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Mittwoch, 12. August 2015

"So handgreiflich wie eine Kartoffel" - Vielfalt und Sünde Teil II

Ich weiß schon, man soll nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird. Schon gar nicht, wenn es einem in den Sozialen Netzwerken hingehalten wird. Da käme man aus dem Springen ja gar nicht mehr heraus. Aber als ich heute morgen auf dem Weg zur Arbeit ein Facebook-Posting meines Lieblings-Atheisten B. (der mich übrigens auch schon zu diesem Artikel inspiriert hat) las, in dem es um die vorgestrige Sexualmoral der Katholischen Kirche ging, war ich doch der Meinung, das verdiene eine Antwort von mir. Einerseits, weil ich B. nicht als einen Troll ansehe, den man tunlichst nicht füttern sollte, und andererseits, weil der Beitrag sich auf einen auf kath.net erschienenen Text des Bischofs von Olmütz bzw. Olomouc, Jan Graubner, bezog, den ich ausgesprochen gut fand (und finde). B. schrieb, er habe den Artikel auf der Facebook-Seite von kath.net kommentiert - der Kommentar sei jedoch gelöscht und er von kath.net blockiert worden. "Wahrheit tut halt manchmal weh", resümierte er. 

Letzteres stimmt natürlich. Wahrheit kann weh tun, Wahrheit wird oft nicht gern gehört - diese Erfahrung machte ja schon Jesus Christus selbst, als nach seiner Predigt in der Synagoge von Kafarnaum viele seiner Zuhörer sagten: "Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?" An diesem Tag verlor Jesus einen großen Teil seiner Anhängerschaft; aber eben nicht die ganze. "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens", antwortete Simon Petrus stellvertretend für die Zwölf Apostel auf die Frage Jesu "Wollt auch ihr weggehen?" (vgl. Johannes 6,60-68). Und aus denen, die blieben, ist die Kirche entstanden. Kein Wunder, dass auch sie in ihrer Geschichte immer wieder die Erfahrung gemacht hat, dass die Wahrheiten, die sie verkündet, nicht gern gehört werden. 

Aber Freund B. ging es ja um die Wahrheit, die er der Kirche ins Stammbuch schreiben wollte. Und was für eine Wahrheit war das? - Zunächst einmal die, dass "laut eigener Umfrage nicht einmal die meisten Katholiken mit der katholischen Sexualmoral etwas anfangen können". Okay, wir wissen, welche Umfrage hier gemeint ist, und ich will mich auch gar nicht damit aufhalten, unter Verweis auf die mickrige Beteiligung an der Fragebogenaktion ihren repräsentativen Charakter in Frage zu stellen. Sagen wir ruhig: Die Aussage stimmt. Zumindest auf Deutschland bezogen. Und zumindest auf Deutschland bezogen wundert es mich auch überhaupt nicht, dass das so ist. Wie sollen die Leute damit "etwas anfangen" können, wenn es ihnen nicht vermittelt wird - nicht in der Firmvorbereitung, nicht im schulischen Religionsunterricht und auch nicht in der sonntäglichen Predigt, von der Ehevorbereitung ganz zu schweigen? Und das betrifft ja nicht nur die Sexualmoral, die man, meiner Überzeugung nach, ohnehin nur im größeren Zusammenhang richtig verstehen kann, im Kontext des christlichen Menschenbildes also und in letzter Instanz im schöpfungstheologischen Zusammenhang. Was solche übergeordneten Zusammenhänge angeht, muss ich sagen, dass selbst ich - obwohl ich sehr "kirchennah" aufgewachsen bin und sowohl einen klugen und engagierten Gemeindepfarrer als auch (ab der 9. Klasse, immerhin) einen sehr anspruchsvollen Religionsunterricht hatte - in meiner Jugend nicht besonders viel darüber gelernt habe. Das Meiste, was ich darüber weiß, habe ich mir erst im Erwachsenenalter auf eigene Faust anlesen müssen. 

Wenn Freund B. also meint, wenn schon Katholiken mit der Sexualmoral ihrer Kirche nichts anfangen können, sei das von Nichtkatholiken erst recht nicht zu erwarten, dann ist ihm zuzustimmen. Sagt dieses fehlende Verständnis aber etwas über Richtig oder Falsch dieser Lehre aus? (Achtung: rhetorische Frage!) 

Freund B. zählt sodann einige Beispiele dafür auf, was es im weiten Feld der menschlichen Sexualität so alles gibt, das - "unter viele[m] Andere[n]" - in der Sicht der Katholischen Kirche "[b]ekanntermaßen" Sünde sei. Die Aufzählung ist im Großen und Ganzen korrekt. Die meisten Punkte könnte man dahingehend zusammenfassen, dass nach katholischer Lehre jedweder sexuelle Verkehr außerhalb einer sakramentalen Ehe (die, schockschwerenot, nur zwischen genau einem Mann und genau einer Frau möglich ist und obendrein auch noch lebenslänglich gilt), Sünde ist. Damit aber nicht genaug: Selbst innerhalb einer sakramentalen Ehe ist Sex nicht uneingeschränkt frei von Sünde. Zwei Punkte scheinen mir da besonders hervorhebenswert. 

"Sex 'nur' aus Spa[ß]", stellt B. fest, werde als Sünde angesehen - und spekuliert sich dafür die Begründung zurecht, Spaß sei "per se verdächtig und sündhaft". Na ja. Zu letzterer Auffassung - auch, aber nicht nur in Bezug auf Sex - habe ich mich hier schon einmal geäußert, und ich glaube, auch ohne religiösen Hintergrund könnte man zu der Auffassung gelangen, etwas nur (!) aus Spaß zu betreiben verrate nicht gerade große Wertschätzung für die betreffende Sache. Man könnte finden, dadurch werde etwas Großes und Schönes, wie Sexualität es unstreitig ist, banalisiert und trivialisiert, und obendrein bedinge eine rein spaßorientierte Sexualität eine egoistische Instrumentalisierung des Partners. Dass man demgegenüber in der scheinbar so restriktiven katholischen Sexualmoral gerade eine ausgesprochene Hochschätzung der Sexualität erkennen kann, wird in einem Text von Johannes Hartl sehr schön dargelegt, und nicht weniger schön, in englischer Sprache, in einem Blogartikel von Pascal-Emmanuel Gobry. Wem das noch nicht ausführlich genug ist, der kann sich ja mal in die "Theologie des Leibes" des Hl. Johannes Paul II. vertiefen. 

Sodann: 'Verhütung'. Hier hält Freund B. sich gar nicht erst bei der Pille auf, sondern kommt direkt zum Kondom. "[K]eine Kondome in Zeiten vin STI wie z.B. HIV sind ne total intelligente Idee". Also, lieber Freund, jetzt enttäuschst du mich aber. So rein intellektuell. Greift man die kirchliche  Missbilligung des Kondomgebrauchs aus dem Gesamtkontext der katholischen Sexualmoral heraus und betrachtet sie als isoliertes Faktum, dann scheint an der Kritik was dran zu sein; aber auch nur dann. Ansonsten müsste es nämlich auffallen, dass die von der katholischen Sexualmoral propagierte Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe und Treue in der Ehe wesentlich verlässlicheren Schutz vor sexuell übertragenen Infektionen bietet, als ein Kondom das könnte. Die oft zu hörende oder zu lesende, dadurch aber nicht richtiger oder stichhaltiger werdende Kritik am Kondom"verbot" der Kirche (siehe auch hier) unterstellt also im Grunde, Katholiken würden sich zwar um die Lehre ihrer Kirche in Sachen Enthaltsamkeit und Treue nicht scheren, würden aber, während sie sich fröhlich durch die Weltgeschichte vögeln, den Gebrauch von Kondomen verschmähen, weil das ja "verboten" sei. Im Einzelfall mag so etwas ja vorkommen, und das wäre dann wirklich keine besonders "intelligente Idee"; aber das wäre dann nicht das Ergebnis von zuviel, sondern zu wenig Gehorsam gegenüber der Lehre der Kirche. 

Daher ist auch die Anregung, "man könnte ja mal hochrechnen[,] wie viele AIDS zum Opfer gefallen sind, weil sie aus religiösen Gründen auf Kondome verzichteten", argumentativ unsauber und wird auch den Fakten nicht gerecht. Schaut man mal nach Afrika, kann man nämlich feststellen, dass die HIV-Neuinfektionsraten gerade da rückläufig sind, wo es prozentual besonders viele Katholiken gibt und wo kirchliche Hilfswerke die Menschen dazu anhalten, zur AIDS-Prävention auf Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe und Treue in der Ehe zu setzen. Wo es kaum Katholiken gibt, die Katholische Kirche mithin keinen nennenswerten Einfluss hat und AIDS-Prävention im Wesentlichen durch das Verteilen von Kondomen betrieben wird, sieht es sehr viel schlechter aus. 

Aber letztendlich sind das alles nur Details; ein viel grundlegenderes Problem scheint mir der Umgang mit dem Begriff der Sünde zu sein. Auch dazu habe ich unlängst schon etwas geschrieben, aber wohl noch nicht in  hinreichend erschöpfendem Ausmaß. Vermutlich werde ich auch hier wieder nur ein paar Schlaglichter setzen können, aber irgendwann folgt dann vielleicht auch noch ein Artikel 'Vielfalt und Sünde Teil III'. - Zur Sache: Diskussionsbeiträge wie der meines Freundes B. vermitteln mir oft das Gefühl, es werde als anmaßend empfunden, dass die Kirche überhaupt von 'Sünde' spricht - und insbesondere dann, wenn es sich um Dinge handelt, die nach allgemein verbreiteter Meinung der "Privatsphäre" angehören und "niemanden etwas angehen". Dahinter scheint die Auffassung zu stehen, mit ihrem Beharren darauf, dieses oder jenes Tun sei Sünde, gehe es der Kirche darum, Menschen, die nicht nach bestimmten Moralvorstellungen leben, öffentlich zu verdammen. Allerdings geht die kirchliche Lehre davon aus, dass prinzipiell jeder Mensch ein Sünder sei - ja sogar, dass er tagtäglich sündige, was man z.B. daran erkennen kann, dass das Allgemeine Schuldbekenntnis mitsamt Vergebungsbitte fester Bestandteil des kirchlichen Abend- bzw. Nachtgebets, der Komplet, ist.

Nun kann man natürlich fragen: Warum muss das denn so sein, dass jeder Mensch immer und immer wieder sündigt, ja allem Anschein nach gar nicht anders kann, als zu sündigen? - Die katholische Antwort darauf lautet: Das ist die Folge der Erbsünde. Nun ist das natürlich auch wieder eine Lehre, die vielfach bestritten wird, selbst unter Christen. Der große G.K. Chesterton schrieb 1908 in 'Orthodoxie': "Gewisse Theologen von heute bestreiten die Erbsünde, das einzige Stück der christlichen Theologie, das wirklich beweisbar ist." Mit "beweisbar" meinte Chesterton offenkundig, die Erbsünde sei empirisch evident: Man müsse sich nur mal all das Böse ansehen, zu dem der Mensch fähig sei. An dieser Stelle mag der Einwand nahe liegen, man könnte das Böse ja auch einfach als in der Natur des Menschen liegend annehmen, ohne diese Tatsache moralisch zu bewerten. Der offenkundige Pferdefuß an dieser Argumentation: Das Böse als böse zu erkennen und zu benennen, ist bereits eine moralische Wertung. Ebendies, dass der Mensch das Böse als böse erkennt und es trotzdem tut, führt Chesterton zu der Aussage, die Sünde sei "ein Faktum, das so handgreiflich ist wie eine Kartoffel". -- Erbsünde bedeutet, dass Sünden nicht nur einzelne Handlungen sind, sondern dass Sünde ein Zustand ist - ja, sie ist geradezu conditio humana. Man könnte finden, das dies ein sehr düsteres, ja trostloses Menschenbild sei - und das wäre es wohl auch, wenn es nicht die Vergebung der Sünden gäbe. Gerade diese ist aber ein zentrales Element des christlichen Glaubens; dies wird auch in dem Text von Bischof Graubner, auf den B. sich bezog, deutlich hervorgehoben. Graubner betont aber zugleich, dass Barmherzigkeit mit dem Sünder zunächst einmal voraussetzt,  dessen Sünden als Sünden zu erkennen und zu benennen. In diesem Sinne kritisiert auch Chesterton die "merkwürdige Vorstellung, dass es leichter sei, Sünden zu vergeben, wenn man davon ausgeht, dass es gar keine Sünden gibt, die vergeben werden müssten". 

Es ist ein höchst bemerkenswerter, auf den zweiten Blick durchaus folgerichtiger Umstand, dass dieselben Menschen, die die Sünde leugnen, häufig auch die Vergebung leugnen. Nicht selten erlebt man es, dass die Beichtpraxis der Katholischen Kirche dafür kritisiert wird, dass sie es den Menschen zu leicht mache, ihre Schuldgefühle loszuwerden. Zweierlei wird daran deutlich. Einerseits zeigt es, dass Menschen, die sich massiv gegen die von der Kirche gelehrte Klassifikation dieser oder jener Verhaltensweise als Sünde (oder überhaupt das christliche Konzept von Sünde) wehren, oftmals die unversöhnlichsten Moralisten sind. Wie so Vieles, was auf -ismus endet, ist Moralismus aber eine korrumpierte Form dessen, was vor der Endung -ismus steht; in diesem Fall also eine korrumpierte Moral. Da der Moralist sich selbst - wer wollte es ihm verdenken - gern als gut ansehen möchte, hat er ein Problem damit, seine eigenen strengen Grundsätze auf sich selbst anzuwenden. Glaubt er nun nicht an eine Instanz, die ihn von seiner Schuld erlösen kann, bleibt ihm nur noch der Ausweg, sich selbst freizusprechen, indem er seine eigenen Fehler und Schwächen herunterspielt, beschönigt oder gar behauptet, es wären gar keine. Dadurch verschieben sich die moralischen Maßstäbe, und sie verschieben sich immer zu Lasten des Anderen. So findet der moderne Moralist beispielsweise nicht promiskuitives Verhalten, sondern gerade die Kritik daran tadelnswert - indem er sie als Intoleranz, Engstirnigkeit, Prüderie o. dergl. brandmarkt.

Noch wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass der Mensch, der nicht daran glaubt, dass ihm vergeben werden könne, sich auch schwer damit tut, Anderen zu vergeben. Vielleicht liegt der Kausalzusammenhang auch darin, dass man Vergebung erst einmal selbst erfahren muss, um sie Anderen gewähren zu können. Das Ergebnis bleibt dasselbe: Wer weder sich selbst noch Anderen vergeben kann, dem bleibt nichts Anderes übrig, als zu leugnen, dass er ein Sünder ist. Gerade durch dieses Leugnen wird er seine Schuld aber nicht los; umso größer ist die Versuchung, sie auf Andere abzuwälzen.

Wer hingegen die Lehre der Kirche über Sünde und Vergebung annimmt - wer also Sünde und Schuld als Realitäten anerkennt, die Vergebung aber auch -, dem sollte es wesentlich leichter fallen, seine Mitmenschen mit allen ihren Fehlern und Schwächen anzunehmen; und, was nicht weniger wichtig ist: sich selber auch. 

Natürlich kommt das in der Praxis nicht immer und überall so schön zur Geltung, wie es sich in der Theorie anhört. Andere zu verurteilen und sich selbst freizusprechen ist etwas, was es auch unter Christen gibt, so sehr die Evangelien auch davor warnen. Und natürlich unterliegen auch Christen der Versuchung, die Zusammengehörigkeit von Sünde und Vergebung - oder, anders ausgedrückt: von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes - aus dem Blick zu verlieren bzw. über die eine Seite der Medaille die andere zu vergessen. Man könnte sagen, ein Christ, der sich von der Last seiner Sünden niedergedrückt fühlt, macht sich der Häresie schuldig, weil er nicht an Gottes Barmherzigkeit glaubt. Aber zu glauben und zu behaupten, es gebe keine Sünde oder diese sei irrelevant, weil ja schon alles vergeben sei, wäre keine geringere Häresie. 


Samstag, 8. August 2015

Gras und Ufer

Eigentlich war es seit Wochen geplant, dass ich an diesem Samstag mit meiner Liebsten erneut zu einem "Straßenfest-Crawl" aufbrechen wollte, mit einem noch umfangreicheren Programm als beim letzten mal und vor allem besser geplant. Leider hatte meine Liebste in der Zwischenzeit einen Fahrradunfall und liegt mit einem Bänderriss flach. Keine Sorge, es geht ihr relativ gut, aber das Bett hüten muss sie vorläufig noch. Nun macht so ein Straßenfest-Crawl alleine natürlich nicht mal halb so viel Spaß, und außerdem war es viel zu heiß für ein anspruchsvolles Tagespensum, das viel "Draußen-Rumlaufen" beinhaltet. Eine Veranstaltung wollte ich mir jedoch - in Hinblick auf den Stoff zum Bloggen, den sie versprach - auf keinen Fall entgehen lassen;wobei man "Stoff" in diesem Fall sogar halbwegs wörtlich verstehen kann. Es handelte sich um die Hanfparade


Diese Demonstration für die Legalisierung von Cannabis "als Rohstoff, Medizin und Genussmittel" begann um 13 Uhr auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs - eine sehr günstige Location, denn da waren sowieso jede Menge Leute. Es dürfte schwer werden, im Nachhinein zu beziffern, wie viele Teilnehmer die Kundgebung tatsächlich hatte - also, wie der Anwesenden tatsächlich zum Demonstrieren da waren und wie viele eher zu den Kategorien "Schaulustige" und "zufällige Passanten" zu zählen waren. Ich selbst war eigentlich nur da, um Fotos zu machen. Die Legalisierung von Cannabis gehört nicht zu den Anliegen, für oder gegen die ich auf die Straße gehen würde. Ich bin da eher leidenschaftslos. 

"Bist du wenigstens dafür, oder kommt das auf so'ne Hetzseite?" - Urteile selbst, lieber Leser! 
Cannabis Sünde sein? 
Pippi Langstrumpf brauchte früher keine Drogen, um die Welt kunterbunt zu sehen.
Morgens ein Joint, und der Tag ist dein Freund. 
Dass, wie man häufig hört, die Suchtgefahr und die sonstigen Gesundheitsrisiken des Konsums von Cannabis als Droge nicht größer, ja eher geringer seien als beim sowohl legalen als auch gesellschaftlich akzeptierten Alkohol, mag durchaus stimmen; ich habe zwar (aufgrund von Beobachtungen in meinem erweiterten Bekanntenkreis wie auch darüber hinaus) zuweilen den Verdacht, dass häufiges Kiffen irgendwie bräsig im Kopf macht (mehr dazu weiter unten), aber Bräsigkeit ist ja kein Verbrechen. Und natürlich gibt es zahlreiche Argumente für eine Legalisierung, die man mehr oder weniger überzeugend finden kann. 

Die Linke betont den Nutzen von Cannabis als Medizin. 
Die Grünen hingegen wollen einfach nur kiffen. 
Für DIE PARTEI gilt wie stets: Humor ist Glückssache. 
Meine besonderen Freunde, die Piraten, spielen mit diesem Plakatmotiv auf eine Razzia in einem Parteibüro in Chemnitz vor ein paar Monaten an. Anlass für die Razzia war der Besitz von Hanfsamen. war aber nur Vogelfutter. Mit Blick auf den letzten Absatz dieses Artikels finde ich allerdings, der Slogan passt auch sonst ganz gut zu den Piraten. 
Kein Foto habe ich von den Jungen Liberalen gemacht, die auch da waren und z.B. ein Plakat mit der Aufschrift "Macht den Dealer arbeitslos" zeigten. Na, wie dem auch sei. Um mehr oder weniger überzeugende Argumente für oder gegen die Legalisierung von Cannabis soll es in diesem Blogbeitrag aber gar nicht in erster Linie gehen (ich bitte daher darum, auch den Kommentarbereich nicht mit solchen Argumenten oder deren Widerlegung vollzuspammen). Ich habe auch den Eindruck, dass es den meisten (oder sagen wir vorsichtiger: vielen) Teilnehmern der Demo ebenfalls nicht um Argumente geht. Schon gar nicht um den therapeutischen Nutzen von Cannabis oder um die vielfältige Verwendbarkeit von Hanf als Nutzpflanze. Sondern einfach darum, unbehelligt ein Tütchen (oder mehrere, oder gleich eine Riesen-Bong) durchziehen zu können. Nun mag das ein verständliches, womöglich sogar (siehe oben) legitimes Anliegen sein - aber ein bisschen peinlich finde ich das schon, sich wer weiß wie rebellisch sex-and-drugs-and-rock'n'rollig zu gebärden und dann 'rumzuheulen, dass das Zeug nicht legal ist. Ich dachte, das ist gerade das Coole daran?! Okay, aber so etwas kennt man aus der autonomen Szene: gegen den Staat sein, aber trotzdem mehr Sozialleistungen fordern. 

(Man könnte natürlich auf die Idee kommen, es sei prima für die Drogenprävention, wenn das Kiffen infolge der Legalisierung den Nimbus des Rebellentums verlöre und uncool würde. Den Stand der CDU/CSU auf der Hanfparade muss ich wohl übersehen haben.) 

Aber auch darum geht es mir nicht in erster Linie. Sondern, man ahnt es bereits: um die eingangs gezeigte Kreuztragungs-Szene. Hier noch einmal aus einer anderen Perspektive: 


Irgendwie hatte ich ja geahnt, dass es dergleichen auf der Hanfparade zu sehen geben würde. Ich hatte durchaus auch damit gerechnet, ein flyerverteilendes Grüppchen mit einem Namen wie "Kiffen für Christus" dort anzutreffen. Bei der oben gezeigten Gruppe kann man zwar davon ausgehen, dass sie die christliche Ikonographie eher zum Zwecke der Provokation aufgreifen - aber man kann nie wissen. Gibt man "Kiffen für Christus" spaßeshalber mal bei Google ein, dann findet man so allerlei. Zum Beispiel eine Diskussion zum Thema "Bibel und Cannabis" im "Jesus-Forum" der Seite bibel.com - mit einer bunten Auswahl verschiedener Meinungen, von denen die meisten in etwa so bekloppt sind, wie man sich das vorstellt. Oder einen Artikel auf n24.de über zwei Evangelikale, die im kalifornischen Sacramento (ausgerechnet!) einen Laden für Cannabis-Produkte betreiben und davon überzeugt sind, damit Gottes Willen zu tun - unter der kongenialen Überschrift "Christlich bekifft: Gläubige betreiben Cannabis-Laden". Besonders präsent ist im Netz jedoch die These eines gewissen Chris Bennet, Jesus Christus habe Wunderheilungen mit Hilfe von Cannabis vollbracht, und in der Folge hätten dann eben auch die frühen Christen fröhlich Cannabis konsumiert. Konkret gesagt hätten sie ein Salböl - nach welchem Christus (= "der Gesalbte") und somit auch die Christen schließlich benannt seien - ein Salböl verwendet, das große Mengen einer Substanz namens Keneh-Bosum enthielt - und dieses Keneh-Bosum, das auch in der "Herstellungslanleitung" für das heilige Salböl in Exodus 30,22-25 erwähnt wird, soll ein Cannabis-Extrakt gewesen sein. Anno 2003 berichteten u.a. der Spiegel und die ZEIT über diese Hypothese, die seither fröhlich durch allerlei Kiffer-Blogs, -Foren und ähnliche Seiten geistert. Einen in seiner - nun ja: Bekifftheit wahrlich exemplarischen Text zu diesem Thema fand ich auf einer Seite, die den Vertrauen erweckenden Namen "Ehrliche Informationen über Haschisch und Marihuana" trägt. Der Text geht schon sehr gut los: 
"Nach meiner Rückkehr aus dem Ashram" - 
Okay, keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Oder doch? 
"stieß ich auf einen Artikel im Spiegel [...]. Jesus und seine Jünger waren alle bekifft? Jesu Gang übers Wasser war nur eine Halluzination? – Wie dem auch sei, ich persönlich glaube daran." 
Damit ist dann ja alles klar, oder? Nein, es kommt noch besser: 
"Es kommt nicht darauf an, was Jesus Christus (oder andere Religionsführer) tatsächlich gemacht haben."
Ach so! 
"Sondern darauf, welche Bedeutung es für ihre Gefolgsleute hatte. Ob die Menschen einen Sinn darin sahen. Eine Erleuchtung. Eine Erlösung. Danach suchen alle spirituellen Menschen – egal ob Christen, Hindus oder Moslems."
Halten wir fest: Was Jesus Christus "tatsächlich gemacht hat", spielt keine Rolle. Was er gelehrt hat, spielt keine Rolle. Ob das, woran jemand glaubt, auf Wahrheit beruht (Was ist Wahrheit? Pilatus wollte es wissen, aber der war vermutlich kein Kiffer, sonst hätte er das lockerer gesehen), spielt keine Rolle. Entscheidend ist nur dieses Gefühl von Erleuchtung. Und das kriegt man mit Drogen anscheinend allemal am besten hin: 
"Kein Wunder, dass in allen Religionen Rauschmittel benutzt wurden und werden. Und oft ist das Marihuana. Es kann die Gläubigen in eine Art Trance-Zustand versetzen, der einem hilft, seine spirituelle Seite auszuleben. Im Ashram haben wir das fast täglich gemacht." 
Es geht doch nichts über die Beweiskraft eigener Erfahrung. Auch wenn es bei dieser Erfahrung um etwas völlig Anderes geht. Man muss nur so tun, als wäre das im Grunde gar nichts Anderes. Geht ja alles irgendwie um Spiritualität - wen kümmern die Details? 
"Warum weiß das heute keiner mehr?
Bei meiner Recherche habe ich einen interessanten Hinweis gefunden: Zur Zeit Martin Luthers war Cannabis oder jegliches andere Rauschmittel verpönt. Luther hat ja als erster die Bibel ins Deutsche übersetzt. In seiner Übertragung kommt kein einziges Mal das Wort 'Hanf' vor." 
Schweinerei! 
"Eins muss ich euch sagen: Ich wäre nie ein ganzes Jahr im Ashram geblieben, wenn es kein Marihuana gegeben hätte. Ich hatte auch meinem Guru nicht ein ganzes Jahr lang zugehört!"
Wäre vielleicht besser gewesen. 
"Schließlich war er ein uralter Mann und hatte Haare in der Nase und in den Ohren. So etwas macht man nur, wenn man berauscht ist…. Ich denke, das Maria Magdalena und die anderen Frauen der Bibel gekifft haben. Wären sie sonst jahrelang mit Jesus durch die Wüste gezogen? Arm und hungernd, mit schlechten Kleidern? Nur [!] weil er Gottes Sohn war? Nein, um einen spirituellen Trance-Zustand zu erreichen, braucht es mehr als einen festen Glauben. Die These, dass Jesus Christus und seine Jünger und Jüngerinnen ständig high waren, ergibt für mich Sinn." 
Na klar, das glaube ich sogar. Frei nach dem Apostel Paulus: Dem Bekifften ist alles bekifft. So viel zur oben angesprochenen Bräsigkeit. Mich beschleicht allerdings zuweilen der Eindruck, so eine erlebnisorientierte "Alles-ist-Eins"-Wellness-Spiritualität, deren inhaltliche Unschärfe aus Sicht ihrer Anhänger kein Mangel, sondern vielmehr ein Vorzug ist, kriegen eine ganze Menge Leute - ob das nun "liberale Christen", Esoterik-Anhänger oder Hobby-Synkretisten sind - auch ganz gut ohne Drogen hin. Da muss man nur mal in einen Familiengottesdienst gehen - oder auf die Facebook-Seite des Bistums Münster. 

Währenddessen, auf dem Alexanderplatz...: 



(P.S.: Ein Facebook-Freund wies mich dankenswerterweise darauf hin, dass hinter dem überdimensionalen kreuzförmigen Joint auch dies hier stecken könnte...) 

Gilt denn das alte Hausverbot noch?

(...und jetzt alle:) 

JAAA, es gilt noch
Es gilt noch 
Es gilt noch 
JAAA...

...wobei ich ehrlich gesagt einräumen muss: Mit absoluter Sicherheit weiß ich gar nicht, ob das Hausverbot im Bandito Rosso, das vor rund zweieinhalb Jahren gegen mich verhängt wurde, weil ich als Abtreibungsgegner (lies: homophober Faschist und Frauenfeind) enttarnt worden war, immer noch Gültigkeit hat. Mein gestriger Versuch, es auf experimentellem Wege herauszufinden, scheiterte nämlich schon im Ansatz. 

Ich hatte es mir so schön ausgedacht: mal wieder zur VoKü gehen, direkt nach der Arbeit, mit ein paar Flyern zum Marsch für das Leben im Gepäck und der Bereitschaft, einer Konfrontation nötigenfalls nicht aus dem Weg zu gehen. Ich war gerüstet, mich darauf zu berufen, dass im Stressfaktor, dem Adressen- und Terminkalender der links-autonomen Szene Berlins, die VoKü neuerdings KüfA, "Küche für Alle", heißt. Man kann sich ja leicht ausmalen, wovon dieser neue Name inspiriert ist - aber ein Teil von Alle bin ich ja schließlich auch, was mir doch wohl das Recht gewähren sollte, auch dort essen zu dürfen. Einmal ganz abgesehen davon, dass, wenn jemand aus der linksradikalen Community sich mal in die Suppenküche einer kirchlichen Einrichtung verirren sollte, man ihm dort sicherlich ohne Ansehung dessen, woran er glaubt oder nicht glaubt, einen Teller Suppe gönnen würde. 

Ich rechnete durchaus mit der Möglichkeit, dass gar nichts passieren würde. Dass allmählich mal Gras über die Sache gewachsen wäre oder dass womöglich Leute Tresen- und Küchendienst hätten, die mich gar nicht kannten und weder wussten noch sich dafür interessierten, was da vor zweieinhalb Jahren vorgefallen war. Das hätte ich dann zwar fast schade gefunden, weil, so dachte ich, dann keine interessante Geschichte für meinen Blog dabei herausgekommen wäre; aber ich sagte mir, in dem Fall könne ich ja - abgesehen davon, dass ich für wenig Geld ein gutes Essen bekommen würde - das dort ausliegende Infomaterial nach Hinweisen auf geplante Störaktionen gegen den Marsch für das Leben durchsuchen und im Gegenzug unauffällig einige der Flyer vom Bundesverband Lebensrecht, die ich dabei hatte, dort deponieren. 

Tatsächlich passierte jedoch, wenn man das so sagen kann, noch mehr nichts als ich vorausgesehen hatte: 

Heute bleibt die Küche kalt...

Das hatte aber nicht im Stressfaktor gestanden! -- Ich war enttäuscht und obendrein hungrig, also erwog ich mögliche Alternativen für die weitere Abendgestaltung. Das Café Morgenrot, ein namhaftes Epizentrum linksradikaler Gesinnungsgastronomie, lag nicht allzu weit entfernt, aber dort einzukehren, hatte ich nicht so richtig Lust. Unter anderem deshalb, weil es ein bisschen zu schick für einen richtigen Antifa-Schuppen aussieht. Eher wie ein richtiges Restaurant. Da kam der anheimelnde Charme der Improvisiertheit und Abgeranztheit erheblich zu kurz. (Dazu passt es übrigens, dass das Morgenrot, anders als man es von linken Kneipen sonst gewohnt ist, nicht besonders billig ist - was das Betreiberkollektiv auf der Website wortreich rechtfertigt. Hübsch ist hingegen, dass es im Morgenrot einen "queer-feministischen Stricktreff" gibt: "nur, weil eine_r strickt, ist er_sie nicht feministisch oder queer, ge­nauso wenig, wie feminist_innen oder queers nicht automatisch stricken können. aber letzterem kann abgeholfen werden." Aber das ist mittwochs.) 

Ich konsultierte also die Online-Ausgabe des Stressfaktors und machte mich kurz entschlossen auf den Weg nach Neukölln, in die Lunte, landete jedoch - wie vor Jahren schon einmal - aufgrund einer Verwechslung im Syndikat, das nur drei Hausnummern von der Lunte entfernt liegt. Ehrlich gesagt dachte ich zunächst sogar, es sei derselbe Laden, der lediglich, vielleicht zur Irreführung Uneingeweihter, zwei verschiedene Namen habe. Wie dem auch sei, schlimm war die Verwechslung nicht, denn auch im Syndikat gab es eine VoKü bzw. KüfA. Der junge Mann hinterm Tresen war ausgesprochen nett; ich bestellte erst einmal eine Mate und fragte dann: "Und wie sieht's mit Essen aus?" Er wies mich auf eine Tafel neben dem Tresen hin, auf dem ein vegetarisches Gericht und eins mit Fleisch zur Auswahl standen. Da Freitag war, entschied ich mich für den "Veggie-Teller 1001 Nacht" für 2,60 € und fragte: "Bezahl' ich das gleich bei dir oder direkt an der Essensausgabe?" - "Nee", erwiderte er lächelnd, "du bezahlst es bei mir, und ich bringe es an deinen Tisch." Letzteres, glaube ich, kann man wohl als relativ VoKü-untypisch bezeichnen. 

Der "Veggie-Teller 1001 Nacht" bestand aus einem Stück Zucchini-Quiche mit verschiedenen Soßen, dazu gab es Fladenbrotecken. Es gab eine Joghurtsoße mit Minze, eine rote Pampe, die ich als Rote-Bete-Püree identifizierte, und, in einem Extra-Glas, eine grüne Pampe, die nach Gurken schmeckte und vielleicht so etwas Ähnliches wie Guacamole sein sollte. Die war nicht so ganz nach meinem Geschmack, aber ansonsten gab's an dem Essen nichts zu meckern. 

Ich hatte mir einen strategisch günstigen Platz in unmittelbarer Nähe der Auslagefläche für das Infomaterial gesucht und stöberte nun angelegentlich in den ausliegenden Broschüren, Heften und Flyern. Eine Menge Infomaterial der Roten Hilfe war dabei, einschließlich Spendenaufrufen; an den Gouverneur von Pennsylvania adressierte Postkarten, die die Freilassung Mumia Abu-Jamals forderten; Werbung für ein Tattoo-Studio; Konzert-Flyer, deren graphisches Element aus Zeichnungen menschlicher Gehirne bestand. Ein nur acht Seiten dünnes Heft im DIN-A-4-Format trug den Titel Recherche-Buch 2015, Unterzeile: "Ein Einblick in die Neonazi-Szene in Pankows Norden". Darin wird dokumentiert, wie die zunächst eher spontanen und schlecht organisierten Anwohnerproteste gegen die Errichtung einer Containersiedlung für Flüchtlinge im Stadtteil Buch weitgehend von  der örtlichen NPD übernommen wurden und in welchem Maße deren Strukturen von militanten, z.T. einschlägig vorbestraften Neonazis geprägt sind. Was an dieser Schrift allerdings nervt, sind die abstrusen Blüten, die das Gender-Sprech hier treibt. So demonstriert etwa die mehrfache Verwendung des Begriffs "Rassist__innen", dass auch Nazis ein Recht auf Respektierung ihrer komplexen Geschlechtsidentität. Die Menschen, für die die Containersiedlung in Buch gebaut wurde, werden gendersensibel als "Geflüchtete" oder "Geflohene" bezeichnet, nur auf der letzten Seite rutscht den Verfassern zweimal das böse Wort "Flüchtlinge" heraus. -- Erheblich umfangreicher - 36 Seiten - war die Zeitschrift Interim - Magazin wider den HERRschenden Zeitgeist. Im Editorial las man: 
"Das Sterben im Mittelmeer geht weiter, rassistische Polizeigewalt in den USA mit toten people of colour [!] die Erpressung Griechenlands durch ein deutsch-dominiertes Europa sowie das Attentat von Suruç und die Rolle der Türkei darin, machen uns wütend!
Wandeln wir unsere Wut in gemeinsamen Widerstand!" 
Wie dies - einmal abgesehen vom Widerstand gegen die deutschen Interpunktionsregeln - aussieht, davon gibt vor allem sie zehn Seiten umfassende Rubrik "Volxsport" Zeugnis: Es handelt sich um eine Sammlung von - anonymen bzw. meist nur mit Formulierunge wie "autonome gruppe" oder "Einige Antifaschist_innen" unterzeichneten - Bekennerschreiben zu diversen Anschlägen oder Sabotageakten, die sich gegen Banken, Behörden, Immobilienfirmen, aber z.B. auch den Textildiscounter KiK richteten. Zumeist geht es um zerbrochene Fensterscheiben oder angezündete Autos.

In gewissem Sinne verhalten sich das Recherche-Buch 2015 und die Interim komplementär zueinander: Während ersteres die Gewalttätigkeit der Neonazis sowie nicht zuletzt deren Methoden der  im Umgang mit ihren politischen Gegnern - Einschüchterung, Sabotage, Blockade, ja sogar (!) das Fotografieren bzw. Filmen der gegnerischen Demonstrationen - anprangert, gibt letztere freimütig zu erkennen, dass die "Antifaschist_innen" sich genau derselben Methoden bedienen. Aber das wäre mal ein Thema für sich.

Eigentlich suchte ich im Infomaterial ja nach Hinweisen auf die Mobilisierung des Widerstands gegen den Marsch für das Leben; und immerhin tendenziell in diese themaitsche Richtung schien mir dieser Flyer zu gehen:

Beten die? 
"Dass aus bestimmten - zugeschriebenen - körperlichen, psychischen und sozialen Merkmalen eine Vereinheitlichung von Individuen zu Geschlechtern folgt, ist kein natürliches, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis", heißt es auf der Rückseite des Flyers, und: "Queer-feministische Theoretiker*innen haben die Kategorien Geschlecht und Sexualität als kulturelles und soziales Herrschaftskonstrukt entlarvt und ihre Notwendigkeit und Unabänderlichkeit infrage gestellt." (-- Und da sagt man religiösen Menschen manchmal nach, sie würden in einer Phantasiewelt leben. --) Der Flyer warb für eine Veranstaltung, die am kommenden Dienstag im, genau, im Bandito Rosso stattfinden soll: einen "Vortrag ds Kulturwissenschaftlers und Queertheoretikers* Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe". 

-- Ich lege Wert darauf, zu betonen, dass ich mir das nicht ausdenke. Dr. Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe ist Dozent an der Freien Universität Berlin. Fair enough, wie der Angloamerikaner sagen würde: Die Humboldt-Uni hat Lann Hornscheidt, die FU hat Lore Logorrhöe. Man muss ja mit der akademischen Konkurrenz mithalten können. Allerdings weigert sich die Uni-Verwaltung beharrlich, Dr. Woltersdorffs "Tuntenpseudonym" - so nennt er es selbst - auf das Namensschild an seiner Bürotür zu schreiben. Der Kulturwissenschaftler nimmt es locker. Das unterscheidet ihn dann doch erheblich von Lann Hornscheidt. 

Der Vortrag am Dienstag wäre eigentlich eine prima Gelegenheit, nun endlich doch herauszufinden, ob ich im Bandito immer noch Hausverbot habe. Zeit hätte ich eigentlich auch. Mal sehen. Noch mehr interessieren würde mich aber eine andere Veranstaltungsreihe, für die ich ebenfalls einen Flyer fand:

"Die zarteste Versuchung...": Selbstbestimmung im Zeitalter moderner Reproduktionstechnologien.

"Die Veranstaltungsreihe versteht sich als Mobilisierung gegen den 'Marsch für das Leben' am 19. September in Berlin", heißt es auf der Innenseite des Faltblatts. Na schön! Da die Flyer für den Marsch für das Leben, die ich dabei hatte, vom Format her genau in diese Faltblätter hineinpassten, bestückte ich in aller Seelenruhe jedes mit einem; bis auf eines der besagten Faltblätter, das ich mir zwecks genauerer Lektüre mitnahm. 

Vive la difference! 
Die erste Veranstaltung der Reihe - "...immer noch nicht selbstbestimmt?! Selbstbestimmung in feministischen Theorien und Praxen" - ist leider schon vorbei; sie fand am 16. Juli im Biergarten Jockel statt. Die feministische Theoretikerin Andrea Truman, Friederike Strack vom Verein Hydra e.V. sowie eine nicht namentlich genannte "Pro-Choice-Aktivistin" referierten hier über den Begriff und das Konzept der "Selbstbestimmung", und die Ankündigung im Flyer lässt vermuten, dass das bestimmt spannend geworden wäre (oder gewesen ist): 
"In vielen politischen Kämpfen spielt die Forderung nach Selbstbestimmung eine große Rolle. Wird ein Recht auf Abtreibung gefordert, geht es um das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper. Wird für ein Ende sexualisierter Gewalt gekämpft, geht es um sexuelle Selbstbestimmung. Die Legalisierung von Sexarbeit [!] soll selbstbestimmte Arbeitsbedingungen ermöglichen. [...] Wenn Menschen für eine Legalisierung von Sterbehilfe eintreten, so fordern sie selbstbestimmtes Sterben.
Nicht alle hier genannten Positionen halten wir für sinnvoll oder gar emanzipatorisch." 
Aha?! - Nun, wirklich schade, das verpasst zu haben; aber zwei Veranstaltungen der Reihe kommen ja noch. Die nächste - "Das Kreuz mit der Norm - Geschichte der Auseinandersetzung um Reproduktionstechnlogien" - findet am Donnerstag, dem 27. August, um 19 Uhr im K-Fetisch (lustige Schreibweise für "Kaffeetisch", höhö) in der Wildenbruchstraße 86 in Neukölln statt. Kirsten Achtelik stellt im Gespräch mit Rebecca Maskos ihr aktuelles Buch "Selbstbestimmte Norm" (ist das nicht ein Widerspruch in sich?) vor; im Flyer heißt es u.a.: 
"In der Veranstaltung wollen wir am Beispiel der Pränataldiagnostik (PND) die Entstehung moderner Reproduktionstechnologien nachzeichnen und einen Blick auf frühere und aktuelle Auseinandersetzungen werfen: Welche Kritik hatten die Zweite Frauenbewegung und die Behindertenbewegung [...] an PND und Reproduktionstechnologie? Wie ist es aktuell um eine kritische (queer-)feministische Perspektive gestellt? Und wie lassen sich Veränderungen der Inanspruchnahme und Bezugnahme auf reproduktionstechnologien erklären?" 
Richtig spannend wird es dann aber am 14. September, fünf Tage vor dem Marsch für das Leben. "Abtreiben, einfrieren, durchscannen - (Queer-)Feministische Positionen zu Reproduktionstechnologien heute" ist der Titel der Veranstaltung; und gehen soll's darum
"Reproduktionstechnologien bieten verschiedene Möglichkeiten, Fortpflanzung nicht mehr als 'naturgegebenen' Ablauf zu verstehen, sondern entbinden den Kinderwunsch von heterosexuell gedachten Praktiken. Andererseits werden sie sehr oft als selektive Verfahren genutzt, um 'unerwünschten' Nachwuchs auszusortieren. Allen Praktiken ist gemein, dass sie auf die ein oder andere Weise mit der Selbstbestimmung der Frau* über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben gerechtfertigt werden. Auf der Veranstaltung wollen wir uns damit auseinandersetzen, ob und wenn ja wie der Begriff der Selbstbestimmung in Bezug auf Reproduktionstechnologien kritisch betrachtet werden kann, [aha! - Aber, man freue sich nicht zu früh:] ohne die Entscheidungsfreiheit von Schwangeren auf Abbruch und queere Familienmodelle in Frage zu stellen [Hervorhebung von mir]. Bedeutet Selbstbestimmung im Rahmen von Reproduktionstechnologien zu allererst ein Recht auf biologische Kinder und risikofreier Planungssicherheit, im Sinne eines Selbstmanagements? Welche Möglichkeiten bieten Reproduktionstechnologien für das Entstehe anderer kollektiver Ideen des Zusammenlebens, fern der heterosexuellen Zweierbeziehung?" 
Angesichts des Themas finde ich es fast schon makaber, dass diese Veranstaltung Beginn: 19:30 Uhr) im Familiengarten (Aile Bahçesi) in der Oranienstraße 34 (Hinterhof) in Kreuzberg stattfinden soll, einem Lokal, das von sich sagt: "Kinder sind bei uns immer willkommen". Aber wie dem auch sei: bei allem linken und feministischen Dogmatismus scheinen die Veranstaltungen doch Fragen anzusprechen, die - im Sinne einer demokratischen Streitkultur - eine gewisse "Anschlussfähigkeit" für Positionen einer christlich motivierten Lebensschutzethik haben oder haben könnten. Zumal es im Flyer heißt: 
"Wir wünschen uns dafür lebhafte Auseinandersetzungen in einer fehlerfreundlichen Atmosphäre." 
Könnta haben! 

Ich fände es ganz prima, wenn man ein paar Leute, denen das Anliegen des Lebensschutzes am Herzen liegt, dafür mobilisieren könnte, sich produktiv in diese Veranstaltungen einzubringen. Auch wenn das mal wieder zu Hausverboten führen sollte. Also, wer kommt mit? -- Ich werde Euch zeitnah noch einmal an die Termine erinnern, liebe Leser... 


Mittwoch, 5. August 2015

Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter!

Am 14. Juli, also vor gut drei Wochen, wurde auf YouTube ein mit versteckter Kamera gefilmtes Video veröffentlicht, das eine hochrangige Mitarbeiterin der Planned Parenthood Federation of America beim Essen zeigt. Ein Arbeitsessen offenbar, wenn auch wohl eher informell. Jedenfalls spricht Dr. Deborah Nucatola, während sie einen Salat verspeist und an ihrem Weinglas nippt, mit (vermeintlichen) potentiellen Geschäftspartnern. Das Video hat bis heute über 2,7 Millionen Aufrufe zu verzeichnen. 

Warum? 

Weil sich dieses Tischgespräch um den Handel mit Organen abgetriebener Föten dreht. 

Planned Parenthood, 1942 aus der 21 Jahre zuvor gegründeten American Birth Control League hervorgegangen, ist laut Eigenbeschreibung eine Non-Profit-Organisation, die heute in rund 700 Kliniken in den USA medizinische Dienste v.a. in den Bereichen Sexualmedizin, Gynäkologie und Familienplanung anbietet. Nicht zuletzt aber führt diese Organisation, die sich seit den 1950er Jahren für eine  Liberalisierung der Abtreibung eingesetzt hat, die mit Abstand meisten Abtreibungen in den USA durch. Sie ist eng mit der "Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V." pro familia verbunden; beide gehören der 1952 in Bomby gegründeten International Planned Parenthood Federation an, die ihren Sitz in London hat. Die US-Regierung fördert Planned Parenthood jährlich mit bis zu einer halben Milliarde Dollar; laut Gesetz dürfen diese staatlichen Fördergelder allerdings nicht zur Finanzierung von Abtreibungen verwendet werden. 

Das am 14. Juli publizierte Video wurde von einer Gruppe produziert, die sich Center for Medical Progress nennt und von dem 26jährigen Katholiken David Daleiden gegründet wurde. Daleiden und seine Mitarbeiter recherchierten zweieinhalb Jahre lang undercover, um Planned Parenthood den Handel mit Organen abgetriebener Föten nachzuweisen. Sie gründeten sogar eine Scheinfirma, BioMax Procurement Services, um sich glaubwürdig als Kaufinteressenten für "fötales Gewebe" ausgeben zu können. 

Planned Parenthood wies die Vorwürfe zurück. Ja, es komme vor, dass fötales Gewebe aus Abtreibungen gespendet werde, für die medizinische Forschung. Dafür erhalte Planned Parenthood jedoch lediglich eine Aufwandsentschädigung, mache also keinen Profit damit; daher sei dies nicht als Handel anzusehen und somit legal. Eine Woche später erschien ein weiteres Video, das die Vorwürfe erhärtete, und Daleiden ließ durchblicken, es würden noch mehr Videos folgen - insgesamt habe man Material für etwa ein Dutzend. Inzwischen sind fünf Videos veröffentlicht, und jedes bringt neue schockierende Details ans Licht - die auch die Rechtfertigungsstrategie der Planned Parenthood-Offiziellen ins Wanken bringen: Mehrfach ist zu sehen, wie Vertreterinnen der Organisation mit ihren vermeintlichen Kunden über Preise für Organe bzw. Gewebeproben verhandeln - wie kann das sein, wenn sie doch lediglich eine "Aufwandsentschädigung" erhalten, die sich ja nach den tatsächlich entstehenden Kosten richten müsste? Mehrfach ist die Rede davon, dass man den Abtreibungsvorgang so beeinflussen könne, dass die wertvollen Organe möglichst unbeschädgt bleiben; bereits das ist ausdrücklich verboten. In den neuesten Videos mehren sich zudem die Indizien, dass Planned Parenthood sogar lebend geborene Kinder im wahrsten Sinne des Wortes "ausschlachtet". Mehrere US-Bundesstaaten haben Ermittlungen gegen die Organisation eingeleitet. -- Hier eine Auswahl informativer Berichte und lesenswerter Kommentare zum Thema, in chronologischer Reihenfolge: 


In Deutschland ist, obwohl die Enthüllungen wie gesagt bereits in die vierte Woche gehen, noch nicht sehr viel davon bei einer breiten Öffentlichkeit angekommen. Die Süddeutsche Zeitung brachte zwar schon am 16.07. einen Artikel, der die ganze Affäre aber tendenziell eher herunterspielte; etwa zehn Tage später tauchte das Thema auch auf der Internetseite des ZDF auf. Erst am Abend des 04.08. erschien ein umfangreicher und informativer Artikel in der WELT. Diese Zurückhaltung der deutschen "Leitmedien" ist allerdings wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass es in den USA zunächst ähnlich aussah. Während einige ausgeprägt konservative und/oder Republikaner-nahe und/oder dezidiert christliche Medienformate die Enthüllungen des Center for Medical Progress ebenso rasch wie vehement aufgriffen, trauten sich die führenden Nachrichtenquellen des Landes anfangs offenbar nicht recht an die Materie heran; da kam es gelegen, dass das öffentliche Empörungspotential vorübergehend von einem Zahnarzt, der in Simbabwe einen Löwen erschossen hatte, absorbiert wurde. Da der Planned Parenthood-Skandal sich aber - angesichts immer neuer Video-Veröffentlichungen und auch dank der Sozialen Netzwerke - nicht totschwiegen ließ, gingen insbesondere liberale und/oder Demokraten-nahe Medienformate dazu über, die Verteidigungsstrategie von Planned Parenthood und dieser Organisation nahestehenden Politikern nahezu eins zu eins zu übernehmen: Die Videos seien ja geschnitten, d.h. manipuliert. (Als ob seriöse Nachrichtenquellen ihre Videos nicht schneiden würden.) Überhaupt sei die Legalität dieser Undercover-Reportage zweifelhaft. Außerdem tue Planned Parenthood doch so viel Gutes. Manch einem genügte schon der Hinweis, dass es sich um eine Kampagne von Abtreibungsgegnern handelte, um die Glaubwürdigkeit der Enthüllungen von vornherein in Abrede zu stellen. Abtreibungsgegner, das weiß doch jeder aufrechte Liberale und/oder Demokraten-Wähler in den USA, sind böse

Die amerikanische Öffentlichkeit ist in der Bewertung der Planned Parenthood-Affäre also zutiefst gespalten - ebenso gespalten wie in der Abtreibungsfrage als solcher. Wenn es nun aber so gut wie ausschließlich Abtreibungsgegner sind, die sich über den Handel mit Organen abgetriebener Kinder empört, entsetzt, erschüttert zeigen - dann kann man sich natürlich fragen: Wozu die ganze Aufregung? Wer grundsätzlich gegen Abtreibung ist, für den müsste die Tatsache der Abtreibung an sich doch viel schlimmer sein als das, was hinterher mit den Körperteilen der Abgetriebenen gemacht wird. Oder zumindest wird jemand, der Abtreibung prinzipiell ablehnt, eine Organisation wie Planned Parenthood, die nach eigenen Angaben über 300.000 Abtreibungen pro Jahr durchführt, schon verabscheuungswürdig genug finden, auch ohne dass man ihr Organhandel nachweist. Man könnte also sagen, solange die Enthüllungen des Center for Medical Progress nicht auch bei solchen Menschen, die dem Thema Abtreibung indifferent gegenüberstehen oder ein vermeintliches "Recht auf Abtreibung" sogar befürworten, eine Sinnesänderung bewirken, hat die ganze Kampagne nichts gebracht. Wie aber soll diese Sinnesänderung erzielt werden? - Dadurch, dass die Videos des Center for Medical Progress dem Betrachter auf drastische Weise vor Augen führen, dass es sich bei den "Zellhaufen", die in den Planned Parenthood-Kliniken aus den Gebärmüttern von Frauen entfernt werden, tatsächlich um Menschen handelt. 

Nun ist das etwas, das im Grunde jeder weiß. Aber Befürworter eines "Rechts auf Abtreibung" neigen dazu, diese Tatsache zu leugnen bzw. auszublenden. Das ist nur zu verständlich: Vermutlich sind nur wenige Menschen kaltblütig genug, diese Tatsache anzuerkennen und trotzdem Abtreibung gutzuheißen. Die Anderen reden sich ein oder lassen sich einreden, es handle sich nur um Ansammlungen von Zellgewebe, aus denen erst später irgendwann mal Menschen werden (bzw. würden, wenn man sie ließe), oder konstruieren abenteuerliche Unterscheidungen zwischen "personalem" und "nichtpersonalem Leben", um die alltägliche tausendfache Tötung von Ungeborenen zu rechtfertigen. 

Diese Mauer des Leugnens hofft das Center for Medical Progress mit seinen Enthüllungen über Planned Parenthood zu durchbrechen. Man könnte den Aktivisten um David Daleiden vorwerfe, sie setzten auf Emotionalisierung. Ich würde sagen: Da ist was Wahres dran, aber ich sehe nicht ein, warum das ein Vorwurf sein sollte. Wenn Tierschützer auf Facebook Videos teilen, die zeigen, unter was für entsetzlichen Bedingungen Kaninchen in Pelzfarmen gehalten werden und wie brutal sie dort getötet werden, ist das schließlich ebenfalls Emotionalisierung - und, um beim Thema zu bleiben: Auch die Befürworter von Abtreibung setzen gern auf Emotionalisierung, wenn sie darauf verweisen, was für dramatische Auswirkungen ungewollte Schwangerschaften auf das Leben von Frauen haben können. Wenn "Emotionalisierung" bedeutet, an menschliches Mitgefühl zu appellieren, kann ich sie nicht so ganz falsch finden. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass sie eine sachgerechte Auseinandersetzung mit dem in Frage stehenden Thema fördert und nicht etwa behindert

Will man sich dem Thema Abtreibung sachlich nähern, gilt es zunächst einmal, eine Antwort auf die leicht grönemeyeresk anmutende Frage zu finden: "(Ab) wann ist ein Mensch ein Mensch?". Dass bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ein neues, genetisch von der Mutter unterscheidbares Lebewesen entsteht, ein Organismus, der sich von diesem Moment an durch Zellteilung auszudifferenzieren beginnt (wenn er nicht daran gehindert wird), ist zunächst einmal keine Glaubensfrage oder Meinung, sondern eine biologische Tatsache. Und dass das durch die Verschmelzung menschlicher Ei- und Samenzellen entstandene Lebewesen der Spezies Mensch angehört, dürfte ebenfalls schwer zu bestreiten sein. Meinungsverschiedenheiten gibt es, wie wir wissen, darüber, ob sich aus diesen Tatsachen zwingend ergibt, dass der besagte Organismus von Anfang an ein Mensch in dem Sinne ist, dass ihm Menschenrechte zustehen. Bejaht man diese Frage, hat sich jede Debatte darüber, ob Abtreibung rechtmäßig sein könne, erübrigt. Ein Recht darauf, im Interesse der "Selbstbestimmung" eines  Menschen einen  anderen Menschen zu töten, kann es nicht geben; das wäre eine Pervertierung des Begriffs "Recht". 

(Diese Auffassung schließt übrigens keineswegs aus, Verständnis und Mitgefühl für Frauen zu haben, die sich durch eine ungewollte Schwangerschaft in einer Notlage sehen, die sie nicht anders lösen zu können meinen als durch eine Abtreibung. Sie schließt auch nicht zwingend aus, eine gesetzliche Regelung zu akzeptieren, die unter bestimmten Bedingungen - über die man im Einzelnen durchaus streiten kann - Straffreiheit für Abtreibungen gewährt. Dass Abtreibung grundsätzlich ein Unrecht ist, ist nach dieser Auffassung jedoch nicht wegzudiskutieren.) 

Abtreibung gutheißen kann man somit letztlich nur, wenn man das Wesen, das da im Bauch seiner Mutter heranwächst, nicht als einen Menschen anerkennt, ihm keine Menschenrechte zubilligt - jedenfalls bis zu einem bestimmten Stadium seiner Entwicklung. Aber wo sollte man da die Grenze ziehen? In der vorgeburtlichen Entwicklung eines Kindes gibt es zu keinem Zeitpunkt eine so klare Zäsur, dass man sagen könnte: Ab jetzt ist es ein Mensch und vorher nicht. Manche Abtreibungs-Apologeten argumentieren, die Geburt sei eine solche Zäsur. Schließlich sei dies der Zeitpunkt, ab dem das Kind nicht mehr existentiell auf den Körper seiner Mutter angewiesen ist: Zwar bedarf es weiterhin der Betreuung und Pflege, aber diese muss nicht mehr zwingend von der leiblichen Mutter geleistet werden. Allerdings ist eine Argumentation, die darauf hinausläuft, ein Kind würde erst durch den Vorgang der Geburt zum Menschen - und wäre vorher quasi nur ein Gegenstand - derart bizarr, dass es schwer fällt, darauf überhaupt einzugehen. Schließlich ist es offenkundig, dass es sich vor wie nach der Geburt um dasselbe Lebewesen handelt. Es gibt schließlich auch Frühgeburten, die beweisen, dass Kinder - bei entsprechender Betreuung und Pflege - schon Wochen oder Monate vor dem "normalen" Geburtstermin außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig sein können. Die Geburt als den Zeitpunkt der "Menschwerdung" des Menschen anzunehmen, ist letztlich eine nicht weniger willkürliche Setzung als jeder andere Zeitpunkt.

Es liegt auf der Hand, dass das Konstrukt, demzufolge das ungeborene Kind nicht vom Moment der Zeugung an ein Mensch mit eigener Würde und eigenen Rechten sei, sondern dies erst zu einem (wie auch immer definierten) späteren Zeitpunkt werde, nicht von Fakten bestimmt ist, sondern von Opportunität. Und zwar einer Opportunität, die nicht vom Kind her, sondern von der schwangeren Frau her denkt. Es ist ja nicht zu leugnen, dass eine Schwangerschaft die Selbstbestimmung einer Frau über ihren Körper erheblich einschränkt. Was das für eine Frau bedeutet, wenn so ein kleines Wesen ihren Körper über Monate als seinen Lebensraum beansprucht, das kann ich mir als Mann überhaupt nicht vorstellen. Aber natürlich habe ich schon mal mit Frauen gesprochen, die das schon erlebt haben. Man wird wohl behaupten dürfen, dass die körperlichen und psychischen Auswirkungen einer Schwangerschaft schon dann, wenn die Schwangere das Kind will und sich darauf freut, nicht unbedingt einfach zu bewältigen sind. Bei einer ungewollten Schwangerschaft muss dieser Verlust der Herrschaft über den eigenen Körper sich naturgemäß noch weit dramatischer auswirken. Abtreibungsbefürworter argumentieren daher, eine Frau müsse das Recht haben, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Dieses Recht kann sie aber nur haben, wenn das ungeborene Kind keine Rechte hat. Also wird apodiktisch verkündet, es habe keine. So einfach ist das.

Nein, so einfach ist das natürlich nicht. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass die schwangere Frau selbst am besten weiß (und nicht nur weiß, sondern spürt), dass das, was da in ihrer Gebärmutter heranwächst, keine Qualle, kein Alien und kein Tumor ist, sondern ein Mensch, ein Kind - ihr Kind. Ihr einreden zu wollen, sie habe das Recht, dieses Kind töten zu lassen, um ihren Körper wieder für sich allein zu haben, kann man im Grunde nur als brutale Gehirnwäsche beschreiben. Abtreibungsbefürworter behaupten (und glauben vielleicht sogar selbst), sie verträten die Interessen der Frauen. Das ist nicht wahr. Wer einer Frau, die sich durch eine ungewollte Schwangerschaft in einer Notlage sieht, die Abtreibung als vermeintlich einfachste Lösung anbietet, vertritt damit allenfalls die Interessen einer kinderfeindlichen Gesellschaft - und trägt aktiv zur gesellschaftlichen Desolidarisierung bei: Je mehr sich die Auffassung durchsetzt, Abtreibung sei legitim und unproblematisch, umso weniger werden beispielsweise kinderreiche Familien mit niedrigem Einkommen, alleinerziehende Mütter oder Eltern behinderter Kinder auf die Unterstützung ihrer Mitmenschen rechnen können: Man wird ihnen sagen, sie seien ja selbst schuld, sie hätten ja abtreiben können.

Damit nicht genug: Die beharrliche Leugnung des Umstands, dass bei einer Abtreibung ein Mensch getötet wird, beraubt die Frauen, die abgetrieben haben, obendrein noch der Möglichkeit, um ihr Kind zu trauern - es war ja angeblich gar keins - oder Reue zu empfinden. Verfechter eines "Rechts auf Abtreibung" werden zweifellos argumentieren, es sei geradezu ein Gebot der Humanität, bei den betreffenden Frauen möglichst keine Schuldgefühle aufkommen zu lassen. Aber das ist absurd. Schuld verschwindet schließlich nicht dadurch, dass man sie leugnet. Es dennoch zu versuchen, kann im Grunde nur zu psychischen Deformationen führen.

Es ist äußerst bezeichnend, dass - wie die Videos des Center for Medical Progress dokumentieren - der an die abtreibungswilligen Frauen herangetragene Vorschlag, sie könnten Körperteile ihrer getöteten Kinder für die Forschung spenden, nach Einschätzung der Planned Parenthood-Mitarbeiterinnen auch dazu beiträgt, eventuell noch vorhandene Gewissensbisse der Schwangeren zu beschwichtigen: Ihnen wird das Gefühl vermittelt, sie täten etwas Gutes. Es ist anzunehmen, dass eventuellen Gewissensbissen der Mitarbeiter mit denselben Argumenten begegnet wird.

Denn, sagen wir es gerade heraus: Wenn es der Abtreibungslobby schon gelingt, Mütter - deren natürlicher Instinkt sie normalerweise dazu drängen würde, das Leben ihrer Kinder, selbst um den Preis des eigenen Lebens, zu beschützen - so zu manipulieren, dass sie der Tötung ihrer ungeborenen Kinder zustimmen bzw. diese sogar selbst verlangen, dann muss man sich erst recht nicht mehr wundern, wenn anderen Menschen jegliche Empathie für die wehrlosen Opfer abhanden kommt - wenn sich Stimmen zu Wort melden, die voller Überzeugung erklären, sie verstünden die ganze Aufregung nicht, Planned Parenthood tue doch gar nichts Verkehrtes, im Gegenteil, es diene doch alles nur dem medizinischen Fortschritt. Wenn man in den Videos sieht, wie Mitarbeiter von Planned Parenthood die Leichenteile der abgetriebenen Babys nach verwertbaren Organen durchstöbern oder beim Mittagessen entspannt darüber plaudern, wie man die Prozedur der Abtreibung so modifizieren kann, dass die wertvollen Teile möglichst intakt bleiben, dann drängt sich Hannah Arendts Begriff der "Banalität des Bösen" auf. Das Schema ist bekannt: Mit denselben manipulativen Winkelzügen, mit denen die Machenschaften von Planned Parenthood gerechtfertigt werden - zum Einen: Dehumanisierung der Opfer; zum Anderen: Berufung auf einen guten bzw. 'höheren' Zweck - kann man Menschen, die privat durchaus keine gefühllosen Monster sein müssen, auch dazu bewegen, beispielsweise Folter, terroristische Akte, Kriegsverbrechen oder Völkermord gutzuheißen oder sich sogar ohne erkennbare Gewissensnöte aktiv daran zu beteiligen.

Zur medizinischen Forschung sollen die Organe der Abtreibungsopfer verwendet werden, heißt es. Der Entwicklung von Medikamenten (z.B.) gegen Parkinson und Alzheimer sollen sie dienen. Wie man so hört und liest, können "fötale Zellen" allerdings auch noch zu ganz anderen Zwecken und für ganz andere Produkte verwendet werden. Zum Beispiel zur Herstellung künstlicher Aromen in Nahrungs- bzw. Genussmitteln, zur Herstellung von Kosmetika oder, besonders makaber, für Anti-Aging-Produkte. Die Vorstellung von Menschen, die ihre schwindende Schönheit und Jugend gewissermaßen mit dem Blut der Ungeborenen zu konservieren versuchen, mutet ja geradezu an wie eine aktualisierte Fassung einer Horrorgeschichte aus dem 19. Jahrhundert. -- In den 1970er Jahren gab es eine Welle dystopischer Filme, die zeigten, wie in einer nicht allzu fernen Zukunft Menschen industriell zu Nahrungsmitteln verarbeitet werden, wie Menschen als "lebende Ersatzteillager" für Spenderorgane gezüchtet werden, oder wie auf andere Weise der Lebensstandard eines Teils der Menschheit durch die organisierte Tötung anderer Menschen aufrecht erhalten wird: Soylent Green ("...Jahr 2022...die überleben wollen", 1973, Regie: Richard Fleischer), Logan's Run ("Flucht ins 23. Jahrhundert", 1976, Regie: Michael Anderson), Coma (1978, Regie: Michael Crichton), Parts: The Clonus Horror ("Saat des Wahnsinns", 1979, Regie: Robert S. Fiveson) - letzteres ein eher obskurer Trash-Film, der jedoch als (ungenannte) Vorlage für den sehr viel erfolgreicheren Film The Island ("Die Insel", Regie: Michael Bay) von 2005 diente. Heute könnte man den Eindruck haben, diese Schreckensvisionen seien längst Wirklichkeit geworden - der große Aufschrei jedoch bleibt aus. Haben wir schon so sehr die Sensibilität für die Heiligkeit des Lebens und die unbedingte Würde des Menschen verloren?

Ich jedenfalls werde auch dieses Jahr wieder - am Samstag, dem 19. September - zum Marsch für das Leben gehen, trotz aller Anfeindungen. Weil es, was auch immer die Gegner sagen mögen, keine Demonstration gegen Frauenrechte, gegen sexuelle Selbstbestimmung oder für eine nativistische Bevölkerungspolitik ist. Sondern eine Demonstration für das Lebensrecht aller Menschen. Nie war es wichtiger als heute, für dieses Recht einzustehen.


Samstag, 1. August 2015

Was ist denn bloß in Krefeld los?

Das ist - diesmal - keine rhetorische Frage: Ich weiß es tatsächlich nicht. Ich habe zwar einige Presseartikel zu den Vorgängen um die Zwangspensionierung des Krefelder Pfarrers Zorn gelesen, aber so richtig schlau wird man nicht daraus. Sicher ist vorläufig nur eins: Das Lagerdenken versagt in diesem Fall. 

Zwar weiß ich nicht besonders viel - genauer gesagt: annähernd gar nichts - über die Verhältnisse im Bistum Aachen, aber nach allem, was ich so gehört und gelesen habe, scheint der dortige Bischof Heinrich Mussinghoff doch im Ruf einer ausgesprochen "liberalen" Gesinnung zu stehen, was auch immer man sich im kirchlichen Kontext darunter im Einzelnen vorstellt. Wenn der nun einen Priester seiner Diözese maßregelt, noch dazu einen, der den herrlich hardcore-dunkelkatholisch tönenden Namen Zorn trägt, dann könnte man ja auf die Idee kommen, das "Opfer" müsse einer aus dem "konservativen Lager" sein und etwa deshalb in Ungnade gefallen sein, weil er gern lateinische Messen zelebriert, womöglich gar in der außerordentlichen Form, oder zu viel Weihrauch verbraucht oder keine Kommunionhelferinnen einsetzen will oder irgend sowas halt. Scheint aber hier nicht der Fall zu sein. Schade, denn dann wären die Sympathien klar verteilt - auch für mich, dem ein kritischer Leser jüngst auf die Nasenspitze zusagte, mein "Furor" richte sich ja offensichtlich mit Vorliebe gegen Vertreter eines "liberalen" Katholizismus. (Was ich ihm nicht verraten habe, ist, dass das nur daran liegt, dass ich es mir mit den Ultra-Tradis nicht verderben möchte. Vor denen hätte ich nämlich Angst.) 

Was war (oder ist) nun also wirklich los in der Gemeinde St. Thomas Morus in Krefeld, die seit 1979 (!) von Pfarrer Günter Zorn geleitet worden war? Zunächst dies: Der Generalvikar des Bistums Aachen, Andreas Frick, hat Pfarrer Zorn persönlich (!) einen Brief des Bischofs überbracht, in dem ihm mitgeteilt wurde, er werde mit Wirkung vom 1. September in den Ruhestand versetzt - und, offenbar mit sofortiger Wirkung, von seinen Aufgaben "entpflichtet". "Das ist zweifellos ein deutliches Zeichen der Missbilligung, obgleich Pfarrer Zorn die Pensionsgrenze sowieso längst überschritten hat", kommentiert das Anzeigenblatt "Extra-Tipp Krefeld". Ganz so plötzlich, wie es aussieht, kam dieser Rauswurf aber wohl nicht: "Ein lang schwelender Streit" zwischen dem Pfarrer und dem Bistum sei es gewesen, oder, wie die Rheinische Post es formuliert, "eine Geschichte fortschreitender Entfremdung". Hintergrund war offenbar die Fusion der Pfarrei St. Thomas Morus mit den Nachbargemeinden St. Anna und St. Elisabeth von Thüringen zur Pfarre "Heiligste Dreifaltigkeit" (ein Name, der für den Zusammenschluss von drei Gemeinden ja fast schon ein bisschen allzu tongue-in-cheek ist). Nun gut, die Zusammenlegung von Pfarreien führt allüberall zu Konflikten, und da ist es auch gar nicht ungewöhnlich, dass die Konfliktlinien quer durch die vermeintlichen "Lager" der "Liberalen" und der "Konservativen" verlaufen. Dass diese Konflikte derart eskalieren wie jetzt in Krefeld, ist dann aber wohl doch entschieden die Ausnahme. Bereits 2011 soll Pfarrer Zorn "im Zusammenhang mit den Strukturreformen von einem 'Unrecht' gesprochen" haben. "Unrecht - ein hartes Wort", wie die RP kommentiert. Nun wird ihm vorgeworfen, er sei in seiner Eigenschaft als Pfarrvikar der fusionierten Pfarrei nicht bereit gewesen, "mit dem Pastoralteam zu kooperieren", das von dem noch vergleichsweise jungen Pfarrer Dr. Thorsten Obst geleitet wird. Laut Generalvikar Frick habe sich das Bistum "an einem Punkt" gesehen, "wo wir uns auch schützend vor Pfarrer Dr. Obst stellen müssen". 

„Günter Zorn ist ein guter Seelsorger und sehr beliebt. Aber es gab eine Reihe von Nickeligkeiten“, gibt Pfarrer Paul Jansen von der Gemeinde St. Cyriakus Krefeld-Hüls, die zusammen mit der "Heiligsten Dreifaltigkeit" die "Gemeinschaft der Gemeinden Krefeld-Nordwest" bildet, in der "Westdeutschen Zeitung" zu Protokoll. Auch das langjährige Pfarrgemeinderatsmitglied Alfred Kuhn räumt ein, Pfarrer Zorn sei, nomen est omen, ein "Hitzkopf" gewesen: "Für uns Pfarrgemeinderäte war es auch nicht immer leicht, den Hitzkopf Günter Zorn für seine Wortwahl und sein kritisches Auftreten gegenüber dem Bischof und anderen Bistums- und Gemeindevertretern zu entschuldigen." Über die Motivation des Bischofs, den lange schwelenden Konflikt nun so brachial zu lösen, mutmaßt Kuhn: "Ein Bischof, der immer durch seine Vertreter verkünden ließ, dass er sein Feld bestellt und geordnet haben will, wenn er Ende 2015 in den Ruhestand geht, hat noch einmal zugeschlagen; vielleicht um seinem Nachfolger weiteren Ärger mit Pfarrer Zorn zu ersparen." 

Das klingt alles einigermaßen vernünftig, ja, in Ermangelung näherer Informationen über die Hintergründe kann man den Eindruck bekommen, Bischof Mussinghoff habe gar nicht anders handeln können. Dennoch bekommt er von der Presse Dresche dafür; und gerade das macht den Fall so interessant. Nun gut, die Gemeinde St. Thomas Morus ist sauer. Der Pfarrgemeinderat hat eine geharnischte Erklärung verfasst, in dem er dem Bischof und dem Generalvikariat "unwürdiges Verhalten" vorwirft, und eine Petition gestartet. Und wenn Katholiken gegen ihren Bischof rebellieren, dann gefällt das der Presse natürlich - und zwar so sehr, dass Cornelia Breuer-Iff in ihrem Kommentar für die WZ nahezu wörtlich aus der PGR-Erklärung zitiert, ohne diese Zitate als solche kenntlich zu machen. Da macht es dann auch nichts, dass der betreffende Bischof ein "Liberaler" ist und somit aus der Sicht der Presse eigentlich ein (relativ) "Guter" sein müsste: In erster Linie ist er immer noch Bischof der Römisch-Katholischen Kirche, also auf ihn mit Gebrüll. Anders sähe das vielleicht aus, wenn es sich um eine Rebellion ausgesprochen konservativer Katholiken gegen ihren Bischof handelte. Aber darauf deutet, wie schon gesagt, nichts hin - eher schon auf das Gegenteil. So kommen in der RP Messdiener zu Wort, die "enttäuscht über [sic] ihre Kirche" seien:
"Sie stellen die Frage, was Zorn sich denn Schlimmes hat zuschulden kommen lassen, das diese scharfe Reaktion rechtfertigt. Die Jugendlichen stellen die Relation her zu Geistlichen wie Tebartz van Elst, der seiner Kirche nun wirklich schwer geschadet hat."
Merke: Wenn der viel gescholtene ehemalige Bischof von Limburg als Negativfolie herhalten muss, hat man es nicht mit Vertretern des "konservativen Lagers" zu tun. Die würden TvE tendenziell eher in Schutz nehmen, weil er trotz aller Fehler ja doch irgendwo einer der Ihren ist. Für die Presse ist die Nennung des erprobten Buhmanns jedenfalls ein gefundenes Fressen: 
"Zorn [...] hinterlässt ein gut bestelltes Gemeindehaus - nicht protzig gebaut auf Millionen Euro, sondern auf ein paar tausend Herzen, die an ihm hängen."
Übrigens lässt RP-Autor Jens Voss es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass die genannten Messdiener "die Zukunft" verkörpern, an der Bischof Mussinghoff ja angeblich so viel gelegen sei. Und tatsächlich stellt man sich unter Messdienern ja gern reflexartig Jugendliche vor, mir zumindest geht das so. Dass das nicht immer und unbedingt der Fall ist, geht aus einem weiteren RP-Artikel von Jens Voss hervor, in dem "[a]us den Reihen der Messdiener [...] Isabel Grefen zu Wort" kommt; diese Dame ist "seit inzwischen 29 Jahren aktive Messdienerin in St. Thomas Morus und bei so vielen Hochfesten wie möglich dabei". 29 Jahre Messdienerin, da rechnen wir doch mal... Klingt nach einer Frau mittleren Alters, und was sie zu sagen hat, klingt nach einem ganz bestimmten Typ von Frau mittleren Alters, wie es ihn nach meiner Erfahrung in absolut jeder Kirchengemeinde gibt. 
"Letztendlich wird man wie ein Schäfchen auf den Kopf getätschelt, um dann wiederum wie ein Schäfchen einen Schupps auf den wolligen Hintern zu bekommen, damit alle weiterhin brav, unmündig, hirnlos und mit Maulkorb in die Kirche latschen." 

Ein sentire cum ecclesia ganz eigener Art, nicht wahr? Was diese Einlassungen über den allgemeinen Zustand der Kirche und die Position engagierter Laien in ihr mit dem in Frage stehenden Fall zu tun haben, beliebt nebulös, aber wer weiß: Vielleicht ist es ja der neue Pfarrer, der nicht genug Kommunionhelferinnen einsetzt. 

Auch die schon erwähnte Cornelia Breuer-Iff sieht in der WZ den Fall Zorn in gewisser Weise als symptomatisch für den Zustand der Katholischen Kirche in Deutschland an: "Alles andere als eine Werbung für die Kirche" hat sie ihren Kommentar betitelt - und erklärt: 
"Deutschland ist für die katholische Kirche alles andere als eine Wachstumsregion. Krefeld macht da keine Ausnahme. Angesichts hoher Verluste gilt es, möchte man meinen, die verbliebene Schar beisammenzuhalten und ins Schaufenster zu stellen" - 
Nö. Möchte man vielleicht meinen, aber: . Der Kirche sollte es gerade nicht darum gehen, ihren Bestand zu wahren und ihren alteingesessenen Mitgliedern ein kuschliges soziales Umfeld zu bieten, in dem alles genau so ist, wie sie es gewöhnt sind und mögen. Für so etwas gibt es, sicher auch in Krefeld, gesellige Vereine. Die Kirche muss, will sie ihrem Auftrag gerecht werden, unbequem sein. Nach außen hin, aber nicht zuletzt auch für ihre Mitglieder selbst