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Dienstag, 23. Mai 2017

Was ist dran an der "Benedict Option"? (Teil 2)

So, Freunde! Nachdem ich vor einer Woche damit begonnen habe, Rod Drehers in den USA vieldiskutiertes, hierzulande aber noch weitgehend unbekanntes Buch "The Benedict Option" vorzustellen, und mich dabei zunächst auf das Vorwort beschränkt habe, wird es wohl langsam mal Zeit, dass ich mich dem ersten Kapitel zuwende. Zuvor aber noch eine Anmerkung zum Thema "hierzulande noch weitgehend unbekannt": Wie ich über Twitter erfahren habe, kommt im Herbst eine französische Ausgabe des Buches heraus. Für eine deutsche Ausgabe hat sich hingegen noch kein Verleger gefunden. Das müsste sich doch ändern lassen!

Nun aber zum ersten Kapitel. Dieses trägt die Überschrift "Die Große Flut", und der erste Satz lautet: "Niemand sah die Große Flut kommen." Bibelkundige Leser werden da vermutlich sogleich an die Sintflut denken und die Überschrift mithin als metaphorisch verstehen; so ist es erst einmal eine Überraschung, dass Mr. Dreher zunächst auf eine ganz buchstäbliche Flut zu sprechen kommt, die er selbst miterlebt hat - eine Überschwemmungskatastrophe im US-Bundesstaat Louisiana im August 2016
"Ich verbrachte den Sonntag der Flut in einer improvisierten Notunterkunft in Baton Rouge. Mein Sohn Lucas und ich halfen dabei, die Geretteten aus Hubschraubern der Nationalgarde auszuladen, und gemeinsam mit Scharen anderer Freiwilliger versorgten wir Tausende von Flüchtlingen, die aus der weiteren Umgebung hereinströmten, mit Nahrung und anderen Hilfsgütern. [...]
Während wir den hungrigen und verstörten Evakuierten Jambalaya servierten, hörte wir wieder und wieder dieselbe Geschichte. Wir haben alles verloren. Wir hätten so etwas niemals erwartet. Da, wo wir herkommen, gab es noch nie Überschwemmungen. Wir waren nicht vorbereitet." 
Aber keine Bange: Auf die metaphorische Bedeutung dieser Flutgeschichte kommt der Autor gleich darauf zu sprechen, und da sind Sintflut-Assoziationen durchaus angemessen und sicher auch gewollt. 
"Uns Christen im Westen droht unsere eigene Jahrtausendflut - oder, wenn man dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Glauben schenken mag, eine Eineinhalb-Jahrtausende-Flut: Im Jahr 2012 sagte der damalige Pontifex, die spirituelle Krise, die den Westen ergreift, sei die gravierendste seit dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende des 5. Jahrhunderts. Das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen. Menschen, die heute leben, werden vielleicht noch in ihrer Lebenszeit Zeugen des effektiven Todes des Christentums innerhalb unserer Zivilisation werden. Mit Gottes Gnade mag der Glaube auf der Südhalbkugel und in China weiterhin florieren, aber ohne eine dramatische Umkehrung gegenwärtiger Trends wird der Glaube in Europa und Nordamerika so gut wie verschwinden. Das ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber es ist das Ende einer Welt - und man müsste willentlich blind sein, um das zu bestreiten. Lange Zeit haben wir die Anzeichen heruntergespielt oder ignoriert. Jetzt ist die Flut da - und wir sind nicht bereit." 
Hans Baldung, genannt Grien: Die Sintflut (1516) 
Nicht wenige Leser haben Rod Dreher bezüglich seiner Einschätzung, das Christentum in der westlichen Welt sei akut vom Untergang bedroht, Alarmismus und Weltuntergangsrhetorik vorgeworfen. Nun gut, diese Leser kommen im 1. Kapitel voll auf ihre Kosten. Ich denke allerdings, es ist tatsächlich schwer, die Krisensymptome, die er nennt, zu leugnen. Der Autor selbst zeigt sich überzeugt, dass die Leugner - die es bis in hohe Ränge der kirchlichen Hierarchie hinein gibt, und gerade da - ein wesentlicher Teil des Problems sind: 
"Unsere religiösen Führungspersönlichkeiten haben uns versichert, es würde genügen, die Dämme von Gesetz und Politik zu verstärken, um die Flut des Säkularismus abzuwehren. Die allgemeine Auffassung war: Es gibt nichts, was man nicht dadurch in den Griff bekommen könnte, dass man das tut, was Christen schon seit Jahrzehnten getan haben - zum Beispiel, vor allem, die Republikaner zu wählen." 
Auf Deutschland übertragen, müsste man wohl sagen, dass hochrangige Kirchenvertreter es als ein wesentliches Heilmittel betrachten, nicht die AfD zu wählen. Überhaupt steht das kirchliche Establishment hierzulande im Großen und Ganzen wohl politisch wesentlich weiter "links" als in den USA; das kann man gut oder schlecht finden, festzuhalten ist jedenfalls, dass viele Repräsentanten der Kirche(n) hier wie dort eine gewisse Neigung zur Überbewertung von Politik, und zwar auch ganz konkret von Parteipolitik, an den Tag legen.

Gerade europäische Leser äußern sich nicht selten überrascht bis verständnislos, dass Dreher das gesellschaftliche Klima in den USA als "postchristlich" und tendenziell sogar antichristlich wahrnimmt, und wenden ein, gerade in den USA sei der christliche Glaube in der Gesellschaft doch noch weit präsenter und einflussreicher als in Europa. Nun trifft es sicherlich zu, dass eine aggressive Säkularisierung der Gesellschaft in Europa schon erheblich früher eingesetzt hat; aber die USA holen kräftig auf, und vielleicht nehmen die dortigen konservativen Christen den Säkularisierungsdruck gerade deshalb umso schmerzhafter wahr, weil er dort - zumindest scheinbar - so abrupt eingesetzt hat. In Europa ist man dergleichen einfach schon länger gewöhnt. - Dreher führt einige politische und juristische Entscheidungen aus jüngster Zeit auf, in denen er ein massives Zurückdrängen der Religionsfreiheit sieht; als einen Höhepunkt dieser Entwicklung betrachtet er die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Obergefell v. Hodges, mit der ein verfassungsmäßiges Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Eheschließung proklamiert wurde. In der Folge dieses Gerichtsentscheids, so Dreher, 
"werden christliche Überzeugungen über die Komplementarität der Geschlechter in der Ehe als verabscheuungswürdige Vorurteile angesehen - und in einer wachsenden Zahl von Fällen als strafbar. Der öffentliche Raum ist verloren." 
Auf diese Feststellung folgt harsche Kritik am Zustand der Kirchen:
"Und nicht nur den öffentlichen Raum haben wir verloren, sondern auch das vermeintliche Hochplateau unserer Kirchen ist kein sicherer Boden mehr. Man könnte ja denken: Na, was macht das schon, wenn die Leute um uns herum unsere Moralvorstellungen nicht teilen? Wir können unseren Glauben und unsere Lehren immer noch innerhalb unserer Kirchenwände bewahren. Aber diese Annahme setzt ein ungerechtfertigtes Vertrauen in die Gesundheit unserer religiösen Institutionen. Die Veränderungen, die den Westen in der modernen Zeit ergriffen haben, haben absolut alles revolutioniert - sogar die Kirche, die nicht mehr Seelen formt, sondern Egos verpflegt." 
Man mag diese Einschätzung überzogen und allzu verallgemeinernd finden, aber ich würde sagen, die Tendenzen sind unübersehbar da - auch und gerade in Deutschland. da muss man sich nur mal, beispielsweise, die Facebook-Seite des Bistums Münster oder das Veranstaltungsprogramm des Referats Frauenseelsorge im Erzbistum Berlin ansehen. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Kirchen mit all ihrer Anbiederung an den gesellschaftlich-kulturellen Mainstream ihren allgemeinen Bedeutungsverfall offenbar nicht aufzuhalten vermag: 
"Lasst euch nicht täuschen von der großen Zahl von Kirchen, die es heute gibt. Eine noch nie dagewesene Zahl junger Erwachsener in Amerika bekennt sich dazu, keinerlei religiöse Bindung zu haben. Dem Pew Research Center zufolge hat sich ein Drittel der 18- bis 29jährigen von der Religion abgewandt - sofern sie überhaupt jemals religiös gewesen sind. Wenn die demographischen Trends sich fortsetzen, werden unsere Kirchen bald leer sein." 
Das ist hierzulande nicht gar so sehr anders, oder? 
"Und was noch beunruhigender ist: Viele Kirchen, die weiterhin offen bleiben, werden von einer heimtückischen Art von Säkularismus ausgehöhlt, mit dem Ergebnis, dass das dort gelebte 'Christentum' seine Kraft und Lebendigkeit verliert. In den meisten Kirchen hat dieser Prozess bereits eingesetzt." 
Und hier wird es nun interessant: Dreher äußert sich ausführlich zu den Ergebnissen einer Studie der Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton aus dem Jahr 2005, in der "das religiöse und spirituelle Leben amerikanischer Teenager unterschiedlichster Herkunft" untersucht wurde. Das zentrale Ergebnis dieser Studie war,
"dass die meisten Teenager einer schwammigen Pseudoreligion anhängen, für die die Forscher die Bezeichnung 'Moralistisch-Therapeutischer Deismus' (MTD) prägten."  
Der Begriff "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" war mir schon früher einmal begegnet, in Gestalt eines ungewöhnlich textlastigen Werks des evangelikalen Cartoonzeichners Adam Ford. Ford bezeichnet darin den "Moralistisch-Therapeutischen Deismus" als "missratenen Stiefcousin des Christentums". Sowohl Ford als auch Dreher zitieren die "fünf grundlegenden Glaubenssätze" des MTD nach Smith und Denton wie folgt: 
  • Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht. 
  • Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren. 
  • Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein. 
  • Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen. 
  • Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben. 
Haben wir sowas schon mal gesehen oder gehört? - Dreher führt weiter aus:
"Dieses Glaubensbekenntnis ist, wie die Forscher feststellten, besonders unter katholischen und klassisch-protestantischen Jugendlichen verbreitet. Evangelikale Jugendliche schnitten signifikant besser ab, aber auch diese erwiesen sich als weit entfernt von historischer, biblisch fundierter Rechtgläubigkeit. Smith und Denton stellten die These auf, dass MTD die bestehenden christlichen Kirchen unterwandert, das biblisch fundierte Christentum von innen her zerstört und es durch ein Pseudo-Christentum ersetzt, das 'nur dürftig mit der eigentlichen historischen Tradition des Christentums zusammenhängt'." 
Und da wird mir dann doch Einiges klar. Auch und gerade in Hinblick auf die erwähnte Facebook-Seite des Bistums Münster. Die Leute, die diese Seite verantworten, glauben wirklich, ihre Beiträge wären christlich. Sie verstehen einfach den Unterschied zwischen Christentum und MTD nicht. - Rod Dreher räumt ein: 
"MTD ist nicht ganz und gar falsch. Immerhin existiert Gott tatsächlich, und Er will wirklich, dass wir gut sind. Das Problem mit MTD, in seiner progressiven wie auch in seiner konservativen Variante, ist, dass es darin hauptsächlich darum geht, das eigene Selbstwertgefühl und das subjektive Glücksgefühl zu steigern und gut mit anderen auszukommen. Es hat wenig mit dem Christentum der Schrift und der Tradition zu tun, das Buße, aufopferungsvolle Liebe und Reinheit des Herzens lehrt und Leiden - den Weg des Kreuzes - als Weg zu Gott empfiehlt. Obwohl oberflächlich christlich, ist MTD die natürliche Religion einer Kultur, die das Ego und materielles Wohlergehen anbetet." 
Aber es kommt noch ärger: 
"So trostlos Christian Smiths Forschungsergebnisse von 2005 auch waren: Seine nachfolgenden Studien, deren dritte Folge 2011 veröffentlicht wurde, ergaben ein noch düstereres Bild. Bei der Untersuchung der moralischen Anschauungen von 18- bis 23jährigen stellten Smith und seine Mitarbeiter fest, dass nur 40 Prozent der befragten jungen Christen angaben, ihre persönlichen Moralvorstellungen gründeten auf der Bibel oder irgendeiner anderen Form religiösen Bewusstseins. Selbst von diesen Gläubigen ist kaum anzunehmen, dass ihr Glaube biblisch kohärent ist. Viele dieser 'Christen' sind in Wirklichkeit entschiedene moralische Individualisten, die eine kohärente biblisch begründete Moral nicht einmal kennen, geschweige denn praktizieren." 
Und was hat das nun für konkrete, praktische Auswirkungen? 
"Erstaunliche 61 Prozent der kommenden Generation von Erwachsenen hatte keinerlei moralische Vorbehalte gegenüber Materialismus und Konsumismus. Weitere 30 Prozent äußerten gewisse Bedenken, kamen letztlich aber zu dem Schluss, es lohne sich nicht, sich darüber besondere Sorgen zu machen. In dieser Sichtweise, so stellten Smith und Denton fest, erscheint die menschliche Gesellschaft lediglich als 'eine Ansammlung autonomer Individuen, die darauf aus sind, das Leben zu genießen'." 
Klingt irgendwie nach den Piraten. Okay, die sind als Partei ja nun wohl endgültig passé, aber damit verschwindet diese Geisteshaltung ja nicht. - Wichtig ist dabei allerdings die Feststellung: 
"Dies sind keine schlechten Leute. Vielmehr sind es junge Erwachsene, die von ihrer Familie, ihrer Kirche und anderen Institutionen, die ihr Gewissen und ihre Vorstellungskraft gebildet oder vielmehr gerade nicht gebildet haben, furchtbar im Stich gelassen wurden." 
Rod Dreher resümiert: 
"MTD ist die faktische Religion nicht nur der amerikanischen Teenager, sondern auch der amerikanischen Erwachsenen. Zu einem signifikanten Grad haben die Teenager lediglich die religiösen Haltungen ihrer Eltern übernommen. Wir sind schon seit einiger Zeit eine MTD-Nation." 
Auch hier würde ich wieder sagen: Das ist bei uns nicht so sehr viel anders. Und somit gilt nicht nur für die USA, sondern ebenso auch für uns: 
"Jede einzelne Kirchengemeinde [...] muss sich fragen, ob sie so große Kompromisse mit der Welt eingegangen ist, dass sie damit ihre Glaubenstreue kompromittiert hat." 
Es folgt eine meiner Lieblingsstellen des Kapitels - provokant, aber einfach hübsch formuliert:
"Niemand außer den verblendetsten 'Religiösen Rechten' alter Schule glaubt noch daran, dass diese kulturelle Revolution wieder zurückgedrängt werden könnte. Die Welle kann nicht aufgehalten werden, man kann sie nur reiten. Mit wenigen Ausnahmen sind christlich-konservative politische Aktivisten so ineffektiv wie exilierte russische Aristokraten, die in ihren Pariser Salons sitzen, Tee aus Samowaren trinken und Pläne zur Restauration der Monarchie schmieden. Man wünscht ihnen alles Gute, aber tief im Innern weiß man, dass diese Leute nicht die Zukunft sind." 
Und damit nähert der Autor sich so allmählich einer Antwort auf die Frage: Wenn politischer Lobbyismus kein geeignetes Mittel ist, die Dechristianisierung der westlichen Gesellschaften aufzuhalten - was denn dann? 
"Könnte es sein, dass der beste Weg, die Flut zu bekämpfen, darin besteht... die Flut nicht zu bekämpfen? Aufzuhören, Sandsäcke aufzutürmen, und stattdessen eine Arche zu bauen, die Schutz bietet, bis das Wasser zurückweicht und wir unsere Füße wieder auf trockenes Land setzen können? Statt unsere Energie und Ressourcen in politischen Kämpfen zu verschwenden, die wir nicht gewinnen können, sollten wir daran arbeiten, Gemeinschaften, Institutionen und Netzwerke des Widerstands aufzubauen, die die feindliche Übermacht überlisten, überdauern und schließlich überwinden können.
Habt keine Furcht! Wir sind schon einmal in einer solchen Situation gewesen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums überlebte und wuchs die frühe Kirche unter römischer Verfolgung, und ebenso nach dem Zusammenbruch des Imperiums im Westen. Wir Christen einer späteren Zeit müssen von ihrem Beispiel lernen - und ganz besonders vom Beispiel des Heiligen Benedikt." 
Und so kommt Dreher also auf den Namenspatron seiner "Option" zu sprechen, und darauf, was er an ihm als vorbildlich betrachtet. 
"Als er Rom verließ, um sich in die Wildnis zurückzuziehen, ahnte Benedikt nicht, dass seine Gründung von Schulen für den Dienst des Herrn im Laufe der Zeit so dramatische Auswirkungen auf die westliche Zivilisation haben würde. [...] Innerhalb des Rahmens der Kirche bot das Mönchtum der bäuerlichen Bevölkerung eine dringend benötigte Hilfe und Hoffnung, und dank Benedikt veranlasste eine erneuerte Konzentration auf das geistliche Leben viele Männer und Frauen dazu, die Welt zu verlassen und sich innerhalb der Mauern eines Klosters und unter der Ordensregel ganz Gott zu widmen. Diese Klöster erhielten in ihren Mauern Glauben und Gelehrsamkeit am Leben, evangelisierten barbarische Völker, lehrten sie, Feldfrüchte anzubauen und Gebäude zu errichten. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte bereiteten sie die verwüsteten Gesellschaften des nachrömischen Europa auf eine Wiedergeburt der Zivilisation vor.
All das wuchs aus dem Senfkorn des Glaubens, das ein gläubiger junger Italiener gepflanzt hatte, der nichts anderes wollte, als in einer gläubigen Gemeinschaft, die errichtet worden war, dem Chaos und Verfall zu widerstehen, die sie umgaben, Gott zu suchen und Ihm zu dienen. Benedikts Beispiel gibt uns heute Hoffnung, denn es zeigt, was eine kleine Truppe von Gläubigen ausrichten kann, wenn sie kreativ auf die Herausforderungen ihrer Zeit und ihrer Umgebung antwortet, indem sie die Gnade, die sie in Folge ihrer radikalen Offenheit für Gott durchströmt, weitergeben und diese Gnade in einer spezifischen Lebensweise zum Ausdruck bringen." 
Wie Dreher bereits im Vorwort zu erkennen gegeben hat, ist er auf den Vergleich zwischen dem gegenwärtigen Zustand der Kultur und dem Untergang des Römischen Reiches sowie auf das Vorbild Benedikt nicht von allein gekommen, sondern mit Hilfe des Buches Der Verlust der Tugend des Philosophen Alasdair MacIntyre. Darin stellt dieser die These auf,
"dass der Westen die Vernunft und das traditionelle Verständnis von Tugend zugunsten eines Relativismus aufgegeben habe, der unsere Welt heute überflutet. Wir werden weder vom Glauben noch von der Vernunft oder irgendeiner Kombination dieser beiden beherrscht, sondern von etwas, das MacIntyre Emotivismus nennt: die Vorstellung, alle moralischen Entscheidungen seien nichts anderes als der Ausdruck eines individuellen Gefühls dafür, was richtig sei." 
Dieser Emotivismus ist gewissermaßen das "weltliche" Pendant zur "Pseudoreligion" MTD - man könnte auch sagen: die kulturelle Voraussetzung für diese. 

Eine Gesellschaft, die nicht von Vernunft und/oder Tugend, sondern von Emotivismus geleitet wird, erfordert laut MacIntyre, dass man

  • objektive moralische Standards aufgibt; 
  • sich weigert, irgendwelche religiös oder kulturell verankerten Narrative zu akzeptieren, die man nicht selbst hervorgebracht oder zumindest selbst gewählt hat; 
  • Erinnerungen an die Vergangenheit als irrelevant zurückweist; und 
  • sich von der Gemeinschaft wie auch von nicht selbst gewählten sozialen Verpflichtungen abkoppelt. 
Rod Dreher führt aus:
"Eine solche Geisteshaltung kommt dem Zustand nahe, den man Barbarismus nennt. Wenn wir an Barbaren denken, stellen wir uns wilde, räuberische Horden vor, die durch die Städte toben und ohne Sinn und Verstand die Strukturen und Institutionen der Zivilisation zerstören, einfach weil sie es können. Barbaren werden einzig von ihrem Willen zur Macht beherrscht, und von dem, was sie vernichten, haben sie weder eine Ahnung, noch kümmern sie sich darum.
So verstanden, leben wir in der modernen westlichen Welt, trotz all unseres Wohlstands und unserer hohen technologischen Entwicklung, im Zustand des Barbarismus - auch wenn wir das nicht erkennen. Unsere Wissenschaftler, unsere Richter, unsere Fürsten, unsere Gelehrten und Schriftsteller arbeiten daran, den Glauben, die Familie, die Geschlechterordnung, ja sogar die Definition, was es heißt, Mensch zu sein, niederzureißen. Die Barbaren unserer Zeit haben die Tierfelle und Speere der Vergangenheit gegen Designeranzüge und Smartphones eingetauscht." 
Klingt das alarmistisch? Übertrieben kulturpessimistisch? Ich würde sagen, für mich hört es sich ziemlich realistisch an. Vielleicht liegt das daran, dass ich in Berlin lebe. -- Wie aber lauten nun die praktischen Konsequenzen aus dieser Zustandsbeschreibung?
"Christen, die von den reißenden Fluten des Moderne bedrängt werden, warten auf jemanden wie Benedikt - jemanden, der Archen baut, die sie und den lebendigen Glauben durch das Meer der Krise tragen können - durch ein Dunkles Zeitalter, das Jahrhunderte andauern könnte." 
Wie solche "Archen" konkret aussehen können, darum soll es also im weiteren Verlauf des Buches gehen:
"In diesem Buch stelle ich Männer und Frauen vor, die die Benedikts von heute sind. Manche leben auf dem Land, andere in der Großstadt, wiederum andere in den Vorstädten. Sie alle sind gläubige orthodoxe Christen - und mit 'orthodox' meine ich hier: theologisch konservativ innerhalb eines der drei Hauptzweige des historischen Christentums -, und sie wissen: Wenn die Gläubigen nicht aus Babylon ausziehen und sich absondern - zum Teil metaphorisch, zum Teil aber auch wortwörtlich -, dann wird ihr Glaube in dieser Kultur des Todes nicht für eine oder zwei weitere Generationen überleben. Sie erkennen eine unpopuläre Wahrheit: Politik wird uns nicht retten. Statt zu versuchen, die gegenwärtige Ordnung zu stützen, haben sie erkannt, dass das Reich, dessen Bürger sie sind, nicht von dieser Welt ist, und haben beschlossen, dieses Bürgerrecht nicht kompromittieren zu wollen." 
Und weiter:
"Das, was diese strenggläubigen Christen derzeit tun, sind die Samenkörner dessen, was ich die Benedikt-Option nenne: eine Strategie, die sich auf die Autorität der Schrift und die Weisheit der Alten Kirche beruft, um [...] eine lebendige Gegenkultur zu bilden. Da sie die Gifte des modernen Säkularismus wie auch die durch den Relativismus verursachte Fragmentierung [der Gesellschaft] erkennen, suchen 'Benedict Option'-Christen in der Heiligen Schrift und in Benedikts Ordensregel nach Wegen, [geistliche] Praktiken und Gemeinschaften zu kultivieren. Statt in Panik zu geraten oder in Selbstgefälligkeit zu verharren, erkennen sie, dass die neue Ordnung der Dinge nicht ein Problem ist, das es zu lösen gilt, sondern vielmehr eine Realität, mit der man leben muss. Diese werden es sein, die lernen, mit Glauben und Kreativität auszuharren, ihr eigenes Gebetsleben zu vertiefen und [geistliche] Praktiken aufzugreifen, sich auf Familien und Gemeinschaften zu konzentrieren statt auf Parteipolitik, und Kirchen, Schulen und andere Institutionen aufzubauen, in denen der orthodoxe christliche Glaube inmitten der Flut überleben und gedeihen kann." 
Kurz und schlicht gesagt, der Grundgedanke besteht darin, eine geistliche Erneuerung des Christentums in der westlichen Welt dadurch anzustreben, dass man zunächst einmal das eigene Glaubensleben vertieft. Und zwar in Gemeinschaft. Der Vorwurf einer "Ghetto"- bzw. "Wagenburgmentalität", die dem Auftrag der Kirche, in die Gesellschaft hinein zu wirken, widerspreche, mag hier nahe liegen; aber wie ich schon an anderer Stelle erwähnte, hat der Autor hierauf eine deutliche Antwort:
"Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben. Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellem 'Training' - ebenso wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe Er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben. Wären die alten Hebräer von der Kultur Babylons assimiliert worden, hätten sie aufgehört, ein Licht für die Welt zu sein. Und genauso ist es mit der Kirche." 
Und schließlich:
"Die Realität unserer Situation ist in der Tat alarmierend, aber wir können es uns nicht leisten, in eine Untergangshysterie zu verfallen. Es steckt ein verborgener Segen in dieser Krise, wenn wir ihn nur wahrnehmen wollten. So wie Gott im Alten Testament Züchtigungen benutzte, um Sein Volk zu rufen, zu Ihm zurückzukehren, so sendet Er womöglich einer Kirche und einem Volk, die durch Egoismus, Hedonismus und Materialismus erkaltet sind, ein ähnliches Gericht. Der kommende Sturm könnte das Mittel sein, mit dem Gott uns rettet." 
Zum Abschluss des Kapitels kommt Dreher nochmals auf die eingangs angesprochene Überschwemmung vom August 2016 zurück:
"Wenn man im Süden Louisianas aufgewachsen ist, hat man die Erfahrung gemacht: Immer wenn ein Hurrikan herannahte, holte jemand den schmiedeeisernen Kessel heraus, kochte einen großen Topf Gumbo und lud, nachdem er die Schotten dicht gemacht hatte, die Nachbarn zum Essen ein. Man erzählte sich Geschichten, feierte fröhlich, und dann zog man gemeinsam hinaus in den Sturm. Diese Einstellung prägte auch die Reaktion auf die Große Flut von 2016. Noch während das Wasser anstieg, eilten in ganz Süd-Louisiana kleine Trupps hinaus, um die Eingeschlossenen zu retten, den Obdachlosen Unterkunft und den Hungrigen zu Essen (meist Berge von Jambalaya) zu geben und die Gebrochenen und die mit gebrochenen Herzen zu trösten.
Das war keine von oben verordnete Reaktion. Sie ergab sich spontan, aus der Liebe, die die Einheimischen für ihre Nachbarn hatten, und aus dem Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die von der Flut arm und nackt zurückgelassen worden waren. Tugendhafte Männer und Frauen - die Cajun Navy, Leute aus Kirchengemeinden und andere - warteten nicht darauf, dass jemand ihnen sagte, was sie zu tun hätten. Sie erkannten die Schwere der Krise und handelten." 
Not sehen und handeln - darum geht es. Mir scheint, gerade hierzulande können wir von dieser Einstellung ganz gut eine größere Portion gebrauchen. Vielfach ist es - nicht nur, aber auch und besonders auf die geistliche Krise unserer kirchlichen Institutionen bezogen - wohl eher so, dass man sich entweder einzureden versucht, sooo schlimm sei das ja alles gar nicht, oder aber darauf wartet, dass jemand Anderes sich darum kümmert. Letzteres vielleicht noch nicht einmal unbedingt aus Trägheit oder falschem Anspruchsdenken heraus, sondern oft wohl auch einfach aufgrund der Annahme, man selber könne gar nichts tun. Und gerade das ist - so jedenfalls mein bisheriger Lektüreeindruck - das Faszinierende und das ungemein Wertvolle an der Benedict Option: dass es hier um konkrete Anregungen dafür geht, was jeder Einzelne in seinem persönlichen Umfeld zu einer geistlichen Erneuerung der Kirche beitragen kann. Man muss - das schicke ich schon mal voraus - durchaus nicht alle diese Anregungen gut finden. Es spricht theoretisch auch durchaus nichts dagegen, sie lediglich als Denkanstöße zu nutzen, um letztlich auf Ideen und Strategien zu kommen, die in Drehers Buch gerade nicht vorkommen. Dies umso mehr, als die Rahmenbedingungen in Deutschland zum Teil erheblich andere sind als in den USA. Aber darauf komme ich noch.


[Fortsetzung folgt!] 



Montag, 22. Mai 2017

Und was ist mit den "normalen" Christen?

"Kann man nicht auch ganz normal Christ sein?" Ich erinnere mich, diese Frage so oder so ähnlich mehr als einmal von meiner Mutter gehört zu haben, in einer Zeit, als meine Geschwister und ich anfingen, uns - auf durchaus unterschiedlichen wegen und teilweise auch "phasenverschoben" - religiös zu "radikalisieren". (In meinem Fall - dazu habe ich mich in meinem Blog schon mehrfach andeutungsweise geäußert - wurde diese Radikalisierung nach ein paar Jahren erst mal von einer längeren Phase umso größerer Glaubens- und Kirchenferne abgelöst, und dazu ließe sich im Zusammenhang mit dieser Frage sicherlich noch Einiges mehr sagen, doch dazu lieber ein Andermal. Lamentieren will ich darüber jedenfalls nicht - es gibt auch notwendige Umwege.) In meinem damaligen jugendlichen Überschwang jedenfalls hätte ich die obige Frage wohl naserümpfend verneint, wenn mein Respekt vor meiner Mutter mich nicht davon abgehalten hätte (also zumindest vom Naserümpfen). -- Und heute? Heute gewinnt dieser Frage in Folge meiner Auseinandersetzung mit der "Benedict Option" eine ganz neue Aktualität und Brisanz für mich. 

Mein Tagespost-Beitrag zu den Kernthesen von Rod Drehers aktuellem Bestseller The Benedict Option wie auch mein erster vertiefender Blogartikel zu diesem Thema haben, wie erwünscht, ein durchaus kontroverses Echo ausgelöst; auf viele der kritischen Einwände, die da formuliert wurden, wird im Zuge meiner weiteren Auseinandersetzung mit Drehers Buch noch einzugehen sein, aber besonders gewichtig und interessant erscheint es mir, dass Drehers Aufruf zur Bildung von Gemeinschaften, in denen ein intensiv christlicher Lebensstil gepflegt wird, von einigen Lesern als Abwertung der Lebensweise "ganz normaler" Christen, ja geradezu als Vorwurf an diese verstanden wurde. Exemplarisch sei hier ein Kommentar von Leserin Crescentia zitiert: 
"Und was ist zum Beispiel mit den Christen, die brav die Vorgaben der ach so laschen Hierarchie (Sonntagspflicht etc.) erfüllen, aber keine Lust an weiterer Gemeinschaftsbeteiligung haben? Der gute Katholik, der wochentags im staatlichen Finanzamt arbeitet, samstags im örtlichen Schachklub zu sehen ist und sonntags dann in der katholischen Messe, ist der in einer Benedict-Option-Gemeinschaft-Welt ein schlechter Christ? [...] Ist es kein 'radikal christliches' Leben, wenn man ein 'ganz normales' Leben mit seiner Familie führt, dabei betet und die Sakramente empfängt und sich an die Gebote hält?"
Da würde ich erst mal sagen: Wer das tut, der tut ja schon viel. "Normal" ist das nicht unbedingt - schon gar nicht unter den Bedingungen eines gesellschaftlichen Klimas, das dem christlichen Glauben zunehmend ablehnend bis feindselig gegenübersteht. Und genau an diesem Punkt setzen Rod Drehers Überlegungen an: bei der Feststellung, dass es gläubigen Christen immer schwerer gemacht wird, ihrem Glauben treu zu bleiben - wenn sie nicht in ein Netzwerk von Gleichgesinnten eingebunden sind, das sie stützt. Ein Netzwerk, das ihnen dabei hilft, ihren eigenen Glauben zu stärken und zu vertiefen, ja, eine Einheit von Glauben und Leben herzustellen - und das eben dadurch auch eine Strahlkraft nach außen entwickelt und so auch missionarisch wirkt. Nicht mehr und nicht weniger als dies ist der Kerngedanke der ganzen Benedict Option: dass Christsein nur in Gemeinschaft funktioniert. Außer vielleicht, man ist zum Eremitendasein berufen. Aber das ist eine sehr seltene Berufung. 

Wenn ich mir das kritische Echo auf Rod Drehers Buch The Benedict Option ansehe, fallen mir zwei scheinbar widersprüchliche Tendenzen auf: Den Einen ist das Konzept der Benedict Option zu extrem, die Anderen sind enttäuscht, dass es sooo extrem gar nicht ist. Wenn ich sage, dies sei nur ein scheinbarer Widerspruch, dann deshalb, weil beide Urteile grundsätzlich von derselben Erwartungshaltung ausgehen: von der Annahme nämlich, hinter dem Schlagwort Benedict Option verberge sich etwas unheimlich Radikales. Das führt bei denjenigen, die diese Radikalitär eher abschreckend finden, leicht dazu, dass sie sich nur oberflächlich mit Drehers Thesen beschäftigen, sein Buch gar nicht oder nur auszugsweise lesen - und so keine Gelegenheit haben, ihre verzerrte Wahrnehmung zu korrigieren. Wohingegen die, die sich von der angenommenen Radikalität des Konzepts angezogen fühlen, das Buch tatsächlich lesen und dabei auf Sätze stoßen wie: 
"Schalte den Fernseher ab. Leg das Smartphone weg. Lies Bücher. Spiel Spiele. Mach Musik. Feiere mit deinen Nachbarn. [...] Lege einen Garten an und beteilige dich an einem lokalen Wochenmarkt. Bring deinen Kindern bei, Instrumente zu spielen, und gründe eine Band. Tritt der Freiwilligen Feuerwehr bei." 
Das ist doch nichts Besonderes, werden sie denken. Soll das etwa ALLES sein? - Nö, soll es nicht. Es finden sich durchaus auch erheblich weitergehende Anregungen für einen "radikal christlichen Lebensstil" in Drehers Buch. Zu beachten ist allerdings, dass die eigentliche Radikalität von Drehers Forderung nach einer entschieden christlichen Lebensweise sich weniger auf äußere Fakten bezieht - ob jemand auf dem Land oder in der Stadt lebt oder was für einen Beruf jemand ausübt - als vielmehr auf die innere Einstellung. Zu den von Dreher gepriesenen Grundgedanken der benediktinischen Ordensregel gehört auch das Prinzip der Ausgewogenheit, und damit der Grundsatz, niemandem mehr aufzuerlegen, als er tragen kann. Das sprichwörtliche "Scherflein der Witwe" (Mk 12,41-44) war ein minimaler Geldbetrag, aber es war alles, was sie hatte. Wer nicht viel zu geben hat, der soll eben das geben, was er geben kann. Und das ist für Jeden etwas Anderes. 

Es liegt auf der Hand, dass nicht Jeder ein Farmhaus in Montana und ein paar Hühner kaufen und damit eine Landkommune begründen kann. Ja, es wäre auch nicht einmal sinnvoll, dass Jeder das täte. Ebenso wie es für das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzer notwendig ist, dass es ganz unterschiedliche Berufsstände gibt, die auch unterschiedliche Lebensumstände und eine unterschiedliche Alltagsstruktur bedingen, ist es für die Christenheit wichtig, dass in all diesen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen Christen präsent sind - um dort Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Um mal Johannes Hartl zu zitieren
"Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Glaubst du, dass das Salz in der Suppe schwimmt und sagt: 'Alles um mich rum ist so fad!'? Ihr seid das Licht der Welt! Das Licht, sagt das 'Das ist aber blöd, dass es so dunkel ist überall'? - Dafür bist du dort!" 
Kurz gesagt: Dass es Christen gibt, die so leben, wie es im obigen Zitat von Leserin Crescentia skizziert wird, ist nicht nur legitim, sondern sogar notwendig. Aber auch diese Christen, ja gerade diese benötigen, um ihre Mission als Christen in der Welt erfüllen zu können, ein Netzwerk, das sie stützt und im Glauben stärkt. Womit ich wieder am Anfang meiner Ausführungen angekommen wäre. 

Heinrich Hofmann: Christus und der reiche Jüngling (18899. 
Zu bedenken ist auch und nicht zuletzt: Dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, als Christen unseren Glauben zu leben und gleichzeitig ein mehr oder weniger "normales" Leben in der "Mitte der Gesellschaft" zu führen, ist historisch - und global gesehen auch heutzutage - keinesfalls der Normalfall. In den ersten drei Jahrhunderten ihres Bestehens war die Christenheit im Römischen Reich eine ausgegrenzte, vielfach angefeindete und zeitweilig brutal verfolgte Minderheit. Und wie uns schriftliche Quellen verraten, war die Lebensweise dieser frühen Christen noch um Einiges radikaler als alles, was die Benedict Option vorschlägt und empfiehlt. In der Apostelgeschichte (2,44ff.) lesen wir: 

"Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens."
Und im Brief an Diognet aus dem 2. Jh. heißt es: 
"Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. Keineswegs durch einen Einfall oder durch den Scharfsinn vorwitziger Menschen ist diese ihre Lehre aufgebracht worden und sie vertreten auch keine menschliche Schulweisheit wie andere. Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde; jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde. Sie heiraten wie alle andern und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie sind im Fleische, leben aber nicht nach dem Fleische. Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben, Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss, sie werden missachtet und in der Missachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft; mit dem Tode bestraft, freuen sie sich, als würden sie zum Leben erweckt."
Im Römischen Reich folgte fast unmittelbar auf die letzte und heftigste Welle staatlicher Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian in den Jahren 304-311 die Mailänder Vereinbarung Kaiser Konstantins im Jahr 313, die Christen (und allen anderen "fremden" Glaubenrichtungen) Religionsfreiheit zusicherte. Im Grunde wurde es erst ab diesem Zeitpunkt überhaupt möglich, als Christ ein "normales Leben" zu führen. Rund 70 Jahre später, unter Kaiser Theodosius I., wurde das Christentum alleinige Staatsreligion im Römischen Reich, wodurch es geradezu notwendig wurde, zumindest pro forma Christ zu sein, um ein "normales Leben" führen zu können. Im Grunde bedeutete diese Situation ein Dilemma für den christlichen Glauben, der eigentlich eine persönliche Entscheidung verlangt und kein bloßes Nachgeben gegenüber einem gesellschaftlichen Konformitätsdruck. Die Auswirkungen dieses Dilemmas sehen wird bis heute. In Deutschland gehören heute noch fast zwei Drittel der Bevölkerung nominell einer christlichen Glaubensgemeinschaft an, aber niemand wird bestreiten, dass Glaubenspraxis und Glaubenswissen massiv geschwunden sind. Geschwunden ist - außer vielleicht in einigen besonders stark konfessionell geprägten, v.a. ländlichen Gegenden - auch der gesellschaftliche Druck, wenigstens auf dem Papier einer christlichen Kirche angehören zu "müssen"; insofern müsste man sich eigentlich fragen, wieso es nicht noch viel mehr Kirchenaustritte gibt, als das tatsächlich der Fall ist. Die Antwort auf diese Frage liegt vermutlich in einem Phänomen, das man als "Kulturchristentum" bezeichnen könnte: Man definiert sich selbst als Christ und nimmt an, um dieser Selbstdefinition gerecht zu werden, genüge es, Kirchensteuer zu zahlen, zu Weihnachten und vielleicht zu Ostern den Gottesdienst zu besuchen, kirchlich zu heiraten, seine Kinder taufen zu lassen, sie zur Erstkommunion und eventuell auch noch zur Firmung gehen zu lassen und sich in hoffentlich möglichst ferner Zukunft kirchlich beerdigen zu lassen - und in der Zwischenzeit ein "ganz normales" Leben zu führen. Und da muss ich dann leider sagen: Nein, das genügt nicht

Im Grunde beginnt das Dilemma aber schon viel früher, nämlich in den Evangelien selbst. Einerseits stellt Jesus Christus ausgesprochen radikale Anforderungen an Jene, die seine Jünger werden wollen: "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach" (Mt 19,21). - "Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes" (Lk 9,62). Andererseits sagt Er aber auch: "Macht ALLE Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,19). Es ist aber, wie oben bereits angesprochen, schon aus rein praktischen Erwägungen kaum vorstellbar, dass alle Menschen sich einem derart radikalen Lebensstil verschreiben. Was also tun? - Praktisch seit der oben angesprochenen "Normalisierung" des Christseins im Römischen Reich hat es immer wieder Gruppen von Menschen gegeben, die sich dafür entschieden haben, ihren Glauben auf radikalere Weise zu leben als die "ganz normalen" Christen. So ist das christliche Ordenswesen entstanden, und so auch diverse geistliche Gemeinschaften von Laien. Solche Gemeinschaften sind in unterschiedlichem Maße "abgesondert" - von der strengen Klausur bis hin zum Leben "mitten in der Gesellschaft" -, aber in dem einen oder anderen Sinne sind sie alle nicht nur für sich selbst da, sondern auch dafür, in die breitere Gesellschaft hinein zu wirken, sie zu befruchten, auch die "ganz normalen Christen" im Glauben zu stärken. Victor Hugo, selbst nicht unbedingt ein besonders frommer Christ, schrieb: "Die ständig Betenden sind für jene nötig, die nie beten." 

Die Benedict Option geht nun davon aus, dass eine intensiv christliche Lebensweise, in der der Glaube und die Hingabe an Gott den gesamten Alltag durchdringt und strukturiert, nicht allein eine Berufung für Priester und Ordensleute ist, sondern auch zum Laienapostolat gehört - je nach den Möglichkeiten, die der Einzelne hat, versteht sich. Das soll keine Relativierung der besonderen Berufung von Priestern und Ordensleuten sein - im Gegenteil: Woher sollen die Priester- und Ordensberufungen denn kommen, wenn Kinder und Jugendliche in ihrem täglichen Leben, und insbesondere in ihren Familien, nie mit einem intensiv gelebten christlichen Glauben in Berührung kommen? 

Kommen wir abschließend auf die Ausgangsfrage zurück: Kann man nicht auch ganz normal Christ sein? - Nein und ja. Nein, weil es einfach nicht normal ist, Christ zu sein; ja, weil jeder Mensch dazu berufen ist, Christus nachzufolgen. Wenn man unter "normal" versteht, einen gewöhnlichen Beruf auszuüben, gewöhnliche Hobbys, ein durchschnittliches Einkommen und eine durchschnittliche Zahl von Kindern zu haben und durchschnittlich oft in Urlaub zu fahren, würde ich sagen: Natürlich kann man als Christ in diesem Sinne normal sein, und das ist auch gut so. Aber es ist auch gut, dass es Christen gibt, die nicht so normal sind. Beide Seiten brauchen einander. Und was nun die Benedict Option angeht, würde ich sagen: Gerade für die "normalen" Christen kann es ausgesprochen fruchtbar sein, sich mal damit auseinanderzusetzen, wie sie Aspekte dieses Konzepts in ihr alltägliches Leben integrieren können - damit der Glaube im Alltag nicht versandet. Wenn das Ergebnis nun lautet "Na super - regelmäßig beten, zu Gemeindefesten gehen und da hin und wieder mal einen Kuchen oder einen Nudelsalat mitbringen, das mache ich doch sowieso schon", dann kann ich nur sagen: 

Gut so. Weitermachen. 

Wem das aber nicht genug ist, für den hat die Benedict Option durchaus noch mehr anzubieten. Ich werde meine Artikelreihe über dieses Buch in Kürze fortsetzen. 



Freitag, 19. Mai 2017

Das! Ist! Unser Haus!

Lange nichts mehr aus St. Willehad berichtet - gibt's da überhaupt nichts Neues? Doch, durchaus. Der Bau des umstrittenen neuen Pfarrzentrums schreitet voran: Auf der Facebook-Seite der Pfarrei waren Fotos zu bewundern, die die frisch gegossene Bodenplatte und erste Mauersteine zeigten. Ein Kosten-Update wurde bei dieser Gelegenheit nicht mitgeteilt; meinem letzten Kenntnisstand zufolge bewegt sich die Kalkulation irgendwo zwischen einer und eineinhalb Millionen Euro. Schauen wir mal, ob es dabei bleibt. 

Interessante Neuigkeiten gibt es derweil aus dem ebenfalls zur Pfarrei St. Willehad gehörenden Küstenbadeort Tossens, rund 22 Kilometer von Nordenham entfernt - einem Hotspot der Urlauberseelsorge. Dort wurde am 18. Mai das "katholische Kommunikationszentrum OASE" wiedereröffnet, das unter Pfarrer Jortzick 2014 wegen zu hoher Betriebskosten geschlossen worden war. An die ursprüngliche Errichtung dieses Zentrums kann ich mich noch aus meiner Jugend erinnern - im Bericht der Nordwest-Zeitung vom 17.05. heißt es, die OASE sei 1998 erbaut worden, aber das deckt sich nicht so recht mit meiner Erinnerung, denn zu diesem Zeitpunkt wohnte ich gar nicht mehr dort. Jedenfalls war die OASE auf Initiative des damaligen Pfarrers Alfons Kordecki errichtet worden, dem die Förderung der Urlauberseelsorge ein wichtiges Anliegen war. Neben allerlei "kulturellen" Veranstaltungen fanden damals auch Gottesdienste in der OASE statt; das Zentrum hat also auch einen Sakralraum, der den Sachsen- und Friesenmissionaren St. Sturmius und St. Benjamin geweiht ist. Davon ist in den Berichten zur Wiedereröffnung der OASE allerdings keine Rede, aber das muss ja nichts heißen. Was man hingegen über die geplante zukünftige Nutzung der Einrichtung erfährt, ist folgendes: 
"Nach der Wiedereröffnung soll nun künftig an jedem Donnerstagabend in den Monaten von Mai bis Ende August ein Programm angeboten werden, das sowohl für Urlauber wie auch für Einheimische attraktiv ist. Im Anschluss, so Pfarrer Karl Jasbinschek, soll eine Auswertung zeigen, wie das Konzept angekommen ist und wie es weiterentwickelt werden könnte." 
Das klingt ja erst mal nach Potential. Skepsis scheint dennoch geboten: 
"Bei der nächsten Veranstaltungsabend am Donnerstag, 25. Mai, um 19.30 Uhr lautet das Thema: 'Atempause – zwischen Himmel und Erde.' Mit Bildmeditationen vom Jakobus-Pilgerweg, Liedern, Gitarrenmusik, Gebeten, Atemübung [Aaaargh!] und spirituellen Anregungen soll das Fest Christi Himmelfahrt persönlich erfahrbar werden. Karl Jasbinschek gestaltet den Abend mit Diakon Christoph Richter."
Na ja. Auch früher fanden in der OASE schon Veranstaltungen wie "Jesus in Jazz" statt. Weiß man auch nicht, was man davon halten soll. Ganz in der Nähe befindet sich übrigens Minervas Hexenhof. Aber das nur nebenbei. 

Parallel zur Ankündigung der Wiedereröffnung der OASE erfuhr ich über die Facebook-Seite der Pfarre St. Willehad aber auch noch von anderen Neuigkeiten aus Tossens
"Das ehem. Pfarrhaus in Tossens, Nordseeallee 28, steht kurz vor dem Verkauf. Interessierte können sich am Freitag, 12. Mai 2017, zwischen 15:00 und 19:00 Uhr ein Bild der Immobilie, aber auch der Oase machen. In dieser Zeit kann Inventar aus dem ehem. Pfarrhaus gegen eine kleine freiwillige Spende mitgenommen werden. Alles, was derzeit noch im Haus steht, steht Interessierten zur Verfügung. Weiterhin sind in der Oase mehrere hundert Bücher abgängig. Auch diese können an dem Nachmittag gesichtet und gegen eine Spende mitgenommen werden." 
Daran kamen mir nun gleich mehrere Aspekte sonderbar vor. Zunächst: Wieso gibt es in Tossens überhaupt ein "ehem. Pfarrhaus"? Meines Wissens hat Tossens seit der Reformation keinen eigenen katholischen Pfarrer mehr gehabt. Und dann: Wenn das Haus "kurz vor dem Verkauf" steht, wieso soll es dann noch besichtigt werden? Auf Nachfrage erhielt ich vom Moderator der FB-Seite (ich nehme an, es handelt sich um Diakon Richter) genauere Auskunft: 
"Das Haus wird bald über eine Sparkasse vermarktet. Es ist ein gewöhnliches EFH, welches zur Beherbergung von Urlauberteams der Strandkorbkirche gedient hat. Auch ein früherer Pfarrer hat dort zeitweilig gewohnt. Da wir keine Verwendung mehr für das doch angegriffene Haus haben, wird es verkauft. Die Oase nebenan bleibt nach wie vor Teil der Gemeinde und wird für die Urlauberkirche genutzt." 
Ach so. Aha. Na dann. Und wie finde ich das? - Nicht gut. Ich bin in dieser Hinsicht wohl im Wortsinne konservativ (von lat. conservare = "bewahren"), jedenfalls bekomme ich immer so ein nervöses Zucken um die Augenwinkel, wenn ich den Eindruck habe, dass kirchliche Einrichtungen ihren Besitz verschleudern. Und dabei geht es zunächst mal gar nicht darum, worin dieser Besitz konkret besteht. Sondern darum, dass die Entscheidungsträger in den Gremien über Dinge verfügen, die in einem ideellen Sinne nicht ihnen gehören. Sondern dem Volk Gottes als Ganzem. Nehmen wir mal das Inventar des Hauses und die Hunderte von Büchern aus der OASE. Die waren zum Nutzen der Gemeinschaft bestimmt, und nun landen sie gegen Spende in Privatbesitz und sind damit für die Gemeinschaft verloren. Ich weiß, öffentliche Bibliotheken machen das mit ihren Altbeständen genauso, und das gefällt mir ebenfalls nicht. Darüber ärgere ich mich bloß tendenziell weniger, weil ich an öffentliche Bibliotheken weniger hohe ideelle Ansprüche stelle als an die Kirche.

Anderes Beispiel - auch damit das hier nicht so nach Willehad-Schelte aussieht -: Neulich war mal wieder Kreis junger Erwachsener in St. Antonius, und da kam zur Sprache, dass der Pfarrgemeinderat beschlossen habe, wenn die zahlreichen Gesellschaftsspiele, die im Schrank der "Guten Stube" des dortigen ehemaligen Pfarrhauses lagern, nicht genutzt würden, dann müssten sie weg. "Das ist so eine typische Pfarrgemeinderats-Denke", stöhnte ich. "Was nicht genutzt wird, muss abgeschafft werden. Anstatt dass man sich mal Gedanken darüber machen würde, was man tun könnte, damit es genutzt wird." Immerhin, einer der Anwesenden lachte. Und der ist im Pfarrgemeinderat.

Nun bin ich nicht unbedingt der Ansicht, dass es um die ollen Gesellschaftsspiele schade wäre (an dem betreffenden Abend beim Kreis junger Erwachsener wurde prompt beschlossen, einen Spieleabend zu veranstalten, und darüber war ich auch wieder nicht glücklich, da ich nicht gern Gesellschaftsspiele spiele - aber das ist eben mein privates Problem), und auch bei den Büchern aus der Tossenser OASE bin ich, ohne sie gesehen zu haben, keinesfalls sicher, ob es schade um sie ist. Aber es geht mir eben ums Prinzip.

Und dann das Haus selber. Natürlich, nicht genutzte Immobilien verursachen unnütze Kosten. Wenn die Kirchengemeinde also keine Verwendung für das Haus hat, was hätte sie Besseres tun können als es zu verkaufen? - Nun ja: vielleicht eine Ausschreibung für ein Nutzungskonzept machen. Wär ja mal was gewesen. Als ich auf Facebook Fotos des Hauses sah, kamen mir fast die Tränen. Was hätte man da alles machen können! Kochen und essen, Gäste beherbergen, im Garten Gemüse anpflanzen - kurz gesagt: LEBEN. Genau das kann man in der OASE, so schick sie ansonsten sein mag, nämlich nicht. Und dies, die Einheit von Glauben und Leben - ob man das Konzept nun "Punkpastoral" nennt oder "Benedict Option" oder wie auch sonst - ist meiner festen Überzeugung nach das, was der Kirche hierzulande fehlt und worin ihre Zukunft liegen könnte. Wie schön wäre es gewesen, man hätte sich ein paar engagierte junge Leute gesucht, die das "angegriffene" Haus in Eigenregie renovieren und dafür dann mietfrei (bzw. gegen Deckung der Betriebskosten) dort wohnen und ihre Projekte realisieren können. Gebetshaus Tossens. Träumen wird man ja wohl dürfen.

Aus urheberrechtlichen Gründen nur ein Symbolbild (Quelle hier). Ich hatte nicht die Zeit, mal eben schnell nach Tossens zu fahren und das echte Haus zu fotografieren. 
Und noch ein Symbolbild (Quelle hier).
Nun will ich den Verantwortlichen in St. Willehad nicht unbedingt einen Vorwurf daraus machen, dass sie darauf nicht gekommen sind. Und es wäre ja auch fraglich gewesen, ob sich jemand gefunden hätte, der so ein Projekt ausgerechnet in Tossens würde durchziehen wollen. Worum es mir eigentlich geht, das geht weit über diesen Einzelfall hinaus. Erst gestern schrieb ich:
"Nicht vergessen sollte man auch, dass Kirchengemeinden oft über beträchtlichen Immobilienbesitz verfügen. [...] [Man kann] davon ausgehen, dass es eine ganze Reihe kirchlicher 'Funktionsimmobilien' (Pfarrhäuser, Pfarrbüros, Gemeindezentren etc.) gibt, die im Zuge der Bildung von Großpfarreien bzw. 'Pastoralen Räumen' ihre bisherige Funktion verlieren werden oder schon verloren haben. Ich mein ja nur." 
Wo Glaube Raum gewinnt, Baby! Aber wenn die Pfarreien (oder Bistümer, oder wer halt jeweils der juristische Eigentümer der betreffenden Immobilien ist) auf diese Situation reagieren, indem sie die Häuser verhökern oder abreißen, dann gewinnt Glaube keinen Raum. Dann bleibt von den Räumen nur schnödes Geld, und das wird irgendwann für irgendwas ausgegeben und ist dann weg. -- Ich bin in Berlin öfter mal in verschiedenen Pfarrgemeinden unterwegs, und überall sehe ich räumliche und "infrastrukturelle" Kapazitäten, deren Potential nicht ansatzweise ausgeschöpft wird. Gut, zum Teil liegt es sicherlich daran, dass es an Leuten fehlt, die aus diesem Potential etwas machen. Aber ich habe den Verdacht, dass es den Leuten, die es durchaus gäbe, strukturell nicht gerade leicht gemacht wird. Weil die Entscheidungsträger zu sehr in festgefahrenen Bahnen denken. Lasse mich diesbezüglich aber gern - sehr gern - eines Besseren belehren... 

Ach, übrigens: Der Mittwochsklub sucht eine Location für Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Andachten, aus längere Sicht evtl. auch Livemusik u./o. Filmvorführungen. Gern einigermaßen zentral (Tegel können wir selber). Hat da jemand was für uns? :D 



Donnerstag, 18. Mai 2017

St. Joseph Tegel: Benedict Option anno 1919

Für die aktuelle Berliner Ausgabe der Bistumszeitung "Tag des Herrn", erschienen am 14. Mai, habe ich einen Artikel über die Geschichte der Kirchengemeinde St. Joseph im Berliner Ortsteil Tegel verfasst, aus Anlass des dortigen Patronatsfests am 1. Mai ("Hl. Josef der Arbeiter"). In der Online-Ausgabe ist er leider nicht enthalten, und da die Redaktion Wert auf Kürze legt, konnte ich die Hintergründe der Entstehung dieser Gemeinde zudem nur relativ knapp skizzieren. Daher möchte ich nun meinen Blog nutzen, um diesem Thema etwas breiteren Raum zu geben - und dabei auch darzulegen, was ich daran so spannend finde. 

In der Kirche St. Joseph, die mitten in einem recht beschaulich-vorstädtisch anmutenden Wohngebiet liegt, war ich vor dem besagten Patronatsfest nur weniger Male gewesen: letztes Jahr an St. Nikolaus, dann am Valentinstag (äh, ich meine: an St. Cyrill und Methodius) sowie - zusammen mit meiner Liebsten - am Gründonnerstag und Karfreitag. Am Gründonnerstag gab es im Anschluss an die Messe von Letzten Abendmahl ein Agape-Mahl im Gemeindehaus, und bei dieser Gelegenheit hörte ich - im Gespräch mit dem Kaplan und einigen alteingesessenen Gemeindemitgliedern, von denen einer mit Stolz betonte, er sei im ersten Jahr des Bestehens der Kirche getauft worden - erstmals etwas über die Geschichte der Gemeinde. Das ganze Wohngebiet, in dem die Kirche steht, sei in den 20er Jahren als rein katholische Arbeitersiedlung entstanden. Den katholischen Charakter der Siedlung könne man auch heute noch an den Straßennamen (Bonifaziusstraße, Kettelerpfad, Liebfrauenweg) erkennen. 

Das Gehörte machte mich neugierig, und als dann das Patronatsfest näher rückte, sagte ich mir, vielleicht gäbe die Geschichte dieser Siedlung ja eine interessante Story ab. Also recherchierte ich ein bisschen. Auf der Website der Pfarrei war allerlei zu den Hintergründen zu erfahren, und sogar bei Wikipedia. Und was ich da erfuhr, war sogar noch spannender, als ich es erwartet hatte. 

Fassade der Kirche St. Joseph Berlin-Tegel, mit einer Skulptur von Josef Thorak.
Die Gründung der Spar- und Siedlungsgenossenschaft St. Joseph am 23.11.1919 - und anderer, ähnlicher katholischer Siedlungsprojekte an anderen Orten - war nämlich eine Reaktion auf antikirchliche politische Maßnahmen in der Frühzeit der Weimarer Republik. Besonders der Umstand, dass im Zuge der Novemberrevolution mit dem sozialistischen Politiker Adolph Hoffmann (1858-1930) ein prominenter Kirchengegner ins preußische Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung berufen wurde, löste bei gläubigen Katholiken und Protestanten Besorgnis aus: Hoffmann war 1891 mit der gegen den gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen gerichteten Kampfschrift "Die zehn Gebote und die besitzende Klasse" bekannt geworden und trug seitdem den Spitznamen Zehn-Gebote-Hoffmann. Zwar schied er schon im Januar 1919 wieder aus dem Ministerium aus, setzte in seiner kurzen Amtszeit aber immerhin die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht durch und trug mit seiner radikal antiklerikalen Rhetorik erheblich dazu bei, dass kirchennahe - besonders katholische - Teile der Bevölkerung ein tiefes Misstrauen gegenüber der jungen Republik entwickelten. 

Aus diesem Grund entwickelte der 1890 gegründete Volksverein für das katholische Deutschland das Projekt katholischer Siedlungsgemeinschaften: Um inmitten eines ihnen feindlich gesonnenen gesellschaftlichen Klimas ihren Glauben unbehelligt leben und an ihre Kinder weitergeben zu können, sollten Katholiken ihre eigenen Wohnsiedlungen gründen und dort konfessionelle Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser, Kinder- und Altenheime schaffen und unterhalten – und natürlich auch Kirchen. 

An dieser Stelle stutzte ich schon mal ganz erheblich, denn im Kern ist das ja exakt das, was Rod Dreher in seinem aktuellen Bestseller "The Benedict Option" als Rezept für das Überleben des christlichen Glaubens in einer zunehmend glaubensfeindlichen Umgebung empfiehlt. Spannend, dachte ich, vor knapp hundert Jahren waren wir also schon mal soweit

Aber bevor ich diesen Gedanken weiter vertiefe, schauen wir uns erst mal an, wie es mit der Siedlungsgenossenschaft St. Joseph weiterging. Die Gründung dieser Genossenschaft, deren Ziel die Errichtung einer katholischen Arbeitersiedlung in Tegel war, wurde wesentlich durch den umtriebigen Arbeiter- und Großstadtseelsorger Carl Sonnenschein (1876-1929) angeschoben, über den Kurt Tucholsky schrieb, er sei "für die ganz Feinen eine etwas suspekte Erscheinung, ein Zigeuner der Wohltätigkeit" gewesen. Zum Konzept der St.-Josephs-Siedlung, die ab 1922 ganz in der Nähe der bereits 1895 gegründeten, sozialdemokratisch orientierten Genossenschaftssiedlung Freie Scholle entstand, gehörte es nicht nur, eine homogen katholische Nachbarschaft zu schaffen; angestrebt wurde daneben auch, für gesündere und familienfreundlichere Wohnverhältnisse zu sorgen, als die großstädtischen Mietskasernen sie boten. Der Zuschnitt der Grundstücke sollte den Familien einen landwirtschaftlichen Nebenerwerb (und damit auch eine gewisse Absicherung gegen Arbeitslosigkeit) ermöglichen. 

1927 erwarb der Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlin von der Siedlergemeinschaft ein Grundstück zum Bau einer Kirche; da sich der geplante Bau jedoch im Zuge der Weltwirtschaftskrise verzögerte, wurde 1931 zunächst eine Notkapelle in einer ehemaligen Tischlerwerkstatt eingerichtet. 1932 erfolgte dann der erste Spatenstich zum Bau der Kirche St. Joseph, die am 19.02.1933 geweiht wurde. 


Ab 1928/29 war übrigens, ebenfalls auf Initiative Carl Sonnenscheins, im Süden Berlins, im Stadtteil Marienfelde, eine weitere katholische Wohnsiedlung namens "Mariengarten" entstanden, in deren Nähe 1931/32 das Redemptoristenkloster St. Alfons gegründet wurde. Bereits seit 1905 gab es in Marienfelde ein Kloster der Schwestern vom Guten Hirten. Auch in der St.-Josephs-Siedlung in Tegel hatte es um 1923 Bestrebungen zur Zusammenarbeit mit einer Ordensgemeinschaft - hier den Salesianern - gegeben, um die religiöse Betreuung der Siedler sicherzustellen; diese Pläne konnten damals jedoch nicht verwirklicht werden.


Fassen wir bis hierher mal zusammen: Unter dem Eindruck eines der Kirche und dem Glauben zunehmend feindlich gegenüberstehenden gesellschaftlichen und politischen Klimas setzte die katholische Siedlungsbewegung auf den Zusammenschluss von Gläubigen zu lokalen Gemeinschaften mit in Eigeninitiative geschaffener Infrastruktur, mit Elementen von auf Selbstversorgung ausgerichteter Landwirtschaft sowie, soweit möglich, in engem Kontakt zu Ordensgemeinschaften bzw. Klöstern. Ich würd mal sagen: wenn das nicht nach "Benedict Option" avant la lettre klingt, dann weiß ich auch nicht! 


Nun wäre natürlich zu fragen, was man aus der Geschichte dieser Siedlungsprojekte für die Gegenwart und Zukunft lernen kann. Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, fehlen mir freilich einerseits historische Detailinformationen über die damaligen Siedlungen und andererseits wohl auch gegenwartsbezogene Sach- und Fachkenntnisse. Aber ein paar Gedankensplitter will ich trotzdem mal festhalten. Vielleicht kann ja der Eine oder Andere etwas damit anfangen. 


  • In St. Joseph wurde mir erzählt, dass die Siedlung schon nach einer Generation keine rein katholische Wohngegend mehr war. Über die Gründe hierfür ließe sich sicher Mancherlei sagen. Ich würde spekulieren, dass sich da einerseits die dramatischen Umwälzungen in der Bevölkerungsstruktur ausgewirkt haben, die zuerst durch den Krieg und dann durch Flucht und Vertreibung verursacht wurden; vielleicht noch mehr aber ein "kirchenpolitischer" Paradigmenwechsel in der Nachkriegszeit, weg von konfessioneller Abgrenzung und hin zur Ökumene. Als noch wesentlicher würde ich aber annehmen, dass die Notwendigkeit der Gründung oder Erhaltung von "Kolonien" für die Gläubigen in der Nachkriegszeit nicht mehr (oder nicht mehr so sehr) gesehen wurde - was wiederum einerseits damit zu tun gehabt haben mag, dass die Kirche(n) - jedenfalls im Westen - wieder mehr in die "Mitte der Gesellschaft" rückte(n), andererseits aber auch mit einem allgemeinen Rückgang der religiösen Bindung in der Bevölkerung. Man könnte nun weidlich darüber spekulieren, ob und wie diese beiden Aspekte womöglich miteinander zusammenhängen, aber das wurde an dieser Stelle zu weit führen. -- Heute strahlt die katholische Gemeinde von St. Joseph (bis 2004 eine eigenständige Pfarrei, dann zusammengelegt mit Herz Jesu Alt-Tegel und St. Marien Heiligensee) immer noch ein spezifisches Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl aus - das war jedenfalls mein Eindruck -, aber als "Hotspot" einer katholischen "Gegenkultur" würde ich sie nun nicht unbedingt bezeichnen. 
  • Die Schaffung zusammenhängender Wohngebiete für eine bestimmte Klientel dürfte unter den heutigen Bedingungen des Wohnungsmarktes zumindest im urbanen Raum kaum mehr möglich sein (oder wenn doch, dann nur mit sehr, SEHR viel Geld); im dünn besiedelten ländlichen Raum wäre dies naturgemäß erheblich einfacher, aber das wäre dann ein wesentlich anderes Konzept. 
  • Trotzdem auch dazu noch ein Hinweis: Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang das, wie mir scheint, wenig bekannte Faktum, dass das Niedersächsische Schulgesetz die Konfessionsschule als Regelschule vorsieht. Also, theoretisch. Praktisch heißt das: Wenn über 50% der Eltern an einem Schulstandort wollen, dass eine Konfessionsschule eingerichtet wird, dann muss das gemacht werden. Das hat doch Potential, oder? 
  • Zurück zum urbanen Raum: Nicht nur angesichts der oben angesprochenen Situation auf dem Wohnungsmarkt, sondern auch angesichts des Umstands, dass einem die Leute, die Interesse an "gegenkulturellen" christlichen Graswurzelprojekten haben, wohl nicht gerade die Tür einrennen, muss man hier vielleicht grundsätzlich in kleineren Einheiten denken, also etwa auf der Basis einzelner Häuser statt ganzer Wohnsiedlungen. 
  • Hier greift nun natürlich wieder mein gar-nicht-mal-so-heimlicher Denkansatz "von der linken Szene lernen heißt siegen lernen" - und der hat ja offenbar Tradition: Vor der St.-Josephs-Siedlung, ich erwähnte es bereits, gab es ganz in der Nähe schon die Freie Scholle. Denkt man heute an "christliche Wohnprojekte im urbanen Raum", kann es sicher nicht schaden, sich mal anzusehen, was beispielsweise die "Recht auf Stadt"-Bewegung so zu sagen hat. 
  • Nicht vergessen sollte man auch, dass Kirchengemeinden oft über beträchtlichen Immobilienbesitz verfügen. Wo sie als Vermieter von Wohnungen fungieren, da dient dies zwar nicht selten der Querfinanzierung anderer Tätigkeitsbereiche der Pfarrei, weshalb Kirchengemeinden als Vermieter nicht unbedingt weniger gewinnorientiert agieren als andere Vermieter auch; andererseits kann man davon ausgehen, dass es eine ganze Reihe kirchlicher "Funktionsimmobilien" (Pfarrhäuser, Pfarrbüros, Gemeindezentren etc.) gibt, die im Zuge der Bildung von Großpfarreien bzw. "Pastoralen Räumen" ihre bisherige Funktion verlieren werden oder schon verloren haben. Ich mein ja nur. 
  • Nicht zuletzt greift das Prinzip "von der linken Szene lernen" auch im Bereich der Lebensmittel-(Teil-)Selbstversorgung im urbanen Raum. Ich werfe da einfach mal die Stichworte Foodsharing/Foodsaving und Urban Gardening in den Raum. Gerade für Letzteres ist übrigens auch wieder der erhebliche Grundstücksbesitz der Kirche ziemlich interessant.
So, jetzt habe ich ziemlich viel aus meiner unaufgeräumten Gedankenschublade geplaudert. Toll, wozu der Besuch beim Patronatsfest einer kleinen Kirchengemeinde einen anregen kann. Ich lade meine Leser gern ein, die hier aufgeworfenen Ideenfragmente selbständig weiterzudenken. Ich selbst tue das auch. 



Mittwoch, 17. Mai 2017

Das Ausland beneidet uns um Wörter wie "Organisationsentwicklungsprozess"

Unlängst wies mich Franz, mein Gastgeber während der MEHR-Konferenz, auf einen Artikel hin, der auf dem Blog feinschwarz.net erschienen war: "Der dritte Raum. Chancen und Risiken kirchlicher Organisationsentwicklungsprozesse", verfasst von Rainer Bucher, Professor für Pastoraltheologie in Graz. Es kam mir gleich so vor, als hätte ich diesen Herrn vor längerer Zeit schon mal am Wickel gehabt, und bei einer Stichwortsuche in meinem Blog-Archiv fand sich's auch. Aber das wollte ich nur am Rande angemerkt haben. 

Was also schreibt Prof. Bucher denn nun in diesem Artikel? - Erst einmal muss ich gestehen, dass ich Mühe hatte, den Text zu lesen, da das sperrige Vokabular und überhaupt die ganze verschrobene Ausdrucksweise mich nervten. Zwischenzeitlich neigte ich zu der Annahme, die ganze Fragestellung des Artikels sei von vornherein verfehlt. Aber rückblickend bin ich doch ganz froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben, denn im Schlussteil gewinnt der Text dann doch ganz erheblich. Und Stoff zur Auseinandersetzung bietet er allemal. 

Fangen wir aber trotzdem mal vorne an. Bei der Überschrift "Der dritte Raum" musste ich unwillkürlich an eine alte Fernsehwerbung für die Playstation 2 denken, deren Slogan lautete: "Playstation 2 - The third place". Habe ich nie verstanden, was das sollte. Aber jetzt verstehe ich es - dank einer Fußnote in Prof. Buchers Text. Der "dritte Raum", so erfährt man da, ist "in der Raumsoziologie nach Henri Lefebvre als espace vécu jene Wechselwirkung, die sich zwischen dem espace perçu als dem physisch-erfahrenen Raum und dem (mental) konzipierten espace conçu als (sozial) gelebter Raum ergibt." Alles klar? Wenn man mal davon ausgeht, dass die Begriffe "dritter Raum" und "dritter Ort" mehr oder weniger austauschbar sind, dann generiert laut der Firma Sony (bzw. einer von ihr beauftragten Werbeagentur) die Playstation 2 einen solchen sozialen Raum, und einen ebensolchen soll laut Prof. Bucher auch die Kirche eröffnen. Oder? - "Der Begriff 'Dritter Raum' hier ist bescheidener verwendet", versichert er - "wenn er auch in seiner dynamischen Unverfügbarkeit wie Unvermeidlichkeit Bezüge zur raumsoziologischen Begrifflichkeit aufweist." Na immerhin. 

Zugegeben, ich mache mich hier ein bisschen lustig über diesen Wortbombast, aber es ist schon ganz gut und richtig, dass Prof. Bucher uns daran erinnert, wie sehr die Pastoraltheologie soziologisch orientiert ist und sich mit dem Vokabular der Soziologie tendenziell auch deren Denkmuster zu eigen macht. Dieser Umstand beschreibt nämlich im Wesentlichen bereits das Problem, das ich mit Teilen dieses Essays habe - aber das ist ein Problem, dem man sich stellen muss. 

Das geht gleich damit los, dass Prof. Bucher in einer Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Krise der Kirche nicht nur feststellt, dass "die Pfarrgemeinden seit 1950 über 70 Prozent an Reichweite [!]" verloren hätten, sondern darüber hinaus anmerkt, dass "der Rückgang der Taufquoten langfristig die institutionelle Stabilität der Kirche" gefährde. An dieser Stelle frage ich mich bereits: Ist DAS wirklich das Problem? Wenn es nur um die "institutionelle Stabilität" ginge, könnte man dann nicht vielleicht annehmen, dass ein gewisser Schrumpfungsprozess für diese sogar heilsam und gesund sein könnte? Wird diese Stabilität nicht weit eher - wie Martin Recke unlängst auf Commentarium Catholicum darlegte - durch die Vielzahl weitgehend inaktiver Mitglieder gefährdet, die gewisse Vollzüge der Kirche dennoch als "Dienstleistung" in Anspruch nehmen? (Diesen Aspekt spricht Prof. Bucher freilich auch an, indem er anmerkt, dass "die Sakramente nur noch selektiv und mit oft sehr eigenwilligen Sinnzuschreibungen genutzt" werden - wobei die Vokabel "genutzt" an sich schon einigermaßen verräterisch ist.) Glaubt man hingegen an die Heilsnotwendigkeit des Taufsakraments, dann ist der Rückgang der Taufquoten tatsächlich ein schwerwiegendes Problem - aber auch dann nicht in erster Linie für die Kirche, sondern gerade für die, die ihr nicht angehören. 

Weiter heißt es: 
"Unübersehbar ist auch, dass sich eine Vielzahl von (Lebenstil-)Milieus unserer Gesellschaft kaum mehr in kirchlichen Räumen (wieder-)finden. Offenkundig kann die organisierte Kirche die Vielfalt heutigen Lebens nicht mehr adäquat abbilden." 
Hm. Stimmt wohl, aber: Ist bzw. wäre das die Aufgabe der Kirche? - Das kommt wohl darauf an, wie man diesen Satz konkret versteht. Die Dominanz bestimmter sozialer Milieus im kirchlichen Raum - bei weitgehender Abwesenheit aller anderen - ist durchaus ein Problem, zumal der Auftrag Jesu an Seine Kirche in diesem Punkt eindeutig ist: "Macht ALLE Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,19). Gleichwohl erweckt die Formulierung "die Vielfalt des heutigen Lebens [...] abbilden" bei mir intuitiv den Verdacht, hier liege die (möglicherweise recht "volkskirchentypische") Vorstellung vor, man könne die Menschen zu Jüngern Jesu machen und sie aber gleichzeitig so lassen, wie sie sind. KANN man das? (Darauf komme ich noch zurück.) 

Prof. Buchers Evaluation des krisenhaften Ist-Zustands der Kirche gipfelt in einem Zitat aus einem Essay von Valentin Dessoy, "Nur Mut. Vom Pfad abweichen und den Systemwechsel vorbereiten. Wie Kirchenentwicklung in Gang kommen kann", der zuerst in einem Themenheft der Hauptabteilung Seelsorge des Bistums Würzburg mit dem super-modernen Reihentitel "heute.glauben.leben" (Mai 2015) veröffentlicht wurde: 
"Alle Energie geht in die 'Produktion', in überkommene Standards für ein Publikum, das in zehn Jahren nicht mehr sein wird."
Nun sagen mir allerdings erfahrene Seelsorger: Dass es dieses "Publikum" in absehbarer Zeit nicht mehr geben würde, hat man vor 30 Jahren auch schon gedacht, und bis jetzt hat sich diese Einschätzung nicht bestätigt. Aber weiter:
"Das geschieht zu allem Überfluss in einer überdimensionierten und dazu kaum noch anschlussfähigen 'Vertriebsstruktur', deren Aufrechterhaltung den größten Teil der Ressourcen in Anspruch nimmt." 
Nun ist das mit dem Verheizen von Ressourcen durchaus so eine Sache. Auch dazu hat Martin Recke in seinem oben bereits angesprochenen "Kulturkatholizismus"-Essay einiges zu sagen. Indessen ist Valentin Dessoys BWL-Vokabular natürlich ganz schauderhaft. Was ist das überhaupt für einer? Ach so, er ist Gesprächspsychotherapeut, Fami­lientherapeut, Trainer, Supervisor, Coach und Organisationsberater. Na dann. 

An diesem Punkt hätte ich also, wie schon angedeutet, fast schon aufgegeben, aber dann sagte ich mir "Irgendeinen Grund wird es schon gehabt haben, dass der Franz mir den Link geschickt hat", und las weiter. Und etwas später wurde es dann auch tatsächlich ganz interessant. 
"Freilich: Religiöse Organisationen organisieren das Unorganisierbare: persönliche Frömmigkeit, rituelle Praktiken, Erfahrungen von Umkehr und Gnade, individuelle Nächstenliebe. Sie organisieren also Räume, damit in ihnen geschieht, was nicht organisierbar ist, für das es aber diese Organisation braucht und gibt. Neben dem ebenso berechtigten, wie relativ leicht zu realisierenden Ziel der effizienteren Ressourcenverwendung kann das zentrale Ziel kirchlicher Organisationsentwicklungsprozesse also nur sein, die Chance zu erhöhen, dass in den Räumen der kirchlichen Organisation(en) persönliche Frömmigkeit, rituelle Praktiken, Erfahrungen von Umkehr, Gnade und Nächstenliebe möglich werden. Kirchliche Organisationsentwicklungsprozesse können das 'Eigentliche' nie direkt erreichen und bewirken, wohl aber die Organisation so umbauen, dass sich die Chance erhöht, dass das 'Eigentliche'geschieht."
Auch hier wieder viel Fachchinesisch, aber immerhin: Dass hier mal ein Pastoralstratege den geistlichen "Zweck" kirchlicher Organisationsformen so explizit in den Blick nimmt und konkret benennt, anstatt den kirchlichen "Apparat" lediglich unter funktionalen Gesichtspunkten zu betrachten und damit mehr oder weniger implizit zum Selbstzweck zu erheben, lässt schon mal hoffen. 

Gleich darauf ist die Hoffnung aber größtenteils schon wieder z'nicht', wenn es heißt: 
"Und wie verbessern wir die Chance, dass dieses Eigentliche sich ereignet? In postmodernen, also fluiden und unübersichtlichen Zeiten ist dies notwendig nur in einem trial and error-Verfahren möglich." 
Hach, was sind wir postmodern und fluid. Gähn. P.S.: Tömtitöm, die Küche brennt. - Postmodern und fluid geht es auch weiter, wenn Prof. Bucher von den "HörerInnen der Botschaft" schreibt. So richtig gender-p.c.-mäßig up to date ist das große Binnen-I zwar nicht, weil heteronormativ (richtig müsste es "Hörer*innen" heißen, wenn nicht gar "Hörx"), aber die schlechte Absicht zählt. Doch zurück zum Inhalt: Welche Rolle spielen denn nun die Hörx der Botschaft? Eine "doppelte": 
"Sie sind Adressaten und Adressatinnen [Rainer!!!] der Botschaft, aber auch ein wesentlicher Teil ihres Inhalts."
Der Rest des Absatzes ist dann aber wieder interessant und bedenkenswert: 
"Denn die christliche Rede vom gnädigen Gott, der unsere Erlösung will, spricht nicht von einem radikal transzendenten Gott ohne Nähe zu uns, sondern sie redet vom befreienden Gott der konkreten Menschen heute. Die Kirche kann nicht 'ihren' Gott an jenen Menschen vorbei verkünden, an die sie sich wendet. Denn dieser Gott hat sich schon an jene Menschen gewandt, bevor die Kirche es tut. Seine Kommunikation mit ihnen ist früher als ihre." 
Diese Feststellung ist ohne Zweifel ebenso richtig wie wichtig, und es kann gewiss nicht schaden, darüber mal eine Weile zu meditieren. Welche Schlussfolgerung zieht aber nun der Verfasser daraus?  

Symbolbild; Bildquelle hier.

"Ein wesentliches Ziel eines kirchlichen OE-Prozesses heute muss also sein, drohende Exkulturationsprozesse der Kirche zu stoppen." 
-- MUSS es das? Da ich gerade bis über beide Ohren in der Lektüre von Rod Drehers "The Benedict Option" stecke, regt sich bei mir an dieser Stelle prompt Widerspruch: Nö, ganz im Gegenteil! Exkulturation jetzt! -- Ich weiß, das ist eine überraschende und durchaus auch provozierende Forderung. Bei genauerer Betrachtung ist es aber auch eigentlich gar keine Forderung, sondern lediglich die Einsicht in eine Notwendigkeit. Die Exkulturation des Christlichen ist in unserer Gesellschaft schließlich längst in vollem Gange; das hat die Kirche natürlich nicht so gewollt, aber sie hat es offensichtlich auch nicht verhindern können, und nun muss sie damit leben. Weiter oben schreibt Prof. Bucher: 
"Die typisch kirchliche Trias von exklusiver Mitglied­schaft, lebenslanger Gefolgschaft und umfassender religiöser Biografiemacht schwindet unwiederbringlich dahin." 
Das wirft nun natürlich auch wieder Fragen auf. Ist das so? Oder umgekehrt gefragt: Wenn sie "unwiederbringlich dahinschwindet", scheint das ja zu implizieren, dass es sie zu irgendeinem Zeitpunkt der Vergangenheit mal gegeben hat. Wann soll das gewesen sein? Und wenn dieser angebliche frühere Zustand sich nun einmal nicht wiederherstellen lässt - was folgt dann daraus für die Praxis? 
"Eine Organisation, die auf diese völlig neue Situation nicht reagiert, wird marginalisiert werden und irgendwann in der Bedeutungslosigkeit versinken." 
Weitere Fragen erheben ihr Haupt: Welche Situation ist inwiefern "völlig neu"? Davon abgesehen ist es natürlich eine Binsenweisheit, dass man auf eine neue Situation irgendwie reagieren muss. Das Wie dieser Reaktion ist hier doch wohl die entscheidende Frage. Und da scheint mir die Angst vor "Marginalisierung" und "Bedeutungslosigkeit" ein ausgesprochen schlechter Ratgeber, gerade vor dem Hintergrund der Zusage Jesu, die Pforten der Hölle würden die Kirche nicht überwinden (Mt 16,18). Diese Zusage gilt, solange die Kirche daran festhält, Kirche Jesu Christi zu sein. Ist sie das nicht mehr, ist sie überhaupt nichts mehr - oder allenfalls noch ein mehr oder weniger schlecht organisierter Dienstleistungsanbieter auf dem Markt für Weltanschauung und Lebenshilfe, den als solchen aber im Grunde kaum noch jemand braucht - und umso weniger braucht, je weniger sein "Angebot" sich von anderen auf diesem Markt unterscheidet. Hier kommt das sogenannte "Identität-Relevanz-Dilemma" an seinen thermodynamischen Nullpunkt: Man kann vielleicht auf kurze Sicht scheinbar gut damit fahren, im Interesse größerer gesellschaftlicher Relevanz die Betonung dessen zurückzunehmen, was die eigene Identität ausmacht; aber wenn überhaupt keine Identität mehr erkennbar ist, ist es mit der Relevanz auch vorbei. 

Als Heilmittel gegen diesen schleichenden Identitätsverlust durch Assimilation an den zunehmend antichristlichen gesellschaftlichen Mainstream empfiehlt Rod Dreher in The Benedict Option gerade die entschlossene Exkulturation - den "strategischen Rückzug" in entschieden christliche Gemeinschaften in Form lokaler Basisgruppen, in denen der Glaube intensiv gelebt wird. Das ist natürlich die denkbar radikalste Antithese zu gängigen pastoraltheologischen Konzepten, und die Einwände dagegen kann man sich unschwer ausmalen. Der aus meiner Sicht gewichtigste wäre die Frage, ob eine solche "Wagenburg"- oder "Ghetto-Strategie" nicht im Widerspruch zum oben bereits angesprochen Missionsauftrag Jesu stehe - also dazu, alle Menschen zu Jüngern zu machen. Dreher selbst sieht hier jedoch keinen Widerspruch - im Gegenteil: Gerade dann, und nur dann, wenn die Kirche sich den herrschenden gesellschaftlichen bzw. kulturellen Trends gegenüber als DAS GANZ ANDERE darstelle, könne sie auch andere Menschen von ihrer Sendung überzeugen bzw. für diese gewinnen. Und zwar nicht einfach der Kontrastwirkung wegen, sondern weil das nun mal ihre Sendung ist
"Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben", stellt Dreher klar. "Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellem 'Training' - ebenso wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben." 
-- Doch zurück zu Rainer Bucher: Kirchliche Organisationsentwicklungsprozesse, so meint er, könnten u.a. auch dazu dienen, "zu verhindern, dass eigene Sehnsüchte zur Basis kirchlicher Zukunftsgestaltung werden". Wenn ich das lese, denke ich an Grusel-Visionen einer "Kirche der Zukunft", wie sie der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer vor gut zwei Jahren vorgelegt hat; Prof. Bucher hingegen hat an dieser Stelle einen Link zu einem von ihm verfassten Artikel hinterlegt, der als Antwort auf die Aufsehen erregendene (und besonders in konservativen Kreisen gefeierte) Streitschrift "Kurskorrektur?!" des Münsteraner Ex-Pfarrers Thomas Frings gedacht ist und davor warnt, in "Idyllen" zu "flüchten". Den Artikel habe ich allerdings nicht gelesen, das wollte ich meinen Nerven nicht antun. Die Warnung vor der Flucht in die Idylle taucht in Buchers Text auch noch an anderer Stelle auf - nämlich in Form der Warnung, kirchliche OE-Prozesse müssten notwendig 
"scheitern [...], wenn sie auf die Wiederherstellung einer problemärmeren Vergangenheit ('kirchliche Totalinklusion', Stopp des Nutzungswandels von Religion) durch Aktivierung des verbliebenen Restes hoffen". 
Hier wäre nun die oben bereits aufgeworfene Frage zu wiederholen, was für eine "problemärmere Vergangenheit" er denn meint. Gab es die je? Waren die Probleme "früher" nicht einfach bloß andere? Nun, wenn es eine solche "problemärmere Vergangenheit" einmal gegeben haben sollte, dann kommt die jedenfalls nicht zurück - das sieht auch Rod Dreher so: 
"Mit der Benedikt-Option versuchen wir nicht, siebenhundert Jahre Geschichte zurückzudrehen, als ob das möglich wäre. [...] Wir versuchen lediglich, eine christliche Lebensweise aufzubauen, die als Insel der Heiligkeit und Beständigkeit inmitten des Hochwassers der fluiden [meine Übersetzung - sorry, Rainer!] Moderne steht." 
Das ist nun freilich ziemlich genau das, was Prof. Bucher als "Aktivierung des verbliebenen Rests" bezeichnet - und ablehnt. Er würde es wohl auch als "Flucht" bezeichnen, und vielleicht würde Dreher da gar nicht widersprechen; aber mit Idylle hat es nichts zu tun - sondern vielmehr mit harter Arbeit. Was allerdings vermutlich für viele (oder alle) vermeintlichen Idyllen gilt. 

Auf den Punkt mit dem "Nutzungswandel von Religion" gehe ich lieber nicht näher ein; hier verrät einmal mehr die Sprache sich selbst. Aber Prof. Bucher nennt noch weitere Kriterien für das "Scheitern" kirchlicher OE-Prozesse, bei denen ich ihm durchaus zustimmen kann: Scheitern, so meint er, müssten diese Prozesse auch, "wenn sie sich auf effizientere Ressourcenverwendung beschränken" oder "wenn sie das Volk Gottes nur als externe 'Adressaten' behandeln und nicht als jene Personen, aus denen die Kirche selber besteht".

Erst im vorletzten Absatz kommt Prof. Bucher dann auf den im Titel angesprochenen "dritten Raum" zu sprechen, "der sich erst jenseits der zunehmend ausgezehrten traditionell-kirchlichen wie der schnell technokratisch verengten OE-Kultur zeigt". Okay, das habituelle Eindreschen auf den "traditionell-kirchlichen" Bereich sind wir mittlerweile gewöhnt, Schwamm drüber. Was der Verfasser weiter über den "dritten Raum" sagt, lässt jedenfalls aufhorchen: 
"Theologisch gesehen ist dies der Raum des Heiligen Geistes. Der aber hat mindestens drei verstörende Eigenschaften: Er weht, wo er will, hat daher ein eher gebrochenes Verhältnis zu Institutionen, Grenzen und Regeln, und man erkennt ihn nur an seinen Wirkungen." 
Man mag hier den Eindruck haben, Prof. Bucher vertrete eine Auffassung vom Wirken des Heiligen Geistes, wie sie etwa auch in dem wirklich schlimmen NGL-Klassiker "Wenn der Geist sich regt" von Norbert Weidinger (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik) artikuliert: 
"Wenn der Geist sich regt
Und Feuer legt
Und verbrennen will
Was ihr noch pflegt [...] 
Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche!
Zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche!"
Bitte um Erlaubnis, mal kurz kotzen zu gehen. -- Gleichzeitig kann der kleine Charismatiker in mir mit der Berufung auf das Wirken des Heiligen Geistes aber doch auch eine ganze Menge anfangen. Wobei ich angesichts der Aussage, der Heilige Geist habe "ein eher gebrochenes Verhältnis zu Institutionen, Grenzen und Regeln", gern auf das Schreiben Iuvenescit Ecclesia der Glaubenskongregation verweisen möchte, das sich mit der "Beziehung zwischen hierarchischen und charismatischen Gaben im Leben und der Sendung der Kirche" befasst und in dem es u.a. heißt, 
"dass es in den Schrifttexten keinen Gegensatz zwischen den verschiedenen Charismen gibt, sondern vielmehr eine harmonische Verbundenheit und Komplementarität. Die Gegenüberstellung einer institutionellen Kirche jüdisch-christlicher Prägung und einer charismatischen Kirche paulinischer Art, wie sie von gewissen verkürzenden ekklesiologischen Interpretationen behauptet wurde, findet im Neuen Testament kein Fundament. Weit davon entfernt, die Charismen auf der einen und die Institutionen auf der anderen Seite zu sehen oder einer Kirche 'der Liebe' eine Kirche 'der Institution' gegenüberzustellen, nennt Paulus in einer einzigen Aufzählung Charismen der Leitung und der Liebe [...]. Sowohl er als auch Petrus geben den Charismatikern Anweisungen, wie die Charismen zu gebrauchen sind. Sie nehmen die Charismen wohlwollend an und sind davon überzeugt, dass sie göttlichen Ursprungs sind; sie betrachten sie aber nicht als Gaben, die dazu berechtigen, sich dem Gehorsam gegenüber der kirchlichen Hierarchie zu entziehen, oder das Recht auf einen unabhängigen Dienst gewähren. Paulus ist sich bewusst, dass die ungeordnete Ausübung der Charismen in der christlichen Gemeinschaft Schaden anrichten kann." 
Gleichwohl ist an Buchers Charakterisierung des Wirkens des Heiligen Geistes tendenziell schon was dran, und sich das bewusst zu machen, kann auch durchaus hilfreich sein. Gerade wenn man den Hinweis auf das "eher gebrochene Verhältnis zu Institutionen, Grenzen und Regeln" auf solche Strukturen innerhalb der Kirche bezieht, die gerade nicht "Hierarchie" im eigentlichen Sinne des Wortes, nämlich heilige Ordnung sind - also auf so allerlei Gremien- und Verbandsstrukturen. Solche Strukturen beim Organisationsaufbau mehr oder weniger links liegen zu lassen, dürfte durchaus auch im Sinne der Benedict Option sein - auch wenn Rainer Bucher das wohl eher nicht gemeint hat. 

Abschließend zitiert der Verfasser einen Essay von Maren Lehmann (Leutemangel. Mitgliedschaft und Begegnung als Formen der Kirche, in: Jan Hermelink/Gerhard Wegner [Hrsg.]: Paradoxien kirchlicher Organisation. Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und die aktuelle Reform der evangelischen Kirche, Würzburg 2008): 
"Vielleicht ist … dies der Fehler … so vieler Reformversuche der Kirche als Organisation, dass sie nach zu viel Ordnung und zu viel Regelung suchen, wo es doch darauf ankäme, nach brauchbarer Unordnung oder … nach 'brauchbarer Illegalität' zu suchen." 
Ich weiß zwar nicht, was Frau Lehmann - oder eben Prof. Bucher, indem er sie zitiert - nun genau unter "brauchbarer Illegalität" versteht, aber ich muss zugeben: der Begriff als solcher gefällt mir. Er klingt nach Punk