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Freitag, 15. März 2019

Man hatte mir doch fundamentalistische Christen versprochen!

Man kann es wohl als eine Art Ironie des Schicksals betrachten, dass ich auf die Existenz einer stetig wachsenden und ziemlich gut organisierten "kindergartenfrei-Bewegung" erst durch einen Presseartikel aufmerksam wurde, der es darauf anlegte, diese in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken. Ich fand es gleichermaßen befremdlich wie bezeichnend, dass da etwas, was ich für völlig natürlich zu halten geneigt wäre - dass Eltern sich Zeit für ihre Kinder nehmen möchten und dafür auch bereit sind, ihre beruflichen Ambitionen herunterzuschrauben - als rückständig, wenn nicht gar latent staatsfeindlich und potentiell extremistisch dargestellt wurde. Vielleicht hätte mich das nicht so überraschen sollen, nachdem meine Liebste und ich praktisch seit der Geburt unserer Tochter, wenn nicht sogar schon vorher, von allen möglichen Seiten mit der Frage behelligt worden wären, ob wir denn schon einen KiTa-Platz für sie hätten. 

Tatsächlich waren wir uns von Anfang an und ohne große Diskussion einig gewesen, unser Kind mindestens in den ersten drei Jahren nicht in Fremdbetreuung zu geben, aber ein prinzipieller Kindergarten-Gegner war ich nicht. Diesbezüglich habe ich mich in den letzten Monaten wohl einigermaßen radikalisiert -- wozu Horrorgeschichten über die Zustände in KiTas und über dramatisch gescheiterte Eingewöhnungen, wie man sie in den Diskussionsforen des "kindergartenfrei"-Netzwerks nahezu täglich präsentiert bekommt, ebenso beigetragen haben wie die immer unverhohlener zu Tage tretenden Tendenzen zur weltanschaulichen Indoktrinierung von Kindern schon im Vorschulalter (Stichwort "Lufthoheit über den Kinderbetten"). 

Nun ist es wohl kein großes Geheimnis, welches Detail von Sabine Rennefanz' "kindergartenfrei"-Enthüllungsreportage in der Berliner Zeitung mich am stärksten angesprochen hat, nämlich die Aussage, die Bewegung gelte "als Sammelbecken für Alternative, Esoteriker, Impfgegner, konservative Christen". -- Nicht dass hier Missverständnisse aufkommen: Meine Tochter bekommt alle empfohlenen Impfungen und hat sie bisher auch stets gut vertragen. Aber der Punkt mit den konservativen Christen machte mich doch hellhörig. Sowohl Rod Dreher in der "Benedikt-Option" als auch Tommy und Karen Tighe in "How to Catholic Family" verweisen auf das Sprichwort "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen" -- und beziehen es auf die Feststellung,  Familien, die ihre Kinder im christlichen Glauben erziehen wollen, benötigten dazu den engen und regelmäßigen Kontakt zu anderen Familien, die dasselbe Anliegen haben. Fein, dachte ich: Wenn man mit Hilfe des "kindergartenfrei"-Netzwerks solche Kontakte herstellen kann, dann nichts wie rein da! 

Symbolbild, Quelle: Pixabay 

Acht Monate später lässt sich das Eingeständnis nicht umgehen, dass die Ergebnisse in dieser Hinsicht hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Nette Leute kennenlernen, die Kinder in einem ähnlichen Alter haben wie man selber; sich zu Spielplatztreffen, Waldspaziergängen und ähnlichem verabreden -- das funktioniert mit Hilfe der "kindergartenfrei"-Regionalgruppen ganz prima (und wenn es wieder wärmer wird und man mehr mit den Kindern "draußen" unternehmen kann, wird das sicherlich noch mehr werden). Und dafür allein lohnt es sich ja schon. Aber der Verwirklichung der "Idee eines christlichen Dorfes", wie es in der #BenOp heißt, sind wir damit noch nicht bedeutend näher gekommen.  Zu einem wesentlichen Teil hat das damit zu tun, dass die "kindergartenfrei"-Szene in Wirklichkeit viel heterogener ist, als dieser eine Satz von Sabine Rennefanz es nahelegt. Viele der Eltern, die sich in den betreffenden Gruppen vernetzen, haben oder hatten zunächst mal überhaupt keine "weltanschaulichen" Gründe, ihre Kinder nicht in den Kindergarten gehen zu lassen, sondern haben festgestellt, dass es für sie (aus einer Vielzahl möglicher Gründe) schlichtweg nicht funktioniert. Ja, Leute mit einem Hang zur Esoterik trifft man da auch. Impfgegner? Gut möglich, aber wie stark die vertreten sind, lässt sich schwer einschätzen, da die Gruppenadministratoren es in aller Regel vermeiden, Diskussionen über dieses Reizthema aufkommen zu lassen. Und wie sieht es nun mit den Fundi-Christen aus? Doch, ja, die gibt es schon auch, aber sie scheinen eher eine Splittergruppe zu sein. Zudem habe ich den Eindruck, dass die meisten von ihnen eher aus der evangelikalen Ecke kommen. Diese Feststellung meine ich nicht abwertend: Wer mich kennt, wird wissen, dass ich durchaus irgendwo eine "offene Flanke" zu dieser Seite habe. Gleichzeitig lässt sich aber auch schwerlich leugnen, dass es Aspekte des evangelikalen Christentumsverständnisses gibt, die mit dem katholischen Glauben schwer oder gar nicht vereinbar sind. Das würden übrigens die meisten Evangelikalen, die ich kenne, bestätigen. Sicherlich kann man in dem Anliegen, seine Kinder christlich zu erziehen, in vielen Punkten auf einen Nenner kommen, aber in anderen eben nicht. Ich sag mal nur "Sakramentenkatechese"

Was sich davon abgesehen auf jeden Fall feststellen lässt, ist, dass "kindergartenfrei"-Eltern sich überdurchschnittlich stark mit verschiedenen Erziehungskonzepten und der entsprechenden Ratgeberliteratur befassen und auskennen. Und das ist nun überhaupt nicht mein Ding. In mir schlummert die Überzeugung, sobald ein Erziehungskonzept einen speziellen Namen hat - und somit gewissermaßen als Markenartikel promotet wird -, handle es sich um Scharlatanerie, Humbug und Bauernfängerei. Ist vielleicht doof von mir, aber so bin ich. Der größte Zankapfel innerhalb der "kindergartenfrei"-Szene - ein Thema, das womöglich noch umstrittener ist als das Impfen - ist hierbei das Konzept "unerzogen". Der Begriff ist genau so gemeint, wie er klingt: Es geht darum, dass man Kinder nicht erziehen soll. Also so richtig überhaupt nicht. Weil jede Form von Erziehung Gewalt sei, nämlich eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechts des Kindes. 

Gerade heraus gesagt, wenn ich so etwas nur höre, krieg ich schon Pickel. -- Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Unter Erziehung verstehe ich nicht, das Kind durch Belohnung und Bestrafung darauf zu "dressieren", dass es so "funktioniert", wie man es haben möchte. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man einem Kind innerhalb vernünftiger Grenzen ein größtmögliches Maß an Freiheit einräumen sollte, sodass es lernen kann, einen eigenen Willen auszubilden, eigene Vorlieben und Interessen zu entwickeln. Das entscheidende Stichwort ist hier aber natürlich "innerhalb vernünftiger Grenzen". Wo genau diese verlaufen, ist wohl immer Ermessenssache, und da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie selbst die überzeugtesten "unerzogen"-Anhänger es eigentlich praktisch realisieren wollen, einem Kind überhaupt keine Grenzen zu setzen, könnte ich mir vorstellen, dass es in der Praxis in einer "unerzogen"-Familie gar nicht sooo total anders zugeht als bei uns zu Hause. Aber da könnte ich mich natürlich täuschen. Der wesentliche Unterschied liegt jedenfalls in der Einstellung. Zum Teil lässt sich der "unerzogen"-Trend wohl auf eine vulgär-rousseauistische Idealisierung des Kindes zurückführen, derzufolge das Kind von Natur aus gut sei und durch Erziehung nur verdorben werde; das Kind als "Edler Wilder" gewissermaßen. Eine wohl noch größere Rolle scheint aber ein allgemein stark um sich greifender ethischer und erkenntnistheoretischer Relativismus zu spielen: Wenn Richtig und Falsch, Gut und Böse keine objektiven Größen sind, wie kann ich mir dann anmaßen, besser wissen zu wollen, was gut für mein Kind ist, als dieses selbst? (Man könnte die Art und Weise, wie sich im "unerzogen"-Konzept der Relativismus selbst ad absurdum führt, fast lustig finden, wären da nicht die armen Kinder...) 

Auf der Hand liegen dürfte jedenfalls, dass die "unerzogen"-Ideologie sowohl in ihrer rousseauistischen als auch in ihrer relativistischen Variante aus christlicher Perspektive völlig inakzeptabel ist, aber an diesem Punkt will ich mich gar nicht länger als unbedingt nötig aufhalten. Fakt ist jedenfalls, es gibt - auch über die "kindergartenfrei"-Szene hinaus - ein enormes Interesse an Fragen der Kindererziehung, an unterschiedlichen Erziehungsmodellen und -konzepten, und ein Ergebnis davon ist ein wahrer Boom vom Mami-Blogs. Unter diesen gibt es einige, die in besonderem Maße mit der "kindergartenfrei"-Szene assoziiert werden; so schreibt Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung über die Bewegung der KiTa-Verweigerer: "Man findet ihre Anhänger auf Blogs wie '2KindChaos', 'Blogprinzessin' oder 'Berufung Mami'". Derselbe Satz tauchte wortwörtlich auch in einem gut ein halbes Jahr später in der "Kölnischen Rundschau" erschienenen Artikel zum selben Thema auf (was uns, nebenbei bemerkt, auch etwas über die Recherchemethoden von Profi-Journalisten verrät). Na, dann schauen wir uns diese Blogs doch mal an. 

Fangen wir mal an mit "Berufung Mami", das klingt am konservativsten, und "Berufung" ist ja ein Begriff, mit dem Christen etwas anfangen können. Die Autorin von "Berufung Mami", Jenniffer Ehry-Gissel, ist ein paar Jahre jünger als ich und ein paar Jahre älter als meine Liebste, war mit 35 Jahren eine sogenannte "späte Erstgebärende" und hat inzwischen noch einen zweiten leiblichen Sohn, zudem hat ihr Mann zwei ältere, inzwischen bereits erwachsene Kinder mit in die Ehe gebracht. Wie der Titel des Blogs es schon nahelegt, schreibt sie darüber, dass es für sie das Wichtigste im Leben ist, für ihre Kinder da zu sein. Im Übrigen beschreibt sie sich als "[t]iefgründiger Skorpion, Tierliebhaber, Reiki-Meister, Indien-Fan, Vegan". Äh, okay. Fragen nach der religiösen Ausrichtung des Blogs hätten sich damit wohl erledigt. Ich habe ein bisschen aufs Geratewohl und kreuz und quer in Jenniffers Blogartikeln gestöbert, einige haben mich durchaus angesprochen, andere weniger. Sehr bewegend und empfehlenswert fand ich einen Beitrag mit der Überschrift "Du wirst niemals vergessen sein!", in dem die Autorin sich an ihre erste Schwangerschaft im Alter von 17 Jahren erinnert -- die in der 6. Woche mit einer Fehlgeburt endete. Der Artikel geht so nahe, dass ich es schon fast nicht mehr wage, in anderem Zusammenhang Kritik an der Autorin zu üben. Muss aber leider sein: In einem bereits gut zweieinhalb Jahre alten Artikel mit der Überschrift "Beziehung statt Erziehung" gibt Jenniffer sich als zumindest tendenzielle Sympathisantin der "unerzogen"-Idee zu erkennen, indem sie etwa schreibt, dass ihr "die Vorstellung gefällt, dass mein Kind und ich auf Augenhöhe sind" und dass ihr "der Punkt 'Grenzen setzen' überhaupt nicht" gefalle: "Wie komme ich dazu, mich über mein Kind zu erheben und ihm zu sagen, wo seine Grenzen sind!?" 


Immerhin, in einem Artikel von 2018, mit dem sie auf Sabine Rennefanz' Reportage in der Berliner Zeitung reagiert, erklärt sie, ein wesentlicher Grund für ihre Entscheidung, "kitafrei zu leben", sei es, "dass ich meinen Kindern gerne meine eigenen Werte mitgeben möchte". Das klingt dann ja doch schon erheblich anders. 

Aber weiter zum nächsten Blog. Ginge es nur um persönliche Sympathiewerte, dann läge Katarina Fiebelkorn, die Autorin von "blogprinzessin", bei mir ganz weit vorn. "Blogprinzessin" ist, wie die Betreiberin selbst es formuliert, "[d]er Blog mit nordischem Schnack" -- und das mag ich einfach, das ist der Sound meiner Jugend. Dass die Blogautorin ganze vier Kinder hat, finde ich von vornherein anerkennenswert (okay, die beiden mittleren Kinder kamen als Zwillinge zur Welt, aber "trotzdem" haben sie und ihr Mann sich danach bewusst noch für ein weiteres Kind entschieden); zudem ist sie - als gebürtige Hamburgerin - nicht nur, aber auch der Kinder wegen aufs Land gezogen und wohnt jetzt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof. Was wohlgemerkt nicht bedeutet, dass sie Landwirtschaft betreiben - sie haben ein kleines Häuschen  auf dem Gelände eines Hofes, der von jemand anderem bewirtschaftet wird -, aber immerhin. Außerdem mag sie Gilmore Girls. Andererseits erwähnt sie, sie sei zwar durch ihren Mann "zum 'Star Wars'-Fan geworden", möge aber "die 'Alte Trilogie' nicht besonders sondern die Filme mit Natalie Portman oder die ganz neuen mit Daisy Ridley". Das gibt natürlich massive Abzüge in der B-Note. 

Okay, Scherz beiseite: Ehe man sich angesichts der Vorstellung einer sechsköpfigen Familie in einem kleinen Häuschen auf dem Lande allzu sehr in Träume von einer hobbitmäßigen Idylle verliert, tut man gut daran, zu berücksichtigen, dass "blogprinzessin" ein kommerzieller Blog ist. "Auch ich muss meine Miete und meine Krankenversicherung bezahlen", erklärt die Autorin; und deshalb finden sich auf "blogprinzessin" relativ viele Testberichte, Gewinnspiele, Beauty-Tipps und sonstige Produktempfehlungen, die die Autorin ordnungsgemäß als Werbung bzw. "Reklame" deklariert und sich dafür anständig entlohnen lässt. Reklame beispielsweise für ein "Offizielles Star-Wars-Kostüm" zu Fasching, einen Sockelsauger"7 Buchverfilmungen auf Netflix die du gesehen haben solltest" (okay, da ist "Der Hobbit" dabei... Moment, ist das jetzt gut oder schlecht?), Weihnachtsdeko von IKEA (in Pastellfarben) oder die "Pampers Club App" fürs Handy. Ich sag mal: #benOppige bzw. #CrunchyCon-mäßige Konsumkritik sieht anders aus. 

In der Rubrik "21 Dinge, die du vielleicht nicht über mich weißt" (woher auch?) verrät Katarina, sie "versuche jeden Tag 10min zu meditieren, es hilft mir mich zu konzentrieren und zu entspannen." Versucht man ihrem Blog mit Hilfe der Stichwortsuche die sprichwörtliche "Gretchenfrage" zu stellen, findet man indes nicht viel Tiefgründigeres als ein Plädoyer dafür, den Kindern nicht zu früh den Glauben an den Weihnachtsmann zu rauben, denn:  
"Es muss doch diesen Weihnachtszauber geben! Wie soll man denn Weihnachtszauber haben, wenn man das Spiel möglichst gar nicht mitspielt? Woher kommt die Magie, die die Weihnachten unserer Kindheit so unvergessen machen, wenn wir in der Weihnachtszeit keinen Glanz und keinen Zauber versprühen wollen? Weihnachten ist pure Magie!"
Ah ja. Na dann. 

Insbesondere da ich Katarina Fiebelkorn, seit der besagte Artikel der Berliner Zeitung mich auf ihren Blog aufmerksam gemacht hat, auch auf Twitter folge, kann ich übrigens zu Protokoll geben, dass es reichlich absurd wirkt, sie einerseits als Leitfigur der "kindergartenfrei"-Bewegung zu benennen und diese Bewegung andererseits als "antifeministisch" einzuordnen, denn die Blogautorin bezieht regelmäßig durchaus "typisch feministische" Positionen zu Fragen von Gleichstellung, Gendergerechtigkeit, you name it. Befremdlicherweise übrigens auch zum Thema Abtreibung. "Befremdlich" sage ich vor allem deshalb, weil... 

Okay, jetzt wird's wieder heikel. 

Ebenso wie Jenniffer von "Berufung Mami" schreibt auch Katharina von "blogprinzessin" über eine Fehlgeburt, die sie erlitten hat. Der zentrale Artikel zu diesem Thema (das gleichwohl noch in mehreren anderen Blogposts angesprochen wird) trägt den Titel "Tschüss, Baby. Ich liebe dich" und geht echt an die Nieren. Es handelte sich um die dritte Schwangerschaft der Autorin, und in der 10. Schwangerschaftswoche brachte eine Untersuchung das erschütternde Ergebnis: 
"Unser Baby (immerhin hatte es schon Arme und Beine und, wenn auch nur kurz, einen Herzschlag) ist tot".
Es will einfach nicht in meinen Kopf, wie jemand aus eigener leidvoller Erfahrung so etwas schreiben und trotzdem Abtreibung gutheißen kann. Das soll kein persönlicher Angriff sein, ich verstehe es nur einfach nicht. 

Noch ein anderes Thema: Ebenfalls auf Twitter wies die "blogprinzessin"-Autorin auf das in der Reihe "Duden Lesedetektive" erschienene, zur Leseförderung in der 2. Klasse konzipierte Kinderbuch "Svenja will ein Junge sein" von Luise Holthausen hin und lobte Autorin und Verlag dafür, sich an dieses Thema heranzutrauen. Ich hatte daraufhin die vage Ahnung, dass da irgendwas nicht stimmt, und fand mittels einer kurzen Recherche heraus, dass die Protagonistin dieses Kinderbuchs durchaus nicht "transgender" ist, sondern bloß vorübergehend mal keine Lust hat, die Verhaltenserwartungen zu erfüllen, die an ein Mädchen gestellt werden; übrigens ist das Buch von 2012. "Schade", fand die liebe Katarina, als ich sie darauf hinwies. 

Was den Gesamtbereich Sex und Gender angeht, ist "2KindChaos" allerdings noch mal eine ganz andere Nummer. Und nicht nur in dieser Hinsicht. Insgesamt scheint das eher so der Gothic-Metal-Club unter den Mami-Blogs zu sein: Neben der Blogbetreiberin "Frida Mercury" schreiben hier recht häufig verschiedene Gastautorinnen, aber zumindest bei stichprobenartiger Lektüre verschiedener Beiträge scheinen die sich alle nicht sonderlich voneinander zu unterscheiden. Okay, vielleicht täuscht dieser Eindruck. "Hier gibt es keine Schubladen", erklärt Frida, "außer der, dass Liebe drin sein muss". Schön, aber wie schon der große Existenzphilosoph Haddaway zu Recht fragte: "What is Love?" 

Unter der Überschrift "Let's talk about (Eltern) Sex. Vom großen Frust in der Beziehung" schreibt eine Gastautorin: 
"Ich bin nicht so sicher, ob ich das vielleicht alles so eng sehe oder ob es wirklich so Scheisse ist und deshalb wollte ich darüber schreiben. [...] [I]ch will über Sex reden. Den ich nicht habe. Oder nur sehr selten. Und darüber beschwert sich mein Mann.
Zu Recht?
[...]
Mein Leben spielt sich [...] vorwiegend in unseren 4 Wänden ab. Mit schreienden, schlecht gelaunten, weinenden Kindern, die ich keine 2 Minuten alleine lassen kann, [...]
Ich habe keine Lust auf Sex. [...]. Ich will wenigstens Abends meinen Körper für mich haben. ALLEINE!!!
Und überhaupt, mein Körper. Ich mag ihn nicht. Ich mochte ihn eigentlich noch nie[.]"
Ehe sich jemand beschwert: Ich will die hier angesprochenen Probleme nicht kleinreden. Aber ich finde den Tonfall, die ganze ziellose Unzufriedenheit mit allem und jedem, das genüssliche Suhlen im Unglück ausgesprochen bezeichnend für meinen Gesamteindruck von diesem Blog. -- Von einer anderen Gastautorin stammt der Beitrag "Offene Beziehung trotz Kinder. Wir lieben uns, haben aber Sex mit anderen". Darin heißt es: 
"Unsere 'Abmachung' hat nichts mit Emotionen und Gefühlen wie Liebe zu tun [...]. Sex und Gefühle kann man trennen, zumindest wir können es."
Und die Blog-Hausherrin selbst wirft in einem der neueren Beiträge die Frage auf: "Wie kann man seine Kinder zu (sexuell) toleranten Menschen erziehen?" Darin liest man beispielsweise: 
"Auch jetzt würde ich nicht behaupten wollen, dass ich mich vollends auskenne und zum Beispiel genderneutral erziehe oder jeden Menschen erstmal nach den Pronomen frage, die ersie verwendet haben möchte. Sollte ich aber. [...]
Klar ist [..], dass es ziemlich schwierig ist, da eine gewisse Offenheit reinzubringen. Auch sexuelle Orientierung ist scheinbar schon fest verankert, denn meine ältere Tochter (ich schreibe jetzt Tochter weil sie sich selbst als Mädchen definiert) sagt schon klar, dass Männer und Frauen heiraten. Was das Thema angeht, finde ich es aber deutlich einfacher, auch schon Kindern zu erklären, dass es eigentlich egal ist, in wen man sich verliebt, und dass man auch heiraten darf, wen man will. Das haben sie schnell verstanden - schneller als das Thema Geschlechtsidentität. Ok, das ist vielleicht auch nicht so einfach zu erklären für eine 3jährige. (Wer das gut kann, darf sich gern melden!) Meine 6jährige zumindest hört sich die Erklärungen da auch schon an und ich denke, dass sich da schon ein Verständnis aufgebaut hat. Dass es Menschen gibt, die einen Penis haben, aber eine Frau sind. Oder Menschen mit Scheide, die ein Mann sind."
Also, sorry: Wenn ich meine Kinder so erziehen wollte, dann könnte ich sie auch gleich in die KiTa gehen lassen. 

Irgendwie fällt mir in diesem Zusammenhang die Fernsehserie "Eine himmlische Familie" (Originaltitel "7th Heaven") ein, die ich mir vor über einem Jahrzehnt mal aus einer Art Faszination des Grauens heraus ein paar Staffeln lang angetan habe. Thema der Serie war das Alltagsleben einer siebenköpfigen Pastorenfamilie in einer Kleinstadt in Kalifornien, und ich muss sagen, das, was einem da als angebliches Idealbild eines intakten Familienlebens vorgeführt wurde, fand ich schlichtweg gruselig. Mir schien die Serie ein typisches Produkt der George W. Bush-Ära, zugeschnitten auf ein Publikum kleinstädtischer, mittelmäßig wohlhabender,  evangelikaler Republikaner-Wähler. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, was für eine Art von Zielpublikum "Eine himmlische Familie" eigentlich in Deutschland ansprechen sollte -- aber dann fand ich ein Fan-Forum im Internet und stellte dort fest, dass diese Serie ziemlich beliebt bei Teenie-Mädchen war, die in der dort dargestellten Art von Familienleben offenbar etwas sahen, was ihnen in ihrem eigenen Leben fehlte. Das könnte man als bemerkenswerte Erkenntnis betrachten, aber erheblich verkompliziert wird der Befund dadurch, dass die meisten dieser Mädchen zugleich auch Fans der Serie "Sex and the City" waren und darin, auch auf Nachfrage, nichts Widersprüchliches erkennen konnten. 

Das lasse ich hier jetzt einfach mal so stehen. 

Was ich mit alledem sagen will: Innerhalb der "kindergartenfrei"-Szene gibt es ein seeeehr breites Spektrum unterschiedlicher, zum Teil ausgesprochen gegensätzlicher Anschauungen zu allen möglichen Fragen, die die Kindererziehung direkt oder indirekt tangieren. Möglicherweise kann man als konservativer Christ über das "kindergartenfrei"-Netzwerk Kontakte zu gleichgesinnten Eltern knüpfen, aber man muss damit rechnen, in wesentlich größerem Ausmaß auf Eltern zu stoßen, mit denen einem außer der Tatsache, dass auch sie ihre Kinder nicht in Fremdbetreuung geben mögen, so richtig gar nichts verbindet. Wie geht man damit um, was folgt daraus für die "Idee vom christlichen Dorf"? Nun, was meine eigene Familie betrifft, so denke ich, es kann gewiss nicht schaden, die über das "kindergartenfrei"-Netzwerk geknüpften Kontakte aufrechtzuerhalten, zu vertiefen und weitere aufzubauen -- auch solche zu nichtchristlichen Eltern. Mit wem man gut "kann" und mit wem weniger, wird sich im Laufe der Zeit schon herauskristallisieren. Der nächste Schritt ist dann die auch schon länger geplante Einrichtung einer Krabbelgruppe in den Räumen unserer Pfarrei. Natürlich ist es auch da nicht garantiert, dass die Eltern, die dort hinkommen, ausschließlich oder überwiegend solche sind, denen "das Christliche sehr wichtig" ist. Muss auch gar nicht -- jedenfalls nicht für den Anfang. Immerhin schafft man damit schon mal einen Rahmen, der die Wahrscheinlichkeit, dass religiös interessierte Eltern sich davon angesprochen fühlen, mindestens graduell erhöht, und auf mittlere Sicht könnte so ein Angebot ja auch einen missionarischen Aspekt entwickeln. 

Meine eigentliche Idealvorstellung wäre allerdings ein Familienkreis innerhalb der Pfarrei, der gemeinschaftlich ein möglichst schon bei der Ehevorbereitung, spätestens aber bei der Anmeldung von Kindern zur Taufe ansetzendes Modell von fortlaufender Familienkatechese entwickelt. Anfangen könnte man damit, dass die Eltern gemeinsam den "YOUCAT for Kids" studieren, während die Kinder miteinander spielen. Auf längere Sicht könnte ein solcher Familienkreis die herkömmlichen Erstkommunion- und Firmvorbereitungskurse zunächst ergänzen und irgendwann einmal ganz ersetzen. Die sind nämlich die Pest und müssen sterben. Aber dazu wohl lieber ein andermal mehr... 



Kommentare:

  1. Mit Familienkreisen ist es so eine Sache... Derjenige, in dem wir sind, macht auch gerne am Sonntag ganztägige Ausflüge. Deswegen sehe ich aber noch niemanden davon (niemanden!) in der Vorabendmesse. Überhaupt treffe ich den Familienkreis eigentlich nur einmal im Jahr in der Kirche: beim Krippenspiel an Heiligabend.

    Womit wir auch beim "muss auch gar nicht" sind.

    Und: Eltern, die sich bei der Ehevorbereitung vernetzen, bekommen ihre Kinder durchaus im Abstand von fünf Jahren, und entsprechend sind die relevanten Themen denkbar unterschiedlich. Ich fürchte, das funktioniert nicht. Eher noch, wenn die Eltern sich bei der Taufvorbereitung kennenlernen.

    (Von der Ehe"vorbereitung" und der Tauf"vorbereitung", die ich geniessen durfte, schweige ich lieber. Die sind nämlich in der Tat ähnlich zu Erstkommunion- und Firm"vorbereitungen".)

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  2. Daran habe ich ja nun wirklich *überhaupt nichts* auszusetzen. (y)

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  3. "Wie komme ich dazu, mich über mein Kind zu erheben und ihm zu sagen, wo seine Grenzen sind!?"

    Reichlich seltsamer Ansatz, erinnert an die seltsame Kita-Mode in besonders progresiven Kitas, Kinder erst zu wickeln, wenn diese das auch wirklich wollen und verständlich kundtun.

    Es geht, meiner Erfahrung nach, mehr darum, dem Kind zu sagen, wo die EIGENEN Grenzen von Eltern und Gesellschaft sind, so im Sinne von "bis hierher und nicht weiter". Wie sollen sie denn das jemals kapieren, wenn sie kein klares Feedback bekommen?

    Meine beste Freundin war massiv esoterisch angehaucht, als wir kleine Kinder hatten. Sie war damals viel in kita-verweigendern Kreisen unterwegs; die Wahrscheinlichkeit, dort jemanden zu finden, der indianische Schwitzhüttenrituale betreibt, war wesentlich höher, als jemanden zu finden, der ein Stundenbuch sein eigen nennt.
    Glaube nicht, dass sich das geändert hat und bin gespannt, wo sich die christlichen Kita-Verweigerer/innen verstecken...

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  4. Meine Frau liest hier regelmäßig und liest mir regelmäßig auch vor. Unsere Tochter ist 1,5 Jahre alt, wir werden ebenfalls ständig bedrängt unsere kleine dem Gesinnungsinstitut Kita abzugeben oder wenigstens irgendeiner ominösen Frau, genannt Tagesmutter, anzuvertrauen, damit meine Frau unbedingt arbeiten gehen kann. Neben meiner Ablehnung dieser "grandiosen" ja geradezu Forderungen, gebe ich dann gerne noch zum Besten, dass es am Anfang der Industrialisierung der große Traum einer Arbeiterfamilie war, dass nur der Mann arbeiten musste um die Familie zu versorgen und sich die Frau um Ihre Kinder kümmern konnte. - Das geht heute schon, selbst mit wenig , man muss halt die Erwartungen zurückschrauben. Aber so weit geht das Thema gar nicht, mein Gegenüber schaut mich meist vollkommen verwirrt an, wenn ich vom Traum einer Arbeiterfamilie aus der Industrialisierung aufgehört habe. Es ist wohl schwer zu verstehen, das wer andere Prioritäten hat, welche sich nicht um Karriere usw. drehen.

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  5. Ich habe die drei vollen Jahre Elternzeit genommen und es war eine wunderbare Zeit. Ich kann nur jede/n ermutigen, sich diese Option näher anzusehen - natürlich gibt es Leute, die es schlicht nicht aushalten, sich 24/7 mit Kleinkindern zu umgeben, aber die sind m. Erfahrung nach eine Ausnahme. Die meisten, die die Kinder früh in Betreuung geben, müssen entweder arbeiten (Haus gekauft, schwanger geworden) oder haben sich die "Nur in einer Kita kann dein Kind adäquat gefördert werden"-Propaganda zu Herzen genommen. Wenn ich mich mit Müttern unterhalten habe, die die Elternzeit ausgeschöpft haben (und es waren nur Mütter, die das taten), kam ganz klar als Antwort, dass sie die Zeit genießen/genossen haben und das Kind sicherlich nicht vor drei fremdbetreuen lassen wollten. Es kommt also auch ein bisschen darauf an, mit welchen Leuten man zu tun hat - es GIBT reichlich Menschen, die Kinder unter 3 selbst betreuen wollen; wenn man in den "falschen" Kreisen verkehrt, stellt sich die Situation nur ganz anders dar, ohne der Realität einer breiten Bevölkerungsschicht zu entsprechen.

    NB: Meine Dreijährige geht tatsächlich sehr gern in einen kleinen, handverlesenen Kindergarten mit fähigem, erfahrenen, deutschsprachigen Personal und großem Involvement der Eltern. Das ist fein, und es ist früh genug!

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