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Freitag, 13. November 2015

Wenn es "Wir sind Kirche" nicht schon gäbe...

...dann wäre es vielleicht mal an der Zeit, eine Initiative ins Leben zu rufen, die diesen Namen wirklich verdient. Eine Initiative für die 'einfachen Gemeindemitglieder' der vielen Pfarrgemeinden landauf und landab, die sich zwar einerseits nicht als betont konservativ oder traditionalistisch positionieren, andererseits aber auch nichts mit einer radikal-"reformkatholischen" Agenda am Hut haben; Gemeindemitglieder also, die gar nichts Anderes sein wollen als 'ganz normale Katholiken' -- und die sich gerade darin von niemandem repräsentiert fühlen.

Dass es diese Zielgruppe gibt, ja geben muss, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Rechenfreundlich gerundet, hat die Römisch-Katholische Kirche in Deutschland 25 Millionen Mitglieder; etwa 10% davon nehmen regelmäßig an der Heiligen Messe teil. Schwache Quote, aber in absoluten Zahlen immer noch zweieinhalb Millionen Menschen. Nun wird einem zwar gerne mal der Eindruck vermittelt, diese gehörten mehrheitlich dem liberalen Lager an, das innigst darauf hofft, die Lehre der Una Sancta möge sich endlich mal ihrer "Lebenswirklichkeit" anpassen. Aber denken wir doch mal logisch. Man kann natürlicherweise voraussetzen, dass es unter den 25 Millionen deutscher Katholiken solche gibt, die mehr, und solche, die weniger Wert auf die Lehre ihrer Kirche legen. Ebendiese Lehre schreibt u.a. auch - außer im Falle von Verhinderung durch triftige Gründe - den allsonntäglichen Besuch der Heiligen Messe vor. Daraus folgt: Je ernster jemand die Lehre der Heiligen Katholischen Kirche nimmt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man diesen Jemand sonntags in der Kirche antrifft.

Was nun aber, wenn solche lehramtstreuen Katholiken in ihrer Ortspfarrei ständig mit Gottesdiensten konfrontiert werden, in denen die katholische Messliturgie durch Ringelpiez mit oder ohne Anfassen ersetzt wird, wo weder das ordinarium noch das proprium zu seinem Recht kommt, sondern stattdessen die Werke Astrid Lindgrens (gegen die ich im Übrigen überhaupt nichts sagen will) oder Janoschs in den Rang Heiliger Schriften erhoben werden und bei denen unter freien Assoziationen über das Eucharistische Hochgebet Pita-Brot und Fruchtsaft "konsekriert" werden? (Ich wähle hier bewusst Extrembeispiele, die ich so selbst noch nicht erlebt habe, die es aber, wie man so hört, nichtdestoweniger geben soll.) Spekulieren wir: Angesichts solcher liturgischer Missbräuche werden die 'ganz normalen Katholiken' womöglich auf eine andere Pfarrei ausweichen - wenn sie können. Was aber, wenn es eine solche in erreichbarer Entfernung nicht gibt? Tja - dann werden sie entweder ganz wegbleiben und somit Teil der ca. 22,5 Millionen nicht-ausgetretener katholisch Getaufter in Deutschland werden, die nicht regelmäßig die Heilige Messe besuchen; oder sie werden trotzdem hingehen. Und leiden.

Aber dieses Leiden der 'ganz normalen Katholiken' an den Zuständen in ihrer jeweiligen Pfarrei muss sich nicht allein auf die Liturgie beziehen. Es kann auch die Katechese sein, die im Argen liegt. Es kann sein, dass Gemeindemitglieder sich wünschen würden, ihr Pfarrer hätte mehr Zeit für Beichte, Seelsorgegespräche oder z.B. Krankensalbungen, anstatt dauernd in Aktivitäten eingespannt zu sein, die mit dem priesterlichen Dienst bestenfalls am Rande zu tun haben. Es könnte sein, dass sie den Wunsch verspüren, die räumlichen, zeitlichen und personellen Kapazitäten ihrer Pfarrgemeinde würden tendenziell etwas mehr für Gebet, Andacht, Exerzitien etc. genutzt als für links und/oder grün orientierten Agitprop, Yoga-Kurse und Fair-Trade-Basare mit veganem Kuchenbüffet. Oder dass zu Diskussionsveranstaltungen Referenten eingeladen werden, die den Glauben der Kirche bejahen, und nicht (oder nicht nur) solche, die ihn in Zweifel ziehen.

Genauso können es aber auch unterschiedlichste ortsspezifische Konflikte sein, die sich einer Einordnung in das gute alte böse alte innerkirchliche Lagerdenken völlig entziehen, die aber nichtsdestoweniger dazu führen, dass zahlreiche 'ganz normale Katholiken' sich aus dem kirchlichen Leben ihrer Pfarrgemeinden herausgedrängt fühlen, weil kleine Gruppen von großkopferten 'Erzlaien' alles unter ihre Kontrolle bringen. Und diese zählen ja - so jedenfalls mein Eindruck - tatsächlich meist zu den super-liberalen 'Reformkatholiken'. Aus dem einfachen Grund, dass die nun mal ein besonderes Talent dafür haben, als erste "Hier!" zu schreien, wenn es ein Ehrenamt zu verteilen gibt, und daher auf allen Ebenen, vom Pfarrgemeinderat bis rauf zum "ZdK", jene Gremien dominieren, die für sich beanspruchen, das Laienapostolat zu verkörpern.

Wie gesagt: Von der Theorie her liegt es auf der Hand, dass es diese Zielgruppe der enttäuschten, marginalisierten 'ganz normalen Katholiken' geben muss. Dass es sie auch in der Praxis tatsächlich gibt und darauf wartet, zur Kenntnis genommen zu werden, das hat mir zuvörderst mein Engagement in Sachen "Pfarrervergrämung in St. Willehad" vor Augen geführt. Ich sage offen, ich hatte mit dem Echo, das ich darauf bekam, nicht gerechnet. Es hätte mich weit weniger überrascht, wenn ich von den Einheimischen mehrheitlich oder ausschließlich Reaktionen à la "Was mischt dieser Berliner Dunkelkatholik sich da ein, der hat ja gar keine Ahnung" geerntet hätte. (Solche Reaktionen gab es auch, aber sie waren insgesamt deutlich in der Minderheit.) Tatsächlich ging die große Mehrzahl der Reaktionen, die ich von Gemeindemitgliedern von St. Willehad bekommen habe (und das waren nicht wenige), in die Richtung "Endlich sagt's mal einer".

Und, nun ja: Ist es nicht irgendwo auch Aufgabe von uns Bloggern, "endlich zu sagen", was Andere nicht zu sagen wagen? Aussagen wie "Das scheint es überall zu geben" erreichten mich auch aus anderen Orten. Da scheint es also erhebliches Potential zu geben, Veränderungen in den Pfarrgemeinden anzustoßen - einfach dadurch, dass man den an den Rand gedrängten 'ganz normalen Katholiken' eine Stimme gibt, ihnen das Bewusstsein vermittelt, nicht allein zu sein. Ich bin ja auch nicht der Erste, der so etwas macht. Der Blog Pulchra ut Luna etwa hat über Jahre hinweg Missstände in der katholischen Gemeinde in Weimar dokumentiert und zur Diskussion gestellt - ich gestehe gern, das hat mich inspiriert. Im Blog katholon wurde ausführlich über Konflikte in der saarländischen Gemeinde Beckingen berichtet.  Ich würde mal behaupten, das ist noch ausbaufähig.

Jedenfalls nehme ich diesen Gedanken mal mit zum heute Abend beginnenden Bloggertreffen... 


Freitag, 6. November 2015

Der Teufel steht unter Artenschutz

Das Bistum Limburg "hat ein neues Logo für Kinder entwickelt und wird damit künftig auf Veranstaltungen für Kinder hinweisen". Soweit, so schön. Dieses Logo, entworfen vom Limburger Illustrator Michi Schmitt, "zeigt einen kleinen Ritter mit einem lustigen Drachen. Der Ritter heißt Georg, benannt nach dem Patron des Limburger Doms und des Bistums". Aha. Soso. Hm hm. "Sein liebenswerter Begleiter, der Drache, hat allerdings noch keinen Namen. Deshalb wird jetzt nach einem Namen für das Fabeltier gesucht: Alle Kinder, Messdienergruppen, Pfadfinder, Jugendverbände, Schulen und Kindergärten sind eingeladen, dabei mitzumachen." Na fein. 

Zur Erinnerung: Der Heilige Georg, der Legende nach ein Märtyrer der Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Diokletian ( 284-305), war seit dem Mittelalter einer der populärsten Heiligen und wurde zu den Vierzehn Nothelfern gezählt. Da seine Historizität jedoch zweifelhaft ist, wurde er 1969 aus dem Heiligenkalender der Katholischen Kirche gestrichen, aber bereits 1974 wieder aufgenommen. Bekannt ist vor allem die Legende von St. Georg als Drachentöter: Dieser Erzählung zufolge lebte damals in einem See in Libyen (oder im Libanon) ein Drache, der die Gegend mit seinem giftigen Atem verpestete und dem die Einwohner der nahe gelegenen Stadt regelmäßig Lämmer opfern mussten. Als es keine Lämmer mehr gab, opferten die Stadtbewohner dem Drachen ihre Söhne und Töchter. Schließlich fiel das Los auf die Königstochter; nun erschien Georg, besiegte den Drachen, ließ ihn am Gürtel der Königstochter in die Stadt schleppen und versprach den Bewohnern, das Untier zu töten, wenn sich die ganze Stadt zum Christentum bekehrte. 

Da ich aus Urheberrechtsgründen auf ein Bild des Limburger Drachen verzichten möchte bzw. muss, hier ein anderer Drache - aus der Feder von Peter Esser. Diesem Drachen würde ich allerdings auch kein Leid zufügen wollen... ;)  
Dass aus dem menschenfressenden, Gift schnaubenden Ungeheuer der Legende, das in der christlichen Ikonographie zudem traditionell als Symbol für den Teufel verstanden wird, im neuen Kinderlogo des Bistums Limburg nun ein "liebenswerter Begleiter" des Heiligen wird, fand nicht nur ich irritierend. Hier eine Auswahl der schönsten Reaktionen auf Facebook: 
Wahrscheinlich hat Georg die persönlichen Differenzen mit dem Drachen bei einer Tasse Fencheltee besprochen.

.. und seine Agressionen im Stuhlkreis bei den "Anonymen Drachtentötern" gelernt im Zaum zu halten......

– Genau betrachtet, scheint es da nicht beim Fencheltee geblieben zu sein.

Kaum ist der Bischof weg, versöhnen sich in Limburg aber auch wirklich alle miteinander.

Ritter Georg und sein Kumpel testen die Limburger Weinheuyser. 
Nun ja. Lachen ist die beste Medizin, und Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Man könnte ja durchaus der Meinung sein, gar so lustig sei es im Grunde nicht, was das Bistum Limburg sich da leistet. Mein spontaner Impuls angesichts dieses Logos lautete: Dass die Limburger Inkarnation des Hl. Georg sich mit dem Drachen anfreundet, statt ihn zu töten, erscheint mir bezeichnender für den Zustand der Kirche in Deutschland, als vermutlich beabsichtigt war. Zumindest dann, wenn man, wie oben angesprochen, den Drachen als Sinnbild für den Teufel auffasst. Oder, abstrakter und allgemeiner gesprochen, als Inbegriff des Gottwidrigen. So könnte man das Limburger Kinderlogo als Signum einer Kirche interpretieren, die das Böse nicht bekämpfen, sondern lieber mit ihm kuscheln möchte - wozu einem so die eine oder andere Assoziation in den Sinn kommen könnte, aber im Einzelnen überlasse ich das lieber meinen Lesern. Auch hierzu kamen auf Facebook allerlei Stellungnahmen zusammen. So wurde ich etwa auf eine Bronzeskulptur von Ad Wouters aufmerksam gemacht, die, in einer Kirche im belgischen Leuven aufgestellt, den anderen berühmten Drachentöter der christlichen Ikonographie - den Hl. Erzengel Michael - in etwas, nun ja, eigenwilliger Weise darstellt: Wouters' St. Michael, zu dessen Füßen sich der Lindwurm über die Erdkugel krümmt, zerbricht nämlich sein Schwert. Zu diesem Kunstwerk findet sich im Netz auch eine "Interpretationshilfe", die ich hier mal schnell und schludrig aus dem Englischen übersetze: 
"St. Michael wird dargestellt als junger Mann in dem Moment, in dem er einsieht, dass Töten keine Lösung ist. Indem er darüber reflektiert, steht er an einem Wendepunkt seines Lebens. Er steht nackt da, weil Nacktheit Verletzlichkeit und einen möglichen Wendepunkt ausdrückt. Es dämmert St. Michael, dass er einen neuen Weg in seinem Leben einschlagen muss. Jeder hat Schwächen, aber jeder kann seinem Lebensweg eine neue Richtung geben. Deshalb zerbricht er sein Schwert. Er will nicht mehr töten. Töten ist keine Lösung. Das Schwert muss umgeschmiedet werden zu Werkzeugen, die der Menschheit nützen und insbesondere die Armut ausrotten. St. Michael will Frieden und keinen Kampf." 
Gut, dass wir das geklärt haben: Kämpfen is' nich'. Nicht mal gegen den Teufel. Der wird wahrscheinlich auch lieb, wenn man ihn füttert, oder er verwandelt sich womöglich gar in einen Goldenen Drachen der Weisheit wie Frau Mahlzahn in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. 

Im Kontrast dazu fällt es auf, dass Papst Franziskus erst kürzlich via Twitter zum Gebet zum Heiligen Erzengel Michael um Beistand "gegen die Nachstellungen und Fallen des Teufels" aufgerufen hat. Verschiedene Kommentatoren beklagten diesem Zusammenhang, dass das St. Michaels-Lied "Unüberwindlich starker Held" in der Neuausgabe des Gotteslobs nicht mehr enthalten ist. Damit nicht genug: Im Zuge einer Facebook-Diskussion wurde zudem hervorgehoben, dass im neuen Gotteslob auch aus Angeli Silesii "Mir nach, spricht Christus, unser Held" (GL 461) die besonders kämpferische 4. Strophe (mit Textpassagen wie "Ich kämpfe selbst, ich brech die Bahn" und "Ein böser Knecht, der still mag steh'n, / sieht er voran den Feldherrn geh'n") getilgt worden sei: "Kampf fällt aus, nicht nur beim Erzengel." 

Ist also neben all den anderen genannten Indizien auch der putzige Drache des neuen Limburger Kinderlogos symptomatisch für eine Kirche, die vom Geist der 'ecclesia militans' nichts mehr wissen will, sondern lieber mit Allem und Jedem gut Freund sein und bloß nirgends anecken will? - Nun, ganz so eng muss man es wohl nicht sehen. Ist ja schließlich ein Logo für Kinder. Und Kinder mögen Drachen. Dass diese Großechsen in der abendländischen und nahöstlichen Tradition (anders als im fernöstlichen Kontext) eigentlich die Bösen sind, ist spätestens seit Dragonheart, Eragon und Drachenzähmen leicht gemacht wohl etwas aus dem Bewusstsein geschwunden. Dass aus dem Jungfrauenfresser mit dem Giftatem, den die Legende des Hl. Georg schildert, in Limburg nun "Ritter Georgs" bester Kumpel geworden ist, bedeutet also nicht zwangsläufig, dass das Bistum an der Lahn nun endgültig von allen guten Geistern verlassen wurde und ins Lager des Satans übergelaufen ist. Aber irgendwie doof finde ich das schon. Diese zwanghafte Verniedlichung, die ja auch kein Einzelfall ist (vgl. z.B. "Vamos a Nicaragua! – Die neue Reisegeschichte von Gans Auguste"). Als könnte man die altehrwürdigen Überlieferungen der Kirche Kindern nicht mehr zumuten ohne eine dicke Schicht Zuckerguss mit Liebesperlen. Und das betrifft ja nicht allein die kirchlichen Angebote für Kinder. In der Erwachsenenpastoral sieht's ja nicht so viel anders aus: Auch da ist kaum einmal von Märtyrertum und Heroismus, vom Kampf gegen das Böse, ja vom Bösen überhaupt, von den Verlockungen des Satans oder von Hölle und Verdammnis die Rede - dafür umso mehr von Friede, Freude und Eierkuchen. Wenn man sich beispielsweise die Facebook-Seiten mancher deutscher Bistümer ansieht...

Ach, ich wiederhole mich. Aber wie schon der Apostel Paulus an die Philipper schrieb: "Euch immer das Gleiche zu schreiben wird mir nicht lästig". 

Ich glaube, das zitiere ich in Zukunft öfter. :D

Und noch ein paar Essersche Drachen. Was die wohl kochen?


[Anmerkung des Verfassers: Die Überschrift "Der Teufel steht unter Artenschutz" verdanke ich, ebenso wie einige andere inhaltliche Aspekte dieses Artikels, meinem Leser Roland Högner.] 
 

 

Mittwoch, 4. November 2015

St. Willehad: Welle der Solidarität für scheidenden Pfarrer

Mein vor rund eineinhalb Wochen veröffentlichter Bericht über die Vorgänge in der katholischen Pfarrei meiner Geburtsstadt, deren Pfarrer - nur 15 Monate nach seinem Amtsantritt - auf eigenen Wunsch vom Bischof entpflichtet worden ist, hat ein ungewöhnlich großes Echo gefunden: Schon nach so kurzer Zeit ist er einer meiner meistgelesenen Blogbeiträge in diesem Jahr. Wie es aussieht, hat der Artikel besonders bei den Einheimischen einen Nerv getroffen; jedenfalls sind die Zugriffszahlen durch die Decke gegangen, nachdem ich ihn auf Facebook sowohl auf der Seite der Pfarrei selbst als auch in einer Gruppe namens "Du kommst aus Nordenham, wenn..." verlinkt hatte. Gerade in dieser Gruppe fiel die Resonanz weit größer aus als ich vermutet hätte - wenn man bedenkt, dass die Gruppe sonst eher dazu genutzt wird, Veranstaltungstipps auszutauschen oder Antwort auf Fragen wie "Gibt es in Nordenham einen Friseur, der Hausbesuche macht?" (ja, gibt es!) zu finden. Davon abgesehen hatte ich - da mein Eindruck von den Verhältnissen vor Ort ja letztlich doch recht punktueller Natur war - durchaus damit gerechnet, dass meine Einschätzung, Pfarrer Jortzick sei von "einer Clique von 'Erzlaien' [...], die zu Pfarrer Bögershausens Zeiten Schlüsselpositionen in den Ehrenämtern der Pfarrei besetzt hatten und ganz einfach allergisch auf alles reagierten, was 'der Neue' anders machte", aus dem Amt gemobbt worden, auf Widerspruch stoßen könnte. Tatsächlich jedoch erntete ich eine stattliche Anzahl an "Likes" - und einen bemerkenswerten Kommentar: 
"Dem kann man im Grunde nichts hinzuzufügen. Die Situation ist ganz genau so. Leider wurde das falsche Spiel unterschätzt."  
Auch direkt im Kommentarbereich meines Blogs meldete sich ein Gemeindemitglied von St. Willehad zu Wort: 
"[E]gal wer da jetzt kommt [-] solange die Gemeinde nicht schnallt wie es katholisch geht wird kein Pfarrer das hier mitmachen! Die Gemeinde hat angefangen zu leben. Die Gottesdienste sind ein Erlebnis. […] Die Gemeindemitglieder die den Gottesdienst gestalten sind voller Freude an dem katholischem Leben. Die Kirche ist jeden Sonntag voll!
[…] Seit Jahren darf wieder die polnische Messer stattfinden was die polnischen Gläubigen Pfarrer Jortzick zu verdanken haben.
Es war noch soviel geplant! Die Menschen die hier katholisches Leben auf die Beine stellen wollten sind am Boden zerstört.
Von den Gemeindemitgliedern die seit Jahren nichts mehr mit der Kirche zu tun hatten, höre ich jetzt wie sie bedauern das es so schnell zu Ende gegangen ist. Sie fingen an wieder in die Kirche zu gehen, haben ihre Kinder getauft. […]
Es kommen immer mehr junge Leute in die Kirche. Neue Gesichter.
Es gibt immer mehr Gemeindemitglieder die sich überlegt haben und aufstellen wollte neues Pfarrei Rat zu bilden. Die Menschen sind jetzt einfach nur fassungslos." 
Derweil erschien in der Nordwest-Zeitung - die in ihren redaktionellen Beiträgen zunächst vor allem die Kritiker des Pfarrers hatte zu Wort kommen lassen - ein Leserbrief unter der Überschrift Bestürzung und großes Bedauern: 
"Mit Bestürzung und großem Bedauern ist der Weggang von Pfarrer Torsten Jortzick von der großen Mehrheit der Gemeindemitglieder der St.-Willehad-Gemeinde aufgenommen worden. Für die Gläubigen hat der Pfarrer in seiner kurzen Amtszeit eine gute und überzeugende Arbeit in seiner pastoralen Mission geleistet. Offenbar ist dieser Einsatz von bestimmten Kreisen aber nicht nur nicht gewürdigt, sondern durch Konfrontationen und Rücktrittsforderungen hintergangen worden.
Befremdlich ist die Aussage eines Mitglieds des Kirchenausschusses, der Rücktritt von Pfarrer Jortzick sei 'ein dringend nötiger Schritt, damit sich die Gemeinde nicht weiter spaltet'. Nicht Pfarrer Jortzig spaltet, sondern eine kleine Gruppe, die die Arbeit des Pfarrers untergräbt. Kein Wunder, wenn der Pfarrer dieser Belastung nicht weiter standhält und konsequenterweise von seinem Amt zurücktritt." 
Als Verfasser dieses Leserbriefs zeichneten ein langjähriger verdienter Kommunalpolitiker und seine Frau. -- Am 30.10. erschien dann in der NWZ ein Artikel, in dem Pfarrer Jortzick sich selbst zur Lage in der Pfarrei und zu den Gründen seines Rückzugs äußert. "Meine Aufgabe ist es, die Menschen in die Kirche zu bekommen", wird er zitiert, "wenn das nicht funktioniert, muss ich gehen." Dabei sei "die Schuldfrage letztlich zweitrangig". -- Nun ja: Den oben zitierten Stellungnahmen von Gemeindemitgliedern zufolge hat Pfarrer Jortzick es ja sehr wohl geschafft, "Menschen in die Kirche zu bekommen" - aber es gab eben auch Andere. Solche, die unter seinem Vorgänger  zum "harten Kern" der Gemeinde gehört hatten und mit "dem Neuen" nicht klar kamen. "Natürlich", so die NWZ, beschäftige sich Pfarrer Jortzick "trotzdem mit den Ursachen des brodelnden Unmuts und der Ablehnung, mit der ihm zuletzt einige Gemeindemitglieder gegenübergetreten sind", und er wird mit den Worten zitiert: "Bei manchen habe ich von an Anfang gemerkt, dass da ein Unbehagen war". Weiter heißt es in dem Artikel:
"Er sei zwar in der Anfangszeit bewusst zurückhaltend vorgegangen und habe gar nicht beabsichtigt, 'alles auf den Kopf zu stellen'. Aber eigene Akzente, mit denen er sich von seinem Nordenhamer Amtsvorgänger Erhard Bögershausen unterscheidet, setzt Torsten Jortzick schon. […]
Aus heutiger Sicht ist der scheidende Pfarrer davon überzeugt, dass eine bestimmte Gruppe von Gemeindemitgliedern sich von Beginn an dagegen gesperrt hat, das Vergangene aufzugeben und etwas Ungewohntes zuzulassen. Sie sehen das Leitmotiv, dass sein Vorgänger Anfang der 90er-Jahre für das Gemeindeleben vorgegeben hatte, in Gefahr. 'Aber ich bin nicht Erhard Bögershausen, ich bin Torsten Jortzick.'" 
Das deckt sich ja alles ziemlich weitgehend mit meinen Eindrücken, wobei ich es besonders hervorhebenswert finde, wie konsequent Pfarrer Jortzick es vermeidet, gegen seine Gegner in der Gemeinde "nachzutreten". Das entspricht allerdings ebenfalls ganz dem Eindruck, den ich im persönlichen Gespräch von ihm gewonnen habe. -- Über die Auflösung des Pfarreirats infolge des Rücktritts des Großteils seiner Mitglieder im vergangenen Frühjahr heißt es in dem Artikel, damit sei "für Torsten Jortzick der Bruch vollzogen und nicht mehr zu heilen" gewesen: "Genauso hätten es auch andere Gemeindemitglieder empfunden. Zu dieser Einschätzung tragen außerdem zahlreiche Beschwerden bei, mit denen die Kritiker des Pfarrers sich an die vorgesetzte Behörde in Vechta wenden."

Der "Zuspruch in den vergangenen Wochen" habe Pfarrer Jortzick "gefreut", heißt es abschließend: "Doch für sich selbst sieht er keine Chance, die unterschiedlichen Interessen in der Gemeinde wieder zusammenzuführen. 'Ich kann nur hoffen, dass das meinem Nachfolger gelingt', sagt der Pfarrer".

Dieser Hoffnung kann man sich im Interesse der (Achtung, altmodisches Wort!) Pfarrkinder von St. Willehad nur anschließen. Derweil nimmt die Welle der Solidarität für den scheidenden Pfarrer weiter zu. Wie die NWZ am 4.11. berichtete, gab es in der Messe zum Hochfest Allerheiligen "sogar eine stille Protestaktion für den Pfarrer": "Mit einem Plakat auf dem Rücken signalisierten viele Gottesdienstbesucher: 'Wir sind für Torsten Jortzick. Wir sind St. Willehad.'" Im selben Presseartikel meldet sich auch die stellvertretende Vorsitzende des Kirchenausschusses, Christiane Spannhoff, zu Wort - und gibt zu Protokoll, sie würde 
"Pfarrer Jortzick gerne umstimmen und eine Fortsetzung der Arbeit mit ihm sehr begrüßen. Gerade jetzt, wo schon wichtige zukunftsweisende Entscheidungen für die St.-Willehad-Gemeinde beschlossen und umgesetzt seien, hält sie die Entscheidung des Pfarrers für 'besonders bedauerlich'. Nach ihren Worten bedauert nicht nur der Kirchenausschuss, der zurzeit das einzige und höchste Entscheidungsgremium in der Kirchengemeinde ist, sondern auch die Mehrheit der Gemeindemitglieder den Amtsverzicht des Pfarrers." 
Der Amtsverzicht des Pfarrers bzw. seine Entpflichtung durch den Münsteraner Diözesanbischof Felix Genn ist allerdings nicht mehr rückgängig zu machen: 
"Die Rückmeldungen und positiven Signale haben einige Mitglieder des Kirchenausschusses ermutigt, noch einmal mit dem Pfarrer und mit den Verantwortlichen des Bischöflich Münsterschen Offizialats in Vechta das Gespräch zu suchen. 'Die Gespräche waren allerdings leider nicht erfolgreich', teilt Christiane Spannhoff mit." 
Dass der Kirchenausschuss mehrheitlich hinter Pfarrer Jortzick steht, wohingegen sich im aufgelösten Pfarreirat offenbar die Opposition gegen den Pfarrer konzentrierte, gibt zu denken. Gewählt wurden diese beiden Gremien im Abstand von ziemlich genau einem Jahr: der Kirchenausschuss im November 2014 - da war Pfarrer Jortzick schon im Amt; der Pfarreirat im November 2013, also noch in der Ära seiner beiden Vorgänger. Aber ob das allein einen so entscheidenden Unterschied macht? Vielleicht liegt es auch oder eher an den unterschiedlichen Aufgaben der beiden Gremien: Der Kirchenausschuss ist für Finanz- und Verwaltungsfragen zuständig, der Pfarreirat dagegen - hier ein Link zur Satzung - eher für die inhaltliche Gestaltung des kirchlichen Lebens in der Pfarrei - bis in die Liturgie hinein. Die Arbeit des Pfarreirates tangiert also wesentlich stärker die im engeren Sinne priesterlichen Aufgaben des Pfarrers; da liegt es auf der Hand, dass es ein größeres Konfliktpotential gibt (zumindest bei einem Pfarrer, der sich vor allem als Priester und nicht so sehr als "Manager" seiner Gemeinde sieht - andernfalls wäre es vielleicht umgekehrt). Ich könnte mir auch vorstellen, dass es angesichts der unterschiedlichen Aufgaben der beiden Gremien auch einfach unterschiedlich gestrickte Leute sind, die da kandidieren.

Wie dem nun auch sei: Fakt ist, Pfarrer Jortzick steht der Pfarrei noch bis zum Ende des Kirchenjahres, also bis zum Christkönigsfest am 22. November, vor; aber danach muss es ja irgendwie weitergehen in St. Willehad. Den hier zusammengetragenen Aussagen von Gemeindemitgliedern ist übereinstimmend zu entnehmen, dass im Laufe des letzten Jahres positive Entwicklungen angestoßen wurden, die es weiterzuführen gilt. Um die Konflikte, die es in der letzten Zeit gegeben hat, in Zukunft zu vermeiden, erscheint es notwendig, die Ursachen dieser Konflikte genau zu analysieren; das kann ich aus der Ferne natürlich nicht leisten, aber ich kann Denkanstöße geben. Viel wird natürlich vom neuen Pfarrer abhängen, wann immer der kommen mag - die Stelle ist beim Bischöflichen Generalvikariat in Münster ausgeschrieben. Und dann wird ja früher oder später ein neuer Pfarreirat gewählt werden müssen. Da wird es nun wichtig sein, dass diejenigen Gemeindemitglieder sich einbringen, die durch Pfarrer Jortzick wieder oder erstmals zur Kirche gefunden, ihren Platz in der Gemeinde gefunden haben -- und das Feld nicht denen überlassen, die "das schon immer gemacht haben". Den Erzlaien. Ich weiß, so ein Schritt wird Manchem nicht leicht fallen. Er erfordert Mut und Kraft. Ich kann aus der Ferne nur laut rufen: Traut euch!

Es bleibt spannend in St. Willehad. Ich werde das Geschehen weiter aufmerksam verfolgen.


Dienstag, 3. November 2015

Wir wissen, wo du wohnst

"Kein Vergeben, kein Vergessen - Christen haben Namen und Adressen!" Das riefen am 19. September aufgeputschte Linksradikale den Teilnehmern am Marsch für das Leben in Berlin zu, nachdem die Sitzblockade, die den Marsch aufhalten sollte, von der Polizei geräumt worden war. Wie ein Echo dieser unverhohlenen Drohung mutete es an, dass am 1. November auf der linksradikalen Online-Plattform linksunten.indymedia.org in einem Beitrag mit dem Titel auto von rechter demoanmelderin abgefackelt der Satz zu lesen war: "hintermänner und -frauen reaktionärer aufläufe haben namen und adressen". -- In dem genannten Beitrag wurde ein in der vorangegangenen Nacht verübter Brandanschlag bejubelt, der sich gegen das Bündnis Demo für Alle richtete; gleichzeitig wurde zu Nachahmungstaten aufgerufen. In den "großen" Medien fand der Brandanschlag, bei dem ein VW-Bus und Teile eines als Geschäftsadresse der Demo für Alle fungierenden Firmengebäudes in Magdeburg zerstört wurden, kaum Aufmerksamkeit: Die Pressemitteilung des Bündnisses Demo für Alle wurde außer von den christlichen Nachrichtenportalen kath.net und idea.de zunächst nur von der Jungen Freiheit und der Freien Welt aufgegriffen (was, wie zu befürchten steht, in der Wahrnehmung mancher Beobachter dazu beitragen dürfte, die Opfer des Anschlags "in die rechte Ecke zu stellen"). Zudem äußerten sich einige Blogger zu der Attacke - darunter Josef Bordat, der am späten Vormittag des 3. November mit Blick auf den gegen die Demo für Alle-Organisatorin Hedwig von Beverfoerde gerichteten Magdeburger Anschlag sowie einen bereits in der Nacht zum 26. Oktober in Berlin auf das Auto der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden und Europa-Abgeordneten Beatrix von Storch verübten Brandanschlag feststellte: 
"Man muss nicht die Meinung der beiden Frauen in allen Einzelheiten teilen, um der Meinung zu sein, dass das Abbrennen ihrer PKW und ihrer Räumlichkeiten ein vorzivilisatorischer Gewaltakt ist, der durch nichts gerechtfertigt werden kann." 
Nur wenige Stunden später erhielt Josef Bordat die folgende anonyme Drohung: 
"Nerv nicht rum, Du katholischer konservativer Trottel... ansonsten brennt es demnächst bei Dir. Deine Adresse ist bekannt." 
Wie gesagt: Christen haben Namen und Adressen. Gehört haben wir diese Drohung alle, aber es macht zweifellos einen Unterschied, ob sie so allgemein in die Menge hinein gebrüllt wird oder ob man einzeln und persönlich damit angesprochen wird. Halten wir übrigens fest: Josef Bordat hat mit seinem Blogbeitrag ausdrücklich kein Bekenntnis zu irgendwelchen von Beatrix von Storch oder Hedwig von Beverfoerde vertretenen Positionen abgegeben, sondern lediglich konstatiert, was in einem Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte: dass, unabhängig vom Grad der inhaltlichen Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit den betreffenden Personen, Brandstiftung kein legitimes Mittel der Auseinandersetzung sein kann und darf. Aber dieser ganz unpolemische Hinweis genügt schon, um den bekannten Blogger selbst zur Zielscheibe möglicher künftiger Anschläge zu machen. Warum? Weil er nervt. Und weil er ein "katholischer konservativer Trottel" ist. Und somit der Feind.

Nun habe ich, wie meine Leser wissen werden, mit der Streitkultur bzw. der Fähigkeit, andere Standpunkte als den eigenen auszuhalten (das heißt, im Wortsinne, Toleranz), in linksradikalen Kreisen auch schon so meine Erfahrungen gemacht, aber man muss doch sagen, dass hier eine neue Qualität erreicht ist. Morddrohungen habe ich bisher jedenfalls noch keine bekommen, und auch nichts annähernd so Schlimmes. Angesichts der Eskalation, die sich nunmehr abzeichnet, kann es daher nur lehrreich sein, sich einmal anzuschauen, wie die Täter und ihre Sympathisanten ihr Vorgehen eigentlich rechtfertigen. - Dem Brandanschlag auf das Auto von Beatrix von Storch ging auf der schon erwähnten Plattform linksunten.indymedia.org ein Beitrag mit dem Titel Rassistische Hetze bekämpfen - AfD-Demo in Berlin stoppen! voraus, in dem zu Aktionen gegen eine für den 7. November in Berlin geplante Demonstration aufgerufen wurde. Der Text des Beitrags war vergleichsweise harmlos, aber in einem Leserkommentar darunter wurden, ohne weitere Erläuterungen, die Adresse der Vize-Parteivorsitzenden v. Storch sowie Kennzeichen und Fahrzeugtyp ihres Autos genannt. Wenige Tage bzw. Nächte später brannte ebendieses Auto; in der Folge wurden auf linksunten.indymedia.org Links zu Presseberichten über diesen Anschlag sowie das von der Fahrzeughalterin selbst auf Facebook gepostete Foto des ausgebrannten Wagens veröffentlicht. Weitere eigene Stellungnahmen hielten die Seitenbetreiber offenbar für unnötig, zumal Beatrix von Storch, wie man mit Hilfe der Suchfunktion der Seite unschwer feststellen kann, ohnehin zu ihren Lieblingsfeinden zählt. Ursächlich dafür ist nicht allein ihre Position innerhalb der AfD - sondern u.a. auch ihre Unterstützung für die Demo für Alle, womit sich also eine Querverbindung zum Magdeburger Brandanschlag von Sonntagnacht herstellt. In einem vom "Antifa-Recherche-Team Baden-Württemberg" beigesteuerten Artikel vom 11.10.2015 mit der Überschrift Kostenlose Busse zur "Demo für alle": Hinter dem Fundamentalismus steht einiges Kapital heißt es über die Demo für Alle, dort würden sich "Neonazis, Rechtsklerikale und säkulare Reaktionäre zu einer unappetitlichen Suppe mischen". - "Im rechtsklerikalen und rechtskonservativen Milieu finden sich auffallend viele Adelige [sic]", heißt es weiter; das soll wohl heißen: Die sind ja nun schon aus historischen Gründen der Feind. Über die "Protestantin Beatrix von Storch" wird gesagt, sie begründe ihre "Aktivität bei der AfD [...] mit der besseren Möglichkeit ihre christlich-reaktionäre Agenda durchzusetzen"; "ihre Mitarbeiterin und Vertraute von Beverfoerde" sei hingegen "offensichtlich weiterhin CDU-Mitglied. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Partei-Mitgliedschaften gegenüber der eigenen Agenda (gegen Bildungsplan, gegen Gender, gegen Schwangerschaftsabbruch) relativ sekundär sind. Parteien fungieren eher als Instrumente." Erwähnung findet in diesem Artikel außerdem "die katholische Antifeministin Gabriele Kuby".

Bis hierher könnte man meinen, Rassistische Hetze bzw. populistische Stimmungsmache gegen Flüchtlinge bzw. Migranten einerseits und Antifeminismus (wozu das Engagement gegen den Baden-Württembergischen Bildungsplan zur sexuellen Vielfalt, gegen Gender-Ideologie und Abtreibung gezählt wird) andererseits seien erst einmal zwei verschiedene paar Schuhe, verklammert allenfalls durch Frau von Storchs Engagement in der AfD, das aber, wie der zuletzt zitierte Artikel selbst nahelegt, für sie lediglich Mittel zum Zweck sei. Aber in linksradikalen Kreisen denkt man nicht so. Erst kürzlich durfte ich mich im Rahmen einer Diskussion in einer einschlägigen Kneipe belehren lassen, es gebe da gewisse "emanzipatorische Zusammenhänge": Antifaschismus, Antirassismus, Antisexismus usw. gehören untrennbar zusammen, eins geht nicht ohne das Andere, und wer beispielsweise gegen Abtreibung oder gegen die Homo-Ehe ist, der kann noch so sehr gegen Ausländerfeindlichkeit sein, ja sich sogar aktiv für Flüchtlinge einsetzen, es nützt nichts: Er kommt trotzdem nicht aus der Nazi-Schublade raus. In dem oben bereits verlinkten Artikel zum Brandanschlag auf die Geschäftsstelle des Bündnisses Demo für Alle werden diese "emanzipatorischen Zusammenhänge" exemplarisch deutlich: Da wird die Demo für Alle kurzerhand mit PEGIDA auf eine Stufe gestellt.
"die 'demo für alle' ist neben PEGIDA aktuell das weniger bekannte sammelbecken für das reaktionäre Pack auf den strassen der bundesrepublik. […] nicht nur die berichte über konstant mehrere tausend teilnehmer lassen parallelen zu rassistischen bewegung in dresden und anderen deutschen städten ziehen. entstanden sind beide vor dem hintergrund der andauernden krise des kapitalistischen Systems." 
Noch Fragen? Ich glaube nicht. Höchstens noch, inwieweit es "emanzipatorisch" sein soll, Personen, deren politische bzw. weltanschauliche Standpunkte man noch so ablehnenswert finden mag, das Auto oder wahlweise das Haus anzuzünden. Aber keine Bange, auch darauf hat linksunten eine Antwort:
"mit dem anschlag auf die freifrau von beverfoerde soll eine geistige brandstifterin zur rechenschaft gezogen werden. der kaputte wagen zeigt deutlich dass die hetzer angreifbar sind und für ihr treiben die notwendige quittung bekommen. dass wir mit unserem engagement nicht alleine sind zeigen die verkokelten überreste des autos von beatrix von storch in berlin. die AFD-europaabgeordnete und stellvertretende bundesvorsitzende ist die politische partnerin von von beverfoerde und eine der treibenden figuren im hintergrund der 'demo für alle'. mehr davon!"
Die Zielgruppe derer, die von diesem "mehr davon!" betroffen werden könnten, erfährt durch die Logik der "emanzipatorischen Zusammenhänge" natürlich bedenkliche Ausweitungen. So kann, wie wir gesehen haben, selbst ein Josef Bordat - der mit rassistischer Hetze nun wirklich überhaupt nichts zu tun hat, der sich im Gegenteil in seinem Blog schon oft für die Belange von Flüchtlingen und Migranten eingesetzt und dafürauch Anfeindungen erlitten hat - ins Fadenkreuz geraten. Einfach deshalb, weil er es gewagt hat, Brandstiftung als Mittel der Auseinandersetzung abzulehnen. Und natürlich deshalb, weil er katholisch und konservativ ist. Und, zusammenfassend gesagt: weil er nervt. Wer meint, Letzteres sei kein Argument, der kennt die Linksradikalen schlecht. In der oben schon kurz erwähnten Kneipendiskussion wagte ich die (zweifellos naive) Frage, was denn so verwerflich daran sei, wenn ich in einem Flyerregal, in dem Flyer zur Mobilisierung gegen den Marsch für das Leben ausliegen, quasi als Gegendarstellung Flyer für den Marsch für das Leben platziere. Die Antwort lautete: Es nervt. Genauso, wie es nervt, wenn ich zu Diskussionsveranstaltungen gehe, deren Veranstalter meine Standpunkte als indiskutabel betrachten. Oder wenn ich auf die schlichte Tatsache hinweise, dass ein ungeborenes Kind ein Mensch ist und Abtreibung folglich die Tötung eines Menschen bedeutet. Es nervt. Und nerven lassen wollen sie sich nicht, die wackeren Kämpfer "für die befreite gesellschaft".

Natürlich tut es mir leid, wenn ich meinen Mitmenschen auf die Nerven gehe.



Auch jetzt nicht. Gerade jetzt nicht. 



Verdammte Christenpflicht - oder: 35 Dauerpilger und ein Hund

Eins mal vorweg. Christen glauben, dass Gott den Menschen eine Verantwortung für Seine Schöpfung übertragen hat. Das betont beispielsweise der Katechismus der Katholischen Kirche unter Nr. 373. Es liegt daher auf der Hand, dass der Zustand des Ökosystems der Erde Christen etwas angeht, dass Umweltschutz ihnen ein wichtiges Anliegen sein sollte bzw. sein muss. Zu dem Themenkomplex, der aus christlicher Perspektive gern mit dem Begriff "Bewahrung der Schöpfung" bezeichnet wird, gehört in besonderem Maße auch der Klimaschutz. Papst Franziskus hat sich in seiner Enzyklika Laudato Si' eindringlich zu diesem Thema geäußert; auch schon seinem Vorgänger Benedikt XVI. war dieses Anliegen wichtig, er sprach es u.a. in seiner Enzyklika Caritas in veritate von 2009, in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2010 und beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps im Vatikan 2010 an. Außerdem förderte er erneuerbare Energien, indem er im Vatikan eine großflächige Solarstromanlage bauen ließ - wofür der Vatikan den "Europäischen Solarpreis" für das Jahr 2008 verliehen bekam. US-Diplomaten nannten Benedikt sogar den "grünen Papst". -- Nachdem ich dies alles festgestellt habe, erscheint es erklärungsbedürftig, dass bzw. warum der derzeit stattfindende Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit mir so dermaßen gegen den Strich geht, dass ich nun schon zum wiederholten Male darüber herziehen muss. Denn am inhaltlichen Anliegen dieser Aktion kann mein Widerwillen ja nun wohl nicht liegen.

Nun denn. Zu meinem Unbehagen gegenüber der Tatsache, dass der Begriff des Pilgerns auf etwas angewandt wird, was eher - oder zumindest auch - den Charakter einer politischen Demonstration hat, habe ich mich bereits in meinem ersten Beitrag zu diesem Thema ausgelassen, und zu den irritierenden (wenn auch nicht unerwarteten) esoterischen Untertönen der Veranstaltung hier. Was mich veranlasst hat, das leidige Thema noch einmal aufzugreifen, war ein Artikel auf katholisch.de mit dem Titel "Es ist unsere verdammte Christenpflicht" - auf den ich, da ich die Seite katholisch.de ("aus Gründen", wie man auf Twitter sagt) im Allgemeinen eher meide, durch einen Tweet des Regensburger Generalvikars Michael Fuchs aufmerksam wurde. Prälat Fuchs kommentierte die Überschrift des Artikels treffend:
"Liebe Karin, inhaltlich stimme ich dir zu. Aber 'verdammte Christenpflicht' neutralisiert sich gegenseitig." 
Die "liebe Karin", die der Generalvikar von Regensburg hier anspricht, ist Karin Kortmann, ihres Zeichens Vizepräsidentin des "ZdK". Sie ist es, die in dem hier besprochenen katholisch.de-Artikel mit dem Satz zitiert wird: "Es ist unsere verdammte Menschen- und Christenpflicht, dass der Klimaschutz umgesetzt wird". Was Karin Kortmann sonst noch so alles ist oder schon mal war, erfährt man beispielsweise bei Wikipedia: Von 1985 bis 1988 war die "liebe Karin" Leiterin der Fachstelle für Arbeiterjugendliche im Bistum Limburg, von 1988 bis 1991 Diözesanvorsitzende des BDKJ ebendort, von 1990 bis 1997 BDKJ-Bundesvorsitzende. Von 1998 bis 2009 war sie Bundestagsabgeordnete für die SPD, von 2005 bis 2009 parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Im Jahr 2008 war sie gemeinsame Kandidatin von SPD und Grünen für das Amt der Oberbürgermeisterin von Düsseldorf, unterlag jedoch im ersten Wahlgang dem CDU-Kandidaten Dirk Elbers. Kurz, in ihr haben wir eine typische Vertreterin des parteipolitisch infizierten Gremienkatholizismus vor uns. -- Wie dem auch sei: Einer Frau, die über eine so reiche Erfahrung in diversen öffentlichen Ämtern verfügt, sollte man eine hinreichende Gewandtheit im Umgang mit den Medien zutrauen dürfen, dass ihr eine so unglückliche Formulierung wie "verdammte Christenpflicht" nicht einfach unbedacht 'rausrutscht. Und katholisch.de fand die Formulierung ja offenbar gelungen genug, um sie in die Überschrift des Artikels zu übernehmen.

Natürlich könnte man jedweder Kritik an Frau Kortmanns Wortwahl mit dem Hinweis begegnen, es ergebe sich doch unmissverständlich aus dem Kontext, dass das mit der Verdammnis nicht wörtlich gemeint sei; vielmehr sei "verdammt" hier nur als - äh - "Satzverstärkungswort" bzw. als eine Art Elativ zu verstehen. Und schließlich sei "verdammte Pflicht" doch eine ganz gängige Redewendung. -- Ist das so? Fragen wir Onkel Google! Bei einer Suchabfrage zum Stichwort "verdammte Pflicht" beziehen sich die ersten vier Fundstellen (und noch einige weitere) auf die Memoiren des Wehrmachtsoffiziers Alexander Stahlberg über die Jahre 1932-45. Stahlberg gehörte zum Umfeld der Verschwörer vom 20. Juli 1944; wenn er seinen Erinnerungen an die NS-Zeit den Titel Die verdammte Pflicht gab, dann scheint darin eine gewisse Problematisierung des militärischen Pflichtbegriffs anzuklingen. Google-Fundstellen 5,6,8,9 und 11 beziehen sich hingegen auf einen Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Anne Will. Ihre "verdammte Pflicht", so erklärt die Kanzlerin dort, sei es, angesichts der Flüchtlingskrise auch mit der Türkei zu verhandeln, um die Situation der Flüchtlinge dort zu verbessern. Die knallige Formulierung kam offenbar gut an, ja, man kann wohl sagen, dass dieses Interview der Redewendung "verdammte Pflicht" zu neuer Populrarität verholfen hat. Und nun wollte wohl auch Frau Kortmann gern mal in die Fußstapfen der Kanzlerin treten, wenngleich diese sehr konkret von ihrer persönlichen Pflicht sprach und die "liebe Karin" lediglich von einer irgendwie schwammigen Kollektivpflicht. Aus der folgerichtig auch keine konkreten Handlungsanweisungen folgen: Was soll man denn bitte tun, um dieser Pflicht gerecht zu werden? Nun ja, im Zweifel eben Klimapilgern.

Und natürlich Forderungen stellen. An die politischen Entscheidungsträger. So wie der Trierer Bischof Stephan Ackermann es tut, bei einer so genannten "Fünf vor Zwölf-Andacht":
"Der Vorrang des globalen Gemeinwohls vor nationalen Interessen müsse im öffentlichen Bewusstsein verankert ebenso wie in der Politik auf allen Ebenen durchgesetzt werden. Dafür fordert Ackermann stärkere internationale Institutionen und Mechanismen, die die Umsetzung von Selbstverpflichtungen der Regierungen regelmäßig überprüfen und in der Lage sind, Sanktionen zu verhängen." 
Sehr andächtig kommt mir das nicht vor, muss ich gestehen.

Neben dem Trierer Bischof und der Frau vom "ZdK" kommt im katholisch.de-Artikel aber auch eine "ganz normale" Pilgerin zu Wort:
"Christine Kollak pilgert von Köln nach Bonn mit. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin beim katholischen Hilfswerk Misereor sind für sie dessen 'Hungertuchwallfahrten' für soziale Gerechtigkeit seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. 'Da war der Schritt hin zum Klimapilgern nicht weit', sagt die 72-Jährige." 
Soso. Aha. Hungertuchwallfahrten. Musste ich natürlich auch gleich mal etwas drüber nachrecherchieren - und geriet auf eine Forums-Seite, auf der ich Sätze lesen musste wie "Beim Einkehrtag [!] haben wir darüber gesprochen, den eigenen ökologischen Fußabdruck oder CO2-Verbrauch mit Onlinerechnern einzuschätzen", "Vor und nach der Mittagpause ging es in Workshops um verschiedene Themen zur Gesamtheit der Jahrestagung" oder "Einige trauten sich auch Fragen zu stellen und wir beendeten die Runde mit dem Lied 'Jetzt ist die Zeit', das Schwester Sabine sehr flott auf der Gitarre begleitete". Zum Davonlaufen. 

Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass einer der Forumsteilnehmer den Namen des Bischöflichen Hilfswerks MISEREOR beharrlich zu "Mieserer" verballhornt. Ein persönlicher running gag? Oder ist die Autokorrektur schuld? Letzteres erscheint umso glaubwürdiger, als man dieselbe Verballhornung auch andernorts antrifft - so etwa in einem Artikel der Linzer KirchenZeitungImNetz vom 18.08.2015, in dem es unter der Überschrift "Gegen Landraub" heißt:
"Die G7-Staaten wollen mit einer Initiative Armut und Hunger in sieben afrikanischen Ländern bekämpfen. Tansania ist eines davon. Das katholische Hilfswerk Mieserer [sic!] steht dieser Initiative kritisch gegenüber". 
Aber das mal nur am Rande. Was ich eigentlich sagen möchte, ist dies: Zweifellos sind Christen zu sozialem Engagement aufgerufen, und sie dürfen und sollen durchaus auch politisch Stellung beziehen - als Einzelne, aber auch in Gestalt von kirchlichen Verbänden bzw. Institutionen. Wovor mir jedoch graut, das sind Aktivisten, die sich einbilden, dieses soziale und politische Engagement sei bereits das ganze Christentum oder jedenfalls das Wichtigste am Christentum. Das Wichtigste am Christentum ist jedoch das Bekenntnis zu Christus. Ohne dieses - so hat Papst Franziskus in einer Predigt am Tag nach seiner Wahl gewarnt - wäre die Kirche nichts als "eine wohltätige NGO".

Nun mag es sein, dass ich all den Klimapilgern und Hungertuchwallfahrern und Eine-Welt-Basar-Veranstaltern etc. ganz furchtbar unrecht tue - dass es sich bei ihnen, oder zumindest bei einem signifikanten Teil von ihnen, um tiefgläubige Christen handelt, die das Gebet, die Beichte und die Eucharistie ebenso innig pflegen wie ihr sozial-politisches Engagement und die bestrebt sind, nicht nur die Umwelt, sondern auch die eigene Seele rein zu halten. Die sich bewusst sind, dass das Heil der Welt nicht in politischen Maßnahmen liegt, sondern allein in Christus - und dass das Bestreben, die Welt zu verbessern, nicht mit Forderungen oder Schuldzuweisungen an Andere (etwa an "die Politik" oder "die Wirtschaft") anzufangen hat, sondern im eigenen Herzen (vgl. Matthäus 15,19f.: "Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht"). Nur, wenn dem so sein sollte, dann müsste man sich fragen, wieso man in Medienberichten über Aktionen wie den Pilgerweg für Klimagerechtigkeit - selbst in den Berichten kircheneigener Medienformate wie eben katholisch.de - so wenig davon merkt; wieso man dort den Eindruck bekommt, diese Aktionen würden im Wesentlichen von Leuten getragen, die sich unter "Kirche" gar nichts anderes vorstellen wollen als eben eine "wohltätige NGO", gegebenenfalls mit ein bisschen möglichst schwammiger "Spiritualität" drumherum. Vielleicht, wer weiß, sagt das letzten Endes weniger über die Teilnehmer des Klimapilgerwegs aus als über die Leute, die in den Redaktionen sitzen.

Garniert ist der Artikel auf katholisch.de mit einem Foto, auf dem "der wohl haarigste Pilger" zu sehen ist - und dabei handelt es sich, erfreulicherweise, nicht um einen zottelbärtigen Pastoralreferenten mit Klampfe und Norwegerpulli, sondern um einen Hund. Der ist wenigstens niedlich. Andererseits: Ein Hund, der pilgert? Gibt's sowas? - Offenbar: Laut katholisch.de sind auf dem Klimapilgerweg neben zahlreichen "Etappenpilger[n], engagierte[n] Christen und mehrere[n] Grundschulklassen, die sich derzeit im Unterricht mit dem Klima beschäftigen", ganze "35 Dauerpilger, darunter auch ein Hund". Warum auch nicht - ist ja schließlich ein ökumenischer Pilgerweg. Interessieren würde mich aber doch - nur aus Neugierde, wohlgemerkt -: Welche Konfession hat der Hund?


Sonntag, 1. November 2015

Reclaim Halloween! - Eine Nachlese



Alle Jahre wieder gibt es dieses Genöle über Halloween. Dass das so ein kommerzieller Pseudo-Feiertag sei, noch dazu ohne organisch gewachsene Tradition hierzulande, wie es sich für anständige Feiertage gehört; ein US-Import, der althergebrachtes Brauchtum verdränge - quasi das kulturelle Gegenstück zum Indischen Riesenspringkraut. Diese "Überfremdungs"-Rhetorik klingt zwar insgesamt ein bisschen nach der Argumentationslinie von PEGIDA und Konsorten, aber dank des gerüttelten Maßes an Antiamerikanismus, der da mitschwingt, findet diese Polemik gegen Halloween auch bei Menschen Anklang, die sich als links definieren. Ein ganz eigenes Thema ist die christliche Kritik an Halloween. Die evangelischen Landeskirchen in Deutschland beklagen sich vor allem darüber, dass dieses Fest die öffentliche Aufmerksamkeit vom am selben Datum gefeierten Reformationstag ablenke - dabei ist Halloween aber natürlich viel älter als der Reformationstag, und es ist auch kein Zufall, dass der Reformationstag gerade auf Halloween fällt, aber dazu später. Wesentlich mehr gäbe es zu der besonders in fundamentalistisch-evangelikalen Kreisen verbreiteten Auffassung zu sagen, Halloween sei heidnischen Ursprungs, okkult oder sogar satanistisch. Solche Vorstellungen greifen in jüngerer Zeit irritierenderweise auch unter Katholiken um sich - irritierend deshalb, weil es sich bei Halloween, entgegen anderslautenden Behauptungen, im Kern um uraltes katholisches Brauchtum handelt. Nämlich um die Vigil von Allerheiligen (Daher auch der Name - zusammengezogen aus "All Hallow's Eve").

(c) Berliner Gruselkabinett Entertainment GmbH
Natürlich ist in der Art und Weise, wie Halloween heutzutage landauf, landab zelebriert wird, von dieser Herkunft des Festes meist nicht viel zu erkennen. Aber das ist ja, beispielsweise, bei Ostern nicht so sehr viel anders. Da ist es auch nicht immer ohne Weiteres erkennbar, dass es bei diesem Fest noch um etwas Anderes geht als um anthromorphisierte Hasen, die bunt bemalte Eier in Haus und Garten verstecken. Nun wird zu Ostern - oder auch zu Weihnachten - ja immer wieder von Kirchen wie auch von christlich bewegten Einzelpersonen viel dafür getan, inmitten von kommerzialisiertem und banalisiertem Brauchtum die christliche Bedeutung des Fests wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Warum tut man dasselbe nicht auch an Halloween? - Was mich betrifft, mich hat die miesepetrige Anti-Halloween-Polemik schon genervt, seit ich aus meiner pubertären Gegen-Alles-Phase raus bin; und seit einigen Jahren kommt erschwerend hinzu, dass ich beruflich alljährlich an der Gestaltung eines großen Halloween-Events in Berlin beteiligt bin. Da ist es schon recht lästig, sich dauernd mit der nachweislich falschen Behauptung konfrontiert zu sehen, Halloween sei unchristlich, wo nicht gar antichristlich. Daher habe ich heuer auf Twitter unter dem Hashtag #ReclaimHalloween eine kleine Kampagne gestartet, mit dem Ziel, Beiträge zu sammeln, die den christlichen (und speziell katholischen) Gehalt von Halloween betonen. Dabei ist eine ganze Menge zusammen gekommen, daher finde ich, das ist - auch wenn Halloween für dieses Jahr vorbei ist -  schon einen Blogartikel wert. 

(c) Berliner Gruselkabinett Entertainment GmbH
Bereits letztes Jahr war ich auf einen Beitrag mit dem Titel The Catholic Origins of Halloween gestoßen, in dem der Mittelalter-Historiker und Dominikanerpater Augustine Thompson OP zunächst einmal mit dem Mythos aufräumt, Halloween gehe auf ein heidnisches Jahreszeitenfest zurück, und verschiedene Aspekte des Halloween-Brauchtums auf ihre katholischen Ursprünge zurückführt. Thematisch ähnlich gelagert ist ein pünktlich zum diesjährigen Halloween auf der von Bischof Robert Barron begründeten Website Word on Fire erschienener Artikel mit dem Titel It's Time for Catholics to Embrace Halloween von Fr. Steve Grunow. Bloggerkollege Phil steuerte zum Hashtag #ReclaimHalloween einen Link zu einem Halloween-Artikel der Website fisheaters.com bei - einen Artikel, der vor allem ausgeprägt traditionsverbundenen Katholiken das Halloween-Brauchtum schmackhaft zu machen sucht. 

An dieser Stelle ein erster Exkurs. Die Behauptung, Halloween gehe auf ein Fest der heidnischen Kelten namens Samhain zurück - das tatsächlich am selben Datum gefeiert wurde -, hält sich hartnäckig wie Fußpilz. Diese Auffassung kam jedoch erst im 19. Jh. im Zuge der so genannten Keltischen Renaissance auf und wird begreiflicherweise v.a. in neopaganen Kreisen gepflegt - etwa im Wicca-Kult, der Samhain als einen seiner acht "Sabbate", der wichtigsten Feste im Jahreskreis, feiert. Umso bedenklicher ist es, dass auch Christen dieser Geschichtsklitterung aufsitzen. - Die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen Samhain und Halloween stützt sich, abgesehen von der Übereinstimmung des Datums, natürlich auf den Umstand, dass sich vor allem in Irland ein reiches volkstümliches Brauchtum um das Totengedenken an Allerheiligen und Allerseelen entwickelte. Die u.a. von dem schottischen Anthropologen Sir James Frazer  in seinem enorm einflussreichen Werk Der goldene Zweig (1922) vertretene These, Halloween sei ein „altes heidnisches Totenfest mit einer dünnen christlichen Hülle“ gilt jedoch in der Wissenschaft längst als widerlegt - was ihrer Popularität außerhalb wissenschaftlicher Fachkreise jedoch keinen Abbruch tut. Die von neuheidnischer Seite verfochtene Annahme, die Kirche habe das Allerheiligenfest deshalb auf den 1. November gelegt, weil sie damit das keltische Samhain überdecken und/oder assimilieren wollte, erscheint schon darum unglaubhaft, weil dieses Datum für das Hochfest Allerheiligen im 8. Jh. zuerst in Rom eingeführt wurde; in Irland, das bereits seit dem 5. Jh. christianisiert war, wurde Allerheiligen ursprünglich im Frühjahr gefeiert. Wenngleich sich in der altirischen Mythologie diverse Hinweise darauf finden, dass Samhain im keltischen Jahreszyklus eines der Daten war, an denen die Unterwelt offen stand und Kontakte zwischen der Menschenwelt und der Feen- bzw. Geisterwelt möglich waren, gilt es in der Forschung als umstritten, ob Samhain tatsächlich ein Totenfest war. Zu bedenken ist dabei auch, dass sämtliche schriftlichen Quellen über die altirische Mythologie bereits aus christlicher Zeit stammen; es ist somit nicht auszuschließen, dass das Allerheiligenfest das Samhain-Brauchtum beeinflusst hat statt umgekehrt. Der oben erwähnte Augustine Thompson führt das irische Halloween-Brauchtum darauf zurück, dass die Gedenktage für die Verstorbenen im Himmel (Allerheiligen) und im Fegefeuer (Allerseelen) volkstümlich um das Gedenken an die Verstorbenen in der Hölle ergänzt worden seien. 

Bei dieser Gelegenheit kann ich dann auch gleich darauf hinweisen, dass Halloween in seiner heutigen Form (und unter diesem Namen) zwar tatsächlich ein "Re-Import" aus den USA ist - dessen Ausbreitung auf dem europäischen Festland seit den 1990er Jahren nicht zuletzt dadurch begünstigt wurde, dass im Jahr 1991 der Karneval wegen des Golfkriegs praktisch ausfiel und deshalb die Gelegenheit, stattdessen im Herbst ein Kostümfest zu feiern, umso bereitwilliger wahrgenommen wurde (angeblich wurde dies von der "Fachgruppe Karneval" des Verbandes der deutschen Spielwarenindustrie sogar gezielt gefördert, um die Umsatzeinbußen durch den ausgefallenen Karneval auszugleichen) -, dass es aber, wie man auf diversen Brauchtumsseiten im Internet nachrecherchieren kann, durchaus auch im deutschsprachigen Raum allerlei Bräuche rund um Allerheiligen und Allerseelen gab, die den irischen Halloween-Bräuchen unverkennbar verwandt waren. Im Mittelpunkt standen dabei Bemühungen um die Erlösung der Armen Seelen aus dem Fegefeuer. Noch heute führt die Katholische Kirche an Allerseelen Gräbersegnungen durch; vielerorts ist es üblich, dass die Angehörigen der Verstorbenen die Gräber anlässlich dieses Festtags mit Blumen und Kerzen schmücken. In früheren Jahrhunderten ging man noch darüber hinaus und legte auch Lebensmittel wie etwa Brot, Wein oder Bohnen auf die Gräber. Dahinter steht der Volksglaube, an Allerseelen dürften die Armen Seelen das Fegefeuer für einen Tag verlassen und sich auf der Erde von ihren Qualen erholen. In manchen Gegenden Süddeutschlands und Tirols war das so genannte Seelenausläuten gebräuchlich: Ab Zwölf Uhr am Allerheiligentag wurden die Kirchenglocken eine Stunde lang geläutet, um den Armen Seelen ihre vorübergehende Entlassung aus dem Fegefeuer anzuzeigen, am nächsten Morgen wurde erneut eine Stunde lang geläutet, zum Zeichen, dass die Seelen ins Fegefeuer zurück mussten. Da man annahm, die Verstorbenen würden bevorzugt ihre ehemaligen Wohnungen aufsuchen, ließ man in den Häusern Speisen und Getränke für sie auf den Tischen stehen; man durfte keine leere Bratpfanne auf dem Feuer stehen lassen, damit sich keine Arme Seele hineinsetzte, keine Ofengabel verkehrt hinstellen und kein Messer mit der Schneide nach oben auf den Tisch legen, weil sich die Armen Seelen daran verletzen könnten. Aus demselben Grund durfte man auch keine Türen zuschlagen. Wenn eine Tür knarrte, hielt man das für ein Zeichen der Anwesenheit Armer Seelen. Im Alpenland glaubte man, dass die Verstorbenen während ihres Aufenthalts auf der Erde die Gestalt von Kröten annahmen; diesen durfte man daher nichts zuleide tun, vielmehr sollte man, wenn einem eine Kröte begegne, diese fragen, ob man ihr durch Gebet oder gute Werke behilflich sein könne. Dass bei der Gräbersegnung die Gräber mit Weihwasser besprengt wurden, deutete der Volksglaube dahingehend, dass das Wasser den Armen Seelen Kühlung in der Hitze des Fegefeuers verschaffen sollte. 
 
Vielerorts wurden zu Allerheiligen bzw. Allerseelen besondere Brote oder Kuchen gebacken und an Arme, an Mönche, Nonnen und Patenkinder verteilt, besonders aber an die Kinder, die singend und/oder betend von Haus zu Haus zogen. Aus Südtirol wird bereits im 19. Jh. berichtet, dass die Kinder denjenigen, die ihnen nichts geben wollten, die Haustür beschmierten – was bereits eine gewisse Ähnlichkeit mit dem halloween-typischen "trick or treat" hat. Auch an anderen Orten wurde vielfach beklagt, dass das Almosensammeln zugunsten der "Armen Seelen" zusehends in aggressive Bettelei ausarte. - Die im angloamerikanischen Bereich als Gabe für die umherziehenden Kinder üblichen "Soul Cakes" sind kleine runde Kuchen, die oft mit Rosinen oder Korinthen - gewöhnlich in Form eines Kreuzes - verziert wurden. Andernorts waren „Seelenkuchen“ runde Mürbeteigkekse mit Rosinenaugen und Mündern aus kandierten Kirschen. In Schwaben werden baguette-ähnliche Dinkelweißbrote, eine regionale Gebäckspezialität, "Seele" genannt. Die Entstehung dieser speziellen Brotsorte bzw. ihre Verwendung als Almosen an Allerseelen wird gern mit der berühmten schwäbischen Sparsamkeit erklärt, da die "Seelen" kleiner sind als normale Brote.

Es liegt auf der Hand, dass die Allgegenwart von Geistern in den Nächten um Allerheiligen und Allerseelen auch ihre bedrohlichen Aspekte hatte. Teilweise galt es sogar als lebensgefährlich, sich in der Nacht auf Allerseelen nach Einbruch der Dunkelheit im Freien aufzuhalten. Wer es dennoch wagte, dem winkte die Aussicht auf reichen Gewinn: Die Allerseelennacht galt als geeignet, verwunschene Schätze zu finden und zu heben, und wer um Mitternacht eine Totenbahre dreimal um die Kirche schleppte, ehe der zwölfte Schlag der Uhr verklungen war, der sollte dafür alles erlangen können, was er sich wünschte. Die Schwierigkeit bei diesem "Totenbahrenziehen" bestand darin, dass sich beim Umrunden der Kirche immer mehr Arme Seelen auf die Bahre setzten, die dadurch immer schwerer wurde; es war daher ratsam, einen Helfer mitzunehmen, der die Seelen durch Schläge mit dem Kirchenschlüssel oder mit einem Zweig der weißen Traubenkirsche (Weißelxe) vertrieb. Wer das dreimalige Umrunden der Kirche innerhalb der vorgeschriebenen Zeit nicht schaffte, wurde von den Armen Seelen in Stücke gerissen.

So, das war jetzt ein ganz schön langer Exkurs. Dann mal schnell zurück zur Twitter-Aktion #ReclaimHalloween! Bei Bloggerkollegin Claudia fand ich den Artikel Mission zu Halloween, der anregte, den Kindern, die Süßigkeiten sammelnd von Haus zu Haus ziehen, auf freundlich-kindgerechte Art zu vermitteln, worum es am Fest Allerheiligen geht. In dieselbe Richtung ging ein Foto, das ich auf Facebook fand und auf Twitter weiterverbreitete: Es zeigte Schokoladentäfelchen, die mit Kurzbiographien von Heiligen beklebt waren. Ein großer Renner in den Sozialen Netzwerken waren auch Fotos von Kürbisschnitzereien mit christlichen Motiven. 

Bereits im Vorfeld von Halloween hatte der katholische Cartoonist Jason Bach Vorschläge für Truly Frightening Catholic Halloween Costumes gezeichnet und veröffentlicht; an Halloween selbst kursierte dann ein Foto von jemandem, der den wohl witzigsten dieser Kostümvorschläge - "The Spirit of Vatican II" - tatsächlich realisiert hatte. Auf der katholischen Satire-Seite Eye of the Tiber fand ich einen witzigen Artikel mit der Überschrift Man Dressed as Tabernacle at Halloween Party Ignored; is Moved to Corner of Room. 

Eine Reihe höchst aufschlussreicher Artikel über Halloween aus katholischer Sicht findet sich auf der Seite catholicism.about.com. Dort erfährt man beispielsweise, in welchem Maße die Vorstellung, Halloween sei antichristlich, okkultistisch und/oder satanistisch, von dem fanatisch antikatholischen Cartoonisten Jack Chick beeinflusst wurde - und wie eng dessen Verdammung von Halloween mit seinem Antikatholizismus zusammenhängt. 

Recht gut dazu zu passen scheint mir ein pünktlich zu Halloween veröffentlichter Artikel der deutschsprachigen Ausgabe der Catholic News Agency (CNA): War die letzte "Hexe" von Boston eigentlich eine katholische Märtyrerin? Darin geht es um die 1688 in Boston wegen angeblicher Hexerei gehängte Ann Glover. Unter Rückgriff auf zeitgenössische Quellen macht der Artikel glaubhaft, dass die vermeintliche "Hexe" tatsächlich wegen ihres Bekenntnisses zum katholischen Glauben in die Mühlen der Strafverfolgung geriet. Die Puritaner von Massachusetts setzten damals den Katholizismus mit Götzendienst gleich - da war es bis zum Vorwurf der Hexerei kein weiter Weg. 

Womit wir nun also wieder bei konfessionellen Gegensätzen angelangt wären. Ich erwähnte ja schon, dass von evangelischer Seite häufig darauf gepocht wird, der 31. Oktober sei eigentlich ihr Feiertag - der Reformationstag -, und dieser werde von Halloween "verdrängt". Tatsächlich wird wohl eher umgekehrt ein Schuh draus. Martin Luther wählte ja nicht zufällig den 31. Oktober für seinen Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche aus, sondern weil es der Vorabend des Hochfests Allerheiligen war. In der Folgezeit war es dann zweifellos gerade die Reformation mit ihrem Furor gegen die Heiligenverehrung und die Lehre vom Fegefeuer, die in ihrem Einflussbereich das volkstümliche Brauchtum rund um Allerheiligen und Allerseelen zurückdrängte und nahezu ausrottete. Für Katholiken sollte das eigentlich ein Grund mehr sein, die Rückkehr von Halloween zu begrüßen. 

In diesem Zusammenhang eine persönliche Erinnerung an meine Jugend in der Diaspora: Halloween hat ja hinsichtlich des Brauchtums gewisse Ähnlichkeiten mit dem Karneval, und dazu fällt mir ein, wie einmal in meiner Firmvorbereitungsgruppe über die Stellung und Funktion des Karnevals im Kirchenjahr gesprochen wurde. Dabei kam die Frage auf, warum der Karneval in katholischen Gegenden traditionell weit ausgiebiger und ausgelassener gefeiert werde als in evangelischen. Der Pfarrer meinte dazu, seiner persönlichen Einschätzung zufolge liege das in erster Linie daran, dass die Protestanten sich nicht richtig freuen können. Das ist zweifellos stark zugespitzt, aber wer daran zweifelt, dass da irgendwo was Wahres dran sein könnte, dem sei dieser Artikel empfohlen - erschienen, bemerkenswerterweise, in der besonderer Sympathien für den Katholizismus wohl reichlich unverdächtigen taz. 

Ach ja, und wer sich ein Bild von protestantischem "Humor" im Kontext des Reformationstags machen will, kann ja mal in dieses Video 'reinschauen. Aber Vorsicht: Das ist wesentlich gruseliger als Halloween. Finde ich.