Wie ich unlängst erwähnt habe, hatte unser Jüngster am Tag vor seinem 5. Geburtstag einen an sich eher banalen Streit mit einem langjährigen Freund und Spielkameraden unserer Kinder, der infolge des Eingreifens der Mutter dieses Jungen in groteskem Ausmaß eskalierte. Das, was an diesem Streit "privat" ist, habe ich nicht vor hier breitzutreten, zumal ich ja gar nicht live dabei war; allerdings habe ich den Eindruck, dass in diesem Konflikt untergründig Motive eine Rolle spielen, die über den konkreten Fall hinaus relevant und kommentarwürdig sind. Und dazu möchte ich ein paar Gedanken festhalten – ohne dabei mehr als unbedingt nötig auf persönliche Details einzugehen.
Erwähnt hatte ich ja bereits, dass wir den Jungen, mit dem mein Sohn sich beim gemeinsamen Spielen mit einer Autorennbahn in die Haare gekriegt hat, und seine Mutter über das #kindergartenfrei-Netzwerk kennengelernt haben; und in diesem Zusammenhang habe ich auch angedeutet, dass ich den Eindruck habe, sie nehme es uns in gewisser Weise übel, dass unser Sohn seit einiger Zeit doch in die KiTa geht. Diese Vermutung wurde genährt durch zwei Bemerkungen der Mutter, mit denen sie die Versuche meiner Liebsten, den Streit zu schlichten, abschmetterte. Die eine dieser Äußerungen war vergleichsweise trivial: Unser Knabe glaube wohl, da er in der KiTa neue Freunde gefunden habe, brauche er seine bisherigen Freunde nicht mehr. Mehr zu sagen wäre zu der Unterstellung, unser Sohn würde in der KiTa lernen zu lügen und/oder zu erwarten, dass man sich für Dinge entschuldigt, die man gar nicht getan hat, um nur keinen Ärger zu kriegen.
Lassen wir das vorläufig mal im Raum stehen und halten zunächst einmal fest, dass meine Liebste, die der Streit ziemlich mitgenommen hatte, ein paar Tage später einer anderen Freundin davon erzählte – die ebenfalls einen fünfjährigen Sohn hat, diesen aber so früh wie möglich hat in die KiTa gehen lassen, um schnell wieder arbeiten gehen zu können. So hatte es wohl eine gewisse Folgerichtigkeit, dass diese Freundin – offenbar in der Absicht, meiner Liebsten zu signalisieren, sie sei auf ihrer Seite – vor allem über die radikale #kindergartenfrei-Gesinnung der anderen Mutter herzog: was die ihrem Kind alles vorenthalte an Möglichkeiten zum sozialen Lernen, da müsse man sich ja nicht wundern, wenn das Kind egoistisch, weinerlich und nicht konfliktfähig würde, und obendrein liege sie ja noch der Gesellschaft auf der Tasche, indem sie sich in Vollzeit um ihr Kind kümmere, statt arbeiten zu gehen.
Und da dachte ich mir auf einmal: Bei allem Ärger über die besagte andere Mutter stehe ich ihr von der grundsätzlichen Einstellung her doch immer noch näher als dieser hier.
Und damit bin ich beim zentralen Thema dieses Artikels. Ich habe es schon früher festgestellt: #kindergartenfrei zu leben, sich in der #kindergartenfrei-Community zu bewegen, ist eine Gratwanderung. Die Impfgegner und Esoteriker, die Sabine Rennefanz einst in der Berliner Zeitung als kennzeichnend für die #kindergartenfrei-Szene herausgestellt hat: die gibt es. (Von den fundamentalistischen Christen, die man uns in diesem Zusammenhang ebenfalls versprochen hat, haben wir hingegen weniger getroffen als uns lieb gewesen wäre; mag an Berlin liegen.) Extrem klammernde Muttis, die man schon nicht mal "Helikoptereltern" nennen kann, weil ein Helikopter ihnen schon zu weit weg wäre: die gibt es auch. Das alles ändert jedoch nichts daran, dass ich es grundsätzlich ganz natürlich, gesund und unterstützenswert finde, wenn jemand die Erziehung und Betreuung seiner Kinder – mindestens in den ersten drei Lebensjahren, aber zu einem gewissen Grad auch darüber hinaus – persönlich in der Hand behalten und nicht an Institutionen delegieren möchte. Dass, wie Teddy Roosevelt sagte und ich schon ein paarmal zitiert habe, jede soziale Bewegung ihren "verrückten Rand" ("lunatic fringe") hat, entwertet nicht das grundsätzliche Anliegen dieser Bewegungen – auch wenn im Falle der #kindergartenfrei-Szene dieser Rand womöglich etwas breiter ist als bei anderen.
– Und warum ist das so? In der Tagespost schrieb ich zu dieser Frage einmal: "Dem gesellschaftlichen Druck zu widerstehen, der von Eltern erwartet, ihre Kinder möglichst früh an Betreuungseinrichtungen abzugeben, um wieder voll dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, fällt zweifellos leichter, wenn diese Entscheidung von einer tieferen Überzeugung getragen ist." Der Haken an der Sache ist, dass es sich dabei nicht um eine einzige, gemeinsame Weltanschauung handelt, die die Leute, die in der #kindergartenfrei-Szene unterwegs sind, miteinander verbindet, sondern um viele verschiedene, zum Teil sogar tendenziell gegensätzliche. Das macht es schon von vornherein schwierig, innerhalb dieser Szene stabile zwischenmenschliche Kontakte, oder gar Freundschaften, aufzubauen. Hinzu kommt, dass #kindergartenfrei lebende Eltern typischerweise so individualistisch und nonkonformistisch sind, dass sie sich mit festen Strukturen und regelmäßigen Verpflichtungen prinzipiell schwer tun. Diejenigen, die in dieser Hinsicht nicht so extrem sind, sind vielfach auch die, die nicht so sehr aus Überzeugung dabei sind als vielmehr deshalb, weil sie für ihr Kind keinen KiTa-Platz bekommen haben, der ihren Vorstellungen, Wünschen oder Bedürfnissen entspricht. Und wenn sie dann plötzlich doch einen solchen Platz bekommen, sind sie ganz schnell weg. Okay, das könnte manch einer vielleicht auch über uns sagen, seit unser Jüngster in die KiTa geht; aber darauf komme ich noch. Zunächst einmal will ich hier sagen: Wenn als Argument für KiTa-Betreuung immer wieder vorgebracht wird, es sei für die Entwicklung von Kindern (jedenfalls ca. ab dem 4. Lebensjahr; bei jüngeren Kindern darf man das eher bezweifeln) wichtig, regelmäßige soziale Kontakte außerhalb des engsten Familienkreises zu haben, wende ich gern ein, dafür brauche man keine KiTa. Wenn aber, wie in Berlin, über 90% der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren tatsächlich in der KiTa sind, wird es für die übrigen schon schwieriger, soziale Kontakte unter Gleichaltrigen zu finden. Meine Liebste hat über Jahre hinweg, vor allem während unsere Große im typischen Kindergartenalter war, diverse Anläufe unternommen, regelmäßige Gruppentreffen mit anderen #kindergartenfrei lebenden Familien zu etablieren, und immer wieder verliefen diese Versuche im Sande. Allmählich kristallisierte sich heraus, dass eigentlich nur eine einzige Mutter mit ihrem Sohn wirklich verlässlich immer wieder zu den von meiner Liebsten angeregten Treffen kam; und irgendwann sagte diese dann zu uns: "Wenn die anderen immer irgendwie nicht können oder nicht wollen, dann können wir uns ja eigentlich auch einfach so treffen." Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – bis jetzt. Ja, das waren genau die Mutter und der Sohn, mit denen wir aktuell Krach haben. – Ja, auch bei dieser Mami kam es immer mal wieder vor, dass sie bei Verabredungen kurzfristig Änderungen bezüglich Ort und Zeit vorschlug und dann manchmal nach mehreren solcher Planänderungen ganz absagte; aber bei anderen musste man darauf gefasst sein, dass sie nicht zu Verabredungen erschienen, ohne abgesagt zu haben. Eine Mutter sagte einmal kurzfristig die Geburtstagsfeier ihres Sohnes ab: Angeblich hatte er plötzlich keine Lust mehr gehabt zu feiern. Kann ja sein. Ich will damit nur sagen: Bedürfnisorientierte Erziehung wird in #kindergartenfrei-Kreisen zwar groß geschrieben, Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Leute als der eigenen Kinder aber eher nicht.
Kurz gesagt, das Problem mit der #kindergartenfrei-Community, so wie wir sie kennengelernt haben, besteht darin, dass sie keine "Community" ist. Weil man keine Community aus lauter Individualisten aufbauen kann. Über diesen Sachverhalt könnte man sich sicherlich tolle Witze ausdenken, nach dem Muster "Die Selbsthilfegruppe Prokrastination trifft sich --- morgen". Das weniger Lustige als vielmehr Ärgerliche daran ist, dass die #kindergartenfrei-Bewegung auf diese Weise ihrem eigenen Anliegen nicht gerecht wird, ja ihm in letzter Konsequenz sogar schadet. Denn dieses Anliegen – das ich, wie ich nicht müde werde zu betonen, grundsätzlich richtig und unterstützenswert finde – sollte ja nicht nur sein, eine familienorientierte, ohne institutionalisierte Fremdbetreuung auskommende Kindererziehung zu propagieren, sondern auch und vor allem, Familien konkret und praktisch darin zu unterstützen, diesen Weg zu gehen. Und damit komme ich so langsam zum Kern des Dilemmas.
Der Punkt ist, es ist schon etwas Wahres dran an der Spruchweisheit "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen". Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass der Mensch seiner Natur nach eigentlich nicht für die Kleinfamilie geschaffen ist, und schon gar nicht dafür, als Einzelkind aufzuwachsen, womöglich obendrein mit einem alleinerziehenden Elternteil. – Ehe sich jetzt jemand auf die Füße getreten fühlt: Ich habe großen Respekt vor der Erziehungsleistung alleinerziehender Eltern. Ich gehe aber davon aus, dass diese selbst am besten wissen, dass ihre Lebenssituation – mit aller Vorsicht gesagt – nicht gerade ideal ist, weder für ihr Kind noch für sie selber. Ich will mich an dieser Stelle aber gar nicht so sehr auf das Einzelkind- oder das Alleinerziehenden-Thema einschießen: Auch wenn ein Kind mit beiden Elternteilen und einem oder zwei Geschwistern aufwächst, ist das immer noch ein ziemlich enger Kreis. Für den Säugling bedeutet gerade dieser enge Kreis Geborgenheit, und auch das Kleinkind findet in ihm vielleicht noch alles, was es braucht; aber recht bald weitet sich der Horizont des Kindes oder will sich weiten, und die Eltern brauchen ja auch mal Entlastung. Und hier kommt das sprichwörtliche "Dorf" ins Spiel.
Die Idee des "ganzen Dorfes", das gemeinsam ein Kind großzieht, geht davon aus, dass Großeltern, Onkel und Tanten, Freunde und Nachbarn auf jeweils unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Ausmaß an der Betreuung und Erziehung mitwirken. Das ist heutzutage selbst in einem buchstäblichen Dorf nicht mehr unbedingt leicht zu verwirklichen, wozu neben anderen soziologischen Faktoren nicht zuletzt der Umstand beiträgt, dass die Zahl der Kinder pro Familie schon seit mehreren Generationen sinkt und die heutigen Kinder daher nicht nur weniger Geschwister, sondern auch weniger Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen haben als Kinder früherer Generationen. In einer Großstadt, in der man in engster Nachbarschaft mit Menschen lebt, die man nicht kennt und das unter Umständen auch gar nicht möchte, ist es natürlich noch erheblich schwieriger, seinen Kindern ein "Dorf" zu schaffen.
Gleichwohl – und auch trotz der überwiegend positiven Erfahrungen, die wir mit der KiTa unseres Jüngsten gemacht haben – bin ich im Grundsatz nach wie vor nicht der Meinung, dass das System KiTa ein adäquater Ersatz oder eine wünschenswerte Alternative zur Idee des "ganzen Dorfes" ist. Es ist, so meine ich, einigermaßen offensichtlich, dass der politisch geförderte Ausbau der KiTa-Betreuung vorrangig von dem Interesse getragen ist, dass die Eltern dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen; somit liegt der Verdacht nahe, dass die Argumente dafür, dass KiTa-Erziehung die Sozialkompetenz der Kinder und die frühkindliche Bildung fördere und was noch alles, in erster Linie darauf abzielen, es den Eltern leichter zu machen, ihre Kinder abzugeben und dabei ein gutes Gewissen zu haben. – Aber kann es denn nicht trotzdem stimmen, dass es aus den genannten Gründen gut für die Kinder ist, in die KiTa zu gehen? – Das würde ich mit einem klaren Jein beantworten. Wie ich in dem weiter oben schon einmal zitierten Tagespost-Essay schrieb:
"Betrachtet man die traditionelle Form der Kinderbetreuung und -erziehung im erweiterten Familienkreis als 'Dorf', so gleicht die institutionalisierte und professionalisierte Kinderbetreuung in Krippe, Kindertagesstätte und Hort eher einer 'Fabrik': Der Tagesablauf ist von standardisierten Abläufen geprägt, das Verhältnis der Kinder untereinander und zu ihren Erziehern ist eher funktional orientiert als auf persönliche Bindung ausgerichtet. Zyniker mögen argumentieren, gerade so würden die Kinder bestmöglich auf ein Berufsleben vorbereitet, in dem sie ebenfalls 'funktionieren' müssen, niemand unersetzlich ist und persönliche Bindungen in erster Linie ein Mobilitätshindernis darstellen."
Unter diesem Aspekt empfinde ich die Äußerungen derjenigen Freundin meiner Liebsten, die ihr im Konflikt mit unserer #kindergartenfrei-Freundin den Rücken zu stärken beabsichtigte, als ein beklagenswertes Demonstrationsbeispiel dafür, wie sehr man der Pro-KiTa-Propaganda auf den Leim gehen kann. Insbesondere betrifft das die Vorstellung, es wäre irgendwie respektabler, verantwortungsvoller und für die Gesellschaft nützlicher, arbeiten zu gehen, als sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Oder anders ausgedrückt, die Zeit und Energie, die jemand für die Betreuung und Erziehung der eigenen Kinder aufwende, fehle ihm für seine eigentliche Arbeit. Da kann man gar nicht eindringlich genug widersprechen: Es gibt keine Arbeit, die "eigentlicher" wäre als die Sorge für die eigenen Kinder, und auch keine wichtigere. Um's ganz deutlich zu sagen, ich bin überzeugt, dass stabile familiäre Bindungen nicht nur den Kindern zugute kommen, sondern in letzter Konsequenz auch der Gesellschaft als ganzer, und dass der Umstand, dass Politik, Wirtschaft und Medien seit Jahrzehnten die Auflösung familiärer Bindungen vorantreiben, der Gesellschaft eher früher als später gewaltig auf die Füße fallen wird.
Aber wie steht es denn nun mit dem "sozialen Lernen" in der Gruppe, mit dem Einüben sozialer Kompetenzen durch den Umgang mit (ungefähr) Gleichaltrigen außerhalb des engsten Familienkreises? Da würde ich schon sagen: Ja, das brauchen Kinder. Vielleicht manche mehr als andere, und vielleicht in den ersten drei Lebensjahren noch nicht so sehr, aber grundsätzlich schon. Deshalb haben meine Liebste und ich uns auch "schon immer" bemüht, unseren Kindern solche Gruppenerfahrungen zu ermöglichen, zum Beispiel in Form von Krabbelgruppen oder Eltern-Kind-Spielgruppen wie der "Rumpelberggruppe" in der Gemeinde auf dem Weg und natürlich beim JAM, dem wöchentlichen Kinderprogramm der EFG The Rock Christuskirche in Haselhorst; in jüngster Zeit sind die Pfadfinder und der Kampfsport hinzugekommen. Und wenn ich mal darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass wir der Mutter, mit der und deren Sohn es unlängst diesen Streit gab, im Laufe der Jahre immer mal wieder vorgeschlagen haben, mit ihrem Sohn zu derartigen Aktivitäten mitzukommen, aber sie hat nie besonderes Interesse daran gezeigt. Seinerzeit habe ich mir nicht viel dabei gedacht, aber jetzt scheint mir, was sich darin offenbart, ist, dass diese Mutter nicht nur nicht bereit ist, die Aufsicht über ihr Kind auch nur für kurze Zeitspannen abzugeben – außer vielleicht an ihre eigene Mutter –, sondern ganz grundsätzlich nicht will, dass irgendjemand außer ihr selbst eine Autoritätsposition gegenüber ihrem Kind einnimmt. Da wittere ich eine – mit aller Vorsicht gesagt – nicht unbedingt gesunde "Du und ich gegen den Rest der Welt"-Dynamik, die sich dann eben beispielsweise auch darin niederschlagen kann, dass das Kind nicht in der Lage ist, Konflikte mit anderen Kindern selbst auszuagieren, sondern stattdessen zu seiner Mami rennt und sich beklagt, es sei ungerecht behandelt worden.
Übrigens sind soziale Kontakte von Kindern außerhalb des eigenen Familienkreises auch deshalb wertvoll, weil sie auch die Eltern mit anderen Eltern in Kontakt bringen und also auch auf dieser Ebene "soziales Lernen" stattfinden kann; zu diesem Aspekt habe ich gerade einen Beitrag für die Elternkolumne der Tagespost verfasst, den es inzwischen auch online gibt.
Um nun aber langsam mal zum Schluss zu kommen, wäre wohl noch die Ankündigung einzulösen, etwas zu dem eingangs protokollierten Vorwurf zu sagen, unser Sohn lerne in der KiTa das Lügen. Dabei gibt es tatsächlich mehrere Aspekte zu benennen, aber ich versuche mal, mich kurz zu fassen. Zum einen macht sich in der Überzeugung "Mein Kind sagt mir immer die Wahrheit, also muss euer Kind lügen" recht deutlich die oben angesprochene "Du und ich gegen den Rest der Welt"-Dynamik bemerkbar; man könnte hier einwenden (und das hat meine Liebste im vorliegenden Fall auch getan bzw. versucht), wenn ein fünf- und ein sechsjähriger Junge eine Situation unterschiedlich wahrgenommen haben und folglich auch unterschiedlich schildern, heißt das nicht zwingend, dass einer von beiden lügt; aber für solche Erwägungen lässt die besagte Dynamik wohl keinen Raum. Sodann mag es naheliegend, wenn auch etwas kurzschlüssig sein, aus der Beobachtung "Früher, als euer Sohn auch noch nicht in der KiTa war, haben die Jungs sich besser miteinander verstanden" zu folgern "Die KiTa ist schuld". Wenn man obendrein sowieso ständig das Gefühl hat, einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt zu sein, weil man sein Kind nicht in die KiTa gehen lässt, ist es umso verlockender, zu glauben und/oder zu behaupten, in der KiTa würden die Kinder alles mögliche Schlechte und Falsche lernen. Das ist erst einmal unabhängig davon zu betrachten, dass da von Fall zu Fall durchaus mal was dran sein kann. Eine größere Bandbreite sozialer Kontakte erhöht naturgemäß auch das Risiko unerwünschter Einflüsse. Wenn Eltern so etwas bei ihrem Kind beobachten, müssen sie sich überlegen, wie sie da gegensteuern können, aber die Kinder ganz und gar von unerwünschten Einflüssen abzuschirmen, wird auf Dauer nicht funktionieren. Dass es in einer KiTa Strukturen oder Dynamiken gibt, die Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit begünstigen, ist ebenfalls nicht ganz auszuschließen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass das in der KiTa unseres Sohnes der Fall ist. Allerdings war es für uns wichtig, dass er erst dann in die KiTa kommt, wenn er in der Lage ist, klar zu artikulieren, was er will und was er braucht, und auch zu kommunizieren, wenn ihm etwas nicht passt und nicht gefällt (z.B. mag er Yoga nicht und hat es den Erzieherinnen gegenüber durchgesetzt, dass er da nicht mitmachen muss).
Beim Stichwort Kommunikation fällt mir übrigens ein, dass uns vor über einem Jahr mal eine Grundschullehrerin prognostiziert hat, das sprachliche Ausdrucksvermögen unseres Jüngsten würde sich, wenn er in die KiTa käme, eher verschlechtern. Man könnte im Alltag manchmal den Eindruck haben, sie habe damit Recht behalten, aber vielleicht täuscht dieser Eindruck auch: Vielleicht ist es auch einfach so, dass er, nachdem er in der KiTa stundenlang kommunizieren musste, nachmittags einfach keine Lust mehr dazu hat und möchte, dass seine Eltern ihn ohne Worte verstehen. Denn eins darf man nicht vergessen: In die KiTa zu gehen, ist für ein Kind Arbeit. Wenn man als Erwachsener von der Arbeit kommt und das Bedürfnis hat, erst mal die Beine hochzulegen und von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, sollte man dasselbe Bedürfnis wohl auch seinen Kindern zubilligen.
Gleichwohl geht unser Sohn freiwillig und überwiegend gern in die KiTa. Zur Freiwilligkeit gehört wohlgemerkt auch: Wenn er mal einen Tag nicht in die KiTa will, dann muss er auch nicht. Dann unternehme ich an diesem Tag etwas mit ihm – sofern ich kann, d.h. sofern ich keine wichtigen, unaufschiebbaren Termine habe, zu denen ich ihn nicht mitnehmen kann. Wenn ich mich richtig erinnere, ist es in zehn Monaten nur einmal vorgekommen, dass er in die KiTa gehen "musste", obwohl er lieber bei mir geblieben wäre.
Kurz und gut, es ist nicht alles schlecht in der KiTa, und es ist nicht alles besser in der #kindergartenfrei-Bubble. Für deren "verrückten Rand", wie ich ihn weiter oben in Anlehnung an Teddy Roosevelt genannt habe, könnte ich noch ganz andere Beispiele nennen als die eine Mutter, die den Anlass für diesen Artikel geliefert hat; die ist unter den Eltern, die wir in dieser Szene kennengelernt haben, eher noch eine der normaleren, nicht umsonst haben wir uns über Jahre hinweg überwiegend gut mit ihr verstanden. Und wenn ich jetzt wirklich mal zum Schluss kommen will, anstatt lediglich anzukündigen, ich wolle jetzt langsam mal zum Schluss kommen, dann aber noch weitere 6000 Zeichen zu schreiben, dann möchte ich die These wagen: die problematischen Ausformungen der #kindergartenfrei-Bewegung sind an sich bereits das Produkt derselben Missstände, auf die diese Bewegung zu reagieren versucht – der Fragmentierung der Gesellschaft, der Auflösung von Familien- und sonstigen Sozialstrukturen. Solange Politik und Zivilgesellschaft kein Interesse daran zeigen, Familien zu stärken und zu unterstützen, sondern im Gegenteil unter dem Label "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" lediglich die Unterordnung der Interessen der Familie unter die Interessen der Berufswelt verstehen, ist es nicht verwunderlich, wenn Familien sich radikalisieren. Im Übrigen gilt für mich hier wie bei vielen anderen Themen auch: Wenn ich mir die angeblich normalen Leute ansehe, werden mir die angeblich Durchgeknallten gleich viel sympathischer.

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