So, Freunde! Nachdem ich vor einer Woche damit begonnen habe, Rod Drehers in den USA vieldiskutiertes, hierzulande aber noch weitgehend unbekanntes Buch "The Benedict Option" vorzustellen, und mich dabei zunächst auf das Vorwort beschränkt habe, wird es wohl langsam mal Zeit, dass ich mich dem ersten Kapitel zuwende. Zuvor aber noch eine Anmerkung zum Thema "hierzulande noch weitgehend unbekannt": Wie ich über Twitter erfahren habe, kommt im Herbst eine französische Ausgabe des Buches heraus. Für eine deutsche Ausgabe hat sich hingegen noch kein Verleger gefunden. Das müsste sich doch ändern lassen!
Nun aber zum ersten Kapitel. Dieses trägt die Überschrift "Die Große Flut", und der erste Satz lautet: "Niemand sah die Große Flut kommen." Bibelkundige Leser werden da vermutlich sogleich an die Sintflut denken und die Überschrift mithin als metaphorisch verstehen; so ist es erst einmal eine Überraschung, dass Mr. Dreher zunächst auf eine ganz buchstäbliche Flut zu sprechen kommt, die er selbst miterlebt hat - eine Überschwemmungskatastrophe im US-Bundesstaat Louisiana im August 2016:
Nun aber zum ersten Kapitel. Dieses trägt die Überschrift "Die Große Flut", und der erste Satz lautet: "Niemand sah die Große Flut kommen." Bibelkundige Leser werden da vermutlich sogleich an die Sintflut denken und die Überschrift mithin als metaphorisch verstehen; so ist es erst einmal eine Überraschung, dass Mr. Dreher zunächst auf eine ganz buchstäbliche Flut zu sprechen kommt, die er selbst miterlebt hat - eine Überschwemmungskatastrophe im US-Bundesstaat Louisiana im August 2016:
"Ich verbrachte den Sonntag der Flut in einer improvisierten Notunterkunft in Baton Rouge. Mein Sohn Lucas und ich halfen dabei, die Geretteten aus Hubschraubern der Nationalgarde auszuladen, und gemeinsam mit Scharen anderer Freiwilliger versorgten wir Tausende von Flüchtlingen, die aus der weiteren Umgebung hereinströmten, mit Nahrung und anderen Hilfsgütern. [...]
Während wir den hungrigen und verstörten Evakuierten Jambalaya servierten, hörte wir wieder und wieder dieselbe Geschichte. Wir haben alles verloren. Wir hätten so etwas niemals erwartet. Da, wo wir herkommen, gab es noch nie Überschwemmungen. Wir waren nicht vorbereitet."
Aber keine Bange: Auf die metaphorische Bedeutung dieser Flutgeschichte kommt der Autor gleich darauf zu sprechen, und da sind Sintflut-Assoziationen durchaus angemessen und sicher auch gewollt.
"Uns Christen im Westen droht unsere eigene Jahrtausendflut - oder, wenn man dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Glauben schenken mag, eine Eineinhalb-Jahrtausende-Flut: Im Jahr 2012 sagte der damalige Pontifex, die spirituelle Krise, die den Westen ergreift, sei die gravierendste seit dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende des 5. Jahrhunderts. Das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen. Menschen, die heute leben, werden vielleicht noch in ihrer Lebenszeit Zeugen des effektiven Todes des Christentums innerhalb unserer Zivilisation werden. Mit Gottes Gnade mag der Glaube auf der Südhalbkugel und in China weiterhin florieren, aber ohne eine dramatische Umkehrung gegenwärtiger Trends wird der Glaube in Europa und Nordamerika so gut wie verschwinden. Das ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber es ist das Ende einer Welt - und man müsste willentlich blind sein, um das zu bestreiten. Lange Zeit haben wir die Anzeichen heruntergespielt oder ignoriert. Jetzt ist die Flut da - und wir sind nicht bereit."
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| Hans Baldung, genannt Grien: Die Sintflut (1516) |
"Unsere religiösen Führungspersönlichkeiten haben uns versichert, es würde genügen, die Dämme von Gesetz und Politik zu verstärken, um die Flut des Säkularismus abzuwehren. Die allgemeine Auffassung war: Es gibt nichts, was man nicht dadurch in den Griff bekommen könnte, dass man das tut, was Christen schon seit Jahrzehnten getan haben - zum Beispiel, vor allem, die Republikaner zu wählen."Auf Deutschland übertragen, müsste man wohl sagen, dass hochrangige Kirchenvertreter es als ein wesentliches Heilmittel betrachten, nicht die AfD zu wählen. Überhaupt steht das kirchliche Establishment hierzulande im Großen und Ganzen wohl politisch wesentlich weiter "links" als in den USA; das kann man gut oder schlecht finden, festzuhalten ist jedenfalls, dass viele Repräsentanten der Kirche(n) hier wie dort eine gewisse Neigung zur Überbewertung von Politik, und zwar auch ganz konkret von Parteipolitik, an den Tag legen.
Gerade europäische Leser äußern sich nicht selten überrascht bis verständnislos, dass Dreher das gesellschaftliche Klima in den USA als "postchristlich" und tendenziell sogar antichristlich wahrnimmt, und wenden ein, gerade in den USA sei der christliche Glaube in der Gesellschaft doch noch weit präsenter und einflussreicher als in Europa. Nun trifft es sicherlich zu, dass eine aggressive Säkularisierung der Gesellschaft in Europa schon erheblich früher eingesetzt hat; aber die USA holen kräftig auf, und vielleicht nehmen die dortigen konservativen Christen den Säkularisierungsdruck gerade deshalb umso schmerzhafter wahr, weil er dort - zumindest scheinbar - so abrupt eingesetzt hat. In Europa ist man dergleichen einfach schon länger gewöhnt. - Dreher führt einige politische und juristische Entscheidungen aus jüngster Zeit auf, in denen er ein massives Zurückdrängen der Religionsfreiheit sieht; als einen Höhepunkt dieser Entwicklung betrachtet er die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Obergefell v. Hodges, mit der ein verfassungsmäßiges Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Eheschließung proklamiert wurde. In der Folge dieses Gerichtsentscheids, so Dreher,
"werden christliche Überzeugungen über die Komplementarität der Geschlechter in der Ehe als verabscheuungswürdige Vorurteile angesehen - und in einer wachsenden Zahl von Fällen als strafbar. Der öffentliche Raum ist verloren."
Auf diese Feststellung folgt harsche Kritik am Zustand der Kirchen:
"Und nicht nur den öffentlichen Raum haben wir verloren, sondern auch das vermeintliche Hochplateau unserer Kirchen ist kein sicherer Boden mehr. Man könnte ja denken: Na, was macht das schon, wenn die Leute um uns herum unsere Moralvorstellungen nicht teilen? Wir können unseren Glauben und unsere Lehren immer noch innerhalb unserer Kirchenwände bewahren. Aber diese Annahme setzt ein ungerechtfertigtes Vertrauen in die Gesundheit unserer religiösen Institutionen. Die Veränderungen, die den Westen in der modernen Zeit ergriffen haben, haben absolut alles revolutioniert - sogar die Kirche, die nicht mehr Seelen formt, sondern Egos verpflegt."
Man mag diese Einschätzung überzogen und allzu verallgemeinernd finden, aber ich würde sagen, die Tendenzen sind unübersehbar da - auch und gerade in Deutschland. da muss man sich nur mal, beispielsweise, die Facebook-Seite des Bistums Münster oder das Veranstaltungsprogramm des Referats Frauenseelsorge im Erzbistum Berlin ansehen. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Kirchen mit all ihrer Anbiederung an den gesellschaftlich-kulturellen Mainstream ihren allgemeinen Bedeutungsverfall offenbar nicht aufzuhalten vermag:
"Lasst euch nicht täuschen von der großen Zahl von Kirchen, die es heute gibt. Eine noch nie dagewesene Zahl junger Erwachsener in Amerika bekennt sich dazu, keinerlei religiöse Bindung zu haben. Dem Pew Research Center zufolge hat sich ein Drittel der 18- bis 29jährigen von der Religion abgewandt - sofern sie überhaupt jemals religiös gewesen sind. Wenn die demographischen Trends sich fortsetzen, werden unsere Kirchen bald leer sein."Das ist hierzulande nicht gar so sehr anders, oder?
"Und was noch beunruhigender ist: Viele Kirchen, die weiterhin offen bleiben, werden von einer heimtückischen Art von Säkularismus ausgehöhlt, mit dem Ergebnis, dass das dort gelebte 'Christentum' seine Kraft und Lebendigkeit verliert. In den meisten Kirchen hat dieser Prozess bereits eingesetzt."Und hier wird es nun interessant: Dreher äußert sich ausführlich zu den Ergebnissen einer Studie der Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton aus dem Jahr 2005, in der "das religiöse und spirituelle Leben amerikanischer Teenager unterschiedlichster Herkunft" untersucht wurde. Das zentrale Ergebnis dieser Studie war,
"dass die meisten Teenager einer schwammigen Pseudoreligion anhängen, für die die Forscher die Bezeichnung 'Moralistisch-Therapeutischer Deismus' (MTD) prägten."Der Begriff "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" war mir schon früher einmal begegnet, in Gestalt eines ungewöhnlich textlastigen Werks des evangelikalen Cartoonzeichners Adam Ford. Ford bezeichnet darin den "Moralistisch-Therapeutischen Deismus" als "missratenen Stiefcousin des Christentums". Sowohl Ford als auch Dreher zitieren die "fünf grundlegenden Glaubenssätze" des MTD nach Smith und Denton wie folgt:
- Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht.
- Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.
- Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.
- Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen.
- Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.
"Dieses Glaubensbekenntnis ist, wie die Forscher feststellten, besonders unter katholischen und klassisch-protestantischen Jugendlichen verbreitet. Evangelikale Jugendliche schnitten signifikant besser ab, aber auch diese erwiesen sich als weit entfernt von historischer, biblisch fundierter Rechtgläubigkeit. Smith und Denton stellten die These auf, dass MTD die bestehenden christlichen Kirchen unterwandert, das biblisch fundierte Christentum von innen her zerstört und es durch ein Pseudo-Christentum ersetzt, das 'nur dürftig mit der eigentlichen historischen Tradition des Christentums zusammenhängt'."Und da wird mir dann doch Einiges klar. Auch und gerade in Hinblick auf die erwähnte Facebook-Seite des Bistums Münster. Die Leute, die diese Seite verantworten, glauben wirklich, ihre Beiträge wären christlich. Sie verstehen einfach den Unterschied zwischen Christentum und MTD nicht. - Rod Dreher räumt ein:
"MTD ist nicht ganz und gar falsch. Immerhin existiert Gott tatsächlich, und Er will wirklich, dass wir gut sind. Das Problem mit MTD, in seiner progressiven wie auch in seiner konservativen Variante, ist, dass es darin hauptsächlich darum geht, das eigene Selbstwertgefühl und das subjektive Glücksgefühl zu steigern und gut mit anderen auszukommen. Es hat wenig mit dem Christentum der Schrift und der Tradition zu tun, das Buße, aufopferungsvolle Liebe und Reinheit des Herzens lehrt und Leiden - den Weg des Kreuzes - als Weg zu Gott empfiehlt. Obwohl oberflächlich christlich, ist MTD die natürliche Religion einer Kultur, die das Ego und materielles Wohlergehen anbetet."Aber es kommt noch ärger:
"So trostlos Christian Smiths Forschungsergebnisse von 2005 auch waren: Seine nachfolgenden Studien, deren dritte Folge 2011 veröffentlicht wurde, ergaben ein noch düstereres Bild. Bei der Untersuchung der moralischen Anschauungen von 18- bis 23jährigen stellten Smith und seine Mitarbeiter fest, dass nur 40 Prozent der befragten jungen Christen angaben, ihre persönlichen Moralvorstellungen gründeten auf der Bibel oder irgendeiner anderen Form religiösen Bewusstseins. Selbst von diesen Gläubigen ist kaum anzunehmen, dass ihr Glaube biblisch kohärent ist. Viele dieser 'Christen' sind in Wirklichkeit entschiedene moralische Individualisten, die eine kohärente biblisch begründete Moral nicht einmal kennen, geschweige denn praktizieren."Und was hat das nun für konkrete, praktische Auswirkungen?
"Erstaunliche 61 Prozent der kommenden Generation von Erwachsenen hatte keinerlei moralische Vorbehalte gegenüber Materialismus und Konsumismus. Weitere 30 Prozent äußerten gewisse Bedenken, kamen letztlich aber zu dem Schluss, es lohne sich nicht, sich darüber besondere Sorgen zu machen. In dieser Sichtweise, so stellten Smith und Denton fest, erscheint die menschliche Gesellschaft lediglich als 'eine Ansammlung autonomer Individuen, die darauf aus sind, das Leben zu genießen'."Klingt irgendwie nach den Piraten. Okay, die sind als Partei ja nun wohl endgültig passé, aber damit verschwindet diese Geisteshaltung ja nicht. - Wichtig ist dabei allerdings die Feststellung:
"Dies sind keine schlechten Leute. Vielmehr sind es junge Erwachsene, die von ihrer Familie, ihrer Kirche und anderen Institutionen, die ihr Gewissen und ihre Vorstellungskraft gebildet oder vielmehr gerade nicht gebildet haben, furchtbar im Stich gelassen wurden."Rod Dreher resümiert:
"MTD ist die faktische Religion nicht nur der amerikanischen Teenager, sondern auch der amerikanischen Erwachsenen. Zu einem signifikanten Grad haben die Teenager lediglich die religiösen Haltungen ihrer Eltern übernommen. Wir sind schon seit einiger Zeit eine MTD-Nation."Auch hier würde ich wieder sagen: Das ist bei uns nicht so sehr viel anders. Und somit gilt nicht nur für die USA, sondern ebenso auch für uns:
"Jede einzelne Kirchengemeinde [...] muss sich fragen, ob sie so große Kompromisse mit der Welt eingegangen ist, dass sie damit ihre Glaubenstreue kompromittiert hat."
Es folgt eine meiner Lieblingsstellen des Kapitels - provokant, aber einfach hübsch formuliert:
"Niemand außer den verblendetsten 'Religiösen Rechten' alter Schule glaubt noch daran, dass diese kulturelle Revolution wieder zurückgedrängt werden könnte. Die Welle kann nicht aufgehalten werden, man kann sie nur reiten. Mit wenigen Ausnahmen sind christlich-konservative politische Aktivisten so ineffektiv wie exilierte russische Aristokraten, die in ihren Pariser Salons sitzen, Tee aus Samowaren trinken und Pläne zur Restauration der Monarchie schmieden. Man wünscht ihnen alles Gute, aber tief im Innern weiß man, dass diese Leute nicht die Zukunft sind."Und damit nähert der Autor sich so allmählich einer Antwort auf die Frage: Wenn politischer Lobbyismus kein geeignetes Mittel ist, die Dechristianisierung der westlichen Gesellschaften aufzuhalten - was denn dann?
"Könnte es sein, dass der beste Weg, die Flut zu bekämpfen, darin besteht... die Flut nicht zu bekämpfen? Aufzuhören, Sandsäcke aufzutürmen, und stattdessen eine Arche zu bauen, die Schutz bietet, bis das Wasser zurückweicht und wir unsere Füße wieder auf trockenes Land setzen können? Statt unsere Energie und Ressourcen in politischen Kämpfen zu verschwenden, die wir nicht gewinnen können, sollten wir daran arbeiten, Gemeinschaften, Institutionen und Netzwerke des Widerstands aufzubauen, die die feindliche Übermacht überlisten, überdauern und schließlich überwinden können.
Habt keine Furcht! Wir sind schon einmal in einer solchen Situation gewesen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums überlebte und wuchs die frühe Kirche unter römischer Verfolgung, und ebenso nach dem Zusammenbruch des Imperiums im Westen. Wir Christen einer späteren Zeit müssen von ihrem Beispiel lernen - und ganz besonders vom Beispiel des Heiligen Benedikt."
Und so kommt Dreher also auf den Namenspatron seiner "Option" zu sprechen, und darauf, was er an ihm als vorbildlich betrachtet.
"Als er Rom verließ, um sich in die Wildnis zurückzuziehen, ahnte Benedikt nicht, dass seine Gründung von Schulen für den Dienst des Herrn im Laufe der Zeit so dramatische Auswirkungen auf die westliche Zivilisation haben würde. [...] Innerhalb des Rahmens der Kirche bot das Mönchtum der bäuerlichen Bevölkerung eine dringend benötigte Hilfe und Hoffnung, und dank Benedikt veranlasste eine erneuerte Konzentration auf das geistliche Leben viele Männer und Frauen dazu, die Welt zu verlassen und sich innerhalb der Mauern eines Klosters und unter der Ordensregel ganz Gott zu widmen. Diese Klöster erhielten in ihren Mauern Glauben und Gelehrsamkeit am Leben, evangelisierten barbarische Völker, lehrten sie, Feldfrüchte anzubauen und Gebäude zu errichten. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte bereiteten sie die verwüsteten Gesellschaften des nachrömischen Europa auf eine Wiedergeburt der Zivilisation vor.
All das wuchs aus dem Senfkorn des Glaubens, das ein gläubiger junger Italiener gepflanzt hatte, der nichts anderes wollte, als in einer gläubigen Gemeinschaft, die errichtet worden war, dem Chaos und Verfall zu widerstehen, die sie umgaben, Gott zu suchen und Ihm zu dienen. Benedikts Beispiel gibt uns heute Hoffnung, denn es zeigt, was eine kleine Truppe von Gläubigen ausrichten kann, wenn sie kreativ auf die Herausforderungen ihrer Zeit und ihrer Umgebung antwortet, indem sie die Gnade, die sie in Folge ihrer radikalen Offenheit für Gott durchströmt, weitergeben und diese Gnade in einer spezifischen Lebensweise zum Ausdruck bringen."
Wie Dreher bereits im Vorwort zu erkennen gegeben hat, ist er auf den Vergleich zwischen dem gegenwärtigen Zustand der Kultur und dem Untergang des Römischen Reiches sowie auf das Vorbild Benedikt nicht von allein gekommen, sondern mit Hilfe des Buches Der Verlust der Tugend des Philosophen Alasdair MacIntyre. Darin stellt dieser die These auf,
"dass der Westen die Vernunft und das traditionelle Verständnis von Tugend zugunsten eines Relativismus aufgegeben habe, der unsere Welt heute überflutet. Wir werden weder vom Glauben noch von der Vernunft oder irgendeiner Kombination dieser beiden beherrscht, sondern von etwas, das MacIntyre Emotivismus nennt: die Vorstellung, alle moralischen Entscheidungen seien nichts anderes als der Ausdruck eines individuellen Gefühls dafür, was richtig sei."Dieser Emotivismus ist gewissermaßen das "weltliche" Pendant zur "Pseudoreligion" MTD - man könnte auch sagen: die kulturelle Voraussetzung für diese.
Eine Gesellschaft, die nicht von Vernunft und/oder Tugend, sondern von Emotivismus geleitet wird, erfordert laut MacIntyre, dass man
[Fortsetzung folgt!]
- objektive moralische Standards aufgibt;
- sich weigert, irgendwelche religiös oder kulturell verankerten Narrative zu akzeptieren, die man nicht selbst hervorgebracht oder zumindest selbst gewählt hat;
- Erinnerungen an die Vergangenheit als irrelevant zurückweist; und
- sich von der Gemeinschaft wie auch von nicht selbst gewählten sozialen Verpflichtungen abkoppelt.
"Eine solche Geisteshaltung kommt dem Zustand nahe, den man Barbarismus nennt. Wenn wir an Barbaren denken, stellen wir uns wilde, räuberische Horden vor, die durch die Städte toben und ohne Sinn und Verstand die Strukturen und Institutionen der Zivilisation zerstören, einfach weil sie es können. Barbaren werden einzig von ihrem Willen zur Macht beherrscht, und von dem, was sie vernichten, haben sie weder eine Ahnung, noch kümmern sie sich darum.Klingt das alarmistisch? Übertrieben kulturpessimistisch? Ich würde sagen, für mich hört es sich ziemlich realistisch an. Vielleicht liegt das daran, dass ich in Berlin lebe. -- Wie aber lauten nun die praktischen Konsequenzen aus dieser Zustandsbeschreibung?
So verstanden, leben wir in der modernen westlichen Welt, trotz all unseres Wohlstands und unserer hohen technologischen Entwicklung, im Zustand des Barbarismus - auch wenn wir das nicht erkennen. Unsere Wissenschaftler, unsere Richter, unsere Fürsten, unsere Gelehrten und Schriftsteller arbeiten daran, den Glauben, die Familie, die Geschlechterordnung, ja sogar die Definition, was es heißt, Mensch zu sein, niederzureißen. Die Barbaren unserer Zeit haben die Tierfelle und Speere der Vergangenheit gegen Designeranzüge und Smartphones eingetauscht."
"Christen, die von den reißenden Fluten des Moderne bedrängt werden, warten auf jemanden wie Benedikt - jemanden, der Archen baut, die sie und den lebendigen Glauben durch das Meer der Krise tragen können - durch ein Dunkles Zeitalter, das Jahrhunderte andauern könnte."Wie solche "Archen" konkret aussehen können, darum soll es also im weiteren Verlauf des Buches gehen:
"In diesem Buch stelle ich Männer und Frauen vor, die die Benedikts von heute sind. Manche leben auf dem Land, andere in der Großstadt, wiederum andere in den Vorstädten. Sie alle sind gläubige orthodoxe Christen - und mit 'orthodox' meine ich hier: theologisch konservativ innerhalb eines der drei Hauptzweige des historischen Christentums -, und sie wissen: Wenn die Gläubigen nicht aus Babylon ausziehen und sich absondern - zum Teil metaphorisch, zum Teil aber auch wortwörtlich -, dann wird ihr Glaube in dieser Kultur des Todes nicht für eine oder zwei weitere Generationen überleben. Sie erkennen eine unpopuläre Wahrheit: Politik wird uns nicht retten. Statt zu versuchen, die gegenwärtige Ordnung zu stützen, haben sie erkannt, dass das Reich, dessen Bürger sie sind, nicht von dieser Welt ist, und haben beschlossen, dieses Bürgerrecht nicht kompromittieren zu wollen."Und weiter:
"Das, was diese strenggläubigen Christen derzeit tun, sind die Samenkörner dessen, was ich die Benedikt-Option nenne: eine Strategie, die sich auf die Autorität der Schrift und die Weisheit der Alten Kirche beruft, um [...] eine lebendige Gegenkultur zu bilden. Da sie die Gifte des modernen Säkularismus wie auch die durch den Relativismus verursachte Fragmentierung [der Gesellschaft] erkennen, suchen 'Benedict Option'-Christen in der Heiligen Schrift und in Benedikts Ordensregel nach Wegen, [geistliche] Praktiken und Gemeinschaften zu kultivieren. Statt in Panik zu geraten oder in Selbstgefälligkeit zu verharren, erkennen sie, dass die neue Ordnung der Dinge nicht ein Problem ist, das es zu lösen gilt, sondern vielmehr eine Realität, mit der man leben muss. Diese werden es sein, die lernen, mit Glauben und Kreativität auszuharren, ihr eigenes Gebetsleben zu vertiefen und [geistliche] Praktiken aufzugreifen, sich auf Familien und Gemeinschaften zu konzentrieren statt auf Parteipolitik, und Kirchen, Schulen und andere Institutionen aufzubauen, in denen der orthodoxe christliche Glaube inmitten der Flut überleben und gedeihen kann."Kurz und schlicht gesagt, der Grundgedanke besteht darin, eine geistliche Erneuerung des Christentums in der westlichen Welt dadurch anzustreben, dass man zunächst einmal das eigene Glaubensleben vertieft. Und zwar in Gemeinschaft. Der Vorwurf einer "Ghetto"- bzw. "Wagenburgmentalität", die dem Auftrag der Kirche, in die Gesellschaft hinein zu wirken, widerspreche, mag hier nahe liegen; aber wie ich schon an anderer Stelle erwähnte, hat der Autor hierauf eine deutliche Antwort:
"Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben. Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellem 'Training' - ebenso wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe Er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben. Wären die alten Hebräer von der Kultur Babylons assimiliert worden, hätten sie aufgehört, ein Licht für die Welt zu sein. Und genauso ist es mit der Kirche."Und schließlich:
"Die Realität unserer Situation ist in der Tat alarmierend, aber wir können es uns nicht leisten, in eine Untergangshysterie zu verfallen. Es steckt ein verborgener Segen in dieser Krise, wenn wir ihn nur wahrnehmen wollten. So wie Gott im Alten Testament Züchtigungen benutzte, um Sein Volk zu rufen, zu Ihm zurückzukehren, so sendet Er womöglich einer Kirche und einem Volk, die durch Egoismus, Hedonismus und Materialismus erkaltet sind, ein ähnliches Gericht. Der kommende Sturm könnte das Mittel sein, mit dem Gott uns rettet."Zum Abschluss des Kapitels kommt Dreher nochmals auf die eingangs angesprochene Überschwemmung vom August 2016 zurück:
"Wenn man im Süden Louisianas aufgewachsen ist, hat man die Erfahrung gemacht: Immer wenn ein Hurrikan herannahte, holte jemand den schmiedeeisernen Kessel heraus, kochte einen großen Topf Gumbo und lud, nachdem er die Schotten dicht gemacht hatte, die Nachbarn zum Essen ein. Man erzählte sich Geschichten, feierte fröhlich, und dann zog man gemeinsam hinaus in den Sturm. Diese Einstellung prägte auch die Reaktion auf die Große Flut von 2016. Noch während das Wasser anstieg, eilten in ganz Süd-Louisiana kleine Trupps hinaus, um die Eingeschlossenen zu retten, den Obdachlosen Unterkunft und den Hungrigen zu Essen (meist Berge von Jambalaya) zu geben und die Gebrochenen und die mit gebrochenen Herzen zu trösten.Not sehen und handeln - darum geht es. Mir scheint, gerade hierzulande können wir von dieser Einstellung ganz gut eine größere Portion gebrauchen. Vielfach ist es - nicht nur, aber auch und besonders auf die geistliche Krise unserer kirchlichen Institutionen bezogen - wohl eher so, dass man sich entweder einzureden versucht, sooo schlimm sei das ja alles gar nicht, oder aber darauf wartet, dass jemand Anderes sich darum kümmert. Letzteres vielleicht noch nicht einmal unbedingt aus Trägheit oder falschem Anspruchsdenken heraus, sondern oft wohl auch einfach aufgrund der Annahme, man selber könne gar nichts tun. Und gerade das ist - so jedenfalls mein bisheriger Lektüreeindruck - das Faszinierende und das ungemein Wertvolle an der Benedict Option: dass es hier um konkrete Anregungen dafür geht, was jeder Einzelne in seinem persönlichen Umfeld zu einer geistlichen Erneuerung der Kirche beitragen kann. Man muss - das schicke ich schon mal voraus - durchaus nicht alle diese Anregungen gut finden. Es spricht theoretisch auch durchaus nichts dagegen, sie lediglich als Denkanstöße zu nutzen, um letztlich auf Ideen und Strategien zu kommen, die in Drehers Buch gerade nicht vorkommen. Dies umso mehr, als die Rahmenbedingungen in Deutschland zum Teil erheblich andere sind als in den USA. Aber darauf komme ich noch.
Das war keine von oben verordnete Reaktion. Sie ergab sich spontan, aus der Liebe, die die Einheimischen für ihre Nachbarn hatten, und aus dem Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die von der Flut arm und nackt zurückgelassen worden waren. Tugendhafte Männer und Frauen - die Cajun Navy, Leute aus Kirchengemeinden und andere - warteten nicht darauf, dass jemand ihnen sagte, was sie zu tun hätten. Sie erkannten die Schwere der Krise und handelten."
[Fortsetzung folgt!]




