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Sonntag, 11. September 2016

Ben Hur oder wie ich lernte das 3D-Action-Kino zu lieben - jedenfalls fast

Seit gut einer Woche läuft Timur Bekmambetovs Ben Hur-Neuverfilmung in den deutschen Kinos, und trotz oder vielleicht auch gerade wegen der - soweit ich das überblicken kann - weit überwiegend negativen Kritiken, die der Film bekommen hat, wollten meine Liebste und ich ihn uns nicht entgehen lassen. Die Kritiken, die ich gelesen oder zum Teil auch nur überflogen hatte, waren übrigens praktisch ausschließlich auf christlichen Websites erschienen. Was ja schon mal ein erhebliches Interesse der christlichen Community an diesem Film erkennen lässt. 

Bevor der Film begann, gingen wir in der Nähe des Kinos noch etwas essen und "verpassten" so einen Teil der Werbung. Machen wir eigentlich immer so - klappt gut. Einige Trailer für in naher oder mittelferner Zukunft anlaufende Filme mussten wir aber doch noch über uns ergehen - und es gab mir zu denken, dass es sich dabei ausschließlich um Actionfilme handelte. Und um totalen Trash noch dazu. "Jack Reacher", "Assassin's Creed", "Doctor Strange", "The Great Wall" - einer hanebüchener als der andere. Ich fragte mich bang, was diese Trailerauswahl wohl über den Film aussagte, der uns erwartete, aber zugleich dachte ich auch, die geradezu schreiende Beklopptheit der angekündigten Filme würde mich Ben Hur gegenüber vielleicht toleranter stimmen. 

Aber kein noch so protzig überproduzierter Trailer für eine Comic- oder Videospielverfilmung und keine noch so negative Besprechung hätte mich angemessen darauf vorbereiten können, wie schlecht dieser Film ist. Also, zumindest das erste Drittel. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen und kann nicht sagen, ob es von der Länge her das erste Drittel ist - aber dramaturgisch ist es das erste Drittel. Also der Teil bis zum Attentat auf Pontius Pilatus. Wobei ich die Anfangssequenz, die mit dem Höhepunkt der Handlung, dem alles entscheidenden Wagenrennen, beginnt und dann acht Jahre zurück in die Vergangenheit zu einem spielerisch-freundschaftlichen Wettrennen zwischen Ben Hur und Messala überblendet, eigentlich relativ gelungen fand - ganz anders als José García in seiner Besprechung für die Tagespost: "Diese, der Fernsehdramaturgie entnommene Unsitte, die vermeintlich spannende Szene eines Filmes an dessen Anfang zu setzen, wirkt in 'Ben Hur' völlig fehl am Platz", meint der Rezensent. Ich musste da irgendwie an meine Dramaturgie-Dozentin an der Uni denken, die einmal, als ich mich über die in meinen Augen misslungene Exposition von George Lillos bürgerlichem Trauerspiel The London Merchant mokierte, sarkastisch erwiderte: "Na, da wird sich der Lillo jetzt aber im Grab umdrehen und sich fragen: Warum hab ich dem Stück keine vernünftige Exposition geschrieben?" Was sie mir damit klar machen wollte, war natürlich: Lillo hat die Exposition nicht aus Versehen genau so geschrieben, oder weil er es nicht besser konnte, sondern mit voller Absicht. Er wird sich schon was dabei gedacht haben. Und dasselbe gilt eben auch für Bekmambetovs Ben Hur-Eröffnungssequenz. Man kann sie doof finden, aber das heißt nicht zwangsläufig, dass es sich objektiv um einen Regiefehler handelt. Vielleicht ist das auch einfach ein zeitgemäßes dramaturgisches Mittel, an das wir uns, ob es uns gefällt oder nicht, gewöhnen müssen. -- Eine weitere Parallele zu Lillos The London Merchant besteht übrigens darin, dass der junge Goethe seinen Besuch einer Aufführung des damaligen Erfolgsstücks in einem Brief an seine Schwester mit den Worten schildert: "Die meiste Zeit über gegähnet, zum Schlusse aber geweint." (Das war die Epoche der Empfindsamkeit. Wenn das Publikum weinte, war das etwas Gutes.) 

Die Filmkritik in der Tagespost steht unter der Überschrift "Überflüssige Neuverfilmung eines Klassikers" und lässt den Leser somit von Anfang an nicht im Unklaren darüber, aus welcher Perspektive der Film hier beurteilt wird: Der Rezensent misst Bekmambetovs Neuverfilmung an William Wylers klassischem Monumentalfilm von 1959, mit Charlton Heston in der Titelrolle und Stephen Boyd als Messala. Bei diesem Vergleich kann der neuere Film natürlich nur verlieren - außer im Hinblick auf die Actionsequenzen. Besonders hart geht García mit der schauspielerischen Leistung ins Gericht, vor allem mit den "im Vergleich zu Charlton Heston und Stephen Boyd amateurhaft spielenden" Hauptdarstellern Jack Huston und Toby Kebbell. Na klar, solche Schauspieler wie Charlton Heston und Stephen Boyd werden heutzutage einfach nicht mehr gebacken. Von daher hatte ich, was die schauspielerische Qualität angeht, von vornherein keine großen Erwartungen; aber selbst die wurden von diesen mittelprächtigen Soap-Opera-Mimen mit ihren hübschen, glatten, uninteressanten Soap-Opera-Gesichtern noch unterboten. Im Grunde passte diese Besetzung aber recht gut zu dem Umstand, dass auch die Dialoge Soap-Opera-Niveau haben. Gute Schauspieler hätten in diesem Film nichts verloren - das merkt man nur allzu deutlich an Morgan Freeman, der in der zweiten Hälfte des Films als Scheich Ilderim auftritt: Die darstellerischen Fähigkeiten des Oscar-Preisträgers sind für diese Rolle schlicht verschwendet. Aber jetzt greife ich mir vor. 

Dass die Hauptkontrahenten der Handlung, Ben Hur und Messala, gerade im Vergleich zur Verfilmung von 1959 arg farblos und hölzern wirken, ist kaum zu leugnen. Charles Martig, der den Film für das Online-Portal kath.ch rezensiert hat, hat an ihnen jedoch noch etwas ganz Anderes zu bemängeln: nämlich, dass sie "deutlich heterosexuell konnotiert" seien. Will sagen: Die homoerotischen Untertöne ihrer Beziehung würden gezielt in den Hintergrund gedrängt. Da staunt der Fachmann und der Basischrist wundert sich: Mal ganz abgesehen davon, dass man sich - sofern auch hier wieder die Verfilmung von 1959 als Referenzpunkt dienen soll - ja wohl kaum einen heterosexuelleren Männerdarsteller vorstellen kann als Charlton Heston, wirkt es schon einigermaßen sonderbar, dass diese Kritik ausgerechnet auf einem katholischen Online-Portal geäußert wird. Aber dabei muss man bedenken, dass kath.ch kein Portal der Katholischen Kirche ist, sondern eines der Katholischen Kirche der Schweiz. Das ist ein Unterschied. Die Katholische Kirche der Schweiz, das muss man wissen, ist eher so etwas wie die Katholisch-Patriotische Vereinigung der Volksrepublik China, nur mit mehr Kohle. Wer sich als deutscher Katholik darüber ärgert, wie wenig glaubenstreu sich das Portal katholisch.de zuweilen positioniert, der kann Gott danken, dass er kein Schweizer ist. Aber zurück zum Film. 

Ab dem Attentat auf Pontius Pilatus nimmt der Film Tempo auf und hat dankenswerterweise nicht mehr so viel Zeit für banale Dialoge. Und ab der Galeeren-Sequenz fangen auch die 3D-Effekte an, sich zu lohnen. Die Seeschlacht und der anschließende Schiffbruch sind derart atemberaubend ins Bild gesetzt, dass man die Blödsinnigkeit der Handlung darüber fast übersehen könnte. -- Damit meine ich nicht die mangelnde historische Korrektheit ("Römische Galeeren wurden nicht von Sträflingen gerudert!!") - dieser Fehler geht schließlich auf das Konto der Romanvorlage. Nein, ich meine: Der Kommandant der Galeere findet, das Schiff sei zu langsam, und reagiert darauf, indem er den Ruderern eine Ansprache hält - während der sie nicht weiterrudern können. Mitten in der Seeschlacht. Geh mir doch weg. 

Den Untergang der Galeere überlebt Ben Hur dadurch, dass er sich an ein Trümmerteil des zerstörten Schiffes klammert, und nicht ohne Grund hat dieses Trümmerteil die Form eines Kreuzes - ein starkes Bild, das vielleicht nicht ganz zufällig an die Eröffnungsszene von Paul Claudels Drama "Der seidene Schuh" erinnert; eine Szene, von der Joseph Ratzinger in seiner "Einführung in das Christentum" schreibt, in ihr werde die "Situation des Glaubenden in eine große und überzeugende Bildvision gebannt": 
"Ein Jesuitenmissionar [...] wird als Schiffbrüchiger dargestellt. Sein Schiff wurde von Seeräubern versenkt, er selbst an einen Balken des gesunkenen Schiffes gebunden, und so treibt er nun an diesem Stück Holz im tosenden Wasser des Ozeans. Mit seinem letzten Monolog beginnt das Schauspiel: 'Herr, ich danke dir, daß du mich so gefesselt hast. Zuweilen geschah mir, daß ich deine Gebote mühsam fand, und meinen Willen im Angesicht deiner Satzung ratlos, versagend. Doch heute kann ich enger nicht mehr an dich angebunden sein, als ich es bin, und mag ich auch meine Glieder eines um das andere durchgehn, keines kann sich auch nur ein wenig von dir entfernen. Und so bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere'." 
So ist auch Ben Hur "[a]ns Kreuz geheftet – das Kreuz aber an nichts, treibend über dem Abgrund. [...] Nur ein loser Balken knüpft ihn an Gott, aber freilich: er knüpft ihn unausweichlich, und am Ende weiß er, daß dieses Holz stärker ist als das Nichts, das unter ihm brodelt, das aber dennoch die bedrohende, eigentliche Macht seiner Gegenwart bleibt." -- Leider versaut es der Film gleich wieder, indem sich, nachdem Ben Hur gestrandet ist, unversehens von rechts oben eine Pferdeschnauze ins Bild schiebt - was dank 3D-Effekt wohl irgendwie toll wirken soll, tatsächlich aber einfach peinlich und unfreiwillig komisch ist.

Übrigens setzt an dieser Stelle eine erhebliche Straffung und Vereinfachung der Handlung ein, die wesentlich dazu beiträgt, dass die Neuverfilmung um über eineinhalb Stunden kürzer ist als der Monumentalfilmklassiker von anno 1959, und die auch in der Tagespost-Rezension zu Recht bemängelt wird. Mag ja sein, dass diese Kürzungen einer realistischen Einschätzung der in den letzten 57 Jahren rapide geschrumpften Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Kinozuschauers geschuldet sind, aber sollte das so sein, fände ich das recht bedenklich: So kompliziert ist die Handlung der 59er Verfilmung ja nun auch nicht, dass man unbedingt Abitur bräuchte, um ihr folgen zu können.

Die Augen gerieben habe ich mir allerdings bei Garcías Kritik daran, dass "in der Neuverfilmung die Szenen im 'Tal der Aussätzigen'" weggefallen seien - denn eine solche Szene kommt sehr wohl im Film vor. Na, vielleicht war der Rezensent da gerade auf dem Klo. -- Immerhin ist die weitere Handlung ab Ben Hurs Rückkehr nach Jerusalem in erfreulichem Maße düsterer und spannender geraten als das läppische erste Drittel, aber so richtig überzeugend ist das weiterhin alles nicht - bis endlich, endlich das große Wagenrennen herannaht. Ich meine, seien wir ehrlich: Was erwartet jemand, der ins Kino geht, um sich - in 3D! - einen Film anzuschauen, wo groß und breit "Ben Hur" draufsteht? - Antwort: Er will ein geiles Wagenrennen sehen. Punkt. Und in dieser Hinsicht lässt der Film keine Wünsche offen. Dieses Wagenrennen: Uiuiui. Jungejunge. Ohauer hauerha. Dochdoch. 

So gesehen muss man den Film insgesamt als gelungen bezeichnen, und dabei könnte man es belassen - allerdings fällt mir beim Stichwort "blöder Film, aber gute Wagenrennszene" natürlich Star Wars Episode I ein. Ich sag mal so: Hätte es den damals schon in 3D gegeben, hätte ich den Film vermutlich für zu 50% gelungen erklärt. Gab's aber nicht, und so blieb es bei einem zu 80% schrottigen und nur zu 20% akzeptablen Film. Wenn man nun Star Wars Episode I und den neuen Ben Hur miteinander vergleicht, stellt sich natürlich die Frage, was sie außer der Rennsequenz noch haben, das sie sehenswert macht. Bei Star Wars Episode I war das Natalie Portman; bei Ben Hur ist es Jesus. Sprechen wir also mal über Jesus. 

Charles Martig bemängelt auf kath.ch, Jesus werde in Bekmambetovs Ben Hur-Verfilmung "nur noch [!] als Nebenfigur gezeigt" und spiele "keine zentrale Rolle mehr", sondern sei vielmehr "in die vielen dramaturgischen Lücken gepresst". - Dazu ist zunächst zu sagen, dass die 1880 erschienene Romanvorlage stark vom teils historisch, teils religiös motivierten Interesse des Autors Lew Wallace an der Gestalt Jesu geprägt war und auch den Untertitel A Tale of the Christ trägt; an entscheidenden Wendepunkten der Romanhandlung berühren sich immer wieder die Lebenswege Ben Hurs und Jesu. Schon in William Wylers Verfilmung von 1959 - in der Jesus dadurch mit einem besonderen Nimbus ausgestattet ist, dass er immer nur von hinten zu sehen ist - spielt dieser Aspekt jedoch nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle; man könnte sogar, ganz im Gegensatz zu Martigs Einschätzung, behaupten, dass Jesus in der Neuverfilmung - vielleicht auch bedingt dadurch, dass sie ansonsten weit weniger beeindruckend geraten ist - tendenziell eher eine größere Rolle spielt. Tatsächlich erweckt Martigs Kritik auf den zweiten Blick den Eindruck, der Rezensent störe sich in Wirklichkeit weniger daran, dass die Rolle Jesu zu klein ausgefallen sei, als vielmehr daran, dass dieser Jesus "den Klischees des konservativen Jesusfilms genügt", oder präziser gesagt, dass er "an die evangelikalen Vorbilder des weissgekleideten und langhaarigen Christus mit übermächtiger Präsenz angelehnt" ist. Dabei erscheint der Jesus des Films in seinen ersten Auftritten im Grunde als ein mit liberalen Vorstellungen durchaus kompatibler "Give-Peace-a-Chance"-Hippie und gewinnt erst gegen Ende des Films messianisches Format. Seine Kreuzigung allerdings wird dann als der entscheidende Wendepunkt der Handlung in Szene gesetzt: Im Moment seines Todes verfinstert sich nicht nur der Himmel, sondern es kommt auch zu einer Spontanheilung von Aussätzigen, sodass sich nun auch der Kinozuschauer sagen muss: "Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!" Und das kann kath.ch natürlich nicht gefallen. 

Das größte Wunder, das der Kreuzestod Jesu im Rahmen der Filmhandlung bewirkt, ist jedoch die Bekehrung Ben Hurs vom Rachedurst zur Vergebung. Plötzlich, ja schlagartig sieht er seinen Triumph über seinen Widersacher Messala beim Wagenrennen in einem neuen und unerwarteten Licht: "Ich habe meinen Bruder verloren." Mangels schauspielerischen Formats gerät diese Wandlung nicht ganz so eindrucksvoll, wie man sich das wünschen könnte, und die Versöhnungsszene zwischen den beiden Kontrahenten wirkt obendrein arg pathetisch und dick aufgetragen; dennoch ist dem Bloggerkollegen Josef Bordat zuzustimen, wenn er in seiner sehr wohlwollenden Besprechung des Films das Thema "Vergebung" als ein "Grundthema des Films" hervorhebt: Der Handlungsverlauf zeigt, "welche Kraft von der Versöhnungsbereitschaft ausgeht, eine Kraft, die der Film vor allem der Botschaft Jesu zuschreibt, die daher so 'gefährlich' sei, wie ein römischer Soldat bemerkt." Mit dieser Botschaft, so Josef Bordat, passe "[d]ie Neuverfilmung von Ben Hur [...] gut ins Jahr der Barmherzigkeit". Da will ich nicht unbedingt widersprechen. Aber das allein macht eben noch keinen guten Film aus.

So bleibt unter dem Strich der Eindruck einer unausgegorenen Mischung aus Möchtegern-Action-Blockbuster und evangelikalem Propagandafilm mit mittelbegabten Laiendarstellern. Vielleicht schaue ich mir als Nächstes doch lieber The Great Wall an. Da geht es, soweit ich es dem rasant geschnittenen Trailer entnehmen konnte, offenbar darum, dass die Chinesische Mauer zum Schutz vor irgendwelchen urweltlichen Monstern gebaut wurde; und die 3D-Effekte haben's wirklich in sich...


Marsch für das Leben: Von Widerstand nicht einschüchtern lassen

Rund zwei Wochen vor dem diesjährigen Marschs für das Leben wurde die im denkmalgeschützten Gebäude der Herz-Jesu-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg untergebrachte Geschäftsstelle des BundesverbandsLebensrecht e.V. mit Farbbeuteln attackiert und mit Parolen beschmiert. Einen ähnlichen Angriff hatte es bereits vor zwei Jahren gegeben; damals waren auch die Fensterscheiben der Geschäftsstelle eingeworfen, mit der Folge, dass eine Beratungsstelle für Schwangere in Konfliktsituationen sowie eine Kleiderkammer mit Säuglingsausstattung durch Glassplitter und Lackfarbe zeitweilig unbrauchbar gemacht wurden. Zu dem Anschlag im September 2014 hatte sich auf der Online-Plattform antifa-berlin.info eine AG Savita Halappanawar bekannt - benannt nach einer im Jahr 2012 nachSchwangerschaftskomplikationen in einer irischen Klinik verstorbenen Frau, die seither in einschlägigen Kreisen zu einer Art Märtyrerin im Kampf um ein "Recht auf Abtreibung" stilisiert wird. Im aktuellen Fall wurde auf entsprechenden Seiten zwar im Tonfall unverhohlener Zustimmung über den Anschlag berichtet, jedoch nicht in Form einer Selbstbezichtigung. Möglicherweise erschien die Aktion den Tätern bzw. der hinter ihnen stehenden "Szene" dafür einfach als zu unspektakulär; schließlich handelt es sich diesmal "nur" um Farbe.  





Scheiben sind diesmal nicht zu Bruch gegangen, und es wurde auch kein Feuer gelegt (wie das ja in Berlin ja nicht unbedingt unüblich wäre. Vertreter des Bundesverbands Lebensrecht erklärten, es sei in gewissem Sinne eine Themenverfehlung, wenn die Berichterstattung über den jährlichen Marsch für das Leben sich allzu sehr auf die aggressiven Gegenproteste konzentriere: "Davon, dass wir uns über die gegen uns gerichtete linksradikale Gewalt beklagen, sinken die Abtreibungszahlen nicht." Man wolle sich daher von Aktionen wie der Farbbeutelattacke auf die Geschäftsstelle nicht großartig beeindrucken lassen, sondern sich lieber auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren - etwa darauf, sich gegen die Ausweitung von Pränataldiagnostik und speziell gegen die Einführung von Trisomie-Bluttests als Kassenleistung zu engagieren. 


"Wenn wir wahlweise als 'Antifeministen', als 'christliche Fundamentalisten' oder neuerdings als 'Neue Rechte' tituliert werden", ergänzt Gerhard Steier, Geschäftsführer des mit zwölf anderen Lebensrechtsinitiativen im Bundesverband Lebensrecht zusammengeschlossenen Vereins KALEB ("Kooperative Arbeit Lebenehrfürchtig bewahren"), "dann dient das ja nicht zuletzt dazu, davon abzulenken, wofür wir eigentlich stehen. Nämlich dafür, dass jedes Menschenleben gleichermaßen wertvoll und schützenswert ist." Es sei daher wichtig, sich auf dieses Spiel nicht einzulassen. "Wir sollten die Personen oder Gruppen, die gegen den Marsch für das Leben agitieren, nicht als 'unsere Gegner' betrachten", so Steier. "Ja, wir bekommen Widerstand zu spüren, und das ist zuweilen unangenehm und auch schmerzhaft - aber die eigentlichen Leidtragenden sind nicht wir, sondern die ungeborenen Kinder. Deren Leid hat im Mittelpunkt zu stehen, nicht unseres."

Derweil erklärt Stefan Friedrich, Berliner Landesvorsitzender der ebenfalls im Bundesverband Lebensrecht vertretenen "Christdemokraten für das Leben" (CDL) und zugleich Bürgerdeputierter für die CDU im Bezirk Pankow, der Anschlag auf die BVL-Geschäftsstelle gelte "nicht nur den Lebensschützern und der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde, sondern allen Demokraten". Linksextreme Gewalt, so Friedrich, dürfe "nicht länger verharmlost werden". Dies betreffe auch "die zahllosen Gewaltaufrufe gegen die Pro-Life-Bewegung, die über das Internet und die sozialen Medien verbreitet werden. Wenn Extremisten in Internetportalen regelmäßig zu Straftaten aufrufen bzw. sie im Schutze der Anonymität begehen, ist die Justiz aufgefordert einzuschreiten." Gegebenenfalls müsse auch "die Politik hier handeln und entsprechende hetzerische Gewaltportale endlich vom Netz nehmen".

Tatsächlich verweist der an die Fassade der Herz-Jesu-Kirche gesprühte Slogan "Eure Propaganda stinkt zum Himmel" auf eine größer angelegte Kampagne gegen den diesjährigen Marsch für das Leben - denn unter demselben Motto kursieren derzeit auf einschlägig bekannten Online-Portalen wie linksunten.indymedia.org diverse Aufrufe zu Störaktionen gegen so genannte "christliche FundamentalistInnen", von denen es heißt wollten beim Marsch für das Leben "bewaffnet [!] mit Holzkreuzen durch Berlins Straßen ziehen" und "für ein Weltbild" demonstrieren, "das wir schon lange fürs ausgestorben hielten". 

Derartige Aufrufe hat es freilich auch in den vergangenen Jahren stets gegeben, und tatsächlich kam es beim Marsch für das Leben immer wieder zu Störungen und Angriffen von gewaltbereiten Gegendemonstranten. In Panik geraten sollte man angesichts dieser neuerlichen Drohungen jedoch nicht. Wie die Pressestelle der Berliner Polizei auf Anfrage versichert, bezieht die Polizei die geplanten Störaktionen gegen den Marsch für das Leben in ihr Einsatzkonzept ein und wird "sicherstellen, dass das Recht auf Versammlungsfreiheit unbehelligt ausgeübt werden kann".

Wenig überraschend ist es indes, dass auf den verschiedenen Mobilisierungsplattformen für die Gegenproteste zum Marsch für das Leben mit keinem Wort auf die tatsächlichen Anliegen des Marsches eingegangen wird, wie sie etwa in der Berliner Erklärung des Bundesverbands Lebensrecht nachgelesen werden können und in deren Mittelpunkt "das unbedingte Recht auf Leben als oberstes Menschenrecht und elementare Grundlage unserer rechtsstaatlichen Ordnung" steht. Stattdessen wird behauptet, beim Marsch für das Leben gehe es darum, "das Rad der Geschichte zurück zu drehen" - um "einen grundsätzlichen, antifeministischen Rollback", ein "christlich-fundamentalistisches Weltbild", basierend auf "der patriarchal-bürgerlichen Kleinfamilie, Zweigeschlechtlichkeit, einer strengen Sexualmoral und der Ablehnung von Trans*identitäten, Inter*geschlechtlichkeit und Homosexualität", sowie darum, "Mädchen und Frauen jedes Recht auf Selbstbestimmung nehmen". Es wird unterstellt, die Veranstalter bzw. Teilnehmer des Marsches kämpften "gegen die heutige Vielfalt von Lebensentwürfen, sexuellen Orientierungen oder geschlechtlichen Identitäten. Sie hetzen gegen Gleichstellung und eine tolerante Gesellschaft und bedrohen mit dieser Haltung Leben statt es zu schützen" - wobei nicht einmal ansatzweise begründet oder erläutert wird, wie man zu dieser Einschätzung kommt bzw. was man konkret mit diesen Begriffen meint. Diese Rhetorik zielt offenkundig darauf ab, bei den Adressaten dieser Aufrufe keinerlei Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass es sich bei den Teilnehmern am Marsch um gefährliche Finsterlinge handle, gegen die der Einsatz von Gewalt nicht nur legitim, sondern sogar geboten sei.

Wie schon in den letzten Jahren läuft die Organisation der Proteste gegen den Marsch für das Leben zweigleisig: Ein "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung", das von diversen Vertretern der SPD, der Linken und der Grünen unterstützt wird, ruft unter dem Motto "Mein Körper, meine Verantwortung, meine Entscheidung - weg mit § 218!" zu einer Gegenkundgebung auf, die am Tag des Marsches um 13:30 Uhr am Brandenburger Tor beginnen soll; bereits um 12 Uhr trifft sich am Anhalter Bahnhof das "antifaschistische und queerfeministische" Bündnis "Marsch für das Leben? What the fuck!" mit dem erklärten Ziel, den Marsch zu "blockieren". Wenngleich beide Veranstaltungen offiziell nichts miteinander zu tun haben, ergibt sich aus den jeweiligen Mobilisierungsaufrufen der Eindruck einer engen programmatischen und auch personellen Verflechtung.

Nicht unerwähnt bleiben sollte es, dass auf den Mobilisierungs-Websites der Lebensschutz-Gegner auch über mögliche strafrechtliche Konsequenzen der vorgeschlagenen Aktionen diskutiert wird. Dass die Gegendemonstranten Anzeigen wegen Körperverletzung riskieren könnten, wird als unwahrscheinlich eingeschätzt. Womöglich interessanter ist allerdings, was in diesem Zusammenhang zu § 21 des Versammlungsgesetzes angemerkt wird: 
"Nach diesem macht sich strafbar, wer eine angemeldete Versammlung gröblich stört. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass dies auf uns als Protestierende nicht angewendet wird." 
Aha?!

Nun, aller Voraussicht nach wird das die Gegendemonstranten nicht davon abhalten, wie jedes Jahr im Nachhinein lautstark darüber zu klagen, "deutsche Polizisten" - die ja, einem bekannten linksradikalen Bonmot zufolge, sowieso "Gärtner und Floristen" (oder so etwas Ähnliches) sind - hätten dem Marsch für das Leben "brutal den Weg freigeknüppelt". -- Im Übrigen "warnt" eine der einschlägigen Seiten ihre Zielgruppe: 
"Falls Ihr dabei auffallt, [...], könntet Ihr angesprochen werden. Viele werden [...] für euch beten." 


In der Tat wäre Letzteres eine Reaktion, die auch ich empfehlen würde.

Freitag, 9. September 2016

Corporate Ugliness?

Man soll ja eigentlich nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird, aber manchmal ist es - zumindest für einen Profi-Prokrastinierer wie mich - ja auch ganz schön, wenn man, während man eigentlich andere und wichtigere Dinge zu tun hätte, unversehens mit der Nase auf ein Thema gestoßen wird, von dem man denkt: MUSS ich dazu jetzt was schreiben? Eigentlich nicht, aber -- och komm, wieso denn nicht

Die Frage, auf die ich solcherart stieß bzw. gestoßen wurde, lautet: 

Müssen konservativ-katholische Blogs - optisch - hässlich sein? 

Die Frage klingt komisch? Vielleicht. So ganz ernst gemeint ist der auf Twitter geführte Wortwechsel darüber wohl auch nicht, jedenfalls sind die Wortmeldungen hierzu mit dem einen oder anderen Zwinker-Smiley garniert. Aber ein bisschen zu denken gegeben hat es mir doch. 

Ich fange am besten mal vorne an: Alles begann mit einem Tweet eines Mitarbeiters von katholisch.de. Es ist ja nichts Neues, dass seitens dieses offiziellen Online-Portals der Katholischen Kirche in Deutschland gern mal die eine andere Spitze in Richtung der gern pauschal als erzkonservativ-dunkelkatholisch eingestuften Blogoezese losgelassen wird, und damit können alle Beteiligten wohl auch ganz gut leben; ein bisschen "Kabbelei", wie man in Norddeutschland sagt, versüßt ja den Alltag, und zudem zeigt das, dass die Berufskatholiken in Bonn den bloggenden Freibeutern doch eine größere "publizistische Relevanz" beimessen, als sie es nach außen hin zugeben. Bei alledem wäre es sicherlich irrig, anzunehmen, dass man bei katholisch.de der Blogoezese grundsätzlich und ausnahmslos feindselig gegenüberstünde (und umgekehrt). Gerade der eben erwähnte Tweet dokumentiert im Grunde das Gegenteil: Hier verlinkte ein katholisch.de-Autor nämlich auf einen Blogartikel des Kreuzknappen, und zwar deshalb, weil dieser einen auf katholisch.de erschienen Beitrag dieses Autors gegen überzogene bzw. unzutreffende Kritik seitens eines anderen Blogs verteidigte. Soweit also alles fein und friedlich. Auftritt: ein bloggender und twitternder liberal-protestantischer Theologiestudent. Mit diesem jungen Mann stehe ich - nicht permanent, aber immer mal wieder - in einem regen Austausch, seit er in der löblichen Absicht, seine persönliche Filterblase zu erweitern, auf Twitter Interesse am Diskurs mit konservativen Christen signalisiert hat. (also, konservativ aus seiner Sicht. Sooo konservativ finde ich mich selber eigentlich gar nicht, aber -- anderes Thema.) Das ist zwar manchmal anstrengend, zumal wir in unseren Debatten immer wieder bei denselben Kern-Meinungsverschiedenheiten ankommen, aber oft ist es auch durchaus anregend. Jedenfalls kommentierte er den besagten, auf den Kreuzknappen verlinkenden Tweet mit der Frage: 
"Gibt es eigentlich einen geheimen Pakt, dass alle konservativ-katholischen Blogs so superhässlich aussehen müssen?" 
Tja - gibt es den? Ich fühlte mich natürlich gleich mit-angesprochen. Gab ja aus den Kreisen meiner Leser auch immer mal wieder Beschwerden, das Design meines Blogs würde Augenkrebs verursachen. Um solchen Einwürfen entgegenzukommen, habe ich das Farbschema meines Blogs in den bald fünf Jahren seines Bestehens schon dreimal geändert, aber irgendwann ist es ja auch mal gut. Doch genug von mir, es geht schließlich um "konservativ-katholische Blogs" im Allgemeinen. Sind die wirklich so hässlich? Ich dächte nein. Mit gewollter Bierernstigkeit wies ich darauf hin, es gebe durchaus sehr schön gestaltete "konservativ-katholische Blogs", nicht umsonst habe der "Schwester-Robusta-Preis der deutschsprachigen Blogoezese" sogar eine Kategorie "Augenhonig" (hier die Preisträger von 2014: "Braut des Lammes", "Sacerdos viennensis", "Rosenkranz und Pilgerzeichen"). Urheber und Adressat der oben aufgeworfenen Frage ließen sich von derlei Einwänden aber nicht groß den Spaß verderben. Der katholisch.de-Mitarbeiter erwiderte augenzwinkernd: 
"im Sinne eines Corporate Design ist es eigentlich auch gar nicht so dumm...", 
und der Evangele legte nach:
"Vielleicht gibt es ja auch einen Pakt, dass alle Webdesigner liberal sein müssen."
Ein weiterer Twitter-Bekannter - selbst katholisch und Blogger, aber dem (wie auch immer definierten) "konservativen" Spektrum durchaus kritisch gegenüberstehend - schaltete sich ein: 
"Habe ich mich auch schon oft gefragt. Dabei geht es ihnen doch so oft um die Ästhetik, z.B. in der Liturgie." 
Als ich das letzte Mal auf Twitter nachgesehen habe, lief die Diskussion - wenn man sie so nennen will - immer noch, aber ich denke, ich kann darauf verzichten, sie weiter zu dokumentieren. Stattdessen frage ich lieber mal: Ja wie jetzt, geschätzte und verehrte Mitblogger, Leser und Freunde der Blogoezese - ist da was dran? Legen wir zu wenig Wert auf die optische Gestaltung unserer Seiten? Können "die Liberalen" (wer auch immer das im Einzelnen sein mag) Webdesign einfach besser? Oder stimmt das alles gar nicht, und es handelt sich bloß wieder mal um gemütlich-gemütvolles Konservativen-Bashing, das wir den geschätzten Herrschaften großzügig gönnen sollten? 

Ich bin gespannt auf Meinungen. Feuer frei und Leinen los! 


Donnerstag, 8. September 2016

Mutter Teresa und der Importpriester

Die Kirchengemeinde St. Bonifatius in Berlin-Kreuzberg veranstaltet einmal im Monat einen "Glaubensstammtisch" im Lokal "Kreuzberger Himmel". Bei der jüngsten Veranstaltung dieser Reihe sollte anlässlich der Heiligsprechung Mutter Teresas der im Jahr 2010 entstandene Dokumentarfilm Mutter Teresa - Heilige der Dunkelheit von Maria Magdalena Koller gezeigt werden. Das veranlasste meine Liebste und mich, dort hinzugehen, obwohl St. Bonifatius und der "Kreuzberger Himmel" von uns aus gesehen nicht gerade "um die Ecke" liegt. 

Gemeindepfarrer Oliver Cornelius, der den Stammtisch üblicherweise leitet, konnte wegen einer Kirchenvorstandssitzung nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen und wurde vom neuen Kaplan der Gemeinde, Edward Augusto Santiago Monroy, vertreten. 

Kaplan Monroy, der seinen Dienst in St. Bonifatius - nach Diakonat und Praktikum in der Pfarrei St. Matthias in Schöneberg und nach seiner Priesterweihe im Mai diesen Jahres - erst acht Tage zuvor angetreten hatte, ist gebürtiger Kolumbianer und kann somit als einer jener Geistlichen gelten, für die der "ZdK"-Vorsitzende Thomas Sternberg jüngst die wenig schmeichelhafte Bezeichnung "Importpriester" geprägt hat. Nach Berlin kam Monroy, der dem Neokatechumenalen Weg angehört, allerdings schon 2004, um das Priesterseminar "Redemptoris Mater" im Stadtteil Biesdorf zu besuchen und Theologie und Philosophie zu studieren. Unterbrochen wurde sein Aufenthalt in Berlin durch einen dreijährigen Studienaufenthalt in Italien. Er stamme aus einer "kleinen Familie", merkte der Kaplan augenzwinkernd an: Er sei das zweitälteste von acht Kindern, habe fünf Brüder und zwei Schwestern.

Ein Stammtisch-Teilnehmer wollte von Kaplan Monroy wissen, was ihn denn aus Kolumbien ausgerechnet nach Deutschland verschlagen habe: "Wollen Sie hier missionieren?" Der junge Geistliche bejahte die offenbar scherzhaft gemeinte Frage mit ernster Miene. Seine Motivation sei es, "die Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen"; zu diesem Zweck gehe er dahin, wohin Gott ihn schicke, und das sei in seinem Fall nun mal Berlin gewesen.

In seiner Einführung zum Film würdigte Kaplan Monroy Mutter Teresa als "eine Heilige unserer Zeit" - "Mir scheint, das ist wichtig", betonte er. Viele bekannte Heilige hätten in so gänzlich anderen Zeiten gelebt als wir, dass es dem heutigen Menschen vielfach schwer falle, in ihnen Vorbilder für das eigene Leben zu sehen. Dagegen gebe Mutter Teresas Leben ein starkes Zeugnis davon, wie Heiligkeit in unserer Zeit aussehen könne. 

Der Film selbst - auf der Bildebene eine Montage aus Archivmaterial, Interviews und (einigen wenigen) Spielszenen, durchgängig mit einem zuweilen etwas penetranten Off-Kommentar versehen - zeichnet ein eindrucksvolles Bild von Mutter Teresas Arbeit in den Slums von Kalkutta: Wie sie Ende der 1940er Jahre, kurz nach der Unabhängigkeit Indiens, ihre Stellung als Lehrerin und Schulleiterin an der Saint Mary's High School in einem der "besseren" Stadtteile Kalkuttas aufgab, um, anfangs allein und ohne jede institutionelle Unterstützung, zu den Ärmsten der Armen zu gehen, wie sie selbst betteln musste, um Anderen helfen zu können; wie sich ihr nach und nach immer mehr junge Frauen anschlossen, mit denen sie den Orden der "Missionarinnen der Nächstenliebe" aufbaute, der 1950 als Kongregation päpstlichen Rechts zugelassen wurde; und wie sie schließlich zu einer weltweit bekannten und bewunderten Symbolfigur christlicher caritas wurde. Insbesondere die Gründung des ersten "Heims für die Sterbenden" (Nirmal Hriday, wörtlich "Haus des reinen Herzens") im hinduistischen Tempelbezirk Khaligat und Mutter Teresas Fürsorge für die Leprakranken werden im Film eindringlich dargestellt. Daneben, oder eigentlich sogar hauptsächlich, konzentriert sich der Film auf Mutter Teresas Glaubenszweifel, Anfechtungen und Erfahrungen von Einsamkeit, Trostlosigkeit und Gottverlassenheit, denen sie in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen Ausdruck gegeben hat. 

"Wofür arbeite ich? Wenn es keinen Gott gibt, kann es auch keine Seele geben. Wenn es keine Seele gibt, dann, Jesus, bist du auch nicht wahr!" Diese Tagebuchnotiz Mutter Teresas aus dem Jahr 1959 steht ganz am Anfang des Films, und ähnliche Zitate durchziehen ihn geradezu leitmotivisch. Gleichzeitig lässt der Film keinen Zweifel daran, dass Mutter Teresas unermüdlicher Einsatz für die Armen, Leidenden und Ausgestoßenen gerade durch ihre bedingungslose Hingabe an Gott motiviert war und dass allein ihr Glaube ihr die schier übermenschlich erscheinende Kraft für ihre Arbeit gegeben hat. In einem Interview-Ausschnitt erklärt Mutter Teresa, sie habe "nie, nicht einmal für eine Sekunde daran gezweifelt, das Richtige getan zu haben": "Es war Gottes Wille, Er hat mich erwählt". An dem scheinbaren Widerspruch zwischen diesen Äußerungen arbeitet der Film sich weidlich ab. "Das Gefühl, von Gott nicht geliebt zu werden, bringt sie den Armen noch näher", konstatiert die Stimme aus dem Off, um kurz darauf rhetorisch zu fragen: "Braucht Mutter Teresa die Armen, um Gott zu finden?" 

Zwei langjährige geistliche Begleiter der Heiligen, Pater Joseph Neuner SJ und Pater Albert Huart SJ, kommen zu Wort, um dem Zuschauer das schon von dem großen Mystiker Johannes vom Kreuz (1542-1591) beschriebene Phänomen der "Dunklen Nacht der Seele" begreiflich zu machen: Solche Erfahrungen seien geradezu charakteristisch für Menschen, die eine besonders intensive Gottesbeziehung hätten; je näher der Mensch Gott komme, umso deutlicher - und schmerzlicher - spüre er die Distanz zu Ihm. 

Trotz solcher Erläuterungen krankt der Film insgesamt daran, dass er dem katholischen Glauben im Allgemeinen und Mutter Teresas persönlicher Frömmigkeit im Speziellen letztlich als etwas Fremdem und Unverständlichem gegenübersteht. So wird Mutter Teresas "obsessive [!] Hingabe an Gott" tendenziell pathologisiert und andeutungsweise als Kompensation für den frühen Tod ihres Vaters erklärt. Den Vogel schießt die Psychiaterin und "Burnout-Expertin" Margot Schmitz ab, die der Heiligen eine "aggressive Lebenseinstellung" und eine "workaholische Auffassung vom Leben" attestiert - die, wer hätte es gedacht, "mit Burnout was zu tun" habe. In ein ausgesprochen schlechtes Licht rückt der Film den Hl. Papst Johannes Paul II., der, dem gängigen antiklerikalen Klischee entsprechend, als gewiefter und machtbewusster Politiker dargestellt wird, der die Popularität Mutter Teresas geschickt für seine Zwecke auszunutzen gewusst habe. So wird mehr oder weniger unterschwellig suggeriert, bei ihren zahlreichen öffentlichen Auftritten, bei denen sie immer wieder "dieselbe Brandrede [...] vor allem gegen Abtreibung" gehalten habe, habe Mutter Teresa quasi als Werkzeug und Sprachrohr des Papstes agiert. 

Wie die abschließende Diskussion zeigte, war den meisten Stammtisch-Teilnehmern das, was mich an dem Film ärgerte, aber anscheinend gar nicht so sehr aufgefallen. Stattdessen waren die Wortmeldungen geprägt von tiefer Bewunderung für das caritative Wirken Mutter Teresas (verbunden mit Unverständnis gegenüber dem Umstand, dass Kritiker wie Christopher Hitchens so einen Aufwand betrieben haben, die Heilige mit an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfen schlecht zu machen) - und von tiefer Betroffenheit über die Zeugnisse ihrer Glaubenskrisen. Kaplan Monroy äußerte, Glaubenszweifel kenne wohl jeder Christ - und das sei nicht unbedingt etwas Schlechtes, denn solche Zweifel könnten auch einen Weg aufzeigen, "Gott besser kennenzulernen". Außerdem betonte er: "Auch wir sind gerufen, heilig zu werden!" 

Nebenbei bemerkt stieß auch Mutter Teresas vehementer Einsatz gegen Abtreibung bei den Stammtischteilnehmern auf einhellige Zustimmung. Insgesamt war es eine sehr angenehme und durchweg "gut katholische" Gesprächsatmosphäre. Meine Liebste und ich sind uns einig: Da gehen wir in Zukunft öfter hin. 



Samstag, 3. September 2016

17. September: Auf die Straße für das Leben!

Plakat auf dem Marsch für das Leben 2015
Meine Blogstatistik verrät mir, dass mein Bericht über den Marsch für das Leben vom letzten Jahr in den vergangenen Wochen wieder verstärkt Zugriffe verzeichnet hat. Was sich wohl unschwer damit erklären lässt, dass der nächste Marsch schon wieder vor der Tür steht: In zwei Wochen, am 17. September, ist es soweit. Grund genug für Verfechter des Lebensschutzes wie auch für deren Gegner, im Internet verstärkt nach Beiträgen zu diesem Stichwort zu suchen; und aus Erfahrung habe ich Grund zu der Annahme, dass beide Seiten meinen Blog lesen. 

Immerhin: Neue Beschimpfungen sind auf meinem Blog in jüngster Zeit nicht eingegangen. 

Überhaupt habe ich dieses Jahr im Vorfeld des Marschs für das Leben von der Gegenseite vergleichsweise weniger gehört als den letzten Jahren. Zum Teil liegt das sicher daran, dass ich erst vor ein paar Tagen aus Santiago de Compostela zurückgekehrt bin. Zum Teil vielleicht aber auch daran, dass in Berlin Wahlkampf ist und die üblichen Verdächtigen eher damit beschäftigt sind, AfD-Flyer aus Druckereien zu klauen oder dergleichen. 

Genauer gesagt findet die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus sogar genau am Tag nach dem diesjährigen Marsch für das Leben statt - und das könnte, wenn man es recht bedenkt, dazu führen bzw. beitragen, dass der Marsch umso mehr zum Politikum wird. Was aus meiner Sicht eher misslich wäre. Aus meiner Sicht wäre es vielmehr wünschenswert, wenn es auf dem Marsch für das Leben möglichst wenig um Politik ginge. 

Das mag eine überraschende und sogar irritierende Aussage sein, aber genau deswegen sage ich das ja. Wie also meine ich das? 

Ich meine, dass es keine politische Frage sein sollte, ob und unter welchen Voraussetzungen man Kinder töten darf. 

Eine politische Frage ist es aus Sicht derer, die ein "Recht auf Abtreibung" verfechten. Für diese geht es in der Abtreibungsfrage nämlich gerade nicht um das Töten von Kindern - sondern um "sexuelle Selbstbestimmung", um Geschlechterrollen, Familien- und Bevölkerungspolitik oder gar, im postmarxistischen Verschwörungsdenken linksradikaler Kreise, um das Gespenst eines reaktionär-patriarchalischen, religiös fundamentalistischen Gesellschaftsentwurfs. Diese Sichtweise - und nur diese - macht es ja aus Sicht der radikalen Gegendemonstranten beim Marsch für das Leben plausibel, dass die Verfechter des Lebensschutzes zwangsläufig zugleich auch "homophob", rassistisch usw. sein müssten. 

Man sollte das unbedingt ernst nehmen. Die Gegendemonstranten glauben wirklich, dass wir die Bösen sind

Und sie glauben das umso entschlossener, als sie ja andernfalls möglicherweise gezwungen wären, ihren eigenen Standpunkt in Frage zu stellen. 

Nicht umsonst wird in den Kreisen von Abtreibungsbefürwortern so ein enormer rhetorischer und sophistischer Aufwand betrieben, um die offenkundige Tatsache wegzudiskutieren, dass das, was bei einer Abtreibung aus dem Körper der schwangeren Frau "entfernt" wird, ein Menschenkind ist. Ein lebendes Kind vor der Abtreibung, ein totes Kind danach. 

Gäbe es ein größeres und breiteres Bewusstsein dafür, was Abtreibung wirklich bedeutet, dann könnte - das wage ich zu behaupten - kein normal denkender und normal fühlender Mensch sie befürworten. 

Und deshalb - und damit komme ich zu meiner Ausgangsthese - ist das keine politische Frage bzw. sollte keine sein. Es geht nicht darum, ob Abtreibung legal bzw. straffrei möglich sein sollte; es geht darum, dass Abtreibung in einer zivilisierten Gesellschaft undenkbar sein sollte. 

"Ein Land, das Abtreibung akzeptiert, lehrt seine Bürger nicht, einander zu lieben, sondern lehrt sie, Gewalt einzusetzen, um zu bekommen, was sie wollen. Darum ist Abtreibung der größte Zerstörer von Liebe und Frieden." 
Aus diesem Grund - weil ich diese Sichtweise teile und hoffe, sie auch anderen Menschen begreiflich machen zu können - ist es für mich ein Muss, auch dieses Jahr wieder zum Marsch für das Leben in Berlin zu gehen. Und ich möchte meine Leser - sofern sie die Möglichkeit dazu haben - ermutigen, das auch zu tun. 



Freitag, 2. September 2016

Ich bin ein Pilger - holt mich hier raus! (Aus meinem Pilgertagebuch, Teil 4)

Tag 3: Sonntag, 24.07.2016. Espinal - Bizkarreta - Zubiri. 

Am Sonntagmorgen gegen 7:30 Uhr brachen wir in Espinal auf - bei nach wie vor relativ kühlem und regenverdächtigen Wetter und ohne Frühstück, denn Frühstück gab es im Hostal Haizea erst ab 8 Uhr, und wie ich mich schon am Abend zuvor, zu meinem eigenen Erstaunen, zu Suse hatte sagen hören: "Erst um acht Uhr frühstücken ist mir zu spät." Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich so was mal sagen würde. "Erst um acht Uhr frühstücken ist mir zu spät." Im Urlaub! Das Pilgern verändert einen Menschen doch sehr, scheint's. 

Jedenfalls sagten wir uns, frühstücken könnten wir ja auch im nächsten Ort - Bizkarreta, 5,3 km entfernt. Insgesamt hatten wir uns für diesen Tag eine Strecke von knapp 16 km vorgenommen - bis Zubiri, wo wir laut Suses ursprünglichem Etappenplan eigentlich schon einen Tag früher hätten sein wollen. 

Wenn ich mir im Nachhinein das Höhenprofil dieser Strecke ansehe, kann ich im Grunde nicht begreifen, warum wir annahmen, diese Etappe würde uns keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Wahrscheinlich glaubten wir, nach der erfolgreich gemeisterten Pyrenäenüberquerung könne uns nichts mehr schocken. Tatsächlich jedoch waren in unserer Wanderkarte zwei vor uns liegende Passagen - der Abstieg vom Alto de Mezkiritz (922 m) zum Flusstal des Rio Erro (ca. 720 m) sowie vor allem der Abstieg vom Alto de Erro (810 m) zum Rio Arga (ca. 520 m) - mit Warnsymbolen versehen. 

Zunächst einmal ging es jedoch den Berg hinauf, und hier zeigte sich bald, dass Suses Fuß sich noch nicht so ganz von den Strapazen der Pyrenäenetappe erholt hatte und sie daher nur sehr langsam voran kam. Nach einer Weile fand sie, statt alle paar Meter stehen zu bleiben und auf sie zu warten, solle ich doch lieber schon mal bis nach Bizkarreta vorausmarschieren, mich dort in (oder gegebenenfalls vor) die erste Bar am Wegesrand setzen und dort auf sie warten. Mir war zwar anfangs nicht ganz wohl dabei, sie allein zu lassen, aber schließlich ließ ich mich überreden.

Tatsächlich empfand ich es als sehr angenehm, schneller voranzukommen und dabei festzustellen, dass ich mit dem Tempo anderer Pilger, die auf dieser Etappe unterwegs waren, sehr wohl mithalten konnte. Der höchste Punkt der Etappe, der Alto de Mezkiritz, war bald erreicht; an dieser Stelle stieß der Pilgerweg auf die Nationalstraße 135. Auf der anderen Straßenseite stand ein schöner Votivstein für die Nuestra Señora de Roncesvalles, mit einer Reliefdarstellung der Allerseligsten Jungfrau und einer zweisprachigen Inschrift (baskisch und spanisch).


Von hier aus ging es bergab; und bald zeigte sich, dass ich doch nicht wie geplant in meinem eigenen Wohlfühltempo bis Bizkarreta durchmarschieren konnte, denn ich kam an einige heikle Stellen, an denen ich Suse mit ihrem Problemfuß lieber nicht allein lassen wollte und daher auf sie wartete. Ein bisschen kam ich mir dabei schon selbst vor wie ein Waldgeist, der die Pilger vor Gefahren warnt. Suse taufte die auf dem Weg verstreuten problematischen Stellen später scherzhaft "Pilgerprüfungen". Die erste derselben bestand in einer steilen und steinigen Passage, die obendrein durch ein hölzernes Gatter versperrt wurde. Gut, es war nicht verriegelt, aber man musste es doch mit einer Hand offen halten, während man hindurchging. Etwas später folgte eine Steintreppe, deren langgestreckte Stufen schon in sich selbst abschüssig und obendrein so hoch waren, dass man recht große Schritte machen musste, um von einer Stufe zur nächsten zu kommen. Zudem war die steinerne Oberfläche rutschig von der in der Luft liegenden Feuchtigkeit.


Die dritte und wohl spektakulärste "Pilgerprüfung" war jedoch die Furt der fallenden Fahrradfahrer.

An dieser Stelle waren die Wegmarkierungen – die berühmten gelben Pfeile – widersprüchlich: Der Weg stieß hier auf eine vielbefahrene Straße, die an dieser Stelle eine Brücke über ein seichtes Flüsschen bildete. Auf einem Markstein war ein gelber Pfeil aufgemalt, der anzeigte, man solle über diese Brücke gehen; aber er war überklebt mit einem anderen gelben Pfeil, der auf einen unterhalb der Brücke verlaufenden betonierten Weg hinwies. Dieser führte allerdings durch den Fluss, das heißt, er lag teilweise unter Wasser.



Um keine nassen Füße zu bekommen, konnte man auch über eine Reihe hochkant stehender Betonquader am Rande des Weges balancieren; aber ich sagte mir, das Wasser stehe wohl kaum höher als zwei Finger breit, und ich hätte schließlich festes Schuhwerk. Also watete ich hindurch – und wäre beinahe hintenüber gefallen (was mit ca. 8 kg Marschgepäck auf dem Rücken kein Spaß gewesen wäre!), denn da, wo der Weg unter Wasser lag, war er mit glitschigen Algen bewachsen. Nachdem ich glücklich am anderen Ufer angekommen war, stapfte ich hoch zur Straße und ging auf dieser zu meinem Ausgangspunkt zurück – um abermals auf Suse zu warten und sie vor der Furt zu warnen. Während ich wartete, sausten zwei Fahrradpilger den Hang herunter, nahmen in forschem Tempo die Furt in Angriff – und legten sich mit Karacho auf die Fresse. Kaum hatten sie sich aufgerappelt und waren weitergefahren, da nahte der nächste Trupp Mountainbiker – vier an der Zahl diesmal. Die ersten zwei passierten die Furt ohne Probleme, aber der dritte glitt wiederum aus und fiel – was den vierten Radler veranlasste, abzusteigen und sein Gefährt über die erwähnten Betonquader zu tragen. 

Nach etwa einer Viertelstunde erschien Suse – ausgerüstet mit einem großen Ast als Wanderstab. Den habe ihr unterwegs ein Spanier geschenkt, verriet sie. Wir nahmen trotzdem lieber die Brücke.


Ein Stück gingen wir gemeinsam, dann meinte Suse, ich könne ruhig wieder vorausgehen. Das tat ich, und kaum mehr als zehn Minuten später erreichte ich auch schon Bizkarreta – oder, genauer gesagt, die Bar Denaona unmittelbar vor dem Ortseingang. Wenig überraschend war die Bar voll mit Pilgern aus aller Herren Länder; und an der Wand hing, natürlich, eine Notfallklampfe.



Ich bestellte einen Kaffee und ein Bocadillo, und bald darauf traf auch Suse ein, die sich hier ebenfalls ein Frühstück gönnte. Gemeinsam berieten wir das weitere Vorgehen. Eigentlich, sagte sie, habe ihr Fuß schon wieder genug für heute. Sie wolle sich daher mal erkundigen, ob es von hier aus vielleicht einen Bus nach Zubiri gebe. Der Inhaber der Bar verriet, einen Bus gebe es nicht, aber er könne ihr ein Taxi bestellen. „Okay“, beschloss Suse, „dann nehm‘ ich das Taxi.“ – „Und wo treffen wir uns dann?“, fragte ich, denn ich wollte die verbleibenden zehn Kilometer bis Zubiri auf jeden Fall zu Fuß gehen. „Bei der Albergue Municipal“, sagte Suse. „Die ist ausgeschildert, die kannst du gar nicht verfehlen. Oder ich warte an der Brücke auf dich. Du wirst mich schon finden.“ 

Also pilgerten wir – nach einer rund einstündigen Pause in der Bar Denaona – erst einmal getrennt weiter, Suse mit dem Taxi, ich zu Fuß. In Bizkarreta wollte ich mir erst einmal die Kirche San Pedro ansehen – und zu meiner Freude war sie geöffnet. Vier alte Muttchen saßen in den vorderen Bänken, und kaum hatte ich mich ein wenig umgesehen, da läutete eine Glocke, und ein sehr alter Priester trat ein. Es war gerade 11 Uhr, die Sonntagsmesse begann. Ich freute mich. 






Zu den vier alten Muttchen gesellten sich noch drei weitere; die Messe war in keiner Hinsicht besonders bemerkenswert, außer vielleicht, dass sie für eine Sonntagsmesse bemerkenswert kurz war (38 Minuten) – aber es war eine Heilige Messe, und sie hatte genau in dem Moment begonnen, als ich in die Kirche gekommen war. Innerlich gestärkt durch den Empfang der Eucharistie trat ich meine Wanderung nach Zubiri an – und war ziemlich erstaunt, schon relativ kurz hinter Bizkarreta durch einen weiteren Ort zu kommen. Lintzoain. Doch, doch, der steht in der Karte. 

Ab ungefähr 12 Uhr wurde es ziemlich unvermittelt sonnig und warm, und das war vielleicht – neben der Tatsache, dass ich in der Messe gewesen war – ein Grund dafür, dass ich den Wald, durch den ich jetzt kam, nicht als verhext empfand: Bei Wärme und Sonnenschein ist der Wald dein Freund und beschützt dich. 



Eine ganz neue Erfahrung war es für mich, dass ich beim Aufstieg vom Lintzoain zum Alto de Erro ständig andere Pilger überholte – mit anderen Worten, ich war ziemlich flott unterwegs. Auch das unter Pilgern übliche Grußritual hatte ich schnell raus: Wenn man sich trifft, sagt man erst mal „Hóla“; geht man dann nicht gemeinsam weiter, sondern überholt den Anderen (oder wird gegebenenfalls von ihm überholt), verabschiedet man sich mit „¡Buen Camino!“. 

Nach einer Weile traf ich zwei Pilger, mit denen ich ein gutes Stück gemeinsam ging. Es handelte sich offenbar um ein Pärchen, sie aus Deutschland, er aus Dänemark; die beiden waren tags zuvor in St. Jean gestartet und erst gegen neun Uhr abends in Roncesvalles angekommen – wie sie sagten, hatten sie es gerade noch geschafft, ihre Betten herzurichten, ehe das Licht ausgemacht wurde. Nun waren sie früh am Morgen in Roncesvalles aufgebrochen und wollten eigentlich noch bis Pamplona; ich wies sie allerdings darauf hin, dass sie sich da vielleicht ein bisschen viel für einen Tag vorgenommen hatten, denn das waren insgesamt rund 44 Kilometer, von denen sie erst gut 15 geschafft hatten. Insgesamt wollten die beiden allerdings nur bis Burgos und waren ziemlich beeindruckt, dass ich vorhatte, den ganzen Weg bis Santiago zu gehen. 

Der Alto de Erro bot nicht nur eine großartige Aussicht, sondern hier stand auch ein sogenannter Magic Truck – ein zum fahrbaren Kiosk ausgebauter Kleinlaster, an dem Snacks und Getränke verkauft wurden. Eine willkommene Gelegenheit für eine Pause also, daher hatten sich hier auch bereits recht viele Pilger versammelt. Ich blieb allerdings nur so lange dort, wie ich brauchte, um meine am Truck gekaufte Dose Aquarius (ein unter Pilgern sehr beliebtes Getränk!) auszutrinken, dann verabschiedete ich mich von meinen neuen Bekannten („Vielleicht sehen wir uns in Zubiri!“) und zog weiter. Bis zum Ortseingang von Zubiri waren es noch etwa dreieinhalb Kilometer. 




Dieser Pilger kommt offenbar von weit her. 
Der Abstieg war allerdings stellenweise wirklich extrem steil und unwegsam, und ich war froh, dass es inzwischen so trocken war; bei Nässe hätte es hier wirklich gefährlich werden können. Jedenfalls musste man bei nahezu jedem Schritt vorher gründlich überlegen, wo man den nächsten hinsetzen will – für mich als geborenem Flachländer eine interessante Erfahrung.

Aber alles lief gut, und an der Puente de la Rabia am Ortseingang von Zubiri erwartete mich Suse. Sie hatte in der Zwischenzeit ein Gedicht für mich geschrieben. <3  


Die Puente de la Rabia – zu deutsch „Tollwutbrücke“ – trägt ihren Namen übrigens daher, dass in ihrem Mittelpfeiler Reliquien der Hl. Quiteria, einer Schutzheiligen gegen die Tollwut, eingelassen sein sollen; Vieh, das man dreimal um diesen Brückenpfeiler herum treibt, soll dem Volksglauben zufolge vor Tollwut geschützt sein. 

Gemeinsam checkten wir in der kommunalen Herberge (Albergue Municipal) von Zubiri ein – einem Ensemble aus drei niedrigen, schlecht gepflegten Baracken rund um einen mit Kies bestreuten, mit Tischen und Bänken ausgestatteten, allerdings keinerlei Schatten bietenden Innenhof. Eine der Baracken beherbergte den Schlafsaal, eine zweite Toiletten und Duschen, die dritte – irreführenderweise mit „Internet“ beschriftet, was nichts Anderes hieß, als dass es dort WLAN gab – neben Waschmaschine und Trockner vor allem eine frei benutzbare Küche mit großem Esstisch. Grund genug, endlich einmal den Plan des „pastoralen Kochens“ in die Praxis umzusetzen, schließlich hatten wir Zutaten für Risotto im Rucksack.




Als erstes kamen wir mit einer Gruppe Italiener ins Gespräch, die Baguettebrot, Chorizo-Würstchen und Olivenöl dabei hatten und daraus an einem Tisch im Hof Bocadillos zubereiteten, die sie großzügig mit uns teilten. Auf eine Einladung zum gemeinsamen Risotto-Essen reagierten sie nicht abgeneigt, schränkten aber ein, sie hätten bereits mit Freunden verabredet, im Ort nach einer Möglichkeit zum Essengehen zu suchen. Als Suse die Vorbereitungen fürs Abendessen damit begann, die getrockneten Pilze einzuweichen, trafen wir eine Amerikanerin, die ich zwischen Lintzoain und Zubiri mehrmals überholt hatte; sie wollte zwar nicht mitessen, steuerte aber ein großes Stück Käse zum Risotto bei. Zwei junge Franzosen, Paul und Antoine, zeigten sich begeistert von der Aussicht auf ein gemeinschaftliches Abendessen und boten Hilfe bei der Zubereitung an; sie durften daraufhin Zwiebeln und Hartwurst kleinschneiden. Weitere Interessenten fanden sich zunächst nicht, aber Suse ließ sich davon nicht verunsichern. „Wir decken einfach einen Tisch im Hof für sieben oder acht Personen – für so viele reicht das Essen“, meinte sie. „Wer was essen will, wird sich dann schon melden.“ 






Und genau so kam es. Das Risotto gelang gut, auch wenn es – da es mit Rotwein statt mit Weißwein abgeschmeckt war – eine etwas undefinierbare Farbe hatte; außerdem fand Suse in der Küche eine herrenlose Dose Fleischbällchen, die sie in einem separaten Topf zubereitete. Und als Paul, Antoine, Suse und ich erst einmal angefangen hatten zu essen, fanden sich doch mehr und mehr andere Gäste der Herberge ein, setzten sich mit an den Esstisch, um zumindest mal einen Löffel zu probieren. Und einen Schluck Wein. So wurde es ein heiterer und geselliger Abend; Paul und Antoine übernahmen den Abwasch und honorierten das Essen sogar mit einer recht großzügigen Spende. Ganz aufgegessen wurde das Risotto allerdings nicht; also stellten wir den Rest in die Küche – und gingen schlafen.


(Fortsetzung folgt!) 


Donnerstag, 1. September 2016

Wem Gott will rechte Gunst erweisen - Aus meinem Pilgertagebuch, Teil 3

Tag 2: Samstag, 23.07.2016. Von Roncesvalles nach Espinal. 

Die Abtei von Roncesvalles im Morgengrauen

In den Schlafsälen des großen Pilgerhospizes zu Roncesvalles wird abends um 22 Uhr automatisch das Licht ausgeknipst und "erst" morgens um 6 wieder eingeschaltet - was einige Mitpilger nicht davon abhielt, schon früher aufzustehen und im Schein selbst mitgebrachter Taschenlampen ihre Sachen zu packen. Dass sie dabei mit einiger Wahrscheinlichkeit auch ihre Bettnachbarn aus dem Schlaf rissen, störte sie erkennbar wenig. Ein Ärgernis, das in den kommenden Tagen zur Gewohnheit werden sollte, wenngleich Suse indigniert anmerkte: "Solche Leute hat man in früheren Jahren erst ab León getroffen." 

Wir waren uns jedenfalls einig, dass wir es nach dem Gewaltmarsch über die Pyrenäen erst einmal ruhig angehen lassen wollten. Suses Fuß war doch ziemlich strapaziert, und mir tat auch alles weh. Da traf es sich günstig, dass die nächsten Orte am Weg nur jeweils drei bis sechs Kilometer voneinander entfernt lagen; wir konnten also ganz entspannt loswandern und uns unterwegs überlegen, wie weit wir heute kommen wollten. 

Allerdings fiel uns ein, dass wir beim Einchecken am Abend vergessen hatten, auch gleich Frühstück zu buchen, also gingen wir, nachdem wir gegen 6:30 Uhr aufgestanden waren, schnurstracks zur Rezeption, um zu erfragen, ob wir das noch nachholen könnten. Wir konnten. Es gab zwei verschiedene Frühstücksangebote für Pilger in den beiden an das Pilgerhospiz angrenzenden Hotelbars, zu unterschiedlichen Preisen. Da es schien, als bestehe der Unterschied zwischen dem billigeren und dem teureren Frühstück lediglich in einem Apfel oder einer Orange, entschieden wir uns für das billigere in der Casa Sabina. Möglicherweise ein Fehler, denn dieses Frühstück war eher ein Witz: Für 3,50 € pro Person gab es eine (!) Tasse Kaffee, ein Glas Saft und eine Tostada mit Butter und Marmelade, Nachschlag war nicht möglich. (Den spanischen Begriff Tostada kann man übrigens am ehesten mit "gegrilltes Brot" wiedergeben; was für Brot das ist, variiert von Lokal zu Lokal sehr stark, es können Weißbrotscheiben sein oder längs aufgeschnittene Baguettebrötchen oder irgendwelches anderes Brot. In Roncesvalles waren es Weißbrotscheiben.) Somit brachen wir also in der Morgendämmerung mäßig gesättigt und mäßig gelaunt zu unserer zweiten Wanderetappe auf. 


Angezeigt wird die Entfernung für Autofahrer. Auf Fußwegen ist es (etwas) kürzer...

Auf dem Weg zum knapp 3 Kilometer entfernten Städtchen Burguete kamen wir, wie uns eine Infotafel belehrte, schon wieder durch einen verhexten Wald - den Bosque de Sorginaritzaga, dessen Name soviel bedeutet wie "Eichenwald der Hexen". Dieser Wald, so erfuhren wir, soll im 16. Jh. ein berüchtigter Treffpunkt baskischer Hexen gewesen sein, von denen gegen Ende des Jahrhunderts ganze neun auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. (Dass die Regionalregierung von Navarra eigens eine Serie von Infotafeln über Hexerei in den baskischen Wäldern in der Landschaft verteilt hat, ist übrigens an sich ein interessantes Phänomen, aber das nur am Rande.) 

Die Cruz Blanca, eine alte Wegmarke der Jakobspilger
Kirche San Nicolás de Bari in Burguete
Burguete ist ein recht malerischer kleiner Ort, den Ernest Hemingway mehrmals besucht und in seinem ersten großen literarischen Erfolg Fiesta (1926) geschildert hat. Die hübsche Kirche des Ortes, San Nicolás de Bari, war leider verschlossen, als wir sie erreichten, aber dafür gab es auf dem Kirchplatz weitere Infotafeln über Hexerei und Hexenverfolgung in Navarra im 16. und 17. Jahrhundert. Aus unserer persönlichen Sicht war das Beste an Burguete allerdings die Bäckerei, in der wir uns mit einem zweiten Frühstück für die schmale Kost in Roncesvalles entschädigten. Café con Leche für meine Liebste, Café Americano für mich, dazu ein üppiges Stück Tortilla de Patata. Bei dieser spanischen Spezialität handelt es sich um ein in Form eines Kuchens gebackenes Rührei mit Kartoffelstücken, und die Tortilla in Burguete zeichnete sich dadurch aus, dass sie zudem noch Schinkenwürfel und eine Käsefüllung in der Mitte enthielt. Das Ganze (also einschließlich Kaffee) kostete uns nur 3 € pro Person. 


In einem der eher läppischen Jakobsweg-Romane, die wir daheim "zur Vorbereitung" gelesen und uns nach Kräften darüber lustig gemacht hatten, heißt es über die Gegend um Burguete: "...die Landschaft wird lieblich und erinnert an ein deutsches Mittelgebirge". Und, was soll ich sagen: Es stimmt! Der Eindruck war so frappierend, dass ich unversehens anfing, Wanderlieder der deutschen Romantik zu singen, von Eichendorffs "Der frohe Wandersmann" bis hin zu Wilhelm Müllers "Das Wandern ist des Müllers Lust", letzteres sowohl in der "volkstümlichen" Vertonung von Carl Friedrich Zöllner als auch in derjenigen von Schubert (aus "Die schöne Müllerin"). 


Nach weiteren rd. 3 Kilometern erreichten wir Espinal, das, passend zur Landschaft, wirkte wie ein reizendes, wohlgepflegtes Schwarzwalddorf, nur dass es eben nicht in Baden-Württemberg liegt, sondern in Navarra. Wie Tante Wiki zu berichten weiß, wurde Espinal im Jahre 1269 von König Theobald II. von Navarra gegründet, und zwar ausdrücklich zu dem Zweck, "den frommen Pilgern zwischen Roncesvaux und Viscarret einen weiteren Platz zur Erholung anzubieten". Wie Recht er damit doch hatte! Meine Liebste und ich jedenfalls waren uns einig: Hier bleiben wir! Bevor wir uns um eine Unterkunft bemühten, besuchten wir aber die Kirche des Ortes, San Bartolomé. Ein recht moderner Bau, aber "trotzdem" durchaus schön gestaltet. 




Dies war, nebenbei bemerkt, seit unserem Bahn-Zwischenstopp in Bayonne die erste Kirche, die wir geöffnet vorfanden. (Nun gut, in St. Jean Pied-de-Port hatten wir die Öffnungszeit der Kirche nur knapp verpasst, und in Roncesvalles hätten wir ja in die Pilgermesse gehen können, wenn wir nicht so fertig gewesen wären.) -- Kurze Zeit nach uns betraten drei junge Frauen die Kirche, die ebenfalls mit Wanderrucksäcken und Regenüberwürfen ausgestattet waren. Zunächst setzten sie sich still in eine Bank, dann, nach einer Weile, stimmten sie einen beeindruckenden mehrstimmigen Gesang an. 

Eine Unterkunft zu bekommen, bereitete keine großen Schwierigkeiten, obwohl - oder weil? - Espinal ein eher untypischer Pilgerstopp ist, ein Ort, an dem jemand, der mit gesunden Füßen aus Roncesvalles aufgebrochen ist, nicht unbedingt zum Übernachten Station machen würde. Wir quartierten uns jedenfalls im "Hostal Haizea" ein - eigentlich ein rustikaler Landgasthof, der aber im Dachgeschoss drei geräumige Mehrbettzimmer für Pilger bereithält. Nicht teurer als das Pilgerhospiz in Roncesvalles und erheblich komfortabler. Zunächst waren wir die einzigen Übernachtungsgäste im Dachgeschoss, aber später kamen noch eine Gruppe (oder Familie) aus Indien und eine Schar Motorradfahrer hinzu. Motorradpilger gibt es offiziell eigentlich nicht, für eine Pilgerreise nach Santiago sind als Verkehrsmittel neben den eigenen Füßen nur Pferd und Fahrrad zugelassen. Ob sie trotzdem Pilgerausweise hatten oder ob der Wirt des Haizea die Schlafplätze im Dachgeschoss bei Bedarf auch an Nicht-Pilger vergibt, sei mal dahingestellt; Platz war ja genug, und gestört haben die Biker auch nicht. 

Im Restaurant des Haizea erfuhren wir, dass dort auch ein Pilgermenü angeboten wurde, allerdings erst ab 19:30 Uhr. An die spanischen Essenszeiten mussten wir uns erst noch gewöhnen. Nun dachten wir, man könne vielleicht etwas Anderes zu essen bekommen, aber nix da: Die Küche öffnete überhaupt erst um 19:30 Uhr. Immerhin war zu beobachten, dass sich der Gastraum, je näher die Essenszeit rückte, zusehends füllte, und zwar offenbar vor allem mit Einheimischen. Immer ein gutes Zeichen, wenn ein Restaurant auch von den Anwohnern geschätzt und frequentiert wird. Bis die Küche endlich ihren Betrieb aufnahm, hatten wir mehr als genug Zeit gehabt, die Speisekarte zu studieren, und bestellten daher schließlich doch nicht das Pilgermenü, sondern etwas aus der Rubrik "Traditionelle Gerichte". In meinem Fall: Txistorra - weil das so schön baskisch klang, dabei gibt's dieselbe Wurst auch auf Spanisch, da schreibt sie sich nur anders - con huevos fritos y patatas. Lecker. Besonders die Eier waren hervorragend, und ich merkte mir die Vokabel huevos fritos für zukünftige Bestellungen. 



Somit waren wir, auch wenn wir am zweiten Tag unserer Wanderung nur etwa 6,5 Kilometer geschafft hatten, alles in allem recht zufrieden und guten Mutes; kurz vor dem Einschlafen dachte ich lediglich, der "spirituelle" Aspekt des Pilgerns sei bisher noch ein bisschen kurz gekommen. Nun, der Besuch der Kirche San Bartolomé mit der unverhofften Gesangsdarbietung der drei fremden Damen war schon einmal ein Anfang gewesen; für die kommenden Tage erhoffte ich mir mehr davon. Die Erfüllung dieses Wunsches sollte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen... 


(Fortsetzung folgt!)