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Mittwoch, 4. Januar 2012

Was bitte ist denn der Herr Kowalewski für einer?

Seit der letzen Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus sind ein paar Monate ins Land gegangen; das Parlament hat sich konstituiert, hat einen neuen Senat gewählt, und um die Piratenpartei, die eine Zeitlang DAS Thema in der Berliner Landespolitik war, ist es erst einmal relativ still geworden. Genug zu tun haben die Piratenparlamentarier anscheinend aber trotzdem; zumindest hat es weder Pavel Mayer noch irgendeiner seiner Fraktionskollegen bisher geschafft, auf meinen Piratenbrief zu antworten. Andererseits haben sie es aber auch noch nicht geschafft, die Kirchensteuer abzuschaffen oder das Erzbistum Berlin zu enteignen, also will ich bis auf Weiteres mal halbwegs beruhigt sein. Früher oder später wird man von den fleißigen Piraten, die jetzt zusammen mit Grünen und Linken die Oppositionsbänke drücken dürfen, aber bestimmt wieder etwas hören, und in Vorbereitung darauf wie auch in dankbarer Anerkennung der Tatsache, dass ihr Wahlkampf praktisch den Anstoß zur Einrichtung dieses Blogs gegeben hat, sei ihnen hier ein weiterer Beitrag gewidmet.

Wie man sich erinnern wird, hat der Erfolg bei den Berliner Wahlen, zumindest in dieser Größenordnung, die Piraten einigermaßen unvorbereitet getroffen; andernfalls hätten sie wohl mehr Kandidaten aufgestellt. Zwar umfasste ihre Liste zur Abgeordnetenhauswahl gerade so viele Kandidaten, wie die Partei dann Sitze erhielt; aber dass sie obendrein in alle zwölf Bezirksversammlungen einzogen und in Friedrichshain-Kreuzberg sogar Anspruch auf die Besetzung eines Stadtratspostens erwarben, brachte sie in Personalnot. Diese tragikomische Situation lässt den Rückschluss zu, dass bei den Berliner Piraten so ziemlich jede(r) mit einem Amt bzw. Mandat davongekommen wäre, der oder die im richtigen Moment "Hier!" geschrien hätte.

Einer, dem das "Hier!"-Schreien erkennbar keine Probleme bereitet, ist Simon Kowalewski, dem ein vorletzter Platz auf der Piraten-Liste ausreichte, um zum Volksvertreter zu avancieren. Ob die Partei sich mit der Aufstellung dieses Kandidaten einen Gefallen getan hat, wird sich noch zeigen müssen. Ich persönlich habe meine Zweifel daran, und das nicht etwa deshalb, weil er in einem der ersten Interviews nach der Wahl als sein wichtigstes politisches Anliegen "mehr Club-Mate im Getränkeautomaten der Abgeordnetenhaus-Kantine" angab - denn für diese Forderung hat er meine volle Unterstützung.


(Wir wollen jedoch nicht ausschließen, dass es sich bei dieser zwanghaften, sich bei unpassendster Gelegenheit Bahn brechende Witzigkeit um einen charakteristischen Wesenszug des Herrn Kowalewski handeln könnte. Zugegeben: Einen Klassenclown muss es immer geben, und aus manch einem Vertreter dieser Spezies ist ja später doch noch was Anständiges geworden. Aber aus der Schule ist der junge Mann - Geburtsjahrgang 1981 übrigens - ja nun schon ein Weilchen raus; da stimmt sein Festhalten an der Klassenclown-Attitüde doch etwas bedenklich.)

Sein Facebook-Profil hat Simon Kowalewski mit einem Bild geschmückt, auf dem er ein Gesicht macht, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Ausgerechnet dieses Foto aber  hat bei mir die Frage aufkommen lassen, ob ich den Mann vielleicht kenne - nicht nur aus den Medien, sondern auch aus dem wirklichen Leben. Wo habe ich dieses Gesicht schon mal gesehen? Simon Kowalewski ist - oder war, bis zu seinem "Wechsel in die Politik", wie man so sagt - Mitinhaber des veganen Cafés Yorck 52 in Berlin-Schöneberg; in dem Laden war ich aber nie. Vielleicht bin ich ihm mal in der BAIZ oder im Bandito Rosso begegnet, aber vielleicht verwechsle ich ihn auch nur: Diese späthippieske Haar- und Barttracht, gern kombiniert mit einer Brille, ist beim Publikum dieser Kneipen recht verbreitet.


Noch ohne Bart und politisches Mandat war Simon Kowalewski übrigens anno 2009 in der SWR-Talkshow Nachtcafé zu sehen; das Thema der Sendung lautete "In guten wie in schlechten Tagen?". Es ging also um Beziehungsmodelle, um die Frage, ob das Konzept der einen Liebe für das ganze Leben noch zeitgemäß sei - eine Frage, die Kowalewski mit einem klaren Nein beantwortete. "Nur eine einzige Frau zu lieben, kann sich Simon Kowalewski schon lange nicht mehr vorstellen", hieß es in der Vorstellung der Talkrundenteilnehmer. "Der 27-Jährige teilt heute sein Herz mit bis zu vier Frauen gleichzeitig. 'Unser offenes Liebesnetzwerk ist stabiler als jede monogame Ehe. Es lässt allen Partnern Freiheiten, keiner wird mit unerfüllbaren Sehnsüchten überfordert', sagt der bekennende Polyamorist, der Ehe und Familie für Auslaufmodelle hält." - "Offenes Liebesnetzwerk", das klingt ja schon sehr piratig und innovativ; die konsequente Weiterentwicklung der Offenen Zweierbeziehung, über die es im gleichnamigen Bühnenstück von Dario Fo und Franca Rame heißt, sie könne "nur nach einer Seite hin offen sein, sonst entsteht Durchzug". Wie es in Kowalewskis Liebesnetzwerk um den Durchzug bestellt ist, wird aus dem Vorstellungstext nicht ganz klar, da ja nur von ihm und bis zu vier Frauen die Rede ist, nicht aber von Männern; denkbar ist es aber schon, dass Kowalewski seinem Harem auch den Verkehr mit anderen Männern gestattet - auf dass auch er nicht "mit unerfüllbaren Sehnsüchten überfordert" werde.


Merken wir uns diesen interessanten Einblick in das Liebesleben des bekennenden Polyamoristen Kowalewski für später vor und betrachten zwischendurch mal kurz seinen politischen Werdegang, über den er auf der Internetpräsenz der Berliner Piraten freimütig Auskunft gibt: "Politisch bin ich, seit ich denken kann, und habe mich bereits bei verschiedenen Parteien (PDS, die Violetten, …) und Organisationen (DRK, Antifa, CCC, Poly-Netz, Studierendenvertretungen, …) eingebracht." -- Moment mal: Die Violetten? Waren das nicht die mit den Yogischen Fliegern? Der, wenn man so will, "politische Arm" der Transzendentalen Meditation? - Nein, ich täusche mich: Das war die "Naturgesetz Partei". Na ja - kann man ja mal verwechseln. So oder so ist das wohl ein ganz beachtlicher yogischer Flug, von der PDS (heute Die Linke) über die "für spirituelle Politik" eintretenden Violetten zu den Piraten; aber auch dies sei erst einmal für später vorgemerkt. Interessanter erscheint mir für den Moment Kowalewskis Bekenntnis, als "Radikalfeminist" setze er sich dafür ein, "Sexismen im Alltag aufzuzeigen und abzubauen". - Vor zwanzig Jahren hätte ich gesagt, ein männlicher Feminist hat in etwa so viel credibility wie ein weißer Rapper, aber aus heutiger Sicht hinkt der Vergleich.So oder so ergibt sich aber ein recht buntes Bild, wenn wir den bekennenden Radikalfeministen Kowalewski mal spaßeshalber neben sein alter ego aus dem Nachtcafé, den bekennenden Polyamoristen Kowalewski, stellen. Da fällt einem ja direkt das gern Dieter Bohlen zugeschriebene Diktum ein, er habe nichts gegen Frauenbewegungen, solange sie schön rhythmisch seien... Aber mal im Ernst: Dass manch ein selbst ernannter Revolutionär sich unter der "Befreiung" der Frau vor allem ihre möglichst uneingeschränkte sexuelle Verfügbarkeit vorstellt, ist so neu oder originell ja nun nicht. Ich muss dabei, ohne Herrn Kowalewski nun gleich in die Nähe von Terroristen rücken zu wollen, irgendwie an Andreas Baader denken, wie er den griesgrämigen palästinensischen Freischärlern in der jordanischen Wüste beizubiegen versucht, dass "[a]ntiimperialistischer Kampf und sexuelle Befreiung" zusammengehören - oder, schlichter ausgedrückt: "Ficken und Schießen sind ein Ding" (zit. n. Stefan Aust, Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg 1985, S. 112).

Wie gesagt, gehört hat man sie ale schon mal, diese Thesen bzw. Phrasen zur sexuellen  Befreiung; aber von Zeit zu Zeit ertappe ich mich bei dem Gedanken, es sei nicht nur frauen-, sondern ganz allgemein menschenverachtend, "Freiheit" mit möglichst ungehemmtem Ausleben von Sexualität gleichzusetzen (und im nächsten Moment frage ich mich dann, ob das außer mir eigentlich noch jemand so sieht).
Aber wie dem auch sei: Wenn man zügellose Sexualität mit Freiheit schlechthin gleichsetzt, dann erscheint im Umkehrschluss naturgemäß alles, was der Sexualität Zügel anlegt oder anlegen will, als Inbegriff der Unterdrückung. So kommt man dann zu der These, Ehe und Familie seien "Auslaufmodelle", und so erklärt sich auch eine geradezu fanaftische Feindschaft gegenüber Institutionen, die Monogamie, lebenslange Treue oder gar so etwas Gruseliges wie sexuelle Enthaltsamkeit propagieren. Wie zum Beispiel die katholische Kirche.

Anlässlich des Papstbesuchs in Berlin erklärte Kowalewski, er finde es "unmöglich, dass ein Vertreter des absoluten Missionierungseifers vor dem Parlament eines säkularen Staates auftreten darf. Der Papst vertritt Werte die mit Moderne nichts zu tun haben. Seine Gedanken zu Verhütung und Homosexualität finde ich unerträglich." Nun ja: Vermutlich findet umgekehrt der Papst Kowalewskis Gedanken zu Verhütung und Homosexualität ebenfalls unerträglich, aber das ist eben Meinungsfreiheit. Dass die Werte, die der Papst vertritt, "mit Moderne nichts zu tun" hätten, ist selbstverständlich Unsinn, aber solche Äußerungen hörte man in den Tagen des Papstbesuchs von ähnlich behaarten und bebrillten Zeitgenossen wie Kowalewski ja öfter. Nur sind die nicht alle Abgeordnete und schaffen es mit ihren Stellungnahmen nicht so ohne weiteres in die Online-Ausgabe der WELT.

Noch vor seinem Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus, am 14. September, bezeichnete Kowalewski die katholische Kirche auf seiner Facebook-Seite als "Kinderf***ersekte", worüber der dem Thema Christenverfolgung gewidmete Blog Via Dolorosa sich begreiflicherweise echauffierte. Auch ohne besondere Sympathien für die katholische Kirche könnte man finden, dass diese Einlassung Kowalewskis zu der bedenklichen Vielzahl von Äußerungen über den Missbrauchsskandal zu zählen sei, aus denen mehr Schadenfreude gegenüber der Kirche als Engagement für die Missbrauchsopfer spricht. Dass dabei einer mehr als eine Milliarde Mitglieder zählenden Religionsgemeinschaft die Kollektivschuld für die freilich nicht zu beschönigenden Verfehlungen einzelner Priester und Ordensleute aufgebürdet wird, sollte ebenfalls zu denken geben; damit aber nicht genug: Die Bezeichnung "Kinderf***ersekte" unterstellt geradezu, die Sittenlehre der katholischen Kirche würde Sex mit Kindern gutheißen oder gar aktiv propagieren. Eine abstruse Vorstellung -- besonders, wenn sie von Leuten kommt, die derselben Kirche bei jeder Gelegenheit ihre angeblich repressive Sexualmoral vorwerfen.

In diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, auf eine Stellungnahme Kowalewskis zur Anfrage einer Initiative "Staatliche Sexualisierung der Kindheit - Schützt uns davor!" im Vorfeld der Berlin-Wahl zu verweisen, die da lautete:


"Erkennen Sie an, daß Sexual- und Werteerziehung um des Kindes willen in erster Linie Recht und Aufgabe der Eltern ist und sprechen Sie sich dafür aus, daß „sexuelle Vielfalt“ in ihrer ganzen scham- und persönlichkeitsverletzenden Bandbreite kein Lehrstoff des Grundschulunterrichtes sein darf?"

Hätten die Protagonisten dieser Initiative sich ein bisschen darüber informiert, was der Herr Kowalewski für einer ist, hätten sie womöglich darauf verzichtet, ausgerechnet ihm mit ausgerechnet dieser Frage zu kommen; seine Antwort ließ jedenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

"[I]n der Realität würde das [...] zu noch verklemmteren, von ihren Eltern in bestimmte Ansichten gezwungenen Kindern [...] führen [...]. Eine [...] nicht von Scham geprägte Vermittlung der verschiedenen Spielarten der Liebe ist immens wichtig, und hier halte ich leider viele Eltern für überfordert oder ideologisch zu engstirnig."

(Ich bekenne mich zu durchaus tendenziösen Kürzungen des Zitats, aber wer will, kann ja unter dem angegebenen Link den kompletten Text der Antwort nachlesen.)

Was aber sagt uns das nun? Heißt das, dass man Kindern nur rechtzeitig auf "nicht von Scham geprägte" Weise die "verschiedenen Spielarten der Liebe" vermitteln muss, damit sie über ihre Sexualität selbst frei entscheiden können, und schon gibt es keinen Missbrauch mehr? Oder bin ich bloß "ideologisch zu engstirnig" - womöglich in Folge falscher Sexualerziehung durch "verklemmte" Eltern - um dem Polyamoristen Kowalewski in seinen menschheitsbeglückenden Ideen folgen zu können?

Mehr und mehr kommt mir die schöne neue Piratenwelt, die in den Gehirnwindungen des Herrn Kowalewski vor sich hin brütet, vor wie eine Porno-Version von James Camerons "Avatar": Ein Planet voller glücklicher, virtuell miteinander vernetzter Wesen, die sich vegan ernähren und alles vögeln, was ihnen vor die Flinte kommt. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wann Herr Kowalewski wohl mal aus der Pubertät 'rauskommt - und was er bis dahin in seiner Eigenschaft als gewählter Volksvertreter noch so alles anstellt...

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