So: Wo war ich? -- Auf der MEHR natürlich! Genauer gesagt war ich im ersten Teil meines Berichts bis zum Freitagabend gekommen, bis zu dem Moment, als ich mit meinen Bloggerkollegen vom Abendessen zurückkam und wieder die Tribüne des Auditoriums erstieg, um mir den letzten Vortrag des zweiten Konferenztags anzuhören. Bis zum Beginn des Vortrags gab es einmal mehr Lobpreis mit Veronika Lohmer und Band; dann kam der Referent auf die Bühne: Ben Fitzgerald, Pastor der evangelikalen Bethel Church, Initiator der Kampagne "Awakening Europe", gebürtiger Australier und ein Typ wie ein Bär. Ich mag Australier, und ich mag bärige Typen - insofern hatte Ben Fitzgerald bei mir schon von vornherein gewonnen. Davon abgesehen war er ein begnadeter Komiker, und der Dolmetscher, der zusammen mit ihm auf die Bühne kam, war ebenfalls mit einem beachtlichen komödiantischen Talent gesegnet. So gab's bei diesem Vortrag viel zu lachen - aber das Thema selbst war eigentlich ausgesprochen ernst: Die Kirche in Deutschland, so meinte Ben Fitzgerald, wirke vielfach müde und kraftlos. Wer wollte ihm da widersprechen? Der Grund für diese Schwäche - oder zumindest ein schwerwiegender Grund - liege in der Menschenfurcht. Fitzgerald zitierte aus dem 2. Brief des Paulus an Timotheus: "Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit" (2 Tim 1,7). Diesen Geist der Kraft gelte es in Deutschland und ganz Europa neu zu erwecken - und zwar in jedem Einzelnen. Um dies zu verdeutlichen, sprach Fitzgerald viel von sich selbst, von seinen eigenen Ängsten, seiner Sorge, nicht gemocht zu werden, seinem Buhlen um die Anerkennung durch Autoritäten. Und ich saß da und dachte: Er spricht über MICH. Diesen Typen, der sich ein Bein ausreißt, um von allen gemocht zu werden, und sich dadurch aufführt wie ein Volltrottel, den kenne ich - der steckt ganz tief in mir drin.
Aber ich war nicht allein. Im Gegenteil: Auf Ben Fitzgeralds Frage, wem von seinen Zuhörern es auch schon mal so gegangen sei, reckten sich im Auditorium zahllose Arme in die Höhe. "Seht ihr?!", rief Fitzgerald aus. "Das ist eine Epidemie!"
Dieser Geist der Verzagtheit und der Menschenfurcht, so führte er weiter aus, mache die Kirche in Deutschland zahm und langweilig. Dabei könne jeder Einzelne in seinem alltäglichen Umfeld Großes für die Neuevangelisation Deutschlands leisten, wenn er mit Gebet und Gottvertrauen die leidige Menschenfurcht überwinde. -- Mich hielt's nicht mehr auf meinem Sitz. Ich reckte die Arme in die Höhe und schrie aus Leibeskräften in Richtung Bühne: "Ja, Mann!"
Wie bei einem freikirchlichen Redner kaum anders zu erwarten, gab es aus katholischer Sicht durchaus das eine oder andere Haar in der Suppe; etwa, dass Fitzgeralds Kampagne "Awakening Europe" unter dem Motto "Europe needs a new Reformation" steht. Zwar stellte er klar, diesmal solle es eine Reformation sein, die "vereint, statt zu spalten", aber das ändert kaum etwas daran, dass der Begriff "Reformation" aus katholischer Sicht einfach negativ besetzt ist. Man kann ihm allerdings wohl zu Gute halten, dass diese Wortwahl in erster Linie dazu dient, das 500-jährige Reformationsjubiläum als Aufhänger für diese Kampagne zu nutzen. - Und dann war da noch der Moment, als Fitzgerald über gemeinsame Anliegen von "Christians and Catholics" sprach. Angesichts der Tatsache, dass er zuvor sehr wertschätzend über katholische Christen gesprochen hatte, konnte das eigentlich nur ein Versprecher sein; sein Dolmetscher machte sich auch prompt darüber lustig, indem er mit übertriebener Betonung übersetzte: "Sowohl Christen als auch Katholiken..." Eine Mischung aus Raunen und Gelächter ging durchs Publikum, und das verunsicherte Fitzgerald sichtlich. "What did you tell them?", fragte er seinen Dolmetscher, und dieser wiederholte: "Sowohl Christen als auch Katholiken..." Aber Ben Fitzgerald begriff immer noch nicht, was er gerade gesagt hatte. Ist ja manchmal so, besonders wenn man auf einer Bühne steht.
Der Vortrag ging fast nahtlos in ein "Ministry" genanntes gemeinsames Gebet der MEHR-Redner und anderer Leitungspersonen verschiedener christlicher Initiativen über - ein Gebet, das gleichzeitig ein Appell an jeden Einzelnen war, das Seine zu einer Neuevangelisation Deutschlands und Europas beizutragen. In diesem Moment wurde mir etwas klar, was ich mir im Grunde von vornherein hätte denken können (aber manchmal muss man auf das Offensichtliche eben erst mit der Nase gestoßen werden): Man kann die MEHR als Veranstaltungsformat, nicht zuletzt auch unter ästhetischen Gesichtspunkten, beurteilen wie man will - das eigentlich Entscheidende kommt erst danach. Wenn all die rund 10.000 Besucher der Konferenz - darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene - den Schwung, die Begeisterung und nicht zuletzt die geistlichen Impulse aus den Vorträgen und Predigten "mit nach Hause nehmen" und etwas davon in ihre jeweiligen Ortsgemeinden einbringen, dann ist das der Beginn einer Revolution. In einem meiner nächsten Artikel werde ich hoffentlich dazu kommen, diesen Gedanken näher auszuführen.
Zum Abschluss des Abends gab's natürlich wieder Lobpreis, und da möchte ich ein Detail besonders hervorheben: In einem Lied, dessen Titel ich nicht weiß, dessen Refrarin aber mit den Worten "Kommt und singt Ihm zum Dank" beginnt, kommt der Vers "Laut ertönt ein Jubelschrei" vor; und dieser Vers würde vom Publikum nicht etwa mitgesungen, sondern stattdessen mit einem lauten Jubelschrei untermalt. Muss man erlebt haben.
Derweil war meine Liebste noch mit Fernbussen kreuz und quer durch Deutschland unterwegs; bei Schnee und Frost gestaltete sich die Anreise noch komplizierter als erwartet, da Busse sich verspäteten oder gleich ganz ausfielen. Als ich am nächsten Morgen erwachte, erhielt ich von meiner Liebsten die Nachricht, sie sei gerade erst am Augsburger Hauptbahnhof angekommen, werde dort frühstücken und dann direkt zur Konferenz gehen. Das nenn ich mal Einsatz. Während ich noch auf dem Weg zum Messegelände war, schrieb mir meine Liebste, sie sei angekommen und gehe jetzt erst mal in den Raum der Stille zur Eucharistischen Anbetung. Also holte ich sie dort ab.
Was ich übrigens im ersten Teil meines Berichts vergessen hatte zu erwähnen: In unmittelbarer Nähe des Raums der Stille gab es auch Beichtmöglichkeiten. Ich habe von mehreren Priestern gehört, dass sie dort stundenlang ohne Pause damit beschäftigt waren, Beichte zu hören. Das mal als kleiner Hinweis an diejenigen, die argwöhnen, die MEHR sei womöglich nicht katholisch genug gewesen.
Zusammen schauten wir bei der Lobpreis-Session vorbei, die diesmal von Anton Svoboda geleitet wurde; dort trafen wir nicht nur unsere "Gastfamilie", sondern auch Johannes Hartl, mit dem ich bei der Gelegenheit ein paar persönliche Worte wechselte. Dann spazierten wir durch Halle 7, tranken Tee am Stand der Christlichen Initiative für Indien und fanden uns zum ersten Vortrag des Tages wieder im Auditorium ein: "Die Würde eines Sohnes", abermals von Johannes Hartl. Und was soll ich sagen: Ich war begeistert. (Details später.)
In der Mittagspause gingen wir erneut zur Eucharistischen Anbetung, und da war's rappelvoll. Ansonsten hielten wir uns bis zum nächsten Vortrag - von Pater Cantalamessa! - hauptsächlich an den Infoständen des MEHRforums auf. Der Vortrag des päpstlichen Hauspredigers stand unter dem Motto "Holiness and Happiness"; allerdings sprach der Kapuzinerpater dann, zumeist in freundlichem Plauderton, so ausführlich über die Berufung zur Heiligkeit, dass kaum mehr Zeit blieb, näher auf den "Happiness"-Aspekt einzugehen. Pater Cantalamessa löste dieses Dilemma äußerst charmant: "When I see you in Heaven", schloss er seinen Vortrag, "you will tell me how holiness has made you happy." Applaus.
Anschließend fand im Auditorium ein evangelischer Abendmahlsgottesdienst statt; derweil trafen meine Liebste und ich uns mit unseren Bloggerkollegen und "den Jungs" zu einem Ausflug in die Altstadt von Augsburg, wo wir die Kirche St. Moritz und den Dom besichtigten und in der Wallfahrtskirche St. Peter am Perlach das Gnadenbild von Maria Knotenlöserin besuchten. Letzteres wäre im Grunde einen eigenständigen Artikel wert, aber vielleicht überlasse ich den meiner Liebsten. Mal sehen. Zum Abendessen gingen wir in ein rustikales Brauhaus mit dem schönen Namen "Bauerntanz" und waren pünktlich zu einem weiteren exzellenten Vortrag von Johannes Hartl - "Der Duft der Hoffnung" - zurück im Auditorium.
Nach dem Vortrag musste ich erst mal aufs Klo, und und als ich zurückkam, fand ich meine Liebste im Gespräch mit einem der Segnungsteams, die in den seitlichen Auslaufzonen des Auditoriums bereit standen: Sie wollte für sich beten lassen, nicht zuletzt auch wegen der immer noch nicht gänzlich überwundenen Folgen ihrer komplizierten Fußverletzung. Ich stellte mich dazu und dachte mir, schaden könne es ja nicht, wenn ich auch für mich beten ließe. Ich musste diesen Wunsch gar nicht äußern, die Leute vom Segnungsteam merkten das schon selber. Was mich dabei nun wirklich stark verblüffte, war, dass eine der Beterinnen - ein etwas punkig aussehendes blondes Mädchen namens Rebekka - Dinge über mich zu wissen schien; ich hatte sogar den Eindruck, sie kenne mich besser als viele Leute, mit denen ich im täglichen Leben zu tun habe. "Das hat ER mir gerade so gesagt", erklärte sie heiter, als ich sie darauf ansprach.
Am Sonntag stand um 9 Uhr die Heilige Messe zum Fest Taufe des Herrn an, in Form eines Pontifikalamts mit dem Augsburger Weihbischof Florian Wörner. Pontifikalamt und Pop: eine abenteuerliche Mischung. Das zeigte sich besonders beim Gloria: Als auf den Bildschirmen neben der Bühne die ersten Verse von "Engel auf den Feldern singen" eingeblendet wurden, dachte ich noch: Na klar, letzter Sonntag der Weihnachtszeit, warum nicht noch mal ein weihnachtliches Gloria-Lied. Aber als die Band einsetzte, stellte ich fest: Es ist die Disco-Version von "Engel auf den Feldern singen"! Von außen betrachtet womöglich etwas bizarr, aber wenn man mittendrin war, war's schon sehr mitreißend. Eher traditionell gesinnte Gemüter kamen durchaus auch auf ihre Kosten: Zur Tauferneuerung gab's eine schön arrangierte Fassung von "Fest soll mein Taufbund immer stehn". -- Grandios war auch in dieser Messe wieder die Predigt. In allgemeinverständlicher Sprache, aber dennoch auf beachtlichem theologischen Niveau erläuterte Weihbischof Wörner den inneren Zusammenhang zwischen Taufe und Passion Jesu, und im weiteren Verlauf gab er seinen Zuhörern äußerst motivierende Impulse für ein aus Gebet und Sakramenten gespeistes christliches Leben im Alltag mit auf dem Weg. Nach der Messe hatte ich noch kurz Gelegenheit, persönlich mit Weihbischof Wörner zu sprechen. Guter Mann!
Zum Abschluss des Programms brachte Johannes Hartl mit einem weiteren Vortrag die Stimmung im Auditorium zum Kochen: "Erwecke die Helden". Ausgangspunkt von Hartls Bemerkungen war der Umstand, dass die Bibel stellenweise in sehr kriegerischen Metaphern vom Auftrag der Christen in der Welt spricht; das gelte heutzutage vielfach als anrüchig und stehe in einem Spannungsverhältnis dazu, dass die christliche Botschaft heute allzu oft einseitig zu Friede, Freude und Eierkuchen verflacht werde. Sprach mir ganz und gar aus der Seele! Aber auch hierzu will ich jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen.
Bis 13 Uhr, so wurde uns mitgeteilt, mussten die Messehallen geräumt sein, aber bis dahin gab's nochmal Lobpreis. Wir traten aber bald den Rückzug an - schließlich stand uns ein langer Heimweg bevor.
Wie lautet nun also das Fazit nach vier Tagen MEHR? - Dass ich absolut begeistert bin, brauche ich nach allem bisher Gesagten wohl kaum noch zu betonen. Wenngleich mir Manches, was ich während dieser Tage erlebt und beobachtet habe, fremd und ein bisschen unheimlich geblieben ist, war die Konferenz im Ganzen sehr gut geeignet, Vorurteile und Berührungsängste gegenüber charismatischen Gruppierungen abzubauen; es gab viele schöne Begegnungen, die Vorträge und Predigten waren lehrreich, herausfordernd und motivierend, und die starke Fokussierung der ganzen Veranstaltung auf das Gebet ("Alles Große, Gute und Echte wird im Gebet geboren!") enorm inspirierend. Was ich in diesen Tagen gelernt habe und wozu die MEHR mich motiviert hat - insbesondere in Hinblick auf das schon in mehreren früheren Artikeln angedeutete Projekt "Subversive Pastoral mit Suppe, Punkrock und Fahrradreparatur (oder so)" -, darüber gäbe es noch eine Menge zu sagen, und das werde ich auch tun, aber ich schätze, das braucht noch ein paar Tage, um in mir zu reifen.
Einstweilen möchte ich noch auf ein paar andere schöne Artikel zur MEHR 2017 verweisen:
kephas: "Ökumene Pfui? Charisma Bäh?"
just wondering: "Faszinierend! Die MEHR 2017"
katholon: "#MEHR2017 - mehr als nur eine Konferenz"
Kritische Stimmen gab es natürlich auch. Vor allem von Leuten, die nicht da waren. Klar, man konnte die Konferenz auch per Livestream im Internet verfolgen, aber manche Reaktionen lesen sich so, als hätten ihre Urheber sich allenfalls ein sehr oberflächliches Bild von der MEHR gemacht und die Leerstellen mit ihren eigenen Vorstellungen davon aufgefüllt, wie ein überkonfessioneller Charismatiker-Kongress eben sei. Ein bisschen erinnerte mich das an den früheren Bloggerkollegen Geistbraus, der traditionell Verrisse über die jährlichen Katholischen Bloggertreffen verfasste, an denen er nicht teilgenommen hatte. Der Unterschied ist: Ihm war die Ironie dieses Vorgehens bewusst und als solche beabsichtigt. Glaube ich jedenfalls.
Damit will ich übrigens nicht in Abrede stellen, dass man an einzelnen Aspekten der Veranstaltung durchaus fundierte Kritik äußern kann (vgl. z.B. die umfangreichen Kommentare unter dem ersten Teil dieses Berichts). Mir erscheint es jedoch wichtiger, sich auf das zu konzentrieren, was daran gut war.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass nahezu zeitgleich zu der von Weihbischof Wörner zelebrierten Messe im NDR ein Radiogottesdienst aus der St.-Willehad-Kirche in Nordenham ausgestrahlt wurde. Den habe ich mir dann später in der Mediathek angehört. Und in gewissem Sinne verstärkten sich die absolut trostlose Grottigkeit dieses Radiogottesdienstes und meine Begeisterung über die MEHR gegenseitig. Wenn man mehr oder weniger gezwungenermaßen mit einem Auge der Volkskirche beim Abnippeln zusieht, ist es umso tröstlicher und ermutigender, mit dem anderen Auge zu sehen, dass es auch anders geht. -- Ich habe es ja oben bereits angedeutet: Viel wichtiger als dieses viertägige Mega-Event als solches sind ja die Impulse, die daraus hervorgehen. Was für Impulse das im Einzelnen sein könnten, dazu wie gesagt später mehr; aber eins kann ich schon mal vorausschicken: Ich meine damit nicht, dass jede Feld-, Wald- und Wiesenpfarrei ihren Organisten feuern und stattdessen eine Lobpreisband engagieren sollte. Also, nicht unbedingt.
Dass bei der MEHR tatsächlich der Heilige Geist am Werk war, daran zweifelt wohl niemand, der die Konferenz miterlebt hat. Ich zumindest schwebe immer noch ein paar Zentimeter über dem Boden...
Aber ich war nicht allein. Im Gegenteil: Auf Ben Fitzgeralds Frage, wem von seinen Zuhörern es auch schon mal so gegangen sei, reckten sich im Auditorium zahllose Arme in die Höhe. "Seht ihr?!", rief Fitzgerald aus. "Das ist eine Epidemie!"
Dieser Geist der Verzagtheit und der Menschenfurcht, so führte er weiter aus, mache die Kirche in Deutschland zahm und langweilig. Dabei könne jeder Einzelne in seinem alltäglichen Umfeld Großes für die Neuevangelisation Deutschlands leisten, wenn er mit Gebet und Gottvertrauen die leidige Menschenfurcht überwinde. -- Mich hielt's nicht mehr auf meinem Sitz. Ich reckte die Arme in die Höhe und schrie aus Leibeskräften in Richtung Bühne: "Ja, Mann!"
Wie bei einem freikirchlichen Redner kaum anders zu erwarten, gab es aus katholischer Sicht durchaus das eine oder andere Haar in der Suppe; etwa, dass Fitzgeralds Kampagne "Awakening Europe" unter dem Motto "Europe needs a new Reformation" steht. Zwar stellte er klar, diesmal solle es eine Reformation sein, die "vereint, statt zu spalten", aber das ändert kaum etwas daran, dass der Begriff "Reformation" aus katholischer Sicht einfach negativ besetzt ist. Man kann ihm allerdings wohl zu Gute halten, dass diese Wortwahl in erster Linie dazu dient, das 500-jährige Reformationsjubiläum als Aufhänger für diese Kampagne zu nutzen. - Und dann war da noch der Moment, als Fitzgerald über gemeinsame Anliegen von "Christians and Catholics" sprach. Angesichts der Tatsache, dass er zuvor sehr wertschätzend über katholische Christen gesprochen hatte, konnte das eigentlich nur ein Versprecher sein; sein Dolmetscher machte sich auch prompt darüber lustig, indem er mit übertriebener Betonung übersetzte: "Sowohl Christen als auch Katholiken..." Eine Mischung aus Raunen und Gelächter ging durchs Publikum, und das verunsicherte Fitzgerald sichtlich. "What did you tell them?", fragte er seinen Dolmetscher, und dieser wiederholte: "Sowohl Christen als auch Katholiken..." Aber Ben Fitzgerald begriff immer noch nicht, was er gerade gesagt hatte. Ist ja manchmal so, besonders wenn man auf einer Bühne steht.
| Esel spielen eine wichtige Rolle in der Heilsgeschichte, daher musste auch Pablo mit zur MEHR. |
Der Vortrag ging fast nahtlos in ein "Ministry" genanntes gemeinsames Gebet der MEHR-Redner und anderer Leitungspersonen verschiedener christlicher Initiativen über - ein Gebet, das gleichzeitig ein Appell an jeden Einzelnen war, das Seine zu einer Neuevangelisation Deutschlands und Europas beizutragen. In diesem Moment wurde mir etwas klar, was ich mir im Grunde von vornherein hätte denken können (aber manchmal muss man auf das Offensichtliche eben erst mit der Nase gestoßen werden): Man kann die MEHR als Veranstaltungsformat, nicht zuletzt auch unter ästhetischen Gesichtspunkten, beurteilen wie man will - das eigentlich Entscheidende kommt erst danach. Wenn all die rund 10.000 Besucher der Konferenz - darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene - den Schwung, die Begeisterung und nicht zuletzt die geistlichen Impulse aus den Vorträgen und Predigten "mit nach Hause nehmen" und etwas davon in ihre jeweiligen Ortsgemeinden einbringen, dann ist das der Beginn einer Revolution. In einem meiner nächsten Artikel werde ich hoffentlich dazu kommen, diesen Gedanken näher auszuführen.
Zum Abschluss des Abends gab's natürlich wieder Lobpreis, und da möchte ich ein Detail besonders hervorheben: In einem Lied, dessen Titel ich nicht weiß, dessen Refrarin aber mit den Worten "Kommt und singt Ihm zum Dank" beginnt, kommt der Vers "Laut ertönt ein Jubelschrei" vor; und dieser Vers würde vom Publikum nicht etwa mitgesungen, sondern stattdessen mit einem lauten Jubelschrei untermalt. Muss man erlebt haben.
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| So sieht ein Norddeutscher in Ekstase aus. (Foto: Peter Esser) |
Was ich übrigens im ersten Teil meines Berichts vergessen hatte zu erwähnen: In unmittelbarer Nähe des Raums der Stille gab es auch Beichtmöglichkeiten. Ich habe von mehreren Priestern gehört, dass sie dort stundenlang ohne Pause damit beschäftigt waren, Beichte zu hören. Das mal als kleiner Hinweis an diejenigen, die argwöhnen, die MEHR sei womöglich nicht katholisch genug gewesen.
Zusammen schauten wir bei der Lobpreis-Session vorbei, die diesmal von Anton Svoboda geleitet wurde; dort trafen wir nicht nur unsere "Gastfamilie", sondern auch Johannes Hartl, mit dem ich bei der Gelegenheit ein paar persönliche Worte wechselte. Dann spazierten wir durch Halle 7, tranken Tee am Stand der Christlichen Initiative für Indien und fanden uns zum ersten Vortrag des Tages wieder im Auditorium ein: "Die Würde eines Sohnes", abermals von Johannes Hartl. Und was soll ich sagen: Ich war begeistert. (Details später.)
In der Mittagspause gingen wir erneut zur Eucharistischen Anbetung, und da war's rappelvoll. Ansonsten hielten wir uns bis zum nächsten Vortrag - von Pater Cantalamessa! - hauptsächlich an den Infoständen des MEHRforums auf. Der Vortrag des päpstlichen Hauspredigers stand unter dem Motto "Holiness and Happiness"; allerdings sprach der Kapuzinerpater dann, zumeist in freundlichem Plauderton, so ausführlich über die Berufung zur Heiligkeit, dass kaum mehr Zeit blieb, näher auf den "Happiness"-Aspekt einzugehen. Pater Cantalamessa löste dieses Dilemma äußerst charmant: "When I see you in Heaven", schloss er seinen Vortrag, "you will tell me how holiness has made you happy." Applaus.
Anschließend fand im Auditorium ein evangelischer Abendmahlsgottesdienst statt; derweil trafen meine Liebste und ich uns mit unseren Bloggerkollegen und "den Jungs" zu einem Ausflug in die Altstadt von Augsburg, wo wir die Kirche St. Moritz und den Dom besichtigten und in der Wallfahrtskirche St. Peter am Perlach das Gnadenbild von Maria Knotenlöserin besuchten. Letzteres wäre im Grunde einen eigenständigen Artikel wert, aber vielleicht überlasse ich den meiner Liebsten. Mal sehen. Zum Abendessen gingen wir in ein rustikales Brauhaus mit dem schönen Namen "Bauerntanz" und waren pünktlich zu einem weiteren exzellenten Vortrag von Johannes Hartl - "Der Duft der Hoffnung" - zurück im Auditorium.
Nach dem Vortrag musste ich erst mal aufs Klo, und und als ich zurückkam, fand ich meine Liebste im Gespräch mit einem der Segnungsteams, die in den seitlichen Auslaufzonen des Auditoriums bereit standen: Sie wollte für sich beten lassen, nicht zuletzt auch wegen der immer noch nicht gänzlich überwundenen Folgen ihrer komplizierten Fußverletzung. Ich stellte mich dazu und dachte mir, schaden könne es ja nicht, wenn ich auch für mich beten ließe. Ich musste diesen Wunsch gar nicht äußern, die Leute vom Segnungsteam merkten das schon selber. Was mich dabei nun wirklich stark verblüffte, war, dass eine der Beterinnen - ein etwas punkig aussehendes blondes Mädchen namens Rebekka - Dinge über mich zu wissen schien; ich hatte sogar den Eindruck, sie kenne mich besser als viele Leute, mit denen ich im täglichen Leben zu tun habe. "Das hat ER mir gerade so gesagt", erklärte sie heiter, als ich sie darauf ansprach.
Am Sonntag stand um 9 Uhr die Heilige Messe zum Fest Taufe des Herrn an, in Form eines Pontifikalamts mit dem Augsburger Weihbischof Florian Wörner. Pontifikalamt und Pop: eine abenteuerliche Mischung. Das zeigte sich besonders beim Gloria: Als auf den Bildschirmen neben der Bühne die ersten Verse von "Engel auf den Feldern singen" eingeblendet wurden, dachte ich noch: Na klar, letzter Sonntag der Weihnachtszeit, warum nicht noch mal ein weihnachtliches Gloria-Lied. Aber als die Band einsetzte, stellte ich fest: Es ist die Disco-Version von "Engel auf den Feldern singen"! Von außen betrachtet womöglich etwas bizarr, aber wenn man mittendrin war, war's schon sehr mitreißend. Eher traditionell gesinnte Gemüter kamen durchaus auch auf ihre Kosten: Zur Tauferneuerung gab's eine schön arrangierte Fassung von "Fest soll mein Taufbund immer stehn". -- Grandios war auch in dieser Messe wieder die Predigt. In allgemeinverständlicher Sprache, aber dennoch auf beachtlichem theologischen Niveau erläuterte Weihbischof Wörner den inneren Zusammenhang zwischen Taufe und Passion Jesu, und im weiteren Verlauf gab er seinen Zuhörern äußerst motivierende Impulse für ein aus Gebet und Sakramenten gespeistes christliches Leben im Alltag mit auf dem Weg. Nach der Messe hatte ich noch kurz Gelegenheit, persönlich mit Weihbischof Wörner zu sprechen. Guter Mann!
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| Weihbischof Florian Wörner bei der Predigt. |
Bis 13 Uhr, so wurde uns mitgeteilt, mussten die Messehallen geräumt sein, aber bis dahin gab's nochmal Lobpreis. Wir traten aber bald den Rückzug an - schließlich stand uns ein langer Heimweg bevor.
Wie lautet nun also das Fazit nach vier Tagen MEHR? - Dass ich absolut begeistert bin, brauche ich nach allem bisher Gesagten wohl kaum noch zu betonen. Wenngleich mir Manches, was ich während dieser Tage erlebt und beobachtet habe, fremd und ein bisschen unheimlich geblieben ist, war die Konferenz im Ganzen sehr gut geeignet, Vorurteile und Berührungsängste gegenüber charismatischen Gruppierungen abzubauen; es gab viele schöne Begegnungen, die Vorträge und Predigten waren lehrreich, herausfordernd und motivierend, und die starke Fokussierung der ganzen Veranstaltung auf das Gebet ("Alles Große, Gute und Echte wird im Gebet geboren!") enorm inspirierend. Was ich in diesen Tagen gelernt habe und wozu die MEHR mich motiviert hat - insbesondere in Hinblick auf das schon in mehreren früheren Artikeln angedeutete Projekt "Subversive Pastoral mit Suppe, Punkrock und Fahrradreparatur (oder so)" -, darüber gäbe es noch eine Menge zu sagen, und das werde ich auch tun, aber ich schätze, das braucht noch ein paar Tage, um in mir zu reifen.
Einstweilen möchte ich noch auf ein paar andere schöne Artikel zur MEHR 2017 verweisen:
kephas: "Ökumene Pfui? Charisma Bäh?"
just wondering: "Faszinierend! Die MEHR 2017"
katholon: "#MEHR2017 - mehr als nur eine Konferenz"
Kritische Stimmen gab es natürlich auch. Vor allem von Leuten, die nicht da waren. Klar, man konnte die Konferenz auch per Livestream im Internet verfolgen, aber manche Reaktionen lesen sich so, als hätten ihre Urheber sich allenfalls ein sehr oberflächliches Bild von der MEHR gemacht und die Leerstellen mit ihren eigenen Vorstellungen davon aufgefüllt, wie ein überkonfessioneller Charismatiker-Kongress eben sei. Ein bisschen erinnerte mich das an den früheren Bloggerkollegen Geistbraus, der traditionell Verrisse über die jährlichen Katholischen Bloggertreffen verfasste, an denen er nicht teilgenommen hatte. Der Unterschied ist: Ihm war die Ironie dieses Vorgehens bewusst und als solche beabsichtigt. Glaube ich jedenfalls.
Damit will ich übrigens nicht in Abrede stellen, dass man an einzelnen Aspekten der Veranstaltung durchaus fundierte Kritik äußern kann (vgl. z.B. die umfangreichen Kommentare unter dem ersten Teil dieses Berichts). Mir erscheint es jedoch wichtiger, sich auf das zu konzentrieren, was daran gut war.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass nahezu zeitgleich zu der von Weihbischof Wörner zelebrierten Messe im NDR ein Radiogottesdienst aus der St.-Willehad-Kirche in Nordenham ausgestrahlt wurde. Den habe ich mir dann später in der Mediathek angehört. Und in gewissem Sinne verstärkten sich die absolut trostlose Grottigkeit dieses Radiogottesdienstes und meine Begeisterung über die MEHR gegenseitig. Wenn man mehr oder weniger gezwungenermaßen mit einem Auge der Volkskirche beim Abnippeln zusieht, ist es umso tröstlicher und ermutigender, mit dem anderen Auge zu sehen, dass es auch anders geht. -- Ich habe es ja oben bereits angedeutet: Viel wichtiger als dieses viertägige Mega-Event als solches sind ja die Impulse, die daraus hervorgehen. Was für Impulse das im Einzelnen sein könnten, dazu wie gesagt später mehr; aber eins kann ich schon mal vorausschicken: Ich meine damit nicht, dass jede Feld-, Wald- und Wiesenpfarrei ihren Organisten feuern und stattdessen eine Lobpreisband engagieren sollte. Also, nicht unbedingt.
Dass bei der MEHR tatsächlich der Heilige Geist am Werk war, daran zweifelt wohl niemand, der die Konferenz miterlebt hat. Ich zumindest schwebe immer noch ein paar Zentimeter über dem Boden...







