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Mittwoch, 13. März 2019

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 14

Erinnern wir uns: Am 21. Juli 1869 wurde bei der polizeilichen Durchsuchung eines Klosters der Unbeschuhten Karmelitinnen in der damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Stadt Krakau eine eingesperrte, offenbar geisteskranke Nonne namens Barbara Ubryk entdeckt, die, wie sich herausstellte, seit mehr als 20 Jahren in diesem Kloster gefangen gehalten worden war. Wenige Wochen darauf begann der Münchner Verlag Neuburger & Kolb mit der Veröffentlichung eines Fortsetzungsromans, der die Hintergründe der Affäre Ubryk zu enthüllen versprach. Tatsächlich füllte Autor "Dr. A. Rode" zunächst allerdings Druckbogen um Druckbogen mit einer ausufernden, mehrsträngigen Liebes- und Intrigenhandlung, die keinen zwingenden Zusammenhang mit dem realen Fall der Barbara Ubryk erkennen ließ und für die er vermutlich auf bereits früher geschriebenes Material zurückgriff. Erst nach 736 Seiten (und somit in der 16. von 20 angekündigten Lieferungen) kam die Romanhandlung an den Punkt, an dem die Titelheldin ins Kloster eintritt -- und dann ist es auch noch das falsche Kloster, nämlich der Karmel in Warschau, nicht in Krakau. Man könnte nun denken, dem Autor laufe allmählich mal die Zeit weg bzw. gehe der Raum aus, um seine Geschichte zu Ende zu erzählen, aber er selbst scheint das nicht so gesehen zu haben: Kaum haben sich die Klosterpforten hinter Barbara geschlossen, nimmt sich Dr. Rode erst einmal Zeit für zwei umfangreiche Exkurse, einen über die Geschichte des Karmeliterordens und einen über allerlei skandalöse Vorkommnisse in Klöstern, besonders solche sexueller Natur. Wir werden sehen, wie "modern" seine Vorwürfe teilweise anmuten. Aber dazu später. 

Übrigens betreibt der Verfasser nicht zuletzt auch dadurch schamlose Zeilenschinderei, dass er umfangreiche Zitate aus schon zu seiner Zeit antiquarischen Werken übernimmt; so bringt er in Kapitel LII zwei Auszüge aus dem "Verzeichnüß der geistlichen Ordens-Personen in der Streitenden Kirchen" des italienischen Jesuiten Philipp (bzw. Filippo) Bonanni, in Kapitel LIII einen Auszug aus der Satire "Gereinigter Bienenkorb der Heiligen Römischen Kirche" des niederländischen Humanisten Philips van Marnix. Abgesehen davon, dass sich so die Druckbogen schneller füllen lassen, hat Dr. Rode offenbar auch einfach Spaß an “dem damaligen Deutsch" (S. 737), und ganz nebenbei verraten solche Passagen dem Leser auch etwas über die Quellen, die dem Autor in einer Zeit ohne Google Books zugänglich waren. Dass er zur Geschichte des Karmeliterordens ausgerechnet das Werk eines Jesuiten zitiert, wirkt indes in doppelter Hinsicht sonderbar: einmal, weil der Jesuitenorden für ihn doch geradezu das Böse schlechthin verkörpert, und dann auch, weil er in Kapitel LI ausgeführt hatte, dass "ein Orden den andern haßt, die Mitglieder des einen auf die des andern eifersüchtig sind und sich aufs heftigste untereinander befehden" und dass insbesondere die Jesuiten "im Volke die abenteuerlichsten Gerüchte über die Karmeliter" verbreiteten (S. 723). Die Auszüge aus dem Werk des Paters Bonanni enthalten allerdings gar nichts Ehrenrühriges oder Verleumderisches über den Karmeliterorden; das übernimmt Dr. Rode schon selbst. Sein LII. Kapitel hat zwei inhaltliche Schwerpunkte: die Entstehungsgeschichte des Karmeliterordens und die Biographie der großen Ordensreformerin Teresa von Ávila. Hinsichtlich des ersteren Aspekte hebt er besonders auf die "Sage" ab, "daß der Prophet Elias die Karmeliter gestiftet habe"; diese Mär lebe "noch heute in diesem Orden fort" (S. 739). Man möchte das für ausgedachten Quatsch halten, aber tatsächlich liest man auch in Herders Conversations-Lexicon von 1855, die Karmeliter hätten lange behauptet, "ihr Orden sei vom Propheten Elias [...] gestiftet, bis 1698 ein päpstliches Breve den unnützen Streit hierüber niederschlug". 

Im Zusammenhang mit den biblischen und außerbiblischen Überlieferungen über den Propheten Elija kann Dr. Rode sich nicht g'nug über theologische Dispute hinsichtlich der Frage mokieren, ob der Prophet leiblich in den Himmel aufgenommen wurde oder aber "auf einer Poststation zwischen Himmel und Erde anhielt, wo er noch jetzt sitze und das Ende der Welt abwarte" (S. 740) -- und was dabei aus seinem Mantel wurde. In einer Fußnote liefert der Romanautor in diesem Zusammenhang zudem ein Beispiel für vergleichende Mythologiekritik in Stil und Qualität von Alexander Hislop, Jack Chick oder "Zeitgeist - The Movie" ab: "In der Mythologie lenkt bekanntlich Apollo ebenfalls einen feurigen Wagen, den Sonnenwagen. Wer sieht hier nicht auf den ersten Blick die Vermischung des jüdischen Monotheismus mit der griechischen Götterlehre?" (ebd.) 

Wesentlich interessanter ist dann aber doch, was Dr. Rode über die Hl. Teresa von Àvila mitzuteilen hat. "Man kann sagen, daß die Karmeliter erst durch eine Reformation zum besseren Gedeihen gebracht wurden", erklärt er nämlich. "Diese Reformation, die Verbesserung des Ordens, nahm eine weibliche Ordensperson vor, eine der größten Heiligen und die einzige Kirchenschriftstellerin, Theresia Sanchez de Cepeda" (S. 743f.). Unklar bleibt freilich, welche Definition des Begriffs "Kirchenschriftstellerin" Rode hier voraussetzt, wenn er die Hl. Teresa als die einzige dieser Art betitelt; was, so fragt man sich, ist mit Hildegard von Bingen, was mit Katharina von Siena? (Zur Kirchenlehrerin wurde Teresa von Àvila erst 100 Jahre nach dem Erscheinen des Romans ernannt, das kann Rode also nicht gemeint haben.) Insgesamt widmet der Romanautor dem Leben und Wirken der Ordensreformerin rund 15 Seiten. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, seine Angaben zur Biographie der Heiligen Punkt für Punkt mit vertrauenswürdigeren Quellen abzugleichen, aber zumindest oberflächlich ergibt sich der Eindruck, dass die wesentlichen Fakten im Großen und Ganzen stimmen. Der Romanautor legt ihnen lediglich mit Fleiß die denkbar ungünstigste Deutung bei. Kurz und schlicht zusammengefasst betrachtet er Teresas ganze Heiligkeit, insbesondere ihre mal als dämonische Attacken, mal als göttliche Offenbarungen daherkommenden Erlebnisse visionärer Entrückung als Folgen "gereizte[r] Stimmung und Ueberspanntheiten [...], welche in Klöstern sehr häufig zum Ausbruche kommen" (S. 746): "Die modernen Heiligen, welche sich in ähnlichen Verzückungen befinden, werden von unserer glaubenslosen Zeit in den Narrenhäusern einquartiert”"(S. 748). Mehr als nur angedeutet wird die Überzeugung, diese "Ueberspanntheiten" seien letztlich das Ergebnis einer unterdrückten und verleugneten Sexualität; über Teresas wohl berühmteste Vision - bei der ihr ein Engel mit dem Pfeil der göttlichen Liebe das Herz durchbohrte - schreibt Dr. Rode: "Die ganze Befangenheit eines umnachteten Hirnes gehört dazu, an dieser Erscheinung die handgreifliche Wahrheit zu übersehen. Das Stechen mit einem glühenden Pfeile und die Süßigkeit des Schmerzes muß jeden Denkenden auf gewisse Ansichten bringen" (S. 753). 

Die Verzückung der Hl. Theresa, Skulptur von Gian Lorenzo Bernini, Rom, Santa Maria della Vittoria.
(Bildquelle: Wikimedia Commons, Urheber: Dnalor_01, Lizenz: CC-BY-SA 3.0) 

Aus heutiger Sicht mag es überraschen, solche Äußerungen in einem Text vorzufinden, der rund ein Jahrhundert vor der "sexuellen Revolution" erschien. Tatsächlich befinden wir uns - wie etwa Michel Foucault aufgezeigt hat - in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. auf dem Höhepunkt einer Entwicklung, die die Wahrnehmung und Beurteilung der menschlichen Sexualität aus dem religiös-moralischen in den medizinisch-psychologischen Bereich verschiebt. 1859 war Darwins welterschütterndes Werk "Über die Entstehung der Arten" erschienen, ein Jahr später lag es schon in deutscher Übersetzung vor; die Vorstellung, der Mensch sei letztlich nichts anderes als ein Tier und müsse seinen Trieben gehorchen, war virulent. Man gewinnt zwangsläufig ein verzerrtes Bild des vermeintlich so sittenstrengen, gerade in erotischer Hinsicht so zugeknöpften Viktorianischen Zeitalters, wenn man es nur durch den Filter der Hochkultur wahrnimmt. Gewiss, auch in Familienzeitschriften - dem ersten echten Massenmedium des deutschsprachigen Raums - legten Herausgeber und Redakteure Wert darauf, dass belletristische Beiträge "in erotischer Hinsicht so gehalten" waren, "daß sie auch vor jüngeren Mitgliedern im Familienkreise vorgelesen werden können". Aber das zweite Massenmedium des deutschsprachigen Raums war eben der Kolportagebuchhandel, und da der weitgehend unterhalb des Radars der gutbürgerlichen Literaturkritik existierte, ging es da anders zur Sache. Dort wurden nicht nur schlüpfrige Romane unters Volk gebracht - ausdauernde Leser dieser Artikelserie mögen sich an die ménage à trois zwischen dem schurkischen Jesuiten Rebinsky, der Gräfin Zolkiewicz und deren blutjunger Stieftochter erinnern, die in den ersten Kapiteln von Dr. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman geschildert wurde -, sondern auch populärwissenschaftliche Werke mit Titeln wie "Die Geheimnisse der Venustempel aller Zeiten und Völker" oder "Die Geschlechtskrankheiten des Menschen und ihre Heilung", in denen unter dem Deckmantel gesundheitlicher Aufklärung massive Pornographie betrieben wurde. 

Natürlich fehlte es in den respektablen Kreisen der Gesellschaft nicht an Warnungen vor den Folgen des Konsums von "Schundliteratur". Dr. Rode spielt selbst augenzwinkernd darauf an, wenn er "manche unserer schönen Leserinnen" anspricht, "welche die Barbara Ubryk unter tausend Aengsten und Sorgen, von der Mutter darüber ertappt zu werden, lesen" (S. 744f.), und kurz darauf bekräftigt: "Darum, liebe Kinder, liest [sic] keine Romane; sonst gehen Euch die Augen auf, sonst werdet Ihr eitel und putzsüchtig, und das kostet den Eltern Geld" (S. 745). 

Die oben angesprochenen Familienblattromane waren übrigens ganz so harmlos auch nicht, wie man sich das vorstellen würde. Im wenige Jahre vor der Affäre Ubryk, nämlich 1866, in der "Gartenlaube" erstveröffentlichten Roman "Goldelse" von E. Marlitt, einer von der Nachwelt gern als altjüngferliche Kitschtante belächelten Autorin, heißt es etwa im Zusammenhang mit der Beschreibung einer Klosterruine im Wald: 
"Die Reformation […] war […] durch den stillen Wald geschritten und hatte mit gewaltigem Finger über die Mauern des dunkeln Hauses gestreift […]. Und siehe da, […] ein Stein nach dem andern rollte herab neben die alten Eichenstämme, deren Wipfel ihn einst als zierlich gemeißelten Fenstersims oder als stattliches Glied der Mauer berührt hatten, und die nun jahraus, jahrein ihr Laub auf ihn streuten, bis er versank, weicher gebettet, als die Nonnenleichen da drunten". 
Man beachte die sexuell gefärbte Metaphorik: "gewaltige[r] Finger", "Eichenstämme", "stattliches Glied"! Das Kloster, das die jungen Frauen auf der Flucht vor den Versuchungen und Wirrnissen des Lebens aufsuchen, steht inmitten eines Waldes von Phallussymbolen, die zudringlich an die Fenster klopfen und so verhindern, dass der erhoffte Frieden in die Herzen der Nonnen einkehren kann. -- Auf die zeitgenössischen Anschauungen der Sexualpsychologie, die hier im Hintergrund wirksam sind, wird in Kürze noch zurückzukommen sein. 

Kapitel LIII beginnt mit einigen allgemeinen Zahlen, Daten und Fakten zur Entwicklung des Klosterwesens, und ganz nebenbei erledigt der Autor mit leichter Hand jedwede möglichen Einwände des Inhalts, Klöster hätten womöglich doch irgendwie eine Daseinsberechtigung: 
"Die Vertheidiger der Möncherei machen geltend, daß unsere Zeit Alles, was sie hat, nur den Mönchen verdanke. Sie erhielten und pflegten Kunst und Wissenschaften. Dieses Verdienst wollen wir ihnen, besonders den Benediktinern, nicht schmälern, weil es ihnen in Wahrheit gebührt. Für die Hinterwälder Amerikas und das Innere Afrikas könnten die Klöster sich noch jetzt ungeheure Verdienste erringen, wenn sie es nicht vorzögen, statt dessen gutes Bier zu brauen. Für unsere Tage aber sind sie nutzlos geworden." (S. 761) 
Alsbald wendet er sich dann aber ganz dem Thema des lasterhaften Lebens hinter Klostermauern zu. Hier kann Dr. Rode aus dem Vollen schöpfen, denn Greuelgeschichten aus dem Klostermilieu gehörten zum Standardrepertoire der deutschen Ritter- und Räuberromane wie auch der englischen Gothic Novel -- eines Genres, das der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler als im Ganzen "krass antikatholisch" bewertet. In einer Besprechung von M.G. Lewis' "The Monk"(1796), einem Werk, das, vermittelt über E.T.A. Hoffmanns Elixiere des Teufels (1815/16), auch die deutsche Spät- und Schauerromantik beeinflusste, merkt Fiedler an, Figuren wie "der verkommene Mönch, der korrupte Inquisitor, die boshafte Äbtissin" seien schon zur Entstehungszeit von Lewis' Werk "Standard" und "zu erwarten" gewesen. Geschichten über misshandelte, sexuell missbrauchte, eingekerkerte, lebendig eingemauerte oder in Wahnsinn oder Selbstmord getriebene Nonnen erlangten im Laufe des 19. Jhs. zunächst durch die kommerziellen Leihbüchereien, dann durch die Kolportage weite Verbreitung. So erwähnt Karl May in seinem gegen die Kolportageliteratur gerichteten Aufsatz "Ein wohlgemeintes Wort" (1883) Titel wie "Mönch und Nonne, oder das gemordete Kind" und polemisiert gegen Romane voller "zechende[r] Mönche" und "liebeglühende[r] Nonnen"; und in seiner fragmentarischen Autobiographie "Mein Leben und Streben" (1910) kommt er nochmals darauf zurück, als er seiner literarisch minderwertigen Jugendlektüre – darunter Romane wie "Emilia, die eingemauerte Nonne" und "Die Sünden des Erzbischofs" – gedenkt und nicht ohne Zerknirschung den Einfluss der "Raubritter, Räuber, Mönche, Nonnen, Geister und Gespenster aus der Hohensteiner Schundbibliothek" auf sein eigenes Werk eingesteht. Worüber May indes nicht reflektiert, ist die unterschiedliche Gestaltung des Motivs im traditionellen Schauerroman einerseits und im modernen Sensations- und Enthüllungsroman andererseits: Das traditionelle Modell bezog seine Wirkung aus dem Kontrast zwischen Erwartung und Wirklichkeit; vermeintlich fromme Ordensleute, die sich tatsächlich als besonders krasse Sünder entpuppen, gehören in diesem Sinne ebenso zum Genre der "verkehrten Welt" wie Hasen, die ihren Jäger braten (ein beliebtes Motiv mittelalterlicher Buchmalerei). In dem Maße aber, wie - siehe oben - die religiös-moralische Deutungshoheit über die menschliche Sexualität von einer medizinisch-psychologischen abgelöst wird, verlangt das sexuell deviante Verhalten von Priestern, Mönchen und Nonnen nach einer Erklärung -- und eine solche ist schnell gefunden im Verweis auf den Zölibat bzw. das Keuschheitsgelübde: 
"Die Folgen des Cölibats zeigen sich bei den Mönchen auf eine noch widerlichere Weise als bei den Weltgeistlichen, die durch ihren Verkehr mit den Menschen dasselbe eher umgehen können. Das ascetische Leben, die schwächende Diät und der häufige Genuß der Fische wie auch das Geißeln trugen sehr viel dazu bei, den 'Fleischesteufel' [...] aufzureizen. Die in den Klöstern herrschende Sittenlosigkeit übertrifft die kühnste Phantasie." (S. 767f.)
Den Hinweis auf die Folgen übermäßigen Fischverzehrs mag man eher skurril finden, aber die Kernthese ist hier offenkundig, dass die Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs abnorme sexuelle Gelüste hervorbringt. Dass solche aus der Vor- und Frühzeit der Sexualpsychologie stammenden Auffassungen auch heute noch, vielfach geradezu im Tonfall der Selbstverständlichkeit vorgetragen, durch die öffentliche Debatte geistern, ist im Grunde erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das dazu gewissermaßen komplementäre Konzept, die Ehe als ein Mittel zur gesunden, legalen und gesellschaftlich konformen Triebabfuhr zu betrachten, wohl kaum mehr auf großen Zuspruch rechnen könnte. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass der Romanautor die zitierte Passage, ohne Quellenangabe wohlgemerkt, Wort für Wort aus der erstmals 1845 veröffentlichten Schmähschrift "Historische Denkmale des christlichen Fanatismus" von Otto von Corvin abgeschrieben hat; Corvins Buch erlangte später unter dem Titel "Pfaffenspiegel" weite Verbreitung, unter anderem griffen auch die Nazis gern darauf zurück, um die katholische Kirche zu verleumden. Auch einige weitere Passagen des Kapitels sind nahezu wörtlich von Corvin übernommen, so etwa die folgende: 
"Kinder waren die Schattenseite des Nonnenlebens, aber die frommen Vcstalinnen wußten sich zu helfen. Das Mittel war sehr einfach, sie brachten die Kinder um. Bei Abbrechung des Klosters Mariakron fand man in den heimlichen Gemächern und sonst — Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben.
Bischof Ulrich von Augsburg erzählt, daß Papst Gregor I., der auch für das Cölibat sehr eingenommen gewesen, davon zurückgekommen sei, als einst aus einem Klosterteiche 6,000 Kinderköpfe herausgefischt wurden." (S. 768)
Die Geschichte über die Kinderköpfe in einem römischen Teich scheint übrigens tatsächlich auf eine (ziemlich sicher fälschlich) dem Hl. Ulrich von Augsburg zugeschriebene mittelalterliche Quelle ("Epistola de continentia clericorum") zurückzugehen. Schon die Reformatoren nutzten diese Schrift für ihre Polemik gegen den Zölibat. Für die Wirkungsgeschichte der Erzählung ist die Frage nach der Authentizität der Quelle indes zweifellos zweitrangig. Es kann nicht verwundern, dass auch die Romanliteratur von diesem schaurigen Motiv Gebrauch machte. So schilderte Karl May in seinem 1880-82 erschienenen Fortsetzungsroman "Die Juweleninsel" ein Kloster mit dem bezeichnenden Namen "Himmelreich", auf dessen "Klosterkirchhofe" es "einen Winkel [gibt], in welchem man beim Nachgraben nichts finden würde als die Ueberreste neugebore- ner Kinder. […] Die frommen Väter und Mütter haben einander sehr lieb, und der alte Basaltfelsen hat nicht umsonst so tiefe Klüftungen und unterirdische Gänge". Wie tief solche Schauergeschichten sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben, und zwar bis heute, kann man beispielsweise daran ablesen, wie die Öffentlichkeit reagierte, als im Jahr 2014 eine Geschichte über die angebliche Entdeckung eines Kinder-Massengrabs in der Klärgrube eines von Ordensschwestern betriebenen Waisenhauses durch die Medien geisterte. Natürlich musste die Geschichte stimmen, schließlich kennt man so etwas aus Romanen. 

Besonders ausführlich, nämlich auf knapp vier Seiten (S. 770-773), behandelt Dr. Rode einen Fall aus "der neueren Zeit", nämlich jenen der Magdalena Baumann, einer bayerischen Wundarzttochter, die mit 17 Jahren in ein Kloster eintrat, dort von ihrem Beichtvater sexuell bedrängt wurde und nach einem gescheiterten Fluchtversuch eingesperrt und schwer misshandelt wurde. Dieser Fall ist Gegenstand des 1808 in München erschienenen Büchleins "Gemälde aus dem Nonnenleben" des bayerischen Juristen und Historikers Felix Joseph Lipowsky, und es ist anzunehmen, dass Dr. Rode diese Schrift als Quelle benutzt hat, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt. Der Frage nach der Authentizität von Lipowskys Schilderungen nachzugehen, wäre ein Thema für sich und würde hier den Rahmen sprengen, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Aufdeckung eines Klosterskandals im Jahr 1808 nicht zuletzt auch dem Zweck diente, die in den Jahren 1802/03 erfolgte Aufhebung und Enteignung der bayerischen Klöster nachträglich gegenüber der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. So sieht es auch Dr. Rode: "Trotz solcher Erfahrungen gibt es doch noch heute Klöster!", ruft er empört aus (S. 773) -- und merkt zugleich an, der Fall Magdalena Baumann sei "nur ein schwaches Vorspiel gegen die schreckliche Barbarei, deren Opfer unsere Heldin geworden" (ebd.). 

Erst mit Kapitel LIV, das auf S. 774 beginnt, wird der Handlungsfaden um die Titelheldin Barbara Ubryk wieder aufgenommen; wir befinden uns also bereits in der 17. Lieferung des Romans. Das Kapitel beginnt mit Barbaras Eintritt ins Noviziat und endet mit ihrer Ewigen Profess, also ihrer endgültigen Aufnahme in den Orden; aber diese Vorgänge boten dem Autor offenbar wiederum nicht ausreichend Stoff für ein ganzes Kapitel, weshalb er abermals einen umfangreichen polemischen Exkurs einbaut, diesmal zum Thema Reliquienverehrung. Diesen immerhin knapp 9 Seiten langen Exkurs legt er der Novizenmeisterin des Klosters, Schwester Edeltrudis von den sieben Schmerzen Mariens, in den Mund, die offenbar entweder zu borniert ist, um zu bemerken, dass ihre Ausführungen geeignet sind, den Glauben ihrer Novizinnen an die Lehren der Kirche zu untergraben, oder die womöglich sogar ein perverses Vergnügen daran hat. Nicht umsonst betont Dr. Rode, Novizenmeisterinnen besäßen in der Regel "alle jene Untugenden, die man den alten Weibern nachredet, in verstärktem Maße": "Die Novizen sind unter dem unbeschränkten Commando derselben nichts weniger als zu beneiden. Auch Ediltrudis war ein liebenswürdiger Drache. Sie besaß eine eiserne Constitution, war übermäßig wohlbeleibt, hatte ein von den Blattern gezeichnetes Gesicht, einen Mund von übermäßiger Länge und schwarze Zähne." (S. 779) In ihrem Monolog über Reliquien jedenfalls bedient die Novizenmeisterin nicht nur sämtliche seit der Reformationszeit gängigen Klischees über bizarre Auswüchse des Reliquienkultes - so müsse etwa der Hl. Dionysius, wenn alle ihm zugeschriebenen Reliquien echt wären, "zwei vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe" gehabt haben (S. 783); "Splitter vom Kreuze gibt es soviele, daß man daraus eine Kriegsschiff bauen könnte, und die Nägel vom Kreuze wiegen nach Centnern. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich an jeder Hecke" (S. 784); einige andere groteske Anekdoten übernimmt der Autor abermals wörtlich von Corvin -, sondern sie behauptet darüber hinaus, "die ersten Christen" hätten "überhaupt ganz andere Anschauungen von der Lehre Christi" gehabt: "Hoffentlich werden sie als Ketzer auch nicht selig geworden sein, denn sie glaubten oft das reine Gegentheil von dem, was heute geglaubt werden muß." (S. 782). Das ist natürlich ein locus classicus der antikatholischen Propaganda, ob von atheistischer, neopaganer oder evangelikaler Seite; die Beispiele, die Dr. Rode der Schwester Edeltrudis in den Mund legt, sind mir so allerdings noch nirgends untergekommen: 
"So warf der berühmte Kirchenvater Tertullian der Jungfrau Maria vor, daß sie nicht an Christum geglaubt habe, Origines und der hl. Basilius beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und der große heil. Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, daß der Engel ihr die Empfängniß früher verkündet, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung leicht aus Scham ihrem Leben ein Ende hätte machen können." (ebd.) 
Nun, ich sag mal so: Ich habe mir erst kürzlich für schmales Geld die komplette "Bibliothek der Kirchenväter" auf meinem eBook-Reader installiert, ich könnte also durchaus mal gucken, ob sich in den Schriften der genannten Autoren etwas findet, was man mit ausreichend bösem Willen so interpretieren könnte wie hier geschehen. Ich bezweifle aber, dass der Aufwand sich lohnen würde. Möglicherweise befinden sich unter meinen Lesern aber Patristik-Kenner, die hier etwas zur Aufklärung beitragen können. Nur am Rande sei vermerkt, dass die Titulierung Tertullians als "berühmte[r] Kirchenvater" schon mal falsch ist: Zwar ist Tertullian ein bedeutender Autor des frühen Christentums, trägt aber nicht den Titel eines Kirchenvaters, da er sich gegen Ende seines Lebens der Häresie des Montanismus zuwandte. Auch Origines gilt kirchlicherseits nicht in allen seinen Schriften als verlässlich rechtgläubig. 

Abgesehen von diesem Exkurs geht es in Kapitel LIV im Wesentlichen um die Rituale bei Barbaras Noviziat, den Unheil verheißenden Neid der anderen Nonnen auf Barbaras Schönheit ("Die Novize brachte nach ihrer Ansicht einen ungeheuern Fehler mit — sie war schön, ja leider die schönste von allen Frauen im Kloster", S. 776), die strengen Regeln des Klosterlebens ("Der Gebrauch des Papieres auf dem Abtritte ist nicht erlaubt", S. 779) und schließlich, besonders ausführlich, die Feier ihrer Profess. Dabei lässt es der Autor, wie es Brauch ist, nicht an düsteren Vorausdeutungen fehlen: 
"Im Vorbeigehen [...] streckte ein kleines Mädchen die Hände nach Barbara aus und schrie laut genug, um von Jedermann gehört zu werden: — Ich will nicht, nein, ich will nicht, daß die Tante ins Kloster gehe! Diese Kinderstimme zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es war die Stimme der Unschuld, die sich gegen die Unnatürlichkeit des Klosters auflehnte.” (S. 792)
Des Kaisers neue Kleider, anyone? -- Das Kind, das sich hier Gehör verschafft, ist übrigens tatsächlich Barbaras Nichte, eine Tochter ihrer Schwester Therese. -- Und weiter: "Kaum hatte Barbara deu Fuß an die Schwelle des Klosters gesetzt, als sie in Thränen zerfloß. Was sie zum Weinen bewogen haben mochte, hat sie niemals gestanden." (S. 793). Aber auch damit noch nicht genug: 
"Als Barbara die Gelübde aussprach, stockte sie aus Beklommenheit ein wenig. Im nämlichen Augenblicke entglitt einer der Nonnen die brennende Kerze, die sie in ihren Händen hielt, fiel auf den Boden und erlöschte.
Seltsames Vorzeichen!" (S. 796)
Na dann. -- Im Rahmen der Zeremonie erhält Barbara auch einen neuen Namen, nämlich "Jovita von den Engeln" (S. 797). Wie der Autor erläutert, "soll [...] die Annahme eines neuen Namens das letzte Band noch zerreißen, welches den Menschen an die Welt kettet — das Familienband" (ebd.). Nun wissen wir ja inzwischen aus der polnischen Wikipedia, dass tatsächlich Barbara - oder genauer gesagt "Barbara Theresa vom Heiligen Stanislaus" - der Ordensname der "unglücklichen Nonne von Krakau" war, die bürgerlich eigentlich Anna mit Vornamen hieß. Für den Autor jedoch hat es einen unbestreitbaren Vorteil, dass "[d]er freundliche Leser [...] sich [...], wenn er sich mit uns in das Innere der Klöster wagen will, bequemen [muss,] den Namen Barbara zu vergessen, und sich dafür mit Jovita von den Engeln bekannt machen" muss (ebd.): Auf diese Weise braucht er selbst den Namen Barbara in den folgenden Kapiteln - die er ursprünglich sehr wahrscheinlich ohne jeden Bezug zum realen Fall der Barbara Ubryk verfasst hatte - nicht mehr zu verwenden und muss so nicht befürchten, sich bei der Benennung seiner Hauptfigur zu vertun. Möglicherweise war "Jovita von den Engeln" in der Urfassung des Romans sogar niemand anderes als... Elka? Dieser Vermutung werden wir in der nächsten Folge dieser Artikelserie nachgehen. 



Kommentare:

  1. >>"So warf der berühmte Kirchenvater Tertullian der Jungfrau Maria vor, daß sie nicht an Christum geglaubt habe, Origines und der hl. Basilius beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und der große heil. Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, daß der Engel ihr die Empfängniß früher verkündet, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung leicht aus Scham ihrem Leben ein Ende hätte machen können."

    Ich halte das für denkbar - bzw. meine mich zu erinnern, dass irgendwo (Ott? Thomas?) tatsächlich ein Kirchenvater zitiert wird, der der Allerseligsten eine (kleinere) Sünde unterstellt, etwa bei den angebrachten Gelegenheiten. (Daran sieht man natürlich, worum damals die *Debatte* überhaupt ging.)

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  2. Das ökumenische Heiligenlexikon hat einen interessanten Artikel dazu: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Maria-Concepcion.html

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