In meinem vorigen Wochenbriefing hatte ich ja mit einem gewissen Augenzwinkern offen gelassen, welches der beiden Aufregerthemen der vorangegangenen Woche – das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM oder die Exkommunikation der Piusbruderschaft – auf meinem Blog künftig noch eine Rolle spielen würde; jetzt bin ich geneigt zu sagen, ich hätte mal im Vorfeld Wetten abschließen sollen, welches dieser Themen in der Sonntagsmesse in St. Joseph Siemensstadt angesprochen werden würde, die vom Spandauer Krankenhausseelsorger zelebriert wurde. Oder nein, eigentlich ist es gut, dass ich das nicht getan habe, denn ich glaube, ich hätte – wenn auch geradezu wider besseres Wissen – auf das falsche Pferd gesetzt. In der eigentlichen Predigt – die gerade mal sieben Minuten lang war, aber viel länger wirkte, weil der Prediger wieder einmal nicht und nicht zum Punkt kam – wurde keins der beiden Themen angeprochen, dafür schaltete der Zelebrant aber zwischen Vermeldungen und Schlusssegen extra noch eine gut zwei Minuten lange Ansprache ein, zu dem expliziten Zweck, "als Sportpfarrer" sein Urteil über die beklagenswerte Leistung der deutsche Nationalmannschaft bei der WM abzugeben:
"Man kann bei uns nicht sagen, dass sie nicht kämpfen würden, sie sind auch fleißig, aber ich fürchte, sie sind nicht eingespielt. Es ist keine Taktik da, und das schon seit Jahren, und so kann man keinen Blumentopf gewinnen."
Wenn Kirchenvertreter sich zu Sportereignissen äußern, bemühen sie sich ja zumeist, daraus irgendwie noch einen sensus spiritualis abzuleiten – nach dem Muster "Was uns der Sport über das Leben, über unsere Möglichkeiten und Grenzen, unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse verrät, womöglich sogar über die Bedürfnisse unserer Seele" –; das kann mehr oder weniger gut gelingen, nicht selten wirkt es eher gewollt als gekonnt, aber dieser Priester hier versuchte es nicht einmal, sondern betätigte sich einfach gut zwei Minuten lange als Sportkommentator. Mancher mag das unterhaltsam und menschlich "relatable" finden, und vielleicht ist das auch die Wirkung, die der Priester beabsichtigt hat; ich betrachte es als Missbrauch der priesterlichen Autorität. Er nutzt die Tatsache, dass er von Amts wegen Leute vor sich hat, die ihm zuhören müssen, dazu, seine persönliche Meinung über Dinge zu verbreiten, die mit seinem Amt nichts zu tun haben. Das mag in diesem konkreten Fall vergleichsweise harmlos sein, aber #sorrynotsorry, mich regt sowas auf.
Aber eigentlich wollte ich ja auf etwas ganz Anderes hinaus, nämlich darauf, dass dieser Beredtheit in Sachen Fußball ein vernehmliches Schweigen in Sachen Piusbruderschaft gegenüberstand. Kann man vielleicht sagen, dass sich da ein gewisses Missverhältnis zwischen der Resonanz, die die Exkommunikation der Piusbruderschaft in gewissen Regionen der Sozialen Netzwerke erfährt, und dem Umstand abzeichnet, dass der Rest der Welt, ja sogar der Rest der katholischen Welt, sich eher nicht so sehr für dieses Thema interessiert? – Gleichzeitig liegt es natürlich durchaus im Rahmen des zu Erwartenden, dass derjenige Teil der katholischen Welt, der sich sehr wohl für dieses Thema interessiert, eine gewisse Schnittmenge mit der Leserschaft meines Blogs aufweist; dies hat sich deutlich in den Leserkommentaren zu meinem vorigen Wochenbriefing niedergeschlagen, und auch wenn ich mich da bereits punktuell in die Debatte eingeschaltet habe, muss ich wohl nochmals darauf zurückkommen. Fangen wir mal an mit der beruhigenden Feststellung, dass es im Kommentarbereich meines Blogs längst nicht so wild zugeht wie in meinem Facebook-Feed, der seit einigen Tagen geradezu überschwemmt wird von Beiträgen, die, oft illustriert mit gruselig-kitschigen KI-Grafiken, die Piusbrüder zu Opfern innerkirchlicher Verfolgung, ja geradezu zu Märtyrern stilisierten. Sogar ein Vergleich mit der Hl. Johanna von Orléans – die ja schließlich auch exkommuniziert wurde – ist mir untergekommen. – Sagen wir mal so: Natürlich hat es in der Geschichte der Kirche – angefangen beim Apostel Paulus, der dem Petrus in Antiochia "ins Angesicht widerstand" – immer wieder Heilige gegeben, die mit den kirchlichen Autoritäten ihrer Zeit, bis hin zum jeweiligen Papst, in Konflikt gerieten. Ich möchte aber behaupten, gerade wenn man sich anschaut, wie diese Heiligen mit dem Konflikt zwischen den Forderungen ihres gläubigen Gewissens und ihrer Pflicht zum Gehorsam umgegangen sind, wird man einen signifikanten Unterschied zum Agieren der Piusbruderschaft feststellen können. Wer den letzten Brief Papst Leos an den Generaloberen der Piusbruderschaft gelesen hat, mit dem er ihn zu einem Verzicht auf die unerlaubten Bischofsweihen zu bewegen versucht hat, der muss, so meine ich, ein ziemlich dickes Brett vorm Kopf haben, um den Papst als den Bösewicht in diesem Konflikt und die Piusbrüder als die unschuldigen Opfer zu betrachten.
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| Aus meinem Symbobilder-Archiv. Bisschen random vielleicht, aber ganz hübsch, oder? |
"Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. will eine andere, vormoderne Kirche [...]. Sie will eine Kirche ohne Mitbestimmung, ohne Freiheitsrechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte. Eine Kirche, die ewige Wahrheiten hütet" –
man beachte, dass das im Großen und Ganzen dieselben Vorwürfe sind, die liberale Katholiken routinemäßig gegen so ziemlich jeden erheben, der ein "konservativeres" Kirchenbild vertritt als sie selbst, also auch gegen Strömungen und Gruppierungen innerhalb der Kirche, die längst nicht so "ultra" sind wie die Piusbrüder. Dass Auffassungsunterschiede in Ekklesiologie und Sakramententheologie nicht an sich der Auslöser für die Exkommunikation der Priestergesellschaft gewesen sind, sondern ein Akt des offenen Ungehorsams gegen den Papst – was sie ja eher in die Nähe ganz anderer innerkirchlicher Akteure rückt –, wird im Artikel nicht explizit angesprochen. Letztendlich offenbart sich darin, dasselbe Lagerdenken – nur halt von der anderen Seite –, das wie gesagt manche konservativen Katholiken dazu bringt, aus den oben skizzierten Gründen mit den Piusbrüdern zu sympathisieren bzw. sie zu verteidigen. Bei Frau Haverkamp habe ich allerdings den Eindruck, sie steckt so tief in ihrer Vorstellungswelt, dass sie ihr eigenes Lagerdenken gar nicht bemerkt. Und der Pfarrer von St. Klara, der ihren Artikel in seinen Schaukasten hängt – der merkt sowieso schon lange nichts mehr.

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