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Samstag, 13. Februar 2016

Let's Do It Like They Do On The Discovery Channel

In der Facebook-Gruppe Ein ungenanntes Bistum hat kürzlich ein Visual - d.h. ein graphisch gestalteter Text, wie er gern in Sozialen Netzwerken verbreitet wird - aus dem Erzbistum Bamberg für Diskussionen gesorgt: 
"Wer ständig online ist, ist offline für Gott" - 
ein Zitat von Erzbischof Ludwig Schick soll das sein. Und ein Impuls für die Fastenzeit. Gott ist im Internet nicht zu finden! Also loggt euch aus! Verzichtet aufs Smartphone! -- Und wo publiziert das Erzbistum Bamberg diesen tollen Fastenimpuls? Auf Facebook. Finde den Fehler. 

Dieser Widerspruch ist leider nur allzu bezeichnend für das Verhältnis der Katholischen Kirche in Deutschland zur Öffentlichkeitsarbeit im Internet, speziell in den Sozialen Medien: Man sieht ein, dass man da irgendwie präsent sein muss, aber gleichzeitig findet man das Internet irgendwie doof oder sogar gefährlich, jedenfalls misstraut man ihm. Erzbischof Schick - der in seiner Eigenschaft als Weltkirche-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz zweifellos Verdienstvolles leistet und über den ich auch sonst nichts Schlechtes sagen will - ist da ja (sofern er obigen Satz überhaupt wirklich gesagt hat) kein Einzelfall: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz weiß nicht so genau, was Blogs sind, und findet Netzwerke, in denen "Alle mit Allen über Alles reden" können, suspekt; und selbst dem "Medienbischof", d.h. dem Vorsitzenden der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, wird nachgesagt, er lasse sich seine eMails von einem Mitarbeiter ausdrucken. 

Man könnte sagen - und das habe ich ja im Prinzip schon mehrfach -, bei einer solchen Einstellung unserer Bischöfe dem Internet gegenüber brauche man sich über die Qualität der kirchlichen Online-Präsenz dann auch nicht mehr zu wundern. Aber man muss wohl Geduld haben. Das Internet ist für uns alle Neuland. Genau wie die Eisenbahn damals. Vor der wurde auch viel gewarnt. Sowohl aus gesundheitlichen Gründen (der menschliche Körper sei gar nicht in der Lage, eine derartige Beschleunigung zu verkraften) wie auch aus sozioökonomischen (die Sozialstruktur auf den Dörfern werde zusammenbrechen, wenn jeder mal eben schnell in die Stadt fahren könne). Inzwischen kann man aber doch feststellen, dass die Menschheit den Siegeszug der Eisenbahn einigermaßen überlebt hat, und so wird sie wohl auch den Siegeszug des Internets überleben. Nur bis die geistig-moralischen Stützen der Gesellschaft sich damit abgefunden haben werden, wird es wohl noch ein bisschen dauern. 



Das merkt man z.B. auch einem Buch an, das ich gerade lese: "Im Glauben das 'Ja' wagen" von Markus Graulich und Ralph Weimann (Freiburg i.Br. 2015). Ein Buch zur Ehevorbereitung, ja, so etwas lese ich zur Zeit vor dem Schlafengehen. Aus Gründen. Ein Geistlicher unseres Vertrauens hat meiner Liebsten und mir dieses Buch empfohlen. Es steht auch tatsächlich viel Wertvolles drin. Rein stilistisch finde ich es hingegen nicht besonders toll geschrieben, und inhaltlich gibt es genau eine Sache, die an diesem Buch wirklich nervt: Die permanenten Warnungen vor den Gefahren des bösen, bösen Internets. 

Das geht auf S. 11f. los: 
"Auch die virtuelle Welt stellt eine neue Herausforderung für die Menschen dar. Ein Großteil der sozialen Kontakte spielt sich heute in den social media ab und unterliegt den Gesetzen der sozialen Kommunikationsmittel. [...] Diese neue Wirklichkeit verändert auch das In-Beziehung-Treten und die zwischenmenschliche Kommunikation grundlegend. Wenn Liebesbeziehungen auf der Grundlage von chatten, twittern oder ähnlichen Mitteln basieren, dann unterliegen sie leicht einem Trugschluss. Man ist 'vernetzt', statt in Beziehung zu stehen. Wirkliche Begegnung aber findet bei aller scheinbaren Vertrautheit zwischen den 'virtuell Vernetzten' nur sehr bedingt statt, sie kann keineswegs die persönliche Begegnung ersetzen." 
Ich sag mal so: Wovon man keine Ahnung hat, davon sollte man vielleicht lieber schweigen. Wer irgendwie irgendwo mal Begriffe wie "chatten" und "twittern" aufgeschnappt hat und sie verwendet, ohne so genau zu wissen, was sie eigentlich bedeuten, der hört sich an wie Walter Ulbricht, der 1965 verkündete, niemand habe etwas "gegen eine gepflegte Beatmusik", aber "mit der Monotonie des yeah, yeah, yeah und wie das alles heißt [!] sollte man doch Schluss machen". -- Ich meine, okay, man spricht gern von der "realen Welt" in Abgrenzung zur "virtuellen Welt". Das ist halt so'ne Redensart. Aber im Grunde ist sie unsinnig, denn selbstverständlich sind auch zwischenmenschliche Kontakte, die sich über das Internet abspielen, "real". Es wäre sogar ausgesprochen schädlich, so zu tun, als wären sie das nicht. Es gibt durchaus Ehepaare - ich persönlich weiß von mindestens einem solchen Fall -, die haben sich in Online-Fantasy-Rollenspiel-Foren kennengelernt. Die sind im realen Leben natürlich keine Elfen und Trolle. Aber das werden sie auch vor der ersten Offline-Begegnung nicht ernsthaft angenommen haben. -- Im Ernst: Sicherlich ist nicht zu leugnen, dass bestimmte Formen des Online-Datings mit realen Gefahren verbunden sind. Gefahren wie Date Rape, sexueller Missbrauch Minderjähriger, Erpressung, Verbreitung pornographischen Materials. Zu solchen Gefahren könnte man sich differenziert äußern, wenn man ein bisschen was von der Materie verstünde. Tut man das nicht, helfen allgemein gehaltene Warnungen vor dem bösen, bösen Internet jedoch auch nicht viel weiter.  

Dies betrachte ich als ein ernsthaftes Manko des ansonsten, wie gesagt, durchaus lesenswerten Buches. Praktisch jedesmal, wenn Graulich und Weimann das Wort Wort "Internet" benutzen, sehe ich den allerersten TV-Werbespot für das SuperRTL-Online-Portal "Toggolino Club" (für Kinder im Vorschulalter) vor mir, wo ein bemerkenswert hässliches Kindergartenkind mit Zahnlücke am Computer sitzt und seiner Mutter freudestrahlend mitteilt: "Guck mal Mami, ich bin im Internet!" - worauf diese ein Gesicht macht, als habe der Sohnemann ihr feierlich eine tote Maus überreicht, und ungläubig erwidert: "Ümm Ünntörnött?" -- Auf S. 39 liest man:  
"Weit verbreitet ist heute die Abhängigkeit vom Internet, welche nicht nur die Freiheit einschränkt, sondern zwischenmenschliche Beziehungen genauso erschwert, wie eine Abhängigkeit von Drogen und Alkohol." 
Ja sicher. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde angesichts der Ausbreitung von Leihbibliotheken und billigen Flugschriften auch viel vor der "Lesesucht" gewarnt. Besonders für die "einfachen Leute", Dienstboten zum Beispiel, sei das Lesen gar nicht gesund. Das lenke sie nur von ihren Pflichten ab und verführe sie dazu, sich in eine Traumwelt zu flüchten. -- Aber zurück zu Graulichs und Weimanns Ratschlägen für Eheleute und solche, die es werden wollen. Auf S. 41 heißt es: 
"Eine Familie war in eine schwere Ehekrise geraten, die Ehepartner hatten sich längst voneinander entfernt und hohe Mauern errichtet." (So genannte Firewalls, vermutlich.) "In seiner Verzweiflung ging der Vater ins Internet in sich und erkannte..." [S. 41] 
Tja, was erkannte er denn? Vielleicht, dass diese Warnung vor neuen Medien als angeblichen Beziehungskillern im Grunde ziemlich oll ist. Als es noch kein Internet gab, war es das Fernsehen, und davor das Radio, und wer kennt nicht diese sterotypen Bilder von Ehemännern, die sich am Frühstückstisch hinter der aufgeschlagenen Zeitung vor ihrer Frau verstecken? -- Aber wahrscheinlich waren die Ehen statistisch gesehen viel glücklicher, als es noch keine Waschmaschinen gab und die Frauen die Wäsche noch im Fluss waschen mussten. Da waren sie beschäftigt und kamen nicht auf dumme Gedanken. Und viel kommunikativer war es auch, schließlich trafen sie dabei die ganzen anderen Frauen, die ihre Wäsche im selben Fluss wuschen... Hm, ich merke gerade, dass diese Argumente sich tendenziell widersprechen. Aber sei's drum. - Auch im Zusammenhang mit der Betonung des gemeinsamen Gebets für eine gelingende christliche Ehe können Graulich und Weimann es nicht lassen, abermals auf die Gefahren des Internets zu verweisen: 
"Einer der Gründe für die Schwierigkeit mit dem gemeinsamen Gebet liegt im Umgang mit den Medien. Viele Paare verbringen ihre Abende mit Fernsehen oder Internet, nicht selten auch im Schlafzimmer [!]. Das fördert weder das gemeinsame Gespräch, noch das Gebet. Abgesehen davon, dass diese Praxis für die Beziehung sehr schädlich sein kann, da die virtuelle Welt nie die reale Welt zu ersetzen vermag, wird es so noch schwieriger sich zum Gebet aufzuraffen." (S. 53)
Das wirkt nun etwas tragikomisch, wenn man es im Bett liest und gleichzeitig das Tablet am Kopfende liegen hat, auf dem man anschließend noch mittels der Stundenbuch-App die Komplet beten will. Aber ich will mir nicht vorgreifen. Schauen wir uns lieber noch eine der ergreifenden Beispielgeschichten von Graulich und Weimann an: 
"So hatte sich ein Ehepaar zerstritten und der Streit drohte zu eskalieren. Als der Streit im Internet vor den Kindern fortgesetzt wurde, verließen die Eltern für eine Zeit das Internet Haus. Ohne sich abgesprochen zu haben, gingen sie ins Internet fuhr jeder in eine andere Kirche, um zu beten." (S. 54f.) 
Zugegeben, ich werde gerade ein bisschen albern. Entschuldigung. Tatsächlich liegt die Behauptung, das ständige Online-Sein lenke vom Beten ab, ja ganz auf der Linie des eingangs zitierten Bamberger Fastenimpulses. Das Problem an dieser Aussage ist ihre, sagen wir mal, Halbwahrheit. Natürlich kann eine intensive Social-Media-Aktivität einem derartig den Kopf mit Banalitäten zukleistern, dass keine Kapazitäten mehr übrig bleiben, um an Gott zu denken oder gar zu beten. Aber, ich kann mich gar nicht oft genug wiederholen: Ein Medium ist immer nur so gut oder so schlecht, wie der Einzelne es benutzt. Darin liegt ja gerade das Paradoxe des Bamberger Online-Fastenimpulses. Geistliche Impulse im Internet gibt es mittlerweile zuhauf -- und man kann durchaus auch online beten. Das ist ein Trend, der sich inzwischen sogar bis zur FAZ herumgesprochen hat. Neben diversen anderen Angeboten wird dort auch die #Twomplet erwähnt, die seit über zwei Jahren täglich live auf Twitter stattfindet. Es ist also gar nicht alles schlecht und gottlos im Netz. -- Ja, man könnte sogar Materialien zur Ehevorbereitung im Internet publizieren. Also gut, Markus Graulich und Ralph Weimann können das vermutlich eher nicht, aber das ist ja auch keine Schande. Sie könnten ja jemanden fragen, der sich damit auskennt - und der könnte ihnen eine schicke Homepage zu ihrem Buch basteln. Mit Visuals zu den Kernaussagen des Buchs, die man downloaden und in Sozialen Netzwerken teilen könnte. Mit Videos von Zeugnissen erfahrener Ehepaare. Undundund. Könnte man machen. Muss man natürlich nicht. Aber wenn man's nicht tut, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, die auf der Suche nach ein bisschen geistlicher Begleitung in ihrem Liebesleben sind, bei Angeboten wie diesem landen: 
"Wenn Ihr beiden zusammen schlaft..." - Ein Gottesdienst für Verliebte am Valentinstag, Sonntag, 14. Februar, um 15:30 in der Kirche St. Engelbert in Köln. Mit anschließender 'Tour d'Amour' im Kölner Zoo. 
Kein Scherz. Habe ich übrigens auch im Internet entdeckt. Auf der Facebook-Seite des Erzbistums Köln. Interessant ist übrigens, dass die hier recht frei zitierte Bibelstelle Kohelet 4,11 - im Wortlaut der Einheitsübersetzung: "Wenn zwei zusammen schlafen, wärmt einer den andern; einer allein - wie soll er warm werden?"- überhaupt nichts mit geschlechtlicher Liebe zu tun hat; im Kontext geht es vielmehr darum, dass der Mensch im Allgemeinen besser durchs Leben kommt, wenn er nicht auf sich allein gestellt ist. Nun könnten die Verantwortlichen für den Valentinstags-Gottesdienst in St. Engelbert sich natürlich dumm stellen und erklären, auf ihrem Plakat sei ja ebenfalls nicht von Sex die Rede. Streng genommen stimmt das. Aber hey, wir sind ja wohl alle nicht mit dem Klammerbeutel gepudert worden, und wenn im Zusammenhang eines "Gottesdienstes für Verliebte" von "zusammen schlafen" die Rede ist, da denkt man sich ja wohl seinen Teil - wink wink, nudge nudge, say no more. Hier nun wäre zu fragen, was genau den "Verliebten", an die dieses Gottesdienstangebot sich ja richtet, denn so an geistlicher Orientierung für ihren Lebensweg mitgegeben wird. 

Bildquelle: "Christliche Sprüche mit Bilder" auf Facebook

Ich gebe zu, dass ich einer Kirchengemeinde, die auf ihrer Website durchgängig die Schriftart Comic Sans verwendet, von vornherein misstraue. Nur ganz nebenbei erwähnt sei, dass der mündlichen Überlieferung zufolge just St. Engelbert die Kirche war, von deren Kanzel aus Kardinal Frings seinen Schäfchen seinerzeit das Kohlenklauen erlaubte. Doch zur Sache. Ob man es nun unbedingt gut findet, dass die Kirche den vor allem von der Floristen- und Süßwarenbranche gepushten Trend, den Gedenktag des Heiligen Märtyrers Valentin als Fest der Verliebten zu feiern, partout mitmachen muss, darüber mag man streiten - ändern wird man es nicht. Die Kirche will schließlich nah bei den Menschen sein. Wichtig scheint aber allemal die Frage: Wenn die Kirche an diesem Tag spezielle Angebote für Verliebte macht - was hat sie den Verliebten denn bei dieser Gelegenheit zu sagen? Thematisiert sie, dass Verliebtsein nicht zwingend dasselbe ist wie Liebe? Dass das Verliebtsein als solches nach katholischer Auffassung noch keine hinreichende Basis für eine christliche Ehe ist (und somit, ahem, auch nicht dafür, das Bett miteinander zu teilen)? Nutzt man den Anlass des Tages, den Verliebten etwas über das kirchliche Eheverständnis zu vermitteln? Nun: Wolln's hoffen. Wenn aber nicht - wenn die Kirche den Verliebten nichts zu bieten hat, was sie nicht auch woanders bekommen könnten -, warum lockt man sie dann überhaupt erst in die Kirche und schickt sie nicht lieber gleich in den Zoo? Da lernen sie schließlich auch etwas über Geschlechtlichkeit. 


(Man beachte besonders die letzten 20 Sekunden des Videos. Aber das Lied ist auch sonst sehr hübsch. Nein, es ist nicht das von der Bloodhound Gang, auf das der Titel dieses Beitrags anspielt, sondern ein schönes altes von Simon & Garfunkel.) 

Die Facebook-Reaktion des Erzbistums Köln nahm den Hinweis auf die genannte Veranstaltung nach einigen kritischen Anfragen übrigens wieder von ihrer Seite und ersetzte ihn durch einen allgemeinen Hinweis auf verschiedene Valentinstags-Veranstaltungen im Erzbistum, bebildert mit einem Ausschnitt des Plakats, auf dem lediglich bunte Herzchen zu sehen sind. Auf meine Nachfrage bezüglich des Grundes dieser Änderung erklärte man: "Das große Plakat war einfach nur zu fokussiert auf ein Angebot". 

Ah ja. Lassen wir das mal so stehen. 


Donnerstag, 11. Februar 2016

"Publizistische Relevanz"? Es geht um die Diskurshoheit!

Armer Björn Odendahl! Immer wird er missverstanden. Da schreibt er auf katholisch.de eine Standpunkt-Kolumne, in der er die bürokratischen Strukturen der Katholischen Kirche in Deutschland - von denen er schließlich lebt! - verteidigt und behutsam vor übertriebener Idealisierung der "armen Kirche" Afrikas warnt; schon fallen alle über ihn her, von dunkelkatholischen Blogs wie katholon oder JoBo72 bis hin zu international hochrangigen katholischen Magazinen wie First Things und dem Catholic Herald. Nicht nur eurozentrische Arroganz wird ihm vorgeworfen, sondern sogar Rassismus. Dabei wollte er doch Niemandem etwas Böses. Schon gar nicht Kardinal Sarah. -- Und kaum hat sich die Aufregung darüber einigermaßen gelegt, da verfasst Björn Odendahl anlässlich des Rosenmontags, nichts Böses ahnend, eine kleine Glosse, in der die etwas auffälliger Frommen unter den deutschen Katholiken liebevoll-augenzwinkernd auf die Schippe genommen werden. Zum Karneval sollen schließlich auch diejenigen Katholiken, die katholisch.de normalerweise eher nicht lesen, etwas zu lachen haben: sich selbst. Aber was muss Redakteur Odendahl da erleben: Die freuen sich ja gar nicht! Im Gegenteil, einige sind richtiggehend beleidigt!

Den durchschnittlichen katholisch.de-Leser (oder -Autor, for that matter) bestärkt diese Reaktion letztlich aber nur in dem, was er schon immer gewusst oder zumindest geahnt hat: Die Dunkelkatholen, die Fundis, Tradis oder wie auch immer man sie nennen will, die Katholiban, die Pullunderträger, die haben einfach keinen Humor. Die gehen zum Lachen in den Keller und anschließend zur Beichte, und dann wieder zurück in den Keller, um sich mit der Neunschwänzigen Katze zu kasteien, oder so. Leser, denen Odendahls Rosenmontags-Glosse gefallen hatte, schrieben auf der Facebook-Seite von katholisch.de beispielsweise: 
"Liebe Nörgler,
es ist Rosenmontag, ich persönlich glaube an einen gütigen, sicher auch humorvollen Gott und finde diesen Artikel großartig. Allen anderen empfehle ich zur Beruhigung ein 'Vater unser'." 

"Lieber Himmel, sind hier einige verbittert. [...] Nehmt doch nicht alles so ernst. Gott liebt uns alle!"
"Wenn ich mir manche Kommentare durchlese dann wundere ich mich nicht mehr dass unsere Kirchen leerer werden ... nicht wegen des Artikels hier .... sondern wegen der Verbissenheit die einige haben .... […] hab ich irgendwo das 11. Gebot übersehen : du darfst nicht lachen und schon gar nicht über deinen Glauben?"
Derweil beharrten Kritiker des Artikels - deren es recht viele gab - darauf, der Punkt sei gar nicht, dass sie überhaupt nichts lustig finden, sondern dass sie diesen Artikel nicht lustig finden. Dass es den Dunkelkatholen entgegen verbreiteter Vorurteile durchaus nicht an Humor mangelt, zeigte sich, nebenbei bemerkt, auch an den Antwortartikeln diverser Blogs auf Odenthals Glosse - so auf grumpycath, katholon, Pro Spe Salutis, Nur ein Kreuzknappe, Im Glauben er-leben und Katholisch ohne Furcht und Tadel. Humorlos fand ich diese Repliken durchaus nicht - am allerwenigsten den letztgenannten Artikel, anhand dessen ein Björn Odendahl geradezu lernen könnte, wie Satire funktioniert. -- Denn, ob man's glaubt oder nicht: Wir Dunkelkatholen sind seitens des Mainstreams der Katholischen Kirche in Deutschland Kummer gewohnt und kennen schon alle Witze über uns. Ja, die haben einen richtigen Bart. Das ist der eine Grund, warum wir nicht so richtig herzlich über Odendahls Rosenmontags-Glosse lachen konnten. Der andere, für mein Empfinden wichtigere Grund lautet: Mobbing auf dem Schulhof ist für die Opfer ja auch nicht besonders witzig. Meine Liebste hinterließ in der oben auszugsweise zitierten Facebook-Diskussion u.a. den Kommentar: 
"Ich komme mir vor wie in der Grundschule hier: Die Kinder, die andere ärgern und sich über sie lustig machen, werfen denen, die sie mobben, dann vor, Spaßbremsen zu sein, wenn diese sich zu wehren versuchen oder einfach nur sagen, dass sie das verletzend finden...

Sorry, aber dieser Artikel hat mit Humor nichts zu tun. Wer so unfreundlich über eine Gruppe seiner Mitmenschen herzieht, der kann nicht erwarten, dass dabei Freude aufkommt.

Aber vielleicht sagen Sie ihrem Kind, wenn es in der Schule gehänselt wird auch: 'Was hast du denn, das ist doch ganz lustig'?"

(Meine eigenen Kommentare wurden übrigens von der Redaktion gelöscht. Warum, ist mir nicht ganz klar.) 

Und meine Liebste und ich sind nicht die Einzigen, die es dem Herrn Odendahl schlicht nicht abkaufen, dass er es - ebenso wie zuvor seine üblen Schmähungen gegen afrikanische Christen - gar nicht böse gemeint habe. Oh doch, das hat er. Deswegen ist der Text so unlustig geraten, so verbissen, so feindselig. Dass eine nicht geringe Zahl von Lesern ihn dennoch lustig findet, ist so schwer zu verstehen allerdings nicht: Für die In-Group, die der Artikel anspricht, ist es ein gelungener Karnevalsscherz. Die freuen sich, wenn der "frommen" Richtung eins ausgewischt wird. Wenn die Anderen die Doofen sind, muss man nämlich nicht sich selbst in Frage stellen. Und wenn die Angegriffenen zu erkennen geben, dass sie sich tatsächlich angegriffen fühlen, dann macht das Mobbing erst so richtig Spaß. So findet ein Kommentator auf der Facebook-Seite von katholisch.de es ausdrücklich "schön, wie die Pharisäer [!] sich aufregen". (Gegen solche Äußerungen hat die Redaktion übrigens überhaupt nichts.) 

Wäre es demnach besser, der katholisch.de-Klientel nicht den Triumph zu gönnen, zu erkennen zu geben, dass man sauer, empört, verletzt ist? -- Vielleicht. Aber abgesehen davon, dass das nicht meinem Naturell entspricht, geht es hier schließlich nicht um eine Büttenrede auf der Karnevalsfeier von Wir Sind Kirche (mit ca. 15 Teilnehmern) oder um einen Sketch bei der als antiklerikal bekannten, dafür aber wenigstens meist wirklich witzigen Stunksitzung; sondern es handelt sich um katholisch.de, DAS offizielle Internet-Portal der Katholischen Kirche in Deutschland, von der Deutschen Bischofskonferenz großzügig aus Kirchensteuermitteln finanziert. Wenn in einer solchen Publikation boshaft feixend über so genannte "gute Katholiken" hergezogen wird, dann kann man schon der Meinung sein, dass da etwas ganz erheblich falsch läuft. Umso mehr, wenn der betreffende Artikel kein einmaliger Ausrutscher eines einzelnen Mitarbeiters ist, der womöglich die scharfe Kritik an seinem Afrikaner-Bashing noch nicht ganz verdaut hat - sondern offenbar der Redaktionslinie entspricht.

Dass dem so ist - dass es sich um eine gezielte Attacke handelte, die nur notdürftig als harmloser Karnevalsscherz kostümiert wurde -, lässt sich u.a. an den Reaktionen des "Chefs vom Dienst" (CvD) von katholisch.de, Steffen Zimmermann, auf die Kritik an Odendahls Rosenmontags-Glosse ablesen. Nicht nur nahm Zimmermann die Wortmeldungen Jener, die sich durch den Artikel verspottet fühlten, zum Anlass, sie auf Twitter wegen ihrer "Humorlosigkeit" noch weiter zu verspotten ("Und ich dachte, 'humorlos' und 'katholisch' schließen sich aus"); das Thema beschäftigte ihn offenbar so sehr, dass er noch einige weitere Tweets folgen ließ, die mehr über die Intention hinter Odendahls Glosse verrieten, als ihm eigentlich lieb sein dürfte. 

"Bisschen enttäuschend, dass Linz so lange für eine Reaktion auf unseren Karnevals-Beitrag gebraucht hat. Und dann auch nur Copy & Paste..." -- Mit "Linz" ist hier natürlich  kath.net gemeint, ein Online-Portal, das im Gegensatz zu katholisch.de ohne finanzielle und institutionelle Unterstützung seitens der Amtskirche auskommt und zu dessen Lesern, so darf man wohl annehmen, in besonderem Maße auch solche Katholiken zählen, über die man sich bei katholisch.de lieber lustig macht. Im Speziellen bezieht sich Steffen Zimmermanns Äußerung darauf, dass kath.net meinen Blogartikel zur Rosenmontags-Glosse als Gastbeitrag übernommen hatte. Warum der CvD von katholisch.de es spottwürdig findet, dass kath.net mit Bloggern zusammenarbeitet, darauf wird vielleicht noch zurückzukommen sein; halten wir aber erst einmal fest: "In Bonn" wird sehr genau beobachtet, was die Konkurrenz "in Linz" so treibt; und in diesem speziellen Fall hat man "in Bonn" sogar ganz explizit auf eine Reaktion "aus Linz" gewartet. Man war sich also bewusst, dass es sich bei der Rosenmontags-Glosse um eine Provokation handelte, ja, es sollte eine Provokation sein. -- Aber damit nicht genug, hier ein weiterer Tweet des CvD von katholisch.de:

"Gerade gelesen: 'Besonders bei den katholischen Bloggern ist die Aufregung groß' = 3 Männchen ohne publizistische Relevanz sind aufgeregt"


Nun ja. Mal ganz von der Frage abgesehen, ob Herr Zimmermann meint, "Männchen ohne publizistische Relevanz" dürfe man unbesorgt beleidigen: Ist es nicht ein bisschen, ein ganzganz kleines bisschen paradox, wenn der CvD eines Online-Portals mit Millionen-Etat sich über Äußerungen von Personen mokiert, denen er im selben Atemzug die Relevanz abspricht? Räumt er ihnen nicht schon dadurch Relevanz ein, dass er ihre Äußerungen nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sogar kommentiert? Den zitierten Satz "Besonders bei den katholischen Bloggern ist die Aufregung groß" hat er übrigens vom Kreuzknappen. In Bonn werden also durchaus auch katholische Blogs gelesen.

Woran also, so möchte man fragen, macht Steffen Zimmermann "publizistische Relevanz" fest? An der reinen Leserzahl wohl nicht. Ein einzelner kleiner Blog wie z.B. meiner wird sicher nicht annähernd so viel gelesen wie katholisch.de; aber es gibt ja eben nicht nur einen deutschsprachigen katholischen Blog, sondern mehrere hundert. Und dann ist da ja noch "Linz". Mir liegen zwar keine konkreten Zahlen vor, aber ich habe mal läuten hören, kath.net erreiche erheblich höhere Zugriffszahlen als katholisch.de. -- Nun kann es natürlich sein, dass Steffen Zimmermann meint, die publizistische Relevanz von katholisch.de ergebe sich daraus, dass diese Seite eben das offizielle Online-Portal der Katholischen Kirche in Deutschland ist. Und an dieser Sichtweise ist ja durchaus was dran, also was die Außenwirkung angeht. Außerhalb dunkelkatholischer Zirkel, also z.B. seitens der säkularen Medien, wird etwas, das auf katholisch.de steht, vermutlich eher als seriös und zitierfähig eingestuft als etwas, das auf irgendwelchen Blogs steht. Dann bliebe aber zu fragen: Wenn publizistische Relevanz nur eine Frage des Status ist, warum hat katholisch.de diese Stichelei gegen andere katholische Seiten im Internet dann nötig? Die wären dann doch von vornherein keine Konkurrenz!

Wenn publizistische Relevanz aber doch auch etwas mit Reichweite zu tun haben sollte - und zwar nicht nur in Hinblick auf absolute Leserzahlen, sondern auch mit Reichweite über die Grenzen innerkirchlicher "Lager" hinweg -, sollte man dann nicht meinen, katholisch.de täte besser daran, konservativere Katholiken einzubinden, statt sie bei jeder Gelegenheit vor den Kopf zu stoßen? Zugegeben, in der Rubrik "Standpunkt" kommen hin und wieder auch mal moderat konservative Stimmen zu Wort. Aber im Ganzen gesehen ist das kaum mehr als ein Feigenblatt.

Somit ergibt sich der Eindruck, dass es tatsächlich gar nicht um publizistische Relevanz geht, sondern um Diskurshoheit. Als offizielles Online-Portal der Katholischen Kirche in Deutschland betrachtet katholisch.de es als seine Aufgabe, das Erscheinungsbild der Katholischen Kirche im deutschsprachigen Internet zu definieren und zu kontrollieren; und das Bild, das sie dabei abgeben möchten, ist das eines undogmatischen, weltoffenen, politisch korrekten, locker-flockigen Wellness-Katholizismus. Dumm nur, dass Leute, die eine andere Auffassung vom katholischen Glauben haben, ebenfalls über Möglichkeiten verfügen, Beiträge im Internet zu publizieren. Deshalb sind insbesondere Blogs so lästig und gehören bekämpft. Dazu greift man dann auch mal auf ein ungeschicktes Zitat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, zurück:

"Gestern gelernt: Verbloggung führt in manchen Kreisen offenbar nicht nur zu Verblödung, sondern auch zu Humorlosigkeit."

Bei der Deutschen Bischofskonferenz freut man sich bestimmt sehr über diese kleine Hommage. Aber so ist der Lauf der Welt: Kaum ist über eine Peinlichkeit ein bisschen Gras gewachsen, kommt irgendein Kamel und frisst es ab. 

Alles in allem ist es aus Bloggersicht relativ leicht, Zimmermanns Einlassungen über angeblich fehlende publizistische Relevanz als "Pfeifen im Walde" zu durchschauen. Man könnte es ja geradezu amüsant finden, wie sehr die Medienprofis in Bonn ihren Status durch unbezahlte Amateure bedroht sehen. Ja, die haben offenbar richtig Schiss vor uns. Aber ärgerlich ist es dennoch, was dabei herauskommt. Nicht so sehr für die bloggende Community, sondern für die Außendarstellung des deutschen Katholizismus insgesamt. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass unsere Bischöfe die Bedeutung des Internets als Medium der Neuevangelisation bis heute nicht richtig erkannt haben. Andernfalls würde man - sei es beim Katholischen Medienhaus Bonn oder auf der Ebene einzelner Bistümer - vielleicht doch mal etwas genauer hinschauen, ob die Arbeit, die dort geleistet wird, dem Verkündigungsauftrag der Kirche gerecht wird. Dass Katholiken, die sich auch da für den Glauben ihrer Kirche einsetzen, wo er dem modernen Menschen Schwierigkeiten bereitet (und wo täte er das nicht?), in den Redaktionen kirchlicher Internetauftritte fast ausschließlich als Störenfriede betrachtet werden, müsste eigentlich zu denken geben.


Montag, 8. Februar 2016

Herzlichst, Ihr Fachmagazin für schlechte Katholiken

"Was darf Satire?" Diese Frage hat Kurt Tucholsky, dem man wohl eine beträchtliche Autorität auf diesem Gebiet zubilligen darf, bereits 1919 ex cathedra entschieden: "Alles!" Nachdem das also geklärt ist, erscheint es weit interessanter und ergiebiger, zu fragen: "Was will Satire?" - Da kann man nun natürlich sagen, das sei von Fall zu Fall unterschiedlich; aber verallgemeinernd gesprochen lässt sich wohl festhalten, dass Satire das Ziel hat, bestimmte Personen, Institutionen, Meinungen oder Verhaltensweisen zu attackieren, indem sie sie lächerlich macht. Daraus folgt, dass Satire stets eine Positionierung enthält: Daraus, gegen wen oder was sie sich richtet, wie auch daraus, was genau sie an ihrem Gegenstand lächerlich zu machen bestrebt ist, kann man per Umkehrschluss folgern, wofür sie positiv eintritt. 

Was soll man demnach davon halten, wenn das von der Deutschen Bischofskonferenz aus Kirchensteuermitteln finanzierte Online-Portal katholisch.de zum Rosenmontag eine beißende Satire gegen "gute Katholiken" veröffentlicht? - Man könnte meinen, das zeige, dass katholisch.de sich als das Sprachrohr der "schlechten Katholiken" versteht. Aber das wäre natürlich zu kurz gedacht, denn ebendiese Positionierung zeigt ja, dass der Verfasser der Glosse, katholisch.de-Redakteur Björn Odendahl, die "guten Katholiken" gar nicht wirklich gut und die "schlechten Katholiken" gar nicht wirklich schlecht findet. Gewissermaßen benutzt er die Bezeichnung "gute Katholiken" also in einem ähnlichen Sinne, wie andere Zeitgenossen verächtlich von "Gutmenschen" sprechen. Letzterer Begriff ist gerade zum Unwort des Jahres erklärt worden und ist somit I-Bah. Ein strukturell gleichartiges rhetorisches Mittel gegen eine andere Personengruppe - hier: konservative Katholiken - einzusetzen, scheint aber dennoch legitim zu sein. Warum? Weil's Satire ist, und die darf Tucholsky zufolge was nochmal? - Eben. Man darf also - und das hat in Zeiten grassierender political correctness ja auch was Beruhigendes - nach wie vor alles sagen, man muss nur "Satire" drüberschreiben. 

Wobei: Über dem hier angesprochenen Text von Björn Odendahl steht gar nicht "Satire". Sondern "Humor". Und Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Na dann. 

Wodurch zeichnet sich denn nun der "gute Katholik" aus, den Björn Odendahl in seiner Satire aufs Korn nimmt? - Zum Beispiel dadurch, dass er gern überpünktlich zur Messe erscheint, einen "Stammplatz" in der Kirche hat und fein gekleidet ist. (Von Pullundern ist allerdings keine Rede.) Sodann dadurch, dass er Wert auf die Einhaltung der Sonntagspflicht legt. Dass er ein eigenes Exemplar des Gotteslobs zur Messe mitbringt - "mit Goldschnitt und - im Idealfall - einem Autogramm des Papstes, das von der letzten Pilgerreise nach Rom stammt". Dass er mit den liturgischen Texten vertraut ist und sie an den Stellen, an denen es liturgisch vorgesehen ist, laut und deutlich mitspricht. Dass er mehr kniet als andere Teilnehmer der Messe. Dass er Mundkommunion praktiziert und es nach Möglichkeit vermeidet, die Kommunion von Kommunionhelfern zu empfangen: "Kommunionhelfer sind ja eine feine Sache. Das verkürzt die Wartezeit. Aber irgendwie geht der gute Katholik doch lieber zum Priester. Der hat einfach mehr Autorität." Und schließlich: "Sein absolutes Lieblingsbuch ist der Katechismus der Katholischen Kirche." 

Um an dieser Stelle gleich mal persönlich zu werden: Fühle ich mich getroffen? Bin ich ein "guter Katholik" im Sinne des Verfassers, mit anderen Worten also eine unerträgliche Nervensäge für "normale" Kirchgänger? - Ehrlich gesagt: teils-teils. Ob ich extrem früh, gerade noch pünktlich oder sogar erst zum Gloria zur Messe erscheine, hängt sehr wesentlich von der S-Bahn ab. Ich ziehe mir zum Kirchbesuch auch keine besonders feinen Sachen an - so etwas besitze ich nämlich gar nicht. Sehr wohl besitze ich, horribile dictu, ein eigenes Gotteslob-Exemplar mit Goldschnitt (!), aber das nehme ich für gewöhnlich nicht mit in die Messe. Unter anderem deshalb nicht, weil es ein altes Gotteslob ist - die Liednummern also nicht mehr stimmen - und es zudem den Regionalteil des Bistums Münster enthält. Ich habe es zur Erstkommunion geschenkt bekommen. Ich schlimmer Dunkelkatholik. - Und ja, ich kenne die liturgischen Texte und bete sie gern vernehmlich mit; ja, ich knie nicht nur während der Wandlungsworte, ja, ich bevorzuge, soweit möglich, die Mundkommunion. Und auch bei dem Punkt mit den Kommunionhelfern bzw. -innen (meist sind es ja Frauen) muss ich mich schuldig bekennen. Ja, ich bin sogar noch "schlimmer", als Björn Odendahl annimmt: Ich bin nämlich nicht der Meinung, dass Kommunionhelfer an und für sich "eine feine Sache" seien. Im Normalfall - d.h. außer vielleicht in den seltenen Fällen, in denen die Kirche rappeldickevoll ist, aber nur ein Priester zugegen ist - finde ich sie schlicht überflüssig. Der Einsatz von Kommunionhelfer_innen dient nicht dem geordneten Ablauf der Kommunion, sondern einzig dazu, dem Ego bestimmter Lai_innen zu schmeicheln, die sich in der Kirche gern wichtig fühlen wollen. - Und was den Katechismus betrifft, so würde ich ihn nicht unbedingt als mein "absolutes Lieblingsbuch" bezeichnen, aber sehr wohl als ein für katholische Gläubige ausgesprochen wichtiges Buch. Ich komme noch darauf zurück. 

Wenn ich also an mir selbst feststelle, dass die von Björn Odendahl zusammengetragenen Charakteristika zum Teil auf mich zutreffen und zum Teil nicht, dann kann man wohl davon ausgehen, dass das vielen anderen Lesern genauso geht. Klar: Der Text vergröbert und verallgemeinert. Das hat Satire so an sich. Ärgerlich ist allerdings, dass er den "guten Katholiken", um sie möglichst unsympathisch darzustellen, auch Eigenschaften unterstellt, die damit, ob jemand ein "guter" (will sagen: besonders "glaubenseifriger", "strenggläubiger", "konservativer"... you name it) oder nur ein ganz "normaler" Katholik ist, in keinerlei logischem Zusammenhang stehen. Zum Beispiel, dass "gute Katholiken" angeblich keine Kinder mögen. Jedenfalls nicht in der Heiligen Messe. "Denn Kinder sind immer so laut und laufen überall herum." Dabei habe doch "irgendwer" - "Jesus, um genau zu sein" - mal gesagt "Lasset die Kinder zu mir kommen". - Die Botschaft ist klar: "Gute Katholiken" sind schlechte Christen. Weil ihnen eine störungsfreie Messe wichtiger ist als das zu tun, was Jesus sagt. 

-- Natürlich gibt es immer mal wieder Leute, die überempfindlich reagieren, wenn Kinder sich in der Kirche nicht absolut mucksmäuschenstill verhalten (und welches Kind täte das schon). Nun mag es nahe liegen, zu unterstellen, dies beträfe in besonderem Maße jene, die auch sonst besonderen Wert darauf legen, dass in der Heiligen Messe alles korrekt und würdig zugeht. In dieser Unterstellung steckt jedoch ein simpler Denkfehler. "Gute Katholiken" im von Odendahl karikierten Sinne sind nämlich nicht nur mehr oder weniger verhärmte Alleinstehende; es gibt unter ihnen auch Ehepaare, die oft - aus Gründen, die ich wohl nicht erläutern muss - viele Kinder haben und gleichzeitig Wert darauf legen, diese von klein auf in die Messe mitzunehmen. Und die wissen folglich aus eigener Erfahrung, dass Störungen durch Kinder selbst beim besten Willen nicht hundertprozentig zu vermeiden sind. (Dass es zwischen Kindern, die einfach etwas lebhaft und/oder unruhig sind, und Kindern, die totales Chaos veranstalten, ohne dass die Eltern auch nur versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, noch einen Unterschied gibt, sei nur am Rande vermerkt.) 

Viel entscheidender ist aber allemal, welches Bild sich ergibt, wenn man aus Björn Odendahls Tiraden gegen "gute Katholiken" den Umkehrschluss zieht. Wie sieht das positive Gegenbild zu den "guten Katholiken" aus? Spätaufsteher in Jeans und Turnschuhen, die sich brav die Handkommunion bei der Kommunionhelferin abholen? Nun, wir wollen nicht Polemik mit Polemik beantworten, aber so viel kann man wohl doch sagen, dass die Sympathie des katholisch.de-Redakteurs denen gehört, die es mit der Sonntagspflicht nicht so genau nehmen, dann und wann aber doch mal in die Kirche gehen, auch wenn sie sich in der Liturgie nicht so auskennen und froh sind, wenn sie "das Vaterunser [...] gut hinbekommen". Womöglich beschreibt das die hauptsächliche Zielgruppe von katholisch.de ganz gut. Könnte ja sein. Und diese Leute werden dann eben konsequent da stehen gelassen, wo sie stehen - indem man ihnen vermittelt: Ihr seid okay so, wie ihr seid, werdet bloß keine "guten Katholiken" wie die da vorn, die sind alle sonderbar. 

-- Und außerdem nervig. Die Stichelei gegen Leute, deren "absolutes Lieblingsbuch [...] der Katechismus der Katholischen Kirche" ist, lässt darauf schließen, dass Odendahl extrem genervt von Katholiken ist, die, bildlich gesprochen, ständig mit dem Katechismus unter dem Arm herumlaufen, um ihn in seiner Eigenschaft als katholisch.de-Redakteur gelegentlich daran zu erinnern, was die Katholische Kirche tatsächlich lehrt. Die Sonntagspflicht ist für ihn nur eine Lachnummer: Wer sie verletzt, hat allenfalls zu befürchten, dass "[a]uf dem nächsten Gemeindefest [...] der gute Katholik" unangenehme Fragen stellt. Kein Wort davon, dass das etwas wäre, was man beichten müsste. Überhaupt: das böse B-Wort. Wäre da nicht auch noch ein bisschen wohlfeiler Spott über "gute Katholiken" am Platz gewesen? Dass Odendahl es zudem - im Zusammenhang mit dem Thema "Mund- oder Handkommunion" - offenbar lustig findet, dass jüngst (angeblich) konsekrierte Hostien auf eBay verhökert wurden, spricht nicht unbedingt für große Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten. 

Sicherlich könnte man mit viel gutem Willen argumentieren - und Björn Odendahl selbst würde das, wenn man ihn darauf anspräche, wahrscheinlich tun -, die Satire richte sich eigentlich gar nicht allgemein gegen besonders "glaubenseifrige", "strenggläubige" oder "konservative" Katholiken, sondern lediglich gegen das ostentative Zurschaustellen von Frömmigkeit, verbunden mit Geringschätzung gegenüber den nicht so ostentativ Frommen. Schließlich heißt es in Odendahls Glosse u.a.: "Ihr Zuspätkommen quittiert er mit einem halb süffisanten, halb mitleidigen Lächeln - inklusive gut sichtbarem Kopfschütteln". Oder: "Auch über Ihr Outfit kann er nur lachen." Das Problem ist jedoch, dass der Text gar keinen Raum für den Gedanken lässt, "gute Katholiken" täten das, was sie tun, aus einem anderem Grund als dazu, sich über Andere zu erheben. Es erscheint undenkbar, weshalb jemand in der Heiligen Messe länger als unbedingt nötig knien sollte, wenn nicht, damit "es jeder sieht. Wozu sonst die ganze Quälerei?" 

Das Bedürfnis, sich für besser zu halten als andere Menschen (und dies auch nach außen hin deutlich zu zeigen), gibt es selbstverständlich. In dunkelkatholischen Kreisen gibt es einen Namen dafür: superbia, Hochmut. Die oberste aller Sieben Todsünden - und das aus gutem Grund, denn alle anderen Sünden gehen aus ihr hervor. Man kann sicher argumentieren, dass der Versuchung zum Hochmut gerade solche Menschen in besonderem Maße ausgesetzt sind, die tatsächlich Vieles richtig und gut machen. Zum Beispiel eben auch auf dem Gebiet der religiösen Observanz. Der Pharisäer in Jesu Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner (Lukas 18.9-14) tat schließlich viel Gutes: "Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens", heißt es in Vers 12. Nicht dass er diese Dinge tat, war sein Fehler, sondern dass er in unangemessener Weise stolz darauf war, darüber seine eigenen Fehler und Sünden übersah und verächtlich auf Andere blickte: "Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort" (V. 11). Diesbezüglich sind Björn Odendahl und mit ihm die katholisch.de-Redaktion schon einen entscheidenden Schritt weiter; denn die sagen: 
"Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jener Pharisäer dort!" 
Was es dazu sonst noch zu sagen gäbe, bitte ich diesem lustigen Puppentrickvideo von Lutheran Satire zu entnehmen...



Freitag, 5. Februar 2016

Nachträge zu Dorsten und Neues aus Nordenham

Die Pfarrei St. Agatha in Dorsten, über die ich unlängst erstmals berichtete, feiert an diesem Sonntag ihr Patronatsfest. Eigentlich ist der Gedenktag der Hl. Agatha aber schon heute. Grund genug für mich, einen erneuten Blick auf die Pfarrei an der Lippe zu werfen. Aber zunächst, eingedenk des kalendarischen Anlasses, ein paar Worte zur Namenspatronin der Pfarrei und heutigen Tagesheiligen. 

Die Heilige Agatha von Catania war der Überlieferung zufolge eine Märtyrerin der Christenverfolgung unter Kaiser Decius um das Jahr 250. Ihre Legende ähnelt jenen verschiedener anderer populärer Heiligen und Märtyrerinnen aus römischer Zeit - etwa der Hl. Barbara und der Hl. Margareta - insofern, als es von ihr heißt, sie sei eine ausnehmend schöne Jungfrau gewesen und sei dadurch ins Fadenkreuz der Christenverfolgung geraten, dass sie das Liebeswerben eines heidnischen Stadt- oder Provinzstatthalters zurückgewiesen habe. Zu den bemerkenswerten Details der Agatha-Legende gehört es, dass es darin heißt, ihr verschmähter Verehrer habe sie zunächst in ein Bordell verschleppen lassen, um sie zur Unkeuschheit zu verführen; nachdem dies nicht den erwünschten "Erfolg" hatte, wurde Agatha schließlich zu Tode gefoltert, wobei ihr u.a. die Brüste abgeschnitten wurden. Dieser Umstand prägt auch die Darstellungen Agathas in der bildenden Kunst: So gibt es Bilder, auf denen sie skurrilerweise ihre Brüste auf einem Tablett vor sich herträgt. Zum Beispiel dieses Gemälde von Francisco de Zurbarán (1598-1664):


Auf diese Weise wurde die Hl. Agatha auch zur Schutzheiligen gegen Brustleiden, und in einigen Gegenden werden zu ihrem Gedenktag Brötchen in Form von Brüsten gebacken. Kein Scherz. Außerdem ist die Hl. Agatha Schutzpatronin der Insel Malta, ihrer Heimatstadt Catania auf Sizilien, Patronin der Ammen, Hirtinnen, Weber, Goldschmiede, Glaser und Gießer; sie wird zum Schutz vor Ausbrüchen des Ätna sowie gegen Erdbeben, Fieber und Hungersnot angerufen.

Interessant, nicht? Aber eigentlich komme ich deshalb auf die Dorstener Pfarrei zurück, weil ich nach der Veröffentlichung meines ersten Dorsten-Artikels noch auf ein paar Informationen gestoßen bin, die ich mit Sicherheit in den Artikel eingebaut haben würde, wenn ich schon vorher davon gewusst hätte. Also muss ich das nun nachtragen. 

Da wären zum einen die Umstände, die dazu geführt haben, dass es in der Pfarrei kurzfristigen Bedarf für einen Aushilfspriester gab. Der ehemalige Nordenhamer Pfarrer Torsten Jortzick übernimmt in St. Agatha vorübergehend die Aufgaben des bisherigen Kaplans Jan Finkemeier. Warum aber ist Kaplan Finkemeier aus seinem Dienst in der Pfarrei ausgeschieden? Antwort: Er wurde vom Bischof suspendiert, weil er sich dazu bekannt hat, mit einer Frau zusammenzuleben. ich erwähne das nicht in der Absicht, es zu skandalisieren. Kaplan Finkemeier war in der Gemeinde augenscheinlich sehr beliebt. Wenn ein engagierter Priester am Zölibat scheitert, ist das zunächst einmal ein persönlicher Konflikt, über den man nicht leichtfertig urteilen sollte; und für die Kirche ist es sicherlich ein Verlust. Problematisch ist es, dass solche Fälle nicht selten zum Anlass genommen werden, den Zölibat insgesamt in Frage zu stellen. Wenn bei den Dorstenern, die es bedauern, ihren Kaplan zu verlieren, der Gedanke aufkommt "Wenn es den doofen Zölibat nicht gäbe, hätten wir ihn behalten können", ist das menschlich durchaus verständlich. Da wäre es dann aber eigentlich umso wichtiger, den Leuten zu vermitteln, dass und warum der Zölibat nichtsdestoweniger seinen Sinn und Wert hat. Aber wer wagt es heutzutage noch, etwas Positives über den Zölibat zu sagen? Und wenn es tatsächlich mal jemand tut - wie wird das aufgenommen? (Das meine ich jetzt nicht allein auf diesen konkreten Fall bezogen, sondern ganz allgemein.) 

Jan Finkemeier jedenfalls hat in St. Agatha eine schöne Verabschiedungsfeier bekommen, über die ein Teilnehmer auf der Facebook-Seite der Pfarrei schreibt:
"Starkes Zeichen der Pfarrei und aller Beteiligten - Dechant Franke, Pfarreirat, Gemeindeausschuss St. Nikolaus bei der Verabschiedung von Kaplan Finkemeier. Volle Kirche, tolle Reden und Zeichen. Die Katholiken vor Ort sind nicht von gestern, sondern leben den Glauben und die Gemeinschaft so, wie Jesus es sich sicher wünscht, das war heute zu deutlich spüren. Danke!" 
"Nicht von gestern", "so, wie Jesus es sich wünscht" - mich wandelt bei dieser Wortwahl ein leises Grauen an, aber ich war ja nicht dabei und kann daher nicht einordnen, was der Verfasser dieser Zeilen damit konkret meint. Lassen wir das also mal so stehen. 

Sodann: Dem leitenden Pfarrer von St. Agatha, Ulrich Franke, habe ich in meinem ersten Dorsten-Artikel womöglich etwas Unrecht getan, aus purer Irritation über seinen übelgelaunten Pfarrbrief-Text zur Personalsituation in seiner Pfarrei. Jedenfalls gibt es Indizien dafür, dass er eigentlich doch ein Guter ist. Ich habe nämlich in den Weiten des Internets ein Interview mit ihm in der Dorstener Zeitung gefunden, von dem ich zunächst dachte, es gehe darin um die in meinem ersten Dorsten-Artikel ausführlich gewürdigte Umfrage zum Zukunftsbild der Pfarrei. Tatsächlich stammt der Zeitungsartikel jedoch aus dem März 2015 und dreht sich um eine andere Umfrage - eine Umfrage des Bistums Münster, in der 30% der Befragten angaben, mit der Katholischen Kirche unzufrieden zu sein. Danach befragt, was für Konsequenzen aus diesem Ergebnis zu ziehen seien, sagte Pfarrer Franke einige beachtenswerte Dinge. Meine Lieblingspassage lautet: 
"Darf ich auch was Kritisches zum Ansatz der Studie sagen? Sie wurde ja unter Marketing-Gesichtspunkten erstellt. Marketing-Leute geben Geschäftsleuten Rat, wie sie gewinnbringender verkaufen und sich deutlicher als Marke darstellen können. Für jeden Geschäftsinhaber ist das ja okay. Kirche läuft aber anders [...]. Wir sollen Gott ehrlich verkündigen und den Menschen in seinem Namen nahe sein und versuchen, ihnen zu helfen. Vieles, was wir machen, ist nach außen schwer darstellbar und darf es auch nicht sein. Wir verkaufen nichts. [...] Kirche ist Werkzeug Gottes. Wer so denkt, macht sich keine Sorgen darum, wie ich mich besser als Marke darstellen kann." 
Na das lässt sich doch hören! Dann muss man sich wohl auch keine allzu große Sorgen darum machen, wie die Ergebnisse der Zukunftsbild-Umfrage in der Gemeindearbeit umgesetzt werden.

Soviel einstweilen aus Dorsten; aber auch aus der Pfarrei St. Willehad gibt es Neuigkeiten, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten will. Wir erinnern uns: Zum 3. Advent hatte der Offizial und Weihbischof Heinrich Timmerevers sich mit einem offenen Brief an die Gemeinde gewandt und die zerstrittenen Interessengruppen zur Versöhnung aufgerufen. Zu Weihnachten nun hielt Diakon Christoph Richter in St. Willehad eine beachtenswerte Predigt, in der er dieses Anliegen aufgriff. In voller Länge ist sie auf der Facebook-Seite der Pfarrei nachzulesen; hier einige Kernsätze:
"Und die Engel der Heiligen Nacht singen es auch: Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.
Diese Menschen seiner Gnade sind WIR. Und WIR alle bilden unsere Gemeinde St. Willehad mit allen Gemeindeteilen. Wir alle und noch viele darüber hinaus. Und da ist es egal, in welcher Gemeindegruppe wir mitarbeiten, welche Stellung wir als Mitarbeiter haben, oder ob wir hier einfach nur zum Gottesdienst zusammen kommen.

Ich für mich möchte weiterhin einem jeden Menschen, der sich in irgendeiner Weise mit St. Willehad verbunden fühlt [...], freundlich und mit großem Respekt begegnen - denn auch in dir und in dir ist Weihnacht. Für mich ist dieses Weihnachtsfest eine Art Neubeginn in St. Willehad, ich kann den Frieden, der mir in dieser Nacht [...] geschenkt ist nicht für mich  behalten. Ich möchte ihn teilen - mit Ihnen - Sie auch?" 
Ausgesprochen stark, wie ich finde - aber gleichzeitig wirft das auch ein Licht darauf, wie sehr die Dinge innerhalb der Gemeinde im Argen liegen, wenn eine solche Predigt notwendig ist. Aber hoffen wir für die Zukunft mal das Beste. --

Bei der diesjährigen Sternsinger-Aktion, an der in Nordenham, Butjadingen und Stadland insgesamt 23 Kinder teilnahmen, wurden an 110 angemeldeten Adressen insgesamt 3483 € an Spenden gesammelt (Pressebericht hier, weitere Fotos hier). Auf der Facebook-Seite der Pfarrei hieß es allerdings, man habe in diesem Jahr "deutlich weniger Kinder aussenden" können als 2015. Über die Gründe lässt sich allenfalls spekulieren, aber der Gedanke liegt wohl nicht ganz fern, dass sich hier die Konflikte zwischen verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Gemeinde ausgewirkt haben könnten.

Am selben Wochenende, an dem die Sternsinger unterwegs waren, gab es einen Einbruch ins Rat-Schinke-Haus, das ehemalige Pfarrhaus von Herz Mariae in Burhave, jetzt ein Gästehaus für Jugendgruppen und Familien. Dabei wurden Schlüssel und eine ungenannte Summe an Bargeld erbeutet; es entstand ein Sachschaden in vierstelliger Höhe. Das schmerzt. Ich habe  in meiner Kindheit und Jugend so viel Zeit in diesem Haus verbracht, dass es für mich praktisch ein Stück Zuhause ist. 

Und am vergangenen Wochenende war Firmung in St. Willehad. Weihbischof Heinrich Timmerevers spendete das Sakrament der Firmung 22 Jugendlichen - eine recht stolze Zahl, wie ich finde. Ein paar schöne Fotos davon gibt es hier. In die Lokalpresse schaffte es dieses Ereignis nur in Gestalt eines knappen Vorberichts, dessen Verfasser (obwohl er selbst Gemeindemitglied von St. Willehad ist und sogar dem Kirchenvorstand angehört) beharrlich vom "Fest der Firmung" spricht - das es als solches gar nicht gibt, denn der Begriff "Fest" bezeichnet im Sprachgebrauch der Katholischen Kirche den liturgischen Rang bestimmter Tage im Kirchenjahr. Könnte man wissen, muss man aber offenbar nicht. "Das Fest der Firmung geht zurück auf das Pfingstereignis, wovon in der Bibel unter anderem [!] die Apostelgeschichte und das Johannesevangelium berichten", weiß der NWZ-Journalist seinen staunenden Lesern zu berichten. Und weiter? Nichts weiter. Was bedeutet es, dass Jugendliche vom Bischof (bzw. Weihbischof) gefirmt werden? Was passiert da mit ihnen, und warum? Das alles muss dem in kirchlichen Dingen unbewanderten Leser ein Geheimnis bleiben. Auch der Begriff "Sakrament" kommt im Artikel nicht vor. Viel wichtiger ist allemal die Aufzählung der Namen der Firmlinge. So funktioniert Lokalpresse.

Mehr habe ich im Augenblick nicht zu berichten. Aber vielleicht gibt es unter meinen Lesern ja ein paar Ortsansässige, die mehr wissen. Ich freue mich also auf Ergänzungen...!



Update 17:30 Uhr: Schon gibt's die erste Ergänzung bzw. Richtigstellung. Diakon Christoph Richter teilt mir aus Nordenham mit, der Vorbericht zur Firmung basiere auf einer Pressemitteilung der Pfarrei. Die beanstandeten Formulierungen stammen also nicht vom Lokalredakteur der NWZ. "Im Sprachgebrauch der Menschen bedeutet Fest etwas anderes, als das liturgische Fest, nämlich die Zusammenkunft der Familie nach der Sakramentenspendung. Daher haben wir uns entschieden, diese Feier so anzukündigen." 


Donnerstag, 4. Februar 2016

Die (bzw. meine) beste Idee, seit es Facebook gibt

Am Anfang war der Algorithmus.

Es ist noch keine Woche her, dass mir ein Feature meiner Facebook-App auffiel, das entweder neu war oder das ich vorher einfach nie bemerkt hatte. Ich hatte eine Übersicht der Facebook-Gruppen geöffnet, in denen ich Mitglied bin, und stolperte unversehens auf eine Anregung der App, selbst Gruppen auf Facebook zu gründen. Und die App begnügte sich nicht etwa damit, vorzuschlagen "Gründe doch mal 'ne Gruppe!"; nein, sie machte ganz konkrete Vorschläge, was für Gruppen das sein könnten und welche meiner Freunde ich dazu einladen könnte. Und gleich der allererste Vorschlag meiner App war eine Gruppe namens "Freunde, denen Bistum Münster gefällt". Da musste ich lachen. 

Mit "Bistum Münster" meinte die App schließlich nicht das Bistum also solches, sondern die gleichnamige Facebook-Seite. Und dass ich mit den Gestaltern dieser Seite so meine, sagen wir mal, Differenzen habe, ist ja eine ziemlich bekannte Tatsache. "Guter Witz!", dachte ich daher und postete eine launige Anmerkung über diesen originellen Vorschlag an meine FB-Freunde und -Freundesfreunde. 

Wie sich zeigte, fand die Idee bei diesen aber recht viel Anklang. Will sagen, sie gaben ebenfalls allerlei heitere Kommentare dazu ab - was mich dazu veranlasste, darüber nachzudenken, ob das nicht vielleicht wirklich eine gute Idee wäre. Wenn auch nicht ganz in dem Sinne, wie der Vorschlag wohl gemeint war. Schließlich hatte die Erfahrung gezeigt, dass einige meiner Facebook-Bekannten erheblichen Spaß daran haben, wenn ich Beiträge vom Bistum Münster (oder anderen Bistumsseiten) in meiner Chronik teile und mit kritischen oder sarkastischen Bemerkungen garniere - während andere nichts damit anfangen können oder sogar genervt davon sind. So etwas, dachte ich mir, könnte man durch die Einrichtung einer Gruppe doch sehr schön filtern. Gleichzeitig fand ich, man müsse sich nicht unbedingt speziell auf die Bistum-Münster-Seite einschießen; Inhalte von eher fragwürdiger Qualität gibt es schließlich auch bei anderen kirchensteuerfinanzierten Social-Media-Auftritten. Im Rahmen der Diskussion über diesen Sachverhalt merkte Bloggerkollege Thomas aus dem Abendland schließlich an, er selbst verwende für derartige Fälle stets die Formulierung "ein ungenanntes Bistum". Das klingt gut, fand ich. Ich schlief aber noch eine Nacht darüber, ehe ich mich daran machte, die Gruppe "Ein ungenanntes Bistum" auf Facebook einzurichten.

Die Resonanz war verblüffend. Ehe ich auch nur dazu gekommen war, eine Gruppenbeschreibung zu formulieren und einen idealtypischen, mit einem Foto von Toastbrot versehenen Tagesimpuls von der Seite meines allerzweitliebsten Bistums zu teilen, steuerten meine zu Gründungsmitgliedern der Gruppe ausersehenen FB-Freunde nicht weniger als drei Beiträge bei. Als ich endlich doch eine Gruppenbeschreibung ausgearbeitet hatte, lautete diese wie folgt:

"Bist Du auch genervt von der Social-Media-Tätigkeit mancher deutscher Bistümer? Von Tagesimpulsen zwischen Esoterik und Nonsens, von zu viel Politik, Sport und Promi-Gossip und zu wenig Glaubensinhalten? Findest Du auch manchmal, die FB-Seite des einen oder anderen Bistums sollte sich lieber in "Interreligiöses Teekränzchen gegen Rechts" (oder so) umbenennen?

Dann bist Du hier richtig! Teile Deine bizarrsten Fundstücke, gern aber auch Beispiele dafür, wie es besser ginge!

WICHTIGER HINWEIS: Das Ganze ist natürlich nicht zuletzt auch humorig gemeint. Beschimpfungen gegen Bischöfe oder Frauen in Hosen, bittere Lamenti über den allgemeinen Niedergang des Katholizismus oder Zweifel an der Rechtgläubigkeit von Papst Franziskus sind in dieser Gruppe nicht willkommen! (Und wenn doch, dann nur mit Augenzwinkern...)" 
Nun, einige Tage später, bin ich mehr als angetan von der Resonanz, die diese aus einer Laune heraus geborene Gruppengründung gefunden hat. Die Gruppe "Ein ungenanntes Bistum" hat derzeit 66 Mitglieder und hat sich zu einer wahren Fundgrube für Skurriles und Bizarres aus der Welt des real existierenden Katholizismus entwickelt. Dabei geht es längst nicht nur um verunglückte "geistliche Impulse"; fleißig geteilt werden etwa auch Videos von liturgischem Tanz und sonstigem Ringelpiez, Fotos von schlimmen Messgewändern (z.B. von der Seite Bad Vestments) und unbekömmlicher Kirchenarchitektur, und im Kommentarbereich wird auch schon mal aus dem Nähkästchen geplaudert, was z.B. persönliche Erfahrungen mit der Stuhlkreismafia angeht. Aber - und das ist das Schöne an dieser Gruppe - alles mit Humor. Statt sich zu ereifern und zu grämen, wird lieber gescherzt und gealbert. Da schlüpfen auch schon mal gestandene Tradis spaßeshalber in die Rolle prilblumenliebender WiSiKianer. Und ich habe ein neues digitales Lieblingsspielzeug entdeckt: den Meme-Generator.


Natürlich hat diese ganze Blödelei einen durchaus ernsten Hintergrund. Aber die Gruppenregeln stellen sicher, dass dieser Ernst eben im Hintergrund bleibt. Auf dass allen Beteiligten das Lachen nicht vergeht. Denn, wie Max Goldt einmal schrieb - sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert - : Wer noch in der Lage ist, herzlich zu lachen, dem gerinnt sein Genervtsein nicht zu Hass. Außenstehende wären vermutlich überrascht, was für ein lustiges Volk diese radikalen Christen sind, vor denen in jüngster Zeit so viel gewarnt wird.

Wobei, à propos Außenstehende: Es handelt sich um eine geschlossene Gruppe. Einen geschützten Raum gewissermaßen. Das ist wichtig, denn nur wenn in inhaltlichen Fragen ein gewisser Grundkonsens vorausgesetzt werden kann, kann sich das, worum es in dieser Gruppe geht, ungestört entfalten. Anders gesagt: Nach Herzenslust herumblödeln lässt sich nur, wenn man einigermaßen darauf vertrauen kann, dass die Anderen den Witz verstehen. -- Wobei das mit dem "geschlossenen" Charakter einer Facebook-Gruppe auch wiederum relativ ist. Man kommt schon rein, aber man muss vorher anklopfen. Und gegebenenfalls einen kleinen Background-Check über sich ergehen lassen, denn, wie gesagt, es ist schließlich ein geschützter Raum. Aber übermäßig streng sind wir bei den Aufnahmekriterien nun auch wiederum nicht: Trotz der grundsätzlich katholischen Ausrichtung der Gruppe haben wir sogar ein paar Evangelikale dabei... ;)


Mittwoch, 3. Februar 2016

Everybody Wants To Rule The World #2

Iowa hat gewählt, und da muss ich meinem letzten Beitrag nun doch eine kleine Auswertung hinterherschieben, ehe ich mich wieder anderen Themen zuwende. 

Mit den Ergebnissen des Iowa Caucus bin ich mehr als zufrieden. Ein bisschen schade ist es, dass ich mich im Vorfeld nicht dazu durchringen konnte, mich auf republikanischer Seite auf Ted Cruz als Sieger festzulegen, sonst käme diese Nachbetrachtung jetzt erheblich triumphalistischer, Ich-hab's-euch-doch-gleich-gesagt-mäßiger daher. Es war aber ja auch relativ knapp. 27,6% der republikanischen Caucus-Teilnehmer stimmten für Cruz, 24,3% für Donald Trump - und 23,1% für meinen Lieblingskandidaten Marco Rubio, der damit zwar in absoluten Zahlen gut 2000 Stimmen weniger erhalten hat als Trump, aber genauso viele Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag gewonnen hat wie dieser, nämlich 7. Und somit nur eine weniger als Cruz. 

Auf Platz 4 folgt mit deutlichem Abstand (9,3% der Stimmen) Ben Carson, der sich dadurch auszeichnet, dass er der einzige Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur ist, der jemals erfolgreich Siamesische Zwillinge getrennt hat. Der Rest des Kandidatenfeldes ist weit abgeschlagen. 

Bei den Demokraten gab es das knappste Ergebnis in der Geschichte des Iowa Caucus: 49,8% stimmten für Hillary Clinton, 49,6% für Bernie Sanders. Praktisch also Gleichstand. Für Martin O'Malley blieb weniger als 1% übrig, woraus er die Konsequenz zog, seine Kandidatur aufzugeben. 

Derweil hat von den republikanischen Kandidaten, die in Iowa schlecht abgeschnitten haben, vorerst nur ein einziger seine Kandidatur an den Nagel gehängt - nämlich Mike Huckabee, ehemaliger Gouverneur von Arkansas, der 1,8% der Stimmen erreichte und sich damit den 9. Platz mit dem amtierenden Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, teilt. Dieser Verzicht auf weitere Kandidatur hat gute Gründe: Huckabee, der schon 2008 und 2012 kandidiert hat, hat sein Wählerpotenzial vor allem bei den "Religiösen Rechten", und die sind in Iowa besonders stark vertreten. Wenn er also selbst hier - wo er 2008 noch als Sieger vom Platz ging - auf keinen grünen Zweig kommt, weil die Religiösen Rechten überwiegend auf Ted Cruz setzen, kann er sich für die weiteren Vorwahlen erst recht keine realistischen Chancen ausrechnen. 

Warum aber machen alle anderen Kandidaten weiter, auch die, die in Iowa nur zwischen einem und drei Prozent geholt haben? Hoffen sie auf ein Wunder? - Nun ja, vielleicht. Vielleicht stecken aber auch pragmatischere Gründe dahinter, und sie spekulieren darauf, bei den weiteren Vorwahlen hier und da ein paar Delegiertenstimmen einzuheimsen, die sie dann als Verhandlungsmasse einsetzen können - etwa, um einen nachgeordneten Posten in der Regierungsmannschaft des Kandidaten zu beanspruchen, der dann tatsächlich nominiert wird. 

Nach außen hin begründen die Kandidaten, die in Iowa schlecht abgeschnitten haben, ihr Festhalten an einer weiteren Kandidatur jedenfalls damit, dass die paar Delegiertenstimmen, die es in Iowa zu holen gegeben hat, ja gar nicht so entscheidend seien und dass Iowa sowieso überhaupt nicht repräsentativ für den Rest des Landes sei. Das stimmt zwar zu einem gewissen Grad, aber irgendwie tragikomisch ist es doch: Erst machen alle wochenlang wie verrückt Wahlkampf in Iowa, und kaum ist die Abstimmung dort gelaufen, erklären die Kandidaten, die dort keinen Erfolg hatten: "Ach, Iowa ist doch total unwichtig." 

In besonderem Maße gilt das für Jeb Bush, der zu dem Zeitpunkt, als er seine Kandidatur bekanntgab, als klarer Favorit galt, beim Iowa Caucus aber nur 2,8% der Stimmen erhielt und damit auf dem sechsten Platz landete. Sein Wahlkampfteam erklärt verstockt, das Ergebnis aus Iowa bedeute überhaupt nichts, schließlich hätten die republikanischen Präsidentschaftskandidaten von 2008 und 2012 die Vorwahlen in Iowa ebenfalls nicht gewonnen. Das stimmt zwar, aber was sie verschweigen, ist der Unterschied zwischen "nicht gewinnen" und "total abstinken". Der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2012, Mitt Romney, hatte in Iowa 24,53% und damit einen knappen zweiten Platz erreicht; John McCain war 2008 in Iowa zwar nur Vierter geworden, hatte dabei aber rund dreimal so viele Stimmen erhalten wie Bush bei der diesjährigen Vorwahl. Nun, wie dem auch sei, Bushs Kampagne konzentriert sich nun ganz auf New Hampshire, wo nächsten Dienstag gewählt wird. New Hampshire sei für das Rennen um die Nominierung viel entscheidender als Iowa. Damit legt die Bush-Kampagne die Messlatte für die kommende Vorwahl allerdings extrem hoch. Neueste Umfragen sehen Jeb Bush in New Hampshire bei rund 10% und damit ungefähr gleichauf mit Cruz, Rubio und dem Gouverneur von Ohio, John Kasich. Weit vorn liegt dort nach wie vor Donald Trump. Und auch wenn dieser erneut, wie in Iowa, deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben sollte, müsste Bush sich noch erheblich steigern, um in New Hampshire ein Ergebnis zu erzielen, das er glaubwürdig als Sieg verkaufen könnte. Dafür dürfte sein blamables Abschneiden in Iowa aber kaum hilfreich sein. Ich sag mal: Gelingt es ihm nicht, in New Hampshire Cruz und Rubio hinter sich zu lassen, kann er seine Kandidatur vergessen. 

Zwar folgen nach Iowa und New Hampshire noch jede Menge weitere Vorwahlen, und bis zum Super Tuesday am 1. März, an dem in 14 Bundesstaaten sowie im Territorium Amerikanisch-Samoa gleichzeitig abgestimmt wird, sind die Delegiertenstimmen, die die einzelnen Kandidaten ansammeln können, relativ gesehen Peanuts. Dennoch wird den early states, die schon vor dem Super Tuesday abstimmen (neben bzw. nach Iowa und New Hampshire sind das noch Nevada und South Carolina), besondere Signalwirkung für den weiteren Verlauf der Vorwahlen zugeschrieben. Fast noch entscheidender als die rein zahlenmäßigen Ergebnisse ist es in dieser Phase, ob die einzelnen Kandidaten die Erwartungen, die an sie gestellt werden, über- oder untererfüllen. So gesehen war der große Sieger von Iowa auf republikanischer Seite Marco Rubio, dessen Ergebnis deutlich über seinen Umfragewerten lag; und der große Verlierer war Donald Trump, bei dem das Gegenteil der Fall war. Man wird sehen, wie sich das auf die nächsten Vorwahlen auswirkt. 

Nach derselben Logik ist auf demokratischer Seite Bernie Sanders der Sieger von Iowa, obwohl er geringfügig weniger Stimmen erhielt als Hillary Clinton. Denn dass ein obskurer linksgerichteter Senator aus Vermont, ohne eine große Wahlkampforganisation und viel Geld im Rücken zu haben, der im Establishment ihrer Partei bestens vernetzten Ex-First-Lady, Ex-Außenministerin und erklärten Wunschnachfolgerin des amtierenden Präsidenten überhaupt ernsthaft Konkurrenz macht - und das selbst in einem von der Bevölkerungsstruktur her eher konservativen Staat wie Iowa -, ist nahezu ein Wunder. Und es wirkt. Die neuesten Umfragen aus New Hampshire sehen Sanders in den demokratischen Vorwahlen bei über 60%. Das wird bitter für Hillary.

Abschließend noch ein Blick auf die General Election Match-Ups, die Direktvergleiche zwischen möglichen republikanischen und demokratischen Präsidentschaftskandidaten: Laut den von der Seite RealClearPolitics.com errechneten Durchschnittswerten der jüngsten Umfragen würde Donald Trump sowohl gegen Hillary Clinton als auch gegen Bernie Sanders verlieren - gegen Sanders aber deutlicher. Sanders hätte auch gegen Ted Cruz die Nase vorn, während dieser gegen Hillary Clinton einen hauchdünnen Vorsprung (1,3%) hätte. Marco Rubio wiederum führt gegenüber Clinton mit 2,5%, gegenüber Sanders hingegen nur mit 1%. Diese Umfragen sind allerdings durchweg schon ein paar Wochen alt, die Ergebnisse aus Iowa sind daher noch nicht in die Wertung eingeflossen. Es bleibt alles ausgesprochen spannend...

(Hier kommen trotzdem demnächst erst mal wieder andere Themen an die Reihe. Versprochen!)


Montag, 1. Februar 2016

Everybody Wants To Rule The World

Heute um 17 Uhr Ortszeit - das ist nach mitteleuropäischer Zeit morgen um Mitternacht - beginnt der Iowa Caucus, die erste Runde der parteiinternen Kandidatenkür für die US-Präsidentschaftswahl. Angesichts der überragenden weltpolitischen Rolle der USA ist es nur natürlich, dass die Frage, wer die Nachfolge Barack Obamas antritt, nicht nur in den USA selbst, sondern auch in der restlichen Welt, und somit auch hier bei uns, die Gemüter bewegt. Dabei tut man allerdings gut daran, zu bedenken, dass der US-Präsident, wenngleich seine Amtsführung Auswirkungen auf die ganze Welt haben wird, nicht als Weltpräsident gewählt wird, sondern als Präsident eines Landes. Selbstverständlich haben auch die Menschen in Europa, auch in Deutschland, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Hinblick darauf, wer der nächste US-Präsident sein wird und was für eine Politik er (oder sie) betreiben wird. Das Problem ist nur: Es ist nicht seine Aufgabe, diesen Erwartungen zu entsprechen. 

Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass wir Europäer nicht verstehen, wie Politik in den USA funktioniert. Oberflächlich betrachtet sieht eigentlich alles ganz einfach aus: Es gibt nur zwei Parteien (okay, in Wirklichkeit gibt es natürlich noch weitere, aber die sind praktisch nicht der Rede wert); die Republikanische Partei ist ziemlich rechts, die Demokratische Partei erheblich weniger, ohne deswegen nach europäischen Maßstäben ausgesprochen links zu sein. Dieser Wahrnehmung würden die US-Amerikaner selbst wohl mehr oder weniger zustimmen; der Punkt ist aber, dass "rechts" und "links" in den USA einfach nicht dasselbe bedeuten wie in Europa. Die politische Ausrichtung der US-Parteien oder auch einzelner Parteiflügel (gerade die Republikanische Partei setzt sich aus so vielen Flügeln mit zum Teil geradezu gegensätzlicher Programmatik zusammen, dass einem schwindlig werden könnte: da gibt es das so genannte "Establishment", die "Ideologischen Konservativen", die "Libertarians", die "Centrists", die "Tea Party", die "Religiöse Rechte"...) ist schlichtweg nicht in Positionen des politischen Spektrums Europas übersetzbar. Nicht nur das politische System der USA, sondern auch die Gesellschaftsstruktur unterscheidet sich massiv von der unseren, und folglich verlaufen auch die Konfliktlinien - die Interessengegensätze, die die politische Debatte prägen - anders. Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten mit Europa, aber die Unterschiede sind doch größer, als man auf den ersten Blick denken möchte.

Wenn ich sage, dass wir Europäer US-Politik nicht verstehen, dann heißt das natürlich: Ich verstehe sie auch nicht. Obwohl ich mich mehr damit beschäftige als die meisten Leute, die ich so kenne. Was mir immerhin einen Vorteil verschafft: Ich verstehe wenigstens, dass es da etwas gibt, was ich nicht verstehe.

Doch genug der Vorrede und zur Sache: Mit dem Iowa Caucus beginnt, wie gesagt, der langwierige Prozess der Kandidatenkür für die im November anstehende Präsidentschaftswahl. In den landesweiten Umfragen gibt es nach jetzigem Stand der Dinge klare Favoriten für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der jeweiligen Partei: Bei den Republikanern liegt Donald Trump vorn, bei den Demokraten - wenn auch nicht ganz so deutlich, wie man denken könnte - Hillary Clinton. Bliebe es dabei, liefe es auf eine Wahl zwischen Pest und Cholera hinaus. Aus europäischer Sicht, speziell der Sicht der europäischen Medien, mag es scheinen, einen schlimmeren Präsidenten als Trump könne es nicht geben, und an dieser Einschätzung ist wohl auch viel Wahres dran; aber es gibt gute Gründe, über Hillary Clinton dasselbe zu sagen, und viele US-Amerikaner sehen das ganz entschieden so. Anhand diverser Umfrageergebnisse analysierte die New York Post unlängst das bemerkenswerte Phänomen, dass diejenigen Kandidaten, die in den Umfragen zu den Vorwahlen ihrer jeweiligen Partei in Führung liegen, gleichzeitig bei der Gesamtbevölkerung die unbeliebtesten sind. Genauer gesagt: Trump wie Clinton haben innerhalb ihrer jeweiligen Partei eine Anhängerschaft, die groß genug ist, um sie in den Umfragen nach vorn zu bringen; aber gleichzeitig gibt es eine noch deutlich größere Zahl von US-Amerikanern, die gerade diese beiden auf keinen Fall im Weißen Haus sehen möchte. Was macht man jetzt aus diesem Dilemma?

Nun gut, es gibt ja zum Glück noch andere Kandidaten. In der Demokratischen Partei ist die Lage recht übersichtlich: Hier sind, nachdem einige Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur schon vor Beginn des eigentlichen Auswahlverfahrens aufgegeben haben, nur noch zwei mögliche Alternativen zu Hillary Clinton übrig geblieben. Da ist zum einen Martin O'Malley, ehemaliger Gouverneur des Bundesstaates Maryland. Er liegt in allen Umfragen stabil im einstelligen Prozentbereich, und es ist nicht absehbar, warum sich daran zukünftig etwas ändern sollte. Reden wir nicht drüber. Und dann gibt es noch Senator Bernie Sanders aus Vermont. Der wird von seinen Gegnern zwar als skurriler alter Zausel wahrgenommen, der für US-Verhältnisse viel zu links sei; aber in den Umfragen steht er bemerkenswert gut da: Im Bundesstaat New Hampshire, wo nächste Woche abgestimmt wird, liegt er sogar deutlich vor Hillary Clinton. Was wohl Einiges über die Unbeliebtheit der Ex-First Lady und Ex-Außenministerin aussagt.

Hingegen gibt es bei den Republikanern nicht weniger als zehn Kandidaten, die mit Donald Trump um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten konkurrieren. Mit ein bisschen Mühe würde ich aus dem Kopf alle zehn Namen zusammenbekommen, aber das lohnt sich eigentlich kaum, da nach Einschätzung annähernd aller politischer Kommentatoren in der US-Presse ohnehin nur zwei bis drei dieser Kandidaten eine realistische Chance haben, Trump in den Vorwahlen zu besiegen. Was mich zu meinem persönlichen Favoriten bringt: Marco Rubio, 44 Jahre jung, Senator aus Florida, Sohn kubanischer Einwanderer. - Warum gerade der? Nun ja, darum:


Supertyp, oder? - Aber ganz im Ernst: Dass er im Gegensatz zu den meisten seiner Mitbewerber einfach sympathisch 'rüberkommt, kann natürlich nicht der einzige Grund sein, ihn als zukünftigen Präsidenten zu favorisieren, und ist es auch nicht. Rubio steht im Ruf, einerseits überzeugend und konsequent konservative Positionen zu vertreten, aber gleichzeitig zu Kompromissen und somit zur konstruktiven Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg fähig zu sein. Er argumentiert sachlich und besonnen und führt keinen schmutzigen Wahlkampf gegen seine Partei"freunde", was beinahe schon ein Alleinstellungsmerkmal ist. Ein weiterer Pluspunkt aus meiner Sicht (für Andere mag es eher ein Minuspunkt sein): Rubio, der sich, von Haus aus Katholik, in seiner Jugend zunächst den Mormonen und dann den Baptisten zuwandte, später aber wieder zur Katholischen Kirche zurückkehrte, betont die Bedeutung seines christlichen Glaubens für seine politischen Entscheidungen - und er ist entschieden pro-life.

In landesweiten Umfragen liegt Rubio derzeit auf dem dritten Platz der republikanischen Bewerber - mit deutlichem Abstand in beide Richtungen. Beobachter trauen ihm jedoch zu, kräftig zuzulegen, sobald das derzeit noch sehr breite Bewerberfeld sich ausdünnt. Dem Ergebnis in Iowa wird naturgemäß große Bedeutung für die weiteren Aussichten der Kandidaten beigemessen; auch hier sehen alle Umfragen Rubio auf einem stabilen dritten Platz - hinter Donald Trump und Ted Cruz.

Dabei gilt es allerdings zu bedenken, dass die Ergebnisse des Iowa Caucus traditionell sehr schwer vorauszuberechnen sind. Bei der letzten Wahl 2012 sah das tatsächliche Ergebnis völlig anders aus, als die Umfragen es hatten erwarten lassen. Gehen wir einstweilen dennoch davon aus, dass der Sieg in Iowa sich zwischen Trump und Cruz entscheiden wird, dann spricht allerdings Einiges dafür, dass, egal wie es ausgeht (!), Marco Rubio der im wahrsten Sinne des Wortes lachende Dritte sein wird.

Wie das? - Nun ja: Auf der einen Seite gibt es nicht unerhebliche Zweifel daran, ob es Trump gelingen wird, seine Anhänger in ausreichend großer Zahl dazu zu mobilisieren, tatsächlich zur Abstimmung zu gehen (zumal Iowa ein erheblich komplizierteres Wahlverfahren hat als andere Bundesstaaten). Es besteht also die Möglichkeit, dass Trumps Ergebnis weit hinter den Erwartungen zurückbleibt - und das könnte bereits den Todesstoß für seine Kampagne bedeuten, die sehr wesentlich darauf baut, Trump als den sicheren Gewinner aussehen zu lassen, weil er einfach ein Gewinnertyp ist. Sollte Trump in Iowa einbrechen, Rubio dagegen ein den Erwartungen entsprechendes oder sie übertreffendes Ergebnis erzielen, stünden er und Ted Cruz als die verbleibenden Favoriten da; Cruz jedoch ist in weiten Teilen seiner eigenen Partei sehr unbeliebt.

Gewinnt Trump hingegen doch in Iowa, dann wird das in erster Linie als Niederlage für Cruz angesehen werden, der noch vor wenigen Wochen in den Umfragen klar vorn lag. Gleichzeitig würde ein Trump-Sieg alle diejenigen Republikaner-Anhänger alarmieren, die Trump auf keinen Fall als Präsidentschaftskandidaten haben wollen - und davon gibt es, wie gesagt, eine ganze Menge. Die Notwendigkeit, sich auf eine Alternative zu Donald Trump zu einigen, würde also erheblich an Dringlichkeit gewinnen; und da Cruz durch die Niederlage in Iowa beschädigt wäre, wäre Rubio quasi die nächstliegende Wahl.

Natürlich kann alles auch ganz anders kommen. Auf jeden Fall aber sind sich Meinungsforschungsinstitute und politische Kolumnisten bemerkenswert weitgehend einig, dass Rubio von allen republikanischen Bewerbern die besten Chance hätte, die Hauptwahl gegen Hillary Clinton zu gewinnen. Aus europäischer Sicht könnte man nun natürlich der Meinung sein, eine Partei müsse doch total bekloppt sein, nicht den Kandidaten aufzustellen, der die besten Aussichten auf den Sieg hätte. Aber die Amerikaner ticken da einfach anders. Lassen wir uns also überraschen...