Als ich im vergangenen Herbst, angeregt durch die Erlebnisse bei der Urlauberkirche in den Sommerferien, meinen Artikel "Glanz und Elend der Urlauberkirche – Teil 1" über die Anfänge der Urlauberpastoral in Butjadingen veröffentlichte, stellte ich am Ende des Artikels in Aussicht, "in halbwegs naher Zukunft" noch mehr zu diesem Thema zu schreiben: zunächst, unter dem Reihentitel "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase", einen Beitrag über eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des GRZ Krelingen und der Ostfriesischen Zeltmission unter dem Motto "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit", die im Sommer 1990 in meinem Heimatdorf stattfand – diese Ankündigung habe ich inzwischen eingelöst, auch wenn etwas länger gedauert hat, als ich es ursprünglich wohl beabsichtigt hatte. "Für danach" hatte ich dann die eigentliche Fortsetzung von "Glanz und Elend der Urlauberkirche", mit dem Untertitel "Summer of '92", auf dem Zettel. Die seinerzeit geäußerte Einschätzung, "der besagte Sommer dürfte wohl den Höhepunkt meiner aktiven Beteiligung am Urlauberseelsorge-Programm von Strandkorbkirche und Krelinger-Strandmission sowie [...] überhaupt einen Höhepunkt meiner 'ersten Fundi-Phase' markieren", kann ich, nachdem ich mein altes Tagebuch durchgearbeitet habe, nur unterstreichen; tatsächlich enthalten meine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Sommer 1992 sogar genug Stoff für mehrere Artikel, wobei es sich anbietet, alles, was sich nicht konkret auf die Aktivitäten von Strandkorbkirche und Strandmission in diesem Jahr bezieht, der Reihe "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" zuzuordnen – auch wenn es mehr oder weniger zwangsläufig thematische Überschneidungen zwischen dieser Reihe und "Glanz und Elend der Urlauberkirche" gibt. Das Material aus den Sommerferien 1992, das eindeutig zum Themenbereich Urlauberkirche gehört, lässt sich wiederum unschwer in zwei Hauptabschnitte untergliedern: Während der ersten drei Ferienwochen steht das erste Strandkorbkirchen-Team der Saison im Mittelpunkt des Interesses, das aus der NGL-Band Wellenbrecher aus Wallenhorst bei Osnabrück plus Familienanhang bestand; nach diesen drei Wochen traf dann ein neues Strandkorbkirchen-Team und etwa zeitgleich ein Team der Strandmission in Burhave ein. Fangen wir also mal vorne an – mit einem Artikel, der sich hauptsächlich um den Strandkorbkirchen-Einsatz der Wellenbrecher dreht! ---
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| Nein, dies war nicht das Band-Equipment der Wellenbrecher. Aber als Symbolbild passt's wohl so halbwegs. |
Mein erster Tagebucheintrag aus den Sommerferien des Jahres 1992 ist datiert auf Samstag, den 27. Juni – den dritten Ferientag. Am Abend zuvor war meine Schwester zu Besuch gekommen; wie wir uns erinnern, hatte sie zur Handlungszeit von "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit" noch "zu Hause gewohnt", inzwischen machte sie aber eine duale Ausbildung beim Land Niedersachsen, in der sich Studienabschnitte in Hildesheim und Praxissemester in Oldenburg miteinander abwechselten. In Hildesheim wohnte sie bei einem pensionierten Geistlichen (und, was ich damals allerdings nicht wusste, ehemaligen Leiter der Hildesheimer Dombibliothek), den wir daher kannten, dass er regelmäßig in Butjadingen Urlaub machte und bei diesen Gelegenheiten auch als Gastpriester eingesetzt wurde. "Nach Hause" kam meine Schwester vorerst nur übers Wochenende, denn danach sollte sie zunächst für ein paar Tage das Haus des alten Priesters hüten und wollte danach ihren Umzug nach Oldenburg in Angriff nehmen. Bei beidem wollte ich mitmachen, sodass ich also in der folgenden Woche nicht zu Hause sein würde; aber vorher wollte ich mir noch einen Eindruck vom Strandkorbkirchen-Team machen, das, wie ich notierte, "schon seit Donnerstag da" war – "aber das Programm hatte noch nicht begonnen". Ich ging also am Samstag zusammen mit meiner Schwester zum Pfarrhaus, wo wir tatsächlich den damaligen Pfarrer Kordecki (den ich in meinem Tagebuch durchgängig bei seinem Vornamen, Alfons, nenne – mir scheint, daraus spricht durchaus eine gewisse Sympathie, aber nicht unbedingt großer Respekt; nun ja, mit 16 hat man's wohl nicht so mit dem Respekt vor Autoritätsfiguren) im Gespräch mit "einige[n] der neuen Strandkorbkirchler" antrafen. (Hervorheben möchte ich an dieser Stelle übrigens die Selbstverständlichkeit, mit der meine Schwester und ich damals im Rat-Schinke-Haus ein und aus gingen; an den Namen, den das Haus seit 1988 trug, hatte ich mich hingegen offenbar noch nicht gewöhnt und nannte es weiterhin "Pfarrhaus".) Von einem der Strandkorbkirchen-Teammitglieder, "er hieß Andreas", erfuhren wir, "die Gruppe bestehe aus acht Erwachsenen und acht Kindern. Der 'Chef" sei allerdings noch nicht da" – und damit wurde es dann auch schon interessant.
"Unser Pfarrer hatte einige Vorschläge, was die Strandkorbkirchler alles machen könnten, doch es schien nicht so, als ob die Leute sehr empfänglich für Ideen wären. Der Chef, wer immer das sein sollte, habe alles schon genau durchgeplant. Wir waren etwas skeptisch, was wohl aus diesem Team werden sollte. Vielleicht wurde es sehr gut – vielleicht aber auch sehr schlecht. Andreas war jedenfalls ganz nett. Alles weitere musste man abwarten."
Aus heutiger Sicht würde ich es als recht frappierend bezeichnen, mit was für einem Selbstbewusstsein – man könnte auch Arroganz dazu sagen – die Leute in dieser Situation auftreten und nonchalant durchblicken lassen, dass sie sich vom örtlichen Pfarrer nicht in ihre Programmgestaltung 'reinreden lassen wollen; auch wenn man mit einigem Recht einwenden könnte, es wäre besser gewesen, sich über eventuell unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Programmgestaltung schon im Vorfeld zu verständigen. – Jedenfalls wirkt es durchaus stimmig, dass ich meinem Tagebucheintrag vom 27.06.92 die Überschrift "Das kann ja was werden!" gegeben habe; der Eintrag vom folgenden Tag, Sonntag, dem 28.06., trägt die Überschrift "Der schöne Adalbert", und ich wünschte, ich hätte notiert oder könnte mich erinnern, wer dem "Chef" der Gruppe Wellenbrecher, Dr. Adalbert Wegmann, diesen milde spöttisch gemeinten Spitznamen verpasst hat – ob's meine Schwester war oder gar meine Mutter oder eine andere Frau aus der Gemeinde. Aber erst mal der Reihe nach:
An diesem ersten Sonntag in den Sommerferien "gingen wir nichtsahnend und sehr gespannt zur Kirche", wo das Strandkorbkirchenteam seinen ersten Auftritt haben sollte; dass die Strandkorbkirche die Sonntagsmesse mitgestaltete, war in dieser Phase der Urlauberkirchen-Historie in Butjadingen offenbar der etablierte und erwartete Normalfall. (Aus heutiger Sicht mag es zudem hervorhebenswert sein, dass es damals in Herz Mariä Burhave überhaupt noch Messen am Sonntagmorgen gab.) Als wir ankamen, waren die fünf Musiker der Gruppe Wellenbrecher "gerade dabei, mit den schon anwesenden Besuchern einige Lieder zu üben", und ich staunte erst einmal das technische Equipment an, das die Band in der kleinen Kirche aufgefahren hatte: "ein Mischpult und riesige Lautsprecherboxen, das Instrumentenarsenal umfasste unter anderem einen E-Bass und ein sehr großes Keyboard". "Das sah alles sehr professionell aus" – und "hörte sich auch so an". Zum Repertoire der Gruppe merkte ich an:
"Die Lieder stammten alle aus einer von den 'Wellenbrechern" eigens angefertigten und mitgebrachten Liederzeitung, die meisten waren unbekannt, weshalb sie auch mit der Gemeinde geübt werden mussten."
Hier deutet sich bereits der weiter unten im Tagebucheintrag explizit festgehaltene Eindruck an, "dass die Musiziererei der 'Wellenbrecher' reine Selbstdarstellung war" – ein Eindruck, zudem es auch beitrug, dass der am Vortag nur erwähnte "Chef", der "jetzt übrigens auch da" war, "[z]u Beginn der Messe [...] eine Begrüßungsrede" hielt. Ich beschrieb ihn als einen "etwas eitel wirkende[n] Lockenkopf"; in meiner Erinnerung hat er über die Jahre, was Frisur und Ausstrahlung betrifft, mehr und mehr Ähnlichkeit mit Schlagerbarde Tony Marshall oder gar mit dem Schlagerkomponisten aus dem (allerdings erst 2004 entstandenen) Katz & Goldt-Cartoon "Gemauschel, wohin man sieht" angenommen, allerdings haben mich Fotos von ihm, die ich unlängst mit Hilfe von Google gefunden habe, davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit doch etwas anders aussah. Den zu diesen Fotos gehörenden Presseartikeln konnte ich zudem entnehmen, dass "der schöne Adalbert" im Hauptberuf Lehrer war und seit 2018 im Ruhestand ist, und ebenso, dass die Gruppe Wellenbrecher im Jahr 2018 ihr 30-jähriges Bestehen feierte – woraus folgt, dass sie im Sommer 1992 noch relativ am Anfang ihrer Bandgeschichte stand; im Jubiläumsjahr war, wie die Neue Osnabrücker Zeitung zu berichten wusste, Adalbert Wegmann als "das einzige noch aktive Gründungsmitglied" übrig geblieben. So ähnlich wie bei Mungo Jerry oder Iron Butterfly, könnte man sagen.
Aber mal zurück zum ersten Auftritt der Wellenbrecher in einer Sonntagsmesse in Herz Mariä Burhave: "Das Niveau der Wellenbrecher-Songs" beurteilte ich als "teilweise etwas flach", dennoch fiel mein erster Eindruck von der Gruppe nicht eindeutig negativ aus, denn "auf jeden Fall war die Darbietung hochprofessionell". Je mehr ich allerdings über diesen Auftritt reflektierte, desto mehr ärgerte ich mich. Worüber? Dass ich es erwähnenswert und kritikwürdig fand, dass die Wellenbrecher "sich in der Gottesdienstgestaltung auf die Musik" beschränkten – "alles andere lief ab wie immer, was nicht so ganz zusammenpasste" –, wirft einerseits ein Licht auf die Erwartungen, die seinerzeit an die Strandkorbkirche gestellt wurden, und kann andererseits mit Blick auf die folgenden Sonntage, wie wir noch sehen werden, als ein klassischer Fall von "be careful what you wish for" betrachtet werden; durchaus valide erscheint mir hingegen auch heute noch meine damalige Kritik daran, dass "[i]m Vergleich zu der Musik, die ja eigentlich zum Lob Gottes [!] und außerdem nicht die Hauptsache sein sollte", "alles andere" – worunter man wohl Liturgie, Wortverkündigung und Eucharistie summieren darf – in den Hintergrund gedrängt werde: "Die Leute machten aus dem Gottesdienst ein Konzert!" Zu diesem Eindruck trug es auch bei, dass "der schöne Adalbert [...] immer seine Einsätze so [gab], dass zumindest eine Strophe von seinen Leuten alleine gesungen wurde".
Nach dem Messbesuch fuhr ich mit meiner Schwester "ziemlich bald in Richtung Hildesheim los"; mein dortiger Aufenthalt ist eher für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" relevant, aber ein paar Dinge muss ich zum besseren Verständnis doch schon hier und jetzt erwähnen. Das betrifft zunächst den Umstand, dass meine Schwester während ihres Studiums in Hildesheim ihren späteren Mann kennengelernt hatte, der der dortigen Freien evangelischen Gemeinde angehörte und der im weiteren Verlauf dieses Sommers noch eine Rolle spielen sollte. – Am Donnerstag, dem 2. Juli, wollte der Zukünftige meiner Schwester eigentlich nachmittags mit ihr und mir ins Kino gehen, aber sein Auto "streikte längere Zeit", und als es endlich ansprang, entschieden wir uns, lieber Minigolf spielen zu gehen. :Als es dann etwas später zu werden wagte" – eine hübsche Formulierung, gefolgt von der Präzisierung "es ging auf 19 Uhr zu" –, "gesellte sich der Junior des Besitzers zu uns. Er beschleunigte das Spiel etwas, indem er die Bälle zurückbrachte und ähnliches, also jegliche Verzögerung unterband – offenbar in der Absicht, uns zu vermitteln, wir sollten uns beeilen. Darauf angesprochen, sagte er, sie wollten Feierabend machen." Mein angehender Schwager wies den Knaben darauf hin, das es sehr unhöflich sei, die Gäste zu drängen, möglichst schnell fertig zu werden; dieser reagierte eher verstockt, sber was sollte er auch groß dazu sagen, er tat ja nur das, was sein Vater wollte. Als wir schließlich gingen, wünschte der Freund meiner Schwester dem Inhaber der Minigolfbahn ostentativ einen "schönen Feierabend", aber der verstand offenbar den Sarkasmus nicht und bedankte sich.
Dass ich diese Anekdote für würdig erachtet habe, in diesem Artikel geschildert zu werden, rührt daher, dass sie mich damals offenbar dazu inspiriert hat, dem nächsten auf die Strandkorbkirche bezogenen Tagebucheintrag – vom übernächsten Tag, Samstag, dem 4. Juli – die Überschrift "Das Feierabend-Prinzip" zu geben. Meine Schwester und ich waren zurück in Burhave und nach wie vor neugierig, was die Strandkorbkirche so auf die Beine stellen würde, "[a]uch wenn es 'nur' die Gruppe 'Wellenbrecher' unter Leitung des Dr. (oder gar Prof.?) Adalbert Wegmann war." – "Viel hatten die Wellenbrecher nicht auf dem Programm", notierte ich; "aber sonnabends abends um 20 Uhr war immerhin ein 'offenes Singen' angesetzt." Da gingen meine Schwester und ich hin – und stellten fest: "Wir waren die einzigen Gäste." – Was im Tagebuch nicht ausdrücklich vermerkt ist, woran ich mich aber noch sehr klar erinnere, ist, dass dieses "Offene Singen" im Garten des Rat-Schinke-Hauses stattfand, und nicht etwa am Strand. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das wirft die Frage auf, ob man damals anders als heute mit einer Zielgruppe rechnete, die den Weg vom Campingplatz oder ihrer Ferienwohnung zur Kirche nicht scheute, oder ob dieses spezielle Angebot sich eher an Gemeindemitglieder als an Urlauber richtete. Tatsächlich erreichte das Angebot aber offensichtlich weder die einen noch die anderen, und der weitere Verlauf des Abends legt den Verdacht nahe, dass man sich um solche Fragen von vornherein keine großen Gedanken gemacht hatte: Das Abendprogramm fand im Garten des Rat-Schinke-Hauses statt, weil das Team nun mal dort wohnte und nach Programmschluss keinen langen Weg bis in die Heia haben wollte.
Zunächst wäre jedenfalls festzuhalten, dass die Schilderung des "Offenen Singens" – auch wenn sie ansonsten nicht besonders detailliert und/oder ausführlich geraten ist – bezeichnende Rückschlüsse auf das Repertoire der Wellenbrecher außerhalb des NGL-Genres zulässt, oder auch auf den Inhalt der damals nicht-nur-aber-auch im kirchlichen Bereich gebräuchlichen Lagerfeuer-Songbücher. "Als wir kamen, intonierten Adalbert und Co. gerade Bob Dylans 'Blowin' in the Wind'", na klar, das passt ins Bild; im weiteren Verlauf wurden "sogar [!] 'Lean on me' und 'Streets of London'" gesungen, "letzteres allerdings als deutsche Übersetzung". Auffällig ist auch, dass ich die gesanglichen Fähigkeiten des Band-"Chefs" als "nicht gerade toll" bewertete: "Es hatte wohl seinen Grund, dass der schöne Adalbert selbst im Gottesdienst nicht mitsang." – Ein gewichtigerer Kritikpunkt an dieser Abendveranstaltung lautete jedoch: "Außer Singen lief so gut wie nichts. Null Gespräch, null Kekse, null Sonstiges." Meine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung lautete, dass es insgesamt eine fragwürdige Entscheidung gewesen war, eine Band als Strandkorbkirchen-Team anzuheuern – da sich zeigte, dass die Wellenbrecher an den unterschiedlichen Aspekten dessen, was die Tätigkeit der Strandkorbkirche normalerweise umfasste, überhaupt kein Interesse hatten: "Was sie wollten, war Musik machen. Und mehr nicht. Alles andere war reine Eigenwerbung." Diese Fokussierung aufs Musikmachen wirkte sich, wie ich am nächsten Tag notierte, auch auf einen schon "traditionelle[n]" Bestandteil des Strandkorbkirchen-Programms aus, nämlich eine Abendveranstaltung für Kinder unter dem Titel "Sandmännchen". Dieses wurde "zwar auch von den Wellenbrechern brav durchgeführt, jeden Tag außer Dienstag, immer abends"; allerdings wurde dabei "nur gesungen" und es "dauerte gewöhnlich nicht länger als eine knappe Viertelstunde". Mein Fazit: "Wellenbrecher als Strandkorbkirche, das passte einfach nicht."
Um aber nochmals auf das "Offene Singen" am 4. Juli zurückzukommen, das ich zusammen mit meiner Schwester besuchte, ist noch festzuhalten, dass mich mehr als alles andere der Umstand verärgerte, dass wir "um 21.30 Uhr quasi rausgeschmissen" wurden. "Singen war vorbei, und 'schönen Abend noch'." Aus heutiger Sicht erscheint es mir nicht unbedingt als selbsterklärend, dass ich dieses Verhalten des Strandkorbkirchen-Teams als "schlechte[n] Witz" empfand; wenn ich aber zu Protokoll gab, dass ich einen solchen Quasi-Rausschmiss "in der immerhin mindestens fünf Jahre dauernden Geschichte der Strandkorbkirche" noch nie zuvor erlebt hatte, wirft das zweifellos ein interessantes Licht darauf, was seinerzeit von Strandkorbkirchen-Teams erwartet wurde und auch erwartet werden durfte – nämlich, dass sie nicht einfach nur ihr Programm 'runterreißen und dann Feierabend machen, sondern dass sie ein genuines Interesse an den Menschen zeigen, mit denen sie im Zuge ihres Einsatzes in Kontakt kommen, seien es Urlauber oder Gemeindemitglieder – und darum gerne noch den Abend zusammen mit diesen verbringen, nachdem das Programm für den Tag beendet ist. Dass heutzutage wohl kaum noch jemand auf die Idee käme, derartige Ansprüche an ein Urlauberseelsorge-Team zu stellen, mag man als kennzeichnend dafür ansehen, wie stark die Wertschätzung für zweckfreie Geselligkeit in unserer Kultur in den letzten Jahrzehnten den Bach runter gegangen ist. – Jenen Abend im Juli 1992 kommentierte ich jedenfalls abschließend wie folgt:
"Alles in allem bestätigten die Wellenbrecher meine schlimmsten Vorurteile über diverse Strandkorbkirchler: Die Leute kommen hierher, um billig Urlaub zu machen, kümmern sich'n Dreck um die Jemeende" –
– das sollte wohl Schlesisch sein und stellt somit einen subtilen Hinweis darauf her, in welchem Ausmaß die örtliche katholische Gemeinde auch in den 90ern noch von den schlesischen Heimatvertriebenen geprägt war, die sie rund viereinhalb Jahrzehnte zuvor gegründet hatten –
"und vor allem: Sie missverstehen total den Umstand, dass sie hier die Gäste sind."
All dieser Ärger hielt mich gleichwohl nicht davon ab, am Samstag der folgenden Woche erneut zum "Offenen Singen" gehen zu wollen – diesmal allein, da meine Schwester "übers Wochenende nach Hildesheim gefahren" war. Da ich allerdings erst noch eine Fersehsendung zu Ende sehen wollte, kam ich erst eine Viertelstunde nach der angekündigten Anfangszeit der Veranstaltung beim Pfarrhaus an, "und siehe da: Im Garten, wo das Singen eigentlich sein sollte, war niemand. Die Haustür war zu. Ich trottete wieder ab. Idioten!"
Damit habe ich der chronologischen Erzählreihenfolge ein Stück vorgegriffen, also kehren wir mal zurück zum ersten Juliwochenende: Dass ich meinen Bericht über den Samstagabend mit dem Satz "Nun ja, es sollte noch schlimmer kommen" beendete, dokumentiert, dass ich meine Tagebucheinträge nicht unbedingt immer am selben Tag fertigstellte, denn diese Vorausdeutung bezog sich offenkundig auf die Sonntagsmesse am folgenden Tag, die "natürlich wieder von den Wellenbrechern gestaltet" wurde. "Adalbert spulte zur Begrüßung wieder den gleichen Eigenwerbungs-Text herunter wie letzte Woche"; was mich indes besonders verärgerte, war, dass zum Einzug "Heut ist ein Tag, an dem ich singen kann" von Detlev Jöcker gesungen wurde – ein Lied, das ich als "vom Niveau her megaflach" beurteilte und an dem ich insbesondere das Fehlen "jeglichen christlichen oder überhaupt religiösen Inhalts" bemängelte. "Der Pfarrer musste in seinem Begrüßungswort mühsam einen Bezug zum Anfangslied schustern." Dass, wie ich fand, "die christliche Botschaft und Motivation bei Adalberts Crew arg kurz" kam, zeigte sich auch und erst recht in dem, "[w]as die Wellenbrecher" – außer Musik – "sonst noch so auf der Pfanne hatten": "Ganz schlimm wurde es [...], als sie die Predigt durch ein Anspiel zu ersetzen versuchten." Über den Inhalt dieses Anspiels habe ich leider nichts notiert, als Urteil aber festgehalten: "Zwar war es eine gerade für die Kinder nachvollziehbare Situation, die da gespielt wurde, aber die Aussagekraft fehlte mal wieder total. Deshalb schoss Alfons auch noch eine Kurzpredigt hinterher."
Als Fazit aus dieser zweiten von den Wellenbrechern mitgestalteten Sonntagsmesse hielt ich fest, das nächste Strandkorbkirchen-Team, das in der übernächsten Woche erwartet wurde, könne im direkten Vergleich "eigentlich nur besser werden"; aber zuvor war ja noch ein dritter Sonntag mit den Wellenbrechern zu durchleiden – und dieser war ganz und gar nicht dazu angetan, die Einschätzung der Wellenbrecher als "das miserabelste Team, das die Strandkorbkirche je gehabt hatte" zu revidieren:
"Diesmal hatte Adalbert eine andere Begrüßungsrede auf der Pfanne. Die Wellenbrechermusik war aber genauso wie immer. Genauso flach wie immer. Teilweise tat es schon weh. Einen Beitrag zur Predigt muteten uns die Wellenbrecher auch noch zu" – wiederum in Form einer Art Anspiel, und zwar zum Begriff "Selbstlosigkeit". Dazu notierte ich zunächst einmal, dass diese Vokabel "mir persönlich überhaupt nicht gefiel, wenn man sich mal die eigentliche Bedeutung des Wortes vor Augen führte" – wobei ich mit eigentlicher Bedeutung ein strikt wörtliches Verständnis meinte: Selbstlos ist jemand, der kein Selbst hat. Darüber könnte man jetzt lang und breit philosophieren, aber dazu lud das Wellenbrecher-Anspiel nun nicht gerade ein:
"Die Wellenbrecher drückten einigen Kindern Schilder in die Hand, auf denen der Begriff "Selbstlosigkeit" (oder das, was man im positiven Sinne darunter verstand) konkretisiert wurde (auf andere eingehen usw.). Dazu sollte sich die Gemeinde Gedanken machen und die auch äußern. Ziemlich uneffektiv, die Aktion. Danach folgte noch eine 'richtige' Predigt."
Zu erwähnen wäre auch noch, dass diese Messe von einem polnischen Gastpriester zelebriert wurde, "er hieß Woyzeck oder so ähnlich" – ich vermute, die korrekte Schreibweise wäre Wojciech gewesen, aber auch in den Tagebucheinträgen der darauffolgenden Wochen taucht er beharrlich als Woyzeck auf. Interessant ist, dass dieser Priester in meinen Tagebuchaufzeichnungen aus diesem Sommer zweimal eine bemerkenswerte Rolle spielt, und beide Male hat diese Rolle mit der Gestaltung des Vaterunser in der Sonntagsmesse zu tun. Die Wellenbrecher hatten in der dritten und letzten Messe, an der sie beteiligt waren, "eigentlich einen Vaterunser-Song eingeplant", aber der Zelebrant wusste das nicht oder dachte im entscheidenden Moment nicht daran und betete das Vaterunser "ganz selbstverständlich 'in prosa' vor, und alle beteten mit" – wodurch der an dieser Stelle vorgesehene Song wegfiel, "und der schöne Adalbert grämte sich darüber offenbar so sehr, dass er das Vaterunser nicht mitsprach."
Die letztere Beobachtung unterstreicht natürlich meinen Eindruck, dass die Mitwirkung der Wellenbrecher an der "Gottesdienstgestaltung" weniger darauf ausgerichtet war, "zum Lob Gottes" zu dienen, als vielmehr auf "reine Selbstdarstellung"; ehe ich aber darauf komme, "[w]as mich an den Wellenbrechern besonders störte, außer [!] der Überheblichkeit, der mangelnden Kooperation mit der Gemeinde und der Beschränkung der Aktivität auf die Gottesdienstgestaltung", sei noch auf ein Detail meiner Aufzeichnungen hingewiesen: Am 9. Juli fand im Rat-Schinke-Haus ein Glaubensgespräch statt, auf dessen Inhalt ich wohl eher unter dem Reihentitel "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" näher eingehen werde, zu dem ich jedoch notierte, dass "zwei [Frauen] von der Strandkorbkirche" daran teilnahmen – vermutlich Familienangehörige der Wellenbrecher, denn wenn sie selbst in der Band gespielt hätten, hätte ich das wohl erwähnt. Der Gesprächsabend hatte "kein angekündigtes Thema", drehte sich aber schwerpunktmäßig um die Begriffe Umkehr und Nachfolge; im Zuge der Schilderung des Diskussionsverlaufs gab ich zu Protokoll: "Die Strandkorbkirchen-Frauen saßen nur dabei und hörten mehr oder weniger aufmerksam zu. Es war wohl nicht ganz ihr Thema."
Noch heute ausgesprochen bemerkenswert finde ich es, in welchem Maße meine Generalkritik an drei Wochen "Wellenbrecher als Strandkorbkirche" sich auf die "Botschaft" konzentrierte, "die die Wellenbrecher verbreiteten, in ihren Liedern und ihren misslungenen 'Anspielen'": Ich bewertete sie als "eine 'Friede, Freude, Eierkuchen'-Botschaft", durch die der christliche Glaube "auf die Botschaft der Nächstenliebe reduziert" werde – und dies münde geradewegs in "die Theorie der Selbsterlösung": "Wenn alle Leute Nächstenliebe verwirklichten, gäbe es den Himmel auf Erden. Gott kam in dieser Botschaft so gut wie überhaupt nicht vor". Völlig abwesend sei in dieser Verkündigung "die Erkenntnis, dass man nicht von sich selbst Heil und Erlösung bekommen [kann], sondern nur von Jesus Christus". Das formulierte ich wohlgemerkt im zarten Alter von sechzehn Jahren; auffällig ist an dieser Passage aber noch etwas ganz Anderes: Wenn dies mein Hauptkritikpunkt an diesem Strandkorbkirchenteam war, an dem ich ja, wie wir gesehen haben, auch in anderer Hinsicht so allerlei zu bemängeln hatte, dann spricht das dafür, dass ich, auch im Rahmen der Urlauberseelsorge, eigentlich ein anderes theologisches und katechetisches Niveau erwartete. Anders ausgedrückt: Wäre die besagte "Friede, Freude, Eierkuchen"-Botschaft das, was ich von der Strandkorbkirche insgesamt gewohnt war oder erwartete, hätte ich keinen Grund gehabt, es diesem Team besonders vorzuwerfen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass es sich eher um einen graduellen Unterschied handelte und mein Urteil über die Wellenbrecher durch die erwähnten sonstigen Ärgernisse verschärft wurde. Aus heutiger Sicht würde ich jedenfalls sagen, dass das, was ich den Wellenbrechern in der oben zitierten Generalkritik vorgeworfen habe, drei Jahrzehnte später so ziemlich den Standard in der post-kirchlichen Kinderkatechese abbildet, wenn ich etwa an Familiengottesdienste in Berlin-Tegel denke, die ich durchlitten habe. Darüber, woran es liegt, "dass Kindergottesdienste oder andere Formen kirchlicher 'Angebote' für Familien mit jungen Kindern heute nicht wesentlich anders aussehen als vor dreißig Jahren", habe ich mir auf meinem Blog schon des Öfteren Gedanken gemacht, wiederhole hier aber gern nochmal meine Kernthesen dazu: Die Leute, die heute in den Pfarrreien ehrenamtlich Familienarbeit machen, sind – ebenso wie die Eltern, die ihre Kinder zu den entsprechenden Angeboten schicken – selbst mit dieser Art kirchlicher Kinderbespaßung (Katechese kann man es ja kaum nennen) aufgewachsen und meinen daher, das müsste so sein, bzw. haben keine Vorstellung davon, dass es auch anders gehen könnte. Verschärft wird das dadurch, dass im post-volkskirchlichen Normalbetrieb eben schwerpunktmäßig die Leute "dabei bleiben", die das, was ihnen als Kindern geboten wurde, gut fanden – während die, die sich von diesen Angeboten nicht angesprochen gefühlt haben, sich unterwegs mehr oder weniger geräuschlos verflüchtigt haben. So gibt es "systemimmanent" kaum Impulse zur Veränderung, und folgerichtig wird es immer schwieriger, Leute außerhalb der eigenen Filterblase zu erreichen – sofern das überhaupt angestrebt wird.
Um an dieser Stelle mal ein Zwischenfazit meiner Tagebuchaufzeichnungen zur Urlauberkirchen-Saison des Jahres 1992 zu ziehen, würde ich mal sagen, über meine damalige Haltung gegenüber der Strandkorbkirche verraten diese Notizen im Wesentlichen dreierlei:
- Ich war grundsätzlich an allem, was die Strandkorbkirche veranstaltete, interessiert und war bemüht, möglichst immer und überall dabei zu sein. Das erklärt sich sicherlich zum Teil daraus, dass in der Urlauberkirchen-Saison "endlich mal was los war" im Dörfchen und in der Kirchengemeinde, aber darüber hinaus natürlich auch daraus, dass mein Interesse an religiösen Fragen, das mir schon in einem meiner ersten Grundschulzeugnisse attestiert worden war, zu dieser Zeit gerade einen ersten Höhepunkt erreicht hatte.
- Gleichwohl beurteilte ich die Qualität des Strandkorbkirchen-Programms, gerade unter dem Aspekt der religiösen Substanz, insgesamt kritisch.
- Den Urlauberkirchen-Einsatz der Gruppe Wellenbrecher fand ich auch im Vergleich zu anderen, früheren Strandkorbkirchen-Teams besonders schlecht, und zwar allem Anschein nach mit erheblichem Abstand.
Aus heutiger Sicht möchte ich anmerken: Zwar würde mein Urteil über die Musik der Wellenbrecher heute wohl kaum weniger negativ ausfallen – eher sogar noch negativer, weil ich, auch was den Aspekt der technischen Professionalität angeht, mehr Vergleichsmöglichkeiten habe –, aber gleichzeitig muss ich anerkennen, dass die Strandkorbkirche damals doch insgesamt erheblich mehr auf die Beine gestellt hat, als die Sommerkirche in Butjadingen es heutzutage tut. Diese Feststellung entwertet natürlich meine damalige Kritik nicht; es handelt sich eher um einen Fall von "Schlimmer geht's immer". Tendenziell positivere Impulse verspricht die Fortsetzung zu diesem Artikel, in der es um die zweite Hälfte meiner Sommerferien im Jahr 1992 geht. Diese Fortsetzung wird demnächst auf Patreon und dann hoffentlich rund eine Woche später auch hier erscheinen...

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