und oft wählt der Mensch das Böse, weil es den Anschein des Guten erweckt, weil es Glück zu versprechen scheint." 

(Dorothy Day, Tagebucheintrag September 1962; eigene Übersetzung) 


Ohrwurm der Woche 

Donovan: Hey Gyp! Dig the Slowness 

Ein Song, den ich noch aus meiner Zeit als DJ in einer Hippie-Kneipe in meinem Repertoire habe; da stand Donovans Album "Colours" sogar als Vinyl-LP im Regal. Donovan, der zusammen mit den Beatles in Indien war, um beim Maharishi Mahesh Yogi die Transzendentale Meditation zu erlernen, ist ja im Allgemeinen eher für esoterisch angehauchtes, nach Räucherstäbchen duftendes sanftes Gesäusel bekannt, aber bei dieser Nummer – einer folkrockigen Re-Interpretation eines Bluesklassikers von Memphis Minnie & Kansas Joe – lässt er es so richtig krachen. Ich habe den Song auf die Playlist für unsere Einweihungs-Gartenparty am vergangenen Sonntag gesetzt, und seitdem lässt der Ohrwurm mich nicht mehr los. 


Vorschau/Ausblick 

Über die Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche, bei der meine Familie und ich uns noch bis morgen Mittag befinden, wird es, nachdem ich mich dazu bisher noch nicht in nennenswertem Umfang geäußert habe, im folgenden Wochenbriefing zweifellos umso mehr zu sagen geben. In diesem Zusammenhang steht übrigens die Frage im Raum, ob wir, um unsere Sonntagspflicht zu erfüllen, nach unserer Rückkehr nach Berlin noch in eine Abendmesse gehen "müssen". Theoretisch könnte man das in Herz Jesu Tegel tun, allerdings soll da, wie ich den Vermeldungen der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd entnommen habe, anlässlich des Caritas-Sonntags die (weiter oben schon mal erwähnte) Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka "predigen" – und ich fürchte, ich kann es mir in meiner derzeitigen Position nicht erlauben, einen Eklat auszulösen, indem ich in der Messe aufstehe und darauf hinweise, dass sie das gar nicht darf. – In den folgenden Tagen wird es dann jedenfalls weiter darum gehen, die neue Wohnung einzurichten und die alte übergabereif zu machen. Am Dienstag ist zudem Elternabend an der KiTa unseres Jüngsten, am Mittwoch JAM, und ansonsten bleibt abzuwarten, was die Woche noch so bringt. Spannend wird jedenfalls das nächste Wochenende, da ist Erstkommunionkurs, Marsch für das Leben, Vorstellung der Erstkommunionkinder in der Sonntagsmesse in St. Joseph Siemensstadt, und außerdem sind Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Aber das sind alles schon Themen fürs übernächste Wochenbriefing... 


2 Kommentare:

  1. Schön war's bei Euch! Und mein Angebot bzw. mein dringender Wunsch, im Garten zu helfen, besteht nach wie vor.

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  2. >>und ich fürchte, ich kann es mir in meiner derzeitigen Position nicht erlauben, einen Eklat auszulösen, indem ich in der Messe aufstehe und darauf hinweise, dass sie das gar nicht darf.

    Es spricht ja, selbst ohne Deine derzeitige Position, nichts dagegen, sitzen zu bleiben. Überzeugen wirst Du eh keinen, und ein Triplet zur Sühne für ihre Sünde geht ja immer und bewirkt möglicherweise auf längere Sicht sogar wirklich was.

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