Es wird einfach zuviel gestorben. Das ist ein Gedanke, der im Jahr 2016 wohl schon so Manchem durch den Kopf gegangen sein mag. Im laufenden Kalenderjahr wurden bereits Pierre Boulez, David Bowie, Alan Rickman, Glenn Frey ("The Eagles"), Lord George Weidenfeld, Paul Kantner ("Jefferson Airplane"), Maurice White ("Earth, Wind & Fire"), Roger Willemsen, Boutros Boutros-Ghali, Umberto Eco, Peter Lustig, Nikolaus Harnoncourt, Nancy Reagan, Keith Emerson ("Emerson, Lake & Palmer"), Guido Westerwelle, Johan Cruyff, Hans-Dietrich Genscher, Prince, Margot Honecker, Muhammad Ali, Götz George, Bud Spencer, Michael Cimino und Elie Wiesel - um nur einige zu nennen - von der Erde abberufen. Zuletzt meldeten die Medien kurz nacheinander den Tod zweier noch junger TV-Moderatorinnen - und mit "noch jung" meine ich "nur wenig älter als ich". Jana Thiel, bekannt als Sportmoderatorin beim ZDF-Morgenmagazin, wurde 45 Jahre alt, Miriam Pielhau ("taff" u.a.) sogar nur 41 Jahre. Beide hatten Krebs.
Da ich kaum fernsehe und mich weder für Sport noch für Lifestyle-Magazine sonderlich interessiere, verbinde ich mit den beiden letztgenannten Namen nicht sehr viel. Dennoch kann ich die große öffentliche Anteilnahme an ihrem Tod durchaus nachvollziehen - besonders angesichts ihres Alters. Todesfälle in ungewöhnlich jungen Jahren wirken einfach besonders verstörend. "Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig" - dieses Psalmwort (Psalm 90,10) hat, auch wenn die Zahlenangaben hierzulande in Hinblick auf die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung wohl leicht nach oben zu korrigieren wären, im Großen und Ganzen nach wie vor seine Berechtigung. Stirbt ein Mensch im hohen Alter, werden diejenigen, die den Verstorbenen geschätzt oder geliebt haben, zwar wohl den Verlust betrauern, können aber Trost darin finden, dass das Leben des Menschen nun einmal endlich ist und der Moment des Abschieds früher oder später kommen musste. Stirbt ein Mensch erheblich früher, wird die Trauer verstärkt durch das dumpfe Gefühl, der Verstorbene sei gewissermaßen um ein Stück Lebenszeit betrogen worden, das ihm vermeintlich zugestanden hätte. Dass die Nachricht vom Tod relativ junger Menschen - ob es nun Prominente waren oder einfach Namen, über die man zufällig in den Todesanzeigen in der Lokalpresse stolpert - häufig auch Menschen tief betroffen macht, die zu den Verstorbenen gar keine besondere Beziehung hatten, hat sicher auch damit zu tun, dass solche Todesfälle einen unvermittelt an die eigene Sterblichkeit erinnern - etwas, woran man nicht gern denkt.
Der Tod Miriam Pielhaus ist noch einmal besonders traurig dadurch, dass sie eine vierjährige Tochter hinterlässt. -- Jemand, der Miriam Pielhau persönlich kannte, ist der Comedian Oliver Kalkofe. "Wir kannten uns viele Jahre und haben zahlreiche lustige und schöne Stunden miteinander verbracht und uns immer gefreut, wenn sich unsere Wege wieder einmal kreuzten, ob nun beruflich oder privat", schreibt er auf Facebook. "Trotz ihrer Krebsdiagnose vor ein paar Jahren hat sie nie aufgegeben und immer weiter gekämpft - und nicht nur ich dachte wohl, sie hätte diesen Kampf auch gewonnen. Heute müssen wir wieder einmal lernen, dass der Krebs ein feiges Arschloch ist, keine Fairness kennt und keine Gerechtigkeit."
Wenngleich ich an einigen von Kalkofes Ansichten und seiner Art, sie zu äußern, Mancherlei zu kritisieren habe, will ich ihm in seine Trauer - an deren Aufrichtigkeit zu zweifeln ich keinen Grund sehe - nicht hineinreden. Über 18.000 Facebook-"Likes" machen zudem deutlich, dass er nach Auffassung vieler Menschen die richtigen Worte gefunden hat. Aber etwas an dem zuletzt zitierten Satz finde ich über den konkreten Anlass hinaus denkwürdig - nämlich die Art, wie hier eine Krankheit personifiziert wird. Krebs, du Arschloch. Ähnliches liest man durchaus öfter in Trauerbekundungen, wenn jemand an Krebs gestorben ist. Ich will das nicht tadeln, aber mir scheint doch, dass daraus das Bedürfnis spricht, jemandem die Schuld an dem betrauerten Todesfall geben zu können. Wenn etwas Schlimmes passiert, dann muss doch jemand schuld daran sein. Es kann doch nicht sein, dass so etwas "einfach so" passiert. Bezeichnend sind auch einige der Nutzerkommentare unter Kalkofes Statement. "Da frage ich mich immer wieder", schreibt jemand, "was wäre, wenn wir all die Gelder und Kapazitäten, die wir jetzt in Rüstung und Entwicklung noch 'besserer' Waffen stecken, in medizinische Forschung, Frühentdeckung und bessere Bekämpfung von Erkrankungen wie Krebs etc. investieren würden." Mit anderen Worten: Es darf doch nicht sein, dass es in unserer hochentwickelten Zivilisation immer noch tödliche Krankheiten gibt. Und wenn es sie doch gibt, dann muss jemand schuld daran sein. Am besten dieselben Leute, die auch sonst nichts als Not und Elend über die Menschheit bringen. Also zum Beispiel die Leute, die Waffen produzieren.
Kalkofe gibt in seinem Statement keinem Menschen die Schuld, aber dafür spricht er über den Krebs, als wäre dieser eine Person. Beim Lesen dieses Satzes beschlich mich unvermittelt das Gefühl, dass Kalkofe, wenn er den Krebs anklagt, bewusst oder unbewusst eigentlich Gott meint. Dass GOTT ein feiges Arschloch ist, keine Fairness kennt und keine Gerechtigkeit. Einige Facebook-Nutzer, die sein Posting kommentierten, hatten anscheinend ähnliche Assoziationen. "Das Leben ist nicht fair!", klagt einer. "Und deswegen kann ich auch nicht an irgendeinen Gott glauben, der einem kleinen Kind die Mutter nimmt..." - "Es gibt keinen", bekräftigt ein Anderer, "keinen lieben Gott, keinen der zuhört wenn man die Hände faltet und zum Himmel spricht. Über uns gibt es das Universum, sonst nichts..."
Nun, wenn das tatsächlich so wäre - wenn über uns nur das Universum wäre, sonst nichts -, dann gäbe es allerdings auch niemanden, bei dem man sich beklagen bzw. den man anklagen könnte. Dann gäbe es niemanden, der "einem kleinen Kind die Mutter genommen" hat - dann wäre eine tödliche Krebserkrankung etwas ganz Natürliches, ein rein biologischer Vorgang, der auf die Lebensumstände dessen, den sie trifft, und die Gefühle der Hinterbliebenen keine Rücksicht nimmt. Das Universum ist gleichgültig.
Das will aber offenkundig kaum jemand ernsthaft glauben, jedenfalls nicht im Moment der Trauer und der Wut, die einen Ansprechpartner braucht. Gott anzuklagen und gleichzeitig zu bekunden, man glaube nicht an Ihn, ist ein offenkundiger Widerspruch: Sich von Gott abzuwenden, weil Er nicht das tut, was man von Ihm erwartet oder wünscht, ist auch eine Form von Glauben - zwar kein Glauben AN Gott im religiösen Sinne, aber doch der Glaube, dass da irgendwo ein Gott sein müsse, den man verantwortlich machen kann. Und weil man wütend auf Ihn ist, weil Er das Schlimme zugelassen hat, mit dem man hadert, versucht man Ihn zu bestrafen, indem man verkündet, man glaube nicht an Ihn.
Miriam Pielhau selbst hat das übrigens anders gesehen. Noch vor wenigen Wochen hat sie dem Radiosender FFH ein Interview gegeben, in dem sie über ihre Krebserkrankung sprach - und über ihren Glauben an Gott. Dieser Glaube, so erklärte sie, habe ihr in der Krankheit große Kraft gegeben: "Ich habe dann häufig das Zwiegespräch mit Gott gesucht. Manchmal auch stirnrunzelnd, weil ich fand, dass das, was in den vergangenen Jahren passiert war, eigentlich schon genug war." Das Hadern mit Gott ist etwas, das auch und gerade gläubige Menschen sehr wohl kennen - das sieht man schon im Alten Testament, beispielsweise in einigen Psalmen (etwa Psalm 10, 13, 22, 74, 77 und 88) und ganz besonders im Buch Ijob. Aber gerade dieses Buch lehrt auch: "Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?" (Ijob 2,10). Wie die evangelikale Nachrichtenagentur idea berichtet, hat Miriam Pielhau schon nach ihrer ersten Krebserkrankung in einer Fernsehsendung erklärt: "Der liebe Gott hatte einen anderen Plan mit mir und wollte, dass ich das durchkämpfe und dann zu dem Menschen werde, der ich heute bin."
Nun ist sie aber doch am Krebs gestorben. Heißt das, dass Gott sie betrogen, im Stich gelassen hat? Mancher mag es so sehen, aber ich bezweifle, dass sie selbst es so gesehen hat. Ihre eigenen Aussagen über ihre Krankheit und über ihren Glauben an Gott machen auf mich vielmehr den Eindruck, dass dieser Glaube für sie nicht nur eine Stütze in der Krankheit war, sondern dass umgekehrt auch ihre Krankheit ihren Glauben gestärkt hat. Für Skeptiker mag es schwer zu verstehen und noch schwerer zu akzeptieren sein, aber es ist ein bei gläubigen Menschen nicht selten zu beobachtendes Phänomen, dass ihr Glaube gerade durch Leiden wächst und reift. Und ein solcher gereifter Glaube kann Menschen dann auch dazu befähigen, ihr Leben ganz in Gottes Hände zu legen und es schließlich auch klaglos zu akzeptieren, wenn Gott das Leben, das Er ihnen gegeben hat, wieder von ihnen zurückfordert.
Großes Aufsehen - zumindest im "katholischen Internet" - erregte vor einigen Wochen der Tod einer argentinischen Nonne: Schwester Cecilia Maria vom Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Santa Fé starb am 22. Juni im Alter von 43 Jahren an Lungenkrebs. Was diesen Todesfall so bemerkenswert machte, waren die Fotos aus den letzten Lebenstagen der Ordensfrau, die um die Welt gingen. Denn auf allen diesen Fotos lächelt sie - mehr noch, ihr Gesicht scheint geradezu von innen heraus zu leuchten. Sie sieht auf diesen Bildern ganz und gar nicht aus wie eine todkranke Frau; sie wirkt heiter, gelassen, ja sogar glücklich. Infolge ihrer Krankheit konnte Schwester Cecilia Maria schon seit einigen Monaten nicht mehr sprechen und kommunizierte daher mit Hilfe schriftlicher Notizen; zu ihren letzten Äußerungen gehörten die Sätze: "Ich bin sehr zufrieden - überwältigt von dem Wirken Gottes durch das Leiden und davon, dass so viele Menschen für mich beten."
Diese heitere Gelassenheit im Angesicht des Todes ist bewegend und beeindruckend, aber es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn es auf die Veröffentlichung dieser Bilder und ihrer Geschichte auch negative, sogar wütende Reaktionen gegeben hätte. Denn für Nichtgläubige, für die es keine Hoffnung über den Tod hinaus gibt, stellen Menschen wie Schwester Cecilia Maria eine massive Provokation dar.
Damit soll nicht gesagt sein, dass der Glaube an Gott zuverlässig und unbedingt die Angst vor dem Tod ausschaltet. Vor dieser Angst ist niemand gefeit - selbst Heilige nicht. Bei tief gläubigen Menschen äußert sich die Todesangst zuweilen als eine spezifische Form des Glaubenszweifels: Was, wenn ich mich getäuscht habe? Wenn alles umsonst war? Wenn ich mein Leben einer Illusion gewidmet habe, und nun ist alles vorbei? -- Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., erinnerte in seiner Einführung in das Christentum an die Hl. Thérèse von Lisieux - "die liebenswerte, scheinbar so naiv-unproblematische Heilige", "die scheinbar in ungefährdeter Sicherheit Geborgene" -, die kurz vor ihrem Tod von schweren Zweifeln heimgesucht wurde:
Großes Aufsehen - zumindest im "katholischen Internet" - erregte vor einigen Wochen der Tod einer argentinischen Nonne: Schwester Cecilia Maria vom Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Santa Fé starb am 22. Juni im Alter von 43 Jahren an Lungenkrebs. Was diesen Todesfall so bemerkenswert machte, waren die Fotos aus den letzten Lebenstagen der Ordensfrau, die um die Welt gingen. Denn auf allen diesen Fotos lächelt sie - mehr noch, ihr Gesicht scheint geradezu von innen heraus zu leuchten. Sie sieht auf diesen Bildern ganz und gar nicht aus wie eine todkranke Frau; sie wirkt heiter, gelassen, ja sogar glücklich. Infolge ihrer Krankheit konnte Schwester Cecilia Maria schon seit einigen Monaten nicht mehr sprechen und kommunizierte daher mit Hilfe schriftlicher Notizen; zu ihren letzten Äußerungen gehörten die Sätze: "Ich bin sehr zufrieden - überwältigt von dem Wirken Gottes durch das Leiden und davon, dass so viele Menschen für mich beten."
Diese heitere Gelassenheit im Angesicht des Todes ist bewegend und beeindruckend, aber es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn es auf die Veröffentlichung dieser Bilder und ihrer Geschichte auch negative, sogar wütende Reaktionen gegeben hätte. Denn für Nichtgläubige, für die es keine Hoffnung über den Tod hinaus gibt, stellen Menschen wie Schwester Cecilia Maria eine massive Provokation dar.
Damit soll nicht gesagt sein, dass der Glaube an Gott zuverlässig und unbedingt die Angst vor dem Tod ausschaltet. Vor dieser Angst ist niemand gefeit - selbst Heilige nicht. Bei tief gläubigen Menschen äußert sich die Todesangst zuweilen als eine spezifische Form des Glaubenszweifels: Was, wenn ich mich getäuscht habe? Wenn alles umsonst war? Wenn ich mein Leben einer Illusion gewidmet habe, und nun ist alles vorbei? -- Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., erinnerte in seiner Einführung in das Christentum an die Hl. Thérèse von Lisieux - "die liebenswerte, scheinbar so naiv-unproblematische Heilige", "die scheinbar in ungefährdeter Sicherheit Geborgene" -, die kurz vor ihrem Tod von schweren Zweifeln heimgesucht wurde:
"»Die Gedankengänge der schlimmsten Materialisten drängen sich mir auf«. Ihr Verstand wird bedrängt von allen Argumenten, die es gegen den Glauben gibt; das Gefühl des Glaubens scheint verschwunden, sie erfährt sich »in die Haut der Sünder« versetzt. Das heißt: In einer scheinbar völlig bruchlos verfugten Welt wird hier jählings einem Menschen der Abgrund sichtbar".Man könnte sagen, diese Form der Todesangst sei der letzte Trumpf, den der Teufel ausspielt, um noch im allerletzten Moment Gott eine Seele zu entreißen, die bereits auf dem Weg zu Ihm ist. Nicht umsonst kennt die Katholische Kirche spezielle Schutzpatrone gegen die Todesangst und Gebete um Beistand in der Todesstunde; nicht umsonst wird im Ave Maria, einem der gängigsten Gebete der katholischen Christenheit, gebetet: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes". Und auch in der Komplet, dem Abendgebet der Kirche, beten wir nicht nur um eine ruhige Nacht, sondern auch um ein gutes Ende.

