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Dienstag, 30. April 2019

In Tossens hat sich's ausgehext

Leser, die meinen Blog schon länger verfolgen, werden sich vielleicht erinnern, dass im Sommer 2017 mal "Minervas Hexenhof" in Butjadingen-Tossens hier Thema war. Mein damaliger Artikel zog ziemliche Kreise, brachte mir aber auch eine Menge Ärger ein, da offenbar nicht wenige Leser ihn als persönlichen Angriff auf Hofbetreiberin Patricia Winter alias "Hexe Minerva" und ihre berufliche Existenz auffassten. Dabei zielte meine Kritik eigentlich vielmehr auf die örtliche katholische Pfarrei und insbesondere die ökumenische Urlauberseelsorge, der es offenbar erheblich weniger gut gelingt, die spirituellen Bedürfnisse von Urlaubern und Einheimischen anzusprechen, als die Hexe von Tossens es tut. Wobei ich natürlich weder verhehlen will noch kann, dass mir die ganze Hexerei- und Schamanismus-Szene mehr als suspekt ist. Ich glaube, selbst als Agnostiker hätte ich diesen kruden Neopaganismus, zumindest in seiner kommerziellen Erscheinungsform (wobei: Gibt es eigentlich auch eine andere?) zumindest doof gefunden. Aus christlicher Sicht gibt es dagegen natürlich noch weit schwerer wiegende Einwände als bloßes Dooffinden. Aber lassen wir das ruhig vorerst mal beiseite. 

Dass ich das Thema nun noch einmal aufgreife, ist dadurch veranlasst, dass "Minervas Hexenhof" - wie die Betreiberin in der Karwoche auf ihrem Blog bekanntgab - am 23. Juni geschlossen wird. Vorausgegangen ist dieser Entscheidung offenbar einiger massiver Ärger: Von "[r]echtliche[n] Schreiben, Verfügungen, Abmahnungen" ist in dem Blogartikel die Rede, von "viel Geld", das "an Anwälte und Gericht verloren" worden ist, von Anzeigen und Denunziationen. Kurz, Hexe Minerva sieht sich als Opfer einer Kampagne, allerdings nicht von kulturkämpferischen Dunkelkatholen wie mir, sondern von "Mitbewebern" aus der "Hexen und Schamanen Szene", die sie "aus dem Weg haben", ja sogar "auslöschen" wollen. Genaueres zu den Hintergründen erfährt man in dem Artikel nicht, auch Namen will die Hexe von Tossens ausdrücklich nicht nennen. 

Symbolbild, Quelle: Pixabay 
Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Blogartikel übrigens zunächst dadurch, dass er auf einer kurz und schlicht "Butjadingen" genannten Facebook-Seite geteilt worden war. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass es sich nicht um eine offizielle Facebook-Präsenz der Gemeinde Butjadingen oder der Butjadingen Kur und Touristik GmbH handelte - direkt gewundert hätte es mich nicht, immerhin ist "Minervas Hexenhof" als Touristenattraktion wichtig genug, um auf der von der Kur und Touristik GmbH betriebenen Website butjadingen.de mit einer eigenen Unterseite beworben zu werden -, sondern um eine rein private, ehrenamtlich betriebene FB-Seite. Jedenfalls bewerteten die Seitenbetreiber die angekündigte Schließung des Hexenhofes als "[s]ehr schade": "wir waren dort immer gerne zu Gast und haben Minervas tollen Geschichten gelauscht". Ähnlich äußerten sich mehrere FB-Nutzer im Kommentarfeld des Beitrags: "eine Bereicherung für Butjadingen" sei der Hexenhof gewesen, ein "Stück alternative Kultur, die fehlen wird". Auf dem Blog selbst liest man in einem Kommentar:
"Naja, ist ja schon irgendwie Tradition, dass Hexen, Hebammen, weise Menschen Zielscheibe der dunklen Kräfte werden."
Ach echt? Hexen bekommen es häufig mit "dunklen Kräften" zu tun? Wie kommt das bloß? (Sarkasmus off.) 

Als ich mich informieren wollte, ob auch die Lokalpresse die angekündigte Aufgabe des Hexenhofs würdigt, stieß ich in der Online-Ausgabe der Nordwest-Zeitung auf ein Osterei der besonderen Art: "So unterschiedlich feiern Heiden und Christen Ostern" ist ein am Gründonnerstag erschienener Beitrag der Volontärin Freya Adameck überschrieben, der auf Interviews mit Hexe Minerva einerseits und dem evangelischen Pfarrer von Nordenham-Blexen, Dietmar Reumann-Claßen, andererseits basiert. 

Wie nicht anders zu erwarten, tischt "Minerva" Winter den Lesern hier das ganze Repertoire handelsüblicher Behauptungen über die angeblichen heidnischen Ursprünge von Ostern auf: Es handle sich um "das erste Sonnenfest des Jahres", das "der Göttin Ostara gewidmet" sei -- einer "altgermanische[n] Frühlingsgöttin", die bei Frühlingsanfang die "Äcker und Felder" mit ihrem Menstruationsblut befruchte ("Deshalb heißt es auch Mutterboden"). Der Name "Ostara" sei möglicherweise mit dem der "angelsächsischen Göttin Eostre" verwandt -- der "Göttin der Morgenröte", die bei den Griechen Eos und bei den Römern Aurora heiße. Weiter heißt es u.a.: 
"Osterwasser ist an Ostara geweihten Quellen zur Osternacht geschöpftes Wasser. Später wurden viele dieser Quellen Maria oder anderen christlichen Heiligen gewidmet. Ein altes Ritual sieht vor, in völliger Stille Wasser zu schöpfen und die Felder oder gar Menschen selbst damit zu segnen. Später machte das Christentum die Taufe daraus."
Das ist natürlich alles ausgedachter Quatsch -- womit ich wohlgemerkt nicht behaupten möchte, Frau Winter hätte sich das selber ausgedacht. Im Wesentlichen ist der Neopaganismus - wie so viele Übel, die uns bis in die Gegenwart und Zukunft hinein plagen - eine Erfindung des 19. Jahrhunderts; wobei speziell die Deutung christlicher Bräuche als angebliche Relikte heidnischer Riten sich ironischerweise vielfach auf antikatholische Verschwörungstheorien aus dem evangelikalen Lager beruft (beispielhaft sei hier nur das Buch "The Two Babylons" von Alexander Hislop genannt). In Wirklichkeit ist es natürlich genau umgekehrt, die Neuheiden sind es, die christliche Bräuche und Riten in ihrem Sinne umdeuten -- dabei aber behaupten, ihre Deutung wäre die ursprüngliche

Es liegt wohl einigermaßen auf der Hand, dass eine so krude Mischung aus Esoterik, Pantheismus, Animismus, Pseudoetymologie und Geschichtsklitterung, wie der Neopaganismus sie darstellt, in einer ehemals christlichen Gesellschaft nur dank der Schwäche der christlichen Kirchen Fuß fassen konnte und kann; und man könnte auf die Idee kommen, es sei ein nicht unwesentlicher Aspekt dieser Schwäche, dass das Christentum seine eigenen Traditionen vernachlässigt hat. In dem Streben nach "gesellschaftlicher Relevanz", dem Bemühen, "modern", "zeitgemäß" und "weltoffen" zu wirken, haben die Kirchen den archaischen und rituellen Aspekt des Christentums aus der Hand gegeben, und der ist daraufhin, sprichwörtlich ausgedrückt, unter die Räuber gefallen. In diesem Zusammenhang wirkt es recht bezeichnend, dass Pfarrer Reumann-Claßen der neuheidnischen Interpretation des Osterfests, wie Hexe Minerva sie anbietet, nicht viel entgegenzusetzen hat und es vor allem nicht schafft, aus der Defensive herauszukommen: "Wir haben sicher einiges vom Heidentum gekapert [sic!]", räumt er ein. 

Insgesamt macht das Phänomen des Neopaganismus (und anderer esoterischer Heilsversprechen) deutlich, dass es zwar einen großen Hunger nach Spiritualität und Transzendenzerfahrungen gibt, dass aber eine nicht geringe Zahl von Menschen glaubt, im Christentum nicht die Erfüllung ihrer diesbezüglichen Bedürfnisse finden zu können; ja mehr noch: Dass auf "Minervas Hexenhof" sogar "Enttaufungs"-Rituale angeboten wurden, ist ein starkes Bild dafür, dass es Menschen gibt, die die christliche Religion effektiv sogar als Hindernis für ihr spirituelles Wachstum betrachten. 

Natürlich kann man in dem NWZ-Artikel - genauer gesagt, in dem Umstand, dass ein auf diese Art konzipierter Artikel überhaupt denkbar ist - auch etwas Positives entdecken, nämlich ein Indiz dafür, dass die christlichen Traditionen rund um das Osterfest für viele Menschen schon genauso fremd und exotisch geworden sind wie irgendein ausgedachter naturmagischer Kult. Inwiefern das etwas Positives sein soll? Nun, es macht das missionarische Potential dieser Fremdheit deutlich, wenn die christlichen Kirchen sich nur mal trauen würden, sich gegenüber der säkularen (Post-)Moderne zu ihrem Anderssein zu bekennen und es zu pflegen. 

Was also könnte man tun, gerade in Butjadingen und gerade jetzt, wo sich durch die Schließung des Hexenhofs eine Lücke im spirituellen "Angebot" auftut? Schon im vorigen Sommer tagträumte ich auf meinem Blog von einer Wiederansiedlung von Mönchen in der Wesermarsch, die ähnliche Auswirkungen haben könnte wie die Neuansiedlung von Wölfen im Yellowstone-Nationalpark. Dazu muss man allerdings einräumen, dass, wie mir verschiedentlich berichtet wurde, die meisten (oder jedenfalls viele) Ordensgemeinschaften im deutschsprachigen Raum geistlich-geistig-moralisch (und in der Folge auch personell) in einem derart beklagenswerten Zustand sind, dass sie eher selbst eine geistliche Erweckung nötig hätten, als dass man ihnen zutrauen könnte, irgendwen oder irgendwas zu erwecken. Nahezu die einzige Ordensgemeinschaft in unseren Breiten, die gesund ist und wächst, scheinen die Zisterzienser von Heiligenkreuz zu sein -' die, während andere Klöster an Nachwuchsmangel eingehen, sogar Tochterpriorate gründen,  zuletzt in Neuzelle in der brandenburgischen Lausitz, wo sie ein 200 Jahre zuvor säkularisierte Kloster neu belebt haben. Ich will damit nicht sagen, dass eine Ansiedlung von Mönchen in der Wesermarsch, wie ich sie mir erträume, unbedingt von Heiligenkreuz ausgehen müsste; meinetwegen könnten die Mönche auch aus Indien oder Äquatorialguinea kommen. Ich will lediglich sagen: Das Beispiel Neuzelle (ich war, wie regelmäßige und aufmerksame Leser meines Blogs wissen werden, in diesem Frühjahr zweimal dort) zeigt, dass eine solche Neugründung funktionieren kann. Ich stelle mir vor, dass eine Gruppe von vier bis acht Mönchen auf einem Resthof in Butjadingen Selbstversorger-Landwirtschaft betreibt, dabei vielleicht auch ausreichend Überschuss produziert, um einen kleinen Hofladen zu betreiben. Obendrein könnte man auf so einem Hof - wie Hexe Minerva es ja auch getan hat, nur eben anders - Seminare, Einkehrtage, Exerzitien anbieten; und für Chorgebet und Heilige Messe würde ihnen bestimmt eine der örtlichen Kirchengemeinden eine der schönen mittelalterlichen Dorfkirchen zur Verfügung stellen, die die evangelisch-lutherische Kirche angesichts grassierenden Personal- und Mitgliederschwunds ohnehin nicht mehr in vollem Umfang nutzen kann. Und so würden die Mönche nach und nach das spirituelle Ökosystem dieses Landstrichs ins Gleichgewicht bringen. 

Träumen kann man ja wohl mal.



1 Kommentar:

  1. Ich fürchte, daß die Bischöfe an einer solchen Entwicklung (besten Falls) kein Interesse haben.

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