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Freitag, 15. März 2024

Songs, die es fast zum Ohrwurm der Woche gebracht hätten – Platz 10-6

Ein Kalenderjahr ist rum seit der Wiederaufnahme meiner Wochenbriefings; das macht dann wohl 52 "Ohrwürmer der Woche", oder? – Nicht ganz: Es sind sogar 53, denn zu den 32 Folgen "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" und 20 Folgen "Creative Minority Report" kommt noch der Artikel "Zwischenbericht zum Rückstand beim Wochenbriefing", der ebenfalls einen "Ohrwurm der Woche" enthält. – Schaut bzw. hört man sich alle 53 Songs an, ergibt sich, wie ich mit einer gewissen Befriedigung feststelle, ein ausgesprochen buntes Bild: Von der Entstehungszeit her decken meine Ohrwürmer einen Zeitraum von 1965 bis 2023 ab, wobei es sicherlich kein Zufall ist, dass die 80er (mit zwölf Songs) und die 90er (mit elf Songs) am stärksten vertreten sind. Noch genauer gesagt stammen sogar 13 Songs aus dem Zeitraum von 1985-93, was ziemlich genau den Zeitraum abbilden dürfte, in dem sich mein Musikgeschmack und -interesse am stärksten an der damals gerade aktuellen Popmusik orientierte. Das hinterlässt offenbar Spuren. 

Stilistisch ist von Folk und Blues über verschiedene Spielarten der Rockmusik bis hin zu HipHop und Dance-Pop so ziemlich alles dabei; teilweise sind die Songs auch gar nicht so leicht oder eindeutig einer Stilrichtung zuzuordnen. Stark vertreten sind jedenfalls – was wohl nicht sehr überraschend ist – die Kategorien Postpunk/New Wave, Alternative Rock und Psychedelic/Garage Rock --- und Folk, jedenfalls wenn man den Begriff weit fasst und etwa sowohl Crosby, Stills, Nash & Young als auch die Pogues als auch DDR-Liedermacher Gerhard Schöne dazu rechnet. Lobpreis darf natürlich auch nicht fehlen, wenigstens an Höhepunkten des Kirchenjahres wie Ostern, Pfingsten, Weihnachten und... äh... der Kinderbibelwoche

Was bei alledem auch nicht ausbleiben konnte, ist, dass im Laufe des Jahres so allerlei Songs angefallen sind, die ich in der Vorauswahl zum Ohrwurm der Woche hatte und die es dann doch nicht geworden sind. Und da habe ich mir gedacht, zur Feier des Jubiläums der Wiederaufnahme der Wochenbriefings könnte man aus diesen Songs doch mal eine Top-10-Liste machen. Und hier ist sie! (Bzw. erst einmal nur die untere Hälfte.) 


10. The Doors: Wintertime Love 


Da reibt man sich die Augen bzw. die Ohren: Die Doors spielen Walzer?!? – Das Album "Waiting for the Sun", auf dem dieser Song erschien, dürfte im kollektiven Urteil der Doors-Fans mit dem Nachfolger "The Soft Parade" um den Titel der schlechtesten der zu Lebzeiten Jim Morrisons entstandenen Platten der Band konkurrieren, aber gerade das macht es irgendwie interessant, finde ich. "Wintertime Love" jedenfalls stand weit oben auf meiner Auswahlliste für den Ohrwurm der Woche im "Creative Minority Report" Nr. 12, unterlag dann aber knapp der Piano-Ballade "Winter" von Tori Amos. 


9. Barry Mann: Who Put the Bomp 


Ein unschlagbarer Song, wenn es gilt, mit den Kindern in der Küche Twist zu tanzen; und wenn er es unter die Ohrwürmer der Woche geschafft hätte, wäre er dort mit einigem Abstand der älteste Song gewesen, denn er stammt aus dem Jahr 1961. Der Text macht sich auf gutmütig-augenzwinkernde Weise über die verbreitete Verwendung lautmalerischer Nonsens-Silben in Doo-Wop-Songs (wie auch im frühen Rock'n'Roll) lustig; diese Art von freundlichem Spott ist heutzutage ziemlich aus der Mode gekommen, fürchte ich. 


8. Gabriella Cilmi: Sweet About Me 


Dieser Song hätte im Laufe der letzten 52 Wochen mehrfach, um nicht zu sagen: ziemlich oft Anspruch auf den Titel des Ohrwurms der Woche erheben können, denn er hat, wie ich finde, wirklich hartnäckige Ohrwurmqualitäten. Dass die Wahl trotzdem nie auf ihn gefallen ist, liegt, wenn ich ehrlich bin, hauptsächlich am Video: Ich fürchtete wohl, es würde bei meinem Publikum Anstoß erregen, dass die Sängerin da lasziv um einen gefesselten, geknebelten und kopfüber an die Decke gehängten jungen Mann herumtänzelt. Aber sei's drum, es ist einfach ein guter Song; insbesondere finde ich die stimmliche Leistung der zum Zeitpunkt der Aufnahme erst 15 Jahre alten Sängerin sehr beachtlich. Man könnte sagen, von der Stimme her hätte Gabriella Cilmi das Zeug gehabt, die nächste Amy Winehouse zu werden, aber wir wollen mal ganz froh sein, dass sie das nicht geworden ist, denn dann wäre sie jetzt schon tot


7. Patti Austin: But Who May Abide the Day of His Coming 

Nachdem ich am letzten Adventswochenende – im "Creative Minority Report" Nr. 9 – ein Stück aus dem unter Händel-Verehrern sehr umstrittenen R&B-Album "Handel's Messiah – A Soulful Celebration" als Ohrwurm der Woche gepostet und dafür unerwartet positive Reaktionen geerntet hatte, dachte ich mir, man könnt' ja bei Gelegenheit mal wieder ein Stück von dieser Platte bringen. Eine solche Gelegenheit hätte sich im Prinzip am Fest der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess) geboten, denn da kommt die Bibelstelle, die – in der King James Version – den Text von "But Who May Abide the Day of His Coming" bildet (Maleachi 3,2), in der 1. Lesung vor. Übrigens in allen drei Lesejahren. Was mich übrigens daran erinnert, dass ich dieses Musikstück vor fast auf den Tag genau zehn Jahren mal in der #twomplet, dem Online-Abendgebet auf Twitter, verwendet habe – wo es prompt Kritik am Text gab. Warum? Weil aus der Vorstellung einer Läuterung im Feuer ein problematisches, nicht mehr zeitgemäßes Gottesbild spreche. Ich würde sagen, dieser Einwand illustriert recht eindringlich, in welche Richtung sich dieses so hoffnungsvoll gestartete Projekt eines Social-Media-Gebetskreises entwickelte und warum ich einige Zeit später nicht mehr dabei war. (Diese Erinnerung hat mich übrigens veranlasst, mal auf der App Formerly Known As Twitter nachzuschauen, ob es die #twomplet eigentlich noch gibt. Das Ergebnis lautet: Schon irgendwie, aber so richtig viel los ist da nicht mehr. Der Account existiert noch, aber Abendabdachten finden dort schon seit einiger Zeit nur noch unregelmäßig statt, in den letzten Monaten ungefähr alle ein bis zwei Wochen einmal.) – So, und warum war "But Who May Abide the Day of His Coming" nun doch nicht Ohrwurm der Woche im "Creative Minority Report" Nr. 15? Weiß ich ehrlich gesagt nicht. Anscheinend habe ich zum entscheidenden Zeitpunkt einfach nicht an diesen Song gedacht. Dafür aber jetzt! 


6. The Petards: Everybody Knows Mathilda 


Dieser Song landete in der Auswahl für den Ohrwurm der Woche im "Creative Minority Report" Nr. 17 knapp hinter "Moscow" von Wonderland. Die Petards sind bzw. waren eine Band, über die ich bis vor Kurzem nur wenig mehr als nichts wusste und die ich mir erheblich biederer und uninteressanter vorgestellt hatte, als sie tatsächlich war. Vielleicht lag das daran, dass die Gruppe aus dem kleinen Ort Schrecksbach bei Schwalmstadt in Nordhessen kam, vielleicht aber auch am Bandnamen, der Ende der 60er, Anfang der 70er schon reichlich anachronistisch wirkte: Die Kombination "The + irgendwas, was man im Wörterbuch gefunden hat" war eigentlich eher für frühe deutsche Beatbands typisch, wohingegen sich "progressive" deutsche Bands um 1970 eher Amon Düül, Popol Vuh, Kin Ping Meh, Epitaph oder Embryo nannten. Tatsächlich waren die Petards mit ihrer Musik aber durchaus auf der Höhe der Zeit und genossen in der deutschen Musikszene einiges Ansehen, auch wenn der ganz große Erfolg ihnen verwehrt blieb. – Obwohl die Petards bekannt dafür waren, ihre Songs selbst zu schreiben, handelt es sich bei "Everybody Knows Mathilda" um eine Coverversion; das Original von Duke Baxter, das im selben Jahr (1969) in den kanadischen Charts mäßig erfolgreich war, kannte hierzulande aber wohl so gut wie niemand. Ich würde sagen, der Song klingt wie eine Mischung aus "Happy Together" von den Turtles, "Bus Stop" von den Hollies und "Eloise" von Barry Ryan; verglichen mit Baxters Original haben die Petards aber einen kräftigen Schuss Garagenrock mit hineingerührt. Ich sollte mir wohl mehr von dieser Band anhören. 


Als Bonus hier noch fünf weitere Songs, die auch mal fast Ohrwurm der Woche geworden wären, es aber nicht in die Top Ten geschafft haben: 

Seeed: Aufstehn hatte ich in der engeren Auswahl für die "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" Nr. 34, fand aber "Seeed dann doch irgendwie zu prollig" für meinen Blog. **** Bruce Low: Gestern wollt' ich beten geh'n erntete in den "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" Nr. 51 eine ehrenvolle Erwähnung als eine "der erträglichsten" unter den Gospel-Interpretationen des Schlagersängers Low "und gleichzeitig einigermaßen 'repräsentativ'" für diesen Teil seines Schaffens. **** Marius Müller-Westernhagen: Lass uns leben und Huey Lewis & The News: Stuck With You waren beide aussichtsreiche Kandidaten für den Ohrwurm der Woche im "Creative Minority Report" Nr. 2; aber dann dachte ich, "es müsse doch noch einen anderen Song geben", und insbesondere bei "Stuck With You" "stellte ich fest, dass es mir doch erheblich zu cheesy ist – vor allem das Video, aber schon auch das Lied selbst; in meiner Erinnerung hatte es sich irgendwie besser angehört, ein bisschen zumindest". Ich entschied mich dann schließlich für "Stuck in the Middle With You" von Stealers Wheel. **** Nek: Laura non c'è wäre fast Ohrwurm der Woche im "Creative Minority Report" Nr. 4 geworden. "Aber dann musste ich an meinen alten Freund Robert denken, der seinerzeit zu sagen pflegte: 'Italienische Popmusik? Kann ich mir nicht anhören. Da denke ich immer, ich müsste gleich 'ne Pizza bestellen'." Was zu diesem Song sonst noch zu sagen wäre: Am besten gefällt mir daran "der Anfang der zweiten Strophe, denn für den nicht der italienischen, dafür aber der deutschen Sprache mächtigen Hörer klingen die Verse 'Laura dov'è? Mi manca, sai' wie 'Lauter Doofe, niemand gescheit'." 

Die Plätze 1-5 sowie nochmals fünf Songs, die es nicht in die Top 10 geschafft haben, gibt's nächste Woche! 


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