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Dienstag, 26. März 2019

Zeigen, dass es auch anders geht


Freut euch und jubelt: Eine neue Veranstaltungsreihe in meiner Wohnortpfarrei ist erfolgreich gestartet -- nämlich der "Offene Büchertreff". Wie hier erläutert, handelt es sich gewissermaßen um die erste Stufe zur Etablierung einer Tauschbibliothek mit Lesecafé. Zur Eröffnung gab's ein Büffet mit Kuchen und Salaten, Kaffee und Tee, eine Kinderspielecke, und es wurden auch schon Bücher ausgeliehen und getauscht. 


Ich habe in meiner jüngsten Wochenvorschau bereits angedeutet, dass man sich durchaus eine höhere Teilnehmerzahl hätte erhoffen können; aber nochmals drüber nachgedacht: Wir waren zehn Erwachsene und zwei Kinder, das finde ich für den Anfang nicht so schlecht. Zudem weiß ich persönlich von mindestens sechs weiteren Personen, die gern gekommen wären, aber teils krank, teils verreist und teils aufgrund anderer Termine verhindert waren. Wenn die beim nächsten Mal kommen, ist das schon eine ganz beachtlicher Zuwachs. Zweifellos richtig ist allerdings, dass wir uns mit Blick auf die künftigen Veranstaltungen überlegen müssen, wie wir gezielt und in größerem Umfang Leute erreichen, die (noch) nicht zur "Kerngemeinde" gehören; wobei das entscheidende Wort natürlich "(noch)" lautet.  

Ein bisschen schade fand ich es allerdings doch, dass nicht ein paar mehr von den Leuten, die vorher in der Messe waren, wenigstens aus Neugier mal kurz beim Büchertreff reingeschaut haben. Und sei es nur, um mal einen Eindruck davon zu bekommen, was drei Leutchen mit relativ überschaubarem Aufwand an Zeit und Geld auf die Beine gestellt bekommen. Das meine ich nicht als Eigenlob, sondern eigentlich eher im Gegenteil: Es geht darum, dass andere das auch könnten. Es ist nur eine Frage des Wie. Während des Aufbaus am Samstag sinnierte ich darüber, dass die Art, wie wir diese Veranstaltung organisierten, vollständig außerhalb der Vorstellungswelt der "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht"-Fraktion lag. Wenn man mal den monatlichen Kolping-"Sonntagstreff" zum Vergleich heranzieht, kann man eine Reihe von jeweils für sich gesehen minimalen Unterschieden feststellen, die in der Summe einen vollkommen anderen Gesamteindruck ergeben. Statt einzelner Kleingruppentische hatten wir eine lange Tafel für alle, statt eines Verkaufs-"Tresens", hinter dem die Kolping-Damen einem jede Nudel einzeln auf den Suppenteller zählen und Preise verlangen wie in einem mittelprächtigen Bäckerei-Café, hatten wir einen Büffettisch zur Selbstbedienung und eine Spendendose. (Ob und wie viel jemand zur Unterstützung des Projekts spenden möchte, bleibt jedem selbst überlassen, unabhängig davon, was und wie viel er isst und trinkt.) Statt in Thermoskannen warmgehaltenen Filterkaffees gab's bei uns frisch aufgebrühten Kaffee aus "French Press"-Kannen. Ich hatte einen Kuchen gebacken, meine Frau einen Nudel- und einen Couscoussalat gemacht, dazu gab’s diverses Kleingebäck vom Foodsharing. Und dann die Kinderspielecke: Da die Pfarrei bisher noch keine Mittel für die Ausstattung einer Krabbelgruppe zur Verfügung gestellt hat, haben wir uns vorerst mit unseren eigenen Beständen beholfen. (Um hier nicht den Eindruck entstehen zu lassen, wir würden ein Vermögen für Kinderspielzeug ausgeben, sei angemerkt, dass wir den größten Teil dessen, was hier zu sehen ist, entweder gebraucht gekauft oder geschenkt bekommen haben.)


Nun ist mir durchaus bewusst, dass die oben so genannte "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht"-Fraktion Veränderungen nicht unbedingt als Verbesserungen wahrnimmt. Oder präziser gesagt, ein bestimmter Typus von "Kerngemeindlern", wie es sie wahrscheinlich in so ziemlich jeder Pfarrei gibt, mag Veränderungen auch dann nicht, wenn es sich um Verbesserungen handelt. Möglicherweise sogar besonders dann nicht. Weil das, was sie kennen und gewohnt sind, dadurch infrage gestellt und womöglich sogar entwertet wird. Das ist ein Grund, weshalb ich der Meinung bin, wir sollten uns vor allem auf ein Publikum konzentrieren, das (noch) nicht zur Kerngemeinde gehört. Diejenigen, die beim Kolping-Sonntagstreff alles prima finden, können gerne weiterhin dort hingehen; aber diese Zielgruppe wird ausgestorben sein, bevor meine Tochter zur Firmung geht.

Übrigens ist die Neigung, das, was man gewohnt ist, so zu betrachten, als müsse es so sein, durchaus auch unter im Prinzip gutwilligen Leuten verbreitet. So kam im Gespräch darüber, wie man das Büchereiprojekt zukünftig weiterentwickeln könne, der Hinweis zur Sprache, die ebenfalls zu unserer Pfarrei gehörende Gemeinde in Heiligensee habe "eine richtige Bücherei" -- was wohl heißen sollte, diese könne man sich zum Vorbild nehmen. Sicherlich netter gemeint als es klingt, aber wo der Mittwochsklub seine Hände mit im Spiel hat, da geht es just darum, eingeschliffene Vorstellungen darüber, wie man Dinge "richtig" macht, radikal infrage zu stellen. Lebt damit, Freunde. 

Das betrifft übrigens auch und nicht zuletzt das Büffet. Für zukünftige Veranstaltungen sollten wir von vornherein mit kleineren Mengen kalkulieren, meinten einige. Aber ich sag mal: . Okay, es ist extrem viel übrig geblieben. So what? Diejenigen Teilnehmer, die bis zum Schluss da waren, nahmen alle etwas vom Büffet mit nach Hause, wir selbst ernährten uns noch ein paar Tage lang von Couscous und Nudelsalat, und die übriggebliebenen Backwaren spendeten wir dem Franziskanerkloster Pankow für seine Obdachlosenspeisung. Und, mal ganz davon abgesehen, dass man bei einer Foodsharing-Abholung die Mengen sowieso nicht planen kann, sondern alles nehmen muss, was man kriegt: Hast Du, geschätzter Leser, Dich schon mal gefragt, wieso es bei der Speisung der Fünftausend am Ende zwölf Körbe voller Reste gab? Hätte Jesus die Brote und Fische nicht so vermehren können, dass die Menge genau ausgereicht hätte, um alle Anwesenden satt zu kriegen? Hat er die Portionen schlecht kalkuliert? Nein: Die zwölf Körbe voller Reste sind ein Zeichen dafür, dass Gottes Wesen Überfluss ist. Und deshalb sollen auch wir nicht knausrig sein, wenn wir Zeugnis für diesen Gott geben wollen. 




Es geht hier nicht bloß um Essen. Sein Angebot an der erwarteten (geringen) Nachfrage auszurichten, ist eine self-fulfilling prophecy. Eine Gemeinde, die sich auf diese Logik einlässt, gerät in eine Abwärtsspirale: Wer eine Veranstaltung für zehn Teilnehmer plant, weil er nicht daran glaubt, dass er zwanzig erreichen könnte, wird tatsächlich nicht einmal zehn erreichen.

Ein Paradebeispiel für diese Einstellung ist leider unser Pfarrer, der sich kurz vor Schluss, als wir eigentlich schon mit dem Aufräumen anfangen wollten, bei der Büchertreff-Eröffnung sehen ließ. Sein Kommentar zur nicht allzu üppigen Publikumsresonanz lautete, es sei halt schwierig, die Gemeindemitglieder über den Gottesdienstbesuch hinaus für Aktivitäten im kirchlichen Rahmen zu interessieren; in ihrer Freizeit (!) hätten die Leute nun mal anderes zu tun. -- Da kam er aber bei meiner Liebsten an die falsche Adresse: Sie schnauzte ihn an, wenn er mit so einer Einstellung an die Dinge heranginge, dann könne er die Kirche auch gleich zusperren und stattdessen im Kino arbeiten gehen.

Eine harte Ansage, aber im Prinzip hat sie schon Recht damit. 

Es ist wohl ein typisches Volkskirchenphänomen, dass man sich daran gewöhnt, es als normal zu betrachten, wenn die Gemeinde zum größten Teil aus Leuten besteht, für die "Kirche" etwas ist, was rund eine Stunde lang am Sonntagvormittag stattfindet, und damit basta. Und gerade unser Pfarrer ist so einer, der - nicht nur in "informellen" Äußerungen wie hier, sondern selbst in seinen Predigten - immer mal wieder mehr oder weniger deutlich durchblicken lässt, dass er von seinen Schäfchen gar nicht mehr als das, ja im Grunde nicht einmal das erwartet. Aber so wird eine Pfarrei wie diese keine zehn Jahre mehr überleben. Sogar die aktiven, engagierten Gemeindemitglieder - die klassischen "Ehrenamtlichen" - machen oft den Eindruck, sie empfänden alles, was mit "Kirche" zu tun hat, in erster Linie als Belastung. Zum Teil kann man das verstehen, besonders bei denjenigen, an denen immer die undankbaren Aufgaben "hängen bleiben”. Aber in erster Linie scheint es mir tatsächlich ein Problem der grundsätzlichen Einstellung zu sein. In einem Artikel aus dem Sommer 2018 habe ich dieses Phänomen wie folgt beschrieben: 
"Man versuche mal, in einer stinknormalen Pfarrei einen Gemeindekreis zu etablieren, der sich einmal pro Woche trifft. Die meisten potentiell Interessierten werden sagen, das sei zu oft, man habe schließlich auch noch was anderes zu tun. Alle zwei Wochen ist schon anspruchsvoll, lieber nur einmal im Monat, aber auch das nur dann, wenn nicht erwartet wird, dass man jedesmal mit dabei ist. Ohne nun die jeweiligen individuellen Gründe dafür, dass jemand 'auch noch was anderes zu tun hat', geringschätzen zu wollen, möchte ich schon behaupten, das sagt etwas über Prioritäten aus. Zugespitzt formuliert: Die Zeit, die man in und mit der Kirchengemeinde verbringt, wird als etwas wahrgenommen, was von der persönlichen Lebenszeit abgeht, also nicht zum 'eigentlichen Leben' gehört. In Anlehnung an den marxistischen Begriff der 'entfremdeten Arbeit' könnte man hier von 'entfremdeter Kirchlichkeit' sprechen -- aber das wäre vielleicht mal ein Thema für sich." 
Okay, dann ist jetzt wohl der geeignete Zeitpunkt, darauf zurückzukommen. Laut Marx - und ich meine ausdrücklich Karl, nicht etwa Reinhard - führt die kapitalistische Wirtschaftsweise, in der der Arbeiter davon lebt, seine Arbeitskraft an den Unternehmer zu verkaufen, dazu, dass der Arbeiter nicht nur das Produkt seiner Arbeit als etwas erlebt, das ihm nicht gehört, sondern auch die Arbeit selbst -- bzw. die Zeit und Kraft, die er dafür aufwendet. So viel es sonst an der marxistischen Theorie zu kritisieren geben mag: Hier hat der alte Zauselbart wirklich mal einen Punkt, und das gilt heute nicht weniger als damals -- wie man ja auch an gruseligen Wortschöpfungen wie "Work-Life-Balance" sehen kann. So als gehörte die Arbeit nicht zum Leben, sondern sei geradezu etwas diesem Entgegengesetztes.

Analog dazu könnte man als "entfremdete Kirchlichkeit" das Phänomen bezeichnen, dass Kirchenmitglieder zwar mehr oder weniger verlässlich an der Sonntagsmesse und in gewissem Ausmaß vielleicht auch darüber hinaus am Gemeindeleben teilnehmen, möglicherweise sogar ehrenamtlich Dienste in der Gemeinde übernehmen, das alles aber als einen von ihrem sonstigen Leben, insbesondere von dem, was sie als ihr Privatleben und ihre Freizeit betrachten, abgetrennten Bereich empfinden und behandeln. Demgegenüber ist es ein zentrales Anliegen der #BenOp,  "die falsche Trennung zwischen Kirche und Leben so weitgehend wie möglich [zu] beseitigen" (S. 212, in der Paperback-Ausgabe S. 224), ja, die Kirchengemeinde zum "Zentrum des sozialen Lebens ihrer Mitglieder" zu machen (S. 218 bzw. 230). Es geht nicht - wie manche Kritiker der #BenOp meinen - um eine sektiererische Abschottung von der "Welt", in dem Sinne, dass man soziale Kontakte ausschließlich innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft suchen und pflegen sollte; das erschiene mir weder realisierbar noch auch wünschenswert. Sehr wohl für wünschenswert halte ich es hingegen, den Anteil sozialer Kontakte, der sich innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft abspielt, signifikant zu erhöhen. Sicherlich machen soziale und gesellige Aktivitäten in einer Kirchengemeinde die Leute nicht automatisch frömmer oder auch nur religiös interessierter; auf jeden Fall aber schafft ein reiches Gemeindeleben bessere Voraussetzungen dafür, dass die Gemeindemitglieder sich gegenseitig im Glauben stärken und befruchten, als es in einer Pfarrei der Fall ist, deren Mitglieder sich kaum kennen und auch kaum füreinander interessieren. In der "Benedikt-Option" heißt es, "das Geschenk der Gemeinschaft bestehe darin, eine Sozialstruktur auszubilden, in der es Christen leichter gemacht wird, Gottes Stimme zu hören und auf sie zu antworten" (S. 214 bzw. 226).

Die praktische Konsequenz aus alledem lautet: Wenn das Gemeindeleben schwächelt, muss man nicht weniger anbieten, sondern mehr. Aus diesem Grund hat meine Liebste beschlossen, schon möglichst bald - voraussichtlich im Mai - die nächste Stufe zu zünden, nämlich einen monatlichen "Krabbel-Brunch" am Samstagvormittag, als Angebot für Familien mit Kleinkindern. Der Witz daran ist, dass diese Veranstaltung von der organisatorischen Seite praktisch mit dem Büchertreff identisch ist: Man baut am einen Ende des Saales ein Büffet auf und am anderen Ende eine Kinderspielecke, dazwischen stellt man die Tische zu einer langen Tafel zusammen, badabäm. Nur der Zuschnitt der Zielgruppe ist ein tendenziell anderer. Das Projekt "Krabbel-Brunch" kann man sicherlich sehr gezielt in bereits bestehenden Krabbelgruppen und auf Spielplätzen bewerben -- und im "kindergartenfrei"-Netzwerk. Ich bin gespannt.

Trotzdem abschließend noch ein paar Gedanken zur angestrebten weiteren Entwicklung des Büchereiprojekts: Bisher haben wir nahezu unbesehen alles an Bücherspenden angenommen, was reinkam, und das hat dazu geführt, dass in dem Bücherregal derzeit so allerlei rumsteht, was ich persönlich lieber heute als morgen rausschmeißen würde, teils aus literarischem Snobismus (Wolfgang Hohlbein, bah!), teils wegen theologischer Bedenklichkeiten (Drewermann?!?); auf einige Bücher trifft beides zu (z.B. Donna Cross, "Die Päpstin"). Aber ich versuche meine Autodafé-Neigungen vorerst noch zu zügeln. Grob geschätzt würde ich mal sagen, wir haben jetzt einen Bestand von 400 Bänden; noch mal 200 dazu, und das Regal ist voll. Dann kann man mit dem "Ausmisten" anfangen. Dann wäre es auch sinnvoll, sich innerhalb des Büchereiteams über ein inhaltliches Konzept zu verständigen. Meine eigenen Vorstellungen hierzu sind durchaus noch nicht ausgereift, aber ich sehe schon kommen, dass es nicht unbedingt leicht werden wird, sie teamintern durchzusetzen. Na, zumindest meine Liebste werde ich wohl auf meiner Seite haben.


(Und, falls daran noch irgendwelche Zweifel bestehen sollten: Eine "richtige Bücherei" wie in Heiligensee - was immer man sich darunter vorzustellen hat - will ich definitiv nicht!)




Montag, 25. März 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (3. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: In der vergangenen Woche war ich überwiegend mit Vaterpflichten und -freuden beschäftigt, und ich fand's prima. Wie sagte die Hl. Mutter Teresa? "Wenn du die Welt verändern willst, geh heim und liebe deine Familie". -- Am Dienstag war ich, wie geplant, anlässlich des Hochfests des Hl. Josef mit meiner kleinen Tochter in St. Joseph Tegel in der Messe, und nachdem das ganz wunderbar geklappt hatte, ging ich tags darauf gleich wieder mit ihr in die Kirche, diesmal in Heiligensee. Da sehr schönes Wetter war, fuhr ich anschließend kurz entschlossen mit meiner Tochter zum Botanischen Volkspark Blankenfelde-Pankow, auf den mich ein Beitrag im unlängst hier besprochenen Werkheft der Katholischen Landjugendbewegung aufmerksam gemacht hatte. Ergebnis: Da will ich unbedingt nochmal hin, möglichst mit Frau und Kind und wenn der Frühling etwas weiter vorangeschritten ist, also beispielsweise in den Osterferien. Dann werde ich auch ausführlicher darüber berichten. 

Am Wochenende standen dann die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung des "Büchertreffs" auf dem Programm. Die Eröffnung selbst war sehr schön, wenngleich bei der Beteiligung seitens der Gemeinde durchaus noch Luft nach oben ist -- aber dazu folgt in Kürze noch ein eigener Artikel. 



Was ansteht: Heute ist das Hochfest der Verkündigung des Herrn, daher werde ich in Kürze das Kind einpacken und zur Kirche gehen. Unser nigerianischer Pfarrvikar zelebriert die Messe, man darf also davon ausgehen, dass es schön und würdig wird. Abends gibt's eine Veranstaltung des Bundes Katholischer Unternehmer Berlin-Brandenburg zum Thema "Der Deutsche Wald - Identität und Aufgabe"; das klingt durchaus interessant, aber ich muss mir noch gut überlegen, ob ich da wirklich hin will oder ob mir das doch zu viel wird. Auf meiner Liste zu schreibender Blogartikel stehen derzeit solche zu Themen aus der lokalen Basisarbeit ganz oben; die Blogstatistik zeigt zwar, dass solche Artikel tendenziell weniger gelesen werden als solche zu Aufregerthemen aus den Medien, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Übrigens möchte ich betonen, dass es auch in Blogartikeln über eine kleine Pfarrei im Norden Berlins immer um mehr geht als nur um eine kleine Pfarrei im Norden Berlins; will sagen, ich lege es stets darauf an, an meine Beobachtungen und Erfahrungen vor Ort Erwägungen zu knüpfen, die über den konkreten Einzelfall hinaus verallgemeinerbar sind. -- Am Donnerstag beabsichtige ich die nächste Folge von "Der Sound der #BenOp" - also Platz 15-11 - rauszuhauen. Und am Samstag will ich an einem Einkehrtag im Zisterzienserkloster Neuzelle teilnehmen, der von Pater Paulus-Maria Tautz von den Franziskanern der Erneuerung geleitet wird. Das kann spannend werden! 

aktuelle Lektüre: Sowohl "Crunchy Cons" (Rod Dreher) als auch "Gott ungezähmt" (Johannes Hartl) hätte ich in der vergangenen Woche eigentlich zu Ende lesen wollen, habe es aber bei beiden Büchern nicht ganz geschafft. Trotzdem denke ich von beiden genug gelesen zu haben, um einen Gesamteindruck zu Protokoll geben zu können. Zunächst zu "Gott ungezähmt". Ich wäre geneigt zu sagen, mein Gesamteindruck sei zwiespältig, aber das klingt vielleicht etwas zu negativ: Das, was an dem Buch gut ist, ist nämlich SEHR gut. Allerdings werde ich - ich deutete es bereits an - mit Hartls Stil nicht warm. Besonders die erzählenden Passagen, die er immer wieder einstreut, scheinen mir mit einem atmosphärisch sein wollenden Kolorit überladen, das allzu oft ins Phrasen- und Klischeehafte kippt wie in einer SPIEGEL-Reportage. Zudem fehlt mir streckenweise der Rote Faden, oder genauer gesagt: Das Buch hat zwar einen, aber zuweilen scheint der Autor ihn zu verlieren. Am Anfang scheint klar zu sein, worum es in dem Buch gehen soll: um eine Wiederentdeckung des vermeintlich unzeitgemäßen Konzepts "Gottesfurcht", ein Bekenntnis zur Größe, Heiligkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes, verbunden mit einer klaren Absage an eine Pastoral, die Gott verharmlost und verniedlicht. Soweit das Buch bei diesem Thema bleibt, ist es großartig. Aber immer und immer wieder driftet Hartl ab zu allgemeiner Apologetik, zu biblischer Philologie, zur Theodizeefrage, zur Auseinandersetzung mit der Philosophie der Aufklärung und zu viel zu ausführlichen Goethe- oder Nietzsche-Zitaten. Sicher hat das alles irgendwo einen Bezug zum Thema, aber ich wage trotzdem zu behaupten: Mit einem etwas rigoroseren Lektorat hätte man das Buch um ein Drittel oder sogar auf ein Drittel kürzen können, und das hätte ihm gut getan. -- Wenn an dieser Stelle der eine oder andere meiner Blogleser die Lust verspürt, mir vielsagend zuzuzwinkern, dann sei diesen gesagt: Ja, mir ist sehr wohl bewusst, dass mir das auch eine Lehre für mein eigenes Schreiben sein sollte. 

Was "Crunchy Cons" angeht, muss ich zunächst sagen, dass ich mir von dem Kapitel zum Thema "Umwelt" mehr versprochen hätte; es weist allerlei inhaltliche Überschneidungen mit dem Ernährungs-Kapitel auf und konzentriert sich ansonsten über weite Strecken stark auf die Darstellung parteipolitischer Konstellationen in den USA. Es finden sich dennoch einige durchaus interessante Impulse in dem Kapitel, aber wie gesagt, ich finde, da hätte man mehr draus machen können. Umso mehr hat mich das Kapitel "Religion" (das mit 40 Seiten übrigens das längste des Buches ist) begeistert; dazu werde ich mich in absehbarer Zeit wohl mal in einem eigenen Artikel ausführlicher äußern müssen. Noch vor mir habe ich das Kapitel "Warten auf Benedikt"; da zeichnet sich also schon ein sehr deutlicher Brückenschlag zur #BenOp ab. 

Da ich, wie gesagt, mit beiden Büchern fast fertig bin, habe ich mir für diese Woche aber bereits neue Lektüre bereitgelegt. Wobei "neu" relativ ist, denn es handelt sich durchweg um Bücher, die ich - ganz oder zumindest teilweise - schon mal gelesen habe, mir aber nun noch einmal vornehmen möchte: 


Eine "Handreichung für Abenteurer", so heißt es im Klappentext; man könnte auch sagen: ein praktischer Leitfaden für gelebtes Christsein im Alltag. Dabei orientiert sich das Buch in seinem Aufbau an den "74 Werkzeugen der geistlichen Kunst" aus der Ordensregel des Hl. Benedikt, adaptiert für den individuellen Alltag von Laien in der (post-)modernen Welt. Die konzeptionellen Parallelen zur #BenOp dürften auf der Hand liegen. 


Eigentlich wollte ich "Die Kraft der Stille" vom selben Autor lesen, aber dann habe ich irgendwo gelesen oder gehört, dass dieses Buch zusammen mit "Gott oder nichts" und Kardinal Sarahs neuem, noch nicht auf Deutsch erschienenen Buch "Le soir approche et déjà le jour baisse" ("Der Abend naht und der Tag hat sich schon geneigt", vgl. Lukas 24,29) ein "Triptychon" bildet, und daraufhin habe ich mir gedacht, ich sollte lieber doch noch einmal mit "Gott oder nichts" anfangen, zumal ich das im ersten Anlauf nicht bis zum Ende gelesen habe. Ich hatte es, als es noch relativ neu war, in einem katholischen Buchladen gekauft, der zudem in einem Gebäude untergebracht ist, das entweder dem Erzbistum Berlin oder einer Berliner Pfarrei gehört -- ganz genau weiß ich das nicht. Und selbst da habe ich das Buch praktisch nur unter dem Ladentisch bekommen. Das ist ein bisschen übertrieben, aber nicht sehr: Die Verkäuferin deutete mir gegenüber an, in den Kreisen ihrer Stammkundschaft gelte das Buch als grenzwertig, weil sein Verfasser so erzkonservativ sei. 


Dieses Buch hat meine Liebste von meiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen, ein paar Monate vor der Geburt unserer Tochter. Zum ersten Mal von vorne bis hinten gelesen habe ich es, als meine Liebste in der Geburtsklinik lag und auf die Wehen wartete. Allerdings haben mich damals - was wohl einigermaßen begreiflich ist - in erster Linie  diejenigen Passagen des Buches interessiert, die sich auf den Umgang mit Neugeborenen beziehen. Erst kürzlich kam mir der Gedanke, ich sollte das Buch noch einmal zur Hand nehmen und speziell die Tipps für Eltern von Kindern im zweiten und dritten Lebensjahr studieren. 

Linktipps:


Ich gebe zu, diesen Linktipp kann man mehr oder weniger als "Werbung in eigener Sache" betrachten, denn die gute Claudia antwortet in diesem Blogbeitrag auf zwei Artikel von Gudrun und Martin Kugler in der Tagespost, in denen diese die "Benedikt-Option" scharf attackieren. Auf den ersten dieser beiden Artikel hatte ich noch selbst an selber Stelle - also ebenfalls in der Tagespost - geantwortet, aber als dann noch einer kam, fand ich: Nu isses aber auch mal gut. Claudias Anmerkungen zum von den Kuglers verflochtenen Konzept "kultureller Eliten" empfinde ich jedoch als einen wertvollen Debattenbeitrag, also schaut Euch den Artikel mal an! 


Das Thema ist alles andere als neu, hat aber gerade "aus deutscher Sicht" (wie die Sportjournalisten sagen) in den gut vier Wochen seit dem Erscheinen dieses Artikels noch an Aktualität gewonnen: Immer lauter werden die Rufe nach Abschaffung des Priedterzölibats in der lateinischen Kirche sowie danach, bei der Gelegenheit auch gleich die katholische "Sexualmoral" (oder was man sich so darunter vorstellt) generalzuüberholen; und auch in den Reihen der kirchlichen Hierarchie selbst findet dieser Ruf mehr und mehr Widerhall. Demgegenüber betont Sohrab Ahmari, solche Forderungen fußten auf einer defizitären Anthropologie, der die Kirche in aller Schärfe widersprechen müsse: Die Gläubigen, Kleriker wie Laien, seien gefordert, sich entschieden zur traditionellen Lehre und Praxis der Kirche über diese Fragen zu bekennen, denn es gehe in dieser Debatte um "nichts Geringeres als die Kraft der göttlichen Gnade, die menschliche Natur zu transformieren". 

Heiliger der Woche:

Dienstag, 26. März: Hl. Liudger, Missionar, Klostergründer und von 805-809 erster Bischof von Münster. Ausgerechnet. Nein, im Ernst: Dieser Heilige hat eine durchaus beeindruckende Biographie, und sein Gedenktag mag ein passender Anlass sein, ihn um Fürsprache für sein Bistum anzurufen, oder überhaupt für die Kirche in Deutschland. 

Aus dem Stundenbuch:

In festlichem Glanz sollen die Frommen frohlocken, * auf ihren Lagern jauchzen: 
Loblieder auf Gott in ihrem Mund, * ein zweischneidiges Schwert in der Hand. (Psalm 149, 5f.)



Donnerstag, 21. März 2019

Der Sound der #BenOp, Platz 20-16

Schon seit einigen Wochen beschäftigt mich die Idee, eine Liste von Songs zusammenzustellen, von denen ich finde, dass sie den Spirit der Benedikt-Option einfangen -- oder jedenfalls das, was ich mir darunter vorstelle. Die Meinungen darüber, was unter diesem Begriff eigentlich zu verstehen sei, sind ja durchaus geteilt, und zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil führe ich das darauf zurück, dass die #BenOp - abermals gesagt: so wie ich sie verstehe - weniger ein präzise abgrenzbares inhaltliches Programm darstellt als vielmehr einen bestimmten Stil. Und um diesen zu kommunizieren, sagt ein Lied womöglich mehr als tausend Worte. 

Tausend Worte (oder mehr) werde ich indes - so kennen mich meine Leser - trotzdem machen, um meine Songauswahl zu kommentieren. Daher will ich mich wenigstens bei der Vorrede kurz fassen. Also, zur Sache: Zwanzig Songs habe ich zusammengetragen, das schien mir eine gute Zahl; ein internes Ranking habe ich ihnen, wo ich schon mal dabei war, auch gleich verpasst; und um es spannend zu machen, stelle ich die Songs hier in umgekehrter Reihenfolge vor, und das auch noch über einen Zeitraum von vier Wochen. Fangen wir also an mit den Plätzen 20-16: 


Platz 20: Jeff Beck & Rod Stewart, "People Get Ready" (1985) 


Der 1965 von dem großen Curtis Mayfield geschriebene Song steht, was den Text betrifft, ganz in der Tradition des Gospel-Genres, gewinnt aber erheblich an Brisanz durch den sozialen und politischen Kontext seiner Entstehungszeit. Martin Luther King bezeichnete "People Get Ready" als "inoffizielle Hymne der Bürgerrechtsbewegung" und ließ den Song häufig bei Demonstrationen singen. Die Originalaufnahme von Mayfields damaliger Band The Impressions ist mir allerdings, ehrlich gesagt, vom Arrangement her ein bisschen zu harmlos, daher habe ich nach einer Coverversion gesucht, die einen Zacken schärfer daherkommt. Fündig geworden bin ich bei Gitarrenlegende Jeff Beck und seinem alten Weggefährten Rod Stewart. Auch die Ästhetik des Videos finde ich sehr ansprechend -- der Briefkasten in der Prärie, die Farmhäuser, die Bahngleise, Beck als "Hobo" im offenen Güterwaggon (wo kriegt er da eigentlich den Strom für seine Gitarre her?), die Weite des Horizonts... Und das alles in diesem verträumten Orangebraun. Wer möchte da nicht sofort aufs Land ziehen?  


Platz 19: Aphrodite's Child, "The Four Horsemen" (1972) 


Die wohl bekannteste (und ziemlich sicher rockigste) Nummer des legendären Konzept-Doppelalbums "666" setzt einen angemessen apokalyptischen Grundton für diese Songliste. "Also mir kommt diese sogenannte Benedikt-Option ziemlich apokalyptisch vor." -- "Ja, natürlich ist sie das, was denn sonst?" Im Ernst: Wie kommt es eigentlich, dass der Begriff "apokalyptisch" so einen negativen Klang bekommen hat, sogar unter Christen? Haben die mal nachgeschaut, was in ihrer Bibel ganz hinten drinsteht? Wie sagte Johannes Hartl bei der MEHR 2018 so schön? "Leute, ich hab das Buch zu Ende gelesen. Es ist ein gutes Ende! Wir gewinnen!" (Vermutlich hat er dieses Bonmot nicht erfunden, eine ähnlich formulierte Aussage wird z.B. auch Billy Graham zugeschrieben, aber macht ja nichts.) 

Das Album "666" von Aphrodite's Child jedenfalls basiert weitgehend auf den Kapiteln 6-20 der Offenbarung des Johannes, und die Original-Plattenhülle trug den Hinweis "This album was recorded under the influence of SAHLEP", was seinerzeit allerlei Spekulationen darüber auslöste, was für ein Prophet, Philosoph, Guru oder Dämon sich wohl hinter diesem Namen verberge, aber tatsächlich ist Sahlep lediglich ein Heißgetränk auf der Basis von Milch, Zucker und pulverisierten Orchideenwurzeln. Klingt komisch, is' aber so. Zu "The Four Horsemen" kann man abtanzen wie bekloppt, oder aber man kann ausufernde Diskussionen darüber führen, wieso das vierte Pferd dem Liedtext zufolge grün ist und was das symbolisieren soll. Für Euch getestet, Freunde. Beides. 


Platz 18: Gil Scott-Heron, "The Revolution Will Not Be Televised" (1971) 


Ja, sicher: Wenn HipHop-Pionier Gil Scott-Heron "Revolution" sagt, denkt er dabei in erster Linie an ein Aufbegehren der afroamerikanischen Bevölkerung gegen rassistische Unterdrückung. Das kommt in einigen Details des Texts recht unmissverständlich zum Ausdruck. Aber in der Hauptsache geht es in diesem Song (bzw. vertonten Gedicht) um Medien- und Konsumkritik, das macht sowohl der Titel deutlich wie auch der Umstand, dass der Text zu großen Teilen auf zeitgenössische Werbeslogans anspielt. Medien- und Konsumkritik, das ist durchaus ein #BenOp-Thema; und noch deutlicher (hoffentlich) wird der Zusammenhang, wenn man berücksichtigt, was Scott-Heron in einem TV-Interview über sein wohl bekanntestes Werk sagte: 
"Du musst dein Bewusstsein ändern, ehe du deine Lebensweise ändern kannst. [...] Wenn wir also sagen, die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen, dann meinen wir damit, das, was die Menschen wirklich verändert, ist etwas, das nicht auf Film festgehalten werden kann." 
Noch 2005 erklärte der 2011 verstorbene Scott-Heron in der taz: "Revolution findet im Kopf statt. In dem Moment, in dem man bestimmte Erscheinungen nicht mehr akzeptiert und der Meinung ist, die Gesellschaft sollte sich in eine andere Richtung entwickeln, in dem Moment wird man zum Revolutionär." 

Right On, Brothers and Sisters! 


Platz 17: Emerson, Lake & Palmer, "Jerusalem" (1973) 


Ein Werk mit einer erstaunlichen Entstehungsgeschichte: Der Text ist dem Prolog eines zwischen 1804 und 1808 entstandenen Gedichtbands von William Blake entnommen und spielt auf eine Legende an, derzufolge Jesus von Nazaret als Kind oder Jugendlicher mit seinem Onkel Joseph von Arimathäa, einem Kaufmann, England besucht habe. Man beachte übrigens die in der Formulierung "these dark satanic mills" anklingende Industrialisierungskritik! Die Vertonung stammt von Hubert Parry aus dem Jahr 1916, aber natürlich haben Emerson, Lake & Palmer jede Menge ProgRock-Bombast darüber ausgegossen. Besonders der martialische Charakter der zweiten Strophe ("bring me my chariot of fire", allein schon!) wird dadurch sehr schön unterstrichen, wie ich finde. Letztlich stellt der Text aber doch klar, dass es einen geistigen Kampf gilt. "Denn", wie der Apostel Paulus betont, "wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Epheser 6,12). 


Platz 16: Johnny Cash, "The Man Comes Around" (2002) 


Und es wird abermals apokalyptisch, diesmal aber mit erheblich größerem Ernst als bei der Orchideenwurzelpulver saufenden griechischen Hippie-Kapelle. "The Man Comes Around" ist einer von Johnny Cashs letzten Songs, der Titelsong seines letzten zu seinen Lebzeiten erschienenen Albums, und darf daher wohl ohne allzu übertriebenes Pathos als sein Vermächtnis gelten. Der Text ist rappelvoll mit Bibelzitaten und biblischen Motiven, überwiegend aus der Offenbarung des Johannes, aber auch aus verschiedenen anderen Büchern des Alten und Neuen Testaments; und es geht darin um nichts Geringeres als das Jüngste Gericht. Wahrscheinlich gab und gibt es niemanden, der über so ein Thema so eindringlich und mit einem solchen Ernst singen könnte wie der späte Johnny Cash. Hörbefehl! 


So, und für wessen Geschmack da jetzt noch nicht das Richtige dabei war, der darf sich damit trösten, dass dies ja nur das untere Viertel der Hitliste war. Nächste Woche gibt's hier die Plätze 15-11. Stay tuned! 



Dienstag, 19. März 2019

Herein in die Bücherstube!

Am Anfang der Idee stand ein leeres Regal. 

Wobei, ganz so stimmt das eigentlich nicht. Eine Vorstufe zu dieser Idee hatte ich bereits in einem meiner Notizbücher festgehalten, ehe ich das leere Regal im Georgsaal der Pfarrei Herz Jesu Tegel zum ersten Mal sah. Aber darauf komme ich noch. Beginnen wir erst einmal so: Als meine Liebste und ich im Herbst 2016, nach der Rückkehr von unserem gemeinsamen Jakobsweg, anfingen, in Tegel zur Kirche zu gehen und nach Wegen zu suchen, uns aktiv in die dortige Gemeinde einzubringen - noch ehe wir auf dem Gebiet dieser Pfarrei wohnten, aber wir hatten bereits vor, uns dort eine Wohnung zu suchen -, gingen wir selbstverständlich auch zum "Sonntagstreff", dem einmal im Monat im Anschluss an die Sonntagsmesse von der Kolping-Ortsgruppe veranstalteten Gemeinde-Brunch. Und was uns dort unter anderem ins Auge fiel, war ein großes und allem Anschein nach völlig ungenutztes Regal. Ich bin notorisch schlecht im Schätzen, aber ich würde trotzdem mal sagen, 30 Regalmeter hatte das Ding alles in allem bestimmt, wenn nicht mehr. "Das schreit eigentlich danach, eine Gemeindebibliothek einzurichten", waren wir uns einig. 

Rückblende: Einige Monate zuvor hatten wir, inspiriert durch einige hier geschilderte Eindrücke von einem "Straßenfest-Crawl", angefangen, Ideen für ein missionarisches Gemeindeerneuerungs-Projekt zu sammeln, dem ich den vorläufigen Arbeitstitel "Der Donnerstagsclub" (sic!) verpasste. Und in dem Notizbuch, in dem ich diverse Ideen für dieses Projekt skizzenhaft festhielt, findet sich unter dem Datum vom 05.07.2016 der folgende Eintrag:
"Wir brauchen eine BÜCHEREI! Mit guten religiösen Büchern, ggf. aber auch anderen -- im Zweifel lieber was cooles Nichtreligiöses als Anselm Grün (um nur mal ein Beispiel zu nennen). 
Hier wie überhaupt gilt: Man muss den Leuten einfach vertrauen, das spart u.a. auch Verwaltungsaufwand (Leihfristen, Mahngebühren etc.). Darf man halt keine Bücher einstellen, die auf keinen Fall abhanden kommen dürfen. Man kann es auch direkt 'Leih- und Tauschbücherei' nennen. Regelmäßig zu Bücherspenden aufrufen. Wenn Bücher gespendet werden, die nicht ins Profil passen: versuchen, sie bei anderen gemeinnützigen Bücherei-/Tauschladenprojekten gegen Passendes einzutauschen. 
Für den Anfang reicht ein unsortiertes Ikea-Regal. Wenn's größer wird, muss man sich auch mal Gedanken um Sortierung machen. 
Aus eigenen Beständen könnte ich bestimmt so 20-30 Bände beisteuern, vielleicht noch mehr. Und Suse -- mal sehen, was sie rauszurücken bereit ist... :) 
Mit Hilfe von Flohmärkten und Büchertrödel dürfte ein Anfangsbestand von 100-150 Bänden recht schnell zu erreichen sein."

Soweit, wie gesagt, die erste Ideenskizze. Und nun starrte uns da dieses leere Regal an und forderte uns auf, etwas draus zu machen. Zunächst einmal mussten wir aber überhaupt einen Fuß in die Tür dieser Gemeinde bekommen, und dass das kein Selbstläufer werden würde, zeigte sich nirgends so deutlich wie eben beim Kolping-"Sonntagstreff", bei dem wir zunächst einmal Mühe hatten, Leute zu finden, die uns erlaubten, uns zu ihnen an den Tisch zu setzen. Wären wir nicht so entschlossen gewesen, diese Gemeinde zu "unserer" Gemeinde zu machen, hätten wir vermutlich innerhalb der ersten zwei Monate aufgegeben. (Sorry, muss einfach mal gesagt werden.) 

Kurz und gut, wir gaben nicht auf, knüpften unverdrossen Kontakte innerhalb der Gemeinde, starteten im März 2017 unser "Dinner mit Gott"-Projekt, und irgendwann stellten wir dann mal die Bücherei-Idee zur Diskussion. Die Resonanz war bemerkenswert positiv - die Gemeindereferentin war dafür, der Lokalausschuss war dafür -, aber so richtig Schwung kam erst in die Sache, als ein neues Gemeindemitglied (kürzlich hergezogen, seit ein paar Monaten im Ruhestand und voller Tatendrang) davon hörte und Interesse zeigte, eine führende Rolle bei dem Projekt zu übernehmen. Probleme gab's mit den Kolping-Leuten, die meinten, es würde ihren monatlichen "Sonntagstreff" stören, wenn da Bücher im Regal stünden; aber davon ließen wir uns nicht groß beeindrucken. Ein paar Änderungen am Konzept hat es gegenüber meinen oben skizzierten ersten Ideen inzwischen auch gegeben -- dazu gleich mehr; und wir haben bereits erheblich mehr Bücherspenden bekommen, als ich erwartet hätte. 

Schon nicht schlecht für den Anfang, oder? 

Der aktuelle Planungsstand jedenfalls sieht so aus:
  • Um das Büchereiprojekt erst mal angeschoben zu kriegen und in der Gemeinde (und möglichst darüber hinaus) bekannt zu machen, wird es künftig einmal im Monat, nämlich jeweils am vierten Sonntag des Monats im Anschluss an die 9:30-Uhr-Messe, einen "Offenen Büchertreff" geben (erstmals also am kommenden Sonntag, dem 24. März). Dabei sind alle, die sich für das Büchereiprojekt interessieren, eingeladen, ihre eigenen Ideen, Wünsche und Vorstellungen einzubringen; nicht zuletzt soll dieser Büchertreff aber auch einfach ein geselliges Angebot sein, nicht in direkter Konkurrenz zum Kolping-"Sonntagstreff", sondern mit dem Ziel, ein anderes Publikum anzusprechen als dieser. Wir stellen Tee, Kaffee und Gebäck zur Verfügung (gegen Spende) und richten auch eine Spielecke für Kinder ein (die gewissermaßen schon die Keimzelle der künftigen Krabbelgruppe bilden könnte). 
  • Bei der Annahme von Bücherspenden machen wir erst einmal keine thematischen Vorgaben; Bücher aussortieren kann man, wenn das Regal voll ist (was, wie's aussieht, schon relativ bald der Fall sein könnte). Aussortierte Bücher sollen dann bei einem regelmäßigen Büchertrödel gegen Spende abgegeben werden; die Einnahmen kommen (wie auch alle sonstigen Spendeneinnahmen, sofern sie über die reine Kostendeckung hinausgehen) einem von unserem aus Nigeria stammenden Pfarrvikar initiierten Projekt zum Aufbau einer Schule in seiner Heimat zugute kommen.

Und dann muss man mal sehen, wie die Dinge sich weiter entwickeln! Idealerweise sollte sich aus dem "Büchertreff" ein "Lesecafé" entwickeln, das öfter als nur einmal im Monat seine Pforten öffnet und in dem auch Veranstaltungen wie etwa Lesungen, Vorträge und evtl. auch Konzerte stattfinden können; und vor allem soll es eine Anlaufstelle sein, um auch für andere Aktivitäten in der Gemeinde neue Leute zu rekrutieren. 

Ich persönlich würde ja außerdem auf längere Sicht auch dem Bücherbestand gern einen gewissen inhaltlichen "Spin" geben, mit einem Schwerpunkt auf Themen, die für das Thema Gemeindeentwicklung "nützlich" sein oder werden könnten. Womit ich nicht nur religiöse Literatur meine - die natürlich auch -, sondern auch so allerlei DIY-Literatur zu Themen wie Einkochen, Backen, Gärtnern, Imkerei, Musikinstrumente spielen lernen, Möbel selber bauen... Guerilla Gardening 4 Jesus eben. Ihr kennt mich ja. Schauen wir mal, inwieweit meine Vorstellungen sich auf längere Sicht realisieren lassen. 

Jedenfalls: Wenn Ihr in Berlin oder in der Nähe seid, dann kommt am Sonntag gern um 9:30 Uhr zur Messe in Herz Jesu Tegel und anschließend zum Büchertreff,  und probiert meinen selbstgebackenen Kuchen




Montag, 18. März 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (2. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: Ist es mir gelungen, die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu ignorieren? Leider nicht ganz. Theoretisch bin ich, auch wenn ich dem praktisch nicht ganz gerecht werde, tatsächlich der Meinung, je weniger man das, was von diesem Gremium kommt, auch nur zur Kenntnis nimmt, desto besser. Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen. Christus hat Seiner Kirche zugesagt, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden, aber das gilt nicht unbedingt für die Organisationsstruktur der Kirche in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit. Wir sollten darauf gefasst sein, dass die äußere Erscheinungsform der Kirche hierzulande sich noch innerhalb unserer Lebenszeit viel radikaler verändern wird, als diejenigen Kirchenfunktionäre es sich träumen lassen, die derzeit nach Art der "bewährten" Vietnamkriegs-Strategie "Wir mussten das Dorf zerstören, um es zu retten" versuchen, sie aufrecht zu erhalten. Unsere Aufgabe ist es, an der Basis die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Glaube in den kommenden Wirren bewahrt und weitergegeben werden kann. Das ist geradezu die Quintessenz der #BenOp (die - so die gute Nachricht der letzten Woche - jetzt auch als Paperback und mit einem exzellenten Vorwort von Erzbischof Gänswein vorliegt). 

Hier wird nun wohl der "Keine-Sorge-ich-bin-immer-noch-katholisch"-Disclaimer fällig: Selbstverständlich brauchen wir die Bischöfe. Als Garanten der Apostolischen Sukzession, als Hüter der Sakramente, als Hirten des Gottesvolkes. Umso mehr wäre zu wünschen, dass sie sich auf diese Aufgaben konzentrierten, anstatt sich zu gerieren wie Regionaldirektoren eines krisengeschüttelten Franchise-Unternehmens. 

Davon abgesehen war ich trotz Männergrippe ziemlich produktiv und habe mein mir selbst gesetztes Blog-Pensum für die Woche leicht übererfüllt. Schauen wir mal, wie das weitergeht. 



Was ansteht: Meine Liebste geht, nachdem sie zwei Wochen krankgeschrieben war, wieder arbeiten, daraus folgt, dass ich wieder vollumfänglich als "Stay-at-Home-Dad" im Einsatz bin. Es bleibt abzuwarten, was ich daneben sonst noch so geschafft kriege. Nach wie vor denke ich darüber nach, etwas über die Aktion "Klimafasten" zu bloggen; wobei sich da - u.a. veranlasst durch heftige Diskussionen in katholischen Facebook-Gruppen, an denen ich mich nur lesend beteiligt habe - der Schwerpunkt in eine andere Richtung verlagern könnte, als ich zunächst gedacht hätte. Oder ich lasse es einfach bleiben. Schließlich will ich auch noch was über das Ernährungs-Kapitel von "Crunchy Cons" schreiben, und manch ein Leser könnte den Eindruck haben, es nähme etwas überhand mit den "Öko-Themen"

(Wobei ich nicht ausschließen kann, das ich, auch vor dem Hintergrund der oben angesprochenen Diskussionen, einfach mal Lust bekommen könnte, genau diese Leser zu provozieren.) 

Am morgigen Dienstag ist das Hochfest des Hl. Josef (s.u.), und ich denke, ich werde das zum Anlass nehmen, mit meiner Tochter in einer Kirche unseres Pastoralverbunds zur Messe zu gehen, die den Namen "St. Josef" trägt (aber dennoch nicht an diesem Tag ihr Patronatsfest feiert, sondern am 1. Mai, dem Fest "St. Josef der Arbeiter"). Und natürlich sind meine Gedanken an diesem Tag auch bei einer anderen St.-Josefs-Kirche, nämlich derjenigen in Stadland-Rodenkirchen, die schon in zwei Wochen profaniert werden soll (und, insofern wenig überraschend, ebenfalls kein Patronatsfest mehr feiert). 

Gegen Ende der Woche gilt es dann wieder Kuchen zu backen und vielleicht, wenn ich mich traue, auch ein Brot; die Ergebnisse dieser Backaktion nehme ich dann am Sonntag mit zur Eröffnung des "Büchertreffs" in unserer Pfarrei. Zu diesem Projekt folgt in Kürze noch ein eigenständiger Artikel...


aktuelle Lektüre:

Ja, ich bin immer noch dabei. Ich sagte ja, ich lese es bewusst langsam. Habe gerade das Kapitel zum Thema "Wohnen" durch, das sich als interessanter herausgestellt hat, als ich zunächst dachte. Da der Autor seine Ausführungen zu Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt, zu Stadtentwicklung, Gentrifizierung und zu den sozialen Auswirkungen verschiedener Bau- und Siedlungsformen zu einem großen Teil auf eigene Erfahrungen seiner Familie stützt, sind viele Details recht spezifisch für US-amerikanische Verhältnisse, aber mit ein bisschen Bereitschaft zu eigenständigen Transferleistungen kann man daraus durchaus auch Schlüsse auf die Situation hierzulande ziehen, beispielsweise hinsichtlich des Phänomens, dass Altbauten, die in den 1880er- bis 1910er-Jahren als billige Arbeiterquartiere errichtet wurden, heutzutage als chic gelten und entsprechend begehrt sind. Zudem enthält das Kapitel eine Reihe von Literaturhinweisen für die vertiefende Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten des Themas, etwa mit dem "Arts & Crafts Movement" oder dem "New Urbanism". Als nächstes kommt das Thema "Bildung" an die Reihe, da zeichnen sich größere inhaltliche Überschneidungen mit der #BenOp ab.


Ich dachte mir, es wird Zeit für etwas im engeren Sinne "geistliche Lektüre" für die Fastenzeit. Meine Liebste hat mir das Buch empfohlen. Ich habe gerade erst angefangen. Der Prolog, der das Erlebnis eines heftigen Sturms auf der Felseninsel Athos schildert, ist durchaus eindrucksvoll, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen zu weitschweifig und detailverliebt. Vielleicht bin ich einfach zu norddeutsch für diesen Stil. Die "Take-Home-Message" des Kapitels - Schönheit, Schrecklichkeit und Unberechenbarkeit des Meeres als Bilder für das Wesen Gottes - kommt trotzdem an. 

Mit dem "Herrn der Ringe" bin ich in der letzten Woche übrigens nicht viel weiter gekommen. Dafür werde ich mir also auch mal wieder Zeit nehmen müssen.


Linktipps:
Was es über meine einleitenden Zeilen hinaus noch über die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu sagen gibt, sagt Bloggerkollege kephas und wägt seine Worte dabei nicht mit der Zuckerzange ab. Eine befreiende Lektüre: kurz, knackig, voll auf die Zwölf. 

Sehr schöner Text über Urban Gardening (bzw., genauer gesagt, Urban Farming) und ein unerwartetes Problem, das dabei auftreten kann: Was, wenn man mehr erntet, als man selbst verbrauchen kann? -- Die naheliegende Antwort lautet: Man gibt den Nachbarn was ab. Diese Kurzzusammenfassung verrät nun natürlich noch nicht unbedingt, was an diesem Text so wunderschön ist. Lest ihn einfach selber, Leute. Ihr werdet es nicht bereuen. (Empfehlung von Leah Libresco via Twitter.


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 18.03.: Hl. Cyrill von Jerusalem, Kirchenlehrer. Von 350 bis zu seinem Tod 386 Patriarch von Jerusalem; im Zusammenhang mit dem Arianismusstreit sowie wegen des Vorwurfs der unbefugten Veräußerung von Kirchengütern zugunsten  der Armen mehrfach verbannt. Verfasser bedeutender Katechesen für Taufbewerber und Neugetaufte. 

Dienstag, 19.03.: Hl. Josef, Bräutigam der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria und Ziehvater Jesu (Hochfest). Tommy und Karen Tighe ("How to Catholic Family") schreiben über diesen Feiertag: 
"Der Hl. Josef, das oft am wenigsten gewürdigte Mitglied der Heiligen Familie, hat auf jeden Fall etwas Liebe von Seiten unserer Familien verdient, wenn sein Festtag im Kalender steht. Als Ziehvater Jesu und Bräutigam Mariens ist er in einer Welt, die dem Glauben und der Famikue vielfach feindlich gegenübersteht, ein gutes Vorbild dafür, was es heißt, ein guter Ehegatte, Vater und Mann zu sein.
Als Schutzpatron der gesamten Kirche, der Väter, Tischler und Reisenden, als Fürsprecher für soziale Gerechtigkeit und einen guten Tod hat der Hl. Josef sicherlich eine besondere Verbindung zu jedem von uns."

Samstag, 23.03.: Hl. Toribio de Mogrovejo (1538-1606). Gebürtiger Spanier, 1581 zum 3. Erzbischof von Lima (Perú) ernannt. Wird als "Beschütze der Indios" verehrt. Visitierte dreimal das gesamte Territorium seiner Diözese, überwiegend zu Fuß oder auf einem Maultier reitend; starb an einem Gründonnerstag während einer Missionsreise zu den Indios. 


Aus dem Stundenbuch:

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, * vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.





Sonntag, 17. März 2019

Downsize This, DBK!

Es mag vielleicht wie die typische Angeberei eines übertrieben stolzen Papis wirken, aber: Das Lieblingsbuch meiner kleinen Tochter ist "Von Schafen, Perlen und Häusern" von Nick Butterworth und Mick Inkpen. Meine Schwester und mein Schwager haben es ihr zur Taufe geschenkt. Laut Verlagswerbung ist das Buch empfohlen für Kinder ab 3 Jahren, aber meine Tochter fing schon mit 14 oder 15 Monaten an, mehr Interesse an diesem Buch zu zeigen als an all ihren anderen Bilderbüchern zusammen. Das geht manchmal so weit, dass meine Liebste und ich das Buch vor ihr verstecken müssen, wenn wir gerade keine Zeit oder keine Muße haben, ihr etwas vorzulesen. 

Das Buch enthält phantasie- und humorvoll ausgestaltete und liebevoll illustrierte Nacherzählungen von Gleichnissen Jesu, und unter den acht Geschichten des Bandes gibt es nur eine, die meiner Tochter auffallend weniger gut gefällt als die anderen -- vielleicht weil sie als einzige kein "Happy End" hat. Es handelt sich um die Geschichte "Der reiche Bauer" (nach Lukas 12,16-21). In der Kinderbuchversion dieses Gleichnisses vergrößert der Bauer von Jahr zu Jahr seine Scheune, aber immer fällt die Ernte noch größer aus als erwartet, sodass die Scheune nie groß genug ist. Und als der Bauer endlich "die allergrößte Scheune der Welt" gebaut hat, die "bis zum Himmel" reicht, stirbt er, ehe er die Ernte einbringen kann. 

Vor ein paar Tagen nun kam mir plötzlich die Idee: Wenn man die Geschichte rückwärts erzählen würde -- wenn man also mit einer riesigen, kathedralengleichen Scheune anfinge... 



...die aber bei der Ernte nicht annähernd voll wird, weshalb der Bauer beschließt, sie abzureißen und an ihrer Stelle eine kleinere zu bauen... 



...aber im nächsten Jahr fällt die Ernte noch kleiner aus, woraufhin der Bauer seine Scheune erneut verkleinert... 



...und immer so weiter... 


...bis eines Tages der Herr der Ernte (vgl. Lukas 10,2) kommt und sagt "Hör mal, glaubst du nicht, dass mit deinen Prioritäten etwas verkehrt ist?!?" --- 

--- dann wäre es eine Geschichte über die Deutsche Bischofskonferenz. 



Freitag, 15. März 2019

Man hatte mir doch fundamentalistische Christen versprochen!

Man kann es wohl als eine Art Ironie des Schicksals betrachten, dass ich auf die Existenz einer stetig wachsenden und ziemlich gut organisierten "kindergartenfrei-Bewegung" erst durch einen Presseartikel aufmerksam wurde, der es darauf anlegte, diese in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken. Ich fand es gleichermaßen befremdlich wie bezeichnend, dass da etwas, was ich für völlig natürlich zu halten geneigt wäre - dass Eltern sich Zeit für ihre Kinder nehmen möchten und dafür auch bereit sind, ihre beruflichen Ambitionen herunterzuschrauben - als rückständig, wenn nicht gar latent staatsfeindlich und potentiell extremistisch dargestellt wurde. Vielleicht hätte mich das nicht so überraschen sollen, nachdem meine Liebste und ich praktisch seit der Geburt unserer Tochter, wenn nicht sogar schon vorher, von allen möglichen Seiten mit der Frage behelligt worden wären, ob wir denn schon einen KiTa-Platz für sie hätten. 

Tatsächlich waren wir uns von Anfang an und ohne große Diskussion einig gewesen, unser Kind mindestens in den ersten drei Jahren nicht in Fremdbetreuung zu geben, aber ein prinzipieller Kindergarten-Gegner war ich nicht. Diesbezüglich habe ich mich in den letzten Monaten wohl einigermaßen radikalisiert -- wozu Horrorgeschichten über die Zustände in KiTas und über dramatisch gescheiterte Eingewöhnungen, wie man sie in den Diskussionsforen des "kindergartenfrei"-Netzwerks nahezu täglich präsentiert bekommt, ebenso beigetragen haben wie die immer unverhohlener zu Tage tretenden Tendenzen zur weltanschaulichen Indoktrinierung von Kindern schon im Vorschulalter (Stichwort "Lufthoheit über den Kinderbetten"). 

Nun ist es wohl kein großes Geheimnis, welches Detail von Sabine Rennefanz' "kindergartenfrei"-Enthüllungsreportage in der Berliner Zeitung mich am stärksten angesprochen hat, nämlich die Aussage, die Bewegung gelte "als Sammelbecken für Alternative, Esoteriker, Impfgegner, konservative Christen". -- Nicht dass hier Missverständnisse aufkommen: Meine Tochter bekommt alle empfohlenen Impfungen und hat sie bisher auch stets gut vertragen. Aber der Punkt mit den konservativen Christen machte mich doch hellhörig. Sowohl Rod Dreher in der "Benedikt-Option" als auch Tommy und Karen Tighe in "How to Catholic Family" verweisen auf das Sprichwort "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen" -- und beziehen es auf die Feststellung,  Familien, die ihre Kinder im christlichen Glauben erziehen wollen, benötigten dazu den engen und regelmäßigen Kontakt zu anderen Familien, die dasselbe Anliegen haben. Fein, dachte ich: Wenn man mit Hilfe des "kindergartenfrei"-Netzwerks solche Kontakte herstellen kann, dann nichts wie rein da! 

Symbolbild, Quelle: Pixabay 

Acht Monate später lässt sich das Eingeständnis nicht umgehen, dass die Ergebnisse in dieser Hinsicht hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Nette Leute kennenlernen, die Kinder in einem ähnlichen Alter haben wie man selber; sich zu Spielplatztreffen, Waldspaziergängen und ähnlichem verabreden -- das funktioniert mit Hilfe der "kindergartenfrei"-Regionalgruppen ganz prima (und wenn es wieder wärmer wird und man mehr mit den Kindern "draußen" unternehmen kann, wird das sicherlich noch mehr werden). Und dafür allein lohnt es sich ja schon. Aber der Verwirklichung der "Idee eines christlichen Dorfes", wie es in der #BenOp heißt, sind wir damit noch nicht bedeutend näher gekommen.  Zu einem wesentlichen Teil hat das damit zu tun, dass die "kindergartenfrei"-Szene in Wirklichkeit viel heterogener ist, als dieser eine Satz von Sabine Rennefanz es nahelegt. Viele der Eltern, die sich in den betreffenden Gruppen vernetzen, haben oder hatten zunächst mal überhaupt keine "weltanschaulichen" Gründe, ihre Kinder nicht in den Kindergarten gehen zu lassen, sondern haben festgestellt, dass es für sie (aus einer Vielzahl möglicher Gründe) schlichtweg nicht funktioniert. Ja, Leute mit einem Hang zur Esoterik trifft man da auch. Impfgegner? Gut möglich, aber wie stark die vertreten sind, lässt sich schwer einschätzen, da die Gruppenadministratoren es in aller Regel vermeiden, Diskussionen über dieses Reizthema aufkommen zu lassen. Und wie sieht es nun mit den Fundi-Christen aus? Doch, ja, die gibt es schon auch, aber sie scheinen eher eine Splittergruppe zu sein. Zudem habe ich den Eindruck, dass die meisten von ihnen eher aus der evangelikalen Ecke kommen. Diese Feststellung meine ich nicht abwertend: Wer mich kennt, wird wissen, dass ich durchaus irgendwo eine "offene Flanke" zu dieser Seite habe. Gleichzeitig lässt sich aber auch schwerlich leugnen, dass es Aspekte des evangelikalen Christentumsverständnisses gibt, die mit dem katholischen Glauben schwer oder gar nicht vereinbar sind. Das würden übrigens die meisten Evangelikalen, die ich kenne, bestätigen. Sicherlich kann man in dem Anliegen, seine Kinder christlich zu erziehen, in vielen Punkten auf einen Nenner kommen, aber in anderen eben nicht. Ich sag mal nur "Sakramentenkatechese"

Was sich davon abgesehen auf jeden Fall feststellen lässt, ist, dass "kindergartenfrei"-Eltern sich überdurchschnittlich stark mit verschiedenen Erziehungskonzepten und der entsprechenden Ratgeberliteratur befassen und auskennen. Und das ist nun überhaupt nicht mein Ding. In mir schlummert die Überzeugung, sobald ein Erziehungskonzept einen speziellen Namen hat - und somit gewissermaßen als Markenartikel promotet wird -, handle es sich um Scharlatanerie, Humbug und Bauernfängerei. Ist vielleicht doof von mir, aber so bin ich. Der größte Zankapfel innerhalb der "kindergartenfrei"-Szene - ein Thema, das womöglich noch umstrittener ist als das Impfen - ist hierbei das Konzept "unerzogen". Der Begriff ist genau so gemeint, wie er klingt: Es geht darum, dass man Kinder nicht erziehen soll. Also so richtig überhaupt nicht. Weil jede Form von Erziehung Gewalt sei, nämlich eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechts des Kindes. 

Gerade heraus gesagt, wenn ich so etwas nur höre, krieg ich schon Pickel. -- Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Unter Erziehung verstehe ich nicht, das Kind durch Belohnung und Bestrafung darauf zu "dressieren", dass es so "funktioniert", wie man es haben möchte. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man einem Kind innerhalb vernünftiger Grenzen ein größtmögliches Maß an Freiheit einräumen sollte, sodass es lernen kann, einen eigenen Willen auszubilden, eigene Vorlieben und Interessen zu entwickeln. Das entscheidende Stichwort ist hier aber natürlich "innerhalb vernünftiger Grenzen". Wo genau diese verlaufen, ist wohl immer Ermessenssache, und da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie selbst die überzeugtesten "unerzogen"-Anhänger es eigentlich praktisch realisieren wollen, einem Kind überhaupt keine Grenzen zu setzen, könnte ich mir vorstellen, dass es in der Praxis in einer "unerzogen"-Familie gar nicht sooo total anders zugeht als bei uns zu Hause. Aber da könnte ich mich natürlich täuschen. Der wesentliche Unterschied liegt jedenfalls in der Einstellung. Zum Teil lässt sich der "unerzogen"-Trend wohl auf eine vulgär-rousseauistische Idealisierung des Kindes zurückführen, derzufolge das Kind von Natur aus gut sei und durch Erziehung nur verdorben werde; das Kind als "Edler Wilder" gewissermaßen. Eine wohl noch größere Rolle scheint aber ein allgemein stark um sich greifender ethischer und erkenntnistheoretischer Relativismus zu spielen: Wenn Richtig und Falsch, Gut und Böse keine objektiven Größen sind, wie kann ich mir dann anmaßen, besser wissen zu wollen, was gut für mein Kind ist, als dieses selbst? (Man könnte die Art und Weise, wie sich im "unerzogen"-Konzept der Relativismus selbst ad absurdum führt, fast lustig finden, wären da nicht die armen Kinder...) 

Auf der Hand liegen dürfte jedenfalls, dass die "unerzogen"-Ideologie sowohl in ihrer rousseauistischen als auch in ihrer relativistischen Variante aus christlicher Perspektive völlig inakzeptabel ist, aber an diesem Punkt will ich mich gar nicht länger als unbedingt nötig aufhalten. Fakt ist jedenfalls, es gibt - auch über die "kindergartenfrei"-Szene hinaus - ein enormes Interesse an Fragen der Kindererziehung, an unterschiedlichen Erziehungsmodellen und -konzepten, und ein Ergebnis davon ist ein wahrer Boom vom Mami-Blogs. Unter diesen gibt es einige, die in besonderem Maße mit der "kindergartenfrei"-Szene assoziiert werden; so schreibt Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung über die Bewegung der KiTa-Verweigerer: "Man findet ihre Anhänger auf Blogs wie '2KindChaos', 'Blogprinzessin' oder 'Berufung Mami'". Derselbe Satz tauchte wortwörtlich auch in einem gut ein halbes Jahr später in der "Kölnischen Rundschau" erschienenen Artikel zum selben Thema auf (was uns, nebenbei bemerkt, auch etwas über die Recherchemethoden von Profi-Journalisten verrät). Na, dann schauen wir uns diese Blogs doch mal an. 

Fangen wir mal an mit "Berufung Mami", das klingt am konservativsten, und "Berufung" ist ja ein Begriff, mit dem Christen etwas anfangen können. Die Autorin von "Berufung Mami", Jenniffer Ehry-Gissel, ist ein paar Jahre jünger als ich und ein paar Jahre älter als meine Liebste, war mit 35 Jahren eine sogenannte "späte Erstgebärende" und hat inzwischen noch einen zweiten leiblichen Sohn, zudem hat ihr Mann zwei ältere, inzwischen bereits erwachsene Kinder mit in die Ehe gebracht. Wie der Titel des Blogs es schon nahelegt, schreibt sie darüber, dass es für sie das Wichtigste im Leben ist, für ihre Kinder da zu sein. Im Übrigen beschreibt sie sich als "[t]iefgründiger Skorpion, Tierliebhaber, Reiki-Meister, Indien-Fan, Vegan". Äh, okay. Fragen nach der religiösen Ausrichtung des Blogs hätten sich damit wohl erledigt. Ich habe ein bisschen aufs Geratewohl und kreuz und quer in Jenniffers Blogartikeln gestöbert, einige haben mich durchaus angesprochen, andere weniger. Sehr bewegend und empfehlenswert fand ich einen Beitrag mit der Überschrift "Du wirst niemals vergessen sein!", in dem die Autorin sich an ihre erste Schwangerschaft im Alter von 17 Jahren erinnert -- die in der 6. Woche mit einer Fehlgeburt endete. Der Artikel geht so nahe, dass ich es schon fast nicht mehr wage, in anderem Zusammenhang Kritik an der Autorin zu üben. Muss aber leider sein: In einem bereits gut zweieinhalb Jahre alten Artikel mit der Überschrift "Beziehung statt Erziehung" gibt Jenniffer sich als zumindest tendenzielle Sympathisantin der "unerzogen"-Idee zu erkennen, indem sie etwa schreibt, dass ihr "die Vorstellung gefällt, dass mein Kind und ich auf Augenhöhe sind" und dass ihr "der Punkt 'Grenzen setzen' überhaupt nicht" gefalle: "Wie komme ich dazu, mich über mein Kind zu erheben und ihm zu sagen, wo seine Grenzen sind!?" 


Immerhin, in einem Artikel von 2018, mit dem sie auf Sabine Rennefanz' Reportage in der Berliner Zeitung reagiert, erklärt sie, ein wesentlicher Grund für ihre Entscheidung, "kitafrei zu leben", sei es, "dass ich meinen Kindern gerne meine eigenen Werte mitgeben möchte". Das klingt dann ja doch schon erheblich anders. 

Aber weiter zum nächsten Blog. Ginge es nur um persönliche Sympathiewerte, dann läge Katarina Fiebelkorn, die Autorin von "blogprinzessin", bei mir ganz weit vorn. "Blogprinzessin" ist, wie die Betreiberin selbst es formuliert, "[d]er Blog mit nordischem Schnack" -- und das mag ich einfach, das ist der Sound meiner Jugend. Dass die Blogautorin ganze vier Kinder hat, finde ich von vornherein anerkennenswert (okay, die beiden mittleren Kinder kamen als Zwillinge zur Welt, aber "trotzdem" haben sie und ihr Mann sich danach bewusst noch für ein weiteres Kind entschieden); zudem ist sie - als gebürtige Hamburgerin - nicht nur, aber auch der Kinder wegen aufs Land gezogen und wohnt jetzt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof. Was wohlgemerkt nicht bedeutet, dass sie Landwirtschaft betreiben - sie haben ein kleines Häuschen  auf dem Gelände eines Hofes, der von jemand anderem bewirtschaftet wird -, aber immerhin. Außerdem mag sie Gilmore Girls. Andererseits erwähnt sie, sie sei zwar durch ihren Mann "zum 'Star Wars'-Fan geworden", möge aber "die 'Alte Trilogie' nicht besonders sondern die Filme mit Natalie Portman oder die ganz neuen mit Daisy Ridley". Das gibt natürlich massive Abzüge in der B-Note. 

Okay, Scherz beiseite: Ehe man sich angesichts der Vorstellung einer sechsköpfigen Familie in einem kleinen Häuschen auf dem Lande allzu sehr in Träume von einer hobbitmäßigen Idylle verliert, tut man gut daran, zu berücksichtigen, dass "blogprinzessin" ein kommerzieller Blog ist. "Auch ich muss meine Miete und meine Krankenversicherung bezahlen", erklärt die Autorin; und deshalb finden sich auf "blogprinzessin" relativ viele Testberichte, Gewinnspiele, Beauty-Tipps und sonstige Produktempfehlungen, die die Autorin ordnungsgemäß als Werbung bzw. "Reklame" deklariert und sich dafür anständig entlohnen lässt. Reklame beispielsweise für ein "Offizielles Star-Wars-Kostüm" zu Fasching, einen Sockelsauger"7 Buchverfilmungen auf Netflix die du gesehen haben solltest" (okay, da ist "Der Hobbit" dabei... Moment, ist das jetzt gut oder schlecht?), Weihnachtsdeko von IKEA (in Pastellfarben) oder die "Pampers Club App" fürs Handy. Ich sag mal: #benOppige bzw. #CrunchyCon-mäßige Konsumkritik sieht anders aus. 

In der Rubrik "21 Dinge, die du vielleicht nicht über mich weißt" (woher auch?) verrät Katarina, sie "versuche jeden Tag 10min zu meditieren, es hilft mir mich zu konzentrieren und zu entspannen." Versucht man ihrem Blog mit Hilfe der Stichwortsuche die sprichwörtliche "Gretchenfrage" zu stellen, findet man indes nicht viel Tiefgründigeres als ein Plädoyer dafür, den Kindern nicht zu früh den Glauben an den Weihnachtsmann zu rauben, denn:  
"Es muss doch diesen Weihnachtszauber geben! Wie soll man denn Weihnachtszauber haben, wenn man das Spiel möglichst gar nicht mitspielt? Woher kommt die Magie, die die Weihnachten unserer Kindheit so unvergessen machen, wenn wir in der Weihnachtszeit keinen Glanz und keinen Zauber versprühen wollen? Weihnachten ist pure Magie!"
Ah ja. Na dann. 

Insbesondere da ich Katarina Fiebelkorn, seit der besagte Artikel der Berliner Zeitung mich auf ihren Blog aufmerksam gemacht hat, auch auf Twitter folge, kann ich übrigens zu Protokoll geben, dass es reichlich absurd wirkt, sie einerseits als Leitfigur der "kindergartenfrei"-Bewegung zu benennen und diese Bewegung andererseits als "antifeministisch" einzuordnen, denn die Blogautorin bezieht regelmäßig durchaus "typisch feministische" Positionen zu Fragen von Gleichstellung, Gendergerechtigkeit, you name it. Befremdlicherweise übrigens auch zum Thema Abtreibung. "Befremdlich" sage ich vor allem deshalb, weil... 

Okay, jetzt wird's wieder heikel. 

Ebenso wie Jenniffer von "Berufung Mami" schreibt auch Katharina von "blogprinzessin" über eine Fehlgeburt, die sie erlitten hat. Der zentrale Artikel zu diesem Thema (das gleichwohl noch in mehreren anderen Blogposts angesprochen wird) trägt den Titel "Tschüss, Baby. Ich liebe dich" und geht echt an die Nieren. Es handelte sich um die dritte Schwangerschaft der Autorin, und in der 10. Schwangerschaftswoche brachte eine Untersuchung das erschütternde Ergebnis: 
"Unser Baby (immerhin hatte es schon Arme und Beine und, wenn auch nur kurz, einen Herzschlag) ist tot".
Es will einfach nicht in meinen Kopf, wie jemand aus eigener leidvoller Erfahrung so etwas schreiben und trotzdem Abtreibung gutheißen kann. Das soll kein persönlicher Angriff sein, ich verstehe es nur einfach nicht. 

Noch ein anderes Thema: Ebenfalls auf Twitter wies die "blogprinzessin"-Autorin auf das in der Reihe "Duden Lesedetektive" erschienene, zur Leseförderung in der 2. Klasse konzipierte Kinderbuch "Svenja will ein Junge sein" von Luise Holthausen hin und lobte Autorin und Verlag dafür, sich an dieses Thema heranzutrauen. Ich hatte daraufhin die vage Ahnung, dass da irgendwas nicht stimmt, und fand mittels einer kurzen Recherche heraus, dass die Protagonistin dieses Kinderbuchs durchaus nicht "transgender" ist, sondern bloß vorübergehend mal keine Lust hat, die Verhaltenserwartungen zu erfüllen, die an ein Mädchen gestellt werden; übrigens ist das Buch von 2012. "Schade", fand die liebe Katarina, als ich sie darauf hinwies. 

Was den Gesamtbereich Sex und Gender angeht, ist "2KindChaos" allerdings noch mal eine ganz andere Nummer. Und nicht nur in dieser Hinsicht. Insgesamt scheint das eher so der Gothic-Metal-Club unter den Mami-Blogs zu sein: Neben der Blogbetreiberin "Frida Mercury" schreiben hier recht häufig verschiedene Gastautorinnen, aber zumindest bei stichprobenartiger Lektüre verschiedener Beiträge scheinen die sich alle nicht sonderlich voneinander zu unterscheiden. Okay, vielleicht täuscht dieser Eindruck. "Hier gibt es keine Schubladen", erklärt Frida, "außer der, dass Liebe drin sein muss". Schön, aber wie schon der große Existenzphilosoph Haddaway zu Recht fragte: "What is Love?" 

Unter der Überschrift "Let's talk about (Eltern) Sex. Vom großen Frust in der Beziehung" schreibt eine Gastautorin: 
"Ich bin nicht so sicher, ob ich das vielleicht alles so eng sehe oder ob es wirklich so Scheisse ist und deshalb wollte ich darüber schreiben. [...] [I]ch will über Sex reden. Den ich nicht habe. Oder nur sehr selten. Und darüber beschwert sich mein Mann.
Zu Recht?
[...]
Mein Leben spielt sich [...] vorwiegend in unseren 4 Wänden ab. Mit schreienden, schlecht gelaunten, weinenden Kindern, die ich keine 2 Minuten alleine lassen kann, [...]
Ich habe keine Lust auf Sex. [...]. Ich will wenigstens Abends meinen Körper für mich haben. ALLEINE!!!
Und überhaupt, mein Körper. Ich mag ihn nicht. Ich mochte ihn eigentlich noch nie[.]"
Ehe sich jemand beschwert: Ich will die hier angesprochenen Probleme nicht kleinreden. Aber ich finde den Tonfall, die ganze ziellose Unzufriedenheit mit allem und jedem, das genüssliche Suhlen im Unglück ausgesprochen bezeichnend für meinen Gesamteindruck von diesem Blog. -- Von einer anderen Gastautorin stammt der Beitrag "Offene Beziehung trotz Kinder. Wir lieben uns, haben aber Sex mit anderen". Darin heißt es: 
"Unsere 'Abmachung' hat nichts mit Emotionen und Gefühlen wie Liebe zu tun [...]. Sex und Gefühle kann man trennen, zumindest wir können es."
Und die Blog-Hausherrin selbst wirft in einem der neueren Beiträge die Frage auf: "Wie kann man seine Kinder zu (sexuell) toleranten Menschen erziehen?" Darin liest man beispielsweise: 
"Auch jetzt würde ich nicht behaupten wollen, dass ich mich vollends auskenne und zum Beispiel genderneutral erziehe oder jeden Menschen erstmal nach den Pronomen frage, die ersie verwendet haben möchte. Sollte ich aber. [...]
Klar ist [..], dass es ziemlich schwierig ist, da eine gewisse Offenheit reinzubringen. Auch sexuelle Orientierung ist scheinbar schon fest verankert, denn meine ältere Tochter (ich schreibe jetzt Tochter weil sie sich selbst als Mädchen definiert) sagt schon klar, dass Männer und Frauen heiraten. Was das Thema angeht, finde ich es aber deutlich einfacher, auch schon Kindern zu erklären, dass es eigentlich egal ist, in wen man sich verliebt, und dass man auch heiraten darf, wen man will. Das haben sie schnell verstanden - schneller als das Thema Geschlechtsidentität. Ok, das ist vielleicht auch nicht so einfach zu erklären für eine 3jährige. (Wer das gut kann, darf sich gern melden!) Meine 6jährige zumindest hört sich die Erklärungen da auch schon an und ich denke, dass sich da schon ein Verständnis aufgebaut hat. Dass es Menschen gibt, die einen Penis haben, aber eine Frau sind. Oder Menschen mit Scheide, die ein Mann sind."
Also, sorry: Wenn ich meine Kinder so erziehen wollte, dann könnte ich sie auch gleich in die KiTa gehen lassen. 

Irgendwie fällt mir in diesem Zusammenhang die Fernsehserie "Eine himmlische Familie" (Originaltitel "7th Heaven") ein, die ich mir vor über einem Jahrzehnt mal aus einer Art Faszination des Grauens heraus ein paar Staffeln lang angetan habe. Thema der Serie war das Alltagsleben einer siebenköpfigen Pastorenfamilie in einer Kleinstadt in Kalifornien, und ich muss sagen, das, was einem da als angebliches Idealbild eines intakten Familienlebens vorgeführt wurde, fand ich schlichtweg gruselig. Mir schien die Serie ein typisches Produkt der George W. Bush-Ära, zugeschnitten auf ein Publikum kleinstädtischer, mittelmäßig wohlhabender,  evangelikaler Republikaner-Wähler. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, was für eine Art von Zielpublikum "Eine himmlische Familie" eigentlich in Deutschland ansprechen sollte -- aber dann fand ich ein Fan-Forum im Internet und stellte dort fest, dass diese Serie ziemlich beliebt bei Teenie-Mädchen war, die in der dort dargestellten Art von Familienleben offenbar etwas sahen, was ihnen in ihrem eigenen Leben fehlte. Das könnte man als bemerkenswerte Erkenntnis betrachten, aber erheblich verkompliziert wird der Befund dadurch, dass die meisten dieser Mädchen zugleich auch Fans der Serie "Sex and the City" waren und darin, auch auf Nachfrage, nichts Widersprüchliches erkennen konnten. 

Das lasse ich hier jetzt einfach mal so stehen. 

Was ich mit alledem sagen will: Innerhalb der "kindergartenfrei"-Szene gibt es ein seeeehr breites Spektrum unterschiedlicher, zum Teil ausgesprochen gegensätzlicher Anschauungen zu allen möglichen Fragen, die die Kindererziehung direkt oder indirekt tangieren. Möglicherweise kann man als konservativer Christ über das "kindergartenfrei"-Netzwerk Kontakte zu gleichgesinnten Eltern knüpfen, aber man muss damit rechnen, in wesentlich größerem Ausmaß auf Eltern zu stoßen, mit denen einem außer der Tatsache, dass auch sie ihre Kinder nicht in Fremdbetreuung geben mögen, so richtig gar nichts verbindet. Wie geht man damit um, was folgt daraus für die "Idee vom christlichen Dorf"? Nun, was meine eigene Familie betrifft, so denke ich, es kann gewiss nicht schaden, die über das "kindergartenfrei"-Netzwerk geknüpften Kontakte aufrechtzuerhalten, zu vertiefen und weitere aufzubauen -- auch solche zu nichtchristlichen Eltern. Mit wem man gut "kann" und mit wem weniger, wird sich im Laufe der Zeit schon herauskristallisieren. Der nächste Schritt ist dann die auch schon länger geplante Einrichtung einer Krabbelgruppe in den Räumen unserer Pfarrei. Natürlich ist es auch da nicht garantiert, dass die Eltern, die dort hinkommen, ausschließlich oder überwiegend solche sind, denen "das Christliche sehr wichtig" ist. Muss auch gar nicht -- jedenfalls nicht für den Anfang. Immerhin schafft man damit schon mal einen Rahmen, der die Wahrscheinlichkeit, dass religiös interessierte Eltern sich davon angesprochen fühlen, mindestens graduell erhöht, und auf mittlere Sicht könnte so ein Angebot ja auch einen missionarischen Aspekt entwickeln. 

Meine eigentliche Idealvorstellung wäre allerdings ein Familienkreis innerhalb der Pfarrei, der gemeinschaftlich ein möglichst schon bei der Ehevorbereitung, spätestens aber bei der Anmeldung von Kindern zur Taufe ansetzendes Modell von fortlaufender Familienkatechese entwickelt. Anfangen könnte man damit, dass die Eltern gemeinsam den "YOUCAT for Kids" studieren, während die Kinder miteinander spielen. Auf längere Sicht könnte ein solcher Familienkreis die herkömmlichen Erstkommunion- und Firmvorbereitungskurse zunächst ergänzen und irgendwann einmal ganz ersetzen. Die sind nämlich die Pest und müssen sterben. Aber dazu wohl lieber ein andermal mehr...