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Mittwoch, 31. Juli 2019

Büchereien pflasterten seinen Weg

Wie regelmäßige Leser meiner "Kaffee & Laudes"-Reihe wissen werden, fand am Sonntag in Herz Jesu Tegel die vierte Ausgabe des "Offenen Büchertreffs" statt -- einer Veranstaltungsreihe, die ursprünglich mit der Perspektive eingeführt worden war, das Projekt einer Leih- und Tauschbibliothek in den Räumen der Pfarrei voranzubringen. Die Gründung ist zwar noch gar nicht so lange her - die erste Veranstaltung der Reihe war im März -, aber ich hatte in letzter Zeit trotzdem ein bisschen das Gefühl, die ursprüngliche Motivation gerate in Vergessenheit. Damit meine ich: Der "Offene Büchertreff", ein Veranstaltungsformat, das "thematische" Beiträge (etwa Vorträge, Lesungen o.ä.) mit "geselligem Beisammensein", einem Brunch-Büffet und einer Kinderspielecke verbindet, ist an und für sich eine feine Sache und verdient es, weitergeführt zu werden, aber bislang ist die Ausrichtung dieser Veranstaltung so ziemlich das einzige, was die "AG Bücherparadies Herz Jesu Tegel" überhaupt tut, und dabei droht - so meine Befürchtung - aus dem Blick zu geraten, dass in dem Büchereiprojekt insgesamt ein weit größeres Potential schlummert, als diese Veranstaltungsreihe allein ausschöpfen könnte. Simpler gesagt: Auf längere Sicht wäre es unbefriedigend, wenn die Bücherei ausschließlich im Rahmen dieser Veranstaltung (und somit nur einmal im Monat) benutzbar wäre.

Aus diesem Grund habe ich im Vorfeld des jüngsten "Büchertreffs" ein kleines Thesen- und Konzeptpapier zum aktuellen Stand und zu zukünftigen Entwicklungsperspektiven des Projekts "Bücherparadies Herz Jesu Tegel" ausgearbeitet und als Diskussionsgrundlage an die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft und weitere potentiell Interessierte verschickt -- letzteres vor allem deshalb, weil es auf der Hand liegt, dass wir für eine Weiterentwicklung des Projekts weitere Mitarbeiter brauchen werden. 

Bei meinem acht Seiten langen Papier handelt es sich zugegebenermaßen eher um assoziativ-spontane als um systematische Ausführungen; mein vorrangiges Ziel dabei war es, ein Bewusstsein für das Potential zu schaffen, das in diesem Projekt schlummert und darauf wartet, entschlossen verwirklicht zu werden. Ich glaube nämlich tatsächlich, dass bislang niemand dieses Potential so deutlich sieht wie ich -- was zum Teil sicherlich daran liegt, dass ich bis zum jetzigen Zeitpunkt mehr Zeit und Mühe auf das Sichten, Sortieren und Aussortieren des Bücherbestandes verwendet habe als alle anderen Teammitglieder zusammen. Ich sage das weder als Eigenlob noch als Klage, schließlich mache ich das, weil ich Spaß daran habe. So viel Spaß, dass ich mir - wie neulich schon mal angemerkt - vorstellen könnte, noch mehrere solcher Büchereiprojekte an unterschiedlichen Orten zu realisieren.

Vielleicht muss ich aber auch nicht alles selber machen und kann stattdessen einige Leser meines Blogs dazu anregen und motivieren, an ihren jeweiligen Wohn- und Wirkungsorten ähnliche Projekte in Angriff zu nehmen. Aus dieser Erwägung heraus möchte ich Teile meines "Bücherparadies"-Konzeptpapiers in überarbeiteter Form auch hier meinen Lesern vorstellen. Fangen wir mal mit den Zielen an, die ein solches Büchereiprojekt im Rahmen einer Pfarrgemeinde verfolgt. Relativ offensichtlich sind die folgenden (wobei die Reihenfolge keine Prioritäts-Rangfolge implizieren soll): 
    a) Spendeneinnahmen generieren
    b) das gesellige Leben innerhalb der Pfarrgemeinde stärken
    c) einen („niederschwelligen“) Zugang für Personen schaffen, die (noch) nicht zur („Kern“-)Gemeinde gehören
    d) Menschen für die Mitarbeit in der Pfarrei gewinnen.
Darüber hinaus ist mir persönlich aber auf längere Sicht noch ein weiteres, zweifellos erheblich ambitionierteres Ziel wichtig, nämlich
    e) die Bücherei zu einer Ressource für katechetische Bildung und Jüngerschaftsschulung ausbauen.
An dieser Stelle gleich mal ein Exkurs, den ich in das Konzeptpapier für meine Teamkollegen nicht reingeschrieben habe. Ich war mit meiner Liebsten mal in einem im Aufbau befindlichen anarchistischen Jugendzentrum in einer besetzten ehemaligen Kirche in Hamburg zu Besuch (und habe für die Tagespost darüber berichtet). Da hatten die Besetzer auch eine Bibliothek eingerichtet, in einem Turmzimmer, aber der junge Mann, der uns herumführte, erklärte mit erkennbarem Stolz, die Bibliothek müsse demnächst in einen anderen Raum des Zentrums umziehen, da der Bücherbestand für das Turmzimmer zu groß werde. Ich habe mir die dortige Bibliothek nicht sehr genau angesehen, möchte aber mal behaupten, dass die da keine Romane von Rosamunde Pilcher, Minette Walters oder Judith Merkle Riley in den Regalen hatten, sondern dass es sich - zumindest schwerpunktmäßig - um eine anarchistische Fach- und Schulungsbibliothek handelte. Und so etwas will ich auch: eine benOppige Fach- und Schulungsbibliothek. Zumindest schwerpunktmäßig, wie gesagt.

-- Aber ist das eine realistische Zielvorstellung, wenn man den Buchbestand im Wesentlichen aus privaten Spenden bezieht und im Idealfall durch gezieltes Tauschen mit anderen gemeinnützigen Büchereiprojekten optimiert? Die Antwort lautet: ja, allerdings. Ein Großteil meiner Motivation rührt exakt daher, dass wir schon jetzt einige echt gute Sachen im Bestand haben, die uns im Laufe der vergangenen Monate buchstäblich in den Schoß gefallen sind. So habe ich beispielsweise feststellen können, dass unser Bücherbestand - auch wenn in unseren Regalen vorerst noch großes Chaos herrscht - im Sinne des mir vorschwebenden Konzepts schon jetzt "besser" ist als derjenige der Pfarrbücherei in Heiligensee. Was vermutlich daran liegt, dass die ein anderes Konzept haben oder (nicht unwahrscheinlich) gar keins.

Das hauptsächliche Problem, das wir im Moment haben - abgesehen davon, dass das Büchereiteam Verstärkung gebrauchen könnte - ist Platz. Die zur Verfügung stehenden Bücherregale sind schon jetzt praktisch überfüllt, aber es kommen weiterhin ständig neue Bücherspenden 'rein. Eine Erweiterung durch Anschaffung weiterer Regale wäre theoretisch denkbar, aber es ist absehbar, dass sich dies zumindest unter dem jetzigen Pfarrer nicht wird durchsetzen lassen. Bis auf Weiteres werden wir uns also darauf einstellen müssen, dass das "Bücherparadies" Platz für maximal ca. 600-800 Bände (je nach Format) hat. Da braucht es transparente Kriterien dafür, was man behalten will und was nicht. Diesem Aspekt habe ich den bei Weitem größten Teil meines Konzeptpapiers gewidmet, denn hier muss man sorgsam abwägen und gewissermaßen einen Kompromiss zwischen der oben unter e) skizzierten strategischen Ausrichtung und den anderen genannten Zielen finden; zumindest vorläufig ist es schlicht nicht praktikabel, die Bücherauswahl komplett dem Konzept einer "benOppigen Fach- und Schulungsbibliothek" zu unterwerfen. Praktisch heißt das, man will einerseits eine große thematische Bandbreite abdecken, andererseits aber nichts im Bestand haben, was dem strategischen Ziel direkt zuwiderläuft; und gleichzeitig sollen Bücher, die im Sinne der angestrebten konzeptionellen Ausrichtung eher uninteressant sind, dem "guten Stoff" nicht zu viel Platz wegnehmen.

Hier zum Beispiel hätten wir etwas "guten Stoff". 
Hier auch. 
Ein Grundgedanke, der meine Ausführungen zur inhaltlichen Schwerpunktsetzung implizit sehr stark prägt, den ich aber explizit vielleicht noch stärker hätte herausstellen können, ist: Eine Pfarrbücherei kann ihre Existenzberechtigung nicht darin finden, dass sie dasselbe bietet wie jede andere Bücherei, sondern vielmehr in dem, wodurch sich ihr Sortiment von anderen unterscheidet. Das heißt, wenn ich eine bestimmte Sorte von Büchern nicht im Bestand haben will, meine ich damit nicht zwingend, dass es diese Bücher besser überhaupt nicht geben bzw. dass kein guter Katholik, oder überhaupt kein anständiger Mensch, sie lesen sollte. In einigen Fällen meine ich das allerdings schon so, Zwinkersmiley.

Der Löwenanteil der eingehenden Bücherspenden besteht aus zeitgenössischer Trivialliteratur; viele der Bücher sehen so aus, als wären sie nur einmal gelesen worden, und wahrscheinlich wird diese Art von Literatur zu genau diesem Zweck produziert: Läse der Kunde ein Buch mehrmals, könnte man ihm weniger oft ein neues verkaufen. Ehrlich gesagt würde ich den Anteil solcher Bücher am Bestand der Bücherei am liebsten auf Null reduzieren, bin mir aber bewusst, dass sich dies wahrscheinlich nicht durchsetzen lassen wird -- erstens weil man schließlich auch Leute "mitnehmen" muss, die mit dem Büchereiprojekt keine so hehren Ziele verfolgen wie ich, und zweitens, weil damit zu rechnen ist, dass zukünftige Bücherspenden für ständigen Nachschub in dieser Kategorie sorgen werden. Man wird also schon genug damit zu tun haben, die Bücher schneller loszuwerden, als sie "nachwachsen". Ja, moderne Trivialliteratur ist eine Hydra. Wesentlich toleranter bin ich ja gegenüber älterer (sagen wir: mindestens rd. 100 Jahre alter) Unterhaltungsliteratur. Einmal, weil das seit meinem Studium ein spezielles Steckenpferd von mir ist, dann auch, weil solche Bücher mindestens aus rezeptionsästhetischer Perspektive einen gewissen zeithistorischen Wert haben; und nicht zuletzt sind ältere Werke der Unterhaltungsliteratur - im Gegensatz zur "hohen" Literatur - häufig nicht (mehr) in öffentlichen Bibliotheken zu finden, weil sie nicht als literarisch wertvoll angesehen werden und durch neuere Werke verdrängt werden. Daher finden sich in diesem Bereich zuweilen interessante Raritäten, die man tendenziell eher behalten sollte (außer sie sind ideologisch allzu fragwürdig).

Da wir gerade von "hoher Literatur" sprechen: Einen gewissen Bestand an Literatur-"Klassikern" im Angebot zu haben, gibt einer Bücherei ein seriöses bildungsbürgerliches Aussehen und kann daher gerade in der Gründungsphase des Projekts durchaus positive Effekte haben. Andererseits findet man diese Werke mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in praktisch jeder öffentlichen Bibliothek, es gibt also keinen überzeugenden Grund, warum Leute solche Bücher ausgerechnet "bei uns" suchen sollten. Empfehlung daher: Schöne u./o. seltene Ausgaben, insbesondere mehrbändige, tendenziell behalten, den übrigen Bestand nach und nach ausdünnen.

Überhaupt würde ich den Gesamtbereich "Fiktionale Literatur/Belletristik" nach Möglichkeit auf maximal die Hälfte der verfügbaren Regalfläche beschränken, auf längere Sicht idealerweise sogar auf nur ein Drittel -- da solche Literatur für die angestrebte strategische Ausrichtung des Projekts relativ uninteressant ist. Mit Ausnahmen, versteht sich. Eine Abteilung, die es definitiv zu pflegen und auszubauen gilt, wäre - natürlich - die der christlichen Literatur. Wir haben im Bestand bereits einige schöne Werke von Autoren wie Georges Bernanos, François Mauriac, Ruth Schaumann oder Franz Werfel; aus der Richtung hätte ich gern noch mehr, beispielsweise auch von Reinhold Schneider und Gertrud von Le Fort, aber auch Chesterton und C.S. Lewis; Tolkien würde ich quasi ehrenhalber mit zur christlichen Literatur rechnen. Auch ein gewisses Repertoire an geistlichen Schauspielen - von Calderón, Claudel, Max Mell... fände ich sinnvoll und wünschenswert.

Sodann natürlich: Kinderbücher. Für die Pfarrgemeinde ist es auf mittlere und längere Sicht überlebensnotwendig, gezielt Familien mit Kindern anzusprechen, folglich liegt es nahe, dass Familien mit Kindern auch für das Büchereiprojekt eine wichtige Zielgruppe sein sollten. Aus diesem Grund gibt es beim "Offenen Büchertreff" eine Kinderspielecke, und es ist auch zu bedenken, dass der monatliche "Krabbelbrunch" im selben Raum stattfindet und somit eine weitere Gelegenheit darstellt, bei der der Bücherbestand öffentlich zugänglich ist. All dies spricht dafür, eine gut sortierte und nicht zu kleine Kinderbuchabteilung aufzubauen und zu pflegen. Ein Schwerpunkt sollte dabei auf guten christlichen Kinderbüchern liegen, also etwa kindgerechte Bearbeitungen biblischer Erzählungen oder Heiligenviten, aber auch das ziemlich aus der Mode gekommene Genre der "katechetischen Beispielgeschichten". Das klingt vielleicht etwas sauertöpfisch und oll, aber tatsächlich gibt's da wirklich schöne Sachen; einige ziemlich gute Beispiele hierhür haben wir bereits im Bestand. -- Bei nichtchristlichen Kinderbüchern könnte es sich als notwendig erweisen, ein Auge darauf zu haben, ob darin problematische Botschaften vermittelt werden. Unabhängig vom Inhalt würde ich auch Bücher mit Charakteren aus Filmen und Fernsehserien oder mit anderen als Markenzeichen lizenzierten Figuren (z.B. "Hello Kitty"), die darauf abzielen, die Kinder auf ein bestimmtes Konsumverhalten zu konditionieren, tendenziell eher aussortieren.

Alles in allem relevanter für die Ausrichtung des Büchereiprojekts auf Katechese und Jüngerschaftsschulung erscheint mir aber doch der Sachbuchbereich, weshalb dieser längerfristig auch am stärksten ausgebaut werden sollte. Dass für den katechetischen Anspruch des Büchereiprojekts - "Katechese", so schrieb ich in meinem Konzeptpapier, lasse sich "relativ eindeutig mit 'Vermittlung von Glaubenswissen' übersetzen" - theologische Literatur (im weitesten Sinne)  eine entscheidender Rolle zu spielen hat, dürfte selbsterklärend sein; gleichzeitig betonte ich gegenüber meinen Büchetei-Teamkollegen (und denen, die es möglicherweise werden wollen) aber auch,
"dass gesteigerte Aufmerksamkeit darauf zu richten ist, dass die Bücher, die wir in dieser Abteilung sammeln, im Einklang mit der kirchlichen Lehre (und, bei neueren Titeln, insbesondere mit dem nachkonziliaren Lehramt Johannes Pauls II. und Benedikts XVI.) oder zumindest nicht in offenbarem Widerspruch zu diesem stehen. Jedes in Frage kommende Buch einer Einzelfallprüfung zu unterziehen, werden wir aber bis auf Weiteres nicht leisten können; daher empfiehlt es sich, Bücher, bei denen schon der Name des Autors verschärften Häresieverdacht nahelegt (z.B. Drewermann, Küng, Hasenhüttl, Schockenhoff, Striet), pauschal auszusortieren. Umgekehrt sollten lehramtliche Texte, Werke von Heiligen und Seligen sowie Texte aus dem Umfeld Neuer Geistlicher Bewegungen, der Gebetshausbewegung (Johannes Hartl) und der YOUCAT-Reihe unbedingt behalten werden." 
Anders liegt der Fall im Bereich Philosophie; hier argumentierte ich:
"Für die intellektuelle Auseinandersetzung mit den geistigen Grundlagen der (Post-)Moderne sind gewisse philosophische Grundkenntnisse ausgesprochen wichtig. Ein gewisser Bestand an philosophischen Werken (oder auch, tendenziell vielleicht sogar besser, Überblicksdarstellungen über Philosophie) kann dem Zweck des Büchereiprojekts also durchaus dienlich sein, aber allzu umfangreich braucht diese Abteilung nicht zu sein; wer sich vertiefend mit Philosophie befassen will, findet die entsprechenden Werke ohnehin andernorts. Es ist ohnehin nicht anzunehmen, dass wir über private Bücherspenden große Mengen an philosophischer Literatur hereinbekommen. Soweit das doch der Fall ist, wird es wenig praktikabel sein, dezidiert nicht- oder sogar antichristliche Philosophen (z.B. Nietzsche!) strikt auszusortieren; der Wert der Beschäftigung mit Philosophie liegt schließlich nicht zuletzt auch darin, das Denken des Feindes zu verstehen." 
Dieses Argument für die Auseinandersetzung mit Philosophie zielt natürlich in Richtung Apologetik -- eine theologische Disziplin, die ich gewissermaßen zwischen Katechese und Jüngerschaftsschulung ansiedeln würde. Mit einer gewissen apologetischen Motivation argumentiere ich im Konzeptpapier auch bezüglich des Fachgebiets Geschichte:
"Historische Sachbücher sind für den Bereich Katechese und Jüngerschaft besonders dann interessant, wenn sie einen Bezug zur Geschichte des Christentums und der Kirche aufweisen – was etwa bei Büchern über das europäische Mittelalter praktisch immer der Fall ist, bei anderen Epochen aber ebenfalls nicht ganz selten. Besonders wertvoll wären in diesem Zusammenhang Bücher, die verbreitete historische Irrtümer bzw. Fehlurteile (Glaubten die Menschen im Mittelalter wirklich, die Erde wäre eine Scheibe?) richtigstellen; umgekehrt erscheint es ratsam, Bücher auszusortieren, die von antireligiösen bzw. antikirchlichen Vorurteilen geprägt sind bzw. diesen Nahrung geben."
Da wir uns nunmehr, wie schon angedeutet, allmählich vom Bereich Katechese zum Bereich Jüngerschaft vorarbeiten, dürfte es ratsam sein, etwas genauer auszuführen, was ich unter diesem Begriff verstehe. Bei der Katechese war das ja, wie wir gesehen haben, relativ einfach; hingegen wurde mir im Laufe der Arbeit an meinem Thesenpapier klar, dass ich mit einem Begriff von Jüngerschaft operierte, dessen Bedeutungsradius alles andere als selbsterklärend war - nicht einmal für mich selbst. Meinen Teamkollegen erklärte ich daher erst einmal, unter Jüngerschaft verstünde ich "ein Programm zur Nachfolge Christi im persönlichen Leben" - und führte weiter aus:
"Es ist kein Geheimnis, dass meine Vorstellungen davon, wie Jüngerschaft in der (post-)modernen westlichen Gesellschaft verwirklicht werden kann und sollte, sehr wesentlich vom Konzept der 'Benedikt-Option' geprägt sind, also von der Idee einer christlichen Parallelkultur als Gegenpol zu einer zunehmend nicht- oder sogar antichristlich dominierten Öffentlichkeit."
Was dieses Konzept beispielsweise für die Auswahl an Büchern aus dem Themenbereich "Politik und Gesellschaft" bedeutet, versuchte ich exemplarisch anhand zweier Bücher zu erläutern, die wir bereits im Bestand haben und die mir beim Büchersortieren ins Auge bzw. in die Hand gefallen sind: "Die Löwen kommen" von Vladimir Palko und "Gender-Gaga" von Birgit Kelle.
"Mir ist bewusst, dass manch einer diese und ähnliche Bücher in die Kategorie 'rechte Verschwörungstheorien' einordnen würde, aber ich selbst bin nicht dieser Ansicht; ich würde vielmehr sagen, es handelt sich um engagierte Warnungen vor der kulturellen Dominanz der säkularen Linken und den Gefahren des 'social engineering' – und das sind Gefahren, über die Christen sich im Klaren sein müssen. Wo genau die Grenze zu tatsächlichen 'rechten Verschwörungstheorien' verläuft, die entschieden abzulehnen sind, wird wohl am jeweiligen Einzelfall zu klären sein. Auf der anderen Seite wären aber auch Bücher über alternative Lebens- und Gesellschaftsentwürfe interessant, die man gewöhnlich eher dem 'linken' Spektrum zuordnen würde (selbstverwaltetes Wohnen, 'Recht auf Stadt' etc.).
Da weiß natürlich kein Mensch, was das sein soll. Was mich nicht davon abhielt, im oben bereits angesprochenen Abschnitt über historische Sachbücher noch eins draufzusetzen und zu erklären, ein interessantes Thema seien auch
"historische Beispiele ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher 'Sondergemeinschaften'; auch dann, wenn man mit der 'inhaltlichen' Ausrichtung solcher Gruppen wenig oder nichts gemein hat, kann man doch von ihren Organisationsformen mancherlei lernen." 
Klingt vielleicht auch ein bisschen kryptisch; konkret gesagt ist aber exakt das der Grund, dass ich den "Erinnerungen eines Nihilisten" von Wladimir Debogory-Mokriewitsch einen Büchereistempel verpasst habe und, auf die Gefahr hin, dass das missverständlich wirkt, erwäge, dasselbe sowohl mit dem "Baader-Meinhof-Komplex" als auch mit diesem Buch über Völkische Siedler zu tun.

Mein derzeitiges Lieblings-Steckenpferd beim Büchereiaufbau ist jedoch der Themenbereich "Do It Yourself" -- worunter ich Hierzu zähle ich alle Arten von Ratgeberbüchern zum Thema "Dinge selbermachen" verstehe, einschließlich Koch- und Handarbeitsbüchern. Warum interessiert mich das so? Weil gemäß meinem benOppigen Verständnis von "Jüngerschaft" auch die Vermittlung praktischer Fertigkeiten, die für den Aufbau und die Erhaltung "subkulturell"-christlicher Gemeinschaften und Netzwerke nützlich sein können, zur Jüngerschaftsschulung gehört. Das umfasst, wie ich in meinem Konzeptpapier schrieb, ein Spektrum
"vom Kochen über Gartenbau bis hin zu Möbeltischlerei und Gebäudeversorgungstechnik. Ich halte diese Forderung nicht einmal für besonders radikal. Dass und warum es in jeder Kirchengemeinde jemanden geben sollte, der in der Lage ist, eine Heizung zu reparieren, werden wir spätestens im nächsten Winter wieder am eigenen Leibe zu spüren bekommen." 
Ergänzend erwähnte ich noch, dass ich beispielsweise bei Kochbüchern
"'Lecker und gesund kochen mit überall erhältlichen billigen Zutaten' als relevanter ansehen würde als '150 fancy Fingerfood-Ideen im Stil von Fernsehserien der 70er-Jahre', wenn ich das mal so sagen darf. Analoges gilt natürlich auch für Handarbeits-, Handwerk- und Gartenbauratgeber und was es sonst noch so alles gibt. [...] Das entscheidende Auswahlkriterium für diese Abteilung sollte sein, ob man sich vorstellen kann, dass die im jeweiligen Buch vermittelten Fertigkeiten zum Nutzen der Gemeinde eingesetzt werden können."
Hier ein paar interessante Neuzugänge.
Als weitere eventuell interessante Themengebiete notierte ich:
  • Lokal- bzw. Regionalgeschichte/"Heimatkunde" (Brandenburg, Berlin, Bezirk Reinickendorf, Ortsteil Tegel)
  • Bildende Kunst, Theater, Film usw. 
  • Gesundheit, Familie, Kindererziehung (hier ist natürlich Vorsicht vor fragwürdigen ideologischen Einflüssen, Esoterik/Homöopathie etc. geboten!) 
  • Ratgeber-Literatur zu Themen wie Marketing, Fundraising, ggf. auch bestimmte juristische Fachgebiete 
Die Liste ist sicherlich noch erweiterbar.

Aber inhaltliche Schwerpunktsetzung hin oder her, vorrangig muss es erst einmal darum gehen, die praktische Benutzbarkeit der Bücherei zu verbessern. Maßnahmen dazu bilden den zweiten Schwerpunkt meines Konzeptpapiers, und ich kann erfreut zu Protokoll geben, dass die Diskussion darüber am Sonntag bereits bessere Ergebnisse erbracht hat, als ich auf kurze Sicht erwartet hätte. Wie es aussieht, können wir wahrscheinlich schon im August damit beginnen, die Bücherei regelmäßig einmal pro Woche für jeweils einige Stunden zu öffnen, außerdem soll es in Kürze einen Termin zum gemeinsamen thematischen Sortieren des Bücherbestands geben. Nun bin ich allerdings der Meinung, ehe man effizient sortieren kann, muss erst einmal gründlich Platz in den Regalen geschaffen werden, und damit beißt sich die Katze gewissermaßen in den Schwanz. Ich wäre aber wohl nicht der Tobi, wenn ich mir nicht schon Gedanken über eine Lösung gemacht hätte. --

Einen Büchertrödel zu veranstalten, bei dem Bücher, die man (sei es aus Platzgründen oder aus konzeptionellen Erwägungen) nicht im Bestand behalten möchte, gegen Spende abgegeben werden, ist ja an sich eine feine Sache, zumal es sogar Geld für das Projekt einbringt. Neulich beim Pfarrfest hat das schon mal ganz gut funktioniert, und sicherlich könnte man zukünftig etwa beim "Büchertreff" und anderen Veranstaltungen in der Pfarrei, an denen wir beteiligt sind, jeweils einen kleinen Bücher-"Grabbeltisch" anrichten. Das allein wird jedoch kaum ausreichen, um genügend Platz im Regal zu schaffen und die permanent neu eingehenden Bücherspenden zu bewältigen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, "überschüssige" Bücher auf die diversen "öffentlichen Bücherschränke", "Bücher-Telefonzellen" etc. zu verteilen, von denen es in Berlin nicht gerade wenige gibt. Das habe ich ja schon ein paarmal gemacht und werde es sicher gern noch öfter machen, zumal man da praktisch immer etwas Interessantes zum Tauschen findet. Aber das erfordert eben einen gewissen Aufwand an Zeit und Kraft. Wie wäre es hingegen,  wenn wir selbst ein offen zugängliches Büchertauschregal auf dem Kirchengrundstück einrichten und dieses auf der Website openbookcase.org registrieren? Man kann davon ausgehen, dass dies auch einen positiven Werbeeffekt für unser Büchereiprojekt hätte. Über die Aufstellung eines solchen Regals an einem nach Möglichkeit einigermaßen wettergeschützten Platz wäre mit dem Lokalausschuss oder zukünftig vielleicht mit dem Förderverein zu verhandeln, dessen Gründungsversammlung für nächste Woche geplant ist. Ich habe auch schon einen konkreten Standort im Auge. Es bleibt spannend, Leser...



Kommentare:

  1. Als (bestenfalls agnostische) Ben-Op-Leserin, die auch glaubt, dass es wichtig ist, Gegenwelten und -communities zu woke capitalism zu schaffen, möchte ich hier einhaken.
    Kinderbücher UNBEDINGT, und zwar gut ausgewählt und vorab kritisch gelesen. Als Mutter eines kleinen Mädchens laviere ich ständig zwischen älterer Kinderliteratur, die man dann ggfalls während des Lesens unformulieren oder nachbesprechen muss ("...ein Negerkind fand das Boot...") auf der einen Seite - und zeitgenössischen Kinderbüchern, die man wirklich kritisch auswählen muss. Zum Teil sind sie sprachlich so banal, zeichnerisch so klischeehaft, inhaltlich so indoktrinierend, dass ich sie meinem Kind nicht zumuten möchte. Die Kinder werden ohnehin bald genug mit dem woke capitalism und seinen Auswüchsen konfrontiert, da kann man im Vorfeld schon noch versuchen, sie etwas zu schützen.
    DIY-Bereich: der ist tatsächlich sehr wichtig, weil so eine große Nachfrage danach besteht - das ist tatsächlich eine gute Möglichkeit, am Netzwerk zu arbeiten. Ich habe vor fast 10 Jahren über ein Handarbeitsforum eine Nähgruppe gegründet, die sich heute immer noch 1x pro Monat trifft. Seit diesem Zeitpunkt hat sich das Interesse daran noch einmal deutlich erhöht. Warum nicht einen offenen Nähtreff über die Kirchengemeinde organisieren? Es muss keine versierte Gruppenleitung geben, sondern es muss lediglich der Ort zur Verfügung gestellt werden. Sinnvoll ist es, wenn eine/r schon etwas Ahnung von der Materie hat, sonst lernt man eben gemeinsam. Was für Eure Zwecke auch ganz praktisch wäre - da spricht man durchaus ein jüngeres Publikum an, sowohl Teenies als auch Mütter in Elternzeit oder mit kleineren Kindern, die etwas Zeit haben und für die Kleinen nähen möchten. Das wäre also nicht die typische überalterte Kirchgängergeneration. Ich weiß nicht, was Männer im DIY-Bereich in vergleichbarem Maß ansprechen könnte - vielleicht Bierbrauen? :-)
    Kindererziehung - auch in diesem Bereich gibt es viele offene Fragen und Austauschbedarf. Vielleicht eine Leserunde für junge Eltern, wo man - basierend auf einem Buch, das gemeinsam gelesen wird - Gesprächsrunden macht? Vielleicht als Ableger des Krabbelbrunches?

    Ich wünsche Euch jedenfalls weiterhin gutes Gelingen, Ihr habt ja mittlerweile schon einiges bewegt und bewirkt! Bleibt jedenfalls dran!

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    1. Männer im DIY-Bereich ansprechend?

      Vielleicht Reparaturselbsthilfegruppen bei Fahrrad, Auto, Haushalt ...?

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  2. Zunächst mal nur als Vorschlag (meine eigenen *behalte* ich^^; zum Spenden müßte ich sie wenndann nochmal kaufen):

    den Reinhard Raffalt, opera quasi omnia, braucht ihr unbedingt. Gerade weil er out of print ist.

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