Vor über einem Jahr war auf meinem Blog schon einmal vom St.-Bernhard-Hospital in Brake (Unterweser) die Rede, einem Krankenhaus, das von einer gleichnamigen, 1912 errichteten katholischen Stiftung betrieben wird. Anlass für die Erwähnung dieses Krankenhauses war seinerzeit der Umstand, dass die Krankenhausplanung des Landes Niedersachsen zu diesem Zeitpunkt vorsah, das St.-Bernhard-Hospital zu modernisieren und auszubauen und im Gegenzug die Helios-Klinik im Nordenhamer Ortsteil Esenshamm zu einer "Mini-Klinik" mit nur noch 20 Betten ohne Notfallversorgung herabzustufen – was gravierende Folgen für die medizinische Versorgung in der nördlichen Wesermarsch, gerade in Butjadingen, gehabt hätte, weshalb ein befreundeter Lokalblogger mich bat, meine Reichweite zu nutzen, um auf eine Online-Petition für den Erhalt der Nordenhamer Helios-Klinik hinzuweisen. Wie die Angelegenheit sich seither weiter entwickelt hat, hatte ich nicht verfolgt; umso überraschter war ich, als ich am letzten Donnerstag am Küchentisch meiner Mutter in Nordenham die Kreiszeitung Wesermarsch las und dieser entnahm, dass jetzt das St.-Bernhard-Hospital geschlossen werden soll. Und zwar nicht aufgrund irgendwelcher gesundheitspolitischer Strukturplanungen, sondern weil das Braker Krankenhaus schlichtweg pleite ist. Nun ist es also vorrangig nicht mehr die nördliche, sondern die mittlere Wesermarsch, die ein medizinisches Versorgungsproblem hat, und natürlich schlägt der Fall hohe Wellen. Auch an Schuldzuweisungen in verschiedene Richtungen mangelt es nicht: an Kanzler Merz, die SPD, den Landrat; ein von der SPD unterstützter Bürgermeisterkandidat erregte Aufsehen, indem er den Stadtrat beschuldigte, die Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit über die Situation der Klinik belogen zu haben – das Ergebnis war, dass die SPD diesen Bürgermeisterkandidaten jetzt nicht mehr unterstützt. Angesichts des katholischen Hintergrunds der Klinik war es wohl nicht überraschend, dass hier und da auch etwas pauschale Kirchenkritik laut wurde, etwa in Form des folgenden Facebook-Kommentars:
"Ich verstehe nicht warum die katholische Kirche das Krankenhaus so im Stich lässt. Die katholische Kirche hat genug Geld. Für wen ist die Kirche eigentlich zuständig? Ich dachte immer die Kirche hilft den Armen und Kranken. Aber ich hab mich sicherlich getäuscht, die Kirche ist für die Vermehrung ihres Wohlstands zuständig".
Die diffuse Überzeugung, die Kirche habe "genug Geld", die sich hier artikuliert, verbunden mit dem tief sitzenden Vorurteil, sie sei in erster Linie an ihrer eigenen Bereicherung interessiert, ist erkennbar unbeleckt von jeglicher Sachkenntnis darüber oder auch nur Interesse daran, wie Kirchenfinanzen und/oder gar Krankenhausfinanzen organisiert sind. Auf etwas höherem sprachlichen und argumentativen Niveau wiederholt sich diese Kirchenkritik in einem als "Gastbeitrag" – was man wohl als die Luxusedition eines Leserbriefs bezeichnen darf – in der Nordwest-Zeitung veröffentlichten Kommentar mit der Überschrift "Die Kirche muss sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen", verfasst von einem aus Brake stammenden Hamburger Arzt, dessen Vater mal Chefarzt am St.-Bernhard-Hospital war. Das Krankenhaus zu schließen, weil "eine langfristige Fortführung [...] aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr möglich" sei, könne, so meint der Verfasser, "für einen privaten Krankenhauskonzern nachvollziehbar sein", wirke "jedoch befremdlich", wenn diese Argumentation "von einem katholischen Krankenhausträger vorgetragen wird":
"Die katholische Kirche ist keine gewöhnliche Unternehmensgruppe. Sie verfügt bundesweit und darüber hinaus über erhebliche Vermögenswerte, umfangreichen Grundbesitz und bedeutende finanzielle Ressourcen. Deutsche Bistümer sind wirtschaftlich eigenständig und können grundsätzlich selbst entscheiden, ob sie Einrichtungen unterstützen, die für das Gemeinwohl unverzichtbar sind."
Weiter argumentiert der Verfasser, es stelle sich "die Frage, welchen Zweck starke kirchliche Träger erfüllen, wenn nicht auch den, in außergewöhnlichen Situationen gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und zeitweise Lasten zu tragen, die sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen"; und weiter:
"Wer sich ausdrücklich auf christliche Werte, Nächstenliebe und den Dienst am Menschen beruft, muss sich daran messen lassen, wie diese Werte in schwierigen Zeiten gelebt werden. Wenn ausgerechnet ein kirchlicher Träger erklärt, ein Krankenhaus könne nur bestehen, solange es wirtschaftlich tragfähig ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, worin sich sein Handeln noch von dem eines rein profitorientierten Unternehmens unterscheidet."
Ich muss sagen, ich bin ein wenig unschlüssig, was ich von dieser Argumentation halten soll. Grundsätzlich bin ich bei Kritik daran, dass die institutionelle Kirche in vielfacher Hinsicht allzu sehr nach weltlichen Maßstäben agiere, gerne mit im Boot, andererseits frage ich mich: Würde der hier formulierte Anspruch nicht in letzter Konsequenz darauf hinauslaufen, dass die Kirche unter den Bedingungen einer Gesundheitspolitik, die die Krankenhäuser dazu zwingt, wie gewinnorientierte Unternehmen zu agieren, überhaupt keine Krankenhäuser mehr betreiben kann? Das wäre ja nun sicher auch wieder einigen nicht recht.
![]() |
| Der Hl. Bernhard von Clairvaux, Patron zahlreicher Krankenhäuser. (Bildquelle hier.) |
Übrigens gehört das St.-Bernhard-Hospital ja nicht schlichtweg "der Kirche", sondern, wie oben schon erwähnt, einer Stiftung. Welche Rolle die institutionelle Kirche bei der Verwaltung des Stiftungsvermögens spielt, und welche kirchliche Verwaltungsebene da konkret zuständig ist, ist mir nicht ganz klar, abgesehen davon, dass der jeweils amtierende Pfarrer von St. Marien Brake den Vorsitz im Stiftungsrat innehat – darauf komme ich gleich noch zurück. In einem Presseartikel der Kreiszeitung ist mir jedenfalls aufgefallen, dass der Landrat des Kreises Wesermarsch angekündigt hat, um "die medizinische Versorgung der Menschen in Brake und der gesamten Region sicherzustellen", wolle er "umgehend das Gespräch mit dem zuständigen Bischof, der Geschäftsführung des Hospitals sowie mit dem Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung" suchen. Also, auffällig daran fand ich, dass der Bischof hier an erster Stelle genannt wird. Und wer ist überhaupt der "zuständige Bischof"? Weiß der Landrat es selber? Ist es Weihbischof Theising in Vechta oder vielleicht doch der frischgebackene neue Bischof von Münster, Heiner Wilmer? Der wird sich bedanken!
In einem anderen Beitrag auf derselben Zeitungsseite erfährt man, dass das St.-Bernhard-Hospital im vorigen Jahr zwar für Ausbau und Erweiterung Fördermittel des Landes Niedersachsen in Höhe von 53 Millionen Euro bewilligt bekommen hatte, allerdings unter der Auflage, dass die Klinik aus eigenen Mitteln weitere 8 Millionen Euro beisteuerte. "Dieses Geld gibt es nicht und gab es auch nie", wird der Geschäftsführer der Klinik zitiert – und da fragt man sich dann doch: Wenn das von vornherein klar war, wieso wurden die Fördermittel dann überhaupt beantragt und bewilligt? Vielleicht verstehe ich da ja etwas falsch, aber für mein Empfinden riecht das ein bisschen nach Betrug. Vielleicht kann ja der eine oder andere Leser etwas zu einem besseren Verständnis dieser Vorgänge beitragen – ich wäre dafür jedenfalls dankbar.
Im Zusammenhang mit der oben schon angesprochenen Tatsache, dass der jeweilige Pfarrer von St. Marien Brake von Amts wegen den Vorsitz im Stiftungsrat der Klinik hat, ist übrigens daran zu erinnern, dass es um die Besetzung dieser Pfarrstelle in den letzten Jahren einige Irrungen ind Wirrungen gab: Wie seinerzeit berichtet, wurde im November 2023 der damalige Braker Pfarrer Wolfgang Schmitz wegen einer umstrittenen Erbschaft vom Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta von seiner Stelle beurlaubt, die Verhandlungen über die Bedingungen seines Amtsverzichts zogen sich aber noch bis in den Juli 2024 hin. In dieser Zeit wurde die Braker Pfarrei vom damaligen Nordenhamer Pfarrer Karl Jasbinschek als Vicarius substitutus verwaltet; übernahm dieser damit auch den Vorsitz im Stiftungsrat? Ich nehme es an. Mit Wirkung zum 1. August 2024 war die Pfarrstelle in Brake durch Wolfgang Schmitz' Amtsverzicht jedenfalls offiziell vakant, und die Pfarrverwaltung übernahm Ludger Becker, Pfarrer von St. Bonifatius in Varel. Dieser wird in mehreren Presseberichten über das St.-Bernhard-Hospital aus den Jahren 2024/25 als "Kuratoriumsvorsitzender" genannt; er übte dieses Amt auch noch aus, als die Klinik die Fördermillionen vom Land Niedersachsen zugesprochen bekam. Im April 2025 wurde dann bekanntgegeben, dass mit Wirkung zum 1. September Christian Fechtenkötter Pfarrer von St. Marien Brake werden sollte; im August wurden die Arbeiten am Erweiterungsbau der Klinik eingestellt. – Christian Fechtenkötter, der zusammen mit der Pfarrei St. Marien in Brake auch die Pfarrei St. Willehad in Nordenham übernommen hat, ist gelernter Bürokaufmann und war 15 Jahre lang für die Buchhaltung des Benediktinerpriorats Damme zuständig; ich stelle mir gern vor, dass seine Kompetenz in Finanzfragen dazu beigetragen hat, dass das St.-Bernhard-Hospital seine schon seit längerer Zeit desolate Finanzsituation offengelegt hat, statt weiter zu versuchen, sich irgendwie durchzumogeln, aber das ist natürlich spekulativ.
Eine ganz andere Frage ist natürlich, wie die St.-Bernhard-Stiftung eigentlich zukünftig ihren Stiftungszweck – die "Förderung des öffentlichen Gesundheits- und Wohlfahrtswesens" – erfüllen will, wenn es das Krankenhaus nicht mehr gibt. Dazu wurde unlängst eine – von Pfarrer Fechtenkötter namentlich gezeichnete – Erklärung des Stiftungsrats veröffentlicht, in der es heißt, man bleibe "dem Stiftungszweck fest verpflichtet" und es zeichneten sich "bereits konkrete Perspektiven für alternative medizinische Angebote am Standort Brake ab". Was damit konkret gemeint sein könnte, bleibt indes vorläufig unklar. – Ich schätze, es dürfte sich lohnen, an diesem Thema "dranzubleiben"; in diesem Sinne möchte ich abermals an meine Leser appellieren: Wenn ihr irgendwelche Hintergrundinformationen in dieser Angelegenheit habt, schreibt mir gerne was ins Kommentarfeld!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen