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Freitag, 15. Juli 2016

Nachrufe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Es wird einfach zuviel gestorben. Das ist ein Gedanke, der im Jahr 2016 wohl schon so Manchem durch den Kopf gegangen sein mag. Im laufenden Kalenderjahr wurden bereits Pierre Boulez, David Bowie, Alan Rickman, Glenn Frey ("The Eagles"), Lord George Weidenfeld, Paul Kantner ("Jefferson Airplane"), Maurice White ("Earth, Wind & Fire"), Roger Willemsen, Boutros Boutros-Ghali, Umberto Eco, Peter Lustig, Nikolaus Harnoncourt, Nancy Reagan, Keith Emerson ("Emerson, Lake & Palmer"), Guido Westerwelle, Johan Cruyff, Hans-Dietrich Genscher, Prince, Margot Honecker, Muhammad Ali, Götz George, Bud Spencer, Michael Cimino und Elie Wiesel - um nur einige zu nennen - von der Erde abberufen. Zuletzt meldeten die Medien kurz nacheinander den Tod zweier noch junger TV-Moderatorinnen - und mit "noch jung" meine ich "nur wenig älter als ich". Jana Thiel, bekannt als Sportmoderatorin beim ZDF-Morgenmagazin, wurde 45 Jahre alt, Miriam Pielhau ("taff" u.a.) sogar nur 41 Jahre. Beide hatten Krebs. 


Da ich kaum fernsehe und mich weder für Sport noch für Lifestyle-Magazine sonderlich interessiere, verbinde ich mit den beiden letztgenannten Namen nicht sehr viel. Dennoch kann ich die große öffentliche Anteilnahme an ihrem Tod durchaus nachvollziehen - besonders angesichts ihres Alters. Todesfälle in ungewöhnlich jungen Jahren wirken einfach besonders verstörend. "Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig" - dieses Psalmwort (Psalm 90,10) hat, auch wenn die Zahlenangaben hierzulande in Hinblick auf die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung wohl leicht nach oben zu korrigieren wären, im Großen und Ganzen nach wie vor seine Berechtigung. Stirbt ein Mensch im hohen Alter, werden diejenigen, die den Verstorbenen geschätzt oder geliebt haben, zwar wohl den Verlust betrauern, können aber Trost darin finden, dass das Leben des Menschen nun einmal endlich ist und der Moment des Abschieds früher oder später kommen musste. Stirbt ein Mensch erheblich früher, wird die Trauer verstärkt durch das dumpfe Gefühl, der Verstorbene sei gewissermaßen um ein Stück Lebenszeit betrogen worden, das ihm vermeintlich zugestanden hätte. Dass die Nachricht vom Tod relativ junger Menschen - ob es nun Prominente waren oder einfach Namen, über die man zufällig in den Todesanzeigen in der Lokalpresse stolpert - häufig auch Menschen tief betroffen macht, die zu den Verstorbenen gar keine besondere Beziehung hatten, hat sicher auch damit zu tun, dass solche Todesfälle einen unvermittelt an die eigene Sterblichkeit erinnern - etwas, woran man nicht gern denkt

Der Tod Miriam Pielhaus ist noch einmal besonders traurig dadurch, dass sie eine vierjährige Tochter hinterlässt. -- Jemand, der Miriam Pielhau persönlich kannte, ist der Comedian Oliver Kalkofe. "Wir kannten uns viele Jahre und haben zahlreiche lustige und schöne Stunden miteinander verbracht und uns immer gefreut, wenn sich unsere Wege wieder einmal kreuzten, ob nun beruflich oder privat", schreibt er auf Facebook. "Trotz ihrer Krebsdiagnose vor ein paar Jahren hat sie nie aufgegeben und immer weiter gekämpft - und nicht nur ich dachte wohl, sie hätte diesen Kampf auch gewonnen. Heute müssen wir wieder einmal lernen, dass der Krebs ein feiges Arschloch ist, keine Fairness kennt und keine Gerechtigkeit." 

Wenngleich ich an einigen von Kalkofes Ansichten und seiner Art, sie zu äußern, Mancherlei zu kritisieren habe, will ich ihm in seine Trauer - an deren Aufrichtigkeit zu zweifeln ich keinen Grund sehe - nicht hineinreden. Über 18.000 Facebook-"Likes" machen zudem deutlich, dass er nach Auffassung vieler Menschen die richtigen Worte gefunden hat. Aber etwas an dem zuletzt zitierten Satz finde ich über den konkreten Anlass hinaus denkwürdig - nämlich die Art, wie hier eine Krankheit personifiziert wird. Krebs, du Arschloch. Ähnliches liest man durchaus öfter in Trauerbekundungen, wenn jemand an Krebs gestorben ist. Ich will das nicht tadeln, aber mir scheint doch, dass daraus das Bedürfnis spricht, jemandem die Schuld an dem betrauerten Todesfall geben zu können. Wenn etwas Schlimmes passiert, dann muss doch jemand schuld daran sein. Es kann doch nicht sein, dass so etwas "einfach so" passiert. Bezeichnend sind auch einige der Nutzerkommentare unter Kalkofes Statement. "Da frage ich mich immer wieder", schreibt jemand, "was wäre, wenn wir all die Gelder und Kapazitäten, die wir jetzt in Rüstung und Entwicklung noch 'besserer' Waffen stecken, in medizinische Forschung, Frühentdeckung und bessere Bekämpfung von Erkrankungen wie Krebs etc. investieren würden." Mit anderen Worten: Es darf doch nicht sein, dass es in unserer hochentwickelten Zivilisation immer noch tödliche Krankheiten gibt. Und wenn es sie doch gibt, dann muss jemand schuld daran sein. Am besten dieselben Leute, die auch sonst nichts als Not und Elend über die Menschheit bringen. Also zum Beispiel die Leute, die Waffen produzieren. 

Kalkofe gibt in seinem Statement keinem Menschen die Schuld, aber dafür spricht er über den Krebs, als wäre dieser eine Person. Beim Lesen dieses Satzes beschlich mich unvermittelt das Gefühl, dass Kalkofe, wenn er den Krebs anklagt, bewusst oder unbewusst eigentlich Gott meint. Dass GOTT ein feiges Arschloch ist, keine Fairness kennt und keine Gerechtigkeit. Einige Facebook-Nutzer, die sein Posting kommentierten, hatten anscheinend ähnliche Assoziationen. "Das Leben ist nicht fair!", klagt einer. "Und deswegen kann ich auch nicht an irgendeinen Gott glauben, der einem kleinen Kind die Mutter nimmt..." - "Es gibt keinen", bekräftigt ein Anderer, "keinen lieben Gott, keinen der zuhört wenn man die Hände faltet und zum Himmel spricht. Über uns gibt es das Universum, sonst nichts..." 

Nun, wenn das tatsächlich so wäre - wenn über uns nur das Universum wäre, sonst nichts -, dann gäbe es allerdings auch niemanden, bei dem man sich beklagen bzw. den man anklagen könnte. Dann gäbe es niemanden, der "einem kleinen Kind die Mutter genommen" hat - dann wäre eine tödliche Krebserkrankung etwas ganz Natürliches, ein rein biologischer Vorgang, der auf die Lebensumstände dessen, den sie trifft, und die Gefühle der Hinterbliebenen keine Rücksicht nimmt. Das Universum ist gleichgültig. 

Das will aber offenkundig kaum jemand ernsthaft glauben, jedenfalls nicht im Moment der Trauer und der Wut, die einen Ansprechpartner braucht. Gott anzuklagen und gleichzeitig zu bekunden, man glaube nicht an Ihn, ist ein offenkundiger Widerspruch: Sich von Gott abzuwenden, weil Er nicht das tut, was man von Ihm erwartet oder wünscht, ist auch eine Form von Glauben - zwar kein Glauben AN Gott im religiösen Sinne, aber doch der Glaube, dass da irgendwo ein Gott sein müsse, den man verantwortlich machen kann. Und weil man wütend auf Ihn ist, weil Er das Schlimme zugelassen hat, mit dem man hadert, versucht man Ihn zu bestrafen, indem man verkündet, man glaube nicht an Ihn. 

Miriam Pielhau selbst hat das übrigens anders gesehen. Noch vor wenigen Wochen hat sie dem Radiosender FFH ein Interview gegeben, in dem sie über ihre Krebserkrankung sprach - und über ihren Glauben an Gott. Dieser Glaube, so erklärte sie, habe ihr in der Krankheit große Kraft gegeben: "Ich habe dann häufig das Zwiegespräch mit Gott gesucht. Manchmal auch stirnrunzelnd, weil ich fand, dass das, was in den vergangenen Jahren passiert war, eigentlich schon genug war." Das Hadern mit Gott ist etwas, das auch und gerade gläubige Menschen sehr wohl kennen - das sieht man schon im Alten Testament, beispielsweise in einigen Psalmen (etwa Psalm 10, 13, 2274, 77 und 88) und ganz besonders im Buch Ijob. Aber gerade dieses Buch lehrt auch: "Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?" (Ijob 2,10). Wie die evangelikale Nachrichtenagentur idea berichtet, hat Miriam Pielhau schon nach ihrer ersten Krebserkrankung in einer Fernsehsendung erklärt: "Der liebe Gott hatte einen anderen Plan mit mir und wollte, dass ich das durchkämpfe und dann zu dem Menschen werde, der ich heute bin." 

Nun ist sie aber doch am Krebs gestorben. Heißt das, dass Gott sie betrogen, im Stich gelassen hat? Mancher mag es so sehen, aber ich bezweifle, dass sie selbst es so gesehen hat. Ihre eigenen Aussagen über ihre Krankheit und über ihren Glauben an Gott machen auf mich vielmehr den Eindruck, dass dieser Glaube für sie nicht nur eine Stütze in der Krankheit war, sondern dass umgekehrt auch ihre Krankheit ihren Glauben gestärkt hat. Für Skeptiker mag es schwer zu verstehen und noch schwerer zu akzeptieren sein, aber es ist ein bei gläubigen Menschen nicht selten zu beobachtendes Phänomen, dass ihr Glaube gerade durch Leiden wächst und reift. Und ein solcher gereifter Glaube kann Menschen dann auch dazu befähigen, ihr Leben ganz in Gottes Hände zu legen und es schließlich auch klaglos zu akzeptieren, wenn Gott das Leben, das Er ihnen gegeben hat, wieder von ihnen zurückfordert.

Großes Aufsehen - zumindest im "katholischen Internet" - erregte vor einigen Wochen der Tod einer argentinischen Nonne: Schwester Cecilia Maria vom Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Santa Fé starb am 22. Juni im Alter von 43 Jahren an Lungenkrebs. Was diesen Todesfall so bemerkenswert machte, waren die Fotos aus den letzten Lebenstagen der Ordensfrau, die um die Welt gingen. Denn auf allen diesen Fotos lächelt sie - mehr noch, ihr Gesicht scheint geradezu von innen heraus zu leuchten. Sie sieht auf diesen Bildern ganz und gar nicht aus wie eine todkranke Frau; sie wirkt heiter, gelassen, ja sogar glücklich. Infolge ihrer Krankheit konnte Schwester Cecilia Maria schon seit einigen Monaten nicht mehr sprechen und kommunizierte daher mit Hilfe schriftlicher Notizen; zu ihren letzten Äußerungen gehörten die Sätze: "Ich bin sehr zufrieden - überwältigt von dem Wirken Gottes durch das Leiden und davon, dass so viele Menschen für mich beten."

Diese heitere Gelassenheit im Angesicht des Todes ist bewegend und beeindruckend, aber es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn es auf die Veröffentlichung dieser Bilder und ihrer Geschichte auch negative, sogar wütende Reaktionen gegeben hätte. Denn für Nichtgläubige, für die es keine Hoffnung über den Tod hinaus gibt, stellen Menschen wie Schwester Cecilia Maria eine massive Provokation dar.

Damit soll nicht gesagt sein, dass der Glaube an Gott zuverlässig und unbedingt die Angst vor dem Tod ausschaltet. Vor dieser Angst ist niemand gefeit - selbst Heilige nicht. Bei tief gläubigen Menschen äußert sich die Todesangst zuweilen als eine spezifische Form des Glaubenszweifels: Was, wenn ich mich getäuscht habe? Wenn alles umsonst war? Wenn ich mein Leben einer Illusion gewidmet habe, und nun ist alles vorbei? -- Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., erinnerte in seiner Einführung in das Christentum an die Hl. Thérèse von Lisieux - "die liebenswerte, scheinbar so naiv-unproblematische Heilige", "die scheinbar in ungefährdeter Sicherheit Geborgene" -, die kurz vor ihrem Tod von schweren Zweifeln heimgesucht wurde:
"»Die Gedankengänge der schlimmsten Materialisten drängen sich mir auf«. Ihr Verstand wird bedrängt von allen Argumenten, die es gegen den Glauben gibt; das Gefühl des Glaubens scheint verschwunden, sie erfährt sich »in die Haut der Sünder« versetzt. Das heißt: In einer scheinbar völlig bruchlos verfugten Welt wird hier jählings einem Menschen der Abgrund sichtbar". 
Man könnte sagen, diese Form der Todesangst sei der letzte Trumpf, den der Teufel ausspielt, um noch im allerletzten Moment Gott eine Seele zu entreißen, die bereits auf dem Weg zu Ihm ist. Nicht umsonst kennt die Katholische Kirche spezielle Schutzpatrone gegen die Todesangst und Gebete um Beistand in der Todesstunde; nicht umsonst wird im Ave Maria, einem der gängigsten Gebete der katholischen Christenheit, gebetet: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes". Und auch in der Komplet, dem Abendgebet der Kirche, beten wir nicht nur um eine ruhige Nacht, sondern auch um ein gutes Ende.


Montag, 11. Juli 2016

Donnerstag: Kulturkampf im Radio!

Es ist mal wieder Zeit für ein bisschen Eigenwerbung: Am kommenden Donnerstag, dem 14. Juli, bin ich erneut in der Sendereihe Credo auf Radio Horeb zu Gast. Und zwar darf ich dort über ein Thema sprechen, von dem ich wirklich was verstehe: 


Na, neugierig geworden? Wer etwas über krasse antiklerikale Schauergeschichten von Autoren wie Eugène Sue (1804-1857), Sir John Retcliffe (1815-1878), E. Marlitt (1825-1887), Balduin Möllhausen (1825-1903) und nicht zuletzt Karl May (1842-1912) sowie über die Entführung des Knaben Edgardo Mortara, das Schicksal der Barbara Ubryk, der "unglücklichen Nonne von Krakau", und den Moabiter Klostersturm erfahren möchte, der schalte am Donnerstagabend Radio Horeb ein! 

Wie ich gehört habe, soll es während der Sendung auch möglich sein, im Studio anzurufen und live Fragen zu stellen oder Anmerkungen loszuwerden. Ich freu mich drauf! 

(Zudem gehe ich davon aus, dass es den Beitrag auch als Podcast und mp3-Download geben wird. Werde ich dann natürlich gern hier verlinken.) 

In diesem Sinne: Seid dabei! Wir hören uns! 


Update: Hier der Link zum Nachhören der Sendung:

http://www.horeb.org/xyz/podcast/credo/20160714cr.mp3 


Donnerstag, 7. Juli 2016

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 8

Ich hatte es bereits angekündigt: Während der geneigte Leser von Dr. A. Rodes seinerzeit enormes Aufsehen erregt habendem Kolportageroman "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau" nach mittlerweile acht Lieferungen und fast 400 Seiten immer noch vergeblich darauf wartet, dass es in der Handlung des Romans endlich einmal um jenen zeitgenössischen Skandal geht, auf den sich sein Titel bezieht, präsentiert der Autor zu Beginn des XXXIII. Kapitels, "Die Zigeuner", ein Szenario, das auf den ersten Blick keinerlei Zusammenhang mit der bisherigen Romanhandlung erkennen lässt. Dr. Rode führt den staunenden Leser in ein Zigeunerlager in der Nähe von Kiew; die Zigeuner beraten darüber, in der Nacht in die Stadt einzudringen und das Haus des jüdischen Händlers Isaak Gerson auszurauben. Die kleine Schar, die zu dieser Tat ausgesandt wird, stiehlt im Haus des Juden nicht nur allerlei Wertsachen, sondern - im speziellen Auftrag der "Mutter" der ganzen Sippe, eines alten Weibes namens Zarak - auch ein achtjähriges Mädchen. 

Hier greift der Autor einen in der Popularliteratur seiner Zeit ausgesprochen verbreiteten Topos auf. - Es bedarf wohl kaum einer besonderen Erwähnung, dass der Begriff "Zigeuner" als Fremdbezeichnung für die Roma, die, ursprünglich vom indischen Subkontinent stammend, seit dem Spätmittelalter nach Mitteleuropa einwanderten, heutzutage wegen seiner rassistisch diffamierenden Konnotationen als diskreditiert gilt. Umso mehr ist zu betonen, dass der Typus des "Zigeuners" in Kunst und Literatur von jeher erheblich mehr einem festen Fundus von Stereotypen verpflichtet ist als einer "realistisch" sein wollenden Darstellung der Roma. Im Jahr 1989 legte Petra-Gabriele Briel unter dem Titel "Lumpenkind und Traumprinzessin" eine Studie zur "Sozialgestalt der Zigeuner in der Kinder- und Jugendliteratur" vor; darin heißt es auf S. 29, die europäische Literatur sei 
"in einem unverhältnismäßig starken Maße von dem Thema Zigeuner geprägt [...]. Als Gegenstand bürgerlicher Sehnsüchte und bürgerlicher Verachtung sind die Zigeuner in der Literatur oft genug Prototypen des europäischen 'Wilden'." 
Trotz der von Briel betonten großen Repräsentanz der "Zigeuner" in der deutschen Literatur beschränken sich wissenschaftliche Studien zu diesem Motiv meist auf eine schmale Auswahl von Texten der "hohen" Literatur wie Goethes Götz von Berlichingen (drei Fassungen 1771-1804), Arnims Isabella von Egypten (1812) und Mörikes Maler Nolten (1832); Briels Studie konzentriert sich auf Texte der Kinder- und Jugendliteratur wie Ottilie Wildermuths Das braune Lenchen (1859), Tony Schumachers Komteßchen und Zigeunerkind (1915) und Halvar Flodens Das Mädchen von der Landstraße (1950). Die Darstellung der "Zigeuner" in den Werken Karl Mays hat Eckehard Koch 1989 in seinem Essay "Der Gitano ist ein gehetzter Hund" untersucht; davon abgesehen blieb die populäre Literatur des späten 19. Jhs. in der literaturwissenschaftlichen Untersuchung des "Zigeuner"-Motivs bislang weitgehend unberücksichtigt. Da ich in meiner Untersuchung von A. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman schon wiederholt auf die "Historisch-politischen Romane aus der Gegenwart" von Sir John Retcliffe alias Hermann Goedsche verwiesen habe, sei an dieser Stelle erwähnt, dass in Retcliffes zwölfbändigem Romanzyklus Villafranca (1862-66) ein ungarisches Zigeunermädchen namens Tunsa, später Feodora genannt, eine bedeutende Rolle spielt. 

Das Motiv des Kinderraubs oder der Kindsvertauschung, dessen sich Dr. Rode im XXXIII. Kapitel seines "Barbara Ubryk"-Romans bedient, zählte seinerzeit zu den gängigsten Stereotypen des literarischen Zigeunerbildes; als prototypisch kann man hier wohl Cervantes' Novelle La Gitanilla (1613) und Victor Hugos Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) betrachten, deren jeweilige weibliche Hauptfiguren, vermeintlich "schöne Zigeunerinnen", in Wirklichkeit gar keine Zigeunerinnen sind, sondern als Kleinkinder geraubt bzw. vertauscht wurden. Auch in Karl Mays Fortsetzungsromanen Scepter und Hammer/Die Juweleninsel (1879-82), Waldröschen (1882-84) und Der Weg zum Glück (1886-88) werden mehrere Fälle von Kindsvertauschungen durch Zigeuner geschildert; und auch die Gartenlauben-Autorin E. Marlitt (1825-1887), über die ich promoviert habe, spielt in mehreren ihrer Romane und Erzählungen auf dieses Motiv an. Das Klischee des Kinder raubenden Zigeuners blieb derweil keinesfalls auf die Welt der Literatur beschränkt: Pierers Universal-Conversations-Lexikon aus dem Jahr 1879 betont, den Zigeunern werde "beharrlich nachgesagt, daß sie fremde Kinder stehlen, während sie ihre eigenen Kinder ohne Weiteres verhandeln, wenn ein gutes Stück Geld dabei zu verdienen ist". 

Wie sich die Zigeuner-Episode des Ubryk-Romans in die bisherige Handlung einfügt, mag der aufmerksame Leser bereits ahnen; die Ahnung bestätigt sich, als am nächsten Morgen Isaak Gerson und seine Frau Sarah den Einbruchsdiebstahl entdecken: Das geraubte Kind ist niemand anders als die Tochter der Gräfin Satorin, die Sarah Gerson vor Jahren gegen den Willen ihres Mannes dem fahrenden Händler Aaron Königsberger abgekauft hat, der das Kind, das Jaromir Ubryk in der Schenke vergessen hatte, mit sich genommen hatte. Sarah Gerson hat dem Mädchen den Namen Judith gegeben. -- Somit kommt also endlich doch noch Bewegung in die Kindsvertauschungshandlung, die in letzter Zeit auffallend brach gelegen und insgesamt wie ein rudimentärer Fremdkörper im Romangefüge gewirkt hatte. Davon abgesehen zeichnet sich das XXXIII. Kapitel durch massiven Antisemitismus aus: Waren schon zuvor die jüdischen Romanfiguren Isaak Warschauer (Kap. XV, S. 153f.) und Jeitteles (Kap. XXIV, S. 252ff.) durch eine vertrottelt wirkende Geschwätzigkeit sowie eine eigentümliche Mischung aus Feigheit und Verschlagenheit charakterisiert worden, so werden ebendiese Eigenschaften anlässlich eines Streits zwischen Gerson und seinem Nachbarn Mauschel (!) seitenlang ausgebreitet. Das soll offenbar witzig wirken; dass es darüber hinaus aber auch offen antisemitisch gemeint ist, verrät eine Passage, in der der Autor die Juden als "im Grunde genommen [...] nichts anderes als höhere Zigeuner" bezeichnet: 
"Wie diese haben sie kein Vaterland, und wenn sie sich auch seßhaft gemacht, so betrachten sie die Länder ihrer Niederlassung nur als provisorische Heimat und erwarten bei jedem Donnerwetter den ersehnten Messias, der sie ins gelobte Land zurückführen soll. Wie diese treiben sie nur freie Gewerbe, sie flicken zwar nicht Kessel und deuten nicht das Schicksal aus den Linien der Hand, dafür machen sie aber Löcher in die Börsen und verstehen gewisse Linien auf Wechseln und Schuldscheinen vorzüglich auszulegen" (S. 391). 
Auch hierin ist Dr. Rode ales Andere als originell: Zwischen der Diskriminierung der Juden und derjenigen der "Zigeuner" bestehen weit in die Geschichte zurückreichende Zusammenhänge und Parallelen. So stellt Daniel Strauß in seinem Essay "Antiziganismus in der deutschsprachigen Gesellschaft und Literatur" (in: Susan Tebbutt [Hg.], Sinti und Roma in der deutschsprachigen Gesellschaft und Literatur. Frankfurt a.M. u.a. 2001, S. 101-110) fest: 
"Das Stereotyp des 'ewigen', wandernden Juden findet seine Entsprechung im Bild vom angeblich angeborenen Wandertrieb des Zigeuners; die haarsträubenden Beschuldigungen von Kinderraub und Kinderschändung werden gegen beide Minderheiten erhoben; der Vorwurf des Gottesmordes hier, hat dort sein Gegenstück in der Legende von der verweigerten herberge der Heiligen Familie durch Zigeuner, der Sage von der Herstellung der Kreuzigungsnägel durch einen Zigeunerschmied und anderen religiösen Geschichten." (S. 342). 
Weitere Parallelen nennt Wilhelm Solms in seiner Studie "Zur Dämonisierung der Juden und Zigeuner im Märchen" (ebenfalls in Tebbutt [Hg.], S. 110-126). -- 

Kapitel XXXIV, "Mutter und Tochter" (S. 397-419), führt die Kindsvertauschungshandlung weiter fort, und während ein Zusammenhang mit der Haupthandlung um Elka und den Jesuiten Rebinsky weiterhin nicht absehbar ist, zeigt sich allmählich, dass dieser Nebenhandlungsstrang durchaus das Zeug zu einer eigenständigen Novelle gehabt hätte, die man beispielsweise Die Zigeunercomtesse hätte nennen können. Die alte Zigeunerin Zarak zieht nämlich allein mit Judith, die sie Yelva nennt, durch die Lande und bringt ihr Tanzen, Tambourinspielen und Wahrsagen bei; im Zuge ihrer Wanderungen kommen sie auch zum Schloss der Gräfin Satorin, Judiths leiblicher Mutter. Zarak liest der Gräfin aus der Hand und erkennt daraus, dass sie ihr Kind weggegeben hat; sie sagt ihr auch voraus, dass sie ihr Kind bald wiedersehen werde, jedoch ahnen beide Frauen nicht, dass Judith bzw. Yelva dieses Kind ist. Die Gräfin fühlt sich allerdings instinktiv zu dem Mädchen hingezogen, und als die alte Zarak plötzlich stirbt, nimmt die Gräfin das Kind als Magd ins Schloss auf. Der Verfasser kommentiert: 
"Welches grausame Spiel trieb hier das Schicksal mit zwei Herzen, die sich suchten, und nicht finden konnten; es führte Mutter und Tochter zusammen, und diese ahnten nicht, wie nahe sie sich standen" (S. 419). 
Davon, dass im Schloss eigentlich auch der mit Judith gleichaltrige angebliche Sohn der Gräfin - in Wirklichkeit Josef Ubryk - leben müsste, ist an dieser Stelle keine Rede, obwohl es doch ein probates Mittel zur Herstellung der poetischen Gerechtigkeit sein könnte, dass der falsche Grafensohn und die echte Grafentochter sich, wenn sie etwas älter geworden sind, ineinander verlieben. Aber vielleicht kommt das ja noch. Indessen ermittelt Jaromir Ubryk gegen die inzwischen im Raum Warschau agierende Zigeunerbande und findet so heraus, dass diese in Kiew das Kind der Gräfin Satorin geraubt hat. Diese Ermittlungen - die die einem anderen Erzählstrang und aller Wahrscheinlichkeit nach auch einer anderen "Schicht" der Romanstruktur angehörende Karriere Jaromirs bei der Warschauer Polizei voraussetzen - machen zwar den Großteil des Kapitels aus, könnten aber dennoch ein späterer Zusatz sein; zumal sie einer eigenständigen Entwicklung der Kindsvertauschungshandlung eher schaden als nützen. Nachdem Ubryk in Erfahrung gebracht hat, dass das vermisste Kind allein mit einer alten Zigeunerin namens Zarak durchs Land zieht, müsste er dies nur der Gräfin mitteilen - mit der er ja durchaus in Kontakt steht -, und schon wäre das Happy End komplett. -- Das mehr als drei Seiten umfassende Verhör des Juden Aaron Königsberger (S. 401-404) entspricht ganz den bisherigen Judendarstellungen des Romans; und in der Personenbeschreibung eines Zigeunermädchens, das Ubryk zunächst fälschlicherweise für Judith hält, fällt der brillante Satz: "Es war ein nettes, sauberes [!] Gesichtchen, freilich ganz von Schmutz überzogen" (S. 408). Auf so etwas muss man erst mal kommen! 

Der Titel des XXXV. Kapitels kündigt "Neue Intriguen" an; nachdem rund zwei Seiten lang Jaromir Ubryks Nachforschungen über den Verbleib der verschwundenen Judith auf den neuesten Stand gebracht werden, wendet sich der Erzähler ab S. 421 erneut seinem Oberschurken Rebinsky zu, der sich nach seiner Rückkehr aus Rom der Aufgabe widmet, seinem Orden auch das Vermögen Elkas in die Hände zu spielen, nachdem dasjenige ihres Halbbruders Wratislaw ihm ja bereits so gut wie sicher ist. Zu diesem Zweck unternimmt Rebinsky zunächst allerlei vorerst erfolglose Versuche, in Erfahrung zu bringen, ob Elkas Ehemann Kasimir Ubryk noch lebt; und schließlich reist er nach Paris, um Elka, die sich zusammen mit ihrem neuen Geliebten Hugo von Rassow dort aufhält, im Auge zu behalten. Dazu demnächst mehr! 


Von Dorsten nach Münster

Als der zum Ende des vorigen Kirchenjahres auf unschöne Weise aus seinem Amt entfernte Ex-Pfarrer meiner Heimatgemeinde St. Willehad in Nordenham, Torsten Jortzick, im Januar 2016 "als Pastor mit dem Titel Pfarrer zur Aushilfe" an die Pfarrei St. Agatha in Dorsten ging, stand von vornherein fest, dass dies nur eine befristete Stelle sein würde - für ein halbes Jahr, hieß es. Dieses halbe Jahr ist nun so ungefähr rum, und da ich Pfarrer Jortzick in einigen persönlichen Gesprächen sehr schätzen gelernt habe, interessiert es mich natürlich, wie es für ihn weiter geht. Und da meine Berichte über die Vorgänge in St. Willehad, die zu Torsten Jortzicks Entpflichtung von seiner dortigen Pfarrerstelle geführt haben, zu den meistgelesenen Artikeln meines Blogs in den letzten zehn Monaten zählen, denke ich mir, meine Leser interessiert es vielleicht auch

Vorläufig, nämlich bis Ende August, ist Pfarrer Jortzick noch in Dorsten; aber der leitende Pfarrer von St. Agatha, Ulrich Franke, hat seine Gemeinde auf der Website der Pfarrei wie auch auf Facebook schon mal auf den Abschied des Aushilfsseelsorgers eingestimmt. "Am Sonntag, dem 28.08. wird er das letzte Mal mit uns die hl. Messe feiern", heißt es da. "Wo, das werden wir noch mitteilen." Besonders zitierwürdig finde ich die folgenden zwei Sätze der Mitteilung: "Vielen ist Torsten Jortzick in diesen Monaten ans Herz gewachsen als ein einfühlsamer Seelsorger und Priester. Für seinen Dienst danken wir ihm schon jetzt." Auf Facebook kommentierte ein Gemeindemitglied von St. Willehad: "Wir vermissen ihn hier in Nordenham auch". 

Wie Pfarrer Franke weiter mitteilt, wechselt Torsten Jortzick zum 1. September an die Pfarrei St. Mauritz in Münster - ebenso wie St. Agatha in Dorsten eine Großgemeinde, die im Jahr 2010 aus vier bis dahin eigenständigen Pfarrgemeinden zusammengelegt wurde. Auf der Website von St. Mauritz erfährt man, es habe bereits "ein gegenseitiges Kennenlernen im Team" gegeben. "Sein genauer Aufgabenbereich wird noch intern besprochen und dann bekanntgegeben", heißt es dort weiter; da Torsten Jortzick in Münster, wie schon in Dorsten, als "Pastor mit dem Titel Pfarrer" tätig sein wird, kann man aber wohl davon ausgehen, dass er in der Pfarrei nicht mit Leitungs- bzw. Verwaltungsaufgaben betraut werden wird. Vor dem Hintergrund der Probleme, die es in Nordenham gab, dürfte das wohl auch in seinem eigenen Interesse sein. 

Ich werde die weitere Entwicklung jedenfalls aufmerksam verfolgen - und berichten, wenn es etwas zu berichten gibt... 





Dienstag, 5. Juli 2016

Zahle 5 Euro, um deine Nachbarn zu treffen

In den letzten Wochen hatte ich ein paar außerplanmäßig freie Tage - Überstunden abbummeln und so - und habe sie teilweise dazu genutzt, ein paar Werktagsmessen in Kirchen zu besuchen, in denen ich zuvor noch nie gewesen war. Schwerpunktmäßig in solchen Gegenden der Stadt, in denen meine Liebste und ich erwägen, uns eine gemeinsame Wohnung zu suchen, wenn wir verheiratet sind. Schon mal die Lage sondieren, sagte ich mir - auch und nicht zuletzt in Hinblick auf gewisse noch im Ideenstadium befindliche subversive Pastoralprojekte. Da es wohl kaum zu leugnen ist, dass Werktagsmessen nur einen recht punktuellen und nicht unbedingt repräsentativen Eindruck vom Leben und dem Charakter einer Pfarrgemeinde vermitteln, habe ich mir da stets auch gleich den jeweiligen Pfarrbrief mitgenommen. Einige weitere Pfarrbriefe - von Gemeinden, die ich noch nicht persönlich besucht habe - habe ich mir online angesehen. Nun möchte ich zwar keine Namen nennen - auch um in Hinblick auf die oben angedeuteten Umzugspläne keine "verbrannte Erde" zu erzeugen -, aber mein Gesamteindruck lautet: Bei der (v.a. sprachlich-stilistischen) Qualität der redaktionellen Beiträge in Pfarrbriefen ist noch beträchtlich Luft nach oben. Damit deutlich wird, was ich meine, komme ich um ein paar (behutsam anonymisierte) Beispiele aber wohl nicht herum: 

Da berichtet etwa ein Jugendgruppenleiter von einer Pilgerreise nach Rom. "[D]ie Spannung stieg. Und dann ging es los." Irgendwie muss man die zwei Seiten ja voll kriegen. Und weiter im Text: 
"Frisch und munter, ging es nach einer Stärkung zum ersten Programmpunkt: Die Basilika St. Paulus vor den Mauern. Vor Ort stieß Kaplan [N.N.] dazu, der uns eine kleine Führung geben konnte. Am vermeintlichen [!] Grab des Apostels beteten wir gemeinsam das Vater Unser. Ein sehr bewegender und spiritueller Moment für jeden von uns." 
Na wie schön. Ich will mal davon ausgehen, dass es sich bei dem Wort "vermeintlich" um unabsichtlich falsche Wortwahl handelt. Und auch sonst würde man den Umstand, dass der Text sich wie ein mittelprächtiger Schulaufsatz liest, gern auf die Jugend des Verfassers schieben; nur liest sich der Rest des Pfarrbriefs genauso, wenn nicht noch kruder. 
Im Pfarrbrief einer anderen Gemeinde wird von einer Buchvorstellung im Rahmen eines "Ökumenischen Gesprächsabends" berichtet: Das Buch "Was müsste Luther heute sagen?" von Heiner Geißler wurde vorgestellt, aber nicht etwa vom Autor selbst, sondern von einem Mitglied der evangelischen Nachbargemeinde. Und in der Zusammenfassung für den Pfarrbrief wird der Vortrag noch weiter verballhornt. Kostprobe gefällig? 
"Und hier zeigt sich vielleicht auch die Verbindung zu Papst Franziskus, der in einer reformerischen Position von mir eingeschätzt wird. Geißler sieht Luther heute in einer ähnlichen Aufgabenstellung, geprägt von einem Plädoyer für eine wiederzugewinnende Einheit der Kirche, um weltweit jene moralische Kraft wiederzuerlangen, die gerade heute notwendig erscheint." 
Alles klar? - Nun, diese Beispiele mögen genügen. Ich gestehe, dass Pfarrbriefredakteur nicht unbedingt meine Traumposition in der Pfarrei meines zukünftigen Wohnsitzes wäre, aber andererseits soll man ja dahin gehen, wo die Not am größten ist. Schauen wir mal. -- Viel interessanter als das Fahnden nach Stilblüten ist ja im Grunde die Frage, was die von mir gesammelten Pfarrbriefe über die diversen "außergottesdienstlichen" Aktivitäten der verschiedenen Pfarrgemeinden verraten. Gemeindeübergreifend schwer im Trend sind offenbar Qigong-Kurse. Zugegeben, es wird einem auch noch allerlei Anderes geboten, etwa Bastel- und Handarbeitskreise, Näh- und Holzarbeitskurse für Kinder, Fußballturniere, Filmabende, Preisskat und "PC-Talk", wobei ich bei Letzterem nicht völlig sicher bin, ob es sich um einen Computerkurs handelt oder um einen Lehrgang in Sachen political correctness. Aber Qigong ist wirklich auffallend stark vertreten. Man könnte sich - oder, besser vielleicht, die Verantwortlichen - nun natürlich fragen, wie es kommt, dass diese Meditationstechnik, die ihre Ursprünge ja eher im Bereich von Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus hat, im Gemeindeleben katholischer Pfarrgemeinden so eine herausragende Rolle einnimmt; aber auf der Basis bisheriger Erfahrungen rechne ich kaum mit profunderen Antworten auf diese Frage als "Warum nicht?". 

Ich selbst finde mich - um's mal im Pastoralsprech auszudrücken - da eher nicht so richtig wieder, und meine Liebste wohl auch nicht. Aber im Grunde geht mein bzw. unser Interesse ja ohnehin weniger dahin, uns von den bereits bestehenden Aktivitäten der Kreise und Gruppen einer Pfarrei beglücken zu lassen, als vielmehr, selbst etwas auf die Beine zu stellen, was es so noch nicht gibt. Und da ich ja, wie unlängst schon zu Protokoll gegeben, mit dem Gedanken umgehe, strukturell könne man für das Projekt einer subversiven Pastoral eine ganze Menge von der linken Szene lernen, habe ich mir jüngst, quasi als Kontrastprogramm zu den oben erwähnten Pfarrbriefen, die aktuelle Ausgabe des links-subkulturellen Terminkalenders Stressfaktor besorgt. Tatsächlich ist es ausgesprochen beeindruckend, was diese Szene so alles auf die Beine stellt. Der Adressenteil umfasst rund 120 einschlägige Locations, und trotz Sommerloch sind für jeden Tag des Monats einige Veranstaltungen aufgelistet. Richtungsweisend ist hier die Beobachtung, dass ein großer Teil des Programmangebots - von allerlei Do-It-Yourself-Workshops etwa für Siebdruck, Tischlerei, Schmiede- und Schweißarbeiten, aber auch weniger spektakulären Angeboten wie Koch- und Gitarrenkursen bis hin zu Schulungen in marxistischer oder anarchistischer Theorie - darauf abzielt, die Teilnehmer zu eigenen Initiativen zu befähigen. Davon kann man tatsächlich lernen! (Mutatis mutandis, versteht sich.) Wesentlich überraschender war für mich die Feststellung, dass sich in der Auflistung regelmäßiger Veranstaltungen im Stressfaktor auch so allerlei findet, was sich von den Aktivitäten diverser Kreise und Gruppen in katholischen Pfarrgemeinden auf den ersten Blick kaum unterscheidet. Da gibt es Töpferkurse, Spieleabende, einen "Gaukelzirkus", ja sogar einen "Meditationsabend" - und, natürlich, Qigong

Und dann brachte meine Liebste mir kürzlich einen Flyer vom "fühlbar"-Center ("Dein Zentrum für Begegnung und Bewegung") mit, einer sehr trendy-stylisch anmutenden Mischung aus Café und Esoterik-Oase, an der sie zufällig vorbeigekommen war. Das fühlbar-Team besteht aus mehr oder weniger jungen, mehr oder weniger attraktiven, breit grinsenden Männlein und Weiblein mit Namen wie Fabienne, Wanda, Bobby, Pippi und Franka - und bietet Kurse in Improtheater, Alexander-Technik"Expressive Living", "Unwinding", "Wunscherfüllung" (!) und natürlich Yoga, Tai Chi und Qigong an. Außerdem gibt es eine "Mut-Gruppe" und einen Kurs mit dem schönen Titel "Fit im Wald". Ist ja fast wie bei Kirchens, könnte man denken; aber dieser Irrtum vergeht einem, wenn man auf die Preisliste stößt. In der Tat: Was Kirchenkreise und linksautonome Aktivisten ehrenamtlich und allenfalls gegen einen Selbstkostenbeitrag anbieten, das betreiben Fabienne, Wanda, Bobby, Pippi und Franka kommerziell. "Expressive Living" kostet 60 Euro in der Stunde, Alexander-Technik in der Gruppe 20 Euro, als Einzelstunde 70 Euro. Für die meisten anderen Kursangebote gibt es für 120 Euro eine Monatskarte. Selbst für einen "Nachbarschaftstreff" nimmt die fühlbar 5 Euro Eintritt. Ob da die vegane Grillwurst schon inklusive ist? Ich wage es zu bezweifeln. 

Letztendlich zeigt das natürlich nur, dass esoterische Praktiken, die früher nur von durchgeknallten Hippie-Aussteigern in Wagenburgen oder besetzten Turnhallen praktiziert wurden, inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Was sie natürlich uncool macht. Spätestens wenn es zu einem einstmals exotisch und "alternativ" gewesenen Trend ein eigenes Lifestyle-Magazin auf Hochglanzpapier gibt, das bei netto oder REWE im Regal steht, ist er als Subkultur-Phänomen erledigt. Aber man hätte es ahnen können -- denn andernfalls würden derartige Kurse wohl kaum in Kirchengemeinden angeboten werden... 



Freitag, 1. Juli 2016

Der Heilige Geist und der eigene Vogel

Das Schreiben Iuvenescit Ecclesia der Kongregation für die Glaubenslehre "über die Beziehung zwischen hierarchischen und charismatischen Gaben im Leben und in der Sendung der Kirche", das am 14. Juni veröffentlicht wurde, hat, soweit ich es verfolgt habe, bislang noch kein allzu großes Aufsehen erregt. Für mich allerdings war es eine Offenbarung - hatte ich doch gerade erst ein paar Tage zuvor angefangen, mir Gedanken zu machen, wie man durch "Graswurzelinitiativen" etwas frischen Wind in die hierzulande oft doch etwas müde, satt und spießig wirkende katholische Kirchenlandschaft bringen könnte. Irgendwas mit Suppe, Fahrradreparatur und Punkrock, war so in etwa der Stand meiner Überlegungen, ehe ich das Schreiben der Glaubenskongregation las. Das ist zwar - obwohl ich nicht das Charisma der Fahrradreparatur besitze - im Großen und Ganzen immer noch das, was ich mir vorstelle, aber für den theoretischen Über- und Unterbau hat die Lektüre von Iuvenescit Ecclesia doch eine ganze Menge geleistet. 

Unter anderem hat mich dieses Schreiben wesentlich dazu veranlasst, meine Einstellung zum Adjektiv "charismatisch" zu überdenken. Dass dieser Begriff sich im Kontext der Katholischen Kirche nicht ausschließlich oder zwangsläufig auf Gruppierungen bezieht, deren Mitglieder zu uncooler Musik entrückt mit den Armen wedeln, in Zungen reden und live vor Publikum Dämonen austreiben, wusste ich zwar im Prinzip schon vorher, aber Dinge, die man "im Prinzip" schon weiß, haben es ja häufig an sich, dass man erst mal mit der Nase draufgestoßen werden muss, ehe man sie sich wirklich bewusst macht. 

In Iuvenescit Ecclesia wird umfassend ausgeführt, dass der Begriff der Charismen im biblischen Sinne nicht allein "außergewöhnliche Gaben (der Heilung, der Wunderkräfte, der Zungenrede)" (IE 6) umfasst, sondern ganz allgemein solche Gaben für den Dienst an der Kirche, die "der Heilige Geist [...] jedem zuteilt, wie er will" (IE 8, vgl. 1 Kor 12,11) - im Unterschied zu den hierarchischen Gaben, die durch das Weihesakrament und unter Wahrung der Apostolischen Sukzession verliehen werden. Dabei legt das Schreiben der Glaubenskongregation größten Wert darauf, dass hierarchische und charismatische Gaben nicht in Konkurrenz oder Rivalität zueinander stehen, sondern einander vielmehr ergänzen und bedingen.

Besonderes Augenmerk richtet das Schreiben auf die Rolle geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen in der Kirche und für die Kirche. In Abschnitt 17 heißt es:
"Unter den charismatischen Gaben, die vom Geist frei verliehen werden, gibt es sehr viele, die von einem Mitglied der christlichen Gemeinschaft angenommen und gelebt werden, ohne dass es dafür eine besondere Regelung braucht. Wenn es sich aber um ein Ursprungs- oder Gründungscharisma handelt, bedarf es einer spezifischen Anerkennung, damit dieser Reichtum sich in rechter Weise in der kirchlichen Gemeinschaft artikuliert und getreu in der Zeit weitergegeben wird." 
Solche charismatischen Gründungen werden vor dem Hintergrund der Feststellung, dass "[i]n unseren Tagen ist die Aufgabe, das Evangelium wirksam weiterzugeben, besonders dringend" ist (IE 1), entschieden gewürdigt: "Kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften zeigen, wie ein bestimmtes ursprüngliches Charisma Gläubige versammeln und diesen helfen kann, ihre eigene christliche Berufung und ihren Lebensstand im Dienst an der kirchlichen Sendung ganz zu leben" (IE 16). Gleichzeitig wird aber auch die Notwendigkeit betont, gründlich zu prüfen, ob es sich tatsächlich um Charismen handelt, die im Dienst der Kirche stehen. Die Kriterien für die kirchliche Anerkennung charismatischer Bewegungen bzw. Gemeinschaften, die in Abschnitt 18 genannt werden, erscheinen mir so wichtig, dass ich sie hier in nur leicht gekürzter Fassung wiedergeben möchte: 
a) Primat der Berufung jedes Christen zur Heiligkeit. Jede Gemeinschaft, die aus der Teilhabe an einem echten Charisma hervorgeht, muss immer ein Werkzeug der Heiligung in der Kirche und darum der Stärkung in der Liebe und einer authentischen Ausrichtung auf die Vollkommenheit in der Liebe sein.
b) Einsatz für die missionarische Ausbreitung des Evangeliums. Die authentischen Charismen sind „Geschenke des Geistes, die in den Leib der Kirche eingegliedert und zur Mitte, die Christus ist, hingezogen werden, von wo aus sie in einen Evangelisierungsimpuls einfließen“. Auf diese Weise müssen sie [...] einen „missionarischen Elan“ bezeugen, „der sie immer mehr zu Subjekten einer neuen Evangelisierung macht“.
c) Bekenntnis des katholischen Glaubens. Jedes Charisma muss Ort der Erziehung zum Glauben in seiner Fülle sein und „die Wahrheit über Christus, die Kirche und den Menschen im Gehorsam zum Lehramt, das sie authentisch interpretiert“, annehmen und verkünden. [...]
d) Zeugnis einer wirklichen Gemeinschaft mit der Kirche. Dies beinhaltet eine „kindliche Abhängigkeit vom Papst, dem bleibenden und sichtbaren Prinzip der Einheit der Universalkirche, und vom Bischof, dem sichtbaren Prinzip und Fundament der Einheit in der Teilkirche“. Dazu gehören auch die „aufrichtige Bereitschaft, ihr Lehramt und ihre pastoralen Richtlinien anzunehmen“, sowie [...] der „Einsatz in der Katechese und die pädagogische Fähigkeit, Christen zu formen“.
e) Wertschätzung und Anerkennung anderer Charismen der Kirche in ihrer gegenseitigen Komplementarität. Daraus ergibt sich auch die Bereitschaft zur gegenseitigen Zusammenarbeit. [...]
f) Annahme von Zeiten der Erprobung in der Unterscheidung der Charismen. Weil die charismatische Gabe „die Bürde einer Neuheit im geistlichen Leben für die ganze Kirche“ mit sich bringen kann, „die auf den ersten Blick auch unbequem erscheinen mag“, zeigt sich ein Kriterium der Echtheit in der „Demut im Ertragen von Widerständen: Die rechte Beziehung zwischen einem echten Charisma, der Dimension des Neuen und dem inneren Leiden schafft einen dauernden historischen Zusammenhang zwischen dem Charisma und dem Kreuz“. [...]
g) Vorhandensein von geistlichen Früchten. Dazu gehören etwa Liebe, Freude, Friede, eine gewisse menschliche Reife (vgl. Gal 5, 22); ein „noch intensiveres Leben mit der Kirche”, ein größerer Eifer für „das Hören und die Betrachtung des Wortes Gottes”; die „erneute Freude am Gebet, an der Kontemplation, am liturgischen und sakramentalen Leben; der Einsatz für das Aufblühen von Berufungen zur christlichen Ehe, zum Priestertum, zum geweihten Leben“.
h) Soziale Dimension der Evangelisierung. Man muss anerkennen, dass das Kerygma dank des Impulses der Liebe „einen unausweichlich sozialen Inhalt“ besitzt: „Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber den anderen“. [...] Wichtig ist diesbezüglich „die Motivation zur christlichen Präsenz in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und das Schaffen und Leiten von karitativen, kulturellen und geistigen Werken; der Geist der Entsagung und der Armut im Sinn des Evangeliums zugunsten einer hochherzigeren Liebe zu allen“. Entscheidend ist auch der Bezug zur kirchlichen Soziallehre. [...]
Zu beachten ist auch, dass das Schreiben Iuvenescit Ecclesia ausdrücklich "an die Bischöfe der Katholischen Kirche" adressiert ist; somit ist es offenkundig das primäre Anliegen des Schreibens, den Vorstehern der Ortskirchen Impulse für die Zusammenarbeit mit neuen geistlichen Bewegungen bzw. Gemeinschaften zu geben. Die Bischöfe werden ermahnt, die Charismen dieser Bewegungen "mit Freude und Dankbarkeit anzunehmen, sie großherzig zu fördern und sie väterlich und wachsam zu begleiten" (IE 8); sie sollen "jene Gaben in herzlicher Offenheit annehmen, die der Geist innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft erweckt, in der Seelsorge ihnen Rechnung tragen und ihren Beitrag als echten Reichtum für das Wohl aller schätzen" (IE 20). Das finde ich prima. Der für die geistlichen Gemeinschaften zuständige Ansprechpartner in der Deutschen Bischofskonferenz, der kürzlich zum Bischof von Dresden-Meißen ernannte Heinrich Timmerevers, hat angekündigt, sich "in der zuständigen Arbeitsgruppe ausführlich mit diesem Schreiben befassen" zu wollen, und es zur "Lektüre in den Bewegungen und Gemeinschaften" empfohlen

Hervorzuheben ist übrigens, dass Iuvenescit Ecclesia sich in hohem Maße auf das II. Vatikanische Konzil bezieht - insbesondere auf die Dogmatische Konstitution Lumen Gentium. Es fällt auf, dass die Zitate aus diesem Dokument, die in Iuvenescit Ecclesia enthalten sind, und die Schlussfolgerungen, die die Autoren daraus ziehen, sich zum Teil erheblich von den Visionen bestimmter Kreise unterscheiden, die sich bevorzugt auf den "Geist des Konzils", nicht aber auf seine Dokumente berufen. So betont das Schreiben, die "Gegenüberstellung einer institutionellen Kirche jüdisch-christlicher Prägung und einer charismatischen Kirche paulinischer Art, wie sie von gewissen verkürzenden ekklesiologischen Interpretationen behauptet wurde", finde "im Neuen Testament kein Fundament" (IE 7). Entschieden verworfen werden "zweideutige theologische Sichtweisen [...], welche eine „Kirche des Geistes“ postulieren, die von der hierarchisch-institutionellen Kirche verschieden und getrennt wäre" (IE 11). Iuvenescit Ecclesia unterstreicht entschieden die Rolle der von Christus eingesetzten kirchlichen Hierarchie als Garant der Einheit der Kirche und der Wahrheit ihrer Lehre. Daher hat die kirchliche Hierarchie auch das Recht und die Pflicht, "über die rechte Ausübung der anderen Charismen zu wachen, so dass alles dem Wohl der Kirche und der Sendung zur Evangelisierung dient" (IE 8): Da die Leute nicht unbedingt selbst in der Lage sind, ihren eigenen Vogel zweifelsfrei vom Heiligen Geist zu unterscheiden, muss im Zweifel die kirchliche Hierarchie diese Unterscheidung treffen. 

Nur einen Tag nach der Veröffentlichung des Schreibens der Glaubenskongregation erschien auf katholisch.de, der offiziellen Online-Präsenz der Katholischen Kirche in Deutschland, ein Artikel mit der Überschrift "Warum junge Leute Beichte und Anbetung mögen" - ein Interview mit Beat Altenbach SJ, dem Verantwortlichen für die Berufungspastoral der Schweizer Jesuiten; die Fragen stellte Sylvia Stam von der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. Der Artikel liest sich durchaus interessant: Während Pater Beat hervorhebt, die junge Generation habe "eine Sehnsucht nach authentischen, sinnlichen Erfahrungen" und schätze daher die "Sinnlichkeit und Ordnung" der Liturgie, ja, sie habe ein "besonderes Bedürfnis nach dem Heiligen" und bringe diesem "eine gewisse Ehrfurcht" entgegen, macht die Interviewerin den Eindruck, diese Tendenzen in erster Linie als ein Problem zu betrachten - eine "große Herausforderung" für die "Konzilsgeneration". Schon im einleitenden Absatz werden "Anbetung, Mundkommunion, Beichte" als Formen bezeichnet, "von denen sich die Konzilsgeneration befreit [!] hatte". Und nun steht die "Konzilsgeneration" gewissermaßen mit offenem Mund da und fragt sich (betroffen und ein Stück weit fassungslos): Was ist bloß mit den jungen Leuten los? 

Ein mir aus den Sozialen Netzwerken bekannter Pastoralreferent aus dem Bistum Aachen allerdings reagierte auf diesen katholisch.de-Artikel erst einmal damit, dass er prinzipiell in Frage stellte, ob es überhaupt stimme, dass es unter jungen Menschen ein gesteigertes Interesse an Anbetung und Beichte - oder allgemeiner gesprochen an Ehrfurcht vor dem Heiligen - gebe. Seiner Auffassung nach sei das lediglich der subjektive Eindruck des Pater Beat: "Jugendstudien zeigen was Anderes." Auf meinen etwas flapsig vorgebrachten Einwand, ich wüsste nicht, wieso man Jugendstudien mehr trauen sollte als subjektiven Eindrücken, erklärte er, er selbst habe auch seine subjektiven Eindrücke, und diese seien "komplett gegenteilig". Deshalb - weil subjektive Einschätzungen zu so gegensätzlichen Ergebnissen kämen - brauche man Jugendstudien, "um mehr Aussagekraft zu bekommen". Ich bestritt das: "Ich sehe nicht ein, wieso Studien mehr Aussagekraft haben sollten als subjektive Eindrücke. Der einzelne Mensch wäre mir prinzipiell immer wichtiger als die Statistik." Mein Kontrahent stimmte mir zu: "Mir auch. Deswegen bin ich Seelsorger geworden." Der Punkt, an dem wir uns nicht verstanden bzw. nicht einig wurden, war damit aber natürlich noch nicht ausgeräumt, also präzisiere ich hier und jetzt mal, was ich meinte: Wenn subjektive Einschätzungen zu unterschiedlichen, ja geradezu gegensätzlichen Ergebnissen führen, kann das zum Teil am Wahrnehmungsfilter dessen liegen, der diese Einschätzung vornimmt; es kann (und wird sehr wahrscheinlich) aber auch einfach an der unterschiedlichen empirischen Basis dieser Wahrnehmung liegen, also daran, dass jeder in seinem persönlichen Erfahrungsbereich einen unterschiedlichen Ausschnitt aus der Realität zu sehen bekommen wird. Dann aber sind die jeweiligen Wahrnehmungen, auch wenn sie gegensätzlich sind, jeweils für sich genommen dennoch wahr - und im Zweifel wahrer als eine statistische Auswertung. Wenn alle Teilnehmer einer Untersuchungsreihe im Durchschnitt 1,76 m groß sind, heißt das nicht zwangsläufig, dass auch nur ein einziger Teilnehmer tatsächlich exakt 1,76 m groß ist. Die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, von denen Pater Beat Altenbach spricht, gibt es. Jugendliche und junge Erwachsene, die sich für Eucharistische Anbetung begeistern, waren z.B. auch beim Nightfever im Rahmen des Katholikentags in Leipzig in großer Zahl anzutreffen. Wenn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit denen mein besagter Social-Media-Bekannter in seiner Seelsorgetätigkeit zu tun hat, anders drauf sind, dann braucht er für diese sicherlich andere Konzepte; man könnte auch sagen: ein anderes Charisma. Denn nach der Lektüre von Iuvenescit Ecclesia bin ich geneigt zu sagen, der Sinn und Wert unterschiedlicher Charismen liege nicht zuletzt darin, diejenigen, denen sie verliehen sind, zu befähigen, unterschiedliche "Zielgruppen" anzusprechen. Ob die eine Gruppe aber nun statistisch größer ist als die andere, würde ich erst mal für eher nebensächlich halten.

Mich persönlich jedenfalls haben gerade die Erfahrungen mit dem Format Nightfever - ob nun in Leipzig oder in Berlin - davon überzeugt, dass es ein enormes Potential gibt, (nicht nur, aber besonders) junge Menschen, die "ein besonderes Bedürfnis nach dem Heiligen", eine Sehnsucht nach Spiritualität haben - die eine Antwort auf diese Sehnsucht aber von sich aus nicht unbedingt in der Katholischen Kirche suchen würden - , an Dinge wie Beichte, Stundengebet und Eucharistische Anbetung heranzuführen. Um dieses Potential auszuschöpfen, braucht es aber unkonventionelle Herangehensweisen - die durchaus auch etwas mit Suppe, Fahrradreparatur und Punkrock zu tun haben können. In diese Richtung möchte ich etwas unternehmen - nach den Sommerferien, gemeinsam mit meiner Liebsten.

Wie wichtig es ist, hier Eigeninitiative zu zeigen - aber auch, mit was für Hindernissen man dabei rechnen muss -, wurde mir erst kürzlich mal wieder deutlich, als mir zugetragen wurde, im "Sachausschuss Liturgie" eines ungenannten Pfarrgemeinde- oder vielleicht auch Dekanatsrats sei die Idee aufgetaucht: "Wir können doch auch mal sowas wie Nightfever machen - aber ohne das mit der Hostie".

Da hat ja wohl jemand überhaupt nichts kapiert.


Schon wieder ein halbes Jahr rum...

Tja, liebe Leser: Das Jahr 2016 feiert Bergfest, und da ist es ja fast schon gute Tradition, dass ich eine kleine Zwischenbilanz meines diesjährigen Blogschaffens ziehe. 57 Artikel habe ich in der ersten Jahreshälfte 2016 verfasst, das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Trotzdem gibt es wieder nun zehn Plätze in der Top-Ten-Liste... Also schauen wir sie uns mal an, die zehn erfolgreichsten "Huhn meets Ei..."-Artikel der ersten Jahreshälfte - und zwar in umgekehrter Reihenfolge, um es spannender zu machen:  

Platz 10: "Publizistische Relevanz"? Es geht um die Diskurshoheit! (11.02.16)  
Ein Artikel, dem ich durchaus eine noch höhere Platzierung gewünscht hätte. Beginnt als Nachlese der Reaktionen auf Björn Odendahls Rosenmontags-Glosse auf katholisch.de und leitet über zu einigen Anmerkungen zum problematischen Verhältnis zwischen offiziellen oder offiziösen kirchlichen Online-Auftritten und der bösen, dunkelkatholischen "Blogoezese". 

Ausgehend von der beifälligen Reaktion eines linksradikalen Ex-Piraten auf einen Anschlag auf das Kreuzberger Lokal Stadtklause, in dem auch ich hin und wieder zu Gast bin, setzt dieser Artikel sich mit der bei der radikalen Linken einigermaßen verbreiteten Auffassung auseinander, im Kamp gegen alles, was aus ihrer Sicht "rechts" ist, sei auch Gewalt ein legitimes Mittel. 

Zweiter Teil eines ausführlichen Berichts über eine Pfarrversammlung in der Pfarrei St. Willehad in meinem Heimatstädtchen Nordenham. Dreht sich hauptsächlich um das Problem, dass die Verwaltungsaufgaben, die in einer Pfarrei anfallen, die Seelsorge überwuchern. 

Einen 7. Platz gibt es im bisherigen Stand der Jahres-Charts nicht, da auf Platz 6 zwei Artikel gleichauf liegen; da wäre zum einen 

- der erste Teil des Berichts über die besagte Pfarrversammlung, einschließlich einer Schilderung des Gottesdienstes, der der Versammlung vorausging; 

und zum anderen 

- da sagt die Überschrift wohl schon so ziemlich alles. Wobei es mich ein wenig wundert, dass der Vorschau-Artikel zum Katholikentag mehr Klicks bekommen hat (und zum Teil weiterhin bekommt) als die Berichte über den Katholikentag, die darauf folgten - mit einer Ausnahme, auf die folgerichtig noch gesondert einzugehen sein wird. 

Platz 5: Du willst es doch auch (nicht)! (17.04.16) 
Eine recht sarkastisch geratene Rezension einer von einem Kondomhersteller gesponsorten und für Schüler gedachten Aufklärungsbroschüre in Comicform - mit Querverweisen auf Papst Franziskus' Äußerungen über Sexualerziehung in seinem postsynodalen Schreiben Amoris Laetitia

Zwischen Platz 3 und 4 gab es noch in den letzten Tagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich möglicherweise noch weiter fortsetzen wird; für den Moment jedoch sieht die Rangfolge so aus: 

Platz 4: Eilmeldung: Karl Jasbinschek wird neuer Pfarrer in St. Willehad (06.03.16) 
Ein, wie ich finde, inhaltlich gar nicht besonders weltbewegender Artikel, in dem ich im Grunde nur mal auf die Schnelle zusammengetragen habe, was aus Presse und Internet über den neuen Pfarrer meiner Heimatgemeinde zu erfahren war. Der Schlüssel zum Erfolg lag hier wohl eher in der Aktualität: Der Artikel ging schon wenige Stunden nach der offiziellen Bekanntgabe der Personalie online. 

Platz 3: Christus in Leipzig (31.05.16) 
Eine Schilderung des Nightfevers beim diesjährigen Katholikentag, das nicht nur aus meiner persönlichen Sicht ein - wenn nicht das - Highlight dieser Veranstaltung war. Woran sich natürlich allerlei Schlussfolgerungen hinsichtlich der Zukunft der Katholikentage und der Katholischen Kirche in Deutschland insgesamt knüpfen lassen. 

Platz 2: Mit den Bösen werden wir schon fertig, aber die Guten machen mir angst (29.01.16) 
Mal was Politisches. Die Netzaktivistin und ehemalige Piraten-Geschäftsführerin Katharina Nocun hatte (auf Twitter und ihrem Blog) das baden-württembergische Landtagswahlprogramm der AfD polemisch auseinandergenommen, und obwohl mir nicht besonders viel daran liegt, die AfD gegen Kritik in Schutz zu nehmen, fand ich daran Einiges kommentarwürdig: so die mangelnde Differenzierung zwischen konservativen und rechtsextremen Standpunkten und, damit einhergehend, die verbreitete Neigung, alles, was irgendwie "rechts" ist oder zu sein scheint, als von vornherein überhaupt nicht diskussionswürdig zu verdammen. In diesem Zusammenhang strebt der Artikel auch eine allgemeine Problematisierung der politischen Kategorien "rechts" und "links" an. 

Der bisherige Spitzenreiter des Jahres ist jedoch: 

Platz 1: Herzlichst, Ihr Fachmagazin für schlechte Katholiken (08.02.16) 
Björn Odendahls weiter oben bereits erwähnte Rosenmontags-Glosse über "gute Katholiken" regte eine ganze Reihe katholischer Blogger zu Erwiderungen an, darunter auch mich. Mein Blogbeitrag zu diesem Thema erschien einen Tag später auch als Gastkommentar auf kath.net - und der CvD von katholisch.de, Steffen Zimmermann, reagierte ziemlich sauer (vgl. Platz 10 - und trotz Namensgleichheit nicht etwa Platz 9 - dieser Rangliste)... 

Soweit also die Top Ten der ersten Jahreshälfte; darüber hinaus möchte ich es aber nicht versäumen, meinen Lesern zwei Artikel ans Herz zu legen, die es (noch) nicht unter die zehn meistgelesenen des Kalenderjahres geschafft haben, die mir aber nichtsdestoweniger besonders am Herzen liegen: "Konversion? - Ja klar, was denn sonst?" (10.04.16) und "Wer, wenn nicht wir?" (11.06.16). Ich habe das Gefühl oder die Ahnung, dass die in diesen beiden Texten ausgedrückten Gedanken sich als richtungsweisend nicht nur für die Zukunft dieses Blogs erweisen könnten, sondern auch darüber hinaus für gewisse Projekte, die ich nach den Sommerferien gemeinsam mit meiner Liebsten in Angriff zu nehmen gedenke. Mehr und Genaueres dazu in Kürze...