Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Montag, 18. November 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (33. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Vorige Woche Montag war St. Martin, und in meinem Stadtteil wird dieses Fest traditionell "ökumenisch" gefeiert -- was in der Praxis bedeutet, dass im jährlichen Wechsel entweder in der evangelischen oder in der katholischen Kirche so etwas ähnliches wie ein Kindergottesdienst stattfindet und der anschließende Laternenumzug dann zu der jeweils anderen Kirche führt, wo es zum Abschluss Speis und Trank und ein Lagerfeuer gibt. Dieses Jahr fand der im weitesten Sinne irgendwie gottesdienstähnliche Teil in der evangelischen Kirche statt, woraus folgte, dass "meine" Pfarrgemeinde für die Afterparty zuständig war. Ich hatte es aber entschlossen vermieden, mich da zu irgendeiner Form vom Mitwirkung verpflichten zu lassen. Meine Tochter, die an diesem Tag keinen Mittagsschlaf gehabt hatte, schlief eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung ein, verschlief sowohl die Andacht einschließlich des Martinsspiels (worum ich sie ein bisschen beneide) als auch den Laternenumzug und wachte erst wieder auf, als meine Liebste sich gerade dazu entschlossen hatte, beim Waffelverkauf ihre Hilfe anzubieten, woraufhin wir noch rund eine Stunde am Ort des Geschehens festhingen. Immerhin, das Lagerfeuer gefiel dem Kind, also will ich mal nicht meckern. -- Im Ernst: Ich möchte behaupten, diese gesamte Veranstaltung war insofern ein typisches Phänomen einer sterbenden Volkskirche, als sich offensichtlich keiner der Verantwortlichen die Frage gestellt hat "Warum machen wir das überhaupt?". Aber keine Bange, im kommenden Jahr wird diese Frage gestellt werden. Das heißt nicht, dass ich die ökumenische St.-Martins-Feier partout abschaffen will. Aber wenn man sich im Vorfeld fragt, wozu eine Veranstaltung eigentlich gut sein soll, erhöht das vielleicht die Chancen, dass sie am Ende tatsächlich zu irgend etwas gut ist. -- Ansonsten verlief die Woche zum größten Teil ähnlich wie die vorangegangene, aber ich fühlte mich viel zufriedener dabei; woran man mal wieder sehen kann, dass persönliches Wohlergehen viel weniger von äußeren Umständen abhängt als man gemeinhin denkt. -- Nachdem wir uns, wenn auch schweren Herzens, entschlossen hatten, nicht zum "Adoratio"-Kongress in Altötting zu fahren, der an diesem Wochenende stattfand, gingen wir am Freitagnachmittag wenigstens "bei uns" in der Pfarrkirche zur Anbetung; sollte man eigentlich viel öfter machen. Am Abend und dann auch im weiteren Verlauf des Wochenendes hörten wir uns ausgiebig Live-Übertragungen aus Altötting auf Radio Horeb an. Ein gleichwertiger Ersatz dafür, live vor Ort zu sein, war das natürlich nicht, aber unter praktischen Gesichtspunkten war es trotzdem die richtige Entscheidung, zu Hause zu bleiben. Unter anderem hätten wir sonst ja den Krabbelbrunch ausfallen lassen müssen, und der war gerade diesmal rundum erfreulich und somit gut fürs Gemüt. Außerdem gingen wir am Samstagabend zum Nightfever, das diesmal in der Rosenkranzbasilika in Steglitz stattfand; und, ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon geschrieben habe, aber: Nightfever ist immer toll. Danach geht man einfach randvoll aufgeladen mit spiritueller Energie zurück ins feindliche Leben. Am Sonntag waren wir in St. Rita zur Tauferinnerungsfeier; mir scheint, ich hatte größtenteils vergessen gehabt, wie doof ich die schon letztes Jahr gefunden hatte, aber darauf komme ich vielleicht demnächst noch gesondert zurück. 

Graffito am S+U-Bahnhof Rathaus Steglitz

Was ansteht: Heute ist Weihetag der Basiliken St. Peter und St. Paul; das ist im deutschen Regionalkalender zwar "nur" ein nicht-gebotener Gedenktag, aber ich denke trotzdem darüber nach, zur Messe zu gehen -- zumal die Krabbelgruppe, die ansonsten mit der Messzeit in "meiner" örtlichen Pfarrkirche  kollidieren würde, wieder einmal ausfällt (ein Kind krank, eins aus familiären Gründen verhindert). Ich schätze, ich werde die Entscheidung davon abhängig machen, wie lange meine Tochter heute Morgen schläft. -- Für die nächsten Tage steht erst einmal nichts besonderes auf dem Programm; zu erwägen wäre es, mal wieder eine Büchertour einzuschieben. Für Samstag ist ein Arbeitseinsatz auf dem Grundstück unserer geliebten Pfarrkirche geplant -- Herbstlaub entfernen und so. Ich freue mich schon darauf, mal wieder auf dem Kirchenvorplatz den Besen zu schwingen, und das meine ich nicht mal ironisch. Am Sonntag ist erstens Christkönig, zweitens Büchertreff - diesmal mit einem Bericht einiger Damen aus der Gemeinde über eine Israelreise, an der sie teilgenommen haben -, und nicht zuletzt finden auch die Wahlen zum Pfarrgemeinderat und zum Kirchenvorstand statt. Ich bin immer noch etwas fassungslos über das eklatante Desinteresse, mit dem die Mitarbeiter meiner Gemeinde diese anstehenden Wahlen während der letzten Wochen behandelt haben. Wer wird unter diesen Umständen wohl überhaupt zur Wahl gehen? 


aktuelle Lektüre: 

"Why Should the Devil Have All the Good Music?", Gregory Thornburys Biographie über den christlichen Rockmusik-Pionier Larry Norman, hat mich erwartungsgemäß vom Start weg begeistert. Begleitend zur Lektüre habe ich mir auf YouTube einige von Larry Normans Songs angehört; einen einzigen davon, "The Six O'Clock News", kannte ich schon "von früher", und das ist beiweitem nicht sein bester. (Aber immerhin erinnere ich mich recht präzise daran, wann, wo und in welchem Kontext ich den Song vor ungefähr 27 oder 28 Jahren gehört habe, nämlich bei der vom "Geistlichen Rüstzentrum Krelingen" organisierten "Strandmission" in meinem Heimatdorf. Von dieser "Strandmission" habe ich sicherlich schon mal berichtet, werde aber irgendwann noch mal ausführlicher darauf zurückkommen müssen.) Sehr empfehlenswert finde ich eine Live-Version des Songs, dem das Buch seinen Titel verdankt -- mit einer gut fünf Minuten langen Anmoderation, in der Larry Norman sein Talent als Stand-up-Comedian unter Beweis stellt. Aber erst mal zurück zum Buch: Im ersten Kapitel nach dem Vorwort geht es, wie Biographien es so an sich zu haben pflegen, zunächst einmal um die Kindheit und Jugend des Protagonisten, wer seine Großeltern waren und wie seine Eltern sich kennengelernt haben, und schon dieses Kapitel steckt voller interessanter und farbenprächtiger Details. Richtig spannend wird es dann aber im zweiten Kapitel, als der junge Larry Norman von zu Hause auszieht, um Profi-Musiker zu werden, und in Kalifornien in die Anfänge der Hippie-Bewegung hineingerät. Mit ungefähr 18 Jahren ist er in demselben Milieu unterwegs, in dem beispielsweise auch Santana, Janis Joplin und Jefferson Airplane ihre Karriere beginnen; er freundet sich mit dem ersten Airplane-Drummer Skip Spence an, der wegen seiner notorischen Unzuverlässigkeit aus der Band fliegt, die Gruppe Moby Grape gründet, schließlich aber unter dem Einfluss von LSD an paranoider Schizophrenie erkrankt; er hängt mit Stephen Stills und Neil Young ab, die damals bei Buffalo Springfield spielten; Stills' Song "For What It's Worth", den ich, wie ich hervorheben möchte, auf Platz 8 meiner "#BenOp-Charts" gewählt habe, wird ein nicht geringer Einfluss auf Normans eigenes Songwriting zugeschrieben. Larry Norman wird eine Hauptrolle im Musical "Hair" angeboten, die er jedoch ablehnt, weil die Verherrlichung von Drogen und sexueller Ausschweifung ihn abstoßen. Stattdessen wird er von der zwar noch relativ unbekannten, aber ambitionierten Gruppe People! als Sänger angeheuert. Aber gerade als diese Band allem Anschein nach kurz vor dem Durchbruch steht, kommt es zum Bruch. Darüber, wie genau das vor sich ging - ob Norman die Band von sich aus verließ oder rausgeworfen wurde - gibt es, wie das meistens so ist, unterschiedliche Versionen, aber auf jeden Fall hatte es damit zu tun, dass die Mehrheit der Bandmitglieder sich der Scientology-Sekte anschloss und Norman nicht. Für ihn ging die Trennung jedenfalls gut aus, er bekam einen Job als Songschreiber für Musicals und betrieb nebenher auf eigene Faust Straßenevangelisation in Hollywood. Muss man erst mal bringen! Das Erscheinen von Larry Normans erstem Soloalbum "Upon This Rock" (1969) wird als Geburtsstunde des "Jesus Rock" bezeichnet; was an dieser Stelle nicht erwähnt wird, ist der Umstand, dass das Album "The Cold Cathedral" von John Fischer (jawohl: dem Autor von "Und Gott schuf Ben"!) ungefähr drei Monate früher veröffentlicht wurde als "Upon This Rock", und zwar bei einem katholischen Plattenvertrieb. Allerdings habe ich mal in ein paar Songs von "The Cold Cathedral" reingehört, und so richtig rockig klingen die nicht; eher nach Psychedelic Funk, irgendwo zwischen Donovan Leitch, Nick Drake und dem Letzten Einhorn. Was aber ja auch nicht schlecht ist. 

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen die Anfänge des Jesus Movement in Kalifornien, und da wird es dann noch interessanter. Zu einem gewissen Grad erinnern mich diese Passagen an Dorothy Days Schilderungen der Anfänge der Catholic Worker-Bewegung in "The Long Loneliness", nur dass gut 30 Jahre dazwischen liegen und das soziale Milieu ein anderes ist: Im Wesentlichen entstand das Jesus Movement aus Evangelisations-Initiativen im Hippie-Milieu, die denen, die von der Verheißung der Flower-Power-Bewegung, Befriedigung und/oder Erleuchtung in Sex und Drogen zu finden, enttäuscht worden waren oder ihr von vornherein misstrauten, Jesus als Alternative anboten. Zu der Rolle, die Larry Norman in dieser Bewegung spielte, hier ein schönes Zitat:
"Ein Reporter kam auf mich zu und fragte mich, ob ich der Anführer der Jesusbewegung wäre, und ich sagte: 'Nein, das ist Jesus.' Daraufhin sagten sie, 'Na ja, aber irgend jemand hat gesagt, die Jesusbewegung wäre in deinem Wohnzimmer gegründet worden', und ich antwortete: 'Wenn das stimmt, war ich zu der Zeit gerade nicht zu Hause.'" (S. 77) 
Es kann nicht überraschen, dass dieses hippieske Jesus Movement, dessen Erscheinungsbild von langen Haaren und Rockmusik geprägt war, bei konservativen Evangelikalen auf Skepsis, wenn nicht auf vehemente Ablehnung stieß. Fernsehprediger wie Jimmy Swaggart und Jerry Falwell machten Front gegen die Bewegung, und Auftritte von Larry Norman in kirchlichen Einrichtungen waren nicht selten von Protesten begleitet. Interessant finde ich, dass Norman dabei unter anderem auch eine Nähe zur katholischen Kirche unterstellt wurde -- was nach Einschätzung des Autors Thornbury rein willkürlich war und lediglich dazu dienen sollte, ihn bei fundamentalistischen Evangelikalen unmöglich zu machen, aber ein mentales Eselsohr habe ich mir an der Stelle doch gemacht. -- Die herzliche Abneigung zwischen dem Jesus Movement und dem evangelikalen Establishment beruhte übrigens entschieden auf Gegenseitigkeit; Larry Norman seinerseits polemisierte immer wieder gern gegen ein sattes, selbstzufriedenes Mittelklasse-Christentum, das den Eindruck erweckt, mehr an bürgerlicher Wohlanständigkeit interessiert zu sein als daran, den Willen Gottes zu tun, und bei dem es zweifelhaft erscheint, ob seine Anhänger eigentlich wirklich, ernsthaft an die christliche Botschaft glauben. Wenngleich ich mich mit der Stoßrichtung dieser Kritik sehr gut  (ich bin geneigt zu sagen: täglich mehr) identifizieren kann, würde ich doch behaupten, dass das Jesus Movement (und nicht zuletzt auch Larry Norman persönlich) seine Anti-Establishment-Attitüde zu weit getrieben hat, nämlich bis zur grundsätzlichen Ablehnung jeder organisierten bzw. institutionalisierten Religiosität. Ich habe auch den Verdacht, dass dieser individualistische Zugang zum Glauben - ich und Jesus gegen den Rest der Welt - wesentlich dazu beigetragen hat, dass der Jesusbewegung als Bewegung kein langes Leben beschieden war. Insgesamt ist das ein so interessantes und vielschichtiges Thema, dass es mindestens einen eigenen Blogartikel (z.B. im Rahmen der Artikelserie "God Gave Rock'n'Roll to You") verdient. -- Gegen Ende des dritten Kapitels heiratet Larry Norman, und der Autor deutet recht unmissverständlich an, dass diese Ehe von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist; aber ich stelle fest, dass mich Normans persönliches Wohl und Wehe an diesem Punkt bereits deutlich weniger interessiert als die weitere Entwicklung des Jesus Movement. Es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Umstand im weiteren Verlauf auf mein Interesse an dem Buch auswirken wird. 

Was den von Horst Bosetzky herausgegebenen Krimi-Sammelband "Tatort Tegel" angeht, habe ich ziemlich bald feststellen müssen, dass ich den Titel - und damit auch das Konzept der Sammlung - gründlich missverstanden hatte: Der Titel bezieht sich lediglich auf den Standort der Veranstaltungsreihe "Reinickendorfer Kriminacht" und nicht auf den Inhalt der Kriminalgeschichten. Da sich somit der Hauptgrund dafür, dass ich mich überhaupt für dieses Buch interessiert hatte, in Luft aufgelöst hatte, war ich schon nach weniger als einem Viertel des Gesamtumfangs drauf und dran, die Lektüre einfach abzubrechen, zumal ich die Mehrzahl der Einzelbeiträge obendrein Kacke fand. Die erzählerische Qualität der Texte wurde im zweiten Viertel allerdings tendenziell besser (was zweifellos purer Zufall ist, da sie alphabetisch nach den Namen der Autoren geordnet sind); was ich hingegen gleichbleibend ärgerlich finde, ist ein nahezu alle Geschichten durchziehender Hang zum moralischen Nihilismus, wenn ich das mal so sagen darf. Bei der Vielzahl unterschiedlicher Autoren und der Bandbreite des Genres von knallhart-abgebrüht bis eher humorig (die humorigen Geschichten sind tendenziell die ärgerlichsten) finde ich es schon bemerkenswert, wie annähernd allgegenwärtig diese Tendenz ist: Fast überall hat man es mit zutiefst egoistischen, durch die Gier nach Sex, Geld oder Status oder einfach nur durch Langeweile korrumpierten Charakteren zu tun. Nun gut, könnte man sagen, es handelt sich nun mal um Krimis; in den allermeisten Fällen geht es um Mord; von einem Mörder wird man ja wohl kaum erwarten können (oder auch nur wollen), dass er ein moralisch untadeliger Charakter ist, und dass die Opfer meist nicht ganz unverdient von ihrem Verhängnis ereilt werden, könnte man geradezu als ein Erfordernis der poetischen Gerechtigkeit ansehen. Ja, mit ein bisschen Biegen und Brechen könnte man wohl behaupten, die Geschichten seien sogar besonders moralisch, da sie zeigen, wie die Charaktere durch ihre ungeordneten Begierden entweder zu Mördern oder zu Mordopfern werden. Überzeugt mich aber nicht. 

Ziemlich genau in der Mitte des Bandes findet sich eine Geschichte von Peter Gerdes mit dem Titel "Der Seelenbesorger", und da wird es nun richtig interessant. In dieser Story trifft nämlich ein Kriminalbeamter, der den gewaltsamen Tod eines Obdachlosen untersucht, auf einen Geistlichen, der sich besonders der Obdachlosenseelsorge widmet -- und lässt anlässlich dieser Begegnung, wenn auch nur in Gedanken, seinen antikirchlichen, antichristlichen Vorurteilen so richtig die Zügel schießen: Einen "Seelenfänger" (S. 110) nennt er ihn, einen "[d]ämliche[n] Pope[n]" (S. 108): "So hatte er sich immer einen Jesuiten vorgestellt" (ebd.). Er unterstellt ihm, er rede  bloß "was daher von Nächstenliebe" (S. 111): "Du redest Gott groß, damit sie klein werden" (S. 112). Auch der modische Vorwurf, mit Jesus habe der Kirchenmann "doch gar nichts zu tun", sondern stehe vielmehr auf der Seite derer, "die das Kreuz aufgerichtet haben" (ebd.), fehlt nicht. Schließlich verdächtigt der Ermittler den Seelsorger sogar, den Obdachlosen erschlagen zu haben - weil dieser nämlich "viel zu clever" gewesen sei, um sich "zum Schäfchen machen zu lassen" (S. 108), und darum auch seinen Missionierungsversuchen bei anderen Obdachlosen im Wege gestanden habe -, und er ist unverhohlen enttäuscht, als dieser Verdacht sich als falsch erweist. -- Der Groll des Polizisten gegen den Priester und die Kirche, die dieser repräsentiert, wirkt völlig unmotiviert; demnach muss man wohl davon ausgehen, dass der Autor der Auffassung war, eine solche Einstellung der Kirche gegenüber bedürfe keiner Begründung. Ich frage mich, was wohl der liebenswürdige, sanftmütige Pfarrer Silvers gedacht haben mag, als er das las. 

In den bibliographischen Angaben auf S. 4 liest man übrigens: "Dieses Buch entstand mit Unterstützung durch das Bezirksamt Reinickendorf von Berlin, Abteilung Schule, Bildung und Kultur". Da könnt ich mich ja schon wieder aufregen. 

Von Walter Adolphs "Hirtenamt und Hitler-Diktatur" hatte ich schon nach den ersten Absätzen des Vorworts den Eindruck, es sei erheblich besser, als ich erwartet hatte. Das Bemerkenswerte an diesem Buch liegt nicht so sehr auf der Ebene der darin dargestellten historischen Fakten - hier gibt es naturgemäß Überschneidungen mit Altmeyers Dokumentation "Katholische Presse unter NS-Diktatur" und einzelnen Beiträgen in Wolfgang Knaufts "Miterbauer des Bistums Berlin", andererseits aber auch interessante Ergänzungen dazu -, sondern vielmehr in seinem spezifischen Blickwinkel auf das Thema, den der Autor im Vorwort darlegt und begründet: Das Hirtenamt der Bischöfe bestehe - gemäß Apostelgeschichte 20,28 - im Kern darin, "die Gemeinde Gottes zu weiden", und zwar durch die "Verkündigung der Frohen Botschaft Gottes" und die "Ausspendung der Geheimnisse Christi" (S. 9). "Diese Mission der Bischöfe gilt für alle Zeiten bis zur Wiederkunft des Herrn" (ebd.). Somit ist die Aufgabe des Bischofs primär keine politische, wenngleich "[n]atürlich [...] die gleichzeitig mit der Heilsgeschichte sich abspielende weltliche Geschichte ihren Einfluß auf die übernatürliche Mission der Bischöfe" ausübt: "Die Staatsform, das Rechtssystem, die Kultur, die Wirtschaft und andere Zeitumstände in jedem Volk und in jeder Periode werden fördernd oder hindernd auf das Hirtenamt der Bischöfe einwirken" (ebd.). Mit dieser Perspektive ist das Buch nicht allein von historischem Interesse, sondern ist auch mit Blick auf die Gegenwart und absehbare Zukunft aufschlussreich -- und somit hochgradig #BenOp-relevant. 

Um die Rahmenbedingungen abzustecken, unter denen die katholische Kirche vor und während der Zeit der NS-Herrschaft agieren musste, geht Adolph in den einleitenden Kapiteln erst einmal auf die "antireligiöse Arbeit der Freidenker" und die "antikatholische Haltung der Liberalen" ein -- so die Kapitelüberschriften. Es läge nahe, darin einen Versuch zu sehen, Verständnis dafür zu wecken, dass Teile der Kirche dem Nationalsozialismus zunächst relativ wohlwollend gegenüberstanden oder ihn zumindest für das kleinere Übel hielten -- was Adolph allerdings auf S. 48 unverhohlen zugibt: "Im Jahre 1933 hegte der eine oder andere Bischof die Hoffnung, die Kirche könne innerhalb des Machtbereiches Hitlers frei ihre Mission erfüllen." Dass Adolph insgesamt weit weniger beflissen ist, der Kirche für ihr Agieren unter der Nazi-Diktatur partout ein untadeliges Zeugnis auszustellen, als es beispielsweise bei Altmeyer der Fall war, zeigt sich schon früh an dem (auch heute hochaktuellen) Satz: "Der Autoritätsglaube, den jeder Christ besitzen muß, verlangt nicht, jedes Wort und jede Tat eines Bischofs vor Kritik zu schützen" (S. 14).

Jedenfalls sind das "Freidenker"- und das "Liberalen"-Kapitel, inabhängig von der Frage nach einer eventuellen apologetischen Intention, inhaltlich sehr aufschlussreich. Dabei verhält der Autor sich seinen weltanschaulichen Gegnern gegenüber bemerkenswert fair: In einer Fußnote auf S. 18 wird der Leser darüber informiert, dass extreme Kirchengegner Max Sievers, Vorsitzender des "Deutschen Freidenkerverbandes", "wegen Widerstandes gegen das NS-Regime zum Tode verurteilt und hingerichtet" wurde -- und ausgerechnet einen katholischen Geistlichen, "Dr. Max Josef Metzger, der ebenfalls zum Tode verurteilt war und hingerichtet wurde", als Zellengenossen bekam. "Metzger erwähnt in seinen Briefen die vorbildliche Haltung von Max Sievers."

Mit Blick auf den Liberalismus rekapituliert Adolph auf S. 20f. den "Kulturkampf" der 1870er-Jahre, fügt aber auch hinzu, der "deutsche Liberalismus" habe "bis zur gegenwärtigen Stunde" - das Buch ist von 1965 - "seine antikatholische Haltung praktiziert", und verweist beispielhaft auf "die Begleitumstände beim Abschluß des Niedersachsen-Konkordats" (S. 21).

Gleich darauf widmet Adolph sich der "Bedrohung von rechts". Was der Autor so alles an Belegen für die - aus machttaktischen Gründen zeitweilig verschleierte - betont antichristliche und insbesondere antikatholische Ausrichtung der NS-Ideologie zusammenträgt, ist recht eindrucksvoll; dass Hitler sich im Gespräch mit Hermann Rauschning zu der Absicht bekannte, "mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Wurzeln und Fasern das Christentum in Deutschland auszurotten" (S. 35), sagt in dieser Hinsicht ja eigentlich schon alles. Auf S. 43f. zitiert Adolph einen am 18.11.1937 in der SS-Zeitung "Das Schwarze Korps" erschienenen Beitrag, den er als eine "kurze Zusammenfassung der antikatholischen Ideologie" der Nazis charakterisiert; bemerkenswert daran ist vor allem, wie bekannt einem da vieles vorkommt, angefangen von der Kernthese, die katholische Kirche ziele darauf ab, "durch [...] geistige Versklavung und religiös-sittliche Hörigkeit" "die Menschen [zu] knechten", und ihre ganze Theologie - ihr Gottesbild, ihre Erlösungslehre, ihr Sakramenten- und Amtsverständnis, ihre Lehren über Himmel, Hölle und Fegefeuer - sei auf dieses Ziel hin konstruiert. Manch einer, der dieselben Thesen heute vertritt, würde sich wohl sehr wundern, wenn man ihm sagte, dass er damit Nazi-Propaganda nachplappert. Das gilt auch für die von Adolph auf S. 44 angeführten Beispiele für antikatholische Geschichtsfälschung:
"Was immer im Lauf der Jahrhunderte an berechtigten und unberechtigten Vorwürfen gegen Päpste und Bischöfe erhoben worden war, erhielt von neuem seinen Platz in der nationalsozialistischen Kirchengeschichtsschreibung. Dazu zählen 'Karl der Sachsenschlächter', die Inquisition, die Hexenverbrennung, der Mißbrauch des Ablasses, die Religionskriege, der Galileiprozeß usw. Diese Anklagen konnten die Nationalsozialisten aus dem Arsenal der Aufklärer und Freidenker entnehmen." 
Äußerst bemerkenswert erscheinen mir auch Adolphs Anmerkungen zu dem Phänomen, dass sich in der Anfangszeit der NS-Herrschaft viele Deutsche an der Vorstellung festhielten, ganz so schlimm werde es mit den Nazis schon nicht werden, der Straßenterror von SA und SS, die Internierung politischer Gegner in Konzentrationslager oder die politischen Morde im Zuge des "Röhm-Putsches" seien vorübergehende Exzesse und auf längere Sicht würden die Nazis durch die Regierungsverantwortung "gezähmt" werden. Im Rückblick, so Adolph, sei es leicht, derartige Annahmen als illusorisch zu erkennen, aber: 
"Wer aber von den Zeitgenossen hatte damals auch nur eine Ahnung, was totalitäre Herrschaftsform heißt. Die Frage ist auch an die Kritiker von heute mit Recht zu stellen: Wer von ihnen weiß denn umfassend, welche höllische Gefahr der moderne Totalitarismus über ein Volk bringt?" (S. 45) 
Das, würde ich sagen, ist eine brisante Bemerkung, denn sie gilt mutatis mutandis auch für die Gegenwart und für neue Formen von Totalitarismus, die nicht als solche erkannt werden, weil sie anders funktionieren als die früheren.

Linktipps: 


Was meinen Katholiken eigentlich, wenn sie erklären, ihre Kirche sei die wahre Kirche Jesu Christi? Und was unterscheidet dieses Kirchenverständnis so grundlegend von dem protestantischer Konfessionen? Ein schon etwas älterer, aber sehr kluger und lehrreicher Artikel, auf den ich unlängst im Zuge einer Twitter-Debatte aufmerksam gemacht wurde.

Der "Schismatische Weg" der Deutschen Bischofskonferenz und des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken" hat neuerdings ein Logo. Das ist eigentlich an sich schon verräterisch genug. Eben hat man uns noch weismachen wollen, bei diesem "Weg" handle es sich um ein ernstes Ringen um die Zukunft der Kirche und den Weg aus ihrer gegenwärtigen Krise; und jetzt ist es plötzlich ein vermarktbares Event. Aber die Verantwortlichen von DBK und ZdK können wohl schlichtweg nicht anders denken als in Marketing-Kategorien. Außerdem hat man für sowas ein Budget, und das muss vor Jahresende noch rausgehauen werden. -- Aber was drückt dieses Logo nun eigentlich aus? Dieser Frage ist der Illustrator und Grafikdesigner Peter Esser mittels seines fachlichen Sachverstands nachgegangen, und ich sag mal nur so viel: Das Ergebnis ist nicht ermutigend. Aber lesenswert. 


Heilige der Woche: 

Dienstag, 19. November: Hl. Elisabeth von Thüringen (1207-1231). Ungarische Prinzessin, wuchs ab ihrem 5. Lebensjahr am Hof des Landgrafen Hermann von Thüringen auf, dessen Sohn sie heiraten sollte. Nachdem Hermanns ältester und gleichnamiger Sohn jedoch schon 1216 starb, heiratete Elisabeth im Alter von 14 Jahren dessen Bruder Ludwig. Förderte die Niederlassung der Franziskaner in Eisenach und widmete sich auch persönlich intensiv der Armenpflege. Mit 20 Jahren wurde sie Witwe und führte unter dem Einfluss ihres Beichtvaters Konrad von Marburg ein Leben strenger Buße und Askese. Gründete das Franziskusspital in Marburg. Wird als Landespatronin Thüringens und Hessens sowie als Vorbild in Sachen Nächstenliebe verehrt. Gelangte posthum zu trauriger Berühmtheit durch das NGL "Wenn das Brot, das wir teilen". Nein, das spielen wir nicht bei unserer dienstäglichen Lobpreis-Andacht. 

Am Donnerstag, dem 21. November, ist der Gedenktag "Unserer Lieben Frau in Jerusalem", auch bekannt als "Mariä Tempelgang", "Mariä Opferung" oder "Darstellung Mariens im Tempel". In den Ostkirchen ein bedeutendes Fest, in der lateinischen Kirche erst seit dem 14. Jahrhundert gefeiert. Festinhalt ist die im apokryphen Jakobusevangelium geschilderte Kindheitsgeschichte der Jungfrau Maria, derzufolge diese im Alter von drei Jahren von ihren Eltern in den Tempel gebracht wurde und fortan dort aufwuchs. 

Freitag, 22. November: Hl. Cäcilia (ca. 200-230), Jungfrau und Märtyrerin. Erlitt der Überlieferung zufolge während des Pontifikats Urbans I. (222-230) das Martyrium. Gehört zu den Heiligen, die im Römischen Messkanon erwähnt werden, und gilt traditionell als Schutzpatronin der Kirchenmusik. 

Samstag, 23. November: Hl. Kolumban (ca. 542-615), Glaubensbote und Klostergründer. Irischer Mönch, zur Unterscheidung vom Hl. Columban von Iona (521/22-597) auch Columban von Luxeuil, von Bobbio oder Columban der Jüngere genannt. Ging um 591 als Missionar ins Frankenreich, gründete mehrere Klöster und verfasste eine eigene Ordensregel. -- Hl. Clemens I. (ca. 50-97 od. 101), Apostolischer Vater, Papst von ca. 88-97. Soll die Apostel Petrus und Paulus noch persönlich gekannt haben; von den ihm zugeschriebenen Schriften wird der 1. Clemensbrief, der eine wichtige Quelle für die frühe Geschichte des Papsttums darstellt, allgemein als echt anerkannt. Einer nicht unumstrittenen Überlieferung zufolge soll er auf die Krim verbannt worden sein und dort das Martyrium erlitten haben. 


Aus dem Stundenbuch: 

Beschütze alle, die Deinen Namen lieben, * damit sie Dich rühmen. (Psalm 5,12)



Keine Kommentare:

Kommentar posten