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Samstag, 3. Januar 2026

Utopie und Alltag 6: Zwischen den Jahren ist auch eine Art Epizentrum

Herzlich willkommen zum ersten Wochenbriefing des Kalenderjahres 2026, o Leser! Seid ihr alle gut reingekommen? Bei uns verlief der Silvesterabend tendenziell ruhiger als vor einem Jahr, als er von Kugelbomben-Explosionen und Wasserrohrbrüchen geprägt war. Auch über die Neujahrsnacht hinaus liegt eine größtenteils eher ruhige Woche hinter uns, aber an Themen für das Wochenbriefing mangelt es trotzdem nicht; es gibt sogar genug zu berichten, dass ich es mir leisten kann, weiterhin nichts zu der in der ARD übertragene Christmette in der Stuttgarter Kirche St. Maria zu sagen, in der, wie es auf Not the Bee hieß, "die Geburt von Lurtz, dem Uruk-Hai", gefeiert wurde. Na ja, fast nichts. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass mindestens ein Teil meiner Leserschaft eine Stellungnahme von mir dazu erwartet, denn irgendwie gehört es ja schon in das Themenspektrum meines Blogs hinein, aber es gibt so Themen, da sage ich mir, da haben schon genug andere Leute was dazu gesagt, da muss ich das nicht auch noch, und wenn ich könnte, würde ich die Gesamtmenge der dazu kursierenden Meinungsäußerungen lieber verringern, als noch eine weitere hinzuzufügen. Besonnen, klar und vernünftig finde ich allerdings die Stellungnahme des kroatischen Priesters Zvonko Tolić, die mir auf Facebook begegnet ist. Und nun können wir hoffentlich über was anderes reden! 


Die Reste vom Feste 

Nachdem wir am Weihnachtstag, wie berichtet, in der EFG The Rock Christuskirche zum Raclette-Essen waren, stand tags darauf, am Stephanustag, "Oma-Weihnachten" bei meinen Schwiegermüttern auf dem Programm, und da gab's Wildschweinbraten. Alles in allem hatten wir einen schönen und entspannten Nachmittag und Abend, auch wenn die typische saisonale Erkältung, die am Heiligabend unseren Jüngsten zeitweilig auf die Matte geschickt hatte, nun offenbar bei mir angekommen war; auch das Tochterkind wirkte gesundheitlich ein bisschen angeschlagen. Das setzte sich am nächsten Tag fort, was vor allem deshalb ungünstig war, weil wir da Besuch bekamen – von einem gemeinsamen Freund unserer Kinder und seiner alleinerziehenden Mutter. Nun, immerhin spielten die Jungs schön mit den neuen Playmobil-Figuren unseres Jüngsten, und die Erwachsenen tranken Glühwein – für mich war das der erste in diesem Winter. Dazu gab's Spaghetti und Chicken Wings. Ein typischer "Gammel"-Tag nach dem Feiertagstrubel, könnte man sagen. Ach ja, und preisreduzierte Lebkuchen kauften wir auch. 

Auch "zwischen den Jahren" herrschten bei uns zu Hause, was Aufstehen, Anziehen, Essen und allgemein "Dinge tun" angeht, eher lockere Sitten, allerdings bemühte zumindest ich mich, ab Montag wieder einigermaßen zeitig (d.h. "nur" eine Stunde später als an Schultagen) aufzustehen und in einen produktiven Tagesrhythmus zurückzufinden, ohne dadurch die anderen Familienmitglieder daran zu hindern, ihre Ferien zu genießen. So ist es mir immerhin gelungen, neben diesem Wochenbriefing auch meinen Jahresrückblog, äh, -blick termingerecht fertig zu kriegen, aber darüber hinaus habe ich noch so allerlei in der Pipeline, was noch nicht fertig geworden ist. Na, ab kommendem Montag werden wieder andere Saiten aufgezogen... 


Ein Abschied und eine Einladung 

Am Sonntag in der Weihnachtsoktav war erstens das Fest der Heiligen Familie (und somit das Patronatsfest der Spandau-Havelländer Großpfarrei), zweitens feierte Erzbischof Heiner Koch in der St.-Hedwigs-Kathedrale ein Pontifikalamt zum offiziellen Abschluss des Heiligen Jahres, musikalisch mitgestaltet von der Blaskapelle St. Hubertus Petershagen; und drittens stand, vor unserer Haustür in Herz Jesu Tegel, die Verabschiedung des aus Nigeria stammenden Pfarrvikars der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd an. Solange meine Liebste und ich unsere Vision von Laienapostolat in der Tegeler Gemeinde zu verwirklichen versuchten, hatte dieser Geistliche stets zu den wenigen Leuten in der Pfarrei gezählt, auf deren Unterstützung und Wohlwollen wir zählen durften; er hatte uns die Hauskommunion gebracht, als meine Liebste während ihrer Schwangerschaft mit unserem Jüngsten Bettruhe verordnet bekommen hatte, und unseren Jüngsten getauft hat er auch. Nach alledem war es wohl Ehrensache, dass wir uns bei seiner Verabschiedung sehen ließen, auch wenn wir da Gefahr liefen, Leuten zu begegnen, denen wir normalerweise lieber aus dem Weg gehen. Beim Empfang zum 40-jährigen Priesterjubiläum dieses Geistlichen waren wir ja auch gewesen. 

Wie ich erfuhr, war es eigentlich nicht der Wunsch des scheidenden Pfarrvikars gewesen, dass seine Verabschiedung ausgerechnet im Rahmen einer Abendmesse stattfinden sollte, aber der Pfarrer hatte es so entschieden, mit dem Argument, dass auf diese Weise alle Geistlichen der Pfarrei daran teilnehmen könnten. Daraufhin hatte der "zu Verabschiedende" sich gewünscht, dass es am Nachmittag eine Kaffeetafel im Pfarrsaal geben sollte, und einige Frauen aus der Gemeinde hatten sich darum gekümmert, Kaffee und Kuchen aufzutischen. Da konnte man mal einen Eindruck davon bekommen, wie Gemeindeleben in der Volkskirche aussehen könnte oder sollte, und das meine ich ausgesprochen wertschätzend. 

Kaffeetafel mit Papst Leo. (Nicht im Bild: die Torten!) 

Zu dieser Kaffeetafel ging ich allerdings erst mal allein – unter anderem, weil das Tochterkind sich noch etwas kränklich fühlte, aber wohl auch, weil meine Liebste nicht so richtig Lust auf geselliges Beisammensein mit den üblichen Verdächtigen der Tegeler Gemeinde hatte. Ich jedenfalls kam ziemlich pünktlich im Pfarrsaal an und war somit einer der ersten Gäste – und das war gut so, denn so konnte ich in Ruhe einige Sätze mit dem scheidenden Pfarrvikar wechseln, ehe er seine Aufmerksamkeit unter allzu vielen Gästen aufteilen zu müssen. "Acht Jahre waren das jetzt?", fragte ich ihn und dachte dabei, diese Zeit sei recht schnell vergangen. "Acht Jahre und drei Monate", präzisierte er, "und das war keine leichte Zeit. – Na, du weißt ja", fügte er mit einem bezeichneten Lächeln hinzu, ehe er mit einem Blick zum Himmel (oder eigentlich zur Zimmerdecke) fortfuhr: "Aber ich habe es für Ihn gemacht, weil Er mich hier haben wollte. Daran muss man immer denken: Dass man es im Letzten nicht für irgendwelche Leute tut, sondern für den Herrn. Das gibt Kraft, das gibt Durchhaltevermögen, das gibt Orientierung." 

Nachdem es anfangs so aussah, als würde die Kaffeetafel eher mäßigen Zuspruch erfahren, begann sich der für gut 50 Personen bestuhlte Pfarrsaal nach rund einer Stunde doch sehr gut zu füllen; und es war ein ausgesprochen gemischtes Publikum, das da zusammenkam, von Senioren bis hin zu Familien mit kleinen Kindern und jungen Erwachsenen ohne Kinder. Mit mehreren Gemeindemitgliedern führte ich interessante Gespräche, wobei ich Wert darauf legte, mehr zuzuhören als selbst zu reden; auf diese Weise erfuhr ich so allerlei, wovon ich es zum Teil schade finde, es hier aus Gründen der Diskretion nicht wiedergeben zu können bzw. zu dürfen. – Wenn jetzt jemand meint, aus dieser Andeutung spreche der persönliche Groll, den ich gegen diese spezielle Gemeinde und Pfarrei nach Jahren immer noch hege, dann möchte ich erwidern: An der Sache mit dem Groll mag schon was dran sein – dazu in Kürze noch ein paar Worte mehr –, aber das, was ich von verschiedenen Gemeindemitgliedern über, sagen wir mal, problematische Entwicklungen in der Pfarrei gehört habe, betrachte ich im Wesentlichen gerade nicht als spezifisch für genau diese eine Pfarrei, sondern eher als symptomatisch für den sogenannten "Pastoralen Prozess 'Wo Glauben Raum gewinnt'" insgesamt und gehe davon aus, dass es in anderen Ecken Berlins prinzipiell dieselben oder jedenfalls ähnliche Probleme geben dürfte. Vielleicht finde ich mal einen Dreh, auf das Thema einzugehen, ohne dabei konkrete Interna aus St. Klara Reinickendorf-Süd preisgeben zu müssen. 

Was nun den besagten Groll angeht, möchte ich betonen, dass ich bei dieser Kaffeetafel (erwartungsgemäß) so einigen "üblichen Verdächtigen" aus dem früheren Pfarrgemeinderat, dem Lokalausschuss und dem Förderverein über den Weg lief und von fast allen ausgesprochen freundlich begrüßt wurde; die Bekundung, man freue sich, mich mal wieder zu sehen, schien mir hier und da zwar einen leicht vorwurfsvollen Unterton zu haben (im Sinne von "Na, lässt du dich hier auch mal wieder blicken"), aber im Großen und Ganzen hatte ich den Eindruck, einer wirklich authentischen Freundlichkeit zu begegnen, und bemühte mich, diese im gleichen Geiste zu erwidern. – Sehr nett fand ich es, dass ein alter Herr, der zum harten Kern der Werktagsmessen-Gemeinde in Heiligensee gehört, mir mitteilte, mein Sohn und ich würden dort "vermisst"; ich versprach ihm, wir würden bei Gelegenheit mal wieder kommen. Am schönsten war aber, dass der scheidende Pfarrvikar mich aufforderte, ihn – zusammen mit meiner Familie natürlich – mal in Nigeria zu besuchen. Um unsere Unterbringung würde er sich kümmern. Als ich Frau und Kindern davon erzählte, waren sie Feuer und Flamme, besonders die Kinder. Müssen wir wohl mal gucken, was der Flug kosten würde – zum Beispiel in den nächsten Herbstferien... 

In der Messe, zu der Frau und Kinder dann auch erschienen, wurden in Sachen Pomp so einige Register gezogen: Es gab sechs Messdiener, Weihrauch, zum Einzug spielte zusammen mit der Orgel eine Trompete, Antwortpsalm und Halleluja-Ruf wurden von einem Gesangssolisten vorgetragen, alle drei Pfarrvikare der Pfarrei konzelebrierten, auch der Diakon wirkte mit. Hauptzelebrant war der leitende Pfarrer von St. Klara, das gehört sich bei solchen Anlässen wohl so; trotzdem hätte es mir irgendwie besser gefallen, wenn der scheidende Pfarrvikar selbst den Vorsitz bei seiner Anschiedsmesse gehabt hätte. Nun, ich schätze, man kann wohl ganz zufrieden sein, dass der Pfarrer zwar eine Begrüßungsansprache hielt, nicht aber die Predigt; die überließ er --- Pater Mephisto. Und der machte seinem Spitznamen mal wieder alle Ehre. Seine Ansprache war teils Predigt zum Fest der Heiligen Familie, teils Laudatio auf seinen zu verabschiedenden Amtsbruder, und das thematische Bindeglied zwischen diesen beiden Redeanlässen bildete das Stichwort "Vielfalt" – in den Familienmodellen, in den Kirchenbildern. Die Art und Weise, wie er die afrikanische Herkunft des scheidenden Pfarrvikars als Aufhänger für den zweiten Aspekt benutzte, schien mir irgendwie latent rassistisch, oder sagen wir: stereotypisierend; davon abgesehen hatte die Predigt die für Pater Mephisto charakteristische Eigenschaft, dass darin einiges "an sich Richtige" gesagt wurde, das aber im Kontext eine bedenkliche ideologische Schlagseite bekam; Manches war aber auch einfach falsch. Dazu würde ich etwa die Behauptung zählen, ebenso wie die Gesellschaft als ganze seien auch die Pfarrgemeinden in den letzten Jahrzehnten diverser geworden. Da ist ja nun wohl mit ziemlicher Sicherheit das Gegenteil wahr. Hat der Mann mal was von Milieuverengung gehört? Sicherlich war die Gesellschaft in (West-)Deutschland vor 60 Jahren in vielfacher Hinsicht homogener als heute, aber wenn damals noch fast die Hälfte der Bevölkerung der katholischen Kirche angehörte und davon, nur mal grob geschätzt, 40-60% am Sonntag in die Messe gingen, dann würde ich mal davon ausgehen, dass da eine nach fast allen soziologischen Kategorien "diversere" Gottesdienstgemeinde zusammenkam als heutzutage. Aber natürlich kommt es darauf an, was man sich unter "Diversity" vorstellt. Pater Mephisto brachte hierzu die Stichworte "multikulturell" und auch "multireligiös" ins Spiel – was natürlich Fragen aufwirft: Wie könnte eine christliche Gemeinde "multireligiös" sein? 

Nach der Predigt begann der Organist direkt mit dem Credo, sodass der leitende Pfarrer erst danach dazu kam, eine Anmerkung loszuwerden, die eigentlich als Überleitung von Pater Mephistos Predigt zum Credo gedacht gewesen wäre: Gerade der gemeinsame Glaube sei es schließlich, der, bei aller vom Prediger hervorgehobenen Diversität, die Gemeinde konstituiere. Und da muss ich dann ja doch mal sagen: Respekt. Der Pfarrer kann Pater Mephisto zwar intellektuell und rhetorisch nicht das Wasser reichen, und ich denke, das weiß er; aber trotzdem scheut er sich nicht, ihn vor versammelter Gemeinde zur Ordnung zu rufen, wenn er der Heterodoxie allzu sehr die Zügel schleifen lässt. Und auch wenn man sich zuweilen fragen mag, wie weit es bei ihm persönlich mit dem im Credo bekannten Glauben wohl tatsächlich her ist, ist es doch anzuerkennen, dass er zumindest im Prinzip für diesen Glauben eintritt. Kurz gesagt, so Vieles ich auch oft an ihm zu kritisieren finde, er hat seine Momente. ("Aber das ist eben auch gerade das Gefährliche an ihm", gab meine Liebste zu bedenken: "Dass er weder gut noch böse ist.") 

Der verabschiedete Pfarrvikar ist übrigens im Januar noch in der Pfarrei und wird auch noch ein paar Messen zelebrieren. Da wird es dann also vielleicht noch Gelegenheit geben, genauere Pläne für einen Besuch in Nigeria zu machen. 


Jahresschluss in Haselhorst 

Am Silvesterabend fuhren wir, wie schon in den letzten Jahren, nach St. Stephanus Haselhorst, wo die Vorabendmesse zum Hochfest der Gottesmutter Maria als Jahresschlussmesse gefeiert wurde. In den beiden Vorjahren hatte der – wie ich immer gern sage – "örtlich zuständige" Pfarrvikar zu diesem Anlass besonders anregende Predigten gehalten, in denen er eine auf die Entwicklungen in der Pfarrei und insbesondere in "seiner" Teilgemeinde bezogene Jahresbilanz mit einer Auslegung des Evangeliums vom Tag zu verbinden wusste; und was das anging, wurde ich auch diesmal wieder nicht enttäuscht. Ein roter Faden aller Jahresschlusspredigten, die ich bisher von diesem Priester gehört habe, besteht in der Betrachtung des Stalls von Betlehem als Bild für die Pfarrei, und daran knüpfte er auch diesmal wieder an: Das Evangelium vom Tag – Lukas 2,16-21, die Anbetung der Hirten – mahne uns, dass unser persönliches Leben, aber auch das Leben der Pfarrgemeinde die Heilige Familie widerspiegeln solle. (Da passt es natürlich gut, dass die 2023 gegründete, von Siemensstadt bis Falkensee reichende Großpfarrei gerade das Patrozinium Heilige Familie trägt.) Zur "Situation, in der derzeit die Pfarrei ist", merkte der Pfarrvikar an: "Der liebe Gott war in diesem Jahr sehr großzügig mit unserer Pfarrei." Diese Feststellung untermauerte er mit einigen Zahlen zur Gemeindeentwicklung: So sind im Jahr 2025 in der gesamten Pfarrei 84 Kinder zur Erstkommunion gegangen – davon 28 in St. Joseph Siemensstadt, 24 in Maria, Hilfe der Christen und 32 in St. Konrad Falkensee –, 91 Jugendliche und zehn Erwachsene wurden gefirmt; Eheschließungen gab es elf – "Da sind wir noch schwach". Besonders bemerkenswert erscheint es mir indes, dass die Zahl der Neuzugänge in der Pfarrei – 54 Taufen einschließlich Erwachsenentaufen, sechs Konversionen, fünf Wiederaufnahmen – im Jahr 2025 größer war als die der verstorbenen Gemeindemitglieder (49). Eine Zahl, die in dieser Bilanz auffallend fehlt, ist die der Kirchenaustritte; ohne diesen Posten sieht es jedoch so aus, als sei die Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland im Jahr 2025 gewachsen und gleichzeitig jünger geworden. Wenn das tatsächlich so ist, wieso steht das dann eigentlich nicht in allen (Kirchen-)Zeitungen? Wieso stehen nicht die Pastoraltheologen und Religionssoziologen Schlange, um die Ursachen oder Rahmenbedingungen dieses "Wachsens gegen den Trend" zu untersuchen und Lehren daraus zu ziehen? – 

Noch interessanter als diese Zahlen fand ich indes etwas anderes, was der Pfarrvikar in seiner Jahresbilanz hervorhob – etwas, worauf er "im Gespräch mit den Taufbewerbern" aufmerksam geworden sei: nämlich, "dass die meisten schon die Bibel gelesen haben, dass sie sich über YouTube (!) gebildet haben über den katholischen Glauben, den Katechismus besser kennen als ich" – aber was sie suchen, was ihnen noch fehlt, ist "eine Gemeinde: konkrete Personen, an denen sie anschließen können". Das wirft ein bemerkenswertes Licht darauf, welche Aufgabe eigentlich der Pfarrei für die Neuevangelisierung zukommt. Dafür, Menschen zu evangelisieren, die nicht sowieso schon kirchlich (ein-)gebunden sind, bringt die Pfarrei wohl schlichtweg keine besonders guten Voraussetzungen mit, und katechetische Angebote können "Menschen, die auf der Suche sind", offenbar auch woanders finden – zum Beispiel, offenbar zunehmend, im Internet. Aber um das Christentum von einem theoretischen, angelesenen Wissen in eine gelebte Praxis zu "übersetzen", braucht es dann eben doch die Einbindung in eine Gemeinde. Damit kommt der Gemeinde natürlich eine große Verantwortung zu – denn wenn es nicht gelingt, die Neuzugänge zu integrieren, zum Beispiel deshalb, weil die Realität in der Gemeinde allzu weit entfernt ist von dem Bild christlicher Gemeinschaft, das ihnen vorschwebt, dann kann man sie auch wieder verlieren. Und das passiert nicht selten. 

Geschieht dies jedoch nicht, dann wird es natürlich interessant sein zu beobachten, was für eine Dynamik es in einer Gemeinde auslöst, wenn da eine signifikante Anzahl von Erwachsenentäuflinge, Re- und Konvertiten reinkommt, die den Glauben der katholischen Kirche zumindest teilweise durch evangelisierende und katechetischen Angebote im Internet kennengelernt haben und daraufhin beschlossen haben "Das wollen wir". Wenn das schon in einer oberflächlich betrachtet eher nach nichts Besonderem aussehenden Pfarrei am Rande Berlins ungefähr 20 Leute in einem Jahr sind, dann bekommt man eine Ahnung, wie sich die Kirche in unserem Land, vorerst noch unmerklich, von der Basis her verändert. Da steht nun freilich der Verdacht im Raum, dass dies eine Veränderung ist, die die institutionalisierte Pastoraltheologenzunft gar nicht will, die sie eher irritierend oder gar "gefährlich" findet, und möglicherweise kommt deshalb niemand nach Spandau, um dieses Phänomen zu studieren: Es könnte sich ja herausstellen, dass man mit Vielen von dem, was man der Kirche seit Jahrzehnten als unerlässlich für den Erhalt ihrer "Zukunftsfähigkeit" gepredigt hat, komplett auf dem falschen Dampfer war. 

Übrigens nutzte der Pfarrvikar seine Jahresschlusspredigt auch dazu, zum wiederholten Male darauf hinzuweisen, dass das ehrenamtliche Küsterteam Verstärkung gebrauchen könnte: "Falls es heute jemanden gibt, der spontan sagt, ich möchte Küster machen... Das ist der letzte Versuch in diesem Jahr. Im nächsten Jahr geht's weiter." Aber auch darüber hinaus ermutigte er seine Zuhörer zur Übernahme von Diensten in der Pfarrei: "Es ist eine Freude, dem Volk Gottes zu dienen, weil man hundertfach zurückbekommt. Für jeden, der einen Dienst tut, gilt: Gott schenkt hundertfach zurück. Sagt der Herr im Evangelium." 


Wildgänse und Butjenter Friesen: Pfadfinder in der Wesermarsch 

"Zwischen den Jahren" überraschte mich die gute alte Kreiszeitung Wesermarsch mit einem Artikel zu einem Thema, das mich besonders in jüngster Zeit verstärkt interessiert: "Pfadfinder in Butjadingen – Warum junge Menschen Pfadfinder werden" war der Artikel überschrieben. Zwar verbarg sich die Online-Version des Artikels hinter einer Paywall, aber ich habe ja zum Glück so meine Kontaktpersonen in der Region – und konnte mich so davon überzeugen, dass der Artikel insgesamt besser und interessanter ist, als der Teaser-Absatz es vermuten ließ. Dieser lautete nämlich: 

"Sippe, Meute, Wölflinge - ein wenig gewöhnungsbedürftig sind die Begriffe der Pfadfinder auf den ersten Blick. Aber dann öffnet sich eine Welt voller Abenteuer. Und es schadet sicher nicht, zu wissen, wie man ein ordentliches Feuer entfacht." 

Beim Stichwort "gewöhnungsbedürftig" fällt mir ja immer Max Goldt ein, der meinte, dieses Wort gebe "beredt Auskunft über den engen kulturellen Horizont" derer, die es verwenden. Aber natürlich stimmt es irgendwie, dass das pfadfinderische Vokabular auf Außenstehende erst mal fremd wirken kann. Und dass es eine nützliche Fertigkeit ist, Feuer zu machen, stimmt ebenfalls. Und was gibt der Artikel darüber hinaus so her? – Nun, zunächst erfährt man da einiges über die Entstehungsgeschichte der internationalen Pfadfinderbewegung, dann konzentriert sich der Bericht hauptsächlich auf den seit 2013 bestehenden Stamm der "Butjenter Friesen", erwähnt allerdings auch noch weitere Pfadfinderstämme in der Wesermarsch, so die "Wildgänse" in Nordenham, die "Jader Bürger" in Jaderberg und den Stamm Moorriem in, nun ja, in Moorriem eben. Darauf, dass es – vielleicht nicht in der Wesermarsch, aber generell – mehrere verschiedene Pfadfinderverbände gibt, geht der Artikel nicht ein, vielleicht war es der Verfasserin nicht recht bewusst; ich wiederum kenne mich (noch) nicht gut genug aus, um allein anhand von Klufthemd und Halstüchern auf dem Artikelfoto erkennen zu können, zu welchem Verband der Stamm der Butjenter Friesen gehört, aber dann verrät der Artikel beiläufig doch noch, dass es sich um den VCP handelt. Eigentlich nicht überraschend in einer traditionell so stark evangelisch geprägten Gegend, auch wenn der Einfluss der evangelischen Kirche dort seit einiger Zeit stark im Schwinden ist. – Zuweilen befleißigt sich die Verfasserin einer Ausdrucksweise, die wohl jung und hip wirken soll, obwohl die Dame älter ist als ich; wenn sie etwa über Baden Powells Standardwerk "Scouting for Boys" schreibt "Das ging weltweit viral", wirkt das einfach plump und albern. Aber im Ganzen ist der Artikel durchaus geeignet, Werbung für die Pfadfinder zu machen, und ist wohl auch in dieser Absicht geschrieben. "[B]ei den Pfadfindern geht es um Werte, die viele Menschen vermissen", liest man da etwa: "Gemeinschaft und sich gegenseitig zu helfen." Und: "Die Älteren übernehmen Verantwortung für die Jüngeren." Weiterhin erfährt der geneigte Leser: "Der Stamm trifft sich wöchentlich für etwa anderthalb Stunden [...]. Das Programm besteht aus Spielen, Basteln, Naturkunde und dem Erlernen praktischer Fähigkeiten." Besonders gut gefällt mir, was der bei den Pfadfindern aktive Kreisjugenddiakon Hauke Bruns über das Halstuch der Pfadfinder erzählt: "So ein Tuch muss man sich erarbeiten. Die Übergabe ist ein Ritual. Es bedeutet: Wir halten Dich für fähig, die Werte unserer Gemeinschaft zu vertreten". Wie gut es mir gefällt, dass Bruns auf dem Artikelfoto aussieht wie der Anführer einer Motorradgang, mag der Leser meines Blogs sich selbst ausmalen, Zwinkersmiley. – Am Schluss des Artikels erfährt man, dass die Butjenter Friesen am 31. Januar und 1. Februar im Gemeindehaus Eckwarden ein Schnupperwochende für Wölflinge veranstalten; das ist just das Wochenende vor unserem nächsten geplanten Butjadingen-Urlaub, schade eigentlich. Mit Blick auf zukünftige Butjadingen-Aufenthalte frage ich mich allerdings, ob es nicht trotzdem ratsam sein könnte, da mal einen Kontakt herzustellen. Na, mal sehen... 

Was ich in diesem Zusammenhang auch noch interessant finde: Als ich am Rande des Bandwochenendes meinen alten Freunden von den noch frischen Erlebnissen beim Herbstlager der KPE-Wölflinge erzählte, kam die Frage auf, ob es in unserer gemeinsamen alten Heimat eigentlich auch Pfadfinder gebe. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich darauf nur antworten, zumindest früher mal müsse es welche gegeben haben – darüber hätte ich mal etwas in einem Buch über die Wesermarsch in den 60er Jahren gelesen. Das besagte Buch – das schlicht "Die 60er Jahre" betitelt ist – habe ich aus diesem Anlass nun wieder hervorgekramt: Es basiert auf einer Artikelserie – genau – der Kreiszeitung Wesermarsch aus dem Jahr 2015, und einer der 31 darin versammelten Artikel trägt die Überschrift "Wölflingen viel beigebracht". Es handelt sich um ein Porträt einer Frau aus Nordenham, die im Alter von 18 Jahren "im christlichen Mädchenkreis gefragt wurde, ob sie die Leitung einer Gruppe übernehmen wolle", und daraufhin von 1959 bis 1965 die "Akela" für eine Wölflingsmeute der Christlichen Pfadfinderschaft (CPD – einer der Vorläuferverbände des 1973 gegründeten VCP) war. Im CPD waren damals nur Jungen, und wie die damalige "Akela" verrät, durften due Wölflinge seinerzeit noch "nicht zelten und kein Lagerfeuer machen. Das war erst ab zwölf Jahren erlaubt". Bevorzugtes Ziel für Fahrten war daher die "Christopherushütte bei Wulsbüttel in der Nähe von Hagen": "Sie lag mitten im Wald, ohne Licht, ohne Strom und ohne fließend Wasser" – und ohne Betten: "Geschlafen wurde in einem großen Raum. Natürlich musste auch jemand Nachtwache halten". – Großen Wert legt die Verfasserin (Ellen Reim, die kenne ich noch aus meiner aktiven Nordenhamer Zeit) auf die Feststellung, dass die Wölflinge "sich nicht nur dem Vergnügen" widmeten: Dass die Jungs z.B. auch lernten, Knöpfe anzunähen und Kartoffeln zu schälen, steht sogar zweimal im Artikel. – Ich schätze, ich kann von Glück sagen, dass ich das Kartoffelschälen erlernt habe, ohne bei den Pfadfindern gewesen zu sein; das Knöpfeannähen hingegen zugegebenermaßen nicht. Na, umso besser, wenn das dann zukünftig meine Kinder lernen... 


Neues aus Synodalien: Eine Jahresvorschau 

Unlängst war Google News so freundlich, mir einen Artikel mit der vielversprechenden Überschrift "So wird 2026 für die katholische Kirche" zu empfehlen. Leider handelte es sich um einen Artikel von häretisch.de, und was dieses Portal sich unter "der katholischen Kirche" vorstellt, kann man sich ja denken. Gleichwohl war ich gelinde amüsiert, in dem Artikel den Satz zu lesen "Bald nach dem Ende des Jubiläumsjahres geht es – zumindest aus deutscher Sicht – zurück in die Niederungen kirchlicher Reformbemühungen" : Guck an, sie geben also zu, dass es Niederungen sind! Und was steht nun so alles auf dem deutschsynodalen Terminkalender? Als erstes, vom 29. bis 31. Januar, die abschließende Synodalversammlung des Synodalen Wegs; u.a. sollen dabei Mitglieder für die Synodalkonferenz gewählt werden, über deren Satzung die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Frühjahrsvollversammlung abstimmen soll; diese findet vom 23. bis 26. Februar in Würzburg statt. "Danach steht dann die Begutachtung und Genehmigung der Satzung durch den Vatikan an" – ich schätze, das kann spannend werden. "Sollte der Vatikan aber [!] seine Zustimmung zur Satzung geben" – so zurückhaltend formuliert häretisch.de es tatsächlich! –, "soll die Synodalkonferenz am 6. und 7. November in Stuttgart zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammenkommen". Und dann ist das Jahr ja auch schon fast wieder rum. 

– Und sonst so? Wir haben eine gerade Jahreszahl, das heißt, es ist mal wieder Katholikentag. Diesmal in Würzburg, vom 13.-17. Mai, also über Christi Himmelfahrt. Und "[w]ährend die Katholikinnen und Katholiken in Eichstätt und Münster auf einen neuen Bischof hoffen dürfen", zeichnet sich schon die nächste Vakanz eines deutschen Bischofsstuhls ab: Am 19. November wird der Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, 75 Jahre alt "und erreicht damit die vom Kirchenrecht vorgesehene Altersgrenze für Bischöfe". Zwar orakelt häretisch.de, "möglicherweise" werde der Papst den Magdeburger Oberhirten "noch einige Zeit im Amt" belassen, nennt jedoch keine Gründe für diese Spekulation. Schließlich wäre noch die Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu erwähnen: Diese findet vom  28. September bis 1. Oktober in Fulda statt. – Alles in allem bin ich geneigt zu sagen, es verrät eine in bedenklichem Maße institutionsfixierte Sicht auf die Kirche, anzunehmen, dies (und dazu die beiden Vollversammlungen des "ZdK", deren Daten hier jedoch ungenannt bleiben mögen) seien die wichtigsten Daten des Jahres 2026. Ich persönlich bin ja überzeugt, dass die wirklich bedeutenden und für die Zukunft der Kirche in unserem Land richtungsweisenden Momente sich ganz woanders ereignen – und damit meine ich nicht nur und nicht mal in erster Linie Events wie die MEHR und die Adoratio, wenngleich auch da sicherlich mehr Bedeutsames passiert als bei irgendwelchen Synodalkonferenzen oder beim Katholikentag. Kurz und gut, ich werde mich zwar bemühen, die bei häretisch.de aufgeführten Daten im Auge zu behalten, aber das Hauptaugenmerk meines Blogs soll weiterhin der alltäglichen Graswurzelarbeit an der Basis gelten, die man in Bonner (oder auch Münsteraner) Redaktionsstuben überhaupt nicht auf dem Radar hat, die aber das Angesicht der Kirche in unserem Land, wie ich hoffe, nachhaltiger prägen wird, als Leute, die ihr Bild "von Kirche" aus der Berichterstattung von häretisch.de oder Kirche + Leben beziehen, es sich träumen lassen ... 


Geistlicher Impuls der Woche 

Wir alle wissen, wie sehr heute Christus Zeichen eines Widerspruchs ist, der im Letzten Gott selbst gilt. Gott selbst wird immer wieder als die Grenze unserer Freiheit gesehen, die beseitigt werden müsse, damit der Mensch ganz er selber sein könne. Gott steht mit seiner Wahrheit der vielfältigen Lüge des Menschen, seiner Eigensucht und seinem Hochmut entgegen. 

Gott ist Liebe. Aber die Liebe kann auch gehasst werden, wo sie das Heraustreten über sich selbst hinaus fordert. Sie ist nicht romantisches Wohlgefühl. Erlösung ist nicht Wellness, ein Baden im Selbstgenuss, sondern gerade Befreiung von der Verzwängung ins Ich hinein. Diese Befreiung kostet den Schmerz des Kreuzes. 

(Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Prolog) 


Ohrwurm der Woche 

Sebastian & Veronika Lohmer: Wir lieben deinen Namen (Akustikversion) 

Heute ist das Fest des Heiligsten Namen Jesu, und heute Abend beginnt in Augsburg die MEHR-Konferenz; zwei gute Gründe, an dieser Stelle diesen Lobpreis-Klassiker zu bringen. Diesen Song, von einer kompletten Band intoniert, zusammen mit einigen tausend Menschen in einer Messehalle zu hören und mitzusingen, besonders den Vers "Wir hör'n nicht auf zu singen" im Refrain, ist schon ein starkes Erlebnis, aber die Initmität dieser auf'm Sofa mit keiner anderen Begleitung als einer akustischen Gitarre aufgenommenen Version finde ich sogar noch berührender. 


Vorschau/Ausblick 

Bei der MEHR-Konferenz, die bis Dienstag gegen Mittag geht, bin ich leider nicht und habe auch kein Streaming-Ticket gekauft, aber ich denke mal, ein bisschen wird man ja doch davon mitbekommen, was da so los ist; jedenfalls grüße ich herzlich alle Freunde und anderen Leser, die gerade dort sind, und wünsche ihnen "Viel Spaß und viel Segen"! Irgendwann muss ich da auch mal wieder hin. – Am morgigen Sonntag soll es in St. Joseph Siemensstadt im Anschluss an die Messe wie im vorigen Jahr wieder ein Dreikönigsspiel geben – der eigentliche Dreikönigstag fällt ja dieses Jahr auf einen Dienstag. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass ich, als wir am vergangenen Sonntag in Herz Jesu Tegel waren, erwogen habe, uns auf die Hausbesuchsliste der Tegeler Sternsinger einzutragen; dieser Besuch wäre ebenfalls morgen dran gewesen, aber wir haben uns dann doch dagegen entschieden, zumal morgen die Omas – sprich: meine Schwiegermütter – etwas mit den Kindern unternehmen möchten. Dafür hat das Tochterkind spontan zugesagt, dieses Jahr bei der Sternsingeraktion in Siemensstadt mitzumachen – die ist aber erst am nächsten Samstag, und zu uns nach Hause kommen die Siemensstädter Sternsinger natürlich auch nicht, also werden wir wohl wie in den letzten beiden Jahren wieder selbst eine Wohnungssegnung veranstalten. – Am Montag gehen Schule, KiTa und Arbeit wieder los, aber liturgisch ist immer noch Weihnachtszeit, es stünde also durchaus noch die Möglichkeit im Raum, beim – diesmal ökumenischen – Spandauer Krippenpilgern mitzumachen. Mal sehen. JAM ist diese Woche noch nicht wieder, was man eventuell dazu nutzen könnte, in dieser Woche einmal öfter mit dem Jüngsten zum Kampfsporttraining zu gehen. Am nächsten Wochenende steht dann, wie gesagt, am Samstag die Sternsingeraktion in Siemensstadt an und, was ich noch nicht erwähnt habe, am Sonntag der Neujahrsempfang der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland. Aber das ist dann schon Stoff fürs übernächste Wochenbriefing! 


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