An die in der Überschrift zitierte Redewendung musste ich unwillkürlich denken, als ich unlängst in der Standpunkt-Rubrik von häretisch.de einen Beitrag mit dem Titel "Synodaler Weg – Prozess abgeschlossen, Ziele nicht erreicht" sah. Ob diese Assoziation vom Verfasser dieses Meinungsartikels, dem Tübinger Theologen Simon Linder, beabsichtigt war, sei mal dahingestellt; ausschließen würde ich es nicht, attestiert er doch dem Synodalen Weg aus Anlass der 6. und abschließenden Synodalversammlung, trotz enormen Aufwands "seine vor Beginn formulierten Ziele verfehlt" zu haben: "Laien und Geweihte sind nicht gleichberechtigt, Frauen und Männer auch nicht, der Pflichtzölibat besteht weiter, bei der Sexualmoral konnte man sich mit den Bischöfen nicht einmal auf eine gemeinsame Grundperspektive einigen". Die Schuld für dieses Scheitern verortet Linder bei "Tiefschlägen wie den Stoppschildern aus Rom und der Ablehnung des Grundtextes zur Sexualmoral" (wobei er unter Berufung auf "Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes" für letzteres "feige Heckenschützen" verantwortlich macht; ob Monsignore Hermes glücklich darüber ist, mit dieser verbalen Entgleisung zitiert zu werden, sei indes mal dahingestellt), kreidet es zugleich aber dem "ZdK" an, dass es in den genannten Situationen "keine roten Linien überschritten sah". Was, so fragt man sich da, hätte das "ZdK" denn wohl tun sollen? Die Zusammenarbeit mit den Bischöfen aufkündigen, den ganzen Synodalen Weg abblasen? Wäre vielleicht besser gewesen, für alle Beteiligten.
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| Ist das synodal oder kann das weg? Historischer Screenshot aus dem Frühjahr 2023. |
Bereits nach der 5. Synodalversammlung im Frühjahr 2023 hatte ich mehrfach festgestellt, es sei bemerkenswert (und irgendwie auch beruhigend), dass die "Verfechter der progressiven Agenda" offenbar "nicht das Gefühl [...] haben, sie hätten gewonnen". Soweit also nichts Neues, aber bemerkenswert sind Linders Einlassungen doch – und zwar nicht zuletzt wegen des nonchalanten Eingeständnisses, dass der Synodale Weg bereits vor Beginn formulierte Ziele hatte. Hat man uns nicht die ganze Zeit erzählt, Synodalität bedeute, gemeinsam nach Antworten auf die drängenden Fragen zu suchen, die sich der Kirche in der Welt von heute stellen – oder so ähnlich jedenfalls? Alles Geschwätz, meint Linder: Die Antworten standen von vornherein fest, es ging nur darum, die Verantwortungsträger dazu zu bewegen, dieser Agenda zuzustimmen; und daran ist der Synodale Weg gescheitert. Na Gott sei Dank. – Kommentarwürdig erscheint es nicht zuletzt, dass Simon Linder argumentiert, die genannten Ziele des Synodalen Weges seien "von der MHG-Studie her gut begründet" gewesen, und deshalb dürfe es keine Rolle spielen, "dass es zu diesen Themen eben auch andere Überzeugungen gibt". Dazu möchte ich sagen: Selbst wenn man von den methodischen Mängeln und den fragwürdigen Grundannahmen dieser speziellen Studie einmal absieht, gibt es zu denken, wie vollkommen unkritisch hier einem wissenschaftlichen Gutachten eine Autorität eingeräumt wird, der sich die Kirche schlechterdings zu beugen habe – eine Autorität, mit der diejenige von Päpsten und Konzilien sich nicht messen kann. Zu dieser naiven Expertengläubigkeit, die schon das Ausmaß eines säkularen Unfehlbarkeitsdogmas annimmt, empfehle ich die Lektüre von Neil Postmans "Das Technopol"; auch Alasdair MacIntyre hat in "Der Verlust der Tugend" das eine oder andere dazu zu sagen.
Alles in allem muss ich bei Linder – der, wie man am Fuß des Artikels erfährt, aktuell zum Thema "Assistierter Suizid" forscht; man wagt nicht, sich auszumalen, wie er sich wohl dazu positionieren wird – an einen Witz denken, in dem ein Künstler einen berüchtigten Kunstkritiker fragt; "Wie lautet Ihre Meinung zu meiner neuesten Arbeit?" – "Sie ist wertlos." – "Das weiß ich aber ich möchte sie trotzdem gern hören." Derselbe Witz ließe sich natürlich auch noch auf andere Äußerungen im Umfeld der letzten Synodalversammlung anwenden. Nehmen wir nur mal den von mir schon häufiger als Anschauungsbeispiel für die abstrusen Anschauungen der linkstheologischen Bubble auf Bluesky herangezogenen Aktivisten der "Christians for Future", mit dem ich trotzdem immer noch durchaus gerne privat mal ein Bier trinken würde, "wenn auch in seinem Fall vielleicht ein glutenfreies". Der kritisierte nämlich neulich, dass Daniel Deckers in der FAZ das "ZdK" als "Reformgruppe" eingeordnet hatte, und betonte:
"ZdK ist die Vertretung aller Katholik*innen und dafür eigentlich noch viel zu konservativ (eher linke CDU)."
A lot to unpack here, wie der Angloamerikaner sagt. Fangen wir mal mit dem Einfachsten an: Dass das "ZdK" alle deutschen Katholiken repräsentiere, ist sozusagen das offizielle Selbstverständnis dieses Gremiums und bildet formal die Grundlage dafür, dass die Deutsche Bischofskonferenz es als Gesprächspartner auf (annähernder) Augenhöhe akzeptiert. Aber ich müsste mich sehr wundern, wenn die Leute, die im "ZdK" den Ton angeben, dass selbst glauben – oder auch nur wollen. Sollten sie das doch tun, ist das eigentlich nur durch eine Art "no true Scotsman fallacy" zu erklären: Sie bilden sich ein, die Leute, die sie repräsentieren, seien "alle deutschen Katholiken", und erhalten diese Illusion aufrecht, indem sie alle anderen ignorieren. Derweil bin ich überzeugt, dass die große Mehrheit der deutschen Katholiken weder weiß noch sich dafür interessiert, wer oder was das "ZdK" ist und was es tut, und von denen, die es wissen, stimmt ein beträchtlicher Teil nicht mit den von diesem Gremium vertretenen Positionen überein.
Dieselbe selektive Blindheit, eigentlich sogar noch in verschärfter Form, lässt sich auch bei unserem Freund von den "Christians for Future" beobachten, wenn er meint, als "Vertretung aller Katholik*innen" sei das "ZdK" "eigentlich noch viel zu konservativ": Die Existenz von Katholiken, die sich exakt deshalb nicht vom "ZdK" vertreten fühlen, weil es ihnen zu progressiv ist, wird da schlichtweg übersehen. Der Vergleich der Positionen des "ZdK" mit denen einer "linke[n] CDU" – gemeint ist wohl: dem linken, "postmerkelianischen" Flügel der CDU – ist hier in mehrfacher Hinsicht erhellend. Zum einen betrifft das den Versuch, die Ausrichtung dieses Gremiums in parteipolitischen Kategorien auszudrücken – worin sich die zweifellos verbreitete Vorstellung ausdrückt, "konservativ" und "progressiv", oder kürzer: "rechts" und "links" bedeutet im kirchlichen Kontext in etwa dasselbe wie in der säkularen Politik; so als lasse die Haltung, die jemand etwa zu Themen wie Zölibat, Frauenweihe, Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften oder Interkommunion einnehme, Rückschlüsse auf dessen Parteipräferenz zu. Man muss freilich zugeben, dass man diese Annahme durchaus auch in konservativen Kreisen antreffen kann. Ich habe ja auch Leser, die meinen, als glaubenstreuer Katholik könne man guten Gewissens nur die CDU/CSU wählen, und andere, die meinen, in der politischen Praxis verhalte die Union sich allzu "linksoffen" und daher bleibe einem nichts anderes übrig, als AfD zu wählen. Letzteres bringt mich zum nächsten Punkt, nämlich zu der Auffassung, um wirklich "alle Katholik*innen" repräsentieren zu können, sei eine dem linken CDU-Flügel vergleichbare Positionierung "noch viel zu konservativ". Dies ignoriert nicht nur die Tatsache, dass – wie man unschwer an Wahl- und Umfrageergebnissen ablesen könnte – ein großer Teil der Bevölkerung durchaus nicht so "links" eingestellt ist, wie ein Vertreter von "Christians for Future" sich das vielleicht wünschen würde; es wirft auch die Frage auf, was er eigentlich unter der Bezeichnung "konservativ" versteht. Mir jedenfalls ist keine Definition dieses Begriffs geläufig, die sich auf den linken Flügel der CDU anwenden ließe. Nun, eigentlich ist das ein Thema für sich, aber das eine möchte ich dazu noch sagen: Mir scheint, gerade auf der Linken lässt sich heutzutage eine zunehmende Unfähigkeit beobachten, sich eine Weltanschauung, die sich nicht nur graduell, sondern prinzipiell von der eigenen unterscheidet, auch nur vorzustellen.
Aber kommen wir lieber mal wieder zum Synodalen Weg: Für den Sender EWTN hat mein alter Freund Rudolf Gehrig unlängst ein Exklusivinterview mit Erzbischof Gänswein geführt und ihn darin auch auf die anstehende letzte Synodalversammlung angesprochen – wozu der derzeit als Nuntius für die baltischen Staaten tätige ehemalige Privatsekretär Papst Benedikts XVI. unumwunden erklärte, er könne "nur hoffen und beten, dass dieser Irrweg einfach bald ein Ende hat". Warum? Weil "eine Reihe von Forderungen des 'Synodalen Weges' vom Glauben wegführen, also nicht eine Klärung sind, die zum Glauben hinführen, sondern ganz bewusst vom Glauben wegführen. Das kann doch nicht das Ziel sein, dass etwas getan wird, was letztlich nicht dem Glauben hilft und letztlich auch nicht den Gläubigen."
Während Erzbischof Gänswein also noch betet und hofft, dass der Synodale Irrweg bald ein Ende haben möge, lässt Kardinal Woelki aus Köln vernehmen, soweit es ihn betreffe, sei dies bereits der Fall. An der finalen Synodalversammlung nimmt er daher gar nicht mehr teil: Ursprünglich seien nur fünf solche Versammlungen geplant gewesen, und da sei er auch stets dabei gewesen, aber nun sei es auch mal genug. Ich muss sagen, ich habe gefeiert, als ich das gelesen habe. Heute morgen informierte mich dann Google News, dass auch die drei Kölner Weihbischöfe der Versammlung fernbleiben. – Ebenfalls nicht dabei ist der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der dies allerdings mit einer Terminkollision begründet; aber auch das sagt ja immerhin etwas über Prioritäten aus.
Was ist also überhaupt noch von der sechsten Synodalversammlung zu erwarten, wenn – in den Kategorien des leidigen Lagerdenkens ausgedrückt – die "Progressiven" den Synodalen Weg für gescheitert erklären und die "Konservativen" einfach froh sind, dass er vorbei ist? Auf dem Programm der dreitägigen Veranstaltung im Stuttgarter Hotel Maritim stehen die "Evaluation des Prozessgeschehens" und das "Monitoring der Umsetzung der Beschlüsse" im Mittelpunkt; das klingt stark nach jener Selbstreferenzialität (autoreferencialidad), vor der der verstorbene Papst Franziskus stets gewarnt hat. So gesehen kann man wohl getrost darauf verzichten, dem liberalen Mainstream des deutschen Funktionärs- und Gremienkatholizismus von heute bis übermorgen beim Schmoren im eigenen Saft zuzuschauen; das Tragikomische an der ganzen Veranstaltung ist aber, dass wir es hier mit Leuten zu tun haben, die ernsthaft geglaubt haben, sie könnten die "Kirche der Zukunft" bauen, während sie tatsächlich für ein Modell "von Kirche" stehen, das vergeht. Wie ich schon anlässlich der Jahresvorschau von häretisch.de schrieb: Die wirklich bedeutenden und für die Zukunft der Kirche in unserem Land richtungsweisenden Momente finden ganz woanders statt – nicht nur (aber auch) bei Events wie der MEHR und der Adoratio, sondern in jeder Kirche und Kapelle, in der Eucharistische Anbetung gehalten hat, in Gebetskreisen, in den übel beleumdeten Jüngerschaftsschulen, in Alpha-Kursen und überhaupt überall da, wo Menschen bestrebt sind, den Glauben an Jesus Christus in seiner ganzen Kraft, Schönheit und Tiefe kennenzulernen, statt ihn zu verwässern und den Ansprüchen der säkularen Gesellschaft und ihrer Ideologien zu unterwerfen. Die Zukunft, die da wächst, wird die liberale Funktionärselite nicht aufhalten können – auch wenn bis auf Weiteres nicht damit zu rechnen ist, dass sie ihre Niederlage eingesteht.

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