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Montag, 23. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #12 (21. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Ich beginne mal mit etwas, was strenggenommen noch in das vorige Wochenbriefing hineingehört hätte -- einem Dialog am Frühstückstisch an Mariä Himmelfahrt, vorletzten Sonntag. "Also nächstes Jahr gibt es keine MEHR, sondern stattdessen eine WENIGER-Konferenz", teilte meine Liebste mir mit. "Die findet zweimal hintereinander statt, ohne Kinderprogramm und auch ohne Live-Übertragung; man kann sie nur erleben, indem man an ihr teilnimmt." 

Ich machte große Augen. "Du verarschst mich." 

"Nein!!!", beteuerte meine Liebste. 

Na ja, was soll man sagen. Ob das nun in die dicker und dicker werdende Ablage "How COVID ruined everything" gehört oder, wie meine Liebste meint, eher damit zu tun hat, dass "Hartl auf so'nem Entschleunigungstrip" ist -- lassen wir das mal dahingestellt. 

Am Montag ging es mir sehr schlecht: Ich litt, bedingt durch Stress und Schlafmangel, an Kopfschmerzen, vor allem aber war ich frustriert darüber, in der Gremienarbeit in der Pfarrei immer wieder gegen Wände zu laufen (ein Gefühl, das sich in meinem Wochenbriefing von voriger Woche wohl sehr deutlich niedergeschlagen hat), und hatte das Gefühl, unendlich viel zu tun zu haben und mit nichts so richtig voran zu kommen. Aber schon am Dienstag ging es wieder bergauf mit mir. Das begann damit, dass ich es schaffte, etwa eineinhalb Stunden früher aufzustehen als der Rest der Familie, um erst mal ein bisschen "Zeit für mich" zu haben. Am frühen Abend hatten wir, wie jeden Dienstag, Lobpreisandacht, allerdings hatte ich meiner Tochter Bernadette versprochen, vorher noch mit ihr die beiden Schnecken, die sie seit etwa eineinhalb Wochen in einem Schraubglas gehalten hatte, im Garten der Kirche "auszuwildern" und gegebenenfalls neue zu suchen. Meine Liebste kam mit dem Baby kurze Zeit später nach, Bernadette spielte auf dem Kirchengrundstück fröhlich mit den Nachbarsmädchen, und dann trafen wir unsere Pastoralreferentin, die wohl eigentlich gerade etwas im Pfarrbüro zu erledigen hatte, sich aber fast eine halbe Stunde Zeit für ein Gespräch mit uns nahm -- zunächst rein "privat", dann aber doch auch über verschiedene Aktivitäten und Projekte in der Pfarrei, und das erwies sich als sehr hilfreich zur Überwindung meiner Motivationskrise. 

Schnecken fanden sich im Garten der Kirche reichlich; noch mehr als hier zu sehen sind. 

Was die Lobpreisandacht betrifft, dachte ich zunächst, ich würde sie allein bestreiten müssen, während unsere Große weiterhin im Hof mit den Nachbarsmädchen spielte und meine Liebste sie dabei beaufsichtigte (und gleichzeitig das Baby stillte). Aber kaum hatte ich mit der Andacht begonnen, da kamen Bernadette und eins der anderen Mädchen in die Kirche gelaufen und tanzten zur Lobpreismusik. Ich war entzückt. Nicht minder entzückt war ich, als ich während der laufenden Andacht erwog, anstelle der Kurzlesung aus der Vesper vom Tag (die sich schließlich alle vier Wochen wiederholt) die Tageslesung aus dem Messlektionar zu nehmen -- und feststellte, dass da die Berufung Gideons aus dem Buch der Richter dran war; habe ich erwähnt, dass mein kleiner Sohn Gideon heißt? Nach der Andacht gingen wir erneut bei dem Vietnamesen gegenüber der Kirche essen, und der Laden ist echt gut. 

Den Mittwoch verbrachten Frau und Kinder größtenteils im Tierpark, was mir den nötigen Freiraum verschaffte, an der September-Ausgabe der "Lebendigen Steine", an meinen Buchrezensionen und an diesem Blogartikel zu arbeiten. Am Donnerstag begleitete ich meine Familie erst einmal zu einer Spielplatz-Verabredung, klinkte mich da aber nach knapp zwei Stunden aus, und als ich nach Hause kam, fand ich im Briefkasten das eigentlich schon letzte Woche erwartete Rezensionsexemplar des Buches "Den ersten Schritt macht Gott" von Bischof Stefan Oster und meinem Freund Rudolf Gehrig vor. Kommt natürlich auf meine Leseliste, allerdings würde es im Rahmen der "100-Bücher-Challenge" erst in Etappe 10 drankommen, und ich fürchte, ein Teil meiner Leser - allen voran Rudolf selbst - kann so lange nicht warten, also muss ich vielleicht demnächst schon mal eine "Sneak-Preview" auf Facebook veröffentlichen oder so. 

Am Freitag, dem Gedenktag des Hl. Bernhard von Clairvaux, hatte meine Liebste nachmittags eine Vorstandssitzung des Vereins "Freunde der katholischen Kirche Herz Jesu Tegel e.V." zum Zweck der Planung eines "Begegnungsfests" am 5. September; ich beaufsichtigte derweil - nach einem kurzen Besuch der Eucharistischen Anbetung - unsere Große beim Spielen im Hof der Kirche. Im Anschluss an die Vorstandssitzung war Abendmesse, und wir hatten gehört, dass ein junges Ehepaar, das erst seit wenigen Monaten im Gemeindegebiet wohnt, in dieser Messe ihr zehnjähriges Ehejubiläum feiern wollte. Junge Familie? Neu in der Gemeinde? Die wollten wir natürlich kennenlernen! Tatsächlich schafften wir es, uns ihnen nach der Messe vorzustellen und ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Schauen wir mal, wie sich das weiter entwickelt. 

Am Samstag standen wir zeitig auf, um den Krabbelbrunch vorzubereiten -- den ersten seit 17 Monaten. 



Schon im Vorfeld hatten wir uns - u.a. angesichts mangelnder Werbung, wofür wir uns zum Teil (zum Teil aber auch nicht) an die eigene Nase fassen müssen - Gedanken gemacht, ob überhaupt jemand kommen würde. Diese Sorge erwies sich als berechtigt, aber hey: Für unsere eigenen Kinder war's schön, für die Erwachsenen gab's leckeren Kaffee und coronakonform einzeln verpacktes Kleingebäck, und schließlich verfuhren wir wie in dem Gleichnis vom Hochzeitsmahl und luden die Nachbarsmädchen ein, sich zu uns zu gesellen. Aus dem Alter für die von uns aufgebaute Spiellandschaft waren die zwar schon deutlich raus, aber nett war's trotzdem. 

Das designierte Highlight des Sonntags war dann das Maria 1.0-Regionaltreffen für das Erzbistum Berlin. Der Anfang des Zoom-Meetings geriet aus technischen Gründen etwas holprig, aber dann wurde es doch sehr interessant und nett. Der voraussichtliche nächste Schritt wird die Einrichtung einer Mailingliste für die Koordination zukünftiger gemeinschaftlicher Aktivitäten sein; da steckt also noch Einiges an Potential drin. 


Was ansteht: Ich hatte es vorige Woche bereits angedeutet: Diese Woche platzt mein Terminkalender wirklich aus allen Nähten. Okay, heute noch nicht; heute ist "nur" der Redaktionsschluss für die September-Ausgabe der "Lebendigen Steine". Aber morgen - am Fest des Apostels Bartholomäus - steht beim vom Baumhaus ausgerichteten Emergent Berlin Festival ein, wie mir scheint, ziemlich vielversprechendes Thema auf dem Programm: "How to Kiezblock - Wandering Liveable Streetspace", ein "Teach-In" mit Kai Siefke vom Verein Changing Cities. (Was mich übrigens daran erinnert, dass dieser Verein auch mal eine Veranstaltung in "unserem" Pfarrhaus hatte...). Schauen wir mal, ob ich es schaffe, da nach der Lobpreisandacht hinzufahren. 

Am Mittwoch, dem Gedenktag des Heiligen Ludwig, trifft sich die AG Neuevangelisierung, vorrangig zu dem Zweck, die monatlichen Herz-Jesu-Andachten in unserer Pfarrkirche für das nächste halbe Jahr oder so zu planen, aber ich gehe mal davon aus, dass bei der Gelegenheit auch andere Anliegen diskutiert werden. So zum Beispiel die abgefahrene Idee des Pastoralausschusses, die einzelnen Gemeinden und "Orte kirchlichen Lebens" des Pastoralen Raums sollten eine "SWOT-Analyse" erarbeiten. Wie ich mich kenne, wird mein Beitrag dazu vorrangig darin bestehen, darzulegen, warum ich diese Idee eher nicht so brillant finde -- oder sagen wir: was ich daran problematisch finde. 

Am Donnerstag soll, meinem Terminkalender zufolge, das zweite Planungstreffen für die Einrichtung eines Instagram-Accounts für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd stattfinden, aber da ich seit dem ersten Treffen dieser Gruppe (vor acht [!] Wochen) nichts mehr davon gehört habe, bin ich nicht ganz sicher, dass es wirklich stattfinden wird. Schauen wir mal. Dann ist schon Freitag, der Gedenktag der Hl. Monika, und da ist Lokalausschuss. Ein wichtiges Thema dürfte da wohl die angestrebte Renovierung der Pfarrhausküche sein; was sonst noch auf die Tagesordnung kommt, bleibt abzuwarten, aber die Erfahrung spricht dafür, dass da eine ganze Reihe von Themen zusammenkommen wird. 

Am Samstag ist der Gedenktag des Hl. Augustinus, und der wird in der zu unserem Pastoralen Raum gehörenden Pfarrei St. Rita - die aus einem Augustinerkonvent hervorgegangen ist - groß gefeiert: mit einer Festmesse um 18:30 Uhr, anschließendem Umtrunk im Klostergarten und einem Sinfoniekonzert um 21 Uhr. Der Umtrunk würde mich ja - unter Networking-Gesichtspunkten, versteht sich - durchaus interessieren, das Sinfoniekonzert ehrlich gesagt weniger. Aber vielleicht liest dies ja jemand, der sowohl Lust als auch die Möglichkeit hat, da hinzugehen. 

Und am Sonntag gibt's in St. Joseph einen "Familien-Wortgottesdienst". Normalerweise wäre das ja nun so richtig überhaupt nicht unser Ding, aber uns wurde mitgeteilt, dass diese Veranstaltung auf Initiative einer erst kürzlich ins Gemeindegebiet gezogenen Familie organisiert worden ist -- nicht der Familie, die vergangenen Freitag in Herz Jesu ihr Ehejubiläum gefeiert hat, aber die wird wohl auch dabei sein. Ich bin gespannt! 


Zitat der Woche: 

"Nur ein ganz klein wenig Glaube genügt, und Petrus kann auf dem Wasser gehen. Denn Glaube bedeutet Einssein, Einigsein mit Gott, und diese Einheit wirkt Wunder. Sich einzulassen auf die Wirklichkeit Gottes, ist ansteckend. Oft bemerken wir gerade bei Menschen, die Übermenschliches leisten oder erleiden, dass ihnen solches nur in der Kraft des Glaubens möglich ist." 

(Klaus Berger, "Jesus", S. 82) 


Linktipps: 

Ein Artikel von vor einem Jahr, aber sein Anlass - der Gedenktag des Hl. Maximilian Kolbe - wiederholt sich ja jedes Jahr, und somit wurde der Artikel unlängst erneut in den Sozialen Medien verbreitet. Und das ist gut so, denn ich (und sicherlich nicht nur ich) habe ihn dadurch zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Hätte ich schon früher von der Existenz dieses Artikels gewusst, hätte ich vermutlich ein paar Auszüge daraus für die August-Ausgabe der "Lebendigen Steine" verwendet. 

Elizabeth Scalia präsentiert in ihrem Artikel keine umfassende biographische Skizze des Heiligen, sondern konzentriert sich weitgehend auf die Umstände seines Todes im KZ Auschwitz. Die äußeren Fakten dieses Vorgangs sind ja recht bekannt, aber Elizabeth Scalia schildert die Ereignisse - unter Berufung auf Zeugenaussagen - sehr eindringlich. 

Dreh- und Angelpunkt des Artikels ist, dass Elizabeth Scalia die letzten Tage des Hl. Maximilian Kolbe als ein Zeugnis für die subversive Kraft des Gebets betrachtet. "Das Gebet eines gläubigen Menschen ist die Waffe des wahren Widerstandskämpfers", schreibt sie: "Was auch immer man dem Leib antun mag: Der Geist, wenn er durch das Gebet freigesetzt wird, kann nicht gezähmt werden." Und schließlich: 

"Die weltlich Gesinnten nennen den Glauben töricht und spotten über ihn. Genau deswegen werden sie letzten Endes unterliegen. Man kann keinen Krieg gewinnen, wenn man die Waffen geringschätzt, die denen zur Verfügung stehen, die man unterdrückt."  

In diesem Zusammenhang scheint es mir übrigens erwähnenswert, dass neulich in einem informellen Gespräch unter engagierten Gemeindemitgliedern die Rede davon war, die Gemeinde solle Vorschläge für ein Patrozinium der Großpfarrei sammeln, die in ein paar Jahren aus unserem Pastoralen Raum hervorgehen soll. Spontan brachte ich den Namen Maximilian Kolbe ins Gespräch, u.a. auch mit Blick auf die signifikante Anzahl polnischstämmiger Katholiken im Pastoralen Raum. Meine Gesprächspartner äußerten jedoch Bedenken: Kolbe sei ja ein Widerstandskämpfer gewesen, und das vertrage sich womöglich schlecht mit dem Selbstverständnis einer Kirche, die in der Mitte der Gesellschaft stehen wolle. 

Lassen wir das mal einen Moment auf uns wirken. 

Nanu, schon wieder Hanniel? Jo, isso. Die Überschrift hat mich neugierig gemacht.  Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass ich in den letzten beiden Wochenbriefings andeutungsweise ein gewisses Maß an Sympathie oder jedenfalls Verständnis für die sogenannte "Querdenker"-Bewegung signalisiert habe; und wenngleich ich wenig Lust verspüre, mich dafür zu rechtfertigen, denke ich doch, ein bisschen Kontextualisierung und differenzierte Betrachtung ist da durchaus ratsam. Und dafür bietet eine Auseinandersetzung mit diesem Hanniel-Blogartikel recht gute Ansatzpunkte. 

"Corona ist für mich Symptom-Thema", beginnt Hanniel. "Sie [?] fördert Schwach- und Bruchstellen sowohl bei säkularen Post-Evangelikalen als auch bei den gegenweltlichen Konservativen zu Tage." Das klingt erst einmal sehr ausgewogen und ist sicherlich auch so gemeint;  folglich war ich zunächst etwas überrascht, dass Hanniels insgesamt sehr knappe Anmerkungen zu diesem Thema vorrangig als Kritik oder Ermahnung an die Adresse der "gegenweltlichen Konservativen" zu verstehen sind. Das mag zum Teil mit der Zielgruppenorientierung des Hanniel-Blogs zu tun haben -- in dem Sinne, dass der Autor möglicherweise davon ausgeht, die "säkularen Post-Evangelikalen" würden sich von ihm sowieso nichts sagen lassen bzw  er habe ihnen schlichtweg nichts zu sagen. Trotzdem erscheint es mir bezeichnend, dass ich mir unter der Überschrift dieses Artikels tendenziell etwas Anderes vorgestellt hätte; und ich möchte behaupten, das hat mit einem unterschiedlichen Erfahrungshorizont zu tun. 

Damit will ich sagen: Wenn ich beim Stichwort Vermischung von Corona und Evangelium in erster Linie eher nicht an fundamentalistische Impfgegner denke, die ihre Haltung zur herrschenden Corona-Politik zum Prüfstein christlicher Rechtgläubigkeit erheben, sondern eher an die exakt gegenteilige Position, dann hat das zweifellos auch damit zu tun, welche Haltung ich als die dominante erlebe. Gut, zugegeben: In einem Buch für Gebetsanliegen, das in unserer Pfarrkirche ausliegt, finden sich in jüngster Zeit immer mal wieder Einträge, in denen gewarnt wird, die Corona-Impfung sei "vom Satan", und hin und wieder tauchen entsprechend apokalyptische Pamphlete auch in der Schriftenauslage oder im Büchertauschregal auf. Aber das würde ich alles in allem doch als extreme Außenseiterpositionen betrachten, die im volkskirchlichen Mainstream kaum toleriert, geschweige denn ernst genommen werden. Volkskirchliche Normalität, so wie ich sie wahrnehme, ist ja eher von einem Ausmaß von Compliance gegenüber den behördlichen Corona-Vorschriften geprägt, dass man sich manchmal wünschen würde, die Glaubenslehre der Kirche würde auch nur halb so gewissenhaft befolgt. "Desinfektionsmittel statt Weihwasser" ist, wie mir scheint, eine recht symbolkräftige Illustration für diesen Sachverhalt. 

In der zurückliegenden Woche habe ich von mehreren Bischöfen gelesen, die sich dagegen ausgesprochen haben, religiös begründete Ausnahmen von der Impfpflicht anzuerkennen. Sogar der Papst ruft die Gläubigen dazu auf, sich gegen Corona impfen zu lassen. 

Nun ist dies allerdings eine Frage, in der auch der Papst nicht unfehlbar ist. Er kann - mit Recht - darauf hinweisen, dass es moralisch geboten ist, die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen nach Möglichkeit zu schützen. Darüber zu urteilen, inwieweit eine Corona-Impfung diesem Zweck dient oder gar notwendig dafür ist, fällt nicht in seinen Kompetenzbereich als Papst. 

Das Problem an solchen Positionierungen ist, so wie ich (und gewiss nicht nur ich allein) es sehe, nämlich dies: Wenn, wie man immer wieder hört und liest, die Impfung zwar das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs signifikant verringert, den Geimpften aber weder davor schützt, infiziert zu werden, noch auch davor, Andere anzustecken, dann ist das in kirchlichen Kreisen sehr beliebte Narrativ, es sei ein Gebot der christlichen Nächstenliebe, sich impfen zu lassen, um Andere zu schützen, schlichtweg gegenstandslos. Aber wenn das so ist - und wenn somit auch durch eine flächendeckende "Durchimpfung" der Bevölkerung keine "Herdenimmunität" erreicht werden kann -, stellt sich die Frage: Wozu dann der enorme politische, mediale und gesellschaftliche Druck, mit dem dafür gesorgt  werden soll, dass alle Welt geimpft werde? Solange es auf diese Frage keine überzeugende Antwort gibt, braucht man sich über das Grassieren von Verschwörungstheorien nicht zu wundern. Sicherlich sind manche Vorstellungen, die in den Kreisen der sogenannten "Querdenker" kursieren, deutlich "over the top" -- zum Teil einfach abwegig, zum Teil wohl auch mit einer potentiell gefährlichen ideologischen Schlagseite ausgestattet -; aber dass diese Leute das Gefühl haben, den "offiziellen Autoritäten" nicht trauen zu können, kann ich ihnen schwerlich verübeln. Und darum erscheint es mir ausgesprochen unglücklich, wenn auch die Kirchen sich demonstrativ auf die Seite jener offiziellen Autoritäten schlagen. 

Nun aber zurück zu Hanniel! Seiner Ausgangsthese, es sei "problematisch", eine "Positionierung zur Impfung direkt mit dem Evangelium zu verbinden", kann ich voll und ganz zustimmen; interessant wird es dann in den nächsten zwei Sätzen: 

"Diejenigen, die so auf die Unterscheidung des bürgerlichen und staatlichen Regiments pochten, werden so unvermittelt zu Jüngern gegen die Impfung. Das nenne ich eine Vermischung der zwei Reiche (statt einer Unterscheidung)."

Das gibt zu denken; aber stimmt das eigentlich, oder ist es doch nur argumentative Spiegelfechterei? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Vielleicht könnte das Buch "Corona und Christus" von John Piper, das Hanniel als weiterführende Lektüre empfiehlt; aber ich glaube, so genau, dass ich deswegen freiwillig ein ganzes Buch zum Thema "Christen und Corona" lesen würde, will ich es dann doch nicht wissen. 

Wiederum gänzlich mit Hanniel einverstanden bin ich, wenn er denjenigen Christen, die sich "unverhohlen als Vertreter der 'harten Rechten' zu erkennen" geben, vorhält, sie stellten "damit das Evangelium unter einen Gesinnungsvorbehalt". In der Tat: Die Glaubensüberzeugungen des Christen sollen seine politische Haltung prägen, nicht umgekehrt. (Das ist übrigens eine Forderung, die viele "liberale Christen" - unter Verweis auf die Trennung von Staat und Kirche, die sie als Trennung von Politik und Religion missverstehen - empört bis entsetzt zurückweisen würden. Aber das ist ein Thema für sich.) 

Zum Schluss merkt Hanniel noch an: "Die Geimpften kochen vor Wut über nicht Geimpfte und sind verhindert zu beten." Fundamentalistische Impfskeptiker unter den Christen könnten hier nun empört fragen: "Wie bitte, sollen wir daran jetzt auch noch schuld sein?" Dazu würde ich sagen, man muss nicht unterstellen, dass Hanniel das so gemeint hat, aber es kann wohl nicht schaden, in diesem Zusammenhang an die eindringlichen Warnungen der Evangelien davor zu denken, dass Christen füreinander zum skandalon, zum Stein des Anstoßes werden. Wie der Theologe Klaus Berger in seinem Buch "Jesus", S. 88, schreibt, ist "Ärgernisgeben" - verstanden als "ein Verhalten, mit dem ich den anderen provoziere, ihn störe, ihn irritiere, ihn unsicher mache in seinem Christsein" - dem Zeugnis der Evangelien und Briefe des Neuen Testaments zufolge "ungefähr das Schlimmste, was ein Christ dem anderen antun kann". Zumindest könnte man sagen, wer ein besonders guter Christ sein will, ist gut beraten, sich besonders darum zu bemühen, seine Feinde zu lieben. Das gilt im hier angesprochenen Konflikt natürlich für beide Seiten, und auch unabhängig vom Thema Corona immer und für uns alle, nicht zuletzt für mich. Ich weiß sehr wohl, dass die Feindesliebe nicht meine stärkste Seite ist. Aber ich bemühe mich um Besserung. 

(Nebenbei möchte ich anmerken, dass dieser Artikel durchaus auch exemplarisch ist für den trockenen, hölzernen Stil, der erheblichen Anteil daran hat, dass ich mit Hanniel Strebel nicht so richtig warm werde. Aber das gilt unabhängig von seinen inhaltlichen Positionierungen.) 

Vivian Warren ist 43, lebt und arbeitet in einer Niederlassung der Bruderhof-Gemeinschaft im Staat New York -- und sie ist Single. Das hat sie sich nicht so ausgesucht, es hat sich einfach nicht anders ergeben. Damit ist das Thema dieses Artikels schon einigermaßen umrissen: Wie schwer ist es, ein solches unfreiwilliges Singledasein als gottgewollt, ja womöglich sogar als eine Art von Berufung zu akzeptieren? 

An dieser Stelle ein paar Anmerkungen zur Bruderhof-Gemeinschaft: Meinen ersten Kontakt zu dieser nach dem I. Weltkrieg in Deutschland gegründeten neutäuferischen Bewegung, deren Gründergeneration 1937 vor den Repressionen durch das Nazi-Regime flüchtete und die heute Niederlassungen in den USA, Australien, Großbritannien, Paraguay, Österreich und auch wieder in Deutschland hat, hatte ich auf der MEHR 2017, jedoch - auch wenn das komisch klingt - gewissermaßen ohne es richtig zu merken. Im MEHR-Space gab es einen Bruderhof-Infostand, an dem ich allerlei Giveaways abgriff -- darunter zwei Bücher: "Leben in der Nachfolge", eine thematisch sortierte Sammlung von Auszügen aus den Schriften von Johann Heinrich Arnold, dem Sohn des Bruderhof-Gründers und langjährige Leiter dee Gemeinschaft, sowie die Autobiographie seiner Mutter Emmy Arnold, "Gegen den Strom". In der Masse an Infomaterial, die ich von meiner ersten MEHR mit nach Hause brachte, gingen diese Bücher aber erst mal unter und wurden bald darauf auch noch beim Umzug verkramt, kurz und gut, gelesen habe ich sie bis heute nicht, aber immerhin stehen sie auf meiner Leseliste für die "100-Bücher-Challenge" und sind da für die Etappen 9 und 13 vorgesehen. 

Wie ich bereits in früheren Artikeln angemerkt habe, erwähnt Rod Dreher die Bruderhof-Bewegung mehrfach auf seinem Blog; umgekehrt erschien auf der deutschsprachigen Bruderhof-Website eine sehr positive Besprechung meiner Übersetzung von Rod Drehers "Benedikt-Option", und in dieser Besprechung wurde auch mein Blog lobend erwähnt. 

Vorbehaltlich der noch ausstehenden eingehenderen Auseinandersetzung mit Lehre und Praxis der Bruderhof-Bewegung glaube ich jedenfalls sagen zu können, dass ihre Anhänger eine Form christlichen Gemeinschaftslebens kultivieren, die dem durchschnittlichen Volkskirchen-Angehörigen "sektenartig" vorkommen dürfte -- es dabei aber irgendwie scgaffen, sympathisch und ungefährlich 'rüberzukommen. Vivian Warren jedenfalls kommt enorm sympathisch 'rüber. Und ich glaube, dass ihr sehr persönliches und emotional aufrichtiges Zeugnis auch und gerade solchen Lesern "etwas sagen" kann  die sich mit dem Konzept "Keuschheit" eher schwertun; oder, for that matter, auch mit dem Konzept "Gehorsam". 

Wie Vivian Warren erläutert, legen Mitglieder von Bruderhof-Gemeinschaften ebenso wie die Mitglieder religiöser Ordensgemeinschaften ein Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab. Ein Bruderhof ist aber eben kein Kloster, die Gemeinschaft besteht nicht nur aus Personen, die sich zu lebenslanger Ehelosigkeit verpflichtet haben, sondern auch Familien -- womit schon mal klar sein dürfte, dass mit dem Keuschheitsgelübde etwas Anderes gemeint sein muss als das, was sich Viele wohl unter diesem Begriff vorstellen würden, nämlich "absolute sexuelle Enthaltsamkeit, Punkt". Von Vivian Warren kann der geneigte Leser lernen, dass Keuschheit bedeutet, Sexualität so zu leben, wie es dem Willen Gottes entspricht -- und das bedeutet in der Praxis natürlich für Verheiratete etwas Anderes als für Unverheiratete. In diesem Sinne lehrt übrigens auch die katholische Kirche, dass alle Christen zur Keuschheit berufen sind (vgl. KKK 2348) -- wenngleich sie einfachen Laien bzw. "Weltchristen" im Normalfall nicht durch ein formelles Gelübde dazu verpflichtet. Allerdings wage ich zu behaupten, dass es für die Mehrheit der Getauften - und wahrscheinlich sogar für die Mehrheit der aktiven Kirchgänger - eine völlig abwegige Vorstellung ist, der Frage nach dem Willen Gottes für das eigene Leben höhere Priorität einzuräumen als dem Anspruch auf "Selbstverwirklichung". Das ist natürlich nicht zuletzt auch ein Problem mangelnder bzw. falscher Katechese. Wieso sollte Gott überhaupt etwas von mir bzw. für mich wollen, was meinen eigenen Wünschen widerspricht? Ist Gott nicht dazu da, MICH glücklich zu machen? -- Nun ja, ehrlich gesagt: Nicht direkt, Schnucki. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wahres Glück findet man, indem man den eigenen Willen mit dem Willen Gotte in Einklang bringt. Dass das nicht einfach ist und zuweilen schmerzhaft sein kann, stellt Vivian Warren sehr eindringlich dar. Kurz gesagt, ein Text, den ich gerade auch Jugendlichen und/oder den für sie zuständigen Katecheten gern ans Herz legen möchte. 


Ohrwurm der Woche: People's Temple Choir: "Hold On, Brother" (1973) 

Diesen Song widme ich der Tatsache, dass ich es in der zurückliegenden Woche endlich geschafft habe, Darryl Coopers siebenteiligen Podcast über Jim Jones und den People's Temple zu Ende anzuhören. Rund 30 Stunden. Vier Wochen hat's gedauert. Aber ich kann diesen Podcast nicht g'nug empfehlen. Ich habe unheimlich viel daraus gelernt,  nicht nur über den People's Temple, sondern auch über die Black Power-Bewegung, den Weather Underground, über ideologische Ent- und Verwicklungen der "Neuen Linken" seit den 1960er-Jahren, die bis heute fortwirken, und noch über Manches andere. 

Was man sich auch ohne spezielles Hintergrundwissen hätte denken können, ist, dass eine Sekte unbedingt eine gute Band braucht. Der People's Temple hatte eine -- die im Jahr 1973 sogar eine professionell produzierte Schallplatte, "He's Able", herausbrachte. Die elf Songs des Albums gibt's sämtlich auf YouTube, ich habe sie mir aber noch nicht alle angehört. Der Song "Hold On, Brother" wird in Darryl Coopers Podcast mehrfach angespielt, und ich finde ihn sehr bezeichnend für die gewissermaßen "para-religiöse" Ideologie des People's Temple: Musikalisch hat die Nummer eindeutige Gospel-Vibes, aber im Text wird die Anrufung Gottes konsequent ersetzt durch die Verheißung einer besseren Zukunft, die man, ganz in marxistischer Manier, selbst zu schaffen habe. Wir wissen, wie die Sache ausging: Gut fünf Jahre später waren all diese Leute - sofern sie nicht schon vorher aus der Sekte ausgestiegen waren - tot, im Dschungel von Guyana mit einem mit Blausäure versetzten Fruchtsaftgetränk vergiftet. 


Aus der Lesehore: 

Dreifach und doch wieder einfach ist der Sinn des göttlichen Mysteriums. Mysterium ist zunächst Gott in sich, Gott als der unendlich Ferne, der Heilige, der Unnahbare, dem kein Mensch sich nahen kann, ohne zu sterben; dem verglichen alles unrein ist, wie der Prophet sagt: "Ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen." (Jes 6,5)

Und dieser Allheilige entschleiert sein Mysterium, lässt sich zu seinen Geschöpfen herab und offenbart sich ihm, aber immer wieder "im Mysterium", das heißt, in gnadenvoller Offenbarung an die von ihnen Erwählten, Demütigen, Herzensreinen, nicht an die Stolzen und Selbstbewussten. So bleibt auch seine Offenbarung ein Mysterium, da es nicht der profanen Welt offensteht, sondern sich vor ihr verbirgt und sich nur dem Gläubigen, dem Auserwählten, enthüllt. Gottes Wesen ist also unendlich erhaben über die Welt, und doch wohnt er gnadenvoll in der Kreatur, in der Menschheit; er ist transzendent und immanent zugleich; er übersteigt alle Kreatur dem Wesen nach und durchdringt sie der Allgegenwart und der Allwirksamkeit nach. 

(Odo Casel, "Das christliche Kultmysterium")  


Montag, 16. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #11 (20. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Den Montag letzter Woche verbrachte ich praktisch zur Gänze im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, mit meiner Familie und der Familie von Blogleserin Maren aus Bayern (bzw. Franken), deren zwei Söhne vom Alter her zwischen unseren Kindern liegen: Ihr Ältester ist etwa ein Jahr jünger als unsere Tochter, ihr Jüngster etwas über einen Monat älter als unser Sohn. Insbesondere die beiden "Großen" verstanden sich prächtig, es war eine Freude, zuzuschauen, wie sie zusammen herumrannten, kletterten und den 146 von Künstlern aus aller Welt gestalteten Buddy-Bären Namen gaben. 

Zur Lobpreisandacht am Dienstag ging ich diesmal wieder allein, da das große Kind lieber zu Hause bleiben und mit der Mama auf dem Kinderzimmerfußboden Memory spielen wollte und wir Eltern es beide nicht für gut hielten, sie gegen ihren Willen zum Mitkommen zu verdonnern. Übrigens hatte sich herausgestellt, dass mein Terminkalendereintrag, demzufolge am Mittwoch der Pfarrgemeinderat tagen sollte, doch stimmte: Die Einladung, einschließlich vorläufiger Tagesordnung, kam am Dienstagmorgen. Zum Inhalt der Sitzung kann und darf ich mich hier nicht äußern, aber was ich dennoch loswerden möchte, ist: Ohne dass ich es an etwas Konkretem festmachen könnte, was irgendein Teilnehmer der Sitzung gesagt oder getan oder nicht gesagt oder nicht getan hätte, hat dieser Abend bei mir insgesamt das Gefühl hinterlassen, ich sollte mir mal ganz grundsätzlich überlegen, ob ich mir Gremienarbeit in der Pfarrei weiterhin antun will. Oder ob das nicht letztlich doch nur vergebliche Liebesmüh und eine Verschwendung von Zeit und Nerven ist. Weil die Strukturen einfach stärker sind als der Einzelne, einfach aufgrund ihrer Massenträgheit. Man mag sich einbilden, man könnte hier und da mal einen Impuls einbringen, aber der institutionelle Apparat ist immun gegen Impulse. Der zieht unbeirrt sein Programm durch und verwaltet alles in Grund und Boden, bis es irgendwann nichts mehr zu verwalten gibt -- und selbst dann wird er vermutlich noch eine Weile damit weitermachen. 

Ehe jetzt wieder jemand beleidigt ist: Es liegt nicht an den einzelnen Leuten. Jedenfalls nicht in erster Linie. Ich sagte ja bereits, das Problem liegt gerade darin, dass die Strukturen stärker sind als der Einzelne. Den allermeisten Leuten, mit denen ich in der Institution Kirche zu tun habe, würde ich keinesfalls einen Mangel an guter Absicht unterstellen; eher ein Übermaß an Pragmatismus, das Bedürfnis, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe zu sein, statt zu hinterfragen, wohin die ganze Maschine überhaupt rollt. 

Vielleicht sollte ich bei zukünftigen Gremiensitzungen - in allen Gremien und Arbeitsgruppen, in denen ich vertreten bin - hartnäckig darauf bestehen, dass mein bereits vor über einem halben Jahr vorgelegtes Thesenpapier zur Gemeindeentwicklung (hier zum Download -- ich möchte behaupten, große Teile davon lassen sich unschwer auf andere Gemeinden übertragen) diskutiert wird. Vielleicht sollte ich für jede Sitzung einen thematisch passenden Abschnitt heraussuchen. Aber es ist eben auch schwierig, sich auf eine Sitzung vernünftig vorzubereiten, wenn man die Tagesordnung erst einen Tag vorher bekommt. 

Die Alternative wäre, es einfach zu lassen. Den Staub von den Füßen zu schütteln und, mit den unsterblichen Worten König Friedrich Augusts III. von Sachsen, zu sagen "Macht euren Dreck doch alleene". Aber was dann? Wenn man innerhalb der bestehenden Strukturen nicht fruchtbringend für das Reich Gottes arbeiten kann, wie kann man es dann außerhalb dieser Strukturen tun? Diese Frage dürfte, ganz unabhängig von den konkreten Verhältnissen vor Ort, noch erheblich an Dringlichkeit zunehmen, je konsequenter die institutionelle Kirche in Deutschland auf ihrem Schismatischen Weg voranschreitet. Ein paar Denkanstöße dazu gibt's in den Linktipps. 

Am Donnerstag machten das große Kind und ich uns ziemlich spontan und ungeplant einen ausgedehnten Vater-Tochter-Tag: Während meine Liebste mit dem Baby zu Hause blieb, erkundeten wir die Kinderbuchabteilung der Humboldt-Bibliothek, schauten bei der Kirche vorbei und trafen dort eins der Nachbarsmädchen, mit dem Bernadette eine Weile im Garten spielte; später schauten wir dann noch am Sportplatz des FC Arminia Tegel beim Fußballtraining zu, und als das Kind dann immer noch nicht nach Hause wollte, zockelten wir einfach noch eine Weile mit dem Bollerwagen durch die Gegend, bis ich fand, es sei Zeit, das Abendessen vorzubereiten. -- Zum Ausgleich hatte ich am Freitag mal einen Nachmittag für mich, während Frau und Kinder mit den Omas ins unlängst wiedereröffnete Strandbad Tegel gingen. 

Am Samstag erhielt ich eine Büchersendung vom Herder-Verlag; ich nahm an, es würde sich um ein Rezensionsexemplar von "Den ersten Schritt macht Gott" von Bischof Stefan Oster und meinem Freund Rudolf Gehrig handeln, aber tatsächlich war es ein Rezensionsexemplar von "Alfred Bengsch - Bischof im geteilten Berlin" von Stefan Samerski. Drei Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Sehr erfreulich, zumal ich das andere Buch wohl auch noch bekommen werde. Die Bengsch-Biographie nehme ich jedenfalls in Etappe 9 meines Lektüreplans für die "100-Bücher-Challenge" auf, und wenn ich das Buch ausgelesen habe, spende ich es dem Büchereiprojekt. 

Am frühen Samstagnachmittag brachen wir dann zu viert auf zum Linienstraßenfest. Bei dieser Veranstaltung handelte es allerdings, anders als der Name nahezulegen schien, nicht so sehr um ein Fest der Anwohner der Linienstraße insgesamt, sondern eher um eine Art Soli-Party für das Haus Linie 206, eine der namhaftesten Trutzburgen der Hausbesetzerszene. 

Symbolbild: Sommer in Berlin
(Innenhof der Linie 206) 

So sieht das Haus von außen aus... 

...und hier sieht man den Kontrast zum Nachbarhaus. Seh'n Se, dit is Berlin. 

Bereits auf dem Weg dorthin, an der Ecke Linienstraße/Rosenthaler Straße, erlebten wir eine recht skurrile Szene mit: Vom Hackeschen Markt her näherte sich eine kleine, aber dank Lautsprecherwagen dennoch geräuschvolle Querdenker-Demo, und hinter einer Polizeiabsperrung hatte sich eine Gruppe linker Aktivisten versammelt, die den Demonstrationszug mit antifaschistischen Slogans empfingen -- weil "Coronaleugner" dem offiziellen Narrativ zufolge schließlich "rechts" sind, na logisch. Gerade sinnierte ich noch leicht amüsiert darüber, dass die Teilnehmer der Querdenker-Demo vermutlich ebenfalls überzeugt waren, gegen den Faschismus auf die Straße gegangen zu sein -- da begann die Mikrofon-Inhaberin der Querdenker-Demo tatsächlich zu skandieren "Alle! Zusammen! Gegen den Faschismus!", und ich hatte den Eindruck, dass die Antifa-Gegendemonstranten vor lauter Verwirrung zumindest teilweise in diesen Sprechchor einstimmten. 

Ich fand diese Szene durchaus über die rein anekdotische Skurrilität hinaus bezeichnend. Denn was immer man inhaltlich von den Positionen der Querdenker halten mag, liegt es doch auf der Hand, dass sie derzeit erheblich konsequenter und glaubwürdiger den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse verkörpern als die Antifa. Und das, so möchte ich behaupten, verweist wiederum auf ein weit grundlegenderes Problem der radikalen Linken, das über die Frage der Compliance mit Corona-Vorschriften weit hinausgeht. 

Finde den Fehler. 

Damit meine ich das Problem, dass die rebellische Attitüde der Linksautonomen immer weniger authentisch wirkt, je mehr die Positionen, die sie vertreten, im Mainstream ankommen. Die Linke hat den Kulturkampf (bis auf Weiteres) gewonnen, inszeniert sich aber weiterhin als furchtlose Barrikadenkämpferin gegen die Übermacht von Gott, Staat und Patriarchat; ich kann nicht anders, als das ein bisschen albern zu finden. Okay, natürlich sind die Hausbesetzer nach wie vor gegen den Kapitalismus, aber große Teile ihrer sozialpolitischen Visionen sind vom Woke Capitalism aufgekauft worden, der sie, wie es dem Kapitalismus nun einmal eigen ist, billiger, schneller und in leuchtenderen Farben nachbaut. 

Dass sich mir solche Gedanken aufdrängen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich kürzlich endlich die vierte Folge (von sieben) von Darryl Coopers Podcast über Jim Jones und den People's Temple zu Ende angehört habe. Darin ist viel vom Niedergang linker Bewegungen in den USA die Rede -- wie etwa der Studentenvereinigung SDS (Students for a Democratic Society, nicht zu verwechseln mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der allerdings eine teilweise durchaus vergleichbare Entwicklung durchmachte), die sich in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren durch mehrere Radikalisierungswellen und ideologische Grabenkämpfe selbst zerlegte, wobri auch die Sexuelle Revolution eine durchaus destruktive Rolle spielte. Wenn man bedenkt, dass seither ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen ist, könnte man auf die Idee kommen, so ein linksautonomes Straßenfest sei nur graduell weniger anachronistisch als ein Mittelaltermarkt. 

Und dennoch ist mir die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen grundsätzlich sympathisch, und die Leute, die man da trifft, ebenso; und die Linie 206 ist mir noch mal extra sympathisch, weil sie es schafft,  in einem ansonsten gnadenlos durchgentrifizierten Stadtteil voller Hipstercoffeeshops, Boutiquen und E-Scooter-fahrenden Yuppies zu überleben wie ein gallisches Dorf. -- Ein paar ehemalige Bekannte traf ich auch; kann man das eigentlich so sagen? Ehemalige Bekannte? Kann man jemanden, den man früher mal gekannt hat, irgendwann nicht mehr kennen? Nun ja, anscheinend geht das. Der Wirt einer Kneipe, in der ich bestimmt zehn Jahre lang Stammgast war, sieht inzwischen aus wie ein Studienrat an meinem alten Gymnasium, und das, obwohl er sich eigentlich gar nicht so sehr verändert hat. Das gibt zu denken, sagt aber vielleicht auch ein bisschen was über mein altes Gymnasium aus. 

Wie dem auch sei, beim Linienstraßenfest gab's preiswerte Getränke, leckeren Kuchen und sehr leckere Fritten, Livemusik und Akrobatik, und am Bücherstand der Anarchistischen Bibliothek Kalabal!k griff ich für schmales Geld einen Band mit Texten zur informellen Organisation 1845-1948 ab. Dürfte interessant werden! -- Nach ungefähr eineinhalb Stunden strichen wir aber doch die Segel und zogen weiter zu einem nahegelegenen Spielplatz. 

Am gestrigen Sonntag war Mariä Himmelfahrt, in Berlin allerdings zugleich auch der erste Sonntag seit Beginn des neuen Schuljahres, weshalb in unserer Pfarrkirche Familiengottesdienst mit Schulanfängersegnung auf dem Zelebrationsplan stand. Da wichen wir lieber aus auf die Allerheiligenkirche in Borsigwalde; dort gab es eine Kräutersegnung, und wir durften uns sogar ein vom Förderverein spendiertes Kräutertütchen mitnehmen. Außerdem erfuhren wir, dass das Singen im Gottesdienst ab sofort wieder erlaubt sei, und das wurde auch ausgiebig genutzt: Es gab ein gesungenes Kyrie, gesungenes Gloria, einen gesungenen Kehrvers im Antwortpsalm, ein gesungenes Vaterunser, gesungenes Sanctus, Agnus Dei und sogar einen gesungenen Entlassungssegen. Jetzt warte ich eigentlich nur noch darauf, dass die Mundkommunion wieder zugelassen wird... 


Was ansteht: Die aktuelle Woche sieht im Terminkalender noch einigermaßen entspannt aus; das wird nächste Woche ganz anders, aber dazu zu gegebener Zeit mehr. Natürlich bedeutet das auch, dass ich wohl ganz gut daran täte, mich frühzeitig darum zu kümmern, mich auf die ab nächster Woche anstehenden Termine gründlich vorzubereiten. Dazu gehört auch, an der nächsten Ausgabe der "Lebendigen Steine" zu arbeiten, denn der Redaktionsschluss wirft schon wieder seine Schatten voraus.

Gleichwohl erwäge ich wieder einmal, heute  erst einmal zum von meiner Liebsten organisierten kindergartenfrei-Familientreffen im Bürgerpark Pankow mitzukommen. Kann mich dann ja eventuell nach einer Weile wieder abseilen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; der "Omatag", der üblicherweise meist mittwochs ansteht, fällt diese Woche wohl aus, da die Omas in Urlaub sind. Am Donnerstag ist der Gedenktag des Hl. Johannes Eudes, der, weil er ein großer Förderer der Herz-Jesu-Verehrung war, in "meiner" Pfarrkirche auf einem Buntglasfenster verewigt ist: 

Am Samstag laden wir - zum ersten Mal seit 17 Monaten! - wieder zum Krabbelbrunch ins Gemeindehaus von Herz Jesu Tegel ein. Natürlich unter Beachtung der aktuell gültigen Hygienevorschriften. In der Vergangenheit kamen zu dieser Veranstaltung zwar nie so viele Leute, dass Probleme mit der für den Saal zugelassenen Personenanzahl zu befürchten wären, aber vorsichtshalber bitten wir trotzdem um Anmeldung. Und am Sonntag, dem 22. August, findet ab 16 Uhr das erste "Maria 1.0"-Regionaltreffen für das Erzbistum Berlin statt. Als Zoom-Konferenz. Leser und besonders Leserinnen aus dem Hauptstadtbistum seien hiermit herzlich eingeladen, daran teilzunehmen (Anmeldung per Mail erforderlich, dann gibt's den Zoom-Link). Ich bin gespannt!  


Linktipps: 

Vorweg: Von der Existenz von Hanniel Strebels Blog habe ich ursprünglich durch Theóradár, den alten Westgotenhäuptling, erfahren, und wer meinen fast fünf Jahre alten Artikel über dieses Ranking-Datenbank-Projekt für christliche Blogs (oder was sich so nennt) nachliest, der wird feststellen, dass ich dort angemerkt habe, ich fände "Hanniel bloggt" "eher gruselig, ohne genau sagen zu können, woran das liegt". Nun ja: Ein erster Eindruck. Hanniel Strebel, ein studierter Betriebswirt, der seine Brötchen in der betrieblichen Erwachsenenbildung verdient, daneben aber auch einen US-amerikanischen Hochschulabschluss in Theologie hat, schien mir ein knallharter, knochentrockener Evangelikaler zu sein, sehr verkopft, verklemmt, verbissen -- sehr ähnlich jenen Evangelikalen, die vor jemandem wie Johannes Hartl warnen, weil der schließlich katholisch sei und darum alle möglichen "unbiblischen" Glaubenslehren vertrete. In diesem Punkt war dieser mein erster Eindruck nachweislich falsch, und in einigen anderen wohl auch. Dazu veranlasst, dem Hanniel-Blog sozusagen noch eine zweite Chance zu geben, wurde ich zunächst durch sehr nachdrückliche Empfehlungen, die aus dem christlichen Segment der kindergartenfrei- und Homeschooling-Szene an mich herangetragen wurden, und dann, ich gebe es zu, vor allem auch dadurch, dass er Rod Drehers "Benedikt-Option" sehr wohlwollend rezensierte. Mein absoluter Lieblingsblogger ist Hanniel nach wie vor nicht und wird es wohl auch nicht mehr werden, aber ich finde doch, dass er zuweilen Interessantes und Bedenkenswertes zu sagen hat. 

-- Da ich gerade seine #BenOp-Rezension erwähnte: Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich bei meiner Übersetzungsarbeit an die Stelle kam, an der Rod Dreher seinen Lesern ungerührt den Rat gibt, ihre eigenen Kirchen (bzw. wohl eher Kirchengemeinden) zu gründen, und wie ich dabei an das Stirnrunzeln denken musste, das dieser Vorschlag wohl bei vielen katholischen Lesern auslösen würde. Womit wir direkt beim Thema des hier zur Debatte stehenden Hanniel-Artikels wären: Sicherlich muss man beachten, dass Hanniel, wenn er über Gemeindeneugründungen spricht, von einem dezidiert protestantischen Kirchenverständnis (dazu äußere ich mich gleich noch genauer) und von freikirchlichen Organisationsstrukturen ausgeht; das schließt aber, wie ich finde, nicht aus, dass man auch aus katholischer Sicht "etwas damit anfangen kann" -- mutatis mutandis, versteht sich. 

Ich will Hanniels zehn Thesen zum Thema Gemeindeneugründung hier nicht Punkt für Punkt durchgehen - da bliebe für Dich, Leser, schließlich nichts mehr zum Selberlesen übrig -, aber so viel sei doch verraten, dass gleich der erste seiner zehn Punkte ein echtes Aha-Erlebnis für mich bereithielt. Ich zitiere: 

"Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann besteht sehr wohl genügend Platz für neue Gemeinden."

Was mich an dieser lakonischen Aussage so fasziniert, ist der fundamentale Gegensatz zur Denkstruktur großkirchlicher Pastoralstrategen; denn die würden ja wohl eher sagen: "Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann kann man die Kirche dort auch zumachen." Sich "aus der Fläche zurückziehen" wie die Deutsche Post oder neuerdings die Commerzbank. Hanniel hat da einen entschieden anderen Ansatz: Das Wort Gottes muss verkündet werden, muss zu den Leuten gebracht werden et pereat mundus, und wenn die bestehenden Kirchen das nicht gebacken kriegen, dann braucht es für diese Aufgabe eben neue Kirchen. Hier kommt nun allerdings das bereits angemerkte protestantische Kirchenverständnis zum Tragen; wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb:

"Protestantische Ekklesiologie geht - zugespitzt gesagt - vom Ansatz her eigentlich kaum über die jeweilige Ortsgemeinde als Versammlung von Gläubigen hinaus, größere organisatorische Einheiten haben da gewissermaßen nur eine rein verwaltungstechnische Funktion; es gibt demnach kaum überzeugende theologische Argumente dafür, warum eine Gruppe protestantischer Gläubiger, wenn sie sich innerhalb ihres Verbands nicht genügend repräsentiert sieht, nicht austreten und ihren eigenen Verein gründen sollte. Und genau das geschieht ja in der Geschichte des Protestantismus praktisch permanent." 

Für jemanden, der katholisch ist und bleiben will, stellt sich der Sachverhalt denn doch erheblich anders dar; denn der katholische Glaube besagt nun einmal, dass die "einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen [...], verwirklicht [ist] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird" (Lumen Gentium 8). Und diese Kirche ist nun einmal territorial organisiert -- was dazu führt, dass es, egal wo man hinkommt, selbst an Orten, an denen weit und breit keine katholische Kirche zu finden ist, immer schon eine zuständige Pfarrei gibt, und einen Ortsbischof, dessen kirchenrechtlicher Jurisdiktion man unterliegt. 

Was kann man aber dann tun? Zum Beispiel "Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt [...] gründen und [...] leiten" (can. 215 CIC) und "durch eigene Unternehmungen [...] eine apostolische Tätigkeit in Gang [...] setzen oder [...] unterhalten" (can. 216 CIC); das kann nämlich jeder, ohne dafür eine Erlaubnis von irgendwem zu benötigen. Gerade da in den deutschen Diözesen die Schaffung von Großpfarreien von zum Teil wirklich unüberschaubarer Fläche massiv voranschreitet, dürften sich allerlei Freiräume für diese Art von  Graswurzelinitiativen auftun. Und auf solche freien Vereinigungen von Gläubigen lässt sich - mutatis mutandis, wie gesagt - Manches von dem anwenden, was Hanniel über Gemeindeneugründungen sagt; ich denke dabei besonders an seine Punkte 7 ("Ein Kernstück im ent-kirchlichten Westen wird das gemeinsame Leben sein – also die Kunst eines christlichen Lebens in den beiden Ständen als Familien und Singles") und 8 ("Gastfreundschaft [...] über Generationen, Nationalitäten, soziale Schichten und Interessensschwerpunkte hinweg ist ein Schlüssel für Evangelisation und das Entfalten der Schönheit der von Christus wiederhergestellten Beziehungen"). 

Auch als Mitglied einer solchen freien Vereinigung von Gläubigen untersteht der Katholik natürlich immer noch der Autorität seines jeweiligen Ortsbischofs, und die Gemeinschaften werden gut daran tun, auch zu der für ihren Standort zuständigen Pfarrei ein möglichst gutes Verhältnis zu pflegen, zumal sie ja auch einen Priester benötigen, der ihnen die Sakramente spendet. Gleichwohl halte ich es für durchaus denkbar, dass aus solchen eher informellen Zusammenschlüssen von Gläubigen auf längere Sicht neue Gemeinden entstehen können, die irgendwann in Zukunft, wenn die Großpfarreien sich als Irrweg erwiesen haben werden, vielleicht auch den Status eigenständiger Pfarreien bekommen können. -- Ich schätze, zu diesem Thema wird man hier noch öfter etwas lesen. 

Auch den oder das Jugendleiter-Blog (den oder das es auch als App gibt, kein Scheiß) habe ich über Theoradar entdeckt; der Gründer und (laut Selbstbezeichnung) "Kopf hinter dem Jugendleiter-Blog", Daniel Seiler, ist ein Eigengewächs des BDKJ  Coburg und der Franziskanische Jugend Coburg St. Marien und kann auf über zehn Jahre "Erfahrung in der Leitung und Organisation von Gruppenstunden und Ferienlagern" zurückblicken, die er mittels seines Blogs weitergeben möchte. Soweit, so schön --oder auch unschön, je nachdem, was man so von der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit hält. Der zufälligerweise erste Artikel des Jugendleiter-Blogs, den ich je zu Gesicht bekommen habe, erscheint jedenfalls geeignet, meine schlimmsten diesbezüglichen Vorurteile zu bestätigen. 

"Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" Jede*r, der/ die das Dschungelcamp auch nur einmal geschaut hat, kann sich wohl an diesen Satz erinnern. Von unappetitlichen Dschungel-Buffets, über krabbelige Aufgaben, bis hin zu aufregenden Mutproben ist beim Dschungelcamp wirklich alles dabei. 

Äh ja. Und? 

Veranstaltet eurer eigens lustiges und vor allem verrücktes Dschungelcamp.

Ähm. Nö. Mal abgesehen davon, dass da statt eines Punkts ein Ausrufezeichen hingehört: Wieso sollte man so etwas tun? 

Weil, meint Daniel Seiler, "die Teilnehmer*innen" dabei lernen, "Ängste und Ekel zu überwinden". Aha. Also zum Beispiel den Ekel, den ich empfinde, wenn ich sowas lese? -- Zu der Frage, ob kirchliche Kinder- und Jugendgruppen gut daran tun, ihrer Klientel den Ekel abzutrainieren, würden mir so einige Anmerkungen einfallen, sarkastische wie bitterernste; aber die darfst Du, Leser, Dir selbst ausmalen, derweil ich mich auf den Hinweis beschränke: Wer den ausgesprochen entzückenden Pixar-Film "Alles steht Kopf" gesehen hat, der weiß, dass Ekel eine durchaus sinnvolle Funktion erfüllt -- nämlich vor Vergiftung zu schützen, und zwar körperlich wie auch mental. 

Womit wir beim Thema wären: mentale Vergiftung. Die Spielideen, die in diesem Blogartikel vorgestellt werden - mit verbundenen Augen verschiedene Lebensmittel am Geschmack erkennen, Wasser mit einem Löffel transportieren, einen Stein auf dem Fuß balancieren - sind an und für sich gar nicht mal so doof oder zumindest nicht besonders schändlich; ich könnte mir vorstellen, dass so etwas bei Kindergeburtstagen gut ankommt. Mit anderen Worten, als Zielgruppe für solche Spielideen stelle ich mir vorrangig Kinder im Grundschulalter vor. Ist das aber eine Zielgruppe, von der man annehmen sollte, dass sie das RTL-"Dschungelcamp" kennt? 

Nun, eigentlich sollte überhaupt niemand das RTL-"Dschungelcamp" kennen. Ich denke, diese Aussage sollte man nicht begründen müssen. Es ist ein Sendeformat, das alle, die daran beteiligt sind - einschließlich der Zuschauer, ja besonders die Zuschauer - beschmutzt, entwürdigt, entmenschlicht. Das Konzept "Dschungelcamp-Gruppenstunde" geht nun offensichtlich von der Voraussetzung aus, dass tatsächlich aber eben doch so ziemlich jeder diese Sendung kennt - was vermutlich eine einigermaßen realistische Einschätzung ist, aber wie der alte Hegel sagen würde: "Desto schlimmer für die Tatsachen!" -, und will sich diesen Umstand zunutze machen, um das eigene Angebot interessant zu machen. Was letztlich darauf hinausläuft, dass die kirchliche Jugendarbeit sich opportunistisch an die dekadente Massenkultur anbiedert, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Denjenigen Teilnehmern, die schäbige RTL-Shows kennen und womöglich sogar anschauen, wird vermittelt, das sei ganz normal und völlig in Ordnung, und diejenigen, deren Eltern es bisher womöglich gelungen ist, sie davon fernzuhalten, werden auch noch neugierig darauf gemacht. -- Überraschen sollte einen derartige Zustände in der kirchlichen Jugendarbeit aber wohl nicht. "Engagierte Eltern können die moralische und geistliche Erziehung ihrer Kinder nicht einfach an die Kirche oder eine kirchennahe Organisation delegieren", stellt Rod Dreher in der "Benedikt-Option" fest -- und führt aus: 

In einer Reihe von Interviews, die ich im Zuge der Arbeit an diesem Buch mit einem breiten Spektrum von Christen geführt habe, hörte ich immer wieder Beschwerden darüber, dass kirchliche Jugendgruppen mehr danit beschäftigt sind, die Kinder zu bespaßen, als sie zu Jüngern Jesu zu erziehen. Eine evangelikale Jugendliche erzählte mir, sie sei aus ihrer kirchlich organisierten Jugendgruppe ausgestiegen, weil es ihr zunehmend gegen den Strich ging, wie die anderen Gruppenmitglieder rauchten, tranken und Sex hatten. "Ehrlich gesagt hänge ich lieber mit ungläubigen Kids ab", sagte sie mir. "Die akzeptieren mich, obwohl sie wissen, dass ich gläubig bin. Wenn ich mit denen zusammen bin, kriege ich wenigstens ein Gefühl dafür, was es heißt, Christ zu sein." (S. 206f.) 

Sicherlich gilt das nicht immer und überall. Im Einzelfall gibt es bestimmt auch in der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit Mitarbeiter, die nicht nur bek der Bespaßung der jungen Leute (denn dass diese auch ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist, soll hier nicht bestritten werden), sondern auch bei Evangelisierung, Katechese und Anleitung zur Jüngerschaft gute Arbeit leisten. Aber im Ganzen, so wage ich zu behaupten, ist die institutionelle Jugendarbeit der Volks- und Großkirchen darauf nicht ausgerichtet. Deren eigentliches Zielpublikum sind Leute, die sich der Kirche irgendwie (noch) verbunden fühlen, obwohl sie mit dem ganzen Glaubenskram eher nicht so viel anfangen können. Diesen Leuten - bzw. deren Kindern, als der nächsten Generation potentieller Beitragszahler - will man positive Erlebnisse im Zusammenhang "mit Kirche" bieten, um sie an die Institution zu binden. Em tasol, wie man in Papua-Neuguinea sagen würde. 

Aber vielleicht sollte ich mich nicht so sehr auf einen alles in allem doch eher banalen Jugendleiter-Blog-Beitrag einschießen. Schließlich geht es, wie wir gleich sehen werden, noch erheblich blöder: 

Vor Jahren schrieb ich mal über das oft recht peinlich anmutende Bemühen der Großkirchen, von der Massenwirkung medialer Großereignisse wie der Fußball-WM oder des Eurovision Song Contest ein paar Brosamen zu erhaschen, das sei "in etwa so, als hätte der Prophet Elija am Fuße des Bergs Karmel einen Kiosk eröffnet, um denen, die zum Baalskult pilgern, Popcorn in Tüten mit dem Logo seines Gottes zu verkaufen". Nun ist die Satire einmal mehr von der Realität überholt worden. Unter dem Motto "paradEIS" bietet das Erzbistum Berlin, finanziell gefördert u.a. vom Bonifatiuswerk (!), derzeit und noch bis zum 22. August kostenlos Eiscreme an. Okay, kann man machen, Eis mag  ja schließlich so ziemlich jeder. Der  Haken an der Sache ist, dass die Aktion partout eine irgendwie symbolische Ebene haben muss. Und da wird's dann mehr als nur peinlich. 

Die Begeisterung, die alle für Eis haben – die hätten wir auch gern für den Glauben. Der Glaube an sich ist schließlich etwas Sinnliches", erklärt Pastoralreferentin Carla Böhnstedt, die das neue Projekt "paradEIS" konzipiert hat. Dabei gehe es nicht um Missionierung --

Ja nee klar, natürlich nicht. Soll ich Dir mal was sagen, Leser? Ich wünsche mir eine Kirche, in der Aussagen wie "Wir wollen nicht missionieren" ein Grund für eine fristlose Kündigung sind. Aber keine Bange, es kommt noch ärger. Die "Citypastoral des Erzbistums" hat für diese Eiswagen-Aktion nämlich "fünf besondere Eissorten" kreiert: 

"Eden für jeden" weist etwa daraufhin, dass auch im Glauben jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Die Sorte "Trostgold" wird als "Sattmacher für die Seele" angepriesen. Und "Traute Nuss" soll mit ihrem erwartbar knackigen Geschmack Urvertrauen wecken. Als Topping gibt es etwa "Streuzweifel" oder "Fragsahne". Jeder Kunde soll - so die Idee - zunächst überlegen, was für seinen Glauben wesentlich ist und dann entsprechend wählen. 

Entwickelt wurden diese fünf Eissorten übrigens in Zusammenarbeit mit der Berliner Eismanufaktur "Süße Sünde". Im Ernst. Die Leute merken überhaupt nichts mehr, oder? "Ein Denkanstoß soll das Ganze sein, ein leichtes Augenzwinkern"; mich hingegen beschleicht der Eindruck, dass die "Citypastoral"-Leute vor lauter Augenzwinkern schon nicht mehr geradeaus gucken können. -- 

Mir geht da wirklich jeglicher Humor ab. Das Ganze ist für mich ein schauriger Einblick in die Gedankenwelt von Leuten, denen man niemals eine Position in der Kirche hätte geben dürfen. Weil sie nicht im Ansatz verstehen, was die Kirche ist und wozu sie da ist, geschweige denn, was die Kirche unter Glauben versteht. Ich zitiere mal, der Geschmeidigkeit halber, den YOUCAT: 

Der Glaube ist das Persönlichste eines Menschen, aber er ist dennoch keine Privatsache. [...] Der einzelne Gläubige gibt seine freie Zustimmung zum "Wir glauben" der Kirche. Von ihr hat er den Glauben empfangen. Sie war es, die ihn durch die Jahrhunderte zu ihm herübergetragen, vor Verfälschungen bewahrt und immer wieder zum Leuchten gebracht hat. Glauben ist daher Teilnahme an einer gemeinsamen Überzeugung. (YOUCAT, 24) 

Aber nicht bei der Citypastoral! Da kann, darf und soll jede*r glauben, wie und was und woran er*sie mag, und die Kirche lächelt fein dazu und sagt "Schön, das wir drüber  geredet haben". -- Ich finde es ziemlich traurig, dass "mein" Erzbischof, den ich persönlich durchaus schätze, bei sowas mitmacht. Man muss allerdings einräumen, dass das durchaus in das Gesamtkonzept von Öffentlichkeitsarbeit passt, das Heiner Koch verfolgt, seit er Erzbischof von Berlin ist (oder vielleicht auch schon vorher), und das im Wesentlichen darin besteht, "Kirche" in der Öffentlichkeit auf positive, d.h. sympathisch 'rüberkommende Weise sichtbar zu machen. Die gute Absicht kann ich durchaus anerkennen, aber ich halte diese Strategie dennoch für problematisch -- und dafür, was daran so problematisch ist, ist die Aktion "paradEIS" letztlich nur ein besonders illustratives Beispiel. 

Diesen Blogartikel hat meine Liebste auf Twitter entdeckt und dort mit dem lakonischen Kommentar "Weil isso" re-tweetet. Es geht darin, kurz und schlicht gesagt, um die Feststellung, dass ein Familienmodell, in dem sich beide Eltern zu ungefähr gleichen Teilen um die Kinder kümmern, schlechterdings nicht arbeitsmarktkompatibel ist: 

"Ich lese immer wieder, wie Frauen sich beschweren, dass sie in der Berufswelt nicht mehr ernst genommen werden, sobald sie Kinder haben. Gute Jobs werden ihnen verweigert, oder sie werden nach Ablauf der Elternzeit nicht weiterbeschäftigt, eben weil sie Mütter sind. 

Daneben haben Väter allerdings auch nicht viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. 

Wer nicht voll für den Arbeitgeber zur Verfügung steht, wird entsorgt."
Und weiter: 
"Eine Umfrage im örtlichen Radio vor etlichen Wochen ergab genau das, was wir auch schon herausfanden: Die Arbeitgeber wollen keine Halbtageskräfte. Entweder Vollzeit, voll zu ihrer Verfügung, oder gar nicht."

Obendrein stellt die Verfasserin fest, ein System, das darauf ausgerichtet sei, dass Eltern Vollzeit arbeiten und ihre Kinder zu diesem Zweck in Ganztagsbetreuung zu geben, benachteilige besonders "die, die an der Basis mit Menschen oder ihren eigenen Händen arbeiten" --
"denn diese Menschen haben häufig Schichtarbeit, oder eben Arbeitszeiten, für deren Zeit es keine Kinderbetreuung gibt."

Den Ansatz, dieses Problem durch "24h Kinderbetreuung" zu lösen, betrachtet die Verfasserin als "für die Kinder unzumutbar" -- und stellt zudem die Frage: "Wofür hat man dann Familie?" Tja.

Mir persönlich ist der Artikel zwar im Grunde noch nicht radikal genug - insofern, als er im Prinzip immer noch an der Vorstellung festhält, das Schlagwort von der "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" stehe für ein sowohl realisierbares als auch erstrebenswertes Modell und es hapere lediglich an der Umsetzung. Aber okay, was soll man machen, wenn man Familie und Beruf nun mal irgendwie unter einen Hut bekommen muss. So oder so ist der Artikel als auf persönlicher Erfahrung basierende Stellungnahme einer Mutter definitiv lesenswert. 

Ohrwurm der Woche: Kris Kristofferson, "To Beat the Devil" (1970) 

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich in den Besitz des Albums kam, auf dem dieser Song erschienen ist: Eines Tages kam ich in einen kleinen Second-Hand-Plattenladen und fragte den Inhaber nach "bekifft klingendem Bluesrock". Er hatte ein paar Empfehlungen für mich, aber so richtig überzeugte mich nichts davon -- bis mir plötzlich auffiel: :Sag mal, was läuft da eigentlich gerade im Hintergrund?" -- "Das ist das Debütalbum von Kris Kristofferson", teilte mir der Ladeninhaber strahlend mit. "Gerade neu auf CD rausgekommen mit vier Bonustracks." 

Okay: Bluesrock war das nicht direkt , aber ich kaufte ihm die CD auf der Stelle ab und habe es nie bereut. Erstaunlich finde ich eigentlich , dass ich den Song "To Beat the Devil" nicht in meine "Sound der #BenOp"-Hitliste aufgenommen habe; er würde sich da stilistisch gut einfügen, und nicht nur der Titel ist entschieden #benOppig, sondern auch und vor allem der Text des zweiten Refrains. Übrigens auch sehr motivierend, wenn man mal wieder frustriert vom Kampf gegen institutionelle Windmühlen ist... 


Aus der Lesehore: 

Ich bitte dich, denk daran, dass unser Herr Jesus Christus dein Haupt ist und dass du eines deiner Glieder bist. Er will, dass alles, was in ihm ist, in dir lebt und herrscht: sein Geist in deinem Geist, sein Herz in deinem Herzen, alle Fähigkeiten seiner Seele in den Fähigkeiten deiner Seele, damit sich an dir das Wort erfüllt: "Verherrlicht Gott und tragt ihn in eurem Leib, damit das Leben Jesu an euch sichtbar wird" (1 Kor 6,20). 

 Sei eins mit Jesus wie die Glieder mit dem Haupt. Darum musst du einen Geist mit ihm haben, eine Seele, ein Leben, einen Willen, eine Absicht, ein Herz. Er muss dein Geist sein, dein Herz, deine Liebe, dein Leben und alles, was dein ist.  

(Hl. Johannes Eudes, "Über das bewundernswerte Herz Jesu")  


 

Montag, 9. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #10 (19. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir, und da sich die berichtenswerten Ereignisse untypischerweise hauptsächlich auf das Wochenende konzentrierten, hatte ich einige Mühe, diesen Artikel fristgerecht fertigzustellen. Fangen wir trotzdem mal vorne an. 

Am Montag bestand unsere erste Amtshandlung darin, uns mit unserem Lieblings-Pfarrvikar zu treffen, um die Taufe unseres Jüngsten zu planen. Später am Tag stellte sich allerdings heraus, dass wir den angepeilten Termin für die Taufe noch einmal verschieben müssen, da unser Taufpate da nicht kann. Schlau wär's natürlich gewesen, das vorher in Erfahrung zu bringen, aber na ja. Ebenfalls am Montag erhielt ich eine großzügige Spende für die "Lebendigen Steine", die es mir ermöglichte, von der aktuellen Ausgabe einige Exemplare mehr zu drucken als sonst (und vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Blogleser von diesem guten Beispiel zur Nachahmung anregen...). 

Am Dienstag hatten wir eine schöne Lobpreisandacht und leisteten uns anschließend aus purer Lebensfreude ein Abendessen in dem neuen vietnamesischen Restaurant gegenüber der Kirche, das, wie wir feststellen durften, tatsächlich so gut ist, wie es aussieht. 

Am Mittwoch kam ich wieder einmal nicht mit zum Omatag, um mich stattdessen meinen Buchrezensionen zu widmen und am Abend in der Pfarrkirche die Vesper vorzubeten. Wie ich schon fast erwartet hatte, war ich nahezu allein in der Kirche: Am Anfang schneiten ein paar Leute eher zufällig 'rein, gingen aber bald wieder, und am Ende stellte ich fest, dass während der Vesper jemand die Vordertür der Kirche abgeschlossen und nur den Seitenausgang offen gelassen hatte. Möchte mal wissen, wer das war, oder vielleicht lieber nicht. -- Man muss zugeben, dass es um die Vesper nahezu jeden Monat aufs Neue Verwirrung und Unklarheit gibt. Früher™ wurde in Herz Jesu Tegel jeden Mittwoch um 18 Uhr die Vesper gebetet, aber nachdem der Kaplan wegversetzt wurde und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, der regelmäßig als Vorbeter agiert hatte, aus Berlin wegzog, wurde es zunehmend schwierig, die Termine abzudecken, irgendwann stand die Vesper dann nicht mehr im Zelebrationsplan, aber im Plan für den Kirchenschließdienst stand weiterhin, dass mittwochs der Vorbeter der Vesper die Kirche abschließen solle. (Es ist übrigens ein paarmal vorgekommen, dass ich angepampt wurde, ich hätte nach der Vesper die Kirche offen gelassen -- obwohl ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch keinen Schlüssel für die Kirche hatte; aber das ist ein Thema für sich.) Da der Mittwochsklub die Vesper gern als Auftakt für das monatliche "Dinner mit Gott" beibehalten wollte, wurde irgendwann (keine Ahnung, wie lange das her ist, aber es müsste ein Protokoll darüber geben) im Lokalausschuss besprochen, dass die Vesper am ersten Mittwoch des jeweiligen Monats weiterhin stattfindet und dann vom Mittwochsklub gestaltet wird. Aber dann kam der Corona-Lockdown, das "Dinner mit Gott" konnte nicht mehr stattfinden, und schon war wieder unklar, was aus der Vesper wird. Dass sie am jeweils ersten Mittwoch im Monat weiterhin stattfindet, steht zwar im Pfarrbrief und auch im Kirchenschließplan, nicht jedoch im Zelebrationsplan und folglich auch nicht im Aushang. Bei so viel Durcheinander muss man sich wohl nicht wundern, dass da kaum jemand kommt. (Womit ich nicht behaupten will, dass die Vesper automatisch gut besucht wäre, wenn nur mehr Leute von ihr wüssten. Aber es wäre immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.) 

Am Donnerstag hatte ich, während die Familie im Tierpark war, ein paar Dinge im Pfarrbüro zu erledigen -- und stellte fest, dass dort wieder einmal drei Pakete mit Bücherspenden eingetroffen waren, die ich gleich mal auspacken und durchsortieren musste. Viel Militärgeschichte, einiges aus dem Bereich Theologie und Religionspädagogik, ein bisschen was für den Giftschrank war auch dabei ("Eunuchen für das Himmelreich" von Uta Ranke-Heinemann, "Der große Kampf zwischen Licht und Finsternis" von Ellen G. White). Am frühen Abend ging ich dann endlich mal - wie ich es schon seit Wochen vorgehabt hatte - zur Rosenkranzandacht in der Allerheiligenkirche in Borsigwalde. Ich hatte nämlich gerüchteweise gehört, dort werde nicht einfach "nur" Rosenkranz gebetet, sondern es handle sich um eine Mischung unterschiedlicher Andachtsformen, und so etwas finde ich ja immer interessant. Ich wurde auch tatsächlich nicht enttäuscht.  


Die Auswahl der Andachtstexte und Lieder war mir persönlich zwar ein bisschen zu "gottesloblastig" (und, es muss an dieser Stelle mal gesagt werden: Dafür, dass das Gotteslob erst 2013 rundumerneuert wurde, finde ich es erstaunlich, wie "70er-Jahre-mäßig" es 'rüberkommt), aber das grundsätzliche Konzept finde ich trotzdem gut, und am allerbesten finde ich die Aussetzung des Allerheiligsten und den Eucharistischen Segen zum Abschluss. Und wem verdanken wir die Einbindung dieser Elemente in die Rosenkranzandacht? Natürlich, unserem Lieblings-Pfarrvikar. 

Am Freitag erwachte ich mit brutalen Kopfschmerzen, was mich für einen großen Teil des Tages reizbar und unduldsam machte. Half aber nichts: Die Tochter wollte im Garten der Kirche Schnecken suchen (wir legten in einem Schraubglas mit Luftlöchern im Deckel ein primitives Schneckenterrarium an), und danach war ja die Andacht zum Fest Verklärung des Herrn (und zugleich zum Herz-Jesu-Freitag) dran. Die war schön und besserte mein Befinden deutlich.  

Fürs Wochenende hatten wir am Anfang der Woche noch keinerlei Pläne gehabt, aber die ergaben sich im Laufe der Woche, nämlich - absichtlich kryptisch formuliert -: "Samstag Schamanengrillen, Sonntag Querdenkerpicknick". Das bedeutet allerdings nicht etwa, dass wir am Samstag Schamanen gegrillt hätten. Vielmehr gibt es bei uns in der Straße so eine esoterische Heilpraktiker-Praxis, die neben Reiki und Tarot auch "Schamanisches Heilen" anbietet; und seit wir mal recht nett mit den Betreiberinnen dieser Praxis ins Gespräch gekommen sind (originellerweise ausgelöst dadurch, dass ich auf dem benachbarten Kinderspielplatz Marienlieder auf der Gitarre geübt hatte), nennen wir sie unter uns nur "die freundlichen Schamanen von gegenüber". Und vor dieser Praxis fand am Samstag ein Nachbarschaftsfest statt, mit Grillen. Da gingen wir hin. Abgesehen davon, dass es ein bisschen schamanische Live-Musik gab (oder was man sich halt so darunter vorstellt: Handtrommel, Dudelsack und ziemlich entrückt wirkender Gesang), machte die Veranstaltung insgesamt den Eindruck eines ganz normalen Nachbarschaftsfests, nur dass so etwas in Tegel normalerweise eben nicht "normal" ist. Ja okay, zwischendurch kam jemand in einem "Gib Gates keine Chance"-T-Shirt vorbei und warnte vor der drohenden Corona-Impfflicht. Aber à propos T-Shirt: Zwei Jungs im Grundschulalter waren da, deren T-Shirts ich so cool fand, dass ich einen der Jungs fragte, ob ich ein Foto davon machen dürfe. Ich durfte: 

Und dann kam ein Transporter von "Laib und Seele" vorbei und lud kistenweise "gerettete" Lebensmittel ab. "Die haben alles und davon viel", schätzte meine Liebste als erfahrene "Foodsaverin" die Lage ein; folgerichtig ließen wir uns ein paar Tragetaschen mit Lebensmitteln vollpacken, zum Teil für uns selbst und zum Teil für das "Querdenker-Picknick" am folgenden Tag.  

Mit diesem verhielt es sich so: Am Donnerstag hatte jemand, mit dem (und dessen Familie) wir uns vor längerer Zeit schon mal zu einer Spielplatztour getroffen hatten, in einer einschlägigen Facebook-Gruppe eine Einladung zu einem Treffen von kindergartenfrei- und Freilerner-Familien gepostet: Sonntag 14 Uhr auf dem Kinderbauernhof Pinke Panke. Die Einladung enthielt auch den Hinweis, anschließend könne man ja noch gemeinsam zum Sommerpicknick des Vereins "Eltern stehen auf" gehen. "Klingt doch gut", meinte meine Liebste, und ich stimmte zu -- und dann fiel mir ein bzw. auf: Moment mal, "Eltern stehen auf"? Ist das nicht dieser böse, gefährliche, extremistische Verein, der neulich Helfer ins Überschwemmungsgebiet entsandt hat, die dann dort aber nicht helfen durften, weil sie so böse, gefährlich und extremistisch sind? -- Ja, genau die sind das. Und da war ich nun natürlich erst recht neugierig. 

Beim Kinderbauernhof fand ich's eher anstrengend; ich bin ja von Haus aus eher ein Einsiedlerkrebs, und somit war's mir - am letzten Ferienwochenende in Berlin - zu voll, zu laut, und es mangelte an Sitzgelegenheiten im Schatten; zudem und vor allem waren unsere Kinder, besonders die Große, extrem launisch -- hatte wahrscheinlich nicht genug geschlafen. -- Beim Picknick von "Eltern stehen auf" gab's gute Stimmung, Kuchen, Obst, Salate, einen Kinderschminkstand und ein sehr bunt gemischtes Publikum; um die 150 Personen, würd' ich mal schätzen, darunter viele Kinder von Säuglings- bis Grundschulalter. Auf die Idee, es handle sich um eine politische Veranstaltung, wäre man zu anderen, normaleren Zeiten wohl kaum gekommen auch wenn man vereinzelt Leute mit hippiemäßigen Frisuren und Kleidermustern, noch vereinzelter Leute mit Message-T-Shirts ("Du bist nicht allein! Wir sind viele!", "Covidiot", "Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen") sah. Ich hatte halb erwartet und halb befürchtet, es würden irgendwelche Reden gehalten werden, zumal jemand eine rucksackgroße Lautsprecherbox mitgebracht hatte; als die aber nach etwa eineinhalb Stunden erstmals zum Einsatz kam, erklang Musik daraus. Zuerst "People Everyday" von Arrested Development, das schien mir assoziativ irgendwie zum Anlass zu passen. Dann America mit "A Horse With No Name", okay, passte auch irgendwie. Bei "Around the World" von Lisa Stansfield hörte ich auf, in der Musikauswahl nach versteckten Botschaften zu suchen, aber bei "Think!" von Aretha Franklin fing ich doch wieder damit an. Später gab es auch noch Livemusik -- u.a. eine deutsche Version von Bob Marleys "Three Little Birds" unter dem Titel "Mach dir keine Sorgen"; "Die Gedanken sind frei" durfte auch nicht fehlen, das war wohl zu erwarten. Aus der Box ertönte später auch noch "Freiheit" von Westernhagen, das fand ich dann doch ein bisschen arg dick aufgetragen. Andererseits spielten sie auch noch "Don't Worry, Be Happy" von Bobby McFerrin, da könnte man jetzt auch noch eine Querdenker-Message drin vermuten, muss man aber wohl nicht unbedingt. -- Ein Flyer zum Thema "Corona-Impfung? Nichts für Kinder!" lag unaufdringlich bei den Kaffeekannen aus. Nahm ich mir mit, werde ich mir gelegentlich mal durchlesen, kritisch, versteht sich. 

Was soll ich jetzt für ein Fazit aus dieser Veranstaltung ziehen und damit, wie es sich fügt, zugleich auch den Schlusspunkt des ganzen Wochenrückblicks setzen? Wenn ich schreibe "Scheinen ja ganz nette Leute zu sein, diese Querdenker", muss ich wohl damit rechnen, dass das - mangels Sinn für Nuancen - von verschiedenen Seiten auf verschiedene Weise in den falschen Hals gekriegt wird. Aber im Grunde gilt das für eine Menge andere Dinge, die ich schreibe, genauso, und die erbosten Kommentare muss ich ja nicht freischalten... 


Was ansteht: Wir befinden uns in der Novene vor Mariä Himmelfahrt, und buchstäblich jeder Tag dieser Woche ist ein besonderer Fest- oder Gedenktag. Heute zum Beispiel ist das Fest der Hl. Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), Märtyrin in Auschwitz und Patronin Europas. Am späten Vormittag findet im Tierpark die "Aktion 'Triff deinen Lieblingsblogger'" statt  Nee, Scherz beiseite: Meine Liebste hat sich über eine Social-Media-Gruppe für "Katholische Mamis" mit einer solchen verabredet, die gerade auf Besuch in Berlin ist, und wie sich gezeigt hat, handelt es sich um eine regelmäßige Leserin meines Blogs, die auch schon mal Bücher für unser Büchereiprojekt gespendet hat. Da komme ich doch gerne mit zu dem Treffen und freue mich aufs persönliche Kennenlernen. Ein bisschen schade ist nur, dass wir dadurch nicht zu dem von meiner Liebsten selbst organisierten wöchentlichen "kindergartenfrei"-Familientreffen im Bürgerpark Pankow gehen können. Die virtuelle Koordinierungsgruppe für diese Treffen hat über die letzten zwei Wochen kräftig Zuwachs bekommen, auch wenn natürlich nicht gesagt ist, wie viele von diesen Leuten tatsächlich zum Treffen kommen - sieht man ja an uns... Morgen, am Fest des Hl. Laurentius, ist natürlich wieder Lobpreis. Für Mittwoch, den Gedenktag der Hl. Clara von Assisi, habe ich in meinem Terminkalender stehen, dass Pfarrgemeinderatssitzung sei, aber da dieser Termin in den aktuellen Vermeldungen des Pastoralen Raums nicht auftaucht und auch noch keine Einladung an die Ratsmitglieder versandt wurde (wobei Letzteres erfahrungsgemäß nicht unbedingt viel zu sagen hat), könnte es sein, dass es sich um einen Irrtum meinerseits handelt. Ich werde versuchen, das noch rechtzeitig herauszufinden. Am Donnerstag, dem Gedenktag der Hl. Johanna Franziska von Chantal, steht, soweit ich es im Moment überblicke, nichts Besonderes auf dem Programm; am Freitag ist einerseits der Gedenktag der Märtyrer Pontianus und Hippolyt, andererseits aber auch der 60. Jahrestag des Mauerbaus, und zu diesem Anlass gibt es in der Zionskirche ein Punkkonzert. Ich glaube zwar eher nicht, dass ich es schaffen werde, da hinzugehen, aber erwähnen wollte ich es doch. Tendenziell besser schätze ich die Chancen ein, am Samstag, dem Gedenktag des Hl. Maximilian Kolbe, mit der ganzen Familie zum Linienstraßenfest zu gehen. Und dann Beginn auch schon das Hochfest Mariä Himmelfahrt. Letztes Jahr hatten wir am Vorabend von Mariä Himmelfahrt eine superschöne Lobpreis-Vigil in unserer Pfarrkirche. Hätte ich in den letzten Monaten mehr Zeit zum Gitarre-Üben gehabt, hätte ich ja nicht übel Lust, dieses Jahr open air auf dem Brunowplatz eine Guerilla-Version davon zu veranstalten, aber das wird wohl warten müssen, bis die Kinder größer sind oder wir neue, musikalisch begabte Mitstreiter rekrutiert haben... 


Zitat der Woche: 

"Von allen Emblemen, die durch die Wissenschaftsgeschicgte der Schriftauslegung getragen werden, wurden mir mit den Jahren die Termini 'Osterglaube' und 'nachösterlich' immer fraglicher. Man findet sie tausendfach in Artikeln, Büchern, Reden, Predigten. Gemeint ist damit, dass ein wesentlicher Teil der neutestamentlichen Berichte über Jesus als pure Erfindung der Gemeinde nach Ostern zu gelten habe. Jesus könne dieses oder jenes, was wir von den Evangelisten überliefert bekommen haben, gar nicht gesagt, getan, gedacht, gewusst haben. Dieses Wort da sei 'mit Sicherheit' eine 'nachösterliche Eintragung', eine Korrektur ‘im Licht des Osterglaubens’. Bei so viel Sicherheit steigt die Gewissheit meiner Skepsis. Ebenso fraglich wurden mir alle Kriterien, die es angeblich möglich machten, echte von unechten Jesusworten zu scheiden.”
(Klaus Berger, "Jesus", S. 22) 

 

Linktipps: 

Larry Chapp ist Theologe, hat über Hans Urs von Balthasar promoviert, seine Tätigkeit als Universitätsdozent aber 2013 nach zwanzig Jahren an den Nagel gehängt, um zusammen mit seiner Frau die Dorothy Day Catholic Worker Farm in Harveys Lake, Pennsylvania zu betreiben. Ach ja, und seit Kurzem bin ich mit ihm auf Facebook befreundet. Auf seinen Blog, und im Speziellen auf seinen Artikel über Traditionis Custodes, bin ich durch Rod Dreher aufmerksam geworden -- ich erwähnte es vorige Woche schon. 

Für die Einordnung von Larry Chapps Stellungnahme zu Traditionis Custodes ist es zunächst einmal wesentlich, dass er selbst kein praktizierender Anhänger der außerordentlichen Form ist; und dass er nicht zu jenen gehört, die meinen, an allen Missständen in der Kirche der Gegenwart sei das II. Vatikanische Konzil schuld, kann man wohl schon daran ablesen, dass er seinen Blog "Gaudium et Spes 22" genannt hat. Gleichwohl erklärt er unumwunden, dass er den Entschluss des Papstes, die Feier der Liturgie nach dem Messbuch von 1962 massiv einzuschränken, für falsch hält, und wundert sich über die Härte und Gnadenlosigkeit, mit der Franziskus gegen die Anhänger der älteren Form des Ritus vorgeht. Vor allem aber kritisiert er, dass der Versuch, die forma extraordinaria auf administrativem Wege zu unterdrücken, völlig verkennt oder ignoriert, warum in den 14 Jahren seit "Summorum Pontificum" eine stetig wachsende Zahl von Katholiken ihre spirituelle Heimat in dieser Ritusform gefunden haben. Sind das alles Ewiggestrige, die das II. Vaticanum ablehnen und sich nostalgisch nach einer Vergangenheit zurücksehnen, die sie nie erlebt haben? Wohl kaum, meint Larry Chapp. Vielmehr, so argumentiert er, der Zulauf, den die außerordentliche Form des Römischen Ritus (kurzer Stoßseufzer zwischendurch: Die Amis haben's gut, die schreiben einfach "TLM" - für "Traditional Latin Mass" -, und jeder weiß, was gemeint ist) erfahren habe, sei in erster Linie ein Symptom dafür, dass es dem "Mainstream" der katholischen Kirche in den Jahrzehnten seit dem II. Vatikanischen Konzil nicht gelungen sei und immer weniger gelinge, den Menschen überzeugende Antworten auf die tiefgreifende und permanente spirituelle Krise der Postmoderne anzubieten. Schuld daran ist laut Chapp vor allem eine mangelhafte Umsetzung der Impulse des II. Vatikanischen Konzils zur geistlichen Erneuerung. Es mag sein, dass dieser Befund in traditionalistischen Kreisen ebenso viel Stirnrunzeln auslösen würde wie in modernistischen, aber mir scheint, dass beispielsweise Dietrich von Hildebrand in "Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes" ganz ähnlich argumentiert. Klar ist für Chapp jedenfalls: Eine Kirche, die sich der säkularen Kultur anbiedert, statt ihr etwas entgegenzusetzen, braucht kein Mensch -- und hilft auch keinem Menschen in bzw. aus seinen existentiellen Nöten. Ob die "Flucht" in altrituelle Gemeinschaften der richtige Weg ist, auf diesen Mangel zu reagieren, darüber ließe sich debattieren; aber das Bedürfnis, das sich darin ausdrückt, gilt es ernst zu nehmen. 

-- Ich fürchte, ich kann weder die Präzision noch die Wucht von Chapps Essay adäquat 'rüberbringen, indem ich ihn in eigenen Worten zusammenzufassen versuche. Du wirst ihn wohl selbst lesen müssen, Leser. Ein paar Schlaglichter möchte ich aber doch noch besonders hervorheben. Nämlich erstens seinen Seitenhieb auf den deutschen "Synodalen Weg", dem Chapp "teutonische Arroganz" (!) und "offene Auflehnung gegen die kirchliche Lehre" vorwirft; und zweitens diese Passage: 

"Die Kirche kann [...] alle Katholiken dazu verpflichten, NGL-Liederbücher[*] zu benutzen, in herzförmigen Kirchen zwischen nackten Betonwänden Gottesdienst zu feiern, schwitzige Hände zu halten und unbeholfenen Über-Achtzigjährigen dabei zuzusehen, wie sie im Altarraum mit Luftschlangen und Wunderkerzen und Sockenpuppen liturgische Tänze aufführen. Nichts davon wird dazu beitragen, die spirituelle Verlorenheit zu mildern, die an uns nagt." 

[* Das habe ich natürlich sinngemäß übersetzt. Im Originaltext ist an dieser Stelle vom "Gather" Hymnal die Rede.]

Übrigens bin ich umso mehr geneigt, Chapps Einschätzung zuzustimmen, dass die Liturgie weder der eigentliche Kern des Problems noch auch der Lösung ist, nachdem ich gestern mit meiner Familie in einer Messe war, die liturgisch durchaus ordentlich (im Sinne der ordentlichen Form) war, dafür aber mit einer ebenso wirren wie banalen Predigt sowie mit Fürbitten aufwartete, bei denen vier von fünf Gebetsanliegen aus der Tagesschau stammten. 

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat der Herder-Korrespondenz ein Interview gegeben. Leider befindet es sich hinter einer Bezahlschranke. Aber halb so wild, denn alle Welt zitiert daraus -- und zwar, naturgemäß, bevorzugt die Passagen, die das Potential zum Aufreger haben. 

Natürlich kann auf diese Weise ein tendenziöses Bild entstehen. Hier und da ist zu hören bzw. zu lesen, der Papa emerito habe sich in diesem Interview von seiner Freiburger Konzerthausrede (die ich als einen Grundlagentext der #BenOp betrachte) oder zumindest von dem Schlüsselbegriff dieser Ansprache, dem Begriff "Entweltlichung", "distanziert". Das ist so nicht ganz richtig. Was er tatsächlich gesagt hat, ist, dass der an das Vokabular der Philosophie Heideggers angelehnte Begriff "Entweltlichung" zu kurz greife, um auszudrücken, worauf er mit der Freiburger Rede eigentlich hinaus wollte, und der Ergänzung bedürfe. Sehr vereinfacht könnte man sagen, das Problematische an dem Begriff sei, dass er lediglich benennt, was die Kirche auf- und abgeben soll, nicht aber das Positive, dem sie sich zuwenden soll. 

Dass die Presse für solche Differenzierungen nicht die richtige Antenne hat, braucht nicht zu überraschen, zumal sie dem emeritierten Papst noch nie besonders wohlgesonnen war. Das gilt auch und nicht zuletzt für die kirchenamtliche Presse; umso größer ist folgerichtig das Geschrei, wenn Benedikt es wagt, kritische Töne gegenüber den "amtskirchlichen" Strukturen in Deutschland anzuschlagen. Zum Teil wird einfach darüber gemeckert, dass der emeritierte Papst sich überhaupt öffentlich zu Wort meldet; das ist mittlerweile ein eingespieltes Ritual. Andere Reaktionen zeigen jedoch, wie sehr Benedikt mit seinen Bemerkungen über den der "Amtskirche" inhärenten "Gegensatz zwischen dem amtlich Geforderten und dem persönlich Geglaubten", den "inneren Widerspruch zwischen dem, was der Glaube eigentlich will und bedeutet, und seiner Entpersönlichung", einen Nerv getroffen hat. 

In besonderem Maße gilt das für den Gastkommentar des Freiburger Theologiedozenten Daniel Bogner auf kath.ch - in gewissem Sinne das Schweizer Pendant zu häretisch.de, nur noch schlimmer, sofern man sich das vorstellen kann. Wie ich an anderer Stelle mal schrieb: Man muss "bedenken, dass kath.ch kein Portal der Katholischen Kirche ist, sondern eines der Katholischen Kirche der Schweiz. Das ist ein Unterschied. Die Katholische Kirche der Schweiz, das muss man wissen, ist eher so etwas wie die Katholisch-Patriotische Vereinigung der Volksrepublik China, nur mit mehr Kohle." Und gerade der letzte Halbsatz passt hier ja sehr schön zum Thema. Wenn Benedikt beklagt, dass "an entscheidenden Stellen" in kirchlichen Einrichtungen Personen tätig seien, "die den inneren Auftrag der Kirche nicht mittragen und damit das Zeugnis dieser Einrichtung vielfach verdunkeln", dann liegt es nahe, dass es vor allem die getroffenen Hunde sind, die bellen.

Dass Daniel Bogner in seiner Erwiderung auf das "Herder Korrespondenz"-Interview des Papa emerito meint, Benedikt verkenne die "Doppelkodierung" des Priesteramts, die darin bestehe, "dass man als Geweihter in der Katholischen Kirche mit ihrer monarchischen Kirchenverfassung [...] immer auch eine ständegesellschaftliche und geschlechterdiskriminierende Grundordnung bestätigt", das ist einfach nur möchtegern-wokes Blabla: strukturelle Diskriminierung, Intersektionalität, Critical Wasauchimmer Theory, ächz bzw. gähn. Wie schnell Bogner über diesen Punkt hinweggeht, lässt darauf schließen, dass er sich im Grunde selbst nicht besonders dafür interessiert. Sondern vielmehr wofür? Nun ja: Kohle. Oder, vornehmer ausgedrückt: "Manpower, grosse Stäbe und Management". Die braucht die Kirche nämlich, meint Bogner, für ihr "institutionelles, amtliches Zeugnis" -- "das sie darüber gibt, dass in ihrem Namen gute Bildungsarbeit, bestmögliche medizinische Versorgung, sensible Beratungsarbeit oder nachhaltige Entwicklungshilfe angeboten werden." Das Ganze gipfelt in dem funkelnden Satz:

"Die christliche Gesinnung zeigt sich dann eben darin, dass Kirche keine eigene Welt aufbaut, sondern schlicht und einfach nach den Kriterien der jeweiligen Aufgabe professionell ist." -- 

Also ehrlich, was soll man da noch sagen -- außer vielleicht das, was Luke Skywalker sagt... 

Im Ernst: Ich finde diesen Satz von Bogner absolut großartig, weil er das verkehrte Denken, das im institutionellen Apparat der Kirche herrscht, so exemplarisch auf den Punkt bringt. Ich glaube, ich werde diesen Satz gern und oft zitieren. 

-- Wie ich schon mindestens einmal schrieb, muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass aus solchen Äußerungen nicht notwendigerweise Zynismus spricht; dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich deshalb in der Kirche und für die Kirche engagieren, weil sie sie als zivilgesellschaftliche Institution wichtig und gut finden; Leute, die in den von Bogner angesprochenen Arbeitsfeldern den eigentlichen Auftrag der Kirche sehen. Dass eine solche Position aber mit derart entwaffnender Offenheit vertreten wird wie hier, hatte ich bisher überhaupt nur einmal erlebt: in einer von Norbert Bauer, dem Leiter der Kölner Karl-Rahner-Akademie, verfassten Rezension zu Erik Flügges "Eine Kirche für viele statt heiligem Rest". Darin kritisiert Bauer allen Ernstes, Flügge - ja, der Erik Flügge! - sei zu sehr auf den Charakter der Kirche als Glaubensgemeinschaft fixiert. Ich hätte mir ja nie träumen lassen, dass jemand ausgerechnet Erik Flügge den Vorwurf machen würde, "wie die Glaubenskongregation überall Glaubensdefizite" wahrzunehmen; but there it is. "Es werden noch mehr Menschen die Kirche verlassen, wenn diese sich nur noch als Glaubensgemeinschaft definiert und den daraus folgenden Anspruch als Dienstleister für die Gesellschaft und für ihre Mitglieder aufgibt", resümiert Bauer. "Genau aus diesem Grund sind viele weiterhin in der Kirche." 

An der letzteren Einschätzung ist sicherlich was dran, aber sollte man daraus wirklich den Schluss ziehen, der ganze "Glaubenskram" sei für die Arbeit kirchlicher Institutionen nebensächlich oder sogar eher hinderlich? -- So explizit würden das sicherlich nur die wenigsten Kirchenfunktionäre sagen. Aber je mehr ich mich auf lokaler Ebene mit den institutionellen Strukturen der Kirche herumschlage, desto mehr habe ich den Eindruck, dass es eine Menge Haupt- und Ehrenamtliche in der Kirche gibt, die mehr oder weniger implizit von der Prämisse ausgehen, die Rede von Gott sei nur eine Konvention, die man nicht so ernst nehmen müsse oder die zumindest nichts mit dem operativen Alltagsgeschäft zu tun habe. Sie denken, das sei Konsens, und dann sind sie völlig verblüfft, wenn ihnen mal jemand begegnet, der über oder sogar mit Gott spricht, als gäbe es Ihn wirklich. 

(Ich habe übrigens - ebenso wie ich es auch zu tun pflege, wenn ich auf Artikel von häretisch.de hinweise - zu dem Bogner-Artikel auf kath.ch einen Archivlink angelegt; Ihr könnt den Link also getrost anklicken, ohne dadurch Traffic für das Schweizer Ketzportal zu generieren.) 

Nein, ich möchte nicht über den Rechtschreibfehler in der Überschrift reden. Zumal die Überschrift auch in korrekter Schreibweise nicht so richtig viel Sinn ergäbe. Was die Verfasserin, eine populäre Mami-Bloggerin, meint, ist, dass sie in letzter Zeit so wenig zum Bloggen kommt. Das ist im Wesentlichen das Thema des Artikels: Warum die Verfasserin so viel weniger bloggt als früher™ und was das mit Corona zu tun hat. Und das ist ja erst mal ein Thema, mit dem ich aus eigener Erfahrung etwas anfangen kann, siehe meine Blogartikel von Mai-Juli 2020 und Dezember/Januar '20/'21. Wie, es gibt aus diesen Zeiträumen keine? Ach. 

In der Vor-Corona-Ära habe ich schon mal etwas über die "Blogprinzessin" geschrieben, unter anderem, dass die Autorin Katarina Fiebelkorn auf mich einen sehr sympathischen Eindruck macht, obwohl ich an dem, was sie so schreibt, so Einiges zu kritisieren hatte und habe. Für meinen damaligen Artikel erntete ich sogar eine ausgesprochen nette Reaktion von ihr, was mich natürlich noch zusätzlich für sie einnahm. Aber jetzt haben wir Corona, und dieser Umstand hat, wie mir scheint, unser aller Fähigkeit, Meinungsverschiedenheiten zu ertragen, stark beeinträchtigt. Übrigens nicht nur, was Meinungen zum Umgang mit Corona betrifft, aber da natürlich besonders. Und, mit aller Vorsicht gesagt: Auf einer Skala von "Coronazi" bis "Covidiot" liegen Katarina Fiebelkorn und ich doch recht weit auseinander. 

Das fällt in diesem Blogartikel zugegebenermaßen weniger auf als beispielsweise auf Twitter, wo sich die Bloggerin recht regelmäßig darüber beschwert, dass ein Impfangebot für ihre unter-zwölfjährigen Kinder weit und breit nicht in Sicht ist. Verglichen damit wirkt es ja schon eher moderat, wenn sie im hier verlinkten Artikel lediglich anregt, es wäre womöglich "recht Gescheit [sic] jetzt das mit den Masken und Tests auszuweiten in den Schulen, da die Kinder eben noch nicht geimpft sind". 

Wobei ich sagen muss, dass die Forderung nach strikteren Corona-Regeln für Kinder, damit man sie unbedenklich wieder in die Schule schicken kann, aus, sagen wir mal, "Schulpflicht-skeptischer" Sicht geradezu doppelt bizarr wirkt. Erinnern wir uns, dass ich auf die Blogprinzessin ursprünglich dadurch aufmerksam geworden bin, dass dieser Blog in einer Reportage der Berliner Zeitung als einer der Kult-Blogs der kindergartenfrei-Bewegung genannt wurde. Und nun bezeichnet die Verfasserin "Homeschooling und Homekindergarten" als "Schreckgespenst". Was da wohl schiefgelaufen ist. 

Im Grunde, oder sagen wir: in der Hauptsache geht es in dem Artikel aber gar nicht um Meinungen, um Argumente für und wider Masken-, Test- oder Impfpflicht, Schulöffnung oder -schließung, Luftfilter oder nicht oder wie oder was; das alles spielt eine gewisse Rolle, aber eigentlich geht es vor allem um das Gefühl der Ratlosigkeit und Erschöpfung, das über eineinhalb Jahre Corona-Ausnahmezustand hinterlassen haben. Die permanente Ungewissheit, welche Regeln denn jetzt gerade gelten und warum, und wie es zu erklären sein mag, dass das, was letzte Woche noch richtig war, heute oder morgen plötzlich falsch sein kann oder umgekehrt. In diesem Gefühl, möchte ich behaupten, sind Maßnahmenbefürworter und Maßnahmenskeptiker einander dann doch recht nahe, sie ziehen nur unterschiedliche Konsequenzen daraus. 

Letztendlich, glaube ich, ist es genau das was ich an diesem Artikel empfehlenswert finde: Er bringt mir eine Sicht der Dinge, die sich von meiner eigenen erheblich unterscheidet, auf einer emotionalen Ebene näher und ermöglicht es mir so, diese Sichtweise zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie irgendwie bewerten zu müssen; ja sogar, sie mit einem gewissen Maß an Sympathie zu betrachten. 

Und das können wir doch gerade alle ganz gut gebrauchen. 

(Mehr Linktipps habe ich diese Woche nicht für Euch, Freunde. Nächste Woche schaffe ich vielleicht wieder vier, mal sehen.) 


Ohrwurm der Woche: Soul Asylum, "Closer to the Stars" (1986) 

Ich hatte ja schon angekündigt, dass mein Vorsatz, mehr Soul Asylum zu hören, sich in dieser Rubrik meiner Wochenbriefings deutlich niederschlagen würde. Hier also num ein Song, der wesentlichen Anteil daran gehabt hat, dass ich den besagten Vorsatz gefasst habe. Ein Song aus der Zeit, bevor sie berühmt wurden. Heutzutage werden Rockbands ja, wenn überhaupt, meist mit ihrem ersten Album berühmt und danach geht's bergab, entweder rapide oder langsam und stetig. Nicht so Soul Asylum: Die hatten ihren großen Durchbruch erst mit ihrem sechsten Album, oder sogar ihrem siebten, wenn man "Time's Incinerator" mitzählt, das nur auf Kassette erschien (kein Scheiß). "Closer to the Stars" stammt vom Album "While You Were Out", das ein knappes halbes Jahr nach "Time's Incinerator" 'rauskam, und wurde damals nicht mal als Single ausgekoppelt. Zuerst gehört habe ich den Song anno 1993 in der unplugged-Fassung -- nur dass die sich ganz anders anhört. Ich mag beide Versionen, aber am meisten mag ich, wie radikal sie sich voneinander unterscheiden. Ein bisschen erinnert das an "My my, hey hey (Out of the Blue)" und "Hey hey, my my (Into the Black)" von Neil Young, und danach habe ich schließlich meinen Blog benannt (so, jetzt wisst Ihr's). Im Übrigen finde ich den Text der ersten Strophe absolut genial. 


Aus der Lesehore: 

Der Blick des Ungläubigen reicht nicht weiter als bis zum Sarge. Er kann der rein stofflichen Welt nicht entrinnen. Schaut euch diese Menschen an, die im tiefsten Materialismus befangen sind: Sie wagten es, der Menschheit das Glück zu verheißen. Alles, was die Welt geben kann, reicht doch für den Menschen nicht aus. Alle diese Güter enttäuschen und wecken das Verlangen nach einem größeren, dauerhaften Glück.
(Hl. Maximilian Kolbe, "Jedem ist der Weg gewiesen")