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Samstag, 26. Januar 2013

Du bist ein Wunder!


In meinem letzten Beitrag habe ich mich eingehend mit der Gretchen Sackmeier-Trilogie von Christine Nöstlinger auseinandergesetzt, aber ein Detail muss ich doch noch nachtragen - wenn auch letztlich nur zu Überleitungszwecken. Angesichts der ausgeprägt links-alternativen und feministischen Gesinnung, die aus den Sackmeier-Romanen spricht, finde ich es nämlich recht bemerkenswert, dass ein bestimmtest Thema dort nicht zur Sprache kommt: das Thema Abtreibung. Dabei gibt es eine Passage gegen Ende des ersten Romans, in der die Autorin diesem heißen Eisen immerhin recht nahe kommt. Auf S. 148 (der alle-drei-Romane-in-einem-Band-Sonderausgabe) nämlich wird Gretchen
"etwas klar, was sie eigentlich - als gute Rechnerin - hätte längst wissen müssen, was sie sich aber nie überlegt hatte: Die Mama war schon - mit Gretchen - schwanger gewesen, als sie noch in die Schule gegangen  war. Mit Gretchen im Bauch hatte sie Matura gemacht! Gretchen fand das faszinierend.
'Menschenskind, das war nicht faszinierend, das war die komplette Scheiße', sagte Marie-Luise. 'Wenn ich dran denk!' Sie seufzte. 'Zuerst ist deine Mama noch schnell aufs Häusel kotzen gegangen und dann ist sie rein zur Prüfungskommission!' Die Marie-Luise schüttelte bekümmert den Kopf."
Wenn aus letzterer Einlassung die Lehre zu ziehen sein soll, Mädchen sollten sich möglichst davor hüten, schwanger zu werden, bevor sie die Schule abgeschlossen haben, dann wird wohl kaum jemand dieser Maxime ernsthaft widersprechen wollen. Problematisch wird es ja erst, wenn so ein Schulmädchen - wie eben Gretchens Mutter - doch schwanger wird. Heute, über 30 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Gretchen Sackmeier-Romans, scheint es in den Augen einer großen Zahl von Menschen, zumindest in Deutschland, mehr oder weniger selbstverständlich zu sein, dass man der jungen Schwangeren in so einem Fall zur Abtreibung raten würde. Zu bedenken ist hier aber zweierlei: einmal, dass Gretchen Sackmeier in Österreich spielt; und zum anderen: Wenn man davon ausgeht, dass die Handlung, vom Zeitpunkt des Erscheinens der Bücher aus gesehen, ungefähr in der Gegenwart, zumindest nicht in der Zukunft angesiedelt ist (im 1983 erschienenen zweiten Band wird ein Ereignis aus dem Jahr 1981, die Verurteilung von Mao Zedongs Witwe Jiang Qing, erwähnt), dann muss die Schwangerschaft, von der hier die Rede ist, etwa Mitte der 60er Jahre stattgefunden haben - zu einer Zeit also, als Abtreibung in Österreich, wie übrigens auch in Deutschland, noch grundsätzlich (und nicht nur theoretisch) unter Strafe stand. Der jungen Elisabeth damals-noch-nicht-Sackmeier wäre es also nicht leicht möglich gewesen, sich, um es mit einem populären Euphemismus zu sagen, "gegen das Kind zu entscheiden". Aber wäre es einer so kämpferischen Feministin wie "der Marie-Luise" nicht zumindest zuzutrauen, diesen Umstand explizit hervorzuheben und das prä-'68er-Abtreibungsstrafrecht als institutionalisierte Unterdrückung der Frau anzuprangern? - Nun ja: Wollte "die Marie-Luise" das tun, dann müsste sie Gretchen damit mehr oder weniger durch die Blume zu verstehen geben: "Ich hätte es besser gefunden, wenn deine Mutter dich abgetrieben hätte." Und das wäre nicht nur Gretchen gegenüber ein Affront, sondern nicht zuletzt auch dem Leser gegenüber, dem Gretchen von der ersten Seite an als Identifikationsfigur und Sympathieträgerin präsentiert worden ist. Der Leser kann schlechterdings nicht mit der Idee sympathisieren, die Titelheldin des Buches wäre nie geboren worden.

Auf einen ähnlichen Effekt scheint eine Initiative von Lebensschützern in den USA zu hoffen, die Pattie Mallette, die Mutter des Teenie-Idols Justin Bieber, für die Mitwirkung an einem Filmprojekt gewonnen hat. Dem Umstand, dass Justin Bieber bekennender Christ ist, wird zumindest in der deutschen Öffentlichkeit wenig Beachtung zuteil; Josef Bordat hat diesem Phänomen bereits im letzten Frühjahr zwei Artikel gewidmet. Biebers hiesige Vermarkter mögen durchaus ein Interesse daran haben, dass die religiöse Orientierung des singenden Mädchenschwarms nicht groß thematisiert wird; eine interessante Information ist es aber allemal, zumal Biebers enthusiasmierte 10-13jährigen Fans, die sich selbst "Beliebers" nennen, häufig den Eindruck erwecken, sie hielten den 18jährigen Popsänger selbst für den Messias. - Was für mein aktuelles Thema jedoch noch weit bedeutsamer ist als Biebers religiöse Einstellung, ist der Umstand, dass seine Mutter im Alter von 17 Jahren mit ihm schwanger war und Freunde und Bekannte ihr eine Abtreibung nahe gelegt hatten. Vor diesem Hintergrund gewinnt Pattie Mallettes Mitwirkung an dem besagten Filmprojekt eine ganz besondere Signifikanz. Zwar handelt es sich nicht um ein quasi-autobiographisches Werk wie Eminems 8 Mile oder Bushidos Zeiten ändern dich, sondern um einen Kurzfilm in historischem Gewand, aber es liegt doch auf der Hand, dass die Mitwirkung der Mutter eines Weltstars das Augenmerk der Öffentlichkeit auf deren eigene Geschichte lenken wird und soll. Die Welt soll erfahren, wie leicht es hätte geschehen können, dass Justin Bieber abgetrieben worden wäre, und die "Beliebers", die sich ihr Leben ohne Justin Bieber nicht vorstellen können (zumindest solange, bis sie dem nächsten Popidol verfallen), sollen Gott auf den Knieen danken, dass es nicht dazu gekommen ist.

Unschöne Reaktionen von Lebensschutz-Gegnern sind durchaus vorauszusehen. Wahrscheinlich wird man den Machern des Films vorwerfen, sie seien schuld, wenn minderjährige Mädchen schwanger werden und nicht abtreiben wollen, weil es ja sein könnte, dass ihr Kind der nächste Justin Bieber wird. Und bei künftigen Bieber-Konzerten können Lebensschutz-Gegner sich gegenüber dem Eingang zusammenrotten und den "Beliebers" zurufen: "Hätte Justin Biebers Mutter abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben!"

Aber jetzt mal ohne Flachs: Wenn schon eine Romanfigur und ein Pop-Idol, das zwar ein real existierender Mensch, im Leben seiner Fans aber letztlich doch nur eine fiktive Figur ist, den geneigten Betrachter auf den Gedanken bringen können, es wäre doch jammerschade, wenn diese Person abgetrieben worden wäre, dann sollte das doch auch im realen Leben funktionieren. Ich empfehle daher folgendes kleine Experiment zur Nachahmung:

Setz dich einem Menschen gegenüber, den du sehr gern hast, der dir viel bedeutet und der dein Leben bereichert. Schau diesen Menschen an und versuch dir vorzustellen, es gäbe diesen Menschen nicht, weil er nie geboren worden wäre. Stell dir vor, wieviel ärmer dein Leben dann wäre.

Das sollte als - zugegebenermaßen subjektives - Argument für den Lebensschutz eigentlich ausreichen.

(Ich weiß schon: Man kann mir hier einwenden, auch das umgekehrte Vorgehen sei möglich: Man könne auch einen Menschen, der einem ausgesprochen zuwider ist, ins Auge fassen, sich die Welt ohne diesen Menschen vorstellen und finden, das sei ein gutes Argument für Abtreibung. Aber ganz im Ernst: Wer nicht in der Lage ist, einen einzigen Menschen mehr zu lieben, als er seinen schlimmsten Feind verabscheut, bei dem ist wohl Hopfen und Malz verloren...)

Kommentare:

  1. Ich finde es sehr vernünftig, schwangeren Schulmädchen die Möglichkeit der Abtreibung zuminest zu nennen und ihnen klarzumachen, dass man das Commitment zu einer ungeplanten Schwangerschaft teuer bezahlt. Als ehemaliges schwangeres fast-noch-Schulmädchen, das ihr Kind bekommen und (halbwegs erfolgreich) großgezogen hat, wohlgemerkt. Nicht jede ist überhaupt fähig und in der Lage, eine Mutterrolle auszuüben, nicht jede hat die soziale Unterstützung und /oder sozioökonomische Schicht, die aus einer Katastrophe ein halbwegs packbares Disaster macht. Nicht jeder junge Mann "kann" Vater, und wir haben genug vaterlose Jungs, um zu wissen, dass DAS besonders desaströs ist.
    Also, ein Kind sollte in diesem Alter nur bekommen, wer sich das wirklich zutraut, wer das will und wer ein halbwegs sicheres und auch finanziell abgesichertes Zuhause bieten kann. Sonst handelt sie sich und ihrem Kind womöglich zwanzig problembeladene Jahre ein oder mehr. Ich würde das, mit meinem Rückblick auf die letzten zwanzig Jahre, nicht mehr riskieren. Ich würde NUR MEHR ein Kind bekommen, das ich WILL, gut VERSORGEN und FÖRDERN kann und dem ich eine halbwegs intakte Familie bieten kann.
    Und wer hier rein aus der Theorie raus schreibt und eben NICHT zwanzig Jahren mit den Konsequenzen einer ungeplanten Schwangerschaft gelebt hat, soll sich doch bitte zum Thema Abtreibung möglichst zurückhalten. Er oder sie spricht wie ein Kurzsichtiger von der Farbe.
    Wenn ich mir übrigens einen Menschen ansehe, den ich liebe, weiß ich: wenn dieser Mensch nie existiert hätte, würde er mir nicht abgehen, denn ich hätte ihn nie kennengelernt. Statt dessen hätte ich andere Menschen kennengelernt, die ich lieben würde. And that's it.

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    1. Nur zur Klarstellung: Es geht mir gar nicht darum, ein Urteil über ungewollt schwangere Frauen oder Mädchen zu fällen oder ihnen 'vorzuschreiben', was sie tun sollen. Das stünde mir tatsächlich nicht zu. Vielmehr geht es mir darum, dass auch ein ungeborenes Kind ein vollwertiger Mensch mit einer eigenen Daseinsberechtigung ist.

      "Wenn ich mir übrigens einen Menschen ansehe, den ich liebe, weiß ich: wenn dieser Mensch nie existiert hätte, würde er mir nicht abgehen, denn ich hätte ihn nie kennengelernt. Statt dessen hätte ich andere Menschen kennengelernt, die ich lieben würde. And that's it."

      Klingt ausgesprochen logisch. Aber auch sehr kühl. Jeder Mensch ist ersetzbar... Sagen Sie das auch den Menschen, die Sie lieben? Wie finden die das?

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  2. Realistisch, meint zumindest die Liebe meines Lebens, die ich soeben mit der Thematik konfrontiert habe.
    Ich liebe doch Menschen nicht weniger, wenn mir klar ist, dass ich, wenn sie nicht existieren würden, andere Menschen lieben würde. Das hat nicht mit "ersetzbar" zu tun, denn der Mensch ist eben NICHT ersetzbar durch einen Menschen, der nicht existiert. Und wenn er nicht existieren würde, aber dafür ein anderer, dann wäre er ebenfalls nicht ersetzbar, da es eben den anderen geben würde, aber ihn nicht.
    Natürlich schmerzt mich der Tod meiner Großmutter sehr, aber ich habe sie nahe und über einen langen Zeitraum hindurch gekannt und hatte eine enge Verbindung zu ihr. Hätte es sie nie gegeben,was sollte mich da schmerzen?
    Es hat sie aber gegeben, ich habe sie gekannt und geliebt und natürlich kann sie niemand je ersetzen.

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    1. Gut - jetzt sehe ich klarer. Danke für die Antwort und fürs Ernstnehmen der Frage...

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  3. Danke für's ernstnehmen der Überlegung!
    Ich habe noch ein bisschen nachgedacht und meine, dass die ehrliche Perspektive einer Betroffenen vielleicht in der Diskussion von Nutzen sein könnte.
    Wenn ich mein Kind ansehe, gibt es mir immer wieder mal einen Stich und ich sehne mich nach dem Kind, das ich hätte haben können, wenn ich mich nicht für das Kind entschieden hätte, das ich habe. Das Kind, das ich geboren habe, ist nicht ganz unproblematisch - wofür es nichts kann, denn es wuchs unter schwierigen Umständen auf - und natürlich hätte dieses Kind, dass ich vielleicht andernfalls gehabt hätte, auch zickige Phasen gehabt oder Schulprobleme oder Windpocken. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir so viele Schwierigkeiten gehabt hätten, wäre aber trotzdem geringer gewesen - dieses Kind, das ich eben NICHT hatte, hätte eine weniger überfordete Mutter gehabt und höchstwahrscheinlich auch einen Vater und eine gewisse materielle Absicherung. Natürlich ist es erschreckend und zuiefst unfair, wenn man sein Kind ansieht und fühlt: "Ich hätte dich NICHT haben können, sondern jemanden anderen, und es wäre möglicherweise viel unproblematischer und einfacher." Das WEISS ich - ich suche mir das Gefühl aber nicht aus. Es ist ein Stück Trauer und es ist einfach da - obwohl es so unfair gegenüber dem geborenen Kind ist, das überhaupt keine Wahl hatte und das keiner je gefragt hat, ob es das Leben unter diesen Umständen als wahnsinnigen Gewinn betrachtet.
    Gerade deshalb bin ich so vehement dagegen, dass irgendjemand in Jubel ausbricht, nur, weil eine 18-jährige, die nicht weiß, worauf sie sich einlässt, ein Kind bekommt. Damit, dass sie ihr Kind bekommt, ist noch nichts gewonnen! Ob das Kind geliebt wird, ist nicht entschieden. Und auch, ob das Kind gut aufwachsen kann, nicht.
    Ich glaube nicht, dass es einfach per se besser und wertvoller für einen Menschen ist, geboren zu werden und zu leben. Leben ist für mich dann lebenswert, wenn es mit einem gewissen Maß an Liebe, Geborgenheit, Sicherheit und auch Gesundheit verbunden ist - und nur dann, wenn das geboten ist, halte ich es für fair, ein Kind in die Welt zu setzen (oder würde ich selber leben wollen. Ich habe meine Großmutter in ihren letzten Lebensjahren begleitet und würde selbst unter diesen Umständen einer schweren Demenz nicht leben wollen - so wie sie selbst auh das Leben nur mehr als Quälerei betrachtet hat.)
    Ansonsten halte ich es mit Kästner: "Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren: er sitzt auf einem Baum im All und lacht." Wenn mein Kind nie existiert hätte, würde es leiden, weil es nie geboren worden wäre? Ich glaube nicht. Es würde einfach nicht existieren,und damit auch keine Überlegungen, Gedanken und Gefühle.

    NB: Für alle, die sich jetzt fragen, ob ich das Kind in einem Raum unter der Treppe gefangenhalte wie Harry Potter: Das Kind ist fast erwachsen, hat den Führerschein geschafft, strebt dem Abi zu, weiß noch nicht, welchen Beruf es ergreifen will, wünscht sich einen Hund und scheint mittlerweile ein bisschen was von seinen Defiziten aufgeholt zu haben. Ich habe getan, was mir möglich war, und werde immer bereuen, dass mir nicht mehr möglich war.

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  4. Liebe Anonyma: Sie haben Recht - Ihre aufrichtigen und engagierten Beiträge SIND wertvoll für die Diskussion. Ich verstehe Sie schon viel besser als zu Beginn dieser Auseinandersetzung. Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen - wie sollte es anders sein... Zum Beispiel bin ich der Überzeugung, die Antwort auf die Frage, ob ein Leben lebenswert sei oder nicht, liege nicht im menschlichen Ermessen, schon gar nicht im Ermessen eines ANDEREN Menschen, und wenn's die eigene (potentielle) Mutter ist. Aber ich will hier gar nicht (wieder) polemisch werden, da ich Ihre Diskussionsbeiträge wirklich schätze. Mehr nach einer Mütze voll Schlaf!

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