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Mittwoch, 12. Juli 2017

Punk-Pastoral anno 1935

Sofern ich neben allem anderen, was ich momentan zu tun habe, noch Zeit finde, lese ich gerade "By Little and by Little - The Selected Writings of Dorothy Day", herausgegeben von Robert Ellsberg. Das Buch hat mir ein Bekannter aus dem "Kreis junger Erwachsener", an dessen Treffen meine Liebste und ich regelmäßig teilnehmen, geliehen, aber ich schätze, ich werde es mir selber kaufen müssen, sobald es bei Amazon wieder lieferbar ist. 

Es mag wohl zwei Jahre oder etwas länger her sein, dass ich erstmals etwas über Dorothy Day las: einen Artikel eines US-amerikanischen katholischen Nachrichtenmediums (welches es war, habe ich vergessen) über ihren laufenden Seligsprechungsprozess. Und ich weiß noch, wie ich angesichts der Überschrift dachte: "Wat?!? Doris Day soll seliggesprochen werden?!" 

Aber nö. Das sind zwei verschiedene Personen. Sie heißen nur ähnlich. 

Dorothy Day (1897-1980). Bildquelle hier
Das oben erwähnte Buch ist jedenfalls ausgesprochen großartig. Es enthält Auszüge aus mehreren (größtenteils autobiographischen) Büchern, die Dorothy Day zu Lebzeiten veröffentlicht hat, sowie zahlreiche Artikel aus der von ihr mitbegründeten Zeitung The Catholic Worker. Gestern kam ich bei meiner Lektüre an einen Punkt, an dem ich das Buch vor lauter Begeisterung erst mal zuklappen und weglegen musste. Das geht mir manchmal so. 

Nun möchte ich meine Begeisterung aber gern mit meinen Blog-Lesern teilen. Daher hier eine aus rasch zusammengeschusterte, leicht gekürzte Arbeitsübersetzung eines in der Catholic Worker-Ausgabe vom Juli/August 1935 unter dem Titel "Security" erstveröffentlichten Artikels: 
Christus forderte Petrus auf, seine Netze beiseite zu legen und Ihm zu folgen. Er forderte den reichen Jüngling auf, alles zu verkaufen, was er besaß, und Ihm zu folgen. Er sagte, jene, die ihr Leben um Seinetwillen verlören, würden ihr Leben gewinnen. Er sagte seinen Anhängern, wenn jemand ihnen das Hemd wegnehmen wolle, sollten sie ihm auch den Mantel überlassen. Er sprach davon, die Hungernden zu speisen, die Obdachlosen aufzunehmen, die Gefangenen und die Kranken zu besuchen und auch davon, die Unwissenden zu belehren. Er sagte: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan". Er sagte: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist".
Doch die verbreitete Reaktion darauf ist: "Man muss unterscheiden zwischen Rat und Gebot. Ihr vergesst, dass Er auch sagte: 'Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist'. 'Wer es erfassen kann, der erfasse es'."
Paul Claudel sagte, junge Menschen haben einen Hunger nach dem Heroischen, und allzu lange hat man ihnen gesagt: "Sei maßvoll, sei besonnen".
Mäßigung und Besonnenheit haben wir allzu lange gehabt. Jetzt ist eine Zeit der Krise und des Ringens. In unserer Generation hat Russland das Christentum verworfen, hat Deutschland das Christentum verworfen, kämpft Mexiko darum, es auszurotten, in Spanien hat es einen Krieg gegen die Religion gegeben, in Italien hat der Faschismus die Idee des Staates verherrlicht und folgt nun - indem er das Königtum Christi verwirft - einem pervertierten Verständnis von Autorität.
In dieser gegenwärtigen Situation, während Menschen im Angesicht eines Überflusses an Lebensmitteln verhungern, während die Religion überall auf der Welt bekriegt wird, kommen unsere jungen Katholiken immer noch aus den Schulen und Universitäten und reden davon, dass sie Sicherheit suchen - ein regelmäßiges Einkommen.
Sie ignorieren die Evangelischen Räte, als hätten sie noch nie davon gehört, und die, die sie zur Kenntnis nehmen und dabei von ihrem Gewissen geplagt werden, tun sie als unpraktikabel ab.
Warum diese jungen Leute meinen, ein regelmäßiges Einkommen würde ihnen Sicherheit geben, ist ein Mysterium. Haben sie heutzutage in irgendeinem Beruf Sicherheit? Wenn sie versuchen, sich etwas zu sparen, geht die Bank pleite. Wenn sie ihr Geld investieren, kollabiert der Markt. Anders ausgedrückt. wenn sie sich auf weltliche Praktikabilität verlassen, sind sie verlassen.
Wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen, prostituieren sie die Talente, die Gott ihnen gegeben hat. Hochschulabsolventinnen, die im Kaufhaus arbeiten - ist es das, was ihre kostspielige Ausbildung ihnen bringt? Junge Männer, die in die Geschäftswelt gehen, um Profiten nachzujagen - ist es das, was katholische Prinzipien sie gelehrt haben? Sie alle schweben am Rande eines Abgrunds. Es gibt keine Sicherheit für sie, und sie wissen es. Die einzige Sicherheit liegt darin, den Geboten und den Räten des Evangeliums zu folgen.
Wenn alle arbeitslosen Krankenschwestern zu ihren Pfarrern gingen und sich eine Liste der Kranken der Gemeinde geben ließen, die Idee aufgäben, für Lohn zu arbeiten, und ihren Dienst an den Armen der Gemeinde leisteten - liegt denn keine Sicherheit im gläubigen Vertrauen darauf, dass Gott für die Seinen sorgt? Dies ist nur ein Beispiel dafür, was es heißt, die Talente und Fertigkeiten zu gebrauchen, die Gott jedem von uns verliehen hat.
[...]
An jene, deren Gedanken von diesen Fragen beunruhigt werden, ist das Wort gerichtet:
"Heute, wenn ihr Seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht." 

Das schrieb Dorothy Day vor über 80 Jahren. Mir erscheint es unglaublich aktuell. 


Kommentare:

  1. Unglaublich aktuell*. Auch die Motivationsargumente haben sich nicht geändert und die verbreitete Reaktion, die deswegen, weil verbreitet, nicht falsch sein muß, auch nicht.

    Warum können die Heroen nicht mit ihrer heroischen Leistung glücklich sein, ohne darauf zu bestehen, daß alle anderen dieselbe Leistung erbringen müßten? Ist das ganze denn wirklich so unangenehm, daß es ohne diese Überzeugung gar nicht zu ertragen wäre?

    [* Mit einer Ausnahme. Die jungen Leute haben keinen Hunger nach dem heroischen; zumindest nicht nach dem wirklich Heroischen. Ob sie nun heldenhaft sein müssen, weil ihnen leider Gottes die Zeitumstände und die Gebote Gottes keine andere Wahl lassen, ist eine andere Diskussion, auf die man viel Distinguamus und Conceditur anwenden kann; aber primär Lust darauf haben sie: mitnichten.]

    Jau, Kurzkommentar!

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  2. Just for information:

    "Heute, wenn ihr Seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht" ist übrigens nicht außer aus Hebräer auch aus dem Ps 94/95 und damit sehr bekannt, weil genau dieser Psalm im alten (neu weiß ich nicht) Stundengebet eines jeden Tages ganz am Anfang kommt.

    Nur falls sich jemand fragt, wie kommt Miss Day jetzt auf genau diesen Bibelvers.

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  3. Als Benediktineroblatin war sie mit dem Psalm wohl vertraut!

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