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Mittwoch, 4. November 2026

Orthodoxe Einsichten

Wie im jüngsten Wochenbriefing schon erwähnt, war ich am Allerheiligen-Wochenende beim 3. Kongress der Orthodoxen Jugend der russisch-orthodoxen Diözese von Berlin und Deutschland, der in Hohegeiß, einem Ortsteil von Braunlage im Harz, stattfand, und habe dort einen Vortrag gehalten. Wie es dazu gekommen ist, ist natürlich eine Geschichte für sich, erzählt sich aber relativ leicht: Der Hauptorganisator der Konferenz war ein Priester aus Krefeld, in dessen Gemeinde ich im Frühjahr 2019, "vor Corona", im Rahmen der "Nacht der offenen Kirchen" einen Vortrag über die Benedikt-Option gehalten habe. Angesichts des Mottos der diesjährigen Jugendkonferenz – "Mein Weg und die Berufung Gottes" – erinnerte sich dieser Priester, Vater Alexej Veselov, nun wieder an mich und fand, dass ich auch dazu etwas beitragen könnte, idealerweise wiederum mit Bezug auf die #BenOp. 

Mein erster Gedanke, als ich den Veranstaltungsort erreichte, war: So sieht das aus, wenn eine Kirche keine Kirchensteuer bezieht. Die Herberge Hogeyz, in der die rund 130 Teilnehmer der Konferenz – Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 17-35 Jahren aus dem ganzen deutschsprachigen Raum – untergebracht waren, ist laut Selbstbeschreibung ein "Selbstversorgerhaus im unteren Preisbereich" und versteht sich als "christlich geführtes Haus", das "als gemeinnütziger Träger vor allem Kinder- und Jugendfreizeiten bei ihrer Arbeit unterstützen" möchte; aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass die katholische Kirche, solange sie finanziell so gut ausgestattet ist wie bisher, ein Haus wie dieses für ihre Jugendfreizeiten nutzen würde. Für eine RKW zum Beispiel. Da würden bestimmt Beschwerden kommen – mindestens von den Eltern –, was das denn für eine Bruchbude sei. Dabei war die Herberge, wie ich im Nachhinein herausgefunden habe, bis 2003 ein Caritas-Ferienheim; allerdings erweckt es den Eindruck, seitdem nicht mehr renoviert worden zu sein. Als Konferenzsaal wurde die ehemalige katholische Kirche des Ortes, die 1971 erbaute und 2008 profanierte Kirche Heilig Geist, genutzt. 


Die Gottesdienste im Rahmen der Jugendkonferenz wurden hingegen nicht hier gefeiert, sondern in der evangelischen Kirche des Ortes, die "Zur Himmelspforte" heißt. Ich vermute mal, diese Nutzung wurde nicht zuletzt dadurch ermöglicht, dass die aus dem 18. Jh. stammende Kirche nicht beheizbar ist und die evangelische Gemeinde daher ihre eigenen Gottesdienste in der kalten Jahreszeit ins Gemeindehaus verlegt. 


Wie dem auch sei: Orthodoxe Gottesdienste ‐ mit Ikonenverehrung, Weihrauch und goldenen Gewändern – in einer evangelischen Kirche, und das sogar am Reformationstag, das hatte schon was. 


Aber fangen wir mal vorne an: Gegenüber der vorab online veröffentlichten Tagesordnung war die Reihenfolge der Vorträge teilweise umgestellt worden, und als ich ankam, sprach gerade ein eigens für diese Veranstaltung aus Litauen angereister Priester – auf Russisch, und in atemberaubenden Tempo. Es gab allerdings eine Simultanübersetzung per Kopfhörer, und ebenso wurden umgekehrt auch die deutschen Vorträge ins Russische übersetzt. "Einige Teilnehmer verstehen kein Deutsch, andere kein Russisch", erklärte Vater Alexej mir. "Vor dem Krieg war das einfacher, da sprachen die Jugendlichen in unseren Gemeinden praktisch alle Deutsch." (Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, dass die Zeitangabe "vor dem Krieg" sich auf den Ukraine-Krieg bezog.) "Wir hatten gerade damit angefangen, unsere gesamte Jugendarbeit in deutscher Sprache zu gestalten. Das geht jetzt nicht mehr." – Nach dem Vortrag des Priesters aus Litauen, der unter der Überschrift "Talent, Ehrgeiz oder der Wunsch nach einem leichten Leben: Was bestimmt meine Wahl?" stand – war erst mal Kaffeepause, und danach war ich dran. Den Text meines Vortrags habe ich bereits auf Patreon gepostet und beabsichtige ihn in der kommenden Woche auch hier im Blog zu veröffentlichen; wie ich gehört habe, soll es auch auf YouTube einen Mitschnitt des Vortrags geben, aber sofern dieser schon online ist, habe ich ihn jedenfalls noch nicht gefunden. – Ich glaube behaupten zu dürfen, dass mein Vortrag bei den jungen Leuten sehr gut angekommen ist: Im Laufe des Nachmittags und auch noch am nächsten Vormittag kamen immer wieder einzelne Teilnehmer der Konferenz auf mich zu, um sich für den Vortrag zu bedanken, Fragen dazu zu stellen oder auch um mich nach meiner Meinung zu diesem und jenem Thema zu befragen. Durchweg sehr freundliche, höfliche, respektvolle junge Leute. 

Den letzten Vortrag der Konferenz hielt Vater Alexej selbst; er erklärte, eigentlich habe er über das Gleichnis von den Talenten sprechen wollen – so stand es auch in der Programmankündigung –, aber nun habe ihm ein anderer Redner dieses Thema bereits vorweggenommen, daher müsse er jetzt improvisieren. Er sprach nun hauptsächlich über die Berufung zum Christen und gestaltete seinen Beitrag über weite Strecken als Dialog mit dem Plenum, d.h. die sonst übliche Trennung zwischen Vortrag und Diskussion wurde tendenziell aufgehoben. Und das fand ich nun wirklich sehr interessant. – Als ich vor gut sieben Jahren in der russisch-orthodoxen Gemeinde in Krefeld zu Gast war, notierte ich, dieser Aufenthalt sei "wie Urlaub von dem ganzen 'Maria 2.0'-Gedöns"; nun ist "Maria 2.0" inzwischen wohl ziemlich passé, aber dafür empfand ich meine neuerliche Begegnung mit der russisch-orthodoxen Diaspora als einen wohltuenden Kontrast zu gewissen Erfahrungen mit der liberalkatholischen Bubble und ihrem psycho-esoterischen Selbsterfahrungsgedöns. So gab es in Vater Alexejs improvisierten Vortrag eine Passage, die geradewegs auf die Predigt zu antworten schien, die ich am Sonntag zuvor in Nürnberg gehört hatte – genauer gesagt auf die "heute übliche Auslegung" des Doppelgebots der Liebe als Dreifachgebot, da es auch die Aufforderung zur Selbstliebe impliziere. Vater Alexej merkte dazu an, der Punkt sei vielmehr, dass die Aufforderung "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ein gewisses Maß an Selbstliebe voraussetzt: Wenn "jemanden lieben" bedeutet, Gutes für diesen Jemand zu wollen, dann ist Selbstliebe etwas völlig Normales, weil es schlichtweg natürlich ist, für sich selbst Gutes zu wollen. Wenn jemand sich nicht in diesem Sinne selbst liebt – so argumentierte Vater Alexej –, dann ist derjenige psychisch nicht gesund und benötigt Hilfe, aber im Normalfall sollte man einen Menschen nicht zur Selbstliebe ermahnen müssen. Vater Alexej sprach in diesem Zusammenhang gar vom "Trojanischen Pferd der Psychologie": Zwar gebe es allerlei Versuche, Psychologie aus christlicher, durchaus auch aus spezifisch orthodoxer Perspektive zu betreiben, aber diese seien mit Vorsicht zu betrachten, da der Fokus der meisten psychologischen Schulen eben auf der Selbstliebe (und nicht auf der Gottes- und Nächstenliebe) liege – und das bedinge eine gewisse Tendenz zum Egoismus. 

Richtig spannend wurde es, als Vater Alexej kritisierte, die orthodoxe Kirche sei zu wenig missionarisch: Sie neige allzu sehr dazu, sich abzuschotten und "im eigenen Saft zu schmoren". – "Dass jemand orthodox wird, der vorher nicht orthodox war, dafür muss der sich ganz schön anstrengen", sagte er – wobei ich spontan dachte: Das gibt's "bei uns" aber auch. Dass man, wenn man neu in eine katholische Gemeinde kommt – selbst wenn man bereits katholisch ist – unter Umständen Jahre braucht, um von den Alteingesessenen als zugehörig akzeptiert zu werden, haben nicht nur meine Liebste und ich in Herz Jesu Tegel erfahren, sondern man hört dergleichen auch von anderen Orten. Zum Teil ist das wohl ein Diasporaphänomen: Wenn die Konfessionszugehörigkeit als "Identitätsmarker" dient, führt das günstigenfalls wohl zu einem gesteigerten Zusammengehörigkeitsgefühl nach innen, aber auch und mindestens ebenso sehr zu einer Abgrenzung nach außen. Für die Orthodoxie gilt das – außerhalb ihres historischen Kerngebiets – aber wohl in noch stärkerem Maße, weil sie sich in einer noch extremeren Diasporasituation befindet, und dies nicht nur in konfessioneller, sondern zugleich auch in ethnischer Hinsicht. In diesem Zusammenhang fand ich es recht vielsagend, dass eine junge Frau erwähnte, sie und ihr Bruder hätten in ihrer Gemeinde mit erheblichen Akzeptanzschwierigkeiten zu kämpfen gehabt, weil sie kaum Russisch sprechen. In anderer Hinsicht bemerkenswert fand ich es, dass ein junger Mann auf Vater Alexejs Äußerung, die orthodoxe Kirche sei zu wenig missionarisch, mit der Frage reagierte, wie denn eine der Orthodoxie gemäße Form der Mission aussehen könne – er könne sich jedenfalls nicht vorstellen, sich "auf die Straße zu stellen und irgendwelche Leute anzusprechen, so wie die Freikirchler das machen". Worauf Vater Alexej völlig ungerührt erwiderte: "Aber die Apostel haben genau das gemacht." 

Eine andere Perspektive auf das Thema Orthodoxie und Mission eröffnete die Wortmeldung einer jungen Frau, die von Haus aus ursprünglich evangelisch gewesen war und berichtete, sie sei zwei Jahre lang von orthodoxen Christen aus ihrem Umfeld bearbeitet worden, die sie überzeugen wollten, dass die orthodoxe Interpretation des Christentums die richtige und die evangelische falsch sei. Das habe bei ihr jedoch nur Abwehrreaktionen hervorgerufen, bis hin dazu, dass sie schließlich bei YouTube nach Argumenten dafür gesucht habe, dass die Orthodoxen Unrecht haben; und bei dieser Suche sei sie dann auf Videos von Vater Alexej gestoßen. Tja, so kann's kommen. 

Was mich bei aller Sympathie indes doch eine gewisse innere Distanz zur Orthodoxie einnehmen ließ, wie sie sich mit im Laufe zweier halber Tage bei dieser Jugendkonferenz präsentierte, war der Umstand, dass die Orthodoxen – schlagwortartig ausgedrückt – tradder than trad sind; womit ich sagen will, sie haben ein noch strikteres, um nicht zu sagen starreres Traditionsverständnis als mir bekannte katholische Traditionalisten, und das nicht nur in liturgischer, sondern auch in systematisch-theologischer Hinsicht – was wohl nicht ganz voneinander zu trennen ist. In den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen, die ich miterlebte, fiel mir auf, dass die Orthodoxen in einem Maße auf Autoritätsargumente setzen, wie es in der westlichen Theologie weithin verpönt ist: Wenn man zu irgendeiner Frage einen Kirchenvater, einen Heiligen oder einen als besonders ehrwürdig anerkannten "Altvater" zitieren kann, dann ist damit causa finita. Man mag der Meinung sein, das sei allemal besser als endlos zu diskutieren; aber es bringt halt auch Probleme mit sich, wenn einem die Glaubenslehre als etwas präsentiert wird, was man einfach so hinnehmen muss, wie es ist. – Ich sollte in diesem Zusammenhang vielleicht erwähnen, dass ich für mein Fernstudium derzeit die "Einführung in die Religionspädagogik" von Ulrich Boschki lese, und da ist mit deutlich kritischer Tendenz von einem früher™️ vorherrschend gewesenen "instruktionstheoretischen Ansatz" eines "katechetischen Unterrichtens in strikt deduktiver Denktradition" die Rede, der es vernachlässigt habe, sich "über die Aneignung der Inhalte auf Seiten der Lernenden" Gedanken zu machen, um "den Lernenden gerecht zu werden". Nun bestand zwar meine spontane Reaktion, als ich das las, in dem Gedanken, seit gut 50 Jahren sei der Mainstream der großkirchlichen Religionspädagogik vielfach ins gegenteilige Extrem verfallen und vernachlässige vor lauter Eingehen auf den Lernenden den Umstand, dass die Vermittlung von Glaubensinhalten dennoch schlechterdings notwendig ist; aber dieser Einwand hebt ja die Berechtigung der Kritik an einer einseitig und ausschließlich instruktionstheoretisch orientierten Katechese nicht auf. – Bildhaft ausgedrückt: Es genügt nicht, Menschen, die den Glauben kennenlernen wollen, ein Lehrgebäude hinzustellen – und sei es noch so perfekt, prächtig und ehrwürdig –, wenn man ihnen nicht auch eine Tür öffnet, durch die sie in das Gebäude eintreten und ihren eigenen Platz darin finden können. Das ist ein Gedanke, den es z.B. auch für den Erstkommunionkurs im Blick zu behalten gilt. 

Anekdotisch sei erwähnt, dass mich beim Mittagessen vor meiner Abreise ein junger Mann – nachdem er mitbekommen hatte, dass ich katholisch bin – partout in eine Debatte über das filioque verwickeln wollte. Mangels detaillierter Kenntnisse über diese spezielle theologische Streitfrage versuchte ich dieser Debatte eher auszuweichen, aber auffällig fand ich es, dass mein Gegenüber so gut wie keine inhaltlichen Argumente gegen das filioque vorbrachte, also etwa mit Blick auf das Verständnis der Trinität, das sich darin ausdrückt, sondern sich vorrangig darauf berief, dass es unzulässig gewesen sei, den Wortlaut des Nizäno-Konstantinopolitanischen Credo nachträglich abzuändern. 

Was die Liturgie angeht, so beginnt in der russisch-orthodoxen Tradition der Sonntagsgottesdienst mit einer Vesper bzw. Vigil am Samstagabend; da ging ich hin, und ebenso am Sonntag um 9:30 Uhr zum Stundengebet, auf das dann ab 10 Uhr die eigentliche Göttliche Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos folgte. Ich fand sie ausgesprochen eindrucksvoll, aber auch sehr fremd; ja, aus katholischer Sicht bin ich geneigt zu sagen, die Tridentinische Messe und die in Tradi-Kreisen gern als Novus Ordo bezeichnete ordentliche Form des Römischen Ritus haben erheblich mehr Gemeinsamkeiten miteinander als mit der orthodoxen Liturgie. (Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich das auch schon so gesehen hätte, als ich zum ersten Mal in St. Afra in der "Alten Messe" war.) – Ich hatte mich vorsorglich darüber belesen, dass zwischen katholischer und orthodoxer Kirche keine Eucharistiegemeinschaft besteht und dass das Kirchenrecht beider Kirchen es den jeweiligen Gläubigen nur im Notfall, etwa bei Todesgefahr, erlaubt, von Priestern der jeweils anderen Kirche die Kommunion zu empfangen; aber ich glaube, selbst wenn ich auf den Gedanken verfallen wäre, zur Kommunion gehen zu wollen, hätte ich mich im Ablauf nicht zurechtgefunden. Gespendet wurde die Kommunion in beiderlei Gestalt, mittels eines Löffels; was mir aber zunächst überhaupt nicht einleuchtete, war, dass die Kommunikanten anschließend außerhalb des Altarraums noch ein weiteres (nicht konsekriertes) Stück Brot und einen Schluck Wein erhielten. Laut Google AI soll das dazu dienen, sicherzustellen, dass keine Partikel der Heiligen Kommunion im Mund zurückbleiben. Wieder was gelernt. 

Um so langsam mal zum Schluss zu kommen, möchte ich noch festhalten, dass mich meine Beobachtung, die orthodoxe Kirche sei im Ganzen "tradder than trad", auch dazu veranlasst hat, mich zu fragen, ob es bei Orthodoxen nicht auch wie "bei uns" unterschiedliche Strömungen, unterschiedliche Spiritualitäten oder geistliche Bewegungen gibt. Von Vater Alexej zum Beispiel würde ich behaupten, dass er für einen orthodoxen Priester vergleichsweise modern und unkonventionell wirkt, und ich hatte den Eindruck, dass nicht wenige der jungen Leute, die bei dieser Konferenz waren, genau das an ihm schätzen. Aber gibt es zum Beispiel orthodoxe Charismatiker? – Klar, wenn man einen jungen Lektor auf Altkirchenslawisch einen Psalm singen hört, würde das unter Charismatikern vielleicht als "in Zungen reden" durchgehen, aber okay, Spaß beiseite. 

Abschließend sei noch einmal betont, dass ich meinen Besuch bei der orthodoxen Jugendkonferenz, die Eindrücke, die ich dort gesammelt habe, und die Gespräche, die ich dort geführt habe, als sehr anregend und bereichernd empfunden habe. Unter den Konferenzteilnehmern, mit denen ich mich nach meinem Vortrag noch unterhielt, war auch ein junger Mann aus Berlin, der mir erzählte, er gehöre zur deutschsprachigen Gemeinde Heiliger Isidor, die ihre Gottesdienste in einem ehemaligen Kloster der Christkönigsschwestern in Lankwitz feiern, und mich einlud, diese Gemeinde mal zu besuchen. Ich denke, das werde ich bei Gelegenheit tun. 


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