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| Dieses Symbolbild habe ich ehrlich gesagt vor der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in Berlin-Schöneberg aufgenommen. Aber ich finde, es passt. |
Schon eine Weile nicht mehr erwähnt habe ich einen bei der Initiative "Christians for Future" aktiven jungen Mann, dem ich auf Bluesky folge und über den ich mehrfach gesagt habe, trotz seiner in vielfältiger Hinsicht wirklich abstrusen Anschauungen wirke er auf mich wie jemand, mit dem ich privat durchaus mal ein Bier trinken würde, "wenn auch in seinem Fall vielleicht ein glutenfreies". Wäre ich über Himmelfahrt nach Würzburg gefahren, hätte ich möglicherweise Gelegenheit dazu gehabt, denn der besagte junge Mann hatte ein paar Tage zuvor via Instagram bekanntgegeben, wann und wo er auf dem "Katholik*innentag" anzutreffen sein würde:
Angesichts der Bezeichnung "Katholik*innentag" ging mir durch den Kopf, es sei ja im Grunde fast ein Wunder, dass die Veranstaltung nicht offiziell so heißt. Davon abgesehen erinnerte mich das aufgeführte Programm, insbesondere der Punkt "Queer in der Klimakrise", an nichts so sehr wie an die "Integration der Begriffe 'Frau' und 'Umwelt' in den Karnevalsgedanken". Ganz heiße Eisen!
Wie einige Leser sich vielleicht erinnern werden, ist es zehn Jahre her, dass ich selbst mal einen Katholikentag besucht habe; damals fand das Event in Leipzig statt, und ich brachte von dort so einige Impulse mit, unter dem von Chesterton inspirierten Leitgedanken "Man muss den Katholikentag lieben, um ihn verändern zu können". Am darauffolgenden Wochenende war ich dann mit meiner Liebsten auf der Fiesta Kreutziga, und die dort angestellten Beobachtungen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen diesem Straßenfest und dem Katholikentag bildeten gewissermaßen die Initialzündung für das Konzept "Punkpastoral"; aber das ist ein Thema für sich. Der Katholikentag jedenfalls scheint sich seither explizit nicht in die Richtung entwickelt zu haben, die man sich "nach Leipzig" hätte wünschen mögen; daraus, dass in Leipzig Podiumsdiskussionen mit bekannten Namen und Gesichtern aus Politik und Gesellschaft eher schwach besucht waren, insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene aber beim Nightfever in der Nikolaikirche Schlange standen, um vor dem Allerheiligsten zu knien, hätte man ja gewisse Lehren ziehen können, aber den Veranstaltern ist ihre Agenda offenbar wichtiger.
Gewiss: Der Deutsche Katholikentag war "schon immer" ein Festival des in dieser Form spezifisch deutschen Verbandskatholizismus, der natürlich seine eigene Geschichte und innerhalb dieser durchaus auch seine Verdienste hat; allerdings haben sich die katholischen Verbände im Laufe dieser Geschichte mehr und mehr zu sozialpolitischen Lobbygruppen entwickelt und sich dabei vom Glauben der katholischen Kirche immer weiter entfernt. Daraus ergibt sich natürlicherweise ein einigermaßen verwirrendes Bild, wenn man von der Annahme ausgeht, der Katholikentag solle der Selbstdarstellung der katholischen Kirche als Glaubensgemeinschaft dienen. – In gewissem Sinne könnte man den Synodalen Weg als einen Versuch auffassen, diesen Widerspruch aufzulösen, indem der im "ZdK" organisierte Gremien- und Verbandskatholizismus die kirchliche Hierarchie zwingt, auf seinen sozialpolitischen Kurs einzuschwenken und die Glaubenslehre, soweit sie diesem Ansinnen im Wege steht, über Bord zu werfen; noch ein bisschen zugespitzter könnte man sagen, die Kirche, die der Synodale Weg erstrebt, ist ein Katholikentag in Permanenz. Dieser Gedanke hat mich dazu inspiriert, mir das Buch "Karneval in Romans" von Emmanuel Le Roy Ladurie aus der Bibliothek zu besorgen, das in meinem Theaterwissenschaftsstudium mehrmals im Seminaren zum Thema "Performativität und Ritual" (oder so ähnlich) besprochen wurde, das ich damals aber bestenfalls angelesen habe. Wir werden mal sehen, was diese Lektüre noch so für meinen Blog (oder auch für meine Tagespost-Kolumne) hergibt.
Einstweilen erscheint es mir jedenfalls in einem metaphorischen Sinne durchaus stimmig, sich den Synodalen Weg als einen immerwährenden Katholikentag vorzustellen; und wen bei dieser Vorstellung nicht ein gewisses Grausen befällt, dem kann ich auch nicht helfen. Hierzu ein paar Schlaglichter aus der Vorberichterstattung:
- Nachdem schon vor zehn Jahren auf der "Kirchenmeile" des Katholikentags Gruppen und Initiativen anzutreffen waren wie der Bundesverband lesbischer Gemeindereferentinnen und ihrer Partnerinnen (okay, den habe ich mir ausgedacht – als eine Art "Remix" aus dem Netzwerk katholischer Lesben und der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen), ist dort heuer – und nach Auskunft der Veranstalter auch schon "seit mehreren Katholikentagen" – auch der "Ökumenische Arbeitskreis BDSM und Christsein" vertreten. Begründet wird das, wie CNA Deutsch berichtet, mit dem "christliche[n] Selbstverständnis dieser Gruppe". Wie dieses Selbstverständnis wohl aussehen mag? Reicht es für einen Stand auf der Kirchenmeile schon, irgendwas mit christlich im Namen zu tragen? – Offenbar nicht: "Grenzen sind dort gesetzt, wo diskriminierende, rassistische oder antisemitische Überzeugungen vertreten werden, Äußerungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit oder eine ideologische Distanz zur freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung zu erwarten sind", stellt das Programmheft zur Kirchenmeile klar. Ah ja.
- Im Domradio widerspricht derweil Irme Stetter-Karp, als "ZdK"-Präsidentin Vorsitzende der Katholikentagsleitung, der Einschätzung, der Katholikentag sei "nur ein 'Binnenereignis' für ohnehin engagierte und reformorientierte Christen" – was ja noch eine sehr freundliche Bezeichnung für die typische Zielgruppe dieses Events ist, aber auch so will La Stetter-Karp das nicht stehen bzw. auf sich sitzen lassen: Es handle sich ganz im Gegenteil um ein Ereignis, bei dem sich "Menschen unterschiedlicher Milieus, Herkunft, Überzeugungen, Parteizugehörigkeit [!], ob jung oder alt, reich oder arm, kommerzfrei begegnen können", und insofern gehe es auch um ein Stück "Ökumene mit religionsfernen Menschen". Erst auf Nachfrage hin äußert sie sich zu "Katholiken und Katholikinnen [...], die eher traditionell oder konservativ sind": Diese seien "selbstverständlich auch angesprochen:, und "gerade auf der Kirchenmeile" gebe es "ein ganz breites Spektrum [...], auch Gruppierungen aus dem konservativen katholischen Milieu". Noch schöner wäre es gewesen, wenn sie statt "auch" "sogar" gesagt hätte. Mir erscheint diese gönnerhafte Haltung gleich in mehrfacher Hinsicht tragikomisch: einerseits, weil sie damit implizit genau das bestätigt, was sie explizit bestreitet, nämlich dass "ein kirchenpolitisch progressives Milieu" den Katholikentag gewissermaßen als sein rechtmäßiges Eigentum betrachtet und die konservativen Hinterwäldler lediglich duldet, und andererseits, weil darin erkennbar die Auffassung mitschwingt, diese müssten dafür dankbar sein – während ich mir ziemlich sicher bin, dass es für die meisten Leute aus dem rechtgläubigen Spektrum eher ein Opfer ist, da hinzugehen. (Dazu, warum sie dieses Opfer auf sich nehmen, eventuell bei anderer Gelegenheit mehr.)
- In der Standpunkt-Rubrik auf häretisch.de plädiert Felix Neumann dafür, den Katholikentag dauerhaft und prinzipiell – nicht nur punktuell wie 2003, 2010 und 2021; "immer länger wurden die Abstände", tadelt Neumann – mit dem Evangelischen Kirchentag zu fusionieren. Ich sag mal so: Ein klarer Vorteil wäre es, dass das Ergebnis dann wohl nicht mehr "Katholikentag" heißen würde. Und darin, dass die beiden Veranstaltungsformate sich auch jetzt schon zum Verwechseln ähnlich sehen, möchte ich dem häretisch.de-Redakteur nun auch nicht direkt widersprechen. Aber natürlich geht es ihm in letzter Konsequenz um mehr: Wem "an der christlichen Stimme in der Welt gelegen ist", der müsse, so meint er, "[a]ngesichts einer Gesellschaft, in der weniger als die Hälfte der Menschen zu einer der christlichen Kirchen gehört, und in der es absehbar noch weniger wird, [...] alles [Hervorhebung von mir] Konfessionelle auf den Prüfstand stellen: Ist hier das Katholische und das Evangelische wirklich unterscheidend anders, oder ist die konfessionelle Trennung Selbstzweck und leere Tradition?" – Dazu möchte ich dann aber doch zu bedenken geben, dass es kein guter Rat an einen Ertrinkenden ist, sich an einem anderen Ertrinkenden festzuhalten – erst recht nicht, wenn der schon deutlich näher am Abnippeln ist als man selber.
Den für mein Empfinden lesenswertesten Kommentar im Vorfeld des Katholikentags hat Guido Horst, der Rom-Korrespondent der Tagespost, verfasst: Er identifiziert "zwei Elefanten im Raum, über die in Würzburg wohl kaum einer der Herren mit dem violetten Scheitelkäppchen offen und deutlich sprechen will"; der eine "trägt den Namen Synodalkonferenz", den anderen benennt er als "Segnungsfeiern für Paare, die sich lieben, aber nicht katholisch verheiratet sind". Fangen wir ruhig mal mit diesem zweiten Elefanten an. "Papst und Glaubensdikasterium", so Horst, haben "expressis verbis deutlich gemacht, dass der Vatikan mit diesen deutschen Riten und den entsprechenden Handreichungen nicht einverstanden ist. Und nicht nur das: Rom hat die Briefe öffentlich gemacht, mit denen der Vatikan das den deutschen Bischöfen schon im November 2024 unmissverständlich klargemacht hat." Dies habe jedoch einige deutsche Bischöfe nicht davon abgehalten, "mit diesen Segnungsfeiern zu starten". Und jetzt? Jetzt dürfte es ihnen schwerfallen, diesen Vorstoß wieder zurückzunehmen. Derweil hat "Staatssekretär Pietro Parolin das Wort 'Sanktionen' ins Spiel gebracht" – vorerst noch mit dem Hinweis, es sei "noch zu früh" dafür, aber ein zünftiger Schuss vor den Bug ist das allemal. Der Katholikentag reagiert darauf, indem er weiter Öl ins Feuer gießt: Wie CNA Deutsch zu berichten weiß, umfasst das Programm z.B. einen "Queer-Gottesdienst" unter dem Motto "Das Leben ist bunt – Vielfalt in der Kirche?!" sowie eine Bibelwerkstatt "Bibel queer gelesen. Wieso G*TT Fan von Vielfalt ist"; und auch La Stetter-Karp hat die dem Katholikentag vorgeschaltete Frühjahrsvollversammlung ihres Karnevalsvereins genutzt, um die vom Vatikan verworfene Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft" zu verteidigen und sich für ihre möglichst flächendeckende Anwendung auszusprechen. Man wähnt sich auf der richtigen Seite der Geschichte und will sich von "Rom" nichts sagen lassen.
Natürlich könnte man anmerken, gerade Letzteres sei ja nun nichts Neues; schon der Katholikentag 1968 in Essen habe ja im Zeichen lautstarken Widerspruchs gegen die Enzyklika Humanae vitae gestanden, und habe das etwa zu einem Schisma geführt? Worauf ich zweierlei erwidern möchte, nämlich erstens, dass ich sehr wohl der Überzeugung bin, dass die Wurzeln des heutigen Schmutzigen Schismas im deutschen Katholizismus sich bis zum Katholikentag 1968 in Essen zurückverfolgen lassen, und zwar durchaus nicht nur wegen Humanae vitae; und zweitens, dass diese Fälle andererseits dann doch nicht ganz miteinander vergleichbar sind; das wären sie vielleicht dann, wenn es 1968 darum gegangen wäre, dass die Kirche verhütungswilligen Paaren im Rahmen liturgischer Feiern die Pille aushändigt. Inwieweit katholische Laien sich in ihrem Privatleben an die Lehre der Kirche halten, ist eine prinzipiell andere Frage als die, ob die Kirche in ihrem liturgischen Handeln den Anschein erweckt, etwas gutzuheißen, das ihrer Lehre widerspricht. – Aber eigentlich wollte ich hier gar nicht näher inhaltlich auf die Segnungsdebatte eingehen; so langsam ist dazu vielleicht auch mal alles gesagt.
Werfen wir daher lieber mal einen Blick auf Horsts ersten Elefanten: Das von einem sogenannten "Synodalen Ausschuss" ausgearbeitete und sowohl von der Deutschen Bischofskonferenz als auch vom "ZdK" abgesegnete Statut für die Synodalkonferenz liegt derzeit "zur Begutachtung im Vatikan [...,] ohne dessen grünes Licht das Prestigeprojekt der deutschen Bischöfe im November nicht starten kann". Und auch wenn mir durchaus Stimmen bekannt sind, die meinen, die in diesen Statuten vorgesehenen Befugnisse der Synodalkonferenz gingen längst nicht weit genug, da die eigentliche Entscheidungskompetenz (vulgo "Macht") ja doch bei den Bischöfen bliebe, so liegt es doch auf der Hand, dass es für all jene, die Hoffnungen auf den Synodalen Weg gesetzt haben, eine absolute Katastrophe wäre, "wenn das Okay aus Rom, sprich die 'Recognitio', nicht kommt. Und genau danach sieht es derzeit aus", meint Guido Horst, dem ich es zutraue, in Rom gut vernetzt und entsprechend gut informiert zu sein. Platzt die Synodalkonferenz, ist der gesamte Synodale Weg endgültig gescheitert. Die Frage ist: Was dann? In einem Podcast habe ich eine junge Theologin und Journalistin sagen hören, sie kenne "genug Leute, für die dieser Synodale Weg sowas wie die letzte Hoffnungszelle ist, um katholisch zu bleiben in Deutschland". Darauf würde ich ja nun erwidern, wer meint, nur katholisch bleiben zu können, wenn die katholische Kirche sich radikal verändert, der ist in Wirklichkeit schon längst nicht mehr katholisch; dennoch bleibt natürlich die Frage, was diese ganzen Leute machen, wenn diese Hoffnung platzt. Und was die ganzen Geistlichen, bis hinauf zu Bischöfen, machen werden, die sich auf Gedeih und Verderb dem Synodalen Weg verschrieben haben.
Und das bringt mich nun wieder zu Felix Neumanns Fusionsideen und seiner Frage, wo "das Katholische und das Evangelische wirklich unterscheidend anders" und wo "die konfessionelle Trennung Selbstzweck und leere Tradition" sei. Denn aus einem bestimmten Blickwinkel ist diese Frage ja nicht unberechtigt: Dass liberale Katholiken und liberale Protestanten erheblich mehr miteinander gemeinsam haben als mit konservativen Ausprägungen ihrer jeweils eigenen Konfession, hat z.B. auch schon die #BenOp festgestellt. Polemisch könnte man sagen, im liberalen (Post-)Christentum sei insgesamt und überhaupt gar nicht mehr genug Glaubenssubstanz vorhanden, als dass man da noch großartige konfessionelle Unterschiede feststellen könnte. Die Unterschiede, die es zwischen liberalen Katholiken und liberalen Protestanten noch gibt, sind wohl eher kultureller Natur, und da könnte man dann sagen: Unterschiedliche Traditionen, unterschiedliche liturgische Formen usw. (Stichwort "High Church" und "Low Church") unter demselben institutionellen Dach, das funktioniert bei den Anglikanern doch ooch. Und wenn die Anglikanische Kirche eigens zu dem Zweck gegründet wurde, dass ein König sich scheiden lassen kann, dann erscheint es auch nicht allzu abwegig, eine überkonfessionelle deutsche Nationalkirche zu gründen, um homosexuelle Partnerschaften segnen zu können.


Chapeau, werter Kingbear. Ich stelle mir gerade vor, wie eine Bischöfin der deutschen Nationalkirche, sagen wir mal in 150 Jahren, beim Papst auf der Matte steht und gemeinsam mit ihm einen einen gestrandeten Wal segnet. Ich habe über einen längeren Zeitraum darüber sinniert, warum Jesus in jener Zeit einen Mann abkanzelt, der noch mal eben seinen Vater begraben will. Ah, jetzt ja!
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