...mit gelegentlichen Abstechern nach Nordenham bzw. Butjadingen! Brainstorming für eine christliche Graswurzelrevolution - von Kneipenapostolat bis Punkpastoral, von "Benedict Option" bis Dorothy Day (und zurück). Nicht Sandsäcke auftürmen, sondern eine Arche bauen. Politik wird uns nicht retten.
Es scheint, die christliche Bloggerwelt steckt aktuell noch ein bisschen tiefer im Sommerloch als in der vorigen Woche, Freunde; und diesmal bin ich mir sicher, dass es nicht an mir liegt – also etwa daran, dass ich mir nicht genug Mühe gegeben hätte, die Bloggerliste nach interessanten Beiträgen zu durchsuchen. Aber vielleicht ist es ja auch gar nicht unbedingt von Nachteil, wenn die allwöchentliche Blogoezese-Rundschau sich allmählich auf einen etwas geringeren Umfang einpendelt... Immerhin, eine interessante Neuentdeckung gibt es zu vermelden; aber erst mal der Reihe nach:
Freitag, 15. August (Mariä Himmelfahrt)
Zum Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel erschienen, wie man sich unschwer vorstellen kann, auf zahlreichen katholischen Blogs Beiträge; ich gebe zu, dass ich sie nicht alle gelesen habe, aber unter denen, die ich gelesen habe, erscheint mir derjenige von Pro Spe Salutis ("Der Mensch in Fülle – Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel") als besonders empfehlenswert: Hier argumentiert der Verfasser, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel widerlege geradezu die verbreitete Unterstellung, das Christentum sei "leibfeindlich". "Gewiss kann der Leib missbraucht werden, aber dies rührt nicht an der Würde des Leibes und dem Adel der Leiblichkeit", heißt es etwa im Artikel. "Der Leib ist ein Geschenk Gottes" – und:
"Gott hätte uns auch als reine Geister erschaffen können, aber er wollte, dass ein Teil seiner (materiellen) Schöpfung nicht in bewusstloser Vegetation verbleibt, sondern seiner selbst und seines Schöpfers bewusst werden kann: eine Brücke zwischen der materiell geschaffenen und der göttlich schaffenden Sphäre."
Um der Kontrastwirkung willen erwähnt sei der Beitrag des Wuppertaler Citypastoral-Blogs kath 2:30 zum selben kalendarischen Anlass; dass es ein Artikel zum selben Thema sei, möchte ich eigentlich nicht behaupten. "Himmelfahrtskommando" lautet die Überschrift, das soll wohl hintersinnig-witzig sein; im Text geht es einleitend darum, welche zum Teil grotesken bürokratischen Hürden eine alleinerziehende Mutter überwinden muss, um alle Hilfen zu bekommen, die ihr theoretisch zustehen. Trotzdem warnt der Verfasser – Dr. Werner Kleine, der Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal – vor pauschalen Forderungen nach Bürokratieabbau: "Eine funktionierende Bürokratie gewährleistet schließlich eine für alle Bürger verbindliche Organisation des Staates, die einer Willkürherrschaft entgegensteht. Sie organisiert die Rahmenbedingungen der Gesellschaft als Ganzer und des Lebens der Einzelnen. Sie soll für Gerechtigkeit sorgen." Nun, sagen wir so: Dass ein wohlbestallter Funktionär der Amtskirche Bürokratie im Prinzip dufte findet, ist nicht direkt überraschend. Aber effizienter müsste sie sein, meint Dr. Kleine – und hat dafür auch gleich ein paar Anregungen parat. Was das nun mit Mariä Himmelfahrt zu tun hat? – Nun ja, Maria war ja auch so eine Art alleinerziehende Mutter, nicht wahr? "Ihr Mann Josef ist früh verstorben. Nach seinem Ableben muss sie neben ihrem Erstgeborenen Jesus noch dessen Geschwister versorgen – nach dem Neuen Testament sind das vier Brüder und noch weitere Schwestern" – da wird also so ganz nebenbei noch die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens in Zweifel gezogen. Aber selbst wenn man über diesen Punkt mal hinwegsieht, bleibt die Frage: Wie muss man eigentlich drauf sein, um ein derart hanebüchenes Geschwalle zu fabrizieren und zu glauben, damit könne man der christlichen Heilsbotschaft größere Relevanz für die Gegenwart verleihen? Über den Autor heißt es am Fuß der Seite: "Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht". Das dürfte das Problem sein. Im Mittelpunkt der Theologie sollte Gott stehen, deswegen heißt sie nämlich so und nicht Anthropologie – das ist ein anderes Fach.
Samstag, 16. August (Hl. König Stephan I. von Ungarn)
Ein weiteres Thema, mit dem sich mehrere Blogs befassten, war die Tatsache, dass das Pontifikat Papst Leos XIV. die 100-Tage-Marke erreichte. Der Beitrag von Begegnung & Dialog zu diesem Thema – schlicht "100 Tage Papst Leo XIV." überschrieben – ist, wie es für diesen Blog insgesamt charakteristisch zu sein scheint, "nur" eine Presseschau; aber immerhin werden diesmal nicht nur Artikel von häretisch.de verlinkt, sondern auch solche von BR24, tagesschau.de, religion.orf.at, VaticanNews und Kirche + Leben – sowie zu guter Letzt eine Pressemitteilung von "Wir sind Kirche" (ich hätte gar nicht gedacht, dass es die noch gibt). Gemeinsam ist den verlinkten Artikeln – oder jedenfalls den meisten von ihnen – allem Anschein nach, dass der neue Papst in ihnen nach weltlich-allzuweltlichen Maßstäben von Fortschrittlichkeit beurteilt wird, und die Frage, ob er den in diesem Sinne an ihn gestellten Erwartungen gerecht werden kann oder auch nur will, wird mit einer Mischung aus Skepsis und Wunschdenken beantwortet. Das Ganze hat schon etwas ausgesprochen Tragikomisches.
Bei naunyn geht es unter der Überschrift "Schwellenerfahrungen und wieder eine Premiere" vorrangig um das Samstagsfrühstück, bei dem ich mit meinen Kindern zu Gast war – wir kommen somit auch im Artikel vor, auch Kuschelhund Hubert wird namentlich erwähnt. Was die Diskussion über Mariä Himmelfahrt angeht, die in diesem Artikel anklingt, bedaure ich ein wenig, dass ich mich nicht stärker daran beteiligt habe – wir standen schon kurz vor dem Aufbruch, als das Thema aufkam. Auf meine eigenen Eindrücke von diesem WG-Frühstück werde ich im nächsten Wochenbriefing noch zurückkommen...
Sonntag, 17. August (20. Sonntag im Jahreskreis)
Zum ersten Mal seit gut drei Monaten gibt es auf Allotria catholica etwas Neues: "Wenn am Sonntag kein Priester da ist" heißt der Artikel, und darin wird die Praxis getadelt, Sonntagsmessen durch "Wort-Gottes-Feiern" zu ersetzen, wenn – z.B. infolge von Krankheit oder Urlaub – kein Priester zur Verfügung steht: In die Nachbarpfarrei zu fahren, um dort die Messe mitzufeiern, glaube man den Kirchgängern offenbar nicht zumuten zu können, selbst wenn es sich nur um eine Entfernung von drei Kilometern handelt.
Montag, 18. August
Einige Leser werden sich wohl noch erinnern, dass ich vor ein paar Wochen den Blog Traductina am Wickel hatte, der "Leonardo Boffs wöchentliche Kolumnen frei ins Deutsche übersetzt". Die Artikel-Überschrift "Das in Gaza verweigerte Mindestmaß an Gemeinschaft"hat mich nun veranlasst, da mal wieder reinzuschauen, was ich in der Zwischenzeit vermieden hatte – und in Zukunft wohl erst recht meiden werde. Dass Boff "Netanjahus Israel" eines "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" bezichtigt, ihm vorwirft, "Millionen Palästinensern im Gazastreifen Nahrung und Wasser [zu] verweiger[n]", und dabei mit keinem Wort den Terror der Hamas gegen Israel und gegen das eigene Volk erwähnt, hat mich nicht gerade überrascht; das ist aber auch nicht das eigentliche Thema des Artikels. Im Mittelpunkt steht vielmehr etwas, das Boff "Kommensalität" nennt; dem Wortsinne nach bedeutet das "gemeinsam am Tisch sitzen", und gemeint ist mit diesem Begriff eine Form von Gemeinschaft und Geselligkeit, für die gemeinsames Essen zentral und kennzeichnend ist. Eigentlich ein interessantes Thema – wenn nicht ausgerechnet ein aufgeblasener Wirrkopf wie Boff darüber schriebe. Man kann aus diesem Artikel durchaus wertvolle Denkanstöße beziehen; es bleibt jedoch die Frage, ob man diese nicht auch woanders (z.B. im "Food"-Kapitel von Rod Drehers "Crunchy Cons") finden könnte, ohne sie erst aus einem Wust tragikomischer Geschwätzigkeit herauspräparieren zu müssen. Der in der Überschrift und im einleitenden Absatz hergestellte Bezug zum Gaza-Konflikt wirkt dabei ebenso deplatziert wie das abschließende Bekenntnis zur "Lula-Regierung".
Dienstag, 19. August (Hl. Johannes Eudes)
In gewissem Sinne ist es wohl auch Leonardo Boff zu verdanken, dass die Überschrift "Die Zeit von Pachamama ist vorbei" auf Beiboot Petri spontan mein Interesse weckte. Dieser Artikel sei hier also gewürdigt, obwohl es sich "nur" um die Übersetzung eines Artikels des in Rom ansässigen Blogs Silere non possum handelt. Darin geht es um ein Telegramm Papst Leos XIV. an die "Bischöfe der Kirchenkonferenz Amazoniens", in dem er "drei wesentliche Dimensionen der Mission der Kirche im Amazonasgebiet" betont: "die Verkündigung des Evangeliums, den Respekt vor den dort lebenden Völkern und die Sorge um unser gemeinsames Zuhause". Gerade in Bezug auf die "Klimafrage" diagnostiziert der Blogartikel hier eine deutliche Akzentverschiebung gegenüber dem vorherigen Pontifikat: Papst Leo betone die "Notwendigkeit, in unserem Verhältnis zur Natur ein authentisch christliches Gleichgewicht zu wahren". Wenn er in diesem Zusammenhang explizit davor warne, sich zum "Sklave[n] oder Anbeter der Natur" zu machen, sei dies als deutliche Absage an den Pachamama-Kult zu verstehen.
Dem Tagesheiligen – der mir hauptsächlich deshalb ein Begriff ist, weil er in der Tegeler Pfarrkirche Herz Jesu auf einem Buntglasfenster abgebildet ist – widmet sacerdos viennensis einen Beitrag mit dem Titel "Urheber der liturgischen Verehrung des Herzens Jesu"; der Großteil des Artikels, in dem es um die Biographie des Heiligen und Fakten zu seiner Verehrung geht, ist per Copy & Pastevon der Website des Bistums Augsburg übernommen – immerhin mit Quellenangabe und Link, aber ein bisschen schwach finde ich das trotzdem. Zum Schluss kommt dann aber noch ein Auszug aus einem Werk des Heiligen, "Das Leben und das Königreich Jesu in den christlichen Seelen" von 1637.
Neuigkeiten zur Frage "Was machen die ehemals führenden Köpfe der alten Blogoezese eigentlich so, sofern sie nicht mehr bloggen?" erreichten mich auf unerwartetem Wege: Der mehrfache Schwester-Robusta-Preisträger Josef Bordat bringt demnächst ein neues Buch raus. Woher weiß ich das? Von God.Fish, einem Blog, den ich eigentlich ignorieren wollte, weil so ziemlich alles, was ich bisher dort gelesen hatte, unfassbar blöde war. Die Überschrift "Ein Buch, das den Sonntagsgottesdienst verändern könnte" machte mich dann aber doch neugierig, und das war auch gut so. Gemeint ist mit der Überschrift nämlich eben Josef Bordats Buch "Das ABC der Guten Nachricht. Anmerkungen zu den Sonntagsevangelien", das am 8. September erscheinen soll. "Das 652 Seiten starke Buch widmet sich den Evangelien, die in der katholischen Liturgie im Rahmen eines Drei-Jahres-Zyklus vorgetragen werden", heißt es in der Rezension. "Das erklärte Ziel des Buches ist es, durch sprachliche und exegetische Analyse die eine oder andere Überraschung in den oft gehörten Texten zu Tage zu fördern." Da darf man wohl gespannt sein.
Auf naunyn wird derweil die Reihe "40 Jahre WG Naunynstraße" fortgesetzt mit einem Gastbeitrag von "Jens aus Leipzig" unter der Überschrift "Danke für 40 Jahre ANDERSORT". Der Verfasser lernte die WG 1987 kennen, als er Novize im Jesuitenorden war; später verließ er den Orden und erlebte "[i]n der Krise des Austritts" die Naunynstraßen-WG als einen Ort der Orientierung und der vorbehaltlosen Annahme. Eine sehr persönliche und berührende Würdigung.
Mittwoch, 20. August (Hl. Bernhard von Clairvaux)
Unter der Überschrift "Revierkampf unter dem Regenbogen" macht der TheoBlog aufmerksam auf eine in der FAZ erschienene Rezension zum "Jahrbuch Sexualitäten 2025" – und nimmt dabei vor allem "Symptom[e] einer Spaltung innerhalb der LGBTQ-Bewegung" in den Fokus, "die sich von den ursprünglichen Anliegen der Lesben- und Schwulenbewegung immer weiter entferne", wie es in der zitierten Rezension heißt. So habe der Herausgeber des Jahrbuchs, Jan Feddersen, "schon vor Jahren auf Schwulenfeindlichkeit in der LGBTQ-Szene aufmerksam gemacht":
"Von Trans- und Queer-Seite wird Homosexuellen verübelt, das binäre Geschlechtsschema zu bestätigen, das man dringend loswerden will, und die körperlichen Aspekte von Geschlecht in Erinnerung zu rufen, die im neuen Konzept der Geschlechtsidentität nicht mehr interessieren."
Umgekehrt und einigermaßen folgerichtig werden "[q]ueeraktivistische Forderungen, das biologische Geschlecht zu verabschieden", von Vertretern der – fast möchte man sagen: "traditionellen" – Schwulenbewegung als "homosexuellenfeindlich" wahrgenommen.
Nun aber zur Neuentdeckung der Woche! Dabei handelt es sich um einen Blog namens Anbetung & Heilung, auf dem offenbar nur in recht großen Zeitabständen neue Beiträge erscheinen – was die Blogbetreiber in der Rubrik "Über uns" im Wesentlichen damit begründen, dass sie auch noch was anderes zu tun haben; man könnte sagen, der Blog ist gewissermaßen nur ein Nebenprodukt ihres eigentlichen Herzensprojekts, von dem ich gern gestehe, dass es auch für mein Interesse an diesem Blog wesentlicher ist als der aktuelle Artikel (dazu später): Die Autoren des Blogs – anscheinend ein Ehepaar – betreiben seit 2017 einen Gebetsraum im Dachgeschoss der Pfarrkirche St. Servatius in Bornheim (zwischen Köln und Bonn) und verfolgen auf längere Sicht das Ziel, daraus ein "eucharistisches Gebetshaus" mit "24/7-Anbetung" zu machen – unter dem Namen HOPE, ein Akronym für "House of Prayer and the Eucharist". Klingt spannend, und falls es mich mal in die Region verschlägt, schaue ich da gerne mal vorbei. – Zur Veröffentlichungsfrequenz auf dem Blog heißt es auf der "Über uns"-Seite weiter:
"Auch legen wir großen Wert auf Qualität. Wir wollen Dir nur fundierte und gut recherchierte Artikel liefern. Auch das ist ein Grund, warum es einmal länger dauern kann, bis ein Beitrag online geht."
Na dann schauen wir mal. – Der aktuelle Beitrag heißt "Der eucharistische Rosenkranz" und stellt eine Variante des Rosenkranzgebets vor, die besonders für die Eucharistische Anbetung geeignet sein soll – insofern, als darin fünf eucharistische Geheimnisse betrachtet werden. Ungefähr die Hälfte des Artikels wird eingenommen von Erörterungen darüber, wie sich Marienverehrung und Eucharistische Anbetung zueinander verhalten bzw. was die eine mit der anderen zu tun hat; diese andere Hälfte ist einer detaillierten Anleitung zum Rosenkranzbeten gewidmet. Besonders dem ersten Teil ist die Sorgfalt, einerseits sicherzustellen, dass man sich im Einklang mit der katholischen Lehre befindet, andererseits die doch recht anspruchsvolle Materie allgemeinverständlich 'rüberzubringen, deutlich anzumerken.
Donnerstag, 21. August (Hl. Papst Pius X.)
Bis in den Nachmittag hinein schien sich einmal mehr der Trend zu bestätigen, dass donnerstags das Sommerloch am tiefsten ist. Aber ich will doch wenigstens noch 18 Worte würdigen: Dieser Blog ist ja eigentlich immer irgendwie gut, und manchmal auch noch ein bisschen besser als "irgendwie gut". Die Verfasserin ist derzeit im Urlaub, und im heutigen Beitrag mit dem Titel "Im Frühstücksraum" schildert sie eine kleine, im Grunde unspektakuläre Szene, die sie gleichwohl so berührt hat, dass sie sich wünscht, sie könnte dieses Bild "zeichnen oder sticken". Sticken! Ich bin entzückt.
Servus, Leser! Nachdem wir in der vorigen Episode dieser Artikelserie miterlebt haben, wie Barbara Ubryk alias "Jovita von den Engeln" von ihrem Geliebten Woicech Zarski aus dem Krakauer Karmeliterinnenkloster entführt bzw. befreit, aber schon am nächsten Morgen wieder eingefangen wurde, ist jetzt erst einmal wieder Sir John Retcliffes "Biarritz" an der Reihe. Wir erinnern uns: Im Kapitel "Santa Agatha" hatte der Leser fünf der sechs aus dem Kloster der Verdammten entlassenen exemplarischen Todsünderinnen wiedergetroffen und einen Eindruck davon gewonnen, wie der Autor diese Figuren im weiteren Verlauf des Romanzyklus erzählerisch einzusetzen gedenkt, aber dann war das Kapitel mit einem dramatischen Cliffhanger abgebrochen worden. Das folgende Kapitel, das fast die Hälfte des V. Bandes einnimmt und bis in den VI. hinein reicht, weist zwar keine inhaltlichen Bezüge zur Handlung um die Sieben Todsünden auf, ist aber so bezeichnend für die Arbeitsweise des Autors, dass es mir sinnvoll erscheint, ihm hier ein paar Zeilen zu widmen.
Der äußere Anlass dafür, dass Retcliffe aus dem italienischen Handlungsstrang seines Romanzyklus unvermittelt an einen ganz anderen Ort und in einen neuen, dem ersten Eindruck nach rein episodischen Handlungsstrang springt, lässt sich schon anhand der Kapitelüberschrift "Der Graf von Palikao" erahnen: Der V. Band von "Biarritz" erschien in Fortsetzungen in der zweiten Jahreshälfte 1870, und im August dieses Jahres, nach den ersten französischen Niederlagen im Deutsch-Französischen Krieg, war Charles Cousin-Montauban, Graf von Palikao, zum Kriegsminister und Ministerpräsidenten des Französischen Kaiserreichs ernannt worden. Der Titel "Graf von Palikao" war ihm für seine Verdienste als Oberkommandierender der französischen Expeditionsarmee im 2. Opiumkrieg gegen China verliehen worden; nun nimmt Retcliffe den Umstand, dass der Name des Grafen von Palikao im Spätsommer 1870 zweifellos häufiger in der Zeitung zu lesen war, zum Anlass, in seinen Roman – chronologisch einigermaßen passend – eine eher unrühmliche Episode aus dem Vorleben des französischen Generals einzubauen, nämlich die Plünderung des Sommerpalasts des chinesischen Kaisers, bei der Cousin-Montauban sich schamlos bereicherte.
Nun wäre Retcliffe aber wohl nicht Retcliffe, wenn er für den Gesamtaufbau seines Romans nicht noch mehr aus dieser Episode herauszuholen wüsste. Nach einem quasi "dokumentarischen" Einstieg, in dem er den Leser über die Vorgeschichte der Opiumkriege, über den britischen Opiumhandel und die gesundheitlichen Folgeschäden des Opiumkonsums informiert, lässt er in den Reihen der französischen Truppen erst einmal zwei Charaktere auftreten, die der Leser aus seinem früheren Roman "Puebla" kennt – und kündigt in einer Fußnote an, dass dieser Roman "hier zugleich seine Fortsetzung erhält" (Bd. V, S. 277). Etwas später erscheint eine Gruppe von Personen auf dem Schauplatz, die der Leser zuerst in zwei in Sibirien spielenden Kapiteln der ersten beiden "Biarritz"-Bände kennengelernt hat: den britischen Weltreisenden Sir Frederick Walpole, den versponnenen deutschen Naturforscher Professor Peterlein und die sibirische Prinzessin Wéra Tungilbi – und begleitet werden sie von einer weiteren Figur aus dem "Puebla"-Roman, dem Trapper Eisenarm. Damit nicht genug, tritt auch Nena Sahib, die Titelfigur von Retcliffes wohl bekanntestem und erfolgreichsten Roman über den Indischen Aufstand von 1857-59, in der Maske eines verkrüppelten Bettlers in diesem Kapitel auf. Somit verdichtet sich der Eindruck, dass Retcliffe beabsichtigt, die losen Handlungsfäden aus allen seinen früheren Romanen wieder aufzunehmen und zusammenzuführen. Obendrein baut er auch noch einen Bericht über den Untergang des preußischen Schoners "Frauenlob" in einem "Teufun" (Bd. V, S. 475) in der Bucht von Tokio am 2. September 1860, rund eineinhalb Monate vor der Plünderung des Sommerpalasts, in das Kapitel ein – den ersten Totalverlust der preußischen Marine.
Auf das umfangreiche Kapitel "Der Graf von Palikao" folgt ein mit nur 59 Seiten vergleichsweise kurzes Kapitel mit dem Titel "In Berlin" – das auch wieder sehr bezeichnend für die Erzähltechnik des Autors ist, insofern, als die zentrale Figur dieses Kapitels ein Journalist ist, der anhand zahlreicher autobiographischer Details als alter ego des Verfassers zu erkennen ist; und wer nicht in der Lage ist, diese Andeutungen zu entschlüsseln, dem dürfte spätestens ein Licht aufgehen, wenn dieser Journalist auf seinen Roman "Sebastopol" angesprochen wird. Dieser Journalist also macht zunächst einen Krankenbesuch beim Prinzen Friedrich von Preußen und kehrt dann in einem vornehmen Lokal (Weinstuben Ewest in der Behrenstraße) ein, und die Gespräche, die er führt, geben Anlass zu allerlei Erinnerungen an die Revolutionsjahre 1848/49. Zwischendurch belauscht der Journalist noch ein Gespräch zwischen einem polnischen Aristokraten und einem italienischen Agitator über die Aussichten für einen neuen Aufstand in Russisch-Polen, und an eine Nebenhandlung der Kapitel "Der Hofbanquier" und "Das Testament" aus Bd. III wird en passant angeknüpft.
Als das Berlin-Kapitel – mitten im Gespräch in der Weinstube und mit dem Satz "Die Unterredung wurde durch den Eintritt eines Fremden unterbrochen" (Bd. VI, S. 79) – abbricht, kehrt der Roman endlich wieder an den italienischen Schauplatz zurück, allerdings vorerst nur für 29 Seiten und nicht etwa zu dem Gelage im ehemaligen Kloster Santa Agatha, sondern vielmehr in die Villa Albano, wo dem geheimnisvollen Kapuzinermönch Fra Alberto eine Taube mit einer geheimen Botschaft zugeflogen ist. Schon in einem früheren Unterkapitel des Gaëta-Handlungsstrangs war recht unmissverständlich angedeutet worden, dass es in der belagerten Festung einen Verräter gibt, der die Tauben der Königin dazu benutzt, dem Feind geheime Informationen zukommen zu lassen; dass eine solche Taube nun gerade dem geheimnisvollen Mönch in die Hände fällt, stürzt diesen augenscheinlich in einen schweren Gewissenskonflikt: Die hastig hingekritzelte Bleistiftnotiz, die diese Taube transportiert hat, warnt vor einem Angriff auf die Vorstadt Borgo di Gaëta, bei dem es auf "eine hohe Person" abgesehen sein soll (Bd. VI, S. 93). Nun ist Fra Alberto ja einerseits im Auftrag des Heiligen Stuhls unterwegs, in dessen politischem Interesse es läge, wenn den "Gotteslästerern und Kirchenschändern" (Bd. VI, S. 87) eine möglicherweise kriegsentscheidende Niederlage zugefügt würde; schließlich ist König Viktor Emanuel II. "ein Feind der Kirche, er hat den Stuhl Petri beraubt um sein Eigentum – er lebt im Bann des Papstes!" (Bd. VI, S. 88). Andererseits hat es aber bereits recht deutliche Hinweise darauf gegeben, dass der Mönch in Wirklichkeit der leibliche Vater Viktor Emanuels, der abgedankte König Karl Albert von Sardinien-Piemont, ist – und so sieht er sich nun in einem Zwiespalt zwischen den "Pflichten gegen [die] heilige Kirche" und den "Bande[n] des Blutes" (Bd. VI, S. 83):
"O Absalon, Absalon mein Sohn! Soll ich selbst Dein Joab sein, der Dich den Feinden überantwortet und tötet – oder ist es ein Gnadenzeichen der Heiligen, Dich zu warnen, damit Du Zeit gewinnst, in Dich zu gehen, Deine Sünden zu büßen und freiwillig Vergebung zu suchen zu den Füßen dessen, den Gott zu seinem Stellvertreter gesetzt hat auf Erden!" (Bd. VI, S. 82f.).
Schließlich ringt er sich dazu durch, den Kammerdiener des Königs vor dem drohenden Angriff zu warnen und zu verlangen, dass das Tor der Villa geschlossen wird; als der Kammerdiener ihm zunächst keinen Glauben schenkt, verlangt der Mönch "Feder und Papier" (Bd. VI, S. 94):
"Der alte Mönch war wie verwandelt – sein Ton nicht mehr der des demütigen Barfüssers [sic] oder des exaltierten Schwärmers, sondern der des Befehls" (ebd.).
In aller Eile verfasst Fra Alberto zwei Depeschen an "den kommandierenden Offizier in Castellone" sowie "an General Cialdini", den Oberbefehlshaber der piemontesischen Armee (Bd. VI, S. 95) und siegelt diese Briefe mit einem "Petschaft oder [...] Siegelring", "der an einer härenen Schnur auf der bloßen Brust hing" (Bd. VI, S. 94).
Im Folgenden wird geschildert, wie sich "das Schicksal des Ausfalles, wahrscheinlich des ganzen Krieges" (Bd. VI, S. 101) durch eine Verkettung unglücklicher (oder, je nach Standpunkt, glücklicher) Umstände entscheidet: Zunächst sind die Angreifer sich nicht darüber im Klaren, "welches von diesen verfluchten Häusern [...] eigentlich das rechte" ist (ebd.); dann wird der Versuch, das inzwischen geschlossene Tor der Villa aufzusprengen, durch ein vorgebliches Missgeschick des Kanoniers Hradek – desselben, der die verräterische Taube abgeschickt hat – sabotiert. Als die Angreifer schließlich doch in die Villa eindringen, finden sie dort neben dem Kammerdiener des Königs nur noch "zwei Damen" (Bd. VI, S. 108) und den französischen Abgesandten Conti vor. – Dass es ausdrücklich nur zwei Damen sind und nicht drei, lässt den Verdacht aufkommen, dass zusammen mit dem König und Fra Alberto auch die vermeintliche Lady Howard – Elena, die Repräsentantin der Wollust – aus der Villa verschwunden ist; aber ehe man Genaueres darüber erfährt, braucht man erneut einen langen Atem, denn obwohl der VI. Biarritz-Band den Titel "Gaëta" trägt, dauert es nach der Erstürmung der Villa Albano erneut mehr als 250 Seiten, bis die Handlung an den italienischen Schauplatz zurückkehrt.
Zunächst, im Kapitel "Zu den Quellen des Nil" – das im Inhaltsverzeichnis des Bandes auffälligerweise nicht aufgeführt ist –, trifft der Leser einige Personen, die zuletzt im Kapitel "Der Graf von Palikao" aufgetreten waren, auf einem französischen Schiff im Golf von Aden wieder; darunter sind Lord Walpole und sein unfreiwillig komischer Begleiter Professor Peterlein, aber auch Nena Sahib, der sich als französischer Kaufmann namens Labrosse ausgibt. Die Entwicklung, die dieser Handlungsstrang nimmt, ist an und für sich ausgesprochen interessant, aber da sie in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der "Sieben Todsünden"-Handlung steht, will ich hier und jetzt nicht näher darauf eingehen. Anders verhält es sich mit dem Kapitel "Aber in Spanien...!", in dem der vielleicht schillerndste Charakter des ganzen Romanzyklus, Don Juan de Lerida, den der Leser zuletzt bei der Bärenjagd in den Pyrenäen erlebt hat, in Madrid auftaucht.
In einer offenen Kutsche den Salon del Prado entlang fahrend, begegnet der Graf von Lerida zunächst General Prim, der sich für den folgenden Tag mit ihm in der Oper verabredet; erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass die aus dem Kloster der Verdammten entlassene Vertreterin der Hoffart, Giuliana, erklärt hat, ihre Mutter – die rechtmäßige Erbin des spanischen Throns! – sei eine Verwandte des Generals. Anschließend hat Don Juan eine Unterredung mit einem jüdischen Journalisten, den er (gewissermaßen stellvertretend für den Leser) über die verschiedenen Fraktionen in der spanischen Politik und die jeweils mit ihnen verbündeten Geheimgesellschaften befragt. Bald darauf ergeben sich zur Frage der spanischen Thronfolge – man beachte: eine Frage, die zum Anlass für den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde! – neue Komplikationen: Don Juan erfährt von einem geheimen Testament König Ferdinands VII., das in zwei Exemplaren vorliegen soll, von denen eines im Vatikan und das andere "in dem Königlichen Archiv zu Madrid" aufbewahrt wird (Bd. VI, S. 212). Laut Aussage einer alten Dienerin, die "den König in seiner letzten Krankheit" gepflegt hat (Bd. VI, S. 205), sollen in der Nacht vor dem Tod des Königs drei Abgesandte des Heiligen Stuhls, darunter der damalige Kardinalstaatssekretär Bernetti persönlich, an seinem Sterbebett aufgetaucht sein, um ihn dazu zu bewegen, ein Testament zu unterschreiben, in dem er die Pragmatische Sanktion von 1830, die die weibliche Erbfolge in Spanien einführte, widerrufen und damit seiner Tochter Isabella die Thronfolge entziehen sollte. Der König habe diese Unterschrift jedoch nur unter der Bedingung geleistet, dass der Heilige Stuhl nur dann von diesem Dokument Gebrauch machen dürfe, wenn die Herrschaft Isabellas die vitalen Interessen der Kirche bedrohen sollte. Seither hat der Vatikan die Existenz dieses Testaments geheim gehalten, um es – ähnlich wie das Wissen um die Existenz einer Tochter König Ferdinands VII. aus einer früheren Ehe – als Druckmittel gegen Isabella und gegen die carlistischen Thronprätendenten zugleich einsetzen zu können. – Don Juan gibt zwar vor, dieser Erzählung keinen Glauben zu schenken – er bezeichnet sie als "Mährchen" (Bd. VI, S. 205), als "alberne Geschichte" und "die abgeschmackten und boshaften Phantasien einer schwatzhaften alten Närrin" (Bd. VI, S. 216) –, trifft aber dennoch sogleich Vorkehrungen, das im Hofarchiv aufbewahrte Exemplar dieses Testaments in seinen Besitz zu bringen. Seinen Vertrauten gegenüber erklärt er:
"Die Drohung mit diesem Dokument erklärt das bisher für uns undurchdringliche Geheimniß, warum die liberale Regierung der Königin Isabella Seine Heiligkeit den Papst und Gaëta unter ihren Schutz genommen, Italien und der ganzen andern Welt entgegen, und warum die klugen Kardinäle in Rom, die lieber mit einer fertigen Macht rechnen, als mit einer unfertigen, erst künftigen, nichts mehr von einer carlistischen Erhebung wissen wollen, die jetzt bei König Victor Emanuel und Herrn Cavour ihre Unterstützung, suchen muß!" (Bd. VI, S. 229f.).
Überdies gibt das Kapitel "Aber in Spanien...!" auf der Motivebene allerlei zum Thema "Kloster" her. Über eine junge Frau, die im Kapitel "Die Bärenjäger" eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, erfährt man eher beiläufig, sie sei "in Clausur zu den Karmeliterinnen gebracht" worden (Bd. VI, S. 192); es erscheint nicht ausgeschlossen, dass dies später noch eine Rolle spielen soll. Als der oben erwähnte jüdische Journalist den Grafen von Lerida fragt, ob dieser etwa vorhabe, "das Kabinet zu stürzen" (Bd. VI, S. 187), erwidert dieser: "Nein – höchstens bei Gelegenheit ein kleiner Tumult! – Vielleicht die Entführung einer hübschen Nonne oder dergleichen" (ebd.). Eine mögliche Gelegenheit hierzu deutet sich an, als vor dem Gebäude des Innenministeriums Flugblätter verteilt werden, die auf das spurlose Verschwinden eines vierzehnjährigen Mädchens aufmerksam machen; wie der Leser gleich darauf erfährt, handelt es sich dabei keineswegs um einen Einzelfall: Vielmehr sind "seit etwa zwei Jahren in Madrid wiederholt sehr junge Mädchen im Alter von etwa 14 bis 18 Jahren, und meist aus guten Familien, auf eine unerklärliche Weise verschwunden, ohne daß man eine Spur von ihnen auffinden konnte" (Bd. VI, S. 236). Weiter heißt es:
"Der Volksmund behauptete, daß man die jungen Geschöpfe gegen den Willen der Eltern zum Klosterleben verlockt und in entfernte Klöster gesteckt habe. Trotz der Aufhebung der Jesuiten und der Einziehung vieler Klöster unter der Regentschaft Espartero's hatte die römische Propaganda doch den größten Einfluß bewahrt, viele der ausgewiesenen Jesuiten waren unter dem Schutz des Hofes und des berüchtigten Beichtvaters der Königin, des Jesuiten Claret, nach Spanien zurückgekehrt und bekleideten selbst ganz offen ansehnliche Stellen. Die geistliche Gerichtsbarkeit war unter anderem Namen wieder eingeführt und der Klosterunfug [!] nahm wieder überhand unter Firma geistlicher und wohlthätiger Gesellschaften" (ebd.).
Abschließend folgt noch der Hinweis: "Seltsamer Weise hatten all die verschwundenen jungen Mädchen in der Kirche Santa Maria ihre Meß- und Beichtgänge gehalten" (ebd.). Man ahnt, dass sich hier eine Skandalgeschichte ankündigt, bei der Dr. A. Rode, der Verfasser des "Barbara Ubryk"-Romans, sich in den Hintern beißen dürfte, dass sie ihm nicht eingefallen ist.
Das mit 124 Seiten längste und zudem auch spannendste Kapitel des VI. Biarritz-Bandes, "Auf der Wolfsjagd", spielt in Polen und enthält zumindest eine kleine, in ihrer potentiellen Tragweite aber allemal beachtenswerte Querverbindung zum Hsndlungsstrang um die "Sieben Todsünden": Zu Beginn des Kapitels findet in einer Waldhütte ein konspiratives Treffen zwischen drei Vertretern unterschiedlicher Fraktionen der polnischen Nationalbewegung statt, von denen es sich bei mindestens zweien um historische Persönlichkeiten handelt: Wladimir (bzw. Włodzimierz) Lempke (1838-1864) als Vertreter der "Roten" sowie der schon früher erwähnte Marian Langiewicz als Abgesandter des Pariser "Central-Comité's der Emigration" (Bd. VI, S. 250). Die Differenzen zwischen diesen beiden Männern sind mit Händen zu greifen – und äußern sich auch darin, dass Lempke erst einmal Langiewicz' Identität anzweifelt: "[N]ach dem Bericht einer unserer Anhängerinnen aus dem Lager General Cialdini's befand sich zu Anfang dieses Monats Kapitain Langiewicz vor Gaëta", stellt er fest (Bd. VI, S. 257) – bei dieser Anhängerin dürfte es sich demnach um die Sünderin Matilda aus dem Kloster der Verdammten, die Verkörperung des Neides, handeln. "[J]ener Bericht datirt vom 2. Januar, läßt Sie in einem Ueberfall der Bourbonisten schwer verwundet sein, und heute – am 12. Januar – sehen wir Sie frisch und munter hier in den polnischen Wäldern?", wundert sich Lempke (ebd.), und ich hatte ja schon angemerkt, dass sich der aufmerksame Leser des Romans ebenfalls über diese scheinbare Bilokation wundern dürfte. Langiewicz vermag die Sache jedoch aufzuklären:
"[W]enn Sie nach Paris zurückkehren, werden Sie dort hören, daß auf den Wunsch des Central-Comités mein Vetter Michael Langiewicz einstweilen meinen Platz in Italien eingenommen hat, damit den russischen Spionen, welche überall die polnische Emigration überwachen, meine Reise desto leichter verborgen bleibe. Ihnen mein Herr danke ich die traurige Nachricht, daß mein Vetter verwundet ist" (Bd. VI, S. 257f.) –
– was ja zugleich eine Vorausdeutung darauf darstellt, was sich in der Fortsetzung des Kapitels "Santa Agatha" ereignet, die auf S. 363 im selben Band beginnt.
Nachdem die Schilderung des Gelages im ehemaligen Refektorium des Klosters Santa Agatha im V. Band auf einem Spannungshöhepunkt abgebrochen war, lässt der Autor sich nicht lumpen, die Fortsetzung mit einem Knalleffekt zu eröffnen: Mit den Worten "Pardon Monsieur le comte, aber meinen besten Anbeter dürfen Sie mir nicht erschießen!" schlägt Theresa ihrem alten Bekannten Saint-Bris das auf den Oberstleutnant Sismondi angelegte Gewehr zur Seite, wodurch der Schuss den kurz zuvor des Falschspiels beschuldigten ungarischen Freischärler trifft (Bd. VI, S. 363). Im darauf folgenden Handgemenge überschlagen sich die Ereignisse derart, dass, wie es scheint, sogar der Autor kurzzeitig die Übersicht über seine Figuren verliert: Nachdem Michael Langiewicz, von dessen Verwundung der Leser ja bereits im "Wolfsjagd"-Kapitel erfahren hat, von Tonelletto einen Bajonettstich in die Brust erhalten hat (was er mit dem Ausruf "Przeklecie! nicht einmal für das Vaterland zu sterben!" quittiert), liest man:
"Unter der Tafel hervor huschte die kleine zierliche Gestalt seiner Landsmännin. Hände und Gesicht waren mit Blut beschmutzt - die Rechte warf eben eine kleine bluttriefende Scheere von sich, während die Linke festgeschlossen einen kleinen Gegenstand krampfhaft verbarg, den sie jetzt hastig und ohne auf die Blutbefleckung zu achten, in den Busen schob. Dann kniete sie neben dem Schwerverwundeten und suchte ihm Beistand zu leisten. 'Kann ich Ihnen dienen, Pan Langiewicz? Haben Sie Nichts zu bestellen? Geben Sie mir Ihre Börse und Ihr Taschenbuch - bei einer Frau sind sie besser verwahrt!'" (Bd. VI, S. 369).
Langiewicz' Landsmännin wäre ja wohl Mathilda, die Verkörperung des Neides, aber hier scheint es, dass der Autor sie momentan mit der allerdings sehr ähnlich benannten Martina, der Verkörperung der Habgier, verwechselt. Was es mit der "bluttriefende[n) Scheere" und dem "kleinen Gegenstand" auf sich hat, kann man sich zusammenreimen, als sich kurz darauf herausstellt, dass dem erschossenen Ungarn ein Finger abgeschnitten wurde – der Finger, an den er sich einen wertvollen, beim Glücksspiel als Pfand eingesetzten Ring gesteckt hatte. Anlässlich dieser Entdeckung heißt es:
"Die Polin ließ den Verwundeten fallen und sprang hastig auf. 'Man muß alle Taschen visitiren – ich glaube, ich kenne die Hand, die das gethan!' Die Schwester Martina that, als hörte sie nicht –" (Bd. VI, S. 377).
Buchstäblich im nächsten Moment betritt Hauptmann Gauthier das Refektorium, um seinen Männern das Kommando zum Rückzug zu geben – und wird, wie sollte es anders sein, von Theresa erkannt:
"'Gauthier! Emile Gauthier! Kennen Sie mich nicht? Ich gehe mit Ihnen!' Die Pariserin stürzte mit geöffneten Armen auf ihn zu. – Der Offizier wandte sich zu ihr – einen Augenblick nur des Anstarrens – dann stieg das dunkle Blut über das Gesicht des Tapfern und färbte es bis in die Haarwurzeln. 'Metze! – fort von mir! – Wo Du bist, ist das Unheil!' Er stieß sie mit Gewalt von sich, daß sie taumelte. 'Gauthier! – Himmel und Erde – Sie thun mir Unrecht! ich liebte nur Sie –' 'Fort – sei verflucht! zehn Mal verflucht, Elende, Mörderin! die Du mich zum Mörder gemacht! Werft die Kaiserhure hinaus in die Nacht, daß ihr Athem nicht ehrliche Männer vergifte!'" (Bd. VI, S. 378)
Daraufhin zieht Theresa einen zuvor im allgemeinen Durcheinander vom Boden aufgehobenen Revolver und schießt Gauthier in die Brust. – In dem Glauben, tödlich verwundet zu sein, gesteht Gauthier dem Grafen Saint-Bris, wie ihr gemeinsamer Bekannter Castellane am Vorabend der Schlacht von Magenta zu Tode gekommen ist: "Ich forderte ihn und tödtete ihn - auf Befehl des Kaisers – weil er in Eifersucht sich an ihm – vergriffen, als er ihn – bei jener Metze fand - - jetzt – von ihrer Hand - Gott ist gerecht" (Bd. VI, S. 379).
Die Illustration gehört zu einem anderen Retcliffe-Roman – "Nena Sahib", Bd. I –, aber sie passt wohl so einigermaßen hierher.
An dieser Stelle wechselt der Schauplatz Handlung zurück zur Villa Albano – allerdings zu einer Szene, die chronologisch vor der im Kapitel "Der Ueberfall" geschilderten liegt: König Viktor Emanuel speist mit dem französischen Gesandten Conti und den Damen, wobei die angebliche Lady Howard – Elena, die Verkörperung der Wollust – recht ungeniert mit dem König flirtet, was seine Wirkung auf ihn auch offenbar nicht verfehlt. Mitten im Tischgespräch bemerkt der König den Klang von "Gewehrfeuer" (Bd. VI, S. 392), und gleich darauf erscheint, "schmutz- und schweißbedeckt, die Uniform blutig, den Säbel noch in der Hand, der Oberstlieutenant Graf Sismondi" in der Villa Albano, nachdem er "in der ersten Ueberraschung" aus Santa Agatha entkommen ist, "um Meldung zu machen" (Bd. VI, S. 393). Eilig wird das Tor der Villa geschlossen, und während der König noch unschlüssig ist, was er weiter tun soll, ertönt "plötzlich eine tiefe, majestätische Stimme, wie ein Ruf aus einer andern Welt" (Bd. VI, S. 393) – die Stimme des Bettelmönchs Fra Alberto – und fordert ihn auf, den einzigen noch offenen Fluchtweg zu nutzen, nämlich die Flucht übers Meer mittels einer bereitstehenden Barke. Als der König sich sträubt, wendet der Mönch sich an Elena: "Führe ihn hinweg, Tochter der Sünde, [...] über seinen starren Sinn hat nur seine Schwäche Gewalt" (Bd. VI, S. 397). Tatsächlich lässt er sich von ihr wegführen, unmittelbar bevor die Angreifer das Tor der Villa aufsprengen. Wenig später, während die Angreifer die Villa durchsuchen, versucht Fra Alberto durch ein Fenster zu flüchten und wird dabei erschossen. Rückblickend wird berichtet:
"Obschon nur wenige Personen in der That wußten, in welcher Gefahr der König gewesen war, hatten sich doch allerlei Gerüchte darüber durch die Dienerschaft verbreitet, und namentlich erzählte man sich, daß der König in der Kutte eines Kapuziners entwischt und dieser [...] gezwungen worden sei, die Uniform des Königs anzuziehen, worauf die Neapolitaner ihn für diesen gehalten und erschossen hätten" (Bd. VI, S. 443).
König Viktor Emanuel kehrt am nächsten Morgen zur Villa Albano zurück, wo der französische Gesandte Conti ihm vom Tod des Mönchs berichtet und ihm den Siegelring übergibt, den dieser "auf seiner Brust an einer Schnur" getragen hat: "Plötzlich – wie von einem elektrischen Schlage getroffen – erbleichte der König und die Hand, in welcher er den Ring hielt, zitterte" (Bd. VI, S. 440). Im selben Augenblick schlägt ganz in der Nähe ein feindliches Artilleriegeschoss ein.
Später am selben Tag besucht König Viktor Emanuel das "Zimmer, wo der Todte liegt", schlägt "die verhüllende Kapuze über den Kopf des Todten zurück" (Bd. VI, S. 446) und betrachtet "lange in tiefer Bewegung den Todten" (Bd. VI, S. 447). Dann befiehlt er, "zwei Posten vor die Thür dieses Zimmers und das Fenster zu stellen", und schärft seinem Kammerdiener ein:
"Niemand soll es betreten. – Noch diesen Abend wird mit dem Dampfer ein Sarg von Neapel eintreffen, ich werde die nöthigen Befehle geben. Der Sarg wird in dieses Zimmer gebracht und Du und der Offizier, der ihn begleitet, legt diese Leiche mit aller Ehrfurcht, die man den Todten schuldig ist, in den Sarg, der in Deiner Gegenwart verlöthet wird. Niemand betrachtet den Todten, hörst Du – Niemand! – Du wirst noch diese Nacht mit dem Sarg nach Genua auf dem Dampfer abgehen und denselben mit der Bahn, ohne Turin zu berühren, nach La Superga bringen und ihn dem Prior überliefern. Der Offizier, der den Sarg von Neapel bringt, wird Dir ein Schreiben aushändigen, den Inhalt desselben übergiebst Du dem Prior" (Bd. VI, S. 448).
Gegen Ende des Kapitels erlebt der Leser noch mit, wie der Geistliche, der die Sünderinnen aus dem Kloster der Verdammten beaufsichtigt und ihnen Anweisungen gibt – und der in diesem Kapitel erstmals mit Namen genannt wird: Abbé Calvati (Bd. VI, S. 375 u. 442) –, sich von seinen Schützlingen berichten lässt, welche für die politischen Interessen des Heiligen Stuhls relevanten Informationen sie ihren Verehrern haben entlocken können. Bei dieser Gelegenheit verrät Elena alias Lady Howard dem Abbé trotzig, dass sie König Viktor Emanuel dazu verholfen hat, der Gefangennahme durch die Truppen des Königs von Neapel zu entgehen:
"Sie mögen zwar eine große Macht über uns arme Sünderinnen besitzen, aber es scheint, daß es noch mächtigere Personen als Sie giebt. Man hat der Lady Howard befohlen, den König Victor Emanuel durch ihre Reize zu fesseln und sich zur Spionin und Herrin seines Geheimnisses zu machen, aber nicht ihn in die Fesseln der Neapolitaner zu locken oder gar erschießen zu lassen. Ueberdies ist ein todter Mann, selbst ein König, ein schlechter Liebhaber. Es ist deshalb besser, Seine Majestät der König Victor Emanuel, obschon er mich etwas barsch behandelt hat, ist lebendig und ich gehe nach Turin, um ihn dort zu erwarten!" (Bd. VI, S. 457).
Im Übrigen teilt sie mit, sie habe den Gesprächen in der Villa Albano entnehmen können, "[d]aß Seine Heiligkeit der Papst Pius der Neunte, wenn ihm Gott so lange das Leben erhält, in den nächsten fünf Jahren die Freude haben wird, den Carneval unbehindert in Rom zu feiern. Später möchte ich nicht ganz mehr dafür stehen!" (Bd. VI, S. 458).
Erwähnen wir nebenbei noch, dass Abbé Calvati der Schwester Martina zusagt "Du magst den blutigen Ring behalten" (Bd. VI, S. 455); aber hat sie ihn wirklich oder war es doch die Polin Matilda, die ihn sich eingesteckt hat? Wird das im weiteren Verlauf der Romanhandlung noch eine Rolle spielen? – Wie dem auch sei: In der nächsten Folge werden wir erst einmal sehen, wie es mit Barbara Ubryk weitergeht. Romanautor Dr. A. Rode hat ja in Aussicht gestellt, dass die letzten Kapitel seines Wälzers sich auf offizielle Untersuchungsakten stützen; diese Behauptung gilt es zu überprüfen...
...die Feindbeobachtung schläft nicht! Vor ein paar Wochen, am 3. August, gab Thomas Halagan, der smarte Sechstagebartträger vom populären PUU-Podcast Horse & Hound, via Instagram bekannt, er mache Urlaub und werde sich erst im September wieder melden. Da habe ich mir gedacht, ich verhalte mich mal antizyklisch und werfe gerade im Urlaub einen kritischen Blick darauf, was er vor seinem Urlaub so 'rausgehauen hat.
Bewusst irreführendes Vorschaubild.
Der konkrete Anlass hierfür ist, dass der Instagram-Account von Horse & Hound sich Ende Juli ein weiteres Sprachrohr in Form eines "Channels" (sowas Ähnliches wie eine Chatgroup) geschaffen hat; diese Gruppe hat nach aktuellem Stand 145 Mitglieder, von denen eines, man höre und staune, ich bin. Hat der Halagan sich das gut überlegt, mich dazu einzuladen? Wahrscheinlich nicht. – Aber schauen wir uns mal an, was für Inhalte der Vodkaster aus dem Bistum Essen dem inneren Kreis seiner Follower auf diesem "Channel" so vorstellt:
In einem seiner ersten Beiträge fragte er seine Follower nach empfehlenswerten "Jesus-Verfilmungen/-Serien" und verriet in diesem Zusammenhang: "Ich bin sehr angetan von der Serie 'Messiah', die nach einiger Entrüstung und der ersten Staffel wieder abgesetzt wurde. Dagegen finde ich 'The Chosen' problematisch." Schon klar, bzw. warum eigentlich? Eine Begründung lieferte ersatzweise ein Follower, der sich in seinem Profil als Kirchenmusiker und "Fett-Aktivist" (wat't nich all gifft) zu erkennen gibt: "'The Chosen' hat diesen recht evangelikalen Vibe und ist zwar recht frisch vom Ansatz her, aber wenn man sich die Produzenten anschaut... Schwierig." Ah ja. Von der Netflix-Serie "Messiah" hatte ich bisher noch nichts gehört, aber nachdem ich auf Wikipedia die Zusammenfassung der Handlung gelesen habe, muss ich sagen: Wundert mich nicht, dass dem Halagan sowas gefällt.
Ein paar Tage darauf teilte der Horse & Hound-Account einen Beitrag der YouCat Foundation, der mit Sätzen wie "Can God forgive me for my sexual Chaos?" und "God wants us to put an end to the old stories that prevent us from being in communion with him" für die Neuerscheinung "Love Forever" warb, und kommentierte dies mit dem Satz: "Ich bin immer skeptisch, wenn Menschen genau zu wissen glauben, was Gott* denkt und was Gott* will." Bei seinem Zielpublikum erntete Halagan damit natürlich viel Zustimmung, aber mich juckte es in den Fingern, einen kritischen Kommentar zu hinterlassen – was ich dann aber doch nicht tat, weil ich (noch) nicht riskieren wollte, als "Maulwurf" aufzufliegen. Daher also jetzt und hier: Von den doofen Gendersternchen bei "Gott*" einmal abgesehen, würde ich der Aussage bezüglich der Skepsis gegenüber Leuten, die für sich beanspruchen, ganz genau zu wissen, was Gott will, ja durchaus zustimmen – wenn sie sich auf Leute bezöge, die sich auf irgendwelche angeblichen Privatoffenbarungen berufen bzw. behaupten, sie persönlich hätten einen ganz besonderen direkten Draht zu Gott. Aber genau darum geht es beim YouCat ja gerade nicht, sondern vielmehr darum, Antworten auf die Frage, was Gott will, in der Lehre der katholischen Kirche zu finden – und wenn Halagan und seine Fans ehrlich wären, müssten sie zugeben, dass es genau das ist, was ihnen nicht gefällt. – Die Auffassung, es sei generell anmaßend (wenn nicht Schlimmeres), zu glauben, man könne wissen, was Gott will, ist mir natürlich schon öfter begegnet, gerade in Diskussionen in Sozialen Netzwerken; aber da möchte ich mal die Gegenthese wagen und einwenden, ich sehe nicht, wie man sich sinnvollerweise als Christ betrachten und bezeichnen kann, wenn man grundsätzlich bestreitet, dass Gottes Wille erkennbar ist.
Ein paar Tage darauf teilte Horse & Hound-Halagan einen gemeinsamen Beitrag von Hallow-App und Radio Maria Österreich, nämlich ein Video, mit dem für das Sendeformat "Der Rosenkranz für Kinder" geworben wird; begleitet von dem Kommentar "Alles wie immer, nech?" – Was er hier nun kritik- oder spottwürdig findet, bleibt wiederum spekulativ: Ist's, dass die vier Mädchen im Video alle so brav und adrett aussehen, dass zwei von ihnen denselben etwas auffälligen Vornamen (Imelda) tragen, dass sie erklären, "für die Bekehrung der Sünder" bzw. "für alle Menschen, die noch nicht an Jesus glauben" zu beten? Oder ist die bloße Tatsache, dass Kinder den Rosenkranz beten, an sich schon ein hinreichender Anlass für einen höhnischen Kommentar? Der schon erwähnte Kirchenmusiker und Fett-Aktivist beurteilt das Video jedenfalls als "[j]enseits von Cringe". Na wenn er meint.
Wiederum ein paar Tage später gab's einen Beitrag über die Vorhaut Jesu, über den ich mich hier aber in Schweigen hüllen möchte; wohingegen ich zu einem Beitrag vom 31. Juli unbedingt etwas sagen muss: Dabei handelte es sich um ein Meme, das Yul Brynner in der Rolle des Pharaoh Ramses im Monumentalfilm "Die Zehn Gebote" zeigt, und dazu den Text: "Pharaoh listening to your pro-life aunt when she says God wouldn't kill a baby". Was möchte uns der Künstler damit sagen? Erst einmal ist das ja ein offenkundiges Strohmann-, pardon: Strohpersonenargument; schließlich geht es im Pro-Life-Diskurs nicht darum, ob Gott jemandem das Leben nehmen darf (Spoiler: Natürlich darf Er das, dafür ist Er Gott), sondern ob Menschen das dürfen. Insofern wird der imaginierten Pro-Life-Tante hier ein ganz unsachgemäßes Argument in den Mund gelegt, eigens zu dem Zweck, es desto leichter entkräften zu können; zugegeben, so etwas kennt man von Abtreibungsbefürwortern, und im Grunde ist es auch nicht überraschend, dass man in dieser Debatte so viele schlechte, unlogische und intellektuell unredliche "Argumente" aufgetischt bekommt: Um etwas so Abscheuliches wie Abtreibung zu rechtfertigen oder gutzuheißen, muss man sich wohl ganz schön das Gehirn verrenken. Die eigentliche Frage lautet hier daher wohl: Wieso macht ein sich selbst doch wohl irgendwie als christlich verstehendes bzw. präsentierendes Medienangebot sich in dieser Weise die Strategien von Abtreibungsbefürwortern zur Lächerlich- und Verächtlichmachung von Lebensschützern zu eigen? Aber auch hier ist die Antwort wohl gar nicht so schwer zu finden: Es muss wohl mit dem unbedingten Gegen-Rechts-Sein-Wollen zu tun haben. Wenn man seine Sicht der Welt vorrangig aus Medienprodukten bezieht, in denen "radikale Abtreibungsgegner", gern auch "selbsternannte Lebensschützer" genannt, gewohnheitsmäßig als "rechts" gelabelt werden, ist es klar, dass man sich von denen abgrenzen muss, auch wenn das heißt, dass man mit radikalen Abtreibungsbefürwortern gemeinsame Sache machen muss wie der BDKJ beim Münchner "Marsch fürs Leben". Es ist eine klassische schiefe Ebene ("slippery slope"): Zuerst sagt man, man sei natürlich nicht für Abtreibung, aber den Marsch für das Leben könne man nicht unterstützen, weil der von der AfD instrumentalisiert werde und auch sonst allerlei fragwürdige Gestalten mitgingen; im nächsten Moment fängt man an zu argumentieren, das Lebensrecht der Ungeborenen müsse gegen das Recht der ungewollt Schwangeren auf körperliche und reproduktive Selbstbestimmung und freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit abgewogen werden, und ehe man sich's versieht, macht man Witze darüber, dass es okay sei, Babys zu töten, weil Gott das ja schließlich auch tue.
An dieser Stelle möchte ich mir erlauben, auf den Monitor-Beitrag "Gotteskrieger: AfD und radikale Christen"einzugehen – zu dem sich Horse & Hound zwar urlaubsbedingt noch nicht geäußert hat, aber ich schätze mal, wäre der Beitrag zu einer anderen Jahreszeit erschienen, hätte es dazu mindestens eine Story auf dem Instagram-Account von Horse & Hound gegeben. In all seiner unfreiwillig komischen Überzogenheit ist dieser Fernsehbeitrag nämlich ausgesprochen bezeichnend dafür, wie die postchristliche Linke tickt: Der Hang, religiöse Phänomene vorrangig unter politischen Kategorien zu betrachten, offenbart eine maßlose Überschätzung von Politik, oder sagen wir: dessen, was sich der durchschnittliche Tagesschau- und Talkshow-Gucker unter dem Begriff "Politik" vorstellt. Zugegeben, dasselbe Phänomen findet man auf konservativer Seite durchaus auch – man schaue sich nur mal an, was im Kommentarbereich meines Blogs los ist, wenn ich mich wieder mal zu der Auffassung bekenne, man müsse als gläubiger Christ nicht unbedingt wählen gehen und wenn doch, dann nicht zwingend die CDU. Mein Lieblingsbeispiel dafür, was dabei herauskommt, wenn konservative Christen allzu sehr auf Politik fixiert sind, ist auch nach Jahren immer noch eine von Martin und Gudrun Kugler verfasste und in der Tagespost veröffentlichte Polemik gegen die Benedikt-Option, die sogar den Kuglers nahestehende Personen mir gegenüber mit der achzelzuckenden Einschätzung "Die haben das Buch halt nicht gelesen" kommentierten. Aber das ist im Grunde ein anderes Thema; anmerken möchte ich lediglich, dass die Vorstellung vom "Primat der Politik" mich, wenn ich sie sn konservativen Christen beobachte, eher noch mehr irritiert als bei Linken, in deren allgemeines Weltbild sie sich ja einigermaßen stimmig einfügt.
Halten wir trotzdem mal fest: Es gibt diese politikzentrierte Sicht- und Denkweise auch in der, sagen wir mal, "intensivreligiösen" christlichen Szene, und insofern kann man wohl nicht ausschließen, dass es in dem neuerdings gern mit dem Label "KiNC" versehenen Spektrum Akteure geben könnte, die in dem vom Monitor-Beitrag an die Wand gemalten strategischen Bündnis mit der AfD tatsächlich eine gangbare Option sehen; aber charakteristisch für die Szene als Ganze ist das sicherlich nicht. Das Missverständnis, das hier waltet, wird für mein Empfinden präzise auf den Punkt gebracht in einer Aussage des in dem Monitor-Beitrag interviewten EU-Funktionärs Neil Datta, das "ultimative Ziel" der christlich-fundamentalistischen Kreise, vor deren Einfluss die Sendung warnt, sei "politische Macht". Normalerweise wäre ich ja geneigt zu sagen, politische Macht könne grundsätzlich kein ultimatives Ziel sein, sondern nur das Mittel zu etwas, aber seit der Ära Merkel bin ich mir in diesem Punkt nicht mehr so sicher. Wenn indes von gläubigen Christen die Rede ist – von so gläubigen Christen, dass man sie zur Abgrenzung vom post-volkskirchlichen Mainstream als radikal, fundamentalistisch oder ultra-erz-irgendwas betiteln muss –, dann würde ich doch meinen, deren im Wortsinne ultimatives Ziel (diese Formulierung stammt freilich aus der Übersetzung des Interviews; wörtlich sagt Datta "endgame") sei es, in den Himmel zu kommen. Und wenn man so weit nicht denken will, sondern nur in den Blick nimmt, welche Ziele sie in dieser Welt haben, würde ich sagen, das Ziel eines "radikalen Christen" müsste es sein, den Willen Gottes zu tun. Gewiss kann das unter anderem auch beinhalten, dass man den Willen Gottes auf dem Feld der Politik zur Geltung bringen will; aber ich bleibe dabei, dass die Annahme, dies sei das höchste und zentrale Ziel "radikal religiöser Gruppen", ein Missverständnis ist, das aus einer grotesken Überschätzung von Politik resultiert. Mehr noch, ich würde sagen, darin offenbart sich ein grundsätzliches Nichtverstehen von Religion; die Unfähigkeit, religiöse Phänomene anders zu verstehen und zu bewerten als in Relation zu politischen Standpunkten oder Lagern. Religionsgemeinschaften, religiöse Gruppen sind in dieser Sicht nichts anderes als politische Vorfeldorganisationen, Lobbys, NGOs.
Wenn säkular eingestellte Politikjournalisten das so sehen, ist das zwar ärgerlich und wirft ein schlechtes Licht auf die Kompetenz dieser Leute, über religiöse Themen zu berichten; noch erheblich problematischer ist es aber, wenn solche Auffassungen sich auch innerhalb der Kirche breit machen – und damit komme ich (endlich?) wieder zurück zu Horse & Hound und ähnlich ausgerichteten medialen Produkten aus der postchristlichen Theologen- und Kirchenfunktionärsbubble. Bei diesen kann man den Eindruck haben, dass sie ihre eigenen Denkmuster auf ihre Gegner projizieren: Da sie selbst die Relevanz der Kirche in der Öffentlichkeit vorrangig darin sehen, dass sie in gesellschaftlich-politischen Debatten Stellung beziehen und zivilgesellschaftliches Engagement fördern soll, unterstellen sie ihren Gegnern dasselbe, nur dass diese die aus ihrer Sicht "falschen" politischen Ziele verfolgen. –
Nur scheinbar im Widerspruch (oder in einem Spannungsverhältnis) zu diesem "Primat der Politik" steht der besonders in der Social-Media-Arbeit der Bistümer, aber immer mal wieder auch bei Horse & Hound und ähnlich ausgerichteten Internetpräsenzen zu beobachtende Hang zu einer süßlich-gefühligen Wellness-Spiritualität. Tatsächlich verträgt sich beides ziemlich gut miteinander. Wenn es, wie wir unlängst auf Feinschwarz lesen konnten, beim Thema Spiritualität darum geht, "dass im breiten theologischen Sinne Leben gelingen kann", ja dass "möglichst alle Menschen ein gelingendes Leben entwickeln können", dann liegt es nahe, wie Isabell Voth auf y-nachten "einer selbstbestimmten Spiritualität" das Wort zu reden, weil "jede:r selbst merken wird, welche Spiritualität der eigenen Seele guttut" – Was für Isabell Voth ausdrücklich einschließt, dass man auch in "Schamanismus, Life-Coaching oder dem Legen von Tarot-Karten [...] kraftspendende Spiritualität finden" kann. Um dem individuell unterschiedlich ausgeprägten "Bedürfnis nach Spiritualität" gerecht zu werden, muss Religion notwendig undogmatisch sein; für überindividuelle Wahrheitsansprüche religiöser Lehren ist da kein Platz, ja diese sind "nicht ungefährlich". – Kann bzw. darf die Kirche demnach in Glaubensfragen keine für das Individuum verbindliche Autorität beanspruchen, bleibt ihr ja nur noch die Rolle der zivilgesellschaftlichen Institution. Und hier ist es dann auffällig, dass die postchristliche Bubble, so betont undogmatisch sie sich in religiöser Hinsicht gibt, in politischen Fragen umso dogmatischer auftritt – jedenfalls bei Stichworten wie Gender, LGBTQ, Diversity, Intersektionalität, you name it. Im Prinzip gilt das natürlich auch für das Thema Klima, aber das ist derzeit anscheinend nicht so en vogue – mag am kühlen und verregneten Juli gelegen haben. Na, es kommen auch wieder andere Zeiten.
Bei alledem mag man sich natürlich fragen, was Leute, die mit den Inhalten des christlichen Glaubens nichts anfangen können oder sie sogar dezidiert ablehnen, dazu veranlasst, sich dennoch als Christen zu bezeichnen. Aber das ist ja noch nicht alles: Im Grunde zielt die ganze Medienarbeit dieser Kreise mehr oder weniger offensichtlich darauf ab, die Deutungshoheit darüber zu beanspruchen, was als "christlich" zu gelten habe, für welche Themen und Standpunkte die institutionelle Kirche zu stehen habe, welche Anschauungen und Praktiken einen legitimen Platz in der Kirche haben (sollten) und welche nicht. Das Bizarre daran ist, dass im Zuge dieser Bemühungen diejenigen, die sich in Wort und Tat zum authentischen Glauben der Kirche, wie er etwa im Katechismus dargelegt ist, bekennen, als Fanatiker, Fundamentalisten, religiöse Extremisten und geistliche Missbrauchstäter sowie als AfD- und/oder Trump-Anhänger etikettiert werden, die die kirchlichen Strukturen unterwandern wollen und vor deren Einfluss man die Kirche schützen müsse – was ja nun eine ziemlich aberwitzige Verdrehung der tatsächlichen Sachverhalte ist, aber zugleich eben auch ein grelles Licht darauf wirft, in welchem Maße die PUU-Fraktion die institutionellen Strukturen der Kirche als ihr legitimes Eigentum zu betrachten gewohnt ist.
In Hinblick auf diesen Kampf um die Deutungshoheit ist es recht bezeichnend, was auf dem Instagram-Account von Horse & Hound erschien, als Thomas Halagan Mitte August einmal "ganz kurz" aus seiner angekündigten Urlaubs-Versenkung auftauchte. Er war, so berichtet er, "an der evangelischen Studierendengemeinde in Greifswald" vorbeigekommen und hatte da "ein Visitenkärtchen einer freikirchlichen Gemeinschaft in Endzeitstimmung an der Tür gefunden". Auf einem Foto ist zu sehen, dass dieses "Visitenkärtchen" einen Bibelvers (bzw. eigentlich zwei Verse) zeigt, nämlich Johannes 10,10f. in der Neuen Genfer Übersetzung: "Ich aber bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle. Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte ist bereit, sein Leben für die Schafe herzugeben." Fundamentalismus! Da musste der Horse & Hound-Vodkaster einen Kontrapunkt setzen, indem er seinerseits einen vom Bistum Essen herausgegebenen Flyer oder Aufkleber mit der Aufschrift "don't forget – hope is powerful" und einen Anstecker von "Das Bodenpersonal" hinterließ – letzteres ein beim Bistum Osnabrück beheimatetes "Netzwerk von Creator*innen und Blogger*innen der digitalen Kirche in den sozialen Medien". Vive la difference.
Die 145 Mitglieder des eingangs besprochenen "Channels" auf Instagram beglückt "Euer Urlaubs-Tommy" derweil mit einem Foto seines nackten Oberkörpers am Strand. Das hat man nun von seinem Status als Premium-Follower...
Wir sind zurück aus Butjadingen, Freunde – aber die Sommerferien in Berlin und Brandenburg sind erst ungefähr zur Hälfte rum, langweilig wird es also bis auf Weiteres wohl nicht werden. Erst einmal gibt es aber über die zurückliegende Woche so viel zu berichten und zu reflektieren, dass dieses Wochenbriefing ein bisschen Überlänge bekommen hat. Darum will ich mich auch nicht länger mit der Vorrede aufhalten...
Sorgenfresser im Kirchenzelt (Näheres dazu weiter unten)
Camino de Willehado '25 – Teil 6: Der Geldbeutel wird nicht alt
Am vergangenen Samstag verbrachten Frau und Kinder den Großteil des Nachmittags in der Nordseelagune, während ich nicht nur mein Wochenbriefing, sondern auch die neueste Folge meiner Tagespost-Kolumne "Klein.Kram" fertigstellte. Am späten Nachmittag wollten wir zusammen zur Vorabendmesse in Herz Mariä; da sich jedoch abzeichnete, dass meine Lieben es nicht ganz pünktlich schaffen würden (der Bus fährt nur einmal in der Stunde, wobei es für ländliche Verhältnisse eigentlich gar nicht angemessen ist, dazu "nur" zu sagen – "immerhin" einmal in der Stunde trifft es besser), ging ich schon mal allein voraus und war dann ziemlich früh dran. Obwohl es ersichtlich war, dass die Messe wieder draußen stattfinden sollte, ging ich erst einmal in die Kirche hinein, wegen der andachtsfördernden Atmosphäre, aber auch wegen der angenehmen Kühle; etwas später erschienen zwei Jugendliche, die, wie ich vermutete (und wie sich bald darauf bestätigte), zu der Gruppe gehörten, die im Rat-Schinke-Haus zu Gast war, und blieben etwas unschlüssig vor der Sakristeitür stehen. Da ich der einzige Erwachsene im Kirchenraum war, wandten sie sich an mich und fragten: "Können... sollen... wir da schon reingehen?" – "Die Tür müsste offen sein", erwiderte ich, "probiert's einfach mal."
Die Tür war offen, aber es war niemand in der Sakristei, also waren die Jugendlichen erneut unschlüssig, was sie nun tun sollten. "Wollt ihr ministrieren?", fragte ich sie, und sie bejahten; daraufhin riet ich ihnen, mal draußen zu gucken, entschied mich aber gleich darauf, ihnen zu folgen. Da ich sah, dass Pastor Kenkel inzwischen auf dem Kirchenvorplatz eingetroffen war, führte ich die beiden zu ihm. Er begrüßte daraufhin erst mal mich, und ich sagte: "Ich hab Ihnen zwei junge Leute mitgebracht. War aber Zufall."
Zur Messe erschienen dann noch rund 20 weitere Jugendliche, womit diese Vorabendmesse außerordentlich gut besucht war; drei oder vier der Jugendlichen übernahmen auch je eine Fürbitte, und aus Pastor Kenkels Begrüßungsworten erfuhr man dann auch endlich mal, um was für eine Gruppe es sich handelte: Es war eine Messdienerfreizeit der Gemeinde Heilig Geist Emsdetten.
Erneut setzte Pastor Kenkel schon gleich zu Beginn, in der Überleitung zum Kyrie, richtungsweisende Akzente:
"Von Christus werden wir gefragt, wo wir unser Herz festmachen. 'Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz.' Also, was ihr wichtig nehmt, was euch etwas bedeutet, daran hängt ihr auch euer Herz. Natürlich, wenn Jesus das so sagt, will Er, dass wir Ihn in den Vordergrund stellen. Bitten wir im Kyrie um Vergebung, wo andere Dinge uns viel wichtiger waren als das, was Gott von uns will."
Da der Bus, der vom Burhaver Strand zum Tossenser Strand fuhr und auf diesem Weg auch an der Kirche hielt, einige Minuten Verspätung hatte, trafen meine Liebste und die Kinder erst zur 2. Lesung ein. Man beachte: Es gab eine 2. Lesung – und zwar nicht etwa deshalb, weil dafür die 1. Lesung weggelassen worden wäre. Weggelassen bzw. durch ein Lied ersetzt ("Selig seid ihr, wenn ihr Wunden heilt", GL 459) wurde lediglich der Antwortpsalm; an der einen oder anderen Stelle muss man wohl doch Kompromisse mit tief verwurzelten Gewohnheiten der Gemeinde eingehen. – Tatsächlich nahm Pastor Kenkel auch in der Predigt auf beide Lesungen (Weisheit 18,6-9 und Hebräer 11,1-2.8-12) und das Evangelium (Kurzfassung: Lukas 12,32-40) Bezug; er predigte frei, und ich hatte das Gefühl, dass er sich flexibel auf den Umstand einstellte, dass fast die Hälfte der Gottesdienstteilnehmer Jugendliche waren, indem er streckenweise einen etwas saloppen Tonfall anschlug und gelegentlich mal einen Witz einbaute – aber ohne dass dies etwa auf Kosten der Substanz gegangen wäre. Bemerkenswert fand ich schon, dass er gleich zu Beginn der Predigt einen eucharistischen Akzent setzte, indem er davon erzählte, dass er einmal im Monat – meist am Herz-Jesu-Freitag – Gemeindemitgliedern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Messe kommen können, die Krankenkommunion bringt – und damit "eine Verheißung auf das, was einmal kommen soll; ein Stückchen vom Himmel". Als gemeinsamen Nenner der 1. und 2. Lesung arbeitete er die Berufung auf die "Väter und Mütter unseres Glaubens" heraus, "die schon vor uns geglaubt haben und die einer Verheißung gefolgt sind". Dann sprach er recht ausführlich über Abraham als Vorbild im Glauben – Abraham, der im Vertrauen auf Gott ins Ungewisse aufbricht und Verheißungen glaubt, die nach menschlichem Ermessen arg unrealistisch klingen –, und leitete dann über zum Evangelium: Da ist es ja recht auffällig, dass Jesus Seinen Jüngern zuerst sagt "Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben", und ihnen erst dann sagt, was sie tun sollen – weil es eben nicht darum geht, sich den Platz im Himmel durch eigenes Tun zu verdienen, sondern vielmehr darum, dass uns das Vertrauen auf die Zusagen Gottes dazu befähigt, schon im Hier und Jetzt anders zu leben – zum Beispiel ohne großen weltlichen Besitz und materiellen Sicherheiten, mit "Geldbeuteln, die nicht alt werden" – weil wir wissen, dass unser eigentlicher Schatz im Himmel ist. – Und das alles brachte er in knapp zehn Minuten unter.
In den Fürbitten wurde u.a. des genau 80 Jahre zurückliegenden Atombombenabwurfs auf Nagasaki gedacht; auch eine Fürbitte zum Gaza-Konflikt fehlte wieder nicht, die lautete diesmal aber so: "Wir beten für die Kinder und alle im Gazastreifen, die hungern nach Brot und nach einem Ende der Gewalt; für die Geiseln der Hamas, für die Menschen in Israel und im ganzen Nahen Osten, die sich nach einem friedlichen Miteinander sehnen." Ein ziemlicher Unterschied zu voriger Woche, möchte ich meinen! Auch das Weltjugendtreffen in Rom, das "viele Jugendliche inspiriert" habe, fand in den Fürbitten Erwähnung; dass das Wort Jesu aus dem Evangelium, "Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!", zum Anlass genommen wurde, für all jene zu beten, die "nachts aufbleiben müssen" – etwa "in Schichtdiensten und Bereitschaftsdiensten" Beschäftigte, aber auch "Eltern kleiner Kinder" und solche, die "am Krankenbett und an der Seite von Freunden" wachen –, sowie für "alle, denen Sorgen und Ängste den Schlaf rauben", fand ich ein bisschen weit hergeholt, aber das mag Geschmackssache sein.
Nicht so begeistert war ich wieder einmal von der Musikauswahl, aber immerhin kann man konstatieren, dass die meisten Lieder leidlich zu ihrer liturgischen Funktion passten. Der Auffassung, dass man zum Gloria jedes Lied nehmen könne, in dem von "Gott loben" die Rede ist (in diesem Fall "Erde singe, dass es klinge", GL 411), würde ich zwar nicht zustimmen, aber man muss wohl einräumen, dass man sie auch andernorts antrifft; am Lied zur Gabenbereitung, "Seht Brot und Wein" (Nr. 736 im Münsteraner Regionalteil des Gotteslobs), ärgerte mich, dass es, wie ich finde, recht ostentativ ein protestantisches Abendmahlsverständnis artikuliert. Zum Agnus Dei gab es ein richtiges Agnus Dei, nämlich GL 203, "O Lamm Gottes unschuldig"; allerdings spielte die Keyboarderin davon nur die erste Strophe – gehen wir mal davon aus, dass das ein Versehen war.
Gegen Ende der Messe, vor dem Entlassungssegen, erteilte Pastor Kenkel einem jungen Mann das Wort, der sich als christlicher Palästinenser aus Betlehem vorstellte. Er berichtete, die christliche Minderheit unter den Palästinensern sei in einer schwierigen Lage, die auch dadurch verschärft werde, dass nach Betlehem – das im palästinensisch verwalteten Westjordanland liegt – wegen des Gaza-Konflikts keine Touristen kommen könnten, womit eine wichtige Einnahmequelle für die Bevölkerung wegfalle. Eine umso größere Rolle für den wirtschaftlichen Unterhalt der christlichen Einwohnerschaft Betlehems sei daher der Verkauf von sakralem Kunsthandwerk aus Olivenholz; und folglich hatte der junge Mann eine recht große Auswahl solcher Holzschnitzereien mitgebracht, um sie nach der Messe zum Verkauf anzubieten – ganze Weihnachtskrippen, aber auch Engelsfiguren, Kruzifixe und anderes.
Die Kinder waren nun sehr erpicht darauf, sich die Schnitzereien anzusehen, also nahmen wir uns etwas Zeit dafür. Ich entdeckte einen schönen Rosenkranz, in den ein Medaillon mit Erde aus dem Heiligen Land eingearbeitet war, und sagte mir: Einen neuen Rosenkranz hatte ich mir eigentlich sowieso von meinem Geburtstagsgeld kaufen wollen und war bisher bloß nicht dazu gekommen. Zwar hatte ich eigentlich an ein etwas robusteres und griffigeres Exemplar gedacht, vielleicht mit Perlen aus Metall oder Stein, aber dieser zierliche Olivenholz-Rosenkranz sprach mich irgendwie an, und außerdem tat ich, wie Pastor Kenkel mir versicherte, ein gutes Werk, indem ich ihn dem jungen Palästinenser abkaufte. Da die Kinder auch etwas für sich haben wollten, kauften wir außerdem noch ein Wandkreuz fürs Kinderzimmer.
Übrigens zeigte sich, dass wir gut daran getan hatten, zur Vorabendmesse in Burhave zu gehen und nicht am Sonntagvormittag zur Messe in Nordenham; Pastor Kenkel erwähnte nämlich, er reise schon am nächsten Morgen ab nach Santiago de Compostela, wo er drei Wochen lang in der Pilgerseelsorge tätig sein werde. Guter Mann...!
Camino de Willehado '25 – Teil 7: Gott ist wie die Sonne
Am Sonntag übernahm ein neues Team die Programmgestaltung im Kirchenzelt – somit das dritte und letzte Team, das wir während unseres Urlaubs kennenlernten –, und ich hatte große Lust, dieses gleich bei der ersten Gelegenheit in Augenschein zu nehmen. Das Tochterkind war auch dafür, und die übrigen Familienmitglieder hatten ebenfalls keine Einwände; aber noch bevor wir uns dorthin auf den Weg machten, ergab sich eine bezeichnende Situation, als ich meinen am Vorabend gekauften Rosenkranz zur Hand nahm, um ihn mir für unterwegs in die Hosentasche zu stecken. "Rosenkränze basteln wäre auch mal eine Idee für die Urlauberkirche", dachte ich laut. "Und dann den Kindern beibringen, wie man den Rosenkranz betet – damit kriegt man dann auch die zwei Stunden 'rum." – "Wird das heute bei der Urlauberkirche gemacht?", fragte meine Tochter hoffnungsvoll, woraufhin ich ihr erklären musste, das sei nur so eine Idee von mir gewesen, was man theoretisch bei der Urlauberkirche machen könnte. Ich ahne bereits, dass das die Frage nahelegt, ob wir uns nicht selbst mal als Team für die Urlauberkirche bewerben wollen bzw. sollten, aber darauf komme ich weiter unten noch zurück.
Jetzt aber mal zu unserem ersten Eindruck vom neuen Kirchenzelt-Team; wer meinen separaten Artikel zur musikalischen Gestaltung des Urlauberkirchen-Programms gelesen hat, hat hier bereits einen gewissen Wissensvorsprung, aber trotzdem möchte ich hier noch etwas mehr ins Detail gehen. Das Wochenprogramm stand unter dem Motto "Wer oder wie bist du, Gott?", und das Motto für den ersten Tag lautete "Gott ist wie die Sonne". Im auffälligen Gegensatz zum Programm der vorigen Woche gab es als Auftakt zum Bastelprogramm eine Art Mini-Katechese zur Erläuterung dieses Mottos (Warum bzw. inwiefern ist Gott "wie die Sonne"? Weil Er uns Licht und Wärme schenkt, weil wir Ihn zum Leben und zum Wachsen brauchen, weil Er immer da ist, auch wenn wir Ihn nicht sehen...), und den Höhepunkt und Abschluss dieser Eröffnung bildete ein Bewegungslied mit dem Titel "Gott ist wie die Sonne". Ich war ausgesprochen angetan! – Der Hauptteil des Programms bestand an diesem Sonntag aus dem Basteln sogenannter "Sonnenfänger", und wer damit noch nicht ausgelastet war, konnte auch noch eine Sonne aus orangefarbenem Tonkarton basteln und bemalen.
Geleitet wurde das Programm von einer großen, schlanken Frau um die 40, und zwei ihrer Töchter assistierten ihr dabei; die älteste Tochter schaute nur mal kurz rein, sie hatte offenbar etwas anderes zu tun. Auch über die Begrüßung hinaus wirkte die neue Teamleiterin im Umgang mit den teilnehmenden Kindern wie auch den begleitenden Erwachsenen deutlich herzlicher, aufgeschlossener und interessierter als ihre Vorgängerin; wobei ich übrigens erwähnen muss, dass diese – die Frau vom vorigen Team – zeitweilig auch im Zelt war und beim Programm zuschaute, während ihr Mann das Vorzelt vom Wohnwagen abbaute und das Auto belud. Zuerst dachte ich "Soll sie mal gut zugucken, da kann sie noch was lernen", aber wie sich zeigte, kannten sie und die neue Teamleiterin sich – vielleicht weil beide hier schon öfter Urlauberkirche gemacht hatten, aber vielleicht auch "von zu Hause", das war nicht eindeutig festzustellen. Als ich die neue Teamleiterin fragte, woher sie komme, sagte sie "aus dem Münsterland, aus der Nähe von Münster", und das trifft vermutlich auch auf das andere Team zu, aber das hat ja noch nicht viel zu bedeuten.
Am Montag lautete das Tagesmotto "Gott hört dir immer zu"; wie bereits geschildert, gab es diesmal kein Bewegungslied zum Einstieg, und auch sonst fand ich den katechetischen Teil, sprich: die erklärenden Worte zum Tagesthema, diesmal arg kurz und oberflächlich, aber immerhin gab es einen. – Gebastelt wurden diesmal "Sorgenfresser" aus Briefumschlägen, und wer damit fertig war und noch mehr basteln wollte, konnte auch noch Haie aus Tonkarton herstellen. – Anschließend meldete ich mich freiwillig, die fertigen Bastelarbeiten unserer Kinder in die Ferienwohnung zu bringen und unsere Badesachen zu holen, damit wir in der nahe gelegenen Nordseelagune baden gehen konnten. Frau und Kinder setzten sich derweil an eine Biertischgarnitur vor dem Kirchenzelt, und als ich zurückkam, saßen sie immer noch dort. "Na, seid ihr jetzt der Außenposten vom Kirchenzelt?", scherzte ich. "Habt ihr schon jemanden evangelisiert in meiner Abwesenheit?" Meine Liebste verneinte, aber just in diesem Moment kam die Urlauberkirchen-Teamleiterin vorbei, und ich fragte mich, was die wohl bei dieser Frage dachte.
Am Nachmittag zog unsere Tochter das vorläufige Fazit, in der laufenden Woche gebe es im Kirchenzelt die besten Bastelideen, aber insgesamt habe es ihr trotzdem beim Team unserer ersten Urlaubswoche am besten gefallen. Diesem Urteil konnte ich mich anschließen. Am Dienstag gingen wir aber noch einmal hin; das Tagesmotto lautete diesmal "Du bist von Gott umgeben wie ein Fisch vom Wasser", und der katechetische Auftakt war diesmal wieder etwas umfangreicher als tags zuvor: Die Leiterin erzählte eine recht hübsche Geschichte über einen Fisch, der überall nach dem Wasser sucht, bis er endlich begreift, dass das Wasser überall um ihn herum ist. Dazu wäre mir durchaus ein einigermaßen passendes Bewegungslied eingefallen – nämlich "Vor mir, hinter mir" von Mike Müllerbauer –, und das hatte ich auch auf meinem Handy, aber um den Vorschlag einzubringen, dieses Lied zu spielen, ergab sich leider keine Gelegenheit. – Zu basteln gab es ein magnetisches Angelspiel – wenngleich ein Mädchen, das die Programmankündigung nicht genau gelesen hatte, glaubte, es handle sich um ein magisches Angelspiel. Na ja, Magnetismus ist ja auch so etwas Ähnliches wie Magie – oder? Na dann nicht. Die Kinder hatten jedenfalls Spaß und genug zu tun.
Und Ausmalbilder gab es obendrein.
Am Mittwoch, dem letzten Tag vor unserer Abreise, hatte die Urlauberkirche ihren regulären Pausentag; zum Ausgleich wollten wir eigentlich noch ein letztes Mal eine "Beten mit Musik"-Andacht in der Herz-Mariä-Kirche abhalten, aber genau in dem Zeitfenster, das wir dafür vorgesehen hatten, fand dort eine Trauerandacht statt – den Verstorbenen kannte ich sogar "von früher her", aber darauf will ich hier nicht näher eingehen. Statt in die Kirche gingen wir daher in den Bürgerobstgarten; eine richtige Andacht kriegten wir da nicht zustande, da die Kinder lieber über die Wiesen tollen und nach Heuschrecken suchen wollten, aber für zwei Lobpreislieder zum Thema "Gottes wunderbare Schöpfung" und die Schlussoration aus der Terz reichte es doch. Und das war dann der Schlusspunkt der spirituellen Gestaltung unseres Butjadingen-Urlaubs...!
Zu Gast in Deinem Zelt: Fazit und Ausblick
Nach acht Teilnahmen am Kirchenzelt-Programm, bei drei verschiedenen Teams, ist der Gesamteindruck durchwachsen bis zwiespältig. Immerhin kann man festhalten, dass meine Erwartungen unter dem Strich tendenziell übertroffen worden sind – was allerdings vorrangig dem ersten der drei Teams zu verdanken ist, deren Programm wir miterlebt haben, und just dieses Team war nicht katholischer, sondern neuapostolischer Konfession. Das dritte Team zeigte in katechetischer Hinsicht immerhin begrüßenswerte Ansätze (und hatte außerdem, wie unser Tochterkind ja schon angemerkt hat, die besten Bastelideen); dagegen war das Team der zweiten Woche in wirklich jeder Hinsicht mau (auch wenn ich zugeben muss, dass ich das TicTacToe-Spiel mit den selbstgestalteten Spielsteinen durchaus als einen Gewinn betrachte). Was jenseits der qualitativen Unterschiede zwischen den einzelnen Teams festzuhalten ist, ist der Umstand, dass das Programm der Urlauberkirche im Vergleich zu früheren Jahren stark geschrumpft ist – selbst im Vergleich zum Sommer 2017, als ich mich (wohlgemerkt noch vor der Geburt unseres ersten Kindes) erstmals auf meinem Blog mit dem Thema Urlauberkirche in Butjadingen befasste; und schon da urteilte ich über das im Vergleich zu heute erheblich umfangreichere Programm, das sei "nicht viel". Seitdem ist nicht nur die Gutenachtgeschichte abgeschafft worden, die früher von montags bis freitags um 19 Uhr angeboten wurde, sondern auch Campingplatz-Gottesdienste und Grillabende; geblieben ist allein das Bastelprogramm. Auch in der OASE in Tossens hat es in früheren Sommern einmal wöchentlich eine Abendveranstaltung gegeben, anno 2019, also "vor Corona", wurde dort sogar täglich "Klönschnack" angeboten. Dieses Jahr wurde die OASE, soweit ich gehört habe, nur als Lagerraum für die Materialien für das Programm der beiden Kirchenzelte (es gibt ja auch noch eins in Tossens) genutzt. –
"Die Ökumenischen Kirchenzelte in Burhave laden herzlich zu einem einzigartigen Ferienerlebnis ein. Auf den Regenbogen-Campingplätzen wird ein abwechslungsreiches, kostenfreies Programm für die ganze Familie geboten. Von inspirierenden Open-Air-Veranstaltungen bis hin zu vielfältigen Aktivitäten für Kinder jeden Alters wird hier ein besonderer Sommer für Groß und Klein geschaffen. [...]
Die Veranstaltung ist perfekt für Familien mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter, bietet sie doch eine Fülle an Aktivitäten, die den Urlaub bereichern. Von fröhlichem Singen und kreativen Bastelstunden über faszinierende Geschichten bis hin zu spannenden Spielen - hier kommt garantiert keine Langeweile auf.
In der offenen und herzlichen Atmosphäre der Kirchenzelte fühlen sich alle willkommen: Ob im eigenen Camper, in einer Ferienwohnung oder einem Ferienpark, jeder Feriengast ist eingeladen, Teil dieser lebendigen Gemeinschaft zu werden und neue Freundschaften zu schließen."
Okay, das ist nun wirklich dick aufgetragen, aber das ist wohl einfach der übliche Stil der Tourismuswerbung. So heißt es auf der Butjadingen-Tourismus-Website über die Gottesdienste in der Kirche Herz Mariä:
"Die Katholische Eucharistiefeier in Burhave ist ein besonderes Erlebnis für Besucher aller Altersgruppen. In der Herz Mariä Kirche [...] lädt die Veranstaltung dazu ein, in die spirituelle Tiefe und Gemeinschaft der Region einzutauchen. Diese Feier ist ein idealer Anlass, um [...] die Herzlichkeit Butjadingens zu erleben und neue Kraft aus der Begegnung mit der traditionsreichen Glaubensgemeinschaft zu schöpfen. Angesichts der wunderschönen Umgebung der Wesermarsch wird der Besuch der Eucharistiefeier zu einem harmonischen Zusammenspiel von Glaube und Natur."
Und über die Gottesdienste der evangelischen Kirche:
"Der Gottesdienst in der St. Petri-Kirche Burhave ist ein einladender Moment der Besinnung und Spiritualität. [...] Die Gemeinde empfängt Besucher aus nah und fern kostenfrei und mit offenem Herzen. Erfahre die Kraft der Spiritualität und Gemeinschaft in einem Gottesdienst, der traditionelle Werte mit zeitgemäßen Impulsen verbindet. Ein einzigartiger Moment in einer stilvollen Umgebung, der lange nachklingt."
Lassen wir das mal so stehen. – Aber selbst der Flyer, mit dem die Urlauberkirche Teamer für die Saison 2026 rekrutieren möchte, vermittelt ein eher übertriebenes Bild davon, wie das Programm im Kirchenzelt aussieht bzw. aussehen soll; so heißt es da, die Teams sollten "Programmangebote für Kinder, Jugendliche, Familien und Erwachsene entwickeln, vorbereiten und durchführen". Wenn man das liest und dann später erfährt, dass es eigentlich nur darum geht, an fünf Tagen je zwei Stunden lang mit Kindern im Vor- und Grundschulalter zu basteln, darf man das wohl als Mogelpackung bezeichnen.
Was indes die Dauer des täglichen Programms betrifft, ist mir kürzlich bewusst geworden, was beispielsweise beim JAM so alles innerhalb von zwei Stunden geboten wird – von einer gleitenden Ankunftszeit mit freiem Spiel und gelegentlich auch Mal- und Bastelangeboten über Lobpreis mit Bewegungsliedern, eine meist irgendwie interaktiv gestaltete biblische Geschichte mitsamt Auslegung und Gebet und dann noch angeleitete Gruppenspiele. Verglichen damit wirkt es schon ein bisschen wie Zeittotschlagen, die Kinder nahezu die vollen zwei Stunden lang mit Bastelarbeiten zu beschäftigen.
– Wenn ich nun aber so Vieles sehe, was man besser machen könnte, wie steht es dann mit der weiter oben angedeuteten Überlegung, dass wir uns selbst, sei es für den nächsten Sommer oder zu einem späteren Zeitpunkt, als Team für die Urlauberkirche bewerben könnten? Der Gemeindevorsteher der Neuapostolischen Kirche hat uns ausdrücklich dazu geraten, und ich habe grundsätzlich auch keine Zweifel, dass meine Liebste und ich das könnten. Trotzdem gibt es da ein paar Schwierigkeiten. Fangen wir mal mit der persönlichen Ebene an: Überlegungen in diese Richtung hatten wir ja durchaus auch früher schon mal angestellt und auch den Verantwortlichen in der Pfarrei gegenüber artikuliert, waren damit aber wiederholt auf recht demonstratives Desinteresse gestoßen. Meiner Einschätzung zufolge liegt das Hauptproblem darin, dass der zuständige Ansprechpartner für das Thema Urlauberkirche in der Pfarrei St. Willehad der Diakon ist, und der will uns ganz offenkundig nicht haben – das war schon vor der Regenbogenflaggen-Affäre zu spüren, und seit dieser dürfte das Tischtuch zwischen ihm und mir nun wirklich nachhaltig zerschnitten sein (nicht zufällig schmückt die Regenbogenflagge ja auch das Kirchenzelt auf dem Campingplatz). Nun hat der Diakon, der zugleich auch Pastoralreferent ist, seine Stelle in der Pfarrei St. Willehad schon seit elf Jahren inne, was die Frage aufwirft, ob er nach den neuen Versetzungs-Leitlinien des Bistums Münster nicht vielleicht nächstes Jahr woanders hin versetzt wird. In dem Fall würde ich es ja mal mit einer Bewerbung für die Urlauberkirche versuchen, aber verlassen möchte ich mich darauf vorerst noch nicht; und dann gibt es ja auch noch eine andere, grundsätzlichere Schwierigkeit. Und die beginnt damit, dass es uns, wenn wir uns als Team für die Urlauberseelsorge anheuern ließen, schlicht zu wenig wäre, an fünf Tagen in der Woche je zwei Stunden Bastelprogramm anzubieten. –
Auf den ersten Blick läge es nun vielleicht nahe, zu denken, freiwillig mehr zu machen als das, was von einem erwartet bzw. verlangt wird, sollte oder müsste doch kein Problem sein. Aber die Erfahrung spricht gegen diese Annahme. Schon in dem bereits erwähnten Artikel von 2017 notierte ich, Diakon Richter habe "demonstrativ desinteressiert" reagiert, als meine Liebste und ich ihm Ende Mai desselben Jahres den Vorschlag unterbreitet hatten, "eigene Veranstaltungen zum kirchlichen Sommerprogramm für Urlauber und Einheimische beizusteuern", und hatte dazu angemerkt:
"Zunächst mal wirkt diese Ablehnung ja recht unverständlich. So viel stellt die "Urlauberkirche' ja offenbar nicht auf die Beine, dass da nicht räumliche und terminliche Kapazitäten für zusätzliche Angebote übrig wären. Wieso sollte man da Leute abweisen, die in Eigeninitiative, praktisch ohne zusätzlichen organisatorischen Aufwand und kostenlos (!) etwas beisteuern wollen? - Tatsächlich ist es wohl so, dass so viel freiwilliges Engagement von Außenstehenden bei den eingesessenen Funktionären erst einmal Misstrauen auslöst. Wer weiß, was die da veranstalten, und das fällt dann auf uns zurück. Aber es kommt wohl, wie auch meine Liebste meint, noch etwas Anderes hinzu: Man will im Grunde gar nicht besonders viel auf die Beine stellen, weil man – offen oder insgeheim – davon ausgeht, dass es sowieso keinen interessiert. Also macht man ein Minimalprogramm, und wenn das nur mäßige Resonanz findet, fühlt man sich bestätigt."
Im Großen und Ganzen halte ich diese Einschätzung nach wie vor für zutreffend, würde sie an der einen oder anderen Stelle aber vielleicht noch präzisieren. Das Misstrauen der Funktionärskaste gegenüber dem freiwilligen Engagement von Leuten, die nicht zum Apparat gehören, hat sicherlich einen inhaltlichen Aspekt, in dem Sinne, dass man sich die Kontrolle über die "Message" nicht aus der Hand nehmen lassen will; es hat ja auch eine gewisse Logik, anzunehmen, dass Leute, die aus eigener Initiative mit Projektideen ankommen, die außerhalb des Gewohnten liegen, und dafür nicht mal Geld verlangen, in religiöser Hinsicht "radikaler" sind, als es der post-volkskirchlichen Normalität entspricht – denn woher sollte ihre Motivation sonst kommen? – Was den anderen, oben mit "Man will im Grunde gar nicht besonders viel auf die Beine stellen" beschriebenen Aspekt betrifft, kann man ihn wohl kaum besser auf den Punkt bringen, als es meine in der DDR geborene Liebste es mit den Worten "Wer die Norm übererfüllt, versaut die Norm für alle anderen" tut. Anders ausgedrückt, wenn ein paar Leute mehr machen, als man von ihnen erwartet oder verlangt, wirft das ein schlechtes Licht auf alle anderen, und das kann man sich nicht leisten, denn man braucht ja gerade die Leute, deren Engagement gerade mal (aber immerhin) für ein Minimalprogramm ausreicht. – Recht bezeichnend für beide genannten Aspekte fand ich die Bemerkung des neuapostolischen Gemeindevorstehers, er sei sich (zu Recht, wie sich in der folgenden Woche zeigte) gar nicht sicher, ob die anderen Teams überhaupt katechetische Elemente in ihr Programm einbauten oder ob bei denen nur gebastelt werde. Das klang beinahe entschuldigend, so im Sinne von "Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt darf".
Natürlich kann man hoffen, dass es auch in dieser Hinsicht einen Sinneswandel in der Pfarrei geben wird, wenn der neue Pfarrer kommt, Pastor Kenkel bleibt und Diakon Richter möglicherweise abgelöst wird; aber man muss damit rechnen, dass dies ein strukturelles Problem ist, das nicht nur und nichtvin erster Linie an einzelnen Personen hängt. Gleichwohl habe ich in diesem Urlaub große Lust bekommen, nach Möglichkeit schon ab nächstem Sommer alternative Konzepte von Urlauberseelsorge in Butjadingen zu erproben, nicht in Konkurrenz zum Programm der Urlauberkirche, sondern als Ergänzung. Meine Überlegungen zu diesem Thema befinden sich noch ganz im Anfangsstadium, ich werde also zu gegebener Zeit noch ausführlicher darauf zurückkommen; ein Kerngedanke zur Umgehung der oben geschilderten Schwierigkeiten sei hier aber schon mal skizziert: Der Trick ist, ein Programmangebot zu konzipieren, für das die Unterstützung und das Wohlwollen der örtlichen Pfarrei nicht zwingend notwendig ist. Dann kann man den Pfarreiverantwortlichen nämlich sagen: Wir haben das und das vor, es wäre schön, wenn ihr uns dabei unterstützen könntet, aber wenn nicht, machen wir's trotzdem. – Ein konkretes Beispiel: Unser "Beten mit Musik" würde ich gern mindestens einmal in der Woche zu einer festen Uhrzeit veranstalten und dies öffentlich ankündigen, z.B. mit Flyern; dann liegt es allerdings auf der Hand, dass wir die Einwilligung der Pfarrei bräuchten, um dies in der Kirche oder auf dem Kirchengelände stattfinden zu lassen, aber sollten wir diese Einwilligung nicht erhalten, könnten wir immer noch auf den Bürgerobstgarten oder einen markanten Platz am Strand ausweichen. Das müsste man natürlich im Vorfeld klären, um zu wissen, was man auf die Flyer schreiben soll. – Weitere Ideen, wie gesagt, zu gegebener Zeit...
Berlin hat uns wieder
Am Donnerstag standen wir um 7 Uhr auf, um unsere Sachen zu packen und die Ferienwohnung zu putzen, dann gingen wir beim Bäcker frühstücken und fuhren danach mit dem Bus nach Nordenham, um mit meiner Mutter zu Mittag zu essen, statteten mit ihr zusammen dem Nordenhamer Stadtmuseum einen Besuch ab – das war interessanter als erwartet, auch für die Kinder; wir werden da mal wieder hingehen müssen, wenn wir mehr Zeit haben – und traten am späten Nachmittag die Rückreise nach Berlin an. Abgesehen von den üblichen Verspätungen und Gleiswechseln verlief die Fahrt ziemlich reibungslos, aber als wir ankamen, war es schon so spät, dass wir ohne Weiteres ins Bett gingen.
Tags darauf, also gestern, war Mariä Himmelfahrt und somit "Meat Friday"; da traf es sich gut, dass eine Freundin der Familie ihren Geburtstag feierte und uns dazu eingeladen hatte. Die ursprüngliche Idee der Gastgeberin war "Grillen und Baden" gewesen, aber da es in Berlin heutzutage gar nicht mehr so einfach ist, einen Platz zu finden, wo man sowohl grillen darf als auch baden kann, hatte sie sich kurzfristig dazu entschlossen, Fleisch und Würste im Garten ihrer Mutter zu grillen und fertig durchgegart mitzunehmen. Die Feier fand dann an einer Badestelle am Rande des Grunewalds statt, an der Havel gegenüber von Gatow. Anfänglich war ich überhaupt nicht in Badestimmung und war eher gestresst davon, dass es nach dem anstrengenden Reisetag sofort wieder Action gab, aber dann wurde es doch sehr schön – so schön, dass wir spontan beschlossen, uns gleich am nächsten Tag, also heute, noch einmal dort zu treffen. (Weiteres siehe unter "Vorschau/Ausblick"...)
Geistlicher Impuls der Woche
Ich höre nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke; denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört. Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke. Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird. Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht. Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden. Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.
Ein würdiger Song für den Abschluss des Butjadingen-Urlaubs, nicht zuletzt auch deshalb, weil er tatsächlich am letzten Tag vor unserer Rückreise an der Strandbar in Tossens lief–und zwei Tage später bei der Geburtstagsparty am Havelstrand hörte ich ihn schon wieder. Übriges wurde mir, als ich den Song in Vorbereitung dieses Blogartikels bei YouTube aufrief, dazu eine Werbeanzeige zum Thema "Lieblingsdinge verkaufen" angezeigt, und ich amüsierte mich über den Gedanken, dies sei womöglich durch die Textstelle "He looked down at my silver chain / He said I'll give you one dollar / I said you got to be joking man / it was a present from my mother" veranlasst...
Vorschau / Ausblick
Heute hatte meine Liebste eine schon lange im Voraus geplante Verabredung mit einer alten Schulfreundin, weshalb es mir oblag, in dieser Zeit etwas mit den Kindern zu unternehmen; als erstes fuhr ich mit ihnen zum offenen Samstagsfrühstück in die Naunynstraßen-WG, was ich ja eigentlich sowieso schon länger vorgehabt hatte – darüber werde ich wohl nächste Woche noch berichten müssen. Anschließend trafen wir uns tatsächlich wieder mit dem gestrigen Geburtstagskind und ihrem Sohn an derselben Badestelle wie gestern; dass es nicht mehr so heiß war, war mir dabei ganz recht. Morgen werden wir vermutlich wieder in St. Joseph Siemensstadt in die Messe gehen; ab Montag hat die KiTa unseres Jüngsten wieder geöffnet, wir werden mal sehen, ob er dann schon wieder Lust hat, da hinzugehen. Im Übrigen werden wir in der kommenden Woche wohl einiges mit Dingen zu tun haben, die theoretisch "Alltag" wären, zu denen man im tatsächlichen Alltag (außerhalb der Ferien) aber oft nicht kommt; ansonsten lasse ich mich mal überraschen, was die Woche in "blogrelevanter" Hinsicht so bringt...