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Mittwoch, 8. Februar 2012

Die Brötchen des Bösen - Eine Hamburger(-)Passion

"Skandalinszenierung: Piusbrüder drohen Hamburger Theater mit Anzeige", so lautete am 22. Januar eine Schlagzeile auf SPIEGEL Online; und noch ehe ich den dazugehörigen Artikel gelesen hatte, hatte ich die Eingebung, bei dem betreffenden Theaterstück könne es sich nur um Rodrigo Garcías 'Gólgota Picnic' handeln. Nicht etwa, dass ich mich in der aktuellen Theaterszene so gut auskennen würde oder gar gewusst hätte, dass das Hamburger Thalia-Theater dieses Stück im Rahmen seiner diesjährigen Lessingtage zeigt; aber zufällig hatte ich rund zwei Wochen zuvor auf arte das Kulturmagazin 'metropolis' gesehen (was ich sonst nie tue), und da hatte es einen Beitrag über Proteste "fundamentalistischer Katholiken" gegen die Pariser Aufführung ebendieses Stückes gegeben. Dieser Beitrag war sogar als "Aufreger der Woche" angekündigt worden; wohlgemerkt, nicht das Theaterstück selbst sollte dieser "Aufreger" sein, sondern die Proteste dagegen. Der Umstand, dass in Paris bis zu 4000 strenggläubige Katholiken singend und betend vor einem Theater demonstrierten, wurde gar mit dem Begriff "Kulturkampf" belegt - eine zumindest ungeschickte Wortwahl, wenn man bedenkt, dass dieses 1873 von Rudolf Virchow geprägte Schlagwort eigentlich staatliche Zwangsmaßnahmen zur Unterdrückung der katholischen Kirche bezeichnet.
-- In der Ankündigung dieses Beitrags auf der arte-Website hieß es:  

"Metropolis geht u. a. der Frage nach, ob Kunst wirklich alles darf. Ist der Protest gegen die gezielt gesetzte Provokation berechtigt? Oder braut sich hier eine militante, religiös motivierte Protestkultur zusammen, die nach dem Vorbild radikaler Muslime unliebsame Kulturschaffende einschüchtern will?"

Zumindest der erste Teil dieser Ankündigung wurde von der Sendung kaum eingelöst. Die Frage, ob die Demonstranten mit ihrem Protest gegen 'Gólgota Picnic' irgendwie Recht haben könnten, wurde gar nicht ernsthaft gestellt, es wurde auch nur in Ansätzen deutlich, was genau die empörten Katholiken gegen die Aufführung des Stückes hatten.(Zudem wurde schlau suggeriert, die Protestierer wüssten dies im Grunde selbst nicht so genau, da sie das Stück ja gar nicht gesehen hätten - was einige hierüber befragte Demonstranten freimütig bestätigten. Hier könnte man allerdings auf eine Szene aus dem Film "Hawaii" verweisen, in der der von Max von Sydow verkörperte Protagonist, ein Missionar, erklärt: "Ich brauche einen Mord nicht erst zu begehen, um zu erkennen, dass er unrecht ist.")

Immerhin war dem 'metropolis'-Beitrag zu entnehmen, dass es sich bei 'Gólgota Picnic' um ein provokant religionskritisches Stück handelt, in dem Religion im Allgemeinen und der Katholizismus im Besonderen als mitverantwortlich für das Böse in der Welt dargestellt werden; sowie auch, dass das Stück eine Parodie der Kreuzigung Christi enthält, in der der Heiland durch eine fast nackte Frau dargestellt wird, die die Dornenkrone auf einem Motorradhelm trägt. Dass strenggläubige Katholiken lieber darauf verzichten, sich ein solches Stück anzusehen, nur um "mitreden" zu können bzw. zu dürfen, wird man verstehen. Ob ihnen dies auch das Recht gibt, verhindern zu wollen, dass andere es sich ansehen, ist natürlich eine zweite Frage. Dass es Bombendrohungen gegen das Theâtre du Rond Point und Morddrohungen gegen dessen Leiter Jean-Michel Ribes gegeben hat, weshalb die Pariser Premiere von 'Gólgota Picnic' unter massivem Polizeischutz stattfinden musste, ist ohne Frage schärfstens zu verurteilen; gleichzeitig erscheint es aber auch kritikwürdig, dass die arte-Reportage mehrere tausend friedliche Demonstranten bedenkenlos mit den Urhebern dieser Drohungen in einen Topf wirft.

Zum Schluss bietet die Sendung einen prominenten Repräsentanten der katholischen Kirche in Frankreich auf, der sich in aller Deutlichkeit von den Protesten gegen 'Gólgota Picnic' distanziert. Über das Stück selbst äußert er sich überhaupt nicht, empört sich jedoch darüber, dass eine radikale Splittergruppe sich anmaße, für die gesamte katholische Kirche zu sprechen. -- Man könnte nun finden, die Macher der Reportage seien just dieser Strategie der hinter den Protesten stehenden Kreise komplett auf den Leim gegangen, in dem sie die 'Gólgota Picnic'-Gegner durchweg ohne nähere Spezifizierung schlicht als "Katholiken" betiteln (so als träfe diese Bezeichnung, zumindest nominell, nicht auf die Mehrheit der Franzosen zu). Bei der sehr tendenziösen Ausrichtung des ganzen Beitrags muss man aber wohl davon ausgehen, dass dies nicht ohne Absicht geschieht: Es sieht ganz danach aus, als instrumentalisierten hier einige kulturkämpferisch eingestellte Fernsehjournalisten die Aktionen der besagten 'radikalen Splittergruppe', um die ganze katholische Kirche zu diffamieren. Man kennt dergleichen auch aus Deutschland, aber in Frankreich scheint der Gegensatz zwischen Laizisten und Religiösen doch noch ausgeprägter zu sein.

Bei genauem Hinsehen stellt sich der Fall nun aber doch komplizierter dar, als die arte-Reportage glauben machen will. Zwar hielt auch der Erzbischof von Paris, André Vingt-Trois, zeitgleich zur Pariser Premiere von 'Gólgota Picnic' eine Gebetswache in der Kathedrale Nôtre Dame ab und warnte, das Stück sei geeignet, Christen zu schockieren, stellte aber klar, ohne Kenntnis der Intention des Autors könne man nicht von Blasphemie oder Christenfeindlichkeit sprechen. Bereits bei einer früheren Gelegenheit hatte er "verbale oder erst recht physische Gewalt gegen kirchenkritische Kunstwerke" als inakzeptabel bezeichnet. Diese differenzierte Haltung des Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz ist der oben erwähnten radikalen Splittergruppe zweifellos ein Dorn im Auge; man kann aber davon ausgehen, dass diese Kreise - da religiöse Fanatiker ja nicht selten eine Affinität zu Verschwörungstheorien an den Tag legen - dem Pariser Kardinal ohnehin misstrauen, schon allein seines Namens wegen: "Vingt-Trois" heißt nämlich "Dreiundzwanzig", was Grund genug sein dürfte, zu argwöhnen, hinter seiner Karriere in der kirchlichen Hierarchie steckten die Illuminaten.

Nun aber mal die Karten auf den Tisch: Von welcher radikalen Splittergruppe reden wir hier überhaupt? In 'metropolis' war als Wortführer der Protestler ein unangenehm öliger Sprecher des Civitas-Institus zu sehen; das klingt nach Bürgergesellschaft, aber das täuscht: Durch eine kurze Internetrecherche kann man in Erfahrung bringen, dass diese Stiftung den "Lefebvristen" nahe steht - mit anderen Worten: der von dem 1991 verstorbenen ehemaligen Erzbischof von Dakar (Senegal), Marcel Lefebvre, gegründeten "Priesterbruderschaft St. Pius X.", kurz FSSPX (für "Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X.") - derselben Gruppierung also, die dann wenig später das Gastspiel von 'Gólgota Picnic' am Hamburger Thalia-Theater durch eine Strafanzeige zu verhindern versuchte.

In der deutschen Öffentlichkeit erregte diese 1970 gegründete Bruderschaft zuletzt 2009 größere Aufmerksamkeit, als Papst Benedikt XVI. die 1988 verhängte Exkommunikation der vier Bischöfe der FSSPX aufhob und fast gleichzeitig ein Interview veröffentlicht wurde, in dem einer dieser Bischöfe, Richard Williamson, unter Berufung auf ein mehr als fragwürdiges kanadisches Gerichtsgutachten von 1988 - den so genannten 'Leuchter-Report', dessen Verbreitung in Deutschland als Volksverhetzung strafbar ist - Zweifel an den Opferzahlen des Holocausts anmeldete. Im Handumdrehen war die skandalträchtige Schlagzeile "Papst rehabilitiert Holocaustleugner" fertig - und wirkt bis heute nach: "Piusbrüder? Sind das nicht die mit dem Holocaustleugner?", konnte man etwa auf Twitter lesen. Problematisch an dieser Rubrizierung ist allerdings, dass sie genauso auf eine Vielzahl anderer Gruppierungen zuträfe, die mit den Piusbrüdern ansonsten kaum etwas gemein haben. Und wenngleich man zu Recht darauf verweisen kann, dass der FSSPX schon seit den Tagen ihres Gründervaters Lefebvre antisemitische Tendenzen und eine gewisse Nähe zu rechtsgerichteten politischen Ideologien anhaften, wäre es doch eine allzu plakative Verkürzung, die Bruderschaft schlicht als einen 'Verein von Holocaustleugnern' anzusehen.

Das wesentliche Merkmal der Piusbruderschaft ist vielmehr ihre ultra-traditionalistische Auslegung des Katholizismus, die sich in einer entchiedenen Opposition gegen die Reformen des II. Vatikanischen Konzils äußert. So lehnen die Piusbrüder die Liturgiereform ebenso ab wie Ökumene und interreligiösen Dialog und vertreten in Fragen der Glaubens- und Sittenlehre ausgesprochen rigoristische Positionen. Zusammenfassend gesagt sind sie überzeugt, dass die katholische Kirche seit dem II. Vatikanischen Konzil vom rechten Wege abgekommen ist, und verstehen sich als Gralshüter des 'wahren' Katholizismus. Und genau diese Haltung drückt sich auch in ihren Protesten gegen die Aufführungen von 'Gólgota Picnic' in Paris und Hamburg aus.

Für die Entscheidung des Thalia-Theaters, 'Gólgota Picnic' zu den Lessingtagen einzuladen, dürfte wohl nicht nur die Einschätzung ursächlich gewesen sein, ein Stück, bei dem die Bühne mit 25.000 Hamburgerbrötchen gepflastert ist, passe gut nach Hamburg. Thalia-Intendant Joachim Lux begründete die Entscheidung für das Gastspiel damit, dass die "Auseinandersetzung mit Religion [...] für das Festival ein Thema" sei; dagegen ist erst einmal nichts zu sagen, außer vielleicht, dass man da durchaus auch ein weniger polarisierendes Stück hätte nehmen können. Wenn man denn gewollt hätte. Spätestens nach den Pariser Ereignissen dürfte es für jeden absehbar gewesen sein, dass 'Gólgota Picnic' auch in Hamburg für einen Skandal gut sein würde - und was wäre das Theater ohne Skandale? So ein zünftiger Theaterskandal bringt nicht nur Publicity, er unterstreicht auch die gesellschaftspolitische Relevanz der altehrwürdigen Institution Bühne, und wenn der Skandal darin besteht, dass ein Grüppchen ewiggestriger Ultrareligiöser Zeter und Mordio über angebliche Blasphemie und Pornographie schreit und die Aufführung verbieten lassen will, dann steht das Theater geradezu als Garant von Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst, ja von demokratischem Pluralismus schlechthin da. Was könnte man sich als Intendant Besseres wünschen?

Und genau so kam es dann ja auch. Die öffentlichen Reaktionen auf die causa 'Gólgota Picnic' fielen nahezu einhellig aus: Landauf, landab ergriffen Redaktionen, Blogs und Kommentatoren auf Plattformen wie Facebook und Twitter Partei für das Theater und gegen die Protestler. Der Tenor dieser Meinungsäußerungen lässt sich kaum besser zusammenfassen als durch den nur ein Wort umfassenden Kommentar von Tim Seidel auf der Facebook-Pinnwand des Thalia-Theaters: "Mittelalter!" -- Diese Einschätzung berücksichtigt allerdings nicht, dass die 'Gólgota Picnic'-Gegner für ihren Protest zum Teil durchaus moderne Mittel wählten: so etwa den Versuch, den Betrieb des Thalia-Theaters durch eine Überschwemmung mit eMails und Faxen lahmzulegen. Der Versuch scheiterte jedoch mangels Masse: Drei- bis vierhundert Mails und Faxe innerhalb von drei bis vier Tagen reichten für einen Zusammenbruch der internen Kommunikation im Theater schlicht nicht aus.

Dass auch zur Protestversammlung in der Gaußstraße nur rund 40 Gläubige erschienen, ließ die Hamburger Proteste gegen 'Gólgota Picnic' vollends zur Farce werden. Die Presse veralberte die Demonstranten mit Schlagzeilen à la "Die wollen nur beten", und das Thalia-Theater postete auf Facebook ein Foto der menschenleeren Gaußstraße und witzelte dazu "frei nach O. Waalkes": "Die radikalfundamentalistischen Piusbrüder machen in Hamburg eine Protestkundgebung. Der eine hatte keine Gummistiefel mit und der andere hat sich alleine nicht getraut."

Auf den ersten Blick sieht der Fall 'Gólgota Picnic' somit nach einem klaren Misserfolg für die Piusbrüder aus; aber dieser Eindruck könnte trügen. Immerhin hat die Bruderschaft wieder einmal Publicity bekommen, und mehr noch: Denjenigen Gläubigen, die sich durch die brachiale Religionsfeindlichkeit von Werken wie 'Gólgota Picnic' angegriffen fühlen, hat sie sich als die einzige öffentlich wahrnehmbare Interessenvertretung empfohlen. Die gemäßigte und zurückhaltende Stellungnahme der offiziellen katholischen Kirche, also des Erzbistums, ging in Hamburg wie schon in Paris im allgemeinen Medienecho so gut wie gänzlich unter.

Eine Begleiterscheinung dieser Konstellation war, dass die bereits in der 'metropolis'-Sendung unbeantwortet gebliebene Frage, ob Kunst wirklich alles dürfe oder ob es womöglich doch legitim sei, im Namen des Glaubens gegen die öffentliche Herabwürdigung ebendieses Glaubens zu protestieren, auch in der Hamburger Debatte so gut wie keine Rolle spielte. Lediglich das Hamburger Verwaltungsgericht musste sich mit dieser Frage auseinandersetzen, da es im Eilverfahren über einen Antrag der Piusbruderschaft zu entscheiden hatte, die Aufführung von 'Gólgota Picnic' zu unterbinden. Die Entscheidung fiel sehr eindeutig aus: "Die Aufführung des Theaterstücks beeinträchtige nicht die individuelle Freiheit des Antragstelles, seinen Glauben als Christ zu praktizieren. Er könne der Aufführung fernbleiben." Damit bekannte das Gericht sich - in offenbarem Widerspruch zu seiner eigenen Klarstellung, der "Straftatbestand des § 166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen) [...] schütze allein den öffentlichen Frieden und nicht das religiöse Empfinden Einzelner" - im Prinzip zu der verbreiteten Auffassung, dass Religion Privatsache sei: Antireligiöse Polemik erscheint im Lichte dieser Urteilsbegründung allein als Angriff auf das "religiöse Empfinden Einzelner" - und für dessen Schutz seien in erster Linie diese Einzelnen selbst verantwortlich, denen es ja schließlich freistehe, Dinge zu meiden, die ihre religiösen Gefühle verletzen könnten.

Für Theatermacher und andere Kulturschaffende ergibt sich daraus, dass das Verletzen religiöser Gefühle eine bequeme und, man möchte sagen, wohlfeile Möglichkeit darstellt, einen kleinen Skandal zu provozieren, ohne dabei zu viel zu riskieren. Ein paar Leute, die sich darüber aufregen, wird es immer geben - sonst würde ja kein Skandal daraus -, aber diese Leute sind weitgehend isoliert, haben keinen wirklichen gesellschaftlichen oder politischen Einfluss und haben den Großteil der öffentlichen Meinung von vornherein gegen sich; die Künstler können also darauf bauen, in jedem Fall als moralische Sieger aus dem Skandal hervorzugehen. Für die jeweils betroffenen Religionsgemeinschaften hingegen ergibt sich ein Dilemma. Empören sie sich lautstark, stehen sie als intolerant und banausisch da; reagieren sie moderat und gelassen, rufen sie damit radikale Splittergruppen wie die Piusbrüder auf den Plan, die die Empörung monopolisieren und für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.

An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll, an zwei andere Theaterskandale der letzten Jahre zu erinnern, in denen es auf die eine oder andere Weise um die 'Verletzung religiöser Gefühle' ging: Johann Kresniks 'Zehn Gebote' in Bremen 2004 sowie die Auseinandersetzung um Hans Neuenfels' Inszenierung der Mozart-Oper 'Idomeneo' an der Deutschen Oper Berlin 2006.

Kresniks Stück, das ja bereits im Titel eindeutige religiöse Bezüge erkennen ließ, sollte nach dem Willen des Bremer Theaters eigentlich im dortigen - evangelischen - Dom aufgeführt werden; verhindert wurde dies durch eine Kampagne, die sehr wesentlich von der BILD lanciert bzw. gefördert wurde. Anlass dafür war die Bekanntmachung, Kresnik suche für seine Inszenierung noch Komparsinnen - nämlich ältere Frauen, die nackt an Nähmaschinen sitzen und Deutschlandflaggen nähen sollten. "Dieses Schock-Drehbuch besudelt unseren Dom", empörte sich daraufhin Springers heißes Blatt; Auftakt zu einer Kampagne 'Saubere Kirche', die gegen die "Darstellung von Nacktheit in deutschen Gotteshäusern" Sturm lief. "Ein gewisser Lukas Cranach steht ganz oben auf der Liste der notorischen Schmierfinken", scherzte das Feuilleton der FAZ treffend. Immerhin hatte die Kampagne den 'Erfolg', dass die Domgemeinde die Aufführung in ihren Räumlichkeiten untersagte; daraufhin sprang die ebenfalls evangelische Friedenskirche ein - und zog sich den Zorn konservativer Protestanten zu, die mit Transparenten mit Slogans wie "Jesus Christ spricht: Mein Haus soll ein Bethaus sein" (Lk 19,46) vor der Kirche demonstrierten. Die Premiere der 'Zehn Gebote' fand unter massivem Polizeischutz statt.

Als Blamage für die Deutsche Oper Berlin wie auch für den damaligen Innensenator Körting ging der Skandal um Neuenfels' 'Idomeneo'-Inszenierung in die Geschichte ein. Stein des Anstoßes war eine Szene, in der die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Buddha, Jesus und Mohammed auf die Bühne gebracht wurden - im Kontext der Opernhandlung ein deutliches Bild für die Auffassung, ohne Religion(en) sei die Welt ein besserer, friedlicherer Ort. Proteste von Christen, Buddhisten oder gar Anhängern der alten griechischen Götter wurden offenbar nicht befürchtet - wohl aber Aktionen islamischer Fundamentalisten. Innensenator Körting informierte die Opernintendantin Kirsten Harms telefonisch, es gebe Sicherheitsbedenken gegen die Aufführung - woraufhin Frau Harms entschied, die Aufführung abzusetzen. Dieser Entschluss zog breite Kritik aus allen politischen Lagern - in der Tat: auch aus CDU und CSU! - nach sich; von "Feigheit" und "Selbstzensur" war die Rede; selbst Sprecher muslimischer Organisationen in Deutschland gaben zu Protokoll, sie sähen keinen Anlass für eine Absetzung des Stücks. Die Peinlichkeit der ganzen Affäre wurde noch gesteigert dadurch, dass es sich lediglich um die Wiederaufnahme einer Inszenierung von 2003 handelte, gegen die es zuvor nie Proteste gegeben hatte. In Folge eines Gutachtens der Polizei, das die Gefahr islamistischer Terrorakte als gering einstufte, wurde der 'Idomeneo' schließlich doch wieder gezeigt.

Im direkten Vergleich zu 'Gólgota Picnic' erwecken diese Beispiele den Eindruck, dass religiös motivierte Proteste gegen Theateraufführungen - oder auch nur die theoretische Möglichkeit solcher Proteste - 2004 und 2006 tendenziell ernster genommen wurden als 2012. Über die Ursachen dieser Entwicklung zu spekulieren, ist hier nicht der Platz. Gemeinsam ist allen drei Fällen jedoch, dass die maßgeblichen Feuilletons nach erfolgter Aufführung nahezu einhellig zu dem Schluss kamen, die jeweilige Inszenierung sei an sich die ganze Aufregung gar nicht wert. Umso interessanter ist es, sich einmal anzusehen, wie der Jesuitenpater Hermann Breulmann, der im Auftrag des Erzbistums Hamburg eine Aufführung von 'Gólgota Picnic' besuchte, über das Stück urteilt. Breulmann kommt zu dem Ergebnis, 'Gólgota Picnic' sei durchaus "ein moralistisches Stück" - jedoch, und das dürfte nun wirklich überraschen, "auch ein leibfeindliches Stück, weil der gefallene Engel schwebte am Anfang und Schluss über dem Ganzen. Selbst bei den vielen Nackten war letztlich die Frage der Gleichgültigkeit, auch der Weltfeindlichkeit [...], auch Thema dieses [...] Stückes." Diese Weltfeindlichkeit sieht Breulmann in engem Zusammenhang mit den antireligiösen, speziell antichristlichen Tendenzen von 'Gólgota Picnic': "[D]ass der Mensch, der Christ, auch die Inkarnation, letztlich auch eine Bejahung der Welt ist: dass Gott sich nicht aussuchen konnte, in welchem Menschen er Mensch wurde, sondern dass er letztlich eine Liebeserklärung, ein letztes Ja zu dieser Welt und zu den Menschen gesagt hat, und diese von daher im Letzten auch liebeswürdig sind - das wurde in diesem Stück von Anfang an bestritten." Gerade angesichts dieser Verweigerungshaltung gegenüber der göttlichen Liebe sei 'Gólgota Picnic' "[a]uch ein Stück der Einsamkeit, [...]. Aber einer spirituellen Einsamkeit, die auch nachdenklich machte. Und die, wie die Schauspieler mir sagten, für sie auch eine Art Gebet waren." Auf die Frage angesprochen, ob das Stück blashemisch sei, räumt Pater Breulmann ein, es habe "auch blasphemische Elemente, wobei ich sagen würde: Blasphemisch ist Jeremia auch schon gewesen, als er die Tempelgötter lächerlich machte. Ich glaube auch, dass ein blasphemischer Kern im Zentrum unseres Glaubens steht. Jesus ist wegen Gotteslästerung auch gekreuzigt worden. Der Satz 'Mein Gott, warum hast Du mich verlassen' ist ja nicht nur ein geistlich-beruhigender Satz, sondern auch ein Satz, der einen tiefen Riss noch mal ins Zentrum des christlichen Glaubens hineinsetzt."

Es liegt auf der Hand, dass die Piusbrüder und ihre Gesinnungsgenossen angesichts solcher Äußerungen Zeter und Mordio schreien und dem Pater Breulmann umgehend den Scheiterhaufen an den Hals wünschen würden. Das spricht aber - auch wenn sie selbst das Gegenteil behaupten würden - weniger für ihre Glaubenstreue als für ihre Verbohrtheit. Pater Breulmanns feinsinnige Interpretation von 'Gólgota Picnic' belegt eindrucksvoll, dass die Kirche es nicht nötig hat, nach Verboten zu schreien, weil sie in der Lage ist, Antworten zu geben. Auch wenn zu befürchten ist, dass diese Antworten nur vergleichsweise Wenige erreichen.





Mittwoch, 1. Februar 2012

Was bitte ist denn der Herr Heveling für einer?

Vorgestern glaubte ich noch, der Piratenpartei ihr schärfster Kritiker (und ich lege Wert auf die Feststellung, dass das, entgegen landläufiger Meinung, eine grammatikalisch absolut korrekte Formulierung ist!) wäre ich. Aber dann kam er: Ansgar Heveling, 39 Jahre alt, seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages -- für die CDU. Noch vor Kurzem kannte ihn außerhalb seines Wahlkreises Krefeld I -Neuss II, wo ihm 42,3% der Wähler ihre Stimme gegeben haben, kaum jemand; dann aber erschien im Handelsblatt ein Gastkommentar von ihm, in dem er die "Netzgemeinde", wie er sie nennt, frontal angriff und dem Web 2.0 den baldigen Untergang prophezeite. Hevelings in apokalyptischen Sprachbildern schwelgende Warnung vor einer dunklen Bedrohung aus dem Internet, der es mit gesetzlichen Maßnahmen wie dem jüngst im US-Kongress bis auf weiteres gescheiterten "Stop Online Piracy Act" (SOPA) entgegenzutreten gelte, erregte umso größeres Aufsehen, als Heveling Mitglied der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft im Bundestag ist. Die Reaktion der "Netzgemeinde" auf Hevelings Äußerungen ließ nicht auf sich warten - und dürfte den erkennbar wenig internetaffinen Rheinländer sowohl in ihrer Vehemenz als auch in ihrer puren Quantität eher unvorbereitet getroffen haben. Die online-Kommunikationsplattform Twitter wurde geradezu überschwemmt von einer nicht enden wollenden Serie von Witzen, in denen unter dem Stichwort #hevelingfacts die (vermeintlich oder tatsächlich) antiquierte und technologiefeindliche Weltsicht des CDU-Hinterbänklers aufs Korn genommen wurde - hier ein paar Highlights:

"Ansgar Heveling ist in Eile, er muss das Drei-Uhr-Drehflügelflugzeug nach Belgisch-Kongo erreichen."
oder:
"Ansgar Heveling fährt nie mit der Bahn. Denn Geschwindigkeiten über 30 km/h machen einen Menschen schwachsinnig."

Damit nicht genug, wurde noch im Laufe des Montags, an dem Hevelings Gastkommentar im Handelsblatt erschienen war, seine Internetseite gehackt - mit der Folge, dass dort ein Artikel unter der Überschrift "Ich habe versagt" erschien, in dem zu lesen war: "Jeder kleine Gnom in der Internetwelt kennt nun den Admin-Benutzernamen samt Kennwort dieser Seite." Mag man diesen Akt von "Vandalismus", wie SPIEGEL online schreibt, "widersinnig" finden - "nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es hier doch um Netz- und Meinungsfreiheit gehen soll" -; mag man die "Hevelingfacts" auf Twitter mehr oder weniger amüsant und gelungen finden und/oder darauf verweisen, dass Spott "auch eine gewisse stabilisierende Funktion im Rahmen eines sozialen Systems" habe und somit völlig legitim sei; letztlich kommt man nicht um die Erkenntnis herum, dass die Thesen des Herrn Heveling noch nach einer anderen Antwort verlangen als der des schlichten Lächerlichmachens. So wirkt es doch einigermaßen befremdlich, dass die offizielle Stellungnahme des Bundesvorsitzenden der Piratenpartei, Sebastian Nerz, nicht über das Niveau eines mittelprächtigen "Hevelingfacts"-Tweets hinausgeht:

"Ich würde [Heveling] dringend raten, sich einmal mit den technologischen Entwicklungen seit 1960 zu beschäftigen. Das eine oder andere neuartige Gerät könnte empfehlenswert sein. Aus pädagogischen Gründen halte ich es aber für sinnvoll, mit dem Farbfernsehen zu beginnen und sich erst später mit fortschrittlicheren Entwicklungen wie BTX oder betamax zu beschäftigen, ansonsten könnte eine Überforderung eintreten."

Sehr lustig, Herr Nerz! All die Witze über Drehflügelflugzeuge, Belgisch-Kongo und die Gefahren des Bahnfahrens sind als Witze gut und fein, aber zur politischen Auseinandersetzung mit Hevelings Thesen taugt es nicht, ihn schlicht zum Steinzeitmenschen zu stempeln, dem technische Neuerungen unheimlich sind, weil er sie einfach nicht versteht. Tatsächlich schreibt Heveling ja ausdrücklich: "Natürlich verändert die fortschreitende Digitalisierung unsere Gesellschaft. Vieles wird einfacher. Auch dieser Text ist mit Hilfe der Errungenschaften der Digitalisierung entstanden." Nicht die technischen Möglichkeiten des Internets an sich sind es, die ihm Sorge bereiten, sondern "die Menschen, die hinter den Maschinen sitzen und eine andere Gesellschaft wollen. Die die totale Freiheit apostrophieren und damit letztlich nur den 'digitalen Totalitarismus', wie es Jaron Lavier genannt hat, meinen". Der Mann, den Heveling hier als Kronzeugen aufruft, heißt zwar Lanier, aber allein die Tatsache, dass der etwas bieder und pausbäckig dreinschauende CDU-Mann diesen rastamähnigen Informatiker und Medienphilosophen anführt - von ihm dürfte er auch den Begriff "digitale Maoisten" übernommen haben -, hätte Nerz & Co. doch zu denken geben können.

In gewissem Sinne bestätigt die dummdreiste Replik des Oberpiraten Nerz auf Hevelings Polemik nur allzu deutlich dessen Vorwurf, dass "die 'digital natives' den realen Menschen zum Dinosaurier erklären". Oder, neutraler ausgedrückt: Das Problem scheint zu sein, dass Heveling und die Menschen, für die er spricht, tatsächlich in einer anderen Realität leben als die "Netzgemeinde", als deren politische Vertretung sich beispielsweise die Piraten gern sehen möchten; und beide Seiten bestehen darauf, dass ihre Realität die richtige sei.

Nähert man sich Hevelings Philippika hingegen in der redlichen Absicht, seine Thesen ernst zu nehmen, muss man bald feststellen, dass der Autor dies dem geneigten Leser nicht gerade leicht macht. Das beginnt damit, dass nicht recht verständlich wird, was er eigentlich will. Wenn es ihm nur darum geht, eine "Regulierung" des Internets durch Gesetze à la SOPA zu propagieren - und tatsächlich hat Heveling erst kürzlich ein Unterstützungsschreiben für den gescheiterten Gesetzentwurf unterzeichnet -, dann muss man sich fragen, was dieses ganze seherische Geraune vom "Endkampf", in dem "digitales Blut" fließen werde, eigentlich bezwecken soll - und ob sprachliche Bilder der Art, dass sich "nach dem Abzug der digitalen Horden [...] nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen", nicht auf eine bedenkliche Geisteshaltung bzw. -verfassung schließen lassen. Hinzu kommt, dass Hevelings Text wenig echte Argumente enthält, diesen Mangel aber durch propagandistisch-manipulative Rhetorik wettzumachen sucht. Bezeichnend ist da nicht zuletzt sein Rückgriff auf die Französische Revolution, die laut Heveling für "Freiheit, Demokratie und Eigentum" gestritten habe. Nun haben wir allerdings alle mal in der Schule gelernt, dass das zentrale Motto der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" lautete. Heveling versucht hier also zu schummeln, und man muss sagen, dass er das nicht ungeschickt macht. Den Begriff "Freiheit" lässt er unverändert stehen - und daran tut er gut, denn für Freiheit ist ja jeder, wiewohl vermutlich fast jeder etwas anderes darunter versteht; das ist ja gerade das Schöne an dem Begriff. An die Stelle von "Gleichheit" setzt er "Demokratie" - die ja durchaus etwas mit Gleichheit zu tun hat, Gleichheit in Hinblick auf die staatsbürgerlichen Rechte etwa; andere Aspekte von Gleichheit deckt der Begriff Demokratie hingegen nicht, oder nicht zwangsläufig, ab - soziale Gleichheit etwa, und was Heveling von dieser hält, wird spätestens deutlich, wenn er die soziale Kategorie der "Brüderlichkeit" kurzerhand unter den Tisch fallen lässt und stattdessen "Eigentum" einsetzt. Eine Begriffstrias derart abzuwandeln, dass man ihren ersten Bestandteil beibehält, den zweiten durch einen immerhin noch verwandten Begriff und den dritten dann gleich durch einen offenkundigen Gegensatz ersetzt, das ist ein rhetorischer Trick wie aus dem Lehrbuch; aber wie zahlreiche Kommentare auf Twitter beweisen, lässt die kritische Öffentlichkeit ihm das nicht durchgehen.

Dass Heveling sich überhaupt auf das Erbe der Revolution beruft, nachdem er den Begriff "Revolution" zuvor eindeutig abwertend gebraucht hat, ist noch aus anderen Gründen bezeichnend. Offenkundig will er damit dem Eindruck entgegenwirken, er sei ganz einfach stockkonservativ. Neinnein, beteuert er, ganz im Gegenteil: Ich stehe auf dem Boden der Ideen von 1789, und es geht mir gerade darum, sie zu bewahren, zu verteidigen! Wenige Absätze später will er die Bürger folgerichtig gleich "auf die Barrikaden" schicken - wer denkt da nicht an Eugène Delacroix' herrliches Gemälde "Die Freiheit führt das Volk"? Dass Heveling seine Barrikadenkämpfer statt mit Säbeln und Gewehren nur mit einem "gebundenen Buch" bewaffnen will, mag der eine beruhigend, der andere skurril finden; aber wenn man sich ansieht, an was für Bücher er da denkt, wird es gleich wieder interessant. "Goethe" - na ja, geschenkt; "die Bibel" - da dürften sich die Geister schon scheiden - "oder auch Marx" - nanu? Eine überraschende captatio benevolentiae an die Linke - mit der Heveling offenkundig erneut bezweckt, dem Verdacht zu entgehen, er sei ein verschnarchter Reaktionär.

Ein weitere Mangel von Hevelings Polemik besteht darin, dass trotz seiner Bemühungen, die dunkle Bedrohung aus dem Internet zu personalisieren, sein Feindbild - die "Netzgemeinde" - nicht recht plastisch wird. Wer genau sind denn nun die "digitalen Maoisten", und was tun sie unserer Gesellschaft und Kultur Furchtbares an? Und kann Herr Heveling sich mal entscheiden, ob er die 'verlorene Generation' von Web-2.0-Junkies dämonisieren oder mit onkelhafter Herablassung bemitleiden will? Zugegeben, für Hevelings Beobachtung, dass "Narzissmus und Nerdzismus Zwillinge" seien, lassen sich, nicht zuletzt in den Reihen der Piratenpartei, durchaus anschauliche Belege finden. Und ebenso unstrittig dürfte sein, dass es eine Menge Internet-Nutzer gibt, die eine Plattform wie Twitter tatsächlich in erster Linie dafür nutzen, ihre "zweite Pubertät zu durchleben". Aber gerade die bedrohen wohl kaum die Grundfesten unserer Zivilisation. Kann es also sein, dass Heveling in Wirklichkeit Angst vor jenen anderen hat, die entdeckt haben, dass soziale Netzwerke und Kommunikationsplattformen im Internet noch ganz andere Möglichkeiten bieten - Möglichkeiten der Vernetzung und Mobilisierung, die - wie nicht nur der "Arabische Frühling" gezeigt hat - ganz konkrete gesellschaftliche und politische Veränderungen bewirken können? Es sieht stark danach aus, aber direkt zugeben kann Herr Heveling das nicht, da er sich ja sonst doch als das zu erkennen geben müsste, was er so gern nicht sein will: ein kulturpessimistischer Reaktionär.

Den löblichen Versuch, sachlich auf Hevelings Anwürfe zu antworten, hat - wiederum im Handelsblatt - Frank Rieger, Internetexperte und Sprecher des Chaos Computer Club, unternommen. Gerade der ruhige, besonnene Ernst, mit dem Rieger sich - nach einem durchaus kämpferischen Einstieg - der Frage nach dem Schutz geistigen Eigentums im Internet widmet, ist aber zugleich eine Schwäche seiner Replik: Sie langweilt den Leser mit Fakten und Argumenten, wo Heveling erschütterndes Pathos bietet. Wer nicht sowieso schon, zumindest tendenziell, Riegers Auffassungen teilt, wird schwerlich die Geduld haben, das alles durchzulesen - schon gar nicht online.

Schließlich meldete sich - abermals im Handelsblatt - auch noch Hevelings Fraktionskollegin Dorothee Bär, stellvertretende CSU-Generalsekretärin und Vorsitzende des CSU-Netzrats, zu Wort. Womöglich in der Hoffnung, Heveling würde in Folge der hochkochenden Debatte seinen Platz in der Enquete-Kommission verlieren und sie könnte ihn dann beerben, feuert sie aus allen Rohren gegen den Kollegen, dem sie vorwirft, als Politiker seinen Beruf verfehlt zu haben: "Politik ist dazu da, den Menschen zu helfen - nicht sie zu verunsichern." Ach so. Und Meteorologen sind dazu da, gutes Wetter anzusagen und kein schlechtes, oder wie muss ich das verstehen? Spricht es nicht für ein verqueres Demokratieverständnis, zu behaupten, Volksvertreter müssten diese oder jene Positionen vertreten, sonst seien sie keine? "Ganz sicher aber sind in der 'Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft' Mutmacher gefragt - keine Angstmacher", säuselt die Bär weiter und gibt damit nicht nur ein astreines Bewerbungsschreiben auf Hevelings Posten ab, sondern erhebt ihr Konzept der Wohlfühlpolitik auf eine neue Stufe der Unerträglichkeit. Und das aus dem Mund bzw. der Feder einer CSU-Politikerin? Ist das nur populistische Anbiederei, oder ist die ideologische Orientierungslosigkeit der Merkel-CDU jetzt auch in der bayerischen Schwesterpartei angekommen?

Ansgar Hevelings Handelsblatt-Gastkommentar, bei allem, was man gegen ihn einwenden kann und muss, rockt. Man kann sich darüber aufregen, man kann darüber streiten, und das ist doch schon mal was. Derjenige von Dorothee Bär ist nur schleimig und klebrig. Die Frau hat vermutlich noch eine große politische Karriere vor sich. Liebe Netzgemeinde - habt Ihr DAS gewollt?

Montag, 30. Januar 2012

Mehr Kaminholz wagen!

Kurz nach Weihnachten habe ich mir einen alten Traum erfüllt und mir einen Hausmantel gekauft. Das war keine sonderlich große Investition - 100% Polyester und außerdem Winterschlussverkauf -, aber für mich ist dieser Mantel dennoch ein Stück Luxus im Alltag. Jetzt brauche ich eigentlich nur noch einen Rasierspiegel, den man unter der Dusche anbringen kann.

Das mag sehr genügsam klingen, wirft zugleich aber auch die Frage auf, warum ich mir einen solchen Rasierspiegel nicht schon längst gekauft habe. Die Antwort ist jedoch ganz einfach: Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, Wünsche zu haben, die man sich nicht erfüllt. Schon the one and only Wilhelm Busch schrieb hellsichtig:

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
Kriegt augenblicklich Junge.

 Mit anderen Worten: Solange man kein Auto hat, kommt man vielleicht auch ganz gut ohne aus. Hat man aber erst mal eins, dann will man bald entweder ein schnelleres oder noch ein zweites. Dasselbe gilt für Computer, Mobiltelefone, Stereoanlagen, Haushaltsgeräte undundund. Volkswirtschaftlich gesehen erfüllt dieses Immer-mehr-Wollen natürlich einen nützlichen Zweck, aber tut mir leid, mir wäre das nicht nur zu teuer, sondern vor allem auch zu anstrengend. Deshalb bemühe ich mich, meine materiellen Bedürfnisse gering zu halten. Diese Einstellung hat im Grunde nur einen echten Nachteil: Wenn Verwandte oder Freunde mich fragen, was ich mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünsche, fällt mir meist nichts ein.

Vielleicht gibt es ja im Bereich der Konsumbedürfnisse so etwas wie eine kritische Masse - eine gewisse Menge an Besitztümern, die erst mal vorhanden sein muss, ehe der Wunsch nach mehr entstehen und sich dann exponentiell fortentwickeln kann; und vielleicht habe ich diese kritische Masse infach noch nicht erreicht. 

Das jedenfalls war mein Eindruck, als ich kürzlich mal in ein paar Katalogen blätterte, die mit der Post gekommen waren und die ich ausnahmsweise mal nicht ungelesen ins Altpapier entsorgt hatte. Diese Kataloge - es waren zwei, interessanterweise aber beide vom selben Versandhaus - schienen eigens dafür konzipiert zu sein, Antworten auf den verbreiteten Stoßseufzer "Was schenkt man jemandem, der schon alles hat?" anzubieten; deshalb, so vermute ich, nennt sich dieser Versandhandel auch pro idee.

Tatsächlich bestätigt sich hier der Eindruck, dass man schon einiges besitzen muss, um sich für die Artikel aus diesen Katalogen zu interessieren. Wenn man zum Beispiel keinen Flachbildfernseher hat, dann braucht man auch keine Flat-TV-Staffelei für 899 € - auch wenn man bei dem Preis denken könnte, der Fernseher wäre inklusive, aber das ist er nicht. Was da 899 € kostet, sind allen Ernstes nur drei Edelstahl-Stangen, die man zusammenschrauben und einen Flachbildfernseher daran montieren kann - "[w]andunabhängig freistehend", womit man zwar den Raumvorteil verschenkt, den ein Flachbildfernseher böte, wenn er direkt an die Wand montiert würde, aber gehen wir mal beruhigt davon aus, dass die Zielgruppe dieser Kataloge ausreichend Platz in ihren Wohnungen hat. - Ein weiteres Beispiel: Wer nur eine überschaubare Anzahl an Krawatten (oder, horribile dictu, gar keine) besitzt, der braucht auch kein Tie Rack mit Ionisator für 69 €, das "bis zu 70 Krawatten und Schals übersichtlich und rutschfest" ordnet und mittels des eingebauten Ionisators "unangenehme Gerüche neutralisiert und Bakterien reduziert". Wer keine Terrasse hat, braucht keinen Terrassenheizer Rio Grande für 389 €, und wer keinen Garten hat, braucht keinen Vibrasonic Molechaser - worunter man sich ein Gerät vorzustellen hat, das seismische Schwingungen in den Erdboden ausstrahlt und damit Maulwürfe vertreibt. Wer hingegen einen Garten hat, der kommt womöglich mit einem 'Molechaser' gar nicht aus, und je größer der Garten ist, umso mehr von den Dingern braucht man - deshalb gibt es sie auch im praktischen Dreierpack für 134,50 € (Einzelpreis 49,95 €, Batterien nicht enthalten).

Hat man weder Garten noch Terrasse, sondern nur einen Balkon, kann man sich aber immerhin ein Vogelfutterhaus im Bauhausstil anschaffen; das ist ein harmloser Spaß und kostet nur 32 €. Etwas tiefer in die Tasche greifen muss man für den Duschkopf 'Evolution' (69,95 €), der Luft ins Duschwasser mischt und dieses so bis zu zehnmal sauerstoffhaltiger macht, und erst recht für den Ionen-Haartrockner (94,50 €). Wofür der gut sein soll? Man höre und staune: "Während Sie Ihre Haare trocknen, pflegen Millionen winziger elektrisch geladener Teilchen Ihr Haar - es wird nicht spröde, sondern fällt schön volumig [!], mit geschmeidiger Spannkraft - bis in die Spitzen."

Für das Kind im Manne gibt es das Modellflugzeug Dakota DC-3 aus echtem Aluminiumblech, stolze 65x89x17 cm groß und 1,5 kg schwer, für läppische 649 €; und wem das noch nicht teuer genug ist, dem ist der Panasonic Relax Chair wärmstens zu empfehlen: Für 2.699 € entspannt er "Körper und Geist mit sanft wiegenden Bewegungen - auf Wunsch im Einklang mit meditativer Musik". Was aussieht wie ein stinknormaler Liegesessel, verfügt tatsächlich über "3 computergesteuerte Programme [...]. zum Regenerieren zwischendurch, zum ausgiebigen Relaxen, zum Chillen [!] und als Einschlafhilfe nach einem hektischen Tag" -- und um die Schulden zu vergessen. (Aber ohne Flachs: Der Hinweis auf den "hektischen Tag" ist durchaus charakteristisch für die beiden Kataloge. Am laufenden Band wird dem potentiellen Kunden Anerkennung dafür gezollt, wie hart er arbeitet, um sich den ganzen Krempel leisten zu können - den er sich somit, so die nicht mal besonders unterschwellige Botschaft, im wahrsten Sinne des Wortes verdient hat und sich gefälligst gönnen soll...)

Wer einen Hund hat, kann sich nicht nur einen Designer-Fressnapf von Alessi für 53 € zulegen (Katzenfreunde kommen mit 46 € etwas günstiger weg), sondern auch GEODOG, das elektronische Hundehalsband mit GPS für 299 €; das Ding informiert einen sogar per SMS, wenn der Hund aus dem ihm erlaubten Aktionsradius ausbüxt ("bin dann mal weg. lg, bello"). Hast du kein' Hund, guckst du nur.

Noch mehr tränen dem geneigten Katalogleser jedoch die Augen, wenn er keinen Kamin besitzt. Denn für Kaminbesitzer hat der auf stilvolle Wohnideen spezialisierte pro idee-Katalog "Villa P." erstaunliche Schmankerln zu bieten. Es beginnt auf S. 4 mit Kaminanzündern aus in Naturharz getränktem Pinienholz. Die machen was her, machen "chemische Anzünder und gefährliche Brennstoffe" obsolet, verbreiten angenehmen Tannenduft und kosten nur 34,95 € - nicht etwa pro Stück, sondern für etwa 180 Hölzer, was rund ein halbes Jahr lang jeden Abend ein schönes Kaminfeuer ergibt. Vorausgesetzt, wie gesagt, man hat einen Kamin. Gleich daneben ist ein Antiker Bambuskorb aus China (Preis: 149 €) abgebildet: "Einst ein Obst- und Blumenkorb. Heute ein antikes Wohnaccessoire" - und auf dem Katalogfoto gefüllt mit, jawohl, Kaminholz. Wer's noch komfortabler mag, dem sei der Vario-Kaminholzwagen von der Rückseite des Katalogs empfohlen: geeignet für bis zu 0,14 Kubikmeter Kaminholz, sowohl aufrecht stehend als auch liegend ein stilvolles Möbelstück und in Kombination mit einer separat erhältlichen Holz-Auflage für 39 € sogar als Sitzbank einsetzbar - und das gute Stück kostet nur 298 €!

Auch der auf S. 14f. angepriesene Ulmenholz-Quader für ebenfalls 298 € macht so richtig erst in Kombination mit einem Kamin Spaß. Zwar ist dieses antike - nämlich aus über 100 Jahre altem Holz bestehende! - Stück nicht etwa zum Verfeuern gedacht, sondern als "edles Piedestal, dekorative Blumesäule, markante Dielen- oder Telefonablage" oder was einem sonst noch Irres einfällt; aber der Thrill, sich vorzustellen, irgendein banausenhafter Hausgenosse oder Gast könnte den edlen Baumleichnam nach der dritten Flasche Rotwein für schnödes Brennholz halten und in den Kamin schieben, ist schlechthin unbezahlbar!

Vergleichsweise günstig wäre es da sogar, stattdessen die luxuriösen Teak-Handtuchhalter von S. 12f. zu verheizen, wenn das Feuerholz knapp wird; denn die Dinger kosten nur 149 €, brennen aber bestimmt auch gut. Solange aber der Vario-Kaminholzwagen gut gefüllt ist, kann man sich mit dem "großzügigen Teakholzständer" fühlen wie in "noblen Spas" und "luxuriösen Wellness-Oasen" - allerdings nur, wenn man ein größeres Badezimmer besitzt als zum Beispiel ich, denn würde ich mir einen 88x38x76,5 cm großen Handtuchhalter ins Bad stellen, käme ich selbst nicht mehr rein.

Aber ohne Zweifel entspannt es sich nach einem üppigen Wannenbad am besten vor dem Kamin; und wenn dann der Ulmenholzquader im Feuer glimmt und die anheimelnden Klänge der Wolfsgeheul-CD von Sounds of the Earth (18,90 € und nicht in diesem Katalog!) aus den selbstverständlich sauteuren Hifi-Boxen dringen, fehlt zur ultimativen Gemütlichkeit eigentlich nur noch die Alpakafell-Kuscheldecke für 1.498 €; auch wenn man bei fortgeschrittenem Rotweinpegel vielleicht auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob es nicht noch geiler gewesen wäre, einen Jagdausflug in die Anden zu unternehmen und das Alpaka selbst zu erlegen.

Aber wie sagte doch die Mutter meines Pfarrers einst so treffend: "Man kann in alles einen Sinn legen, und man kann auch in alles Unsinn legen." Tatsächlich glaube ich, man darf die volkswirtschaftliche wie auch die psychosoziale Bedeutung solcher Luxusramsch-Kataloge keinesfalls unterschätzen. Indem sie Begehrlichkeiten wecken, fördern sie nicht nur die Konsumfreudigkeit und damit die Binnennachfrage, sondern mittelbar auch Arbeitsmoral und Gewerbefleiß, indem sie dem Leser plastisch vor Augen halten, was es alles gibt, wofür es sich lohnt, noch härter zu arbeiten und noch mehr Geld zu verdienen. Denn dass man irgendwann im Leben mal zuviel Geld haben könnte und gar nicht mehr wüsste, was man damit anfangen soll, das ist eine Vorstellung, die pro idee einem gründlich austreibt. Dem materiell eher anspruchslosen Menschen hingegen veranschaulichen solche Kataloge, was er alles nicht zu seinem Glück braucht; und das ist schließlich auch was wert.

Sonntag, 22. Januar 2012

Der Bischof soll die Kirche im Dorf lassen

Dass die katholische Kirche, in Deutschland zumindest, in der Krise sei, ist ein Gemeinplatz, der seit Jahren ebenso unentwegt wie unhinterfragt durch die öffentlichen Debatten schwirrt; aber gerade weil diese Aussage so selbstverständlich wirkt, kommt nur selten in den Blick, worin diese Krise eigentlich besteht, worin sie sich konkret äußert bzw. bemerkbar macht. Auf Nachfrage wird zumeist einerseits auf steigende Kirchenaustrittszahlen verwiesen, andererseits auf Priestermangel. Okay, könnte man sagen, die Kirche wird kleiner. Weniger Mitglieder, weniger Priester - wenn das Verhältnis sich dabei einigermaßen die Waage hielte, dann wäre so ein Schrumpfungsprozess noch nicht unbedingt als "Krise" zu bezeichnen, könnte vielleicht sogar etwas Gesundes an sich haben. Aber so ist es nicht.

Zum einen schrumpft die Mitgliederzahl der katholischen Kirche in Deutschland nämlich gar nicht so dramatisch, wie man angesichts der jährlichen Austrittszahlen denken könnte. Es wird nämlich gern vergessen, die Austritte mit den Neueintritten, v.a. den Taufen, gegenzurechnen, und deren Zahl ist nach wie vor hoch. Zudem darf man unterstellen, dass zumindest ein Teil derer, die aus der Kirche austreten, schon vorher nicht zu den besonders aktiven Mitgliedern gehört haben wird - oder umgekehrt ausgedrückt: Diejenigen Kirchenmitglieder, die die "Angebote" ihrer Kirchengemeinde intensiv nutzen, dürften eher weniger zum Austritt neigen.

Das Ergebnis ist: Durch die Austritte haben die Priester und sonstigen Kirchenmitarbeiter nicht weniger Arbeit; aber die Kirche hat, infolge verminderter Steuereinnahmen, weniger Geld. Und außerdem, wie bereits festgestellt, Priestermangel.

Die Auswirkungen dieser Situation kann man in Deutschland landauf, landab beobachten; besonders deutlich oder vielleicht auch nur besonders medienwirksam zeigen sie sich derzeit jedoch im Bistum Essen, auch bekannt unter der Bezeichnung "Ruhrbistum". Das Bistum muss sparen und greift daher zu Umstrukturierungsmaßnahmen, wozu auch die Zusammenlegung von Pfarreien zählt; das heißt, genau wie in der freien Wirtschaft, dass Standorte geschlossen werden müssen. Allein in Duisburg-Nord sind sechs Kirchen davon betroffen. Aber es regt sich Widerstand gegen diese Pläne.

Gemeindemitglieder der auf der Streichliste stehenden Pfarreien vernetzten sich - vom 'Arabischen Frühling' lernen heißt siegen lernen - via Facebook und organisierten Protestaktionen, wozu auch Besetzungen einigr von der Schließung bedrohter Kirchen zählten. Spätestens an diesem Punkt wurde auch der SPIEGEL auf das Thema aufmerksam und brachte in seiner Weihnachtsausgabe einen Artikel mit dem durchaus nicht unwitzigen Titel Occupy St. Norbert; als Autor zeichnete der an anderer Stelle in diesem Blog schon einmal erwähnte Peter Wensierski. An ziemlich früher Stelle des Artikels lenkt Wensierski das Augenmerk des Lesers auf die sozialen Begleiterscheinungen der drohenden Kirchenschließungen: "Mit den Gotteshäusern verschwinden auch Kindergärten und Suppenküchen, ebenso Treffpunkte für Jugendliche, Mütter und Senioren - alles Einrichtungen, die auch für den sozialen Zusammenhalt in Dörfern und Stadtvierteln stehen." Nun ist es ja ganz interessant, einmal darauf hingewiesen zu werden, was die Kirche so alles für das Gemeinwesen tut; dass es um Wensierskis Verständnis für die eigentlichen Kernaufgaben der Kirche - wozu an prominenter Stelle die Spendung der Sakramente zu zählen wäre - weniger gut bestellt ist, zeigt der mokant-spöttische Tonfall, in dem er berichtet, angesichts der Besetzung von St. Barbara habe die Küsterin "vorsichtshalber das sogenannte [sic!] Allerheiligste aus dem Tabernakel" genommen und "dem 'Leib Christi', der geweihten Hostie, über Nacht in der Sakristei eine provisorische Bleibe" gegeben.

Überhaupt ist ja Skepsis geboten, wenn ein als ausgesprochen kirchenkritisch, wenn nicht gar kirchenfeindlich bekanntes Magazin wie der SPIEGEL im Ton besorgter Anteilnahme über Probleme in der Kirche berichtet. Und so wird bei genauerem Hinsehen auch schnell deutlich, was den SPIEGEL an dieser Geschichte wirklich bzw. vor allem interessiert. Indem Peter Wensierski die Duisburger Kirchenbesetzer als "Wutkatholiken" tituliert - analog zu der v.a. im Zusammenhang mit Stuttgart 21 populär gewordenen Wortschöpfung "Wutbürger" -, suggeriert er, die Duisburger Proteste seien ein Symptom für eine allgemeine Gärung innerhalb der Kirche; obwohl die Kirchenbesetzer lediglich die Erhaltung ihrer Heimatpfarreien und nicht etwa die Abschaffung des Zölibats oder die Zulassung von Frauen zum Priesteramt fordern, werden sie pauschal der innerkirchlichen Reformbewegung zugerechnet.

Ganz abwegig ist diese Sichtweise allerdings wohl nicht. Immerhin bedeutet der Protest gegen Kirchenschließungen einen Protest gegen die Leitung des Bistums, und das ist für das Amtsverständnis katholischer Bischöfe - "Wer nicht mit dem Bischof ist, der ist auch nicht in der Kirche", sagt der hl. Cyprian von Karthago - eigentlich ein unerhörter Affront. Den SPIEGEL freut's - umso mehr, als der hier zuständige Bischof Franz Josef Overbeck, mit 47 Jahren der jüngste Diözesanbischof Deutschlands, als einer der "jungen Konservativen in der Deutschen Bischofskonferenz" gilt. So erinnert Wensierski seine Leser daran, dass Bischof Overbeck "durch Ausfälle gegen Homosexuelle in der Talkshow 'Anne Will'" Aufsehen erregt habe; das gehört zwar eigentlich nicht zum Thema, ist aber ein immer wieder gern genommener Vorwurf (was Overbeck bei Anne Will wirklich gesagt hat, wie sich das zur offiziellen Haltung der katholischen Kirche zum Thema Homosexualität verhält und wie der Bischof seine Äußerungen später korrigiert bzw. relativiert hat, kann man hier nachlesen). Zudem heißt es von ihm, er gelte als "möglicher Nachfolger des einflussreichen Kölner Kardinals Joachim Meisner". Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht interessant. Indem Overbeck Ambitionen auf den Kölner Erzbischofssitz nachgesagt werden, werden durch die Blume auch Zweifel an seinem Engagement für seine jetzige Diözese gestreut - nach dem Motto: Wenn er sowieso nach Köln will, kann es ihm ja egal sein, wenn er im Ruhrbistum verbrannte Erde hinterlässt. Gleichzeitig mögen Overbecks Aussichten auf den erzbischöflichen Stuhl zu Köln, der traditionell mit dem Kardinalspurpur verbunden ist, für den SPIEGEL ein Grund mehr sein, den vermeintlichen oder tatsächlichen Hardliner Overbeck zu attackieren - womöglich gar in der Hoffnung, Overbecks Karrierechancen könnten durch die Duisburger Vorgänge bechädigt werden. Ob das eine realistische Erwartung ist, darf bezweifelt werden, aber die Zeit wird es zeigen - Kardinal Meisner ist 78 Jahre alt und hat dem Papst schon 2008 aus Altersgründen seinen Rücktritt angeboten.

Doch auch jenseits der Frage der Meisner-Nachfolge bieten die Duisburger Proteste gegen Kirchenschließungen genug politischen Zündstoff. So liegt eine der von der Schließung bedrohten Kirchen, St. Peter und Paul, in unmitelbarer Nähe der größten Moschee Deutschlands. Für Islamphobiker und andere Kulturpessimisten ist diese Konstellation selbstredend ein sicheres Anzeichen für den nahenden Untergang des Abendlandes: So weit ist es gekommen, der Islam verdrängt das Christentum aus unseren Städten! Den Verhältnissen vor Ort wird diese düstere Sichtweise allerdings kaum gerecht. Tatsächlich hat sich gerade die katholische Gemeinde St. Peter und Paul sich vor fünf Jahren sehr für einen muslimischen Treffpunkt in ihrem Stadtteil eingesetzt - und das haben die dortigen Muslime ihren katholischen Nachbarn nicht vergessen. "Ihr habt uns beim Bau unserer Moschee geholfen, jetzt helfen wir euch beim Kampf um eure Kirchen!", heißt es in Duisburgs Norden; eigentlich ein schönes Signal für freundschaftliches Miteinander verschiedener Religionsgemeinschaften - und wie ich soeben erfahre, haben die Proteste hier sogar einen Erfolg erzielt: St. Peter und Paul wird nun doch nicht geschlossen, womit, wie ein Sprecher des Bistums erklärt, "ein Zeichen für den interreligiösen Dialog gesetzt werden" soll.

Dass es um diesen auch in Duisburg nicht überall so gut bestellt ist wie im Falle der Nachbarschaft zwischen Merkez-Moschee und St. Peter und Paul, belegen andere Nachrichten aus dem Norden der Niederrhein-Metropole. Vor wenigen Wochen berichtete das Nachrichtenportal "Der Westen" über "Gewalt gegen Kirchen in Duisburg", insbesondere über wiederholte Steinwürfe gegen die auch als "Laarer Dom" bekannte Kirche St. Maximilian und Ewaldi in Duisburg-Laar; und obwohl die Täter unbekannt sind, suggeriert der Artikel, es handle sich um muslimische Jugendliche, die sich darüber geärgert hätten, dass sie auf dem Parkplatz der Kirche nicht Fußball spielen dürfen. Der Blog Via Dolorosa, der dem durchaus ernsten Thema Christenverfolgung gewidmet ist, griff das Thema sofort auf und verschärfte die Überschrift des genannten Artikels zu "Angriffe auf Christen in Duisburg". In dem Blogbeitrag heißt es u.a.: "Mal ganz abgesehen davon, dass kein Christ in Deutschland auf die Idee kommen würde, auf dem Grundstück einer Moschee Fußball zu spielen, scheint unserer Respekt vor der Religion anderer Menschen weitaus größer zu sein, als der vieler Muslime vor dem Christentum. Es geht den jugendlichen Muslimen [...] nicht ums Fußballspielen, so ein Quatsch, es geht wohl eher darum, dass der Christ an sich schon mal ein Dorn im Auge des Muslimen ist." -- Ob da womöglich derjenige, der über den "Dorn im Auge des Muslimen" spricht, den Balken im eigenen Auge nicht sehen will, sei nur mal so am Rande in die Diskussion geworfen.

Um zwischen den Protestaktionen der Katholiken in Duisburg-Hamborn und -Marxloh einerseits und den Fällen von Kirchenvandalismus in Duisburg-Laar einen inneren Zusammenhang zu wittern, müsste man freilich schon ein ganz ausgebuffter Verschwörungstheoretiker sein; aber zu denken gibt die Synchronizität der Ereignisse allemal. Einerseits könnte man, sehr frei nach Brecht, fragen: "Was ist die Beschädigung einer Kirche gegen die Schließung einer Kirche?". Andererseits erscheint die Frage berechtigt, ob nicht auch die Besetzung eines Gotteshauses einen Akt der Entweihung darstellt (und die Küsterin von St. Barbara, die vorsichtshalber das Allerheiligste in Sicherheit gebracht hat, hat dazu sicherlich eine klare Haltung). Überhaupt werden sich die Duisburger "Wutkatholiken" die kritische Frage gefallen lassen müssen, ob sie die Kirche womöglich allzusehr als Dienstleisterin missverstehen.

Klar dürfte bei alledem - trotz des Teilerfolgs im Fall von St. Peter und Paul - sein, dass Protestveranstaltungen die Zusammenlegung von Pfarreien und damit auch die Schließung von Kirchen, wenn solche Maßnahmen durch Priestermangel und schrumpfende Gemeinden notwendig werden, nicht verhindern können. Und auch wenn die Proteste mit den jüngsten Verlautbarungen des Bistums womöglich noch nicht beendet sein werden, wird das Bistum letztlich doch tun, was das Bistum tun muss; Bischof Overbeck wird Kardinal werden oder vielleicht auch nicht; und die katholische Kirche im Ruhrgebiet wird schrumpfen, aber nicht untergehen.

Was wird also bleiben von den Duisburger Kirchenprotesten? - Mindestens wohl der Erfolg, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür geschaffen zu haben, welchen Verlust es für die Kommunen bedeutet, wenn die Kirche sich aus ihnen zurückzieht. Und das könnte für die Debatte über die Rolle der Kirche in der Gesellschaft ein durchaus produktiver Beitrag sein.

Freitag, 13. Januar 2012

Wie selig sind die geistig Kinderarmen?

In Diskussionen über die "Generation von '68" im Vergleich zur heutigen - wie immer man die definieren möchte - lasse ich immer mal wieder gern den Satz fallen: "1968 war das Jahr, in dem meine Eltern geheiratet haben. Kirchlich, übrigens." Es wird nicht immer jedem deutlich, worauf ich mit dieser Aussage hinaus will, und manchmal ist es sogar mir selbst nicht ganz klar. Jedenfalls war meine Mutter damals 19 und hatte eine abgeschlossene Berufsausbildung, zu der sie von ihren Eltern gedrängt worden war - sie wäre gern aufs Gymnasium gegangen, wäre von ihren schulischen Leistungen her auch dazu qualifiziert gewesen, aber die Eltern waren dagegen. Nach der Heirat hängte meine Mutter ihren ohnehin eher unfreiwillig ergriffenen Beruf an den Nagel und konzentrierte sich ganz auf ihre neue Aufgabe als Ehefrau, Hausfrau und bald darauf auch als Mutter. Später, als meine Geschwister und ich längst erwachsen waren, versicherte sie mir, sie habe diese Tätigkeit als ausgesprochen befriedigend empfunden: als anspruchsvoll, vielseitig, verantwortungsvoll und niemals langweilig.

Als vor knapp fünf Jahren die scharfe Polemik des damaligen Augsburger Bischofs Mixa gegen den Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung die Gemüter der Nation erhitzte, überraschte meine Mutter mich mit der Aussage, sie finde, Mixa habe Recht. Nun hat Monsignore Mixa sich seitdem ja derart gründlich diskreditiert, dass es durchaus etwas Peinliches hat, sich auf ihn zu berufen; aber trotz "Watschen" und dubioser Finanztransaktionen ist es ja nicht von vornherein auszuschließen, dass er irgendwann mit irgendwas auch mal Recht gehabt haben könnte.

Was also hat er damals eigentlich gesagt oder gemeint? -Seine Kritik an der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen entzündete sich an deren Plänen, die Zahl der Kinderkrippenplätze in Deutschland zu verdreifachen und im Gegenzug andere Familienleistungen zu kürzen. In einer Audienz für den Vorstand des Familienbundes der Katholiken in seiner Diözese erklärte Mixa: "Die Familienpolitik von Frau von der Leyen dient nicht in erster Linie dem Kindeswohl oder der Stärkung der Familie, sondern ist vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren." Diese Pläne seien "schädlich für Kinder und Familien und einseitig auf eine aktive Förderung der Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern fixiert"; die "Denkmuster des Familienministeriums" erinnerten "in beklemmender Weise" an die "Ideologie der staatlichen Fremdbetreuung von Kindern in der untergegangenen DDR". Wer mit staatlicher Förderung Mütter dazu verleite, ihre Kinder bereits kurz nach der Geburt in staatliche Obhut zu geben, degradiere die Frau zur "Gebärmaschine".

Ausgesprochen starker Tobak, zweifellos - zumal der Begriff "Gebärmaschine" zuvor von ganz anderer Seite als Schlagwort eingeführt worden war: nämlich vom linken Flügel der Frauenbewegung, insbesondere im Kontext der Forderung nach einem Recht auf Abtreibung. Dass nun ein Kirchenmann dieses Schlagwort in einem ganz entgegengesetzten Sinn zu besetzen wagte, verursachte womöglich mehr Aufregung als die inhaltliche Seite seiner Stellungnahme.

Nicht jedoch bei meiner Mutter. Sie begründete ihre Zustimmung zu Monsignore Mixas Thesen damit, dass sie als junge Hausfrau und Mutter häufig eine gewisse Geringschätzung gespürt habe, weil sie nicht berufstätig war - man denke nur an den seinerzeit in Mode gekommenen Begriff "Nurhausfrau". Mit anderen Worten, es sei ein erheblicher Druck auf Frauen ausgeübt worden, eine Erwerbstätigkeit auszuüben, wenn sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und nicht als rückschrittlich und "unemanzipiert" gelten wollten. Aus dieser Erfahrung heraus verstand meine Mutter die kämpferischen Worte des Bischofs in erster Linie als Plädoyer für jene Frauen, die ihre Arbeitskraft voll und ganz der Familie widmen, und dankte ihm dies.

Dass ich mich heute an dieses Gespräch mit meiner Mutter erinnere, ist der jüngst laut gewordenen Kritik der führenden Wirtschaftsverbände am von der Bundesregierung für 2013 beschlossenen Betreuungsgeld zu verdanken. Tatsächlich lesen sich die Pläne der Regierung, Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Krippe schicken wollen oder können, eine Art Erziehungsgehalt zu zahlen, wie eine verspätete Erfüllung der seinerzeitigen Forderung Monsignore Mixas, "der Staat müsse sich bemühen, mehr Mütter für die zeitlich überwiegende oder ausschließliche häusliche Erziehung ihrer Kinder in den ersten drei Lebensjahren zu gewinnen und dies auch finanziell zu fördern". Und siehe, das Geschrei ist groß in Babylon. So warnt der RWI-Präsident und "Wirtschaftsweise" Christoph M. Schmidt, es dürfe keine Anreize dafür geben, "dass Mütter keine Erwerbstätigkeit aufnehmen" - meine Mutter und Monsignore Mixa werden sich ihren Teil denken. HWWI-Direktor Thomas Straubhaar sekundiert, das Betreuungsgeld hebele "den mühsam errungenen Verdienst des Elterngeldes aus, Mütter zu einer etwas zügigeren Rückkehr in das Erwerbsleben zu bewegen". Noch schlichter drückt es der DIW-Vorstandsvorsitzende Gert Wagner aus: "Es ist heutzutage schwer nachzuvollziehen, warum der Staat Eltern dafür Geld geben soll, damit sie zu Hause bleiben und ihre Kinder erziehen."

Lassen wir diese Sätze ein paar Atemzüge lang auf uns wirken und erinnern uns dann an eine weiter oben schon zitierte Äußerung Monsignore Mixas, die ich hier der Einfachheit halber - sinngemäß angepasst - wiederhole:
"[Der Ausbau von Krippenplätzen] dient nicht in erster Linie dem Kindeswohl oder der Stärkung der Familie, sondern ist vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren."
Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber kann man selbstverständlich unterschiedlicher Ansicht sein; aber in der Feststellung des Sachverhalts hatte der damalige Augsburger Oberhirte, wie die Stellungnahmen der Wirtschaftsvertreter zum Betreuungsgeld in aller wünschenswerten Deutlichkeit zeigen, einfach mal nichts als RECHT!
Aus volkswirtschaftlicher Sicht sollen Frauen zwar Kinder gebären, denn die werden gebraucht - als zukünftige Arbeitskräfte und Rentenbeitragszahler und nicht zuletzt (sondern eigentlich sogar zuerst, nämlich auch schon bevor sie arbeiten und Rentenbeiträge zahlen) als Konsumenten; aber sobald die Kindern erst mal auf der Welt sind, sollen die Mütter möglichst sofort wieder dem Arbeitsmarkt voll zur Verfügung stehen. Das nennt man dann "Vereinbarkeit von Familie und Beruf"; gemeint ist aber in Wirklichkeit die Unterordnung der Familie unter den Beruf, wenn nicht gar die Aushöhlung der Institution Familie zugunsten der möglichst umfassenden Einbindung der Bevölkerung ins Berufsleben.
Für die Wirtschaftsverbände ist das natürlich eine rein pragmatische Frage; eine ideologische ist es hingegen für die Linke (und damit meine ich nicht nur, aber natürlich auch die Partei Die Linke), die der Institution Familie traditionell keine besonders tiefe Sympathie entgegenbringt. Folgerichtig regt sich auch auf dieser Seite des politischen Spektrums Kritik am Betreuungsgeld:

Von einer "Familienpolitik aus der Mottenkiste" spricht etwa Diana Golze, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag; Grünen-Chefin Claudia Roth griff ihrerseits tief in die Mottenkiste feministischer Kampfbegriffe und nannte die Pläne zum Betreuungsgeld einen "spät-patriarchalen Reflex der CSU-Männer" -- wer hier was für Reflexe hat, sei indes mal dahingestellt. Ganz ähnlich äußerte sich allerdings die Vorsitzende des "Zukunftsforums Familie", Christiane Reckmann: "Das Betreuungsgeld ist ein ideologisches Zugeständnis an die CSU, das bildungs-, geschlechter- und integrationspolitischen Zielsetzungen zuwiderläuft". Dem letzten Teil des Satzes würde man wohl kaum widersprechen mögen, wenn Frau Reckmann nur etwas deutlicher gesagt hätte, wessen Zielsetzungen das sind und wie die konkret aussehen.

Denn dass hier wie selbstverständlich vorausgesetzt wird, es wäre auch für die Kinder besser, in die Krippe zu gehen, statt in engem Kontakt zu den eigenen Eltern aufzuwachsen, wäre dann doch die eine oder andere Nachfrage wert. Zur Orientierung mag hier das - aus begreiflichen Gründen heiß umstrittene - Buch Die Helden der Familie (2006) des Kommunikationswissenschaftlers und häufigen Talkshowgasts Norbert Bolz beitragen.
Es liegt auf der Hand, dass Menschen, die in ihrer Kindheit keine enge familiäre Bindung kennen lernen, später kaum von sich aus eine solche aufbauen werden. Wer also schon früh an im Wesentlichen funktional bestimmte und somit tendenziell austauschbare Beziehungen statt an enge persönliche Bindungen gewöhnt wird, der wird sich später umso leichter in eine (Arbeits-)Gesellschaft einpassen, die mit ihren Forderungen nach größtmöglicher räumlicher und zeitlicher Flexibilität enge persönliche Bindungen im Grunde ausschließt, zumindest erschwert. Anders ausgedrückt: Er (oder sie) wird sich umso leichter die totaler Unterwerfung unter die neoliberale Kontrollgesellschaft (Deleuze) als angebliche "Selbstverwirklichung" verkaufen lassen. Dass das "gut" für die Kinder sei, kann man je nach Standpunkt durchaus plausibel finden.

An dieser Stelle noch ein notwendiger Exkurs: Zweifellos gibt es Familien bzw. Elternhäuser, denen man die Kindererziehung guten Gewissens nicht überlassen möchte, schon gar nicht allein. Es wäre aber durchaus diskutabel, ob nicht viele dieser defekten Familien bereits das Produkt jener gesellschaftlichen Tendenz sind, die das Familienleben zugunsten des Erwerbslebens benachteiligt. Dies einmal unterstellt, wäre es schlechterdings perfide, den Familien vorzuhalten, sie könnten ihre Kinder nicht erziehen, nachdem man es ihnen zuvor nach Kräften erschwert hat, genau dies zu tun. -- Ende des Exkurses.

Dass die Linken und die Wirtschaftsverbände, die einander ansonsten doch alles andere als grün sind, plötzlich Seit' an Seit' schreiten, wenn es gegen das Betreuungsgeld geht, mag man ironisch finden, aber genau besehen verweist es auf eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit zwischen kapitalistischer - oder sagen wir, mit einem zugleich vornehmer und moderner klingenden Begriff: "marktliberaler" - und sozialistischer Weltanschauung hin: Beide betrachten den Menschen in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, unter ökonomischen Gesichtspunkten. Was der Marxist Bertolt Brecht in seinem Lehrstück Die Maßnahme einem Kapitalisten in den Mund legt:

Weiß ich, was ein Mensch ist?
Weiß ich, wer das weiß!
Ich weiß nicht, was ein Mensch ist
Ich kenne nur seinen Preis.

- gilt im Grunde ebensosehr für die Marxisten selbst; oder wie es in einem alten Witz heißt: "Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus. Im Sozialismus ist es umgekehrt." - Darauf wird bei späterer Gelegenheit womöglich noch zurückzukommen sein; an dieser Stelle würde es ein wenig zu weit führen.


Festzuhalten ist jedenfalls: Die Auffassung, die Institution Familie sei ein Hemmschuh für die ökonomische und soziale Entwicklung und gehöre eigentlich abgeschafft, erfreut sich großer und wachsender Akzeptanz; wenn da nur das Grundgesetz nicht wäre, das unter Artikel 6 Absatz 1 "Ehe und Familie" dem "besonderen Schutze der staatlichen Ordnung" anempfiehlt und unter Absatz 2 fortfährt: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht."
Ohne Zweifel gehören diese Sätze zu den gar nicht so wenigen Passagen unserer Verfassung, die von einem christlichen Menschenbild geprägt sind - das sich in der aktuellen Politik allerdings (sogar bei der CDU, die es sich gleichwohl immer noch gern auf die Fahnen schreibt) weitgehend verflüchtigt hat. Dass die betreffenden Passagen als nicht mehr zeitgemäß kurzerhand aus der Verfassung gestrichen werden, ist gleichwohl bis auf Weiteres kaum zu befürchten; in welchem Maße diese Grundgesetzartikel in konkrete Politik umgesetzt werden, ist freilich - wie bei allen jenen Artikeln, die eher moralische Appelle als konkrete Handlunganweisungen an die politisch Verantwortlichen enthalten - eine andere Frage.

Dass konkrete gesetzliche Maßnahmen, die zur Stärkung der Familie beitragen und Eltern dabei unterstützen sollen, ihrem verfassungsgemäßen Erziehungsauftrag gerecht zu werden, auf eine so breite Front der Ablehung stoßen, macht da nicht gerade viel Hoffnung. Unterstützt werden die Pläne der Regierung zum Betreuungsgeld, soweit ich sehe, praktisch nur vom Forum Deutscher Katholiken; und Beifall aus dieser Richtung birgt leider stets gewisse Gefahren in sich. Manch einer wird darin eine Bestätigung der von Claudia Roth und anderen angedeuteten Auffassung sehen, hinter dem Betreuungsgeld stecke ein antiquiertes Geschlechterrollenverständnis, das den Wirkungskreis der Frauen am liebsten wieder auf die guten alten "drei K's" beschränken würde, nämlich Kinder, Küche und eben Kirche.

Übersehen wird dabei freilich, dass das Betreuungsgeld auch Vätern zugute kommen würde. Familien, in denen die Frau voll berufstätig ist, während der Mann sich um Haushalt und Kinder kümmert, sind in Deutschland vermutlich selten, zumal dieses Familienmodell in unserem Kulturkreis keine große Tradition hat; aber es gibt solche Familien zweifellos, und womöglich böte das Betreuungsgeld sogar gerade für dieses Modell Anreize. - Auch wieder nicht recht? Ich fürchte nein. Diejenigen Interessengruppen, die - aus unterschiedlichen Motiven, wie oben aufgezeigt - die staatliche Lufthoheit über den Kinderbetten fordern, dürften den Vätern die Kindererziehung noch weniger überlassen wollen als den Müttern...

Mittwoch, 4. Januar 2012

Was bitte ist denn der Herr Kowalewski für einer?

Seit der letzen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus sind ein paar Monate ins Land gegangen; das Parlament hat sich konstituiert, hat einen neuen Senat gewählt, und um die Piratenpartei, die eine Zeitlang DAS Thema in der Berliner Landespolitik war, ist es erst einmal relativ still geworden. Genug zu tun haben die Piratenparlamentarier anscheinend aber trotzdem; zumindest hat es weder Pavel Mayer noch irgendeiner seiner Fraktionskollegen bisher geschafft, auf meinen Piratenbrief zu antworten. Andererseits haben sie es aber auch noch nicht geschafft, die Kirchensteuer abzuschaffen oder das Erzbistum Berlin zu enteignen, also will ich bis auf Weiteres mal halbwegs beruhigt sein. Früher oder später wird man von den fleißigen Piraten, die jetzt zusammen mit Grünen und Linken die Oppositionsbänke drücken dürfen, aber bestimmt wieder etwas hören, und in Vorbereitung darauf wie auch in dankbarer Anerkennung der Tatsache, dass ihr Wahlkampf praktisch den Anstoß zur Einrichtung dieses Blogs gegeben hat, sei ihnen hier ein weiterer Beitrag gewidmet.

Wie man sich erinnern wird, hat der Erfolg bei den Berliner Wahlen, zumindest in dieser Größenordnung, die Piraten einigermaßen unvorbereitet getroffen; andernfalls hätten sie wohl mehr Kandidaten aufgestellt. Zwar umfasste ihre Liste zur Abgeordnetenhauswahl gerade so viele Kandidaten, wie die Partei dann Sitze erhielt; aber dass sie obendrein in alle zwölf Bezirksversammlungen einzogen und in Friedrichshain-Kreuzberg sogar Anspruch auf die Besetzung eines Stadtratspostens erwarben, brachte sie in Personalnot. Diese tragikomische Situation lässt den Rückschluss zu, dass bei den Berliner Piraten so ziemlich jede(r) mit einem Amt bzw. Mandat davongekommen wäre, der oder die im richtigen Moment "Hier!" geschrien hätte.

Einer, dem das "Hier!"-Schreien erkennbar keine Probleme bereitet, ist Simon Kowalewski, dem ein vorletzter Platz auf der Piraten-Liste ausreichte, um zum Volksvertreter zu avancieren. Ob die Partei sich mit der Aufstellung dieses Kandidaten einen Gefallen getan hat, wird sich noch zeigen müssen. Ich persönlich habe meine Zweifel daran, und das nicht etwa deshalb, weil er in einem der ersten Interviews nach der Wahl als sein wichtigstes politisches Anliegen "mehr Club-Mate im Getränkeautomaten der Abgeordnetenhaus-Kantine" angab - denn für diese Forderung hat er meine volle Unterstützung.


(Wir wollen jedoch nicht ausschließen, dass es sich bei dieser zwanghaften, sich bei unpassendster Gelegenheit Bahn brechende Witzigkeit um einen charakteristischen Wesenszug des Herrn Kowalewski handeln könnte. Zugegeben: Einen Klassenclown muss es immer geben, und aus manch einem Vertreter dieser Spezies ist ja später doch noch was Anständiges geworden. Aber aus der Schule ist der junge Mann - Geburtsjahrgang 1981 übrigens - ja nun schon ein Weilchen raus; da stimmt sein Festhalten an der Klassenclown-Attitüde doch etwas bedenklich.)

Sein Facebook-Profil hat Simon Kowalewski mit einem Bild geschmückt, auf dem er ein Gesicht macht, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Ausgerechnet dieses Foto aber  hat bei mir die Frage aufkommen lassen, ob ich den Mann vielleicht kenne - nicht nur aus den Medien, sondern auch aus dem wirklichen Leben. Wo habe ich dieses Gesicht schon mal gesehen? Simon Kowalewski ist - oder war, bis zu seinem "Wechsel in die Politik", wie man so sagt - Mitinhaber des veganen Cafés Yorck 52 in Berlin-Schöneberg; in dem Laden war ich aber nie. Vielleicht bin ich ihm mal in der BAIZ oder im Bandito Rosso begegnet, aber vielleicht verwechsle ich ihn auch nur: Diese späthippieske Haar- und Barttracht, gern kombiniert mit einer Brille, ist beim Publikum dieser Kneipen recht verbreitet.


Noch ohne Bart und politisches Mandat war Simon Kowalewski übrigens anno 2009 in der SWR-Talkshow Nachtcafé zu sehen; das Thema der Sendung lautete "In guten wie in schlechten Tagen?". Es ging also um Beziehungsmodelle, um die Frage, ob das Konzept der einen Liebe für das ganze Leben noch zeitgemäß sei - eine Frage, die Kowalewski mit einem klaren Nein beantwortete. "Nur eine einzige Frau zu lieben, kann sich Simon Kowalewski schon lange nicht mehr vorstellen", hieß es in der Vorstellung der Talkrundenteilnehmer. "Der 27-Jährige teilt heute sein Herz mit bis zu vier Frauen gleichzeitig. 'Unser offenes Liebesnetzwerk ist stabiler als jede monogame Ehe. Es lässt allen Partnern Freiheiten, keiner wird mit unerfüllbaren Sehnsüchten überfordert', sagt der bekennende Polyamorist, der Ehe und Familie für Auslaufmodelle hält." - "Offenes Liebesnetzwerk", das klingt ja schon sehr piratig und innovativ; die konsequente Weiterentwicklung der Offenen Zweierbeziehung, über die es im gleichnamigen Bühnenstück von Dario Fo und Franca Rame heißt, sie könne "nur nach einer Seite hin offen sein, sonst entsteht Durchzug". Wie es in Kowalewskis Liebesnetzwerk um den Durchzug bestellt ist, wird aus dem Vorstellungstext nicht ganz klar, da ja nur von ihm und bis zu vier Frauen die Rede ist, nicht aber von Männern; denkbar ist es aber schon, dass Kowalewski seinem Harem auch den Verkehr mit anderen Männern gestattet - auf dass auch er nicht "mit unerfüllbaren Sehnsüchten überfordert" werde.


Merken wir uns diesen interessanten Einblick in das Liebesleben des bekennenden Polyamoristen Kowalewski für später vor und betrachten zwischendurch mal kurz seinen politischen Werdegang, über den er auf der Internetpräsenz der Berliner Piraten freimütig Auskunft gibt: "Politisch bin ich, seit ich denken kann, und habe mich bereits bei verschiedenen Parteien (PDS, die Violetten, …) und Organisationen (DRK, Antifa, CCC, Poly-Netz, Studierendenvertretungen, …) eingebracht." -- Moment mal: Die Violetten? Waren das nicht die mit den Yogischen Fliegern? Der, wenn man so will, "politische Arm" der Transzendentalen Meditation? - Nein, ich täusche mich: Das war die "Naturgesetz Partei". Na ja - kann man ja mal verwechseln. So oder so ist das wohl ein ganz beachtlicher yogischer Flug, von der PDS (heute Die Linke) über die "für spirituelle Politik" eintretenden Violetten zu den Piraten; aber auch dies sei erst einmal für später vorgemerkt. Interessanter erscheint mir für den Moment Kowalewskis Bekenntnis, als "Radikalfeminist" setze er sich dafür ein, "Sexismen im Alltag aufzuzeigen und abzubauen". - Vor zwanzig Jahren hätte ich gesagt, ein männlicher Feminist hat in etwa so viel credibility wie ein weißer Rapper, aber aus heutiger Sicht hinkt der Vergleich.So oder so ergibt sich aber ein recht buntes Bild, wenn wir den bekennenden Radikalfeministen Kowalewski mal spaßeshalber neben sein alter ego aus dem Nachtcafé, den bekennenden Polyamoristen Kowalewski, stellen. Da fällt einem ja direkt das gern Dieter Bohlen zugeschriebene Diktum ein, er habe nichts gegen Frauenbewegungen, solange sie schön rhythmisch seien... Aber mal im Ernst: Dass manch ein selbst ernannter Revolutionär sich unter der "Befreiung" der Frau vor allem ihre möglichst uneingeschränkte sexuelle Verfügbarkeit vorstellt, ist so neu oder originell ja nun nicht. Ich muss dabei, ohne Herrn Kowalewski nun gleich in die Nähe von Terroristen rücken zu wollen, irgendwie an Andreas Baader denken, wie er den griesgrämigen palästinensischen Freischärlern in der jordanischen Wüste beizubiegen versucht, dass "[a]ntiimperialistischer Kampf und sexuelle Befreiung" zusammengehören - oder, schlichter ausgedrückt: "Ficken und Schießen sind ein Ding" (zit. n. Stefan Aust, Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg 1985, S. 112).

Wie gesagt, gehört hat man sie ale schon mal, diese Thesen bzw. Phrasen zur sexuellen  Befreiung; aber von Zeit zu Zeit ertappe ich mich bei dem Gedanken, es sei nicht nur frauen-, sondern ganz allgemein menschenverachtend, "Freiheit" mit möglichst ungehemmtem Ausleben von Sexualität gleichzusetzen (und im nächsten Moment frage ich mich dann, ob das außer mir eigentlich noch jemand so sieht).
Aber wie dem auch sei: Wenn man zügellose Sexualität mit Freiheit schlechthin gleichsetzt, dann erscheint im Umkehrschluss naturgemäß alles, was der Sexualität Zügel anlegt oder anlegen will, als Inbegriff der Unterdrückung. So kommt man dann zu der These, Ehe und Familie seien "Auslaufmodelle", und so erklärt sich auch eine geradezu fanaftische Feindschaft gegenüber Institutionen, die Monogamie, lebenslange Treue oder gar so etwas Gruseliges wie sexuelle Enthaltsamkeit propagieren. Wie zum Beispiel die katholische Kirche.

Anlässlich des Papstbesuchs in Berlin erklärte Kowalewski, er finde es "unmöglich, dass ein Vertreter des absoluten Missionierungseifers vor dem Parlament eines säkularen Staates auftreten darf. Der Papst vertritt Werte die mit Moderne nichts zu tun haben. Seine Gedanken zu Verhütung und Homosexualität finde ich unerträglich." Nun ja: Vermutlich findet umgekehrt der Papst Kowalewskis Gedanken zu Verhütung und Homosexualität ebenfalls unerträglich, aber das ist eben Meinungsfreiheit. Dass die Werte, die der Papst vertritt, "mit Moderne nichts zu tun" hätten, ist selbstverständlich Unsinn, aber solche Äußerungen hörte man in den Tagen des Papstbesuchs von ähnlich behaarten und bebrillten Zeitgenossen wie Kowalewski ja öfter. Nur sind die nicht alle Abgeordnete und schaffen es mit ihren Stellungnahmen nicht so ohne weiteres in die Online-Ausgabe der WELT.

Noch vor seinem Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus, am 14. September, bezeichnete Kowalewski die katholische Kirche auf seiner Facebook-Seite als "Kinderf***ersekte", worüber der dem Thema Christenverfolgung gewidmete Blog Via Dolorosa sich begreiflicherweise echauffierte. Auch ohne besondere Sympathien für die katholische Kirche könnte man finden, dass diese Einlassung Kowalewskis zu der bedenklichen Vielzahl von Äußerungen über den Missbrauchsskandal zu zählen sei, aus denen mehr Schadenfreude gegenüber der Kirche als Engagement für die Missbrauchsopfer spricht. Dass dabei einer mehr als eine Milliarde Mitglieder zählenden Religionsgemeinschaft die Kollektivschuld für die freilich nicht zu beschönigenden Verfehlungen einzelner Priester und Ordensleute aufgebürdet wird, sollte ebenfalls zu denken geben; damit aber nicht genug: Die Bezeichnung "Kinderf***ersekte" unterstellt geradezu, die Sittenlehre der katholischen Kirche würde Sex mit Kindern gutheißen oder gar aktiv propagieren. Eine abstruse Vorstellung -- besonders, wenn sie von Leuten kommt, die derselben Kirche bei jeder Gelegenheit ihre angeblich repressive Sexualmoral vorwerfen.

In diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, auf eine Stellungnahme Kowalewskis zur Anfrage einer Initiative "Staatliche Sexualisierung der Kindheit - Schützt uns davor!" im Vorfeld der Berlin-Wahl zu verweisen, die da lautete:


"Erkennen Sie an, daß Sexual- und Werteerziehung um des Kindes willen in erster Linie Recht und Aufgabe der Eltern ist und sprechen Sie sich dafür aus, daß „sexuelle Vielfalt“ in ihrer ganzen scham- und persönlichkeitsverletzenden Bandbreite kein Lehrstoff des Grundschulunterrichtes sein darf?"

Hätten die Protagonisten dieser Initiative sich ein bisschen darüber informiert, was der Herr Kowalewski für einer ist, hätten sie womöglich darauf verzichtet, ausgerechnet ihm mit ausgerechnet dieser Frage zu kommen; seine Antwort ließ jedenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

"[I]n der Realität würde das [...] zu noch verklemmteren, von ihren Eltern in bestimmte Ansichten gezwungenen Kindern [...] führen [...]. Eine [...] nicht von Scham geprägte Vermittlung der verschiedenen Spielarten der Liebe ist immens wichtig, und hier halte ich leider viele Eltern für überfordert oder ideologisch zu engstirnig."

(Ich bekenne mich zu durchaus tendenziösen Kürzungen des Zitats, aber wer will, kann ja unter dem angegebenen Link den kompletten Text der Antwort nachlesen.)

Was aber sagt uns das nun? Heißt das, dass man Kindern nur rechtzeitig auf "nicht von Scham geprägte" Weise die "verschiedenen Spielarten der Liebe" vermitteln muss, damit sie über ihre Sexualität selbst frei entscheiden können, und schon gibt es keinen Missbrauch mehr? Oder bin ich bloß "ideologisch zu engstirnig" - womöglich in Folge falscher Sexualerziehung durch "verklemmte" Eltern - um dem Polyamoristen Kowalewski in seinen menschheitsbeglückenden Ideen folgen zu können?

Mehr und mehr kommt mir die schöne neue Piratenwelt, die in den Gehirnwindungen des Herrn Kowalewski vor sich hin brütet, vor wie eine Porno-Version von James Camerons "Avatar": Ein Planet voller glücklicher, virtuell miteinander vernetzter Wesen, die sich vegan ernähren und alles vögeln, was ihnen vor die Flinte kommt. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wann Herr Kowalewski wohl mal aus der Pubertät 'rauskommt - und was er bis dahin in seiner Eigenschaft als gewählter Volksvertreter noch so alles anstellt...