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Sonntag, 13. Januar 2013

Ich hörte es durch die Weinrebe

In meinem letzten Beitrag erwähnte ich - nur ganz am Rande, aber voll des Lobes - die von der Gruppe Creedence Clearwater Revival eingespielte Version des R&B-Klassikers "I Heard It Through The Grapevine". Nun ist der Song in der wohl bekanntesten Version - von Marvin Gaye - ja unbestritten ein derartig brillantes Werk, dass es eigentlich stilpolizeilich verboten sein sollte, es zu covern - aber was CCR daras gemacht hat, braucht sich vor (oder hinter) Marvin Gayes Fassung wahrlich nicht zu verstecken.

Der auf den ersten Blick rätselhaft anmutende Songtitel erinnert mich übrigens immer an einen Trickfilmklassiker von Altmeister Tex Avery mit dem Titel Symphony In Slang (1951): Darin kommt ein Amerikaner in den Himmel und erzählt den Engeln seine Lebensgeschichte, gewürzt mit allerlei bildhaften Ausdrücken ("Ich war außer mir", "eine alte Flamme", "Es regnete Katzen und Hunde"). Die Engel, mit sprichwörtlichen Redensarten nicht vertraut, verstehen aber alles, was er sagt, wortwörtlich, und so wird die Erzählung im Cartoon auch illustriert. Da fehlt auch eine Weinrebe nicht, die dem Protagonisten etwas zuflüstert. Der Sinn der Redewendung wird hier unmittelbar ersichtlich: "to hear s.th. through the grapevine" heißt soviel wie "ein Gerücht aufschnappen" oder "etwas aus zweiter (oder dritter) Hand erfahren". Die Entstehung dieser Redewendung erkläre ich mir so, dass dabei an eine Laube oder Pergola gedacht ist, deren aus Weinreben gebildeten Wände es ermöglichen, unbemerkt Gespräche mit anzuhören, die auf der anderen Seite geführt werden.

Der Lauscher an der Wand - so lehrt es ein deutsches Sprichwort - hört seine eig'ne Schand'; und so ergeht es auch dem lyrischen Ich von "I Heard It Through The Grapevine". Was der unglückliche Protagonist nämlich erfährt, ist der Umstand, dass seine Liebste sich mit dem Gedanken trägt, ihn zu verlassen und zu ihrem Ex zurückzukehren. Er ist begreiflicherweise bestürzt ob dieser Kunde, vor allem aber verletzt es ihn, dass sie es ihm nicht selbst gesagt hat, sondern er es quasi hinter ihrem Rücken erfahren musste - daher der Titel.

Die zweite Strophe beginnt mit einem Vers, der - sollte sich heute jemand unterfangen, den Song erneut zu covern - aus Gründen der political correctness wohl geändert werden müsste: "I know a man ain't supposed to cry". Was soll das heißen, Männer sollen nicht weinen - solche geschlechtsspezifischen Verhaltensnormen sind ja wohl sowas von passé, wo komm' wir denn da hin, wir sind doch nicht mehr im Mittelalter. (Zwar ist, nebenbei bemerkt, die mittelalterliche Literatur voll von weinenden Männern, aber darauf kommt es nicht an. "Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter" ist ein absolut unschlagbares Argument für oder gegen absolut ALLES. Das muss mit dem wirklichen Mittelalter nichts zu tun haben.) Zwar dient der Hinweis auf die gesellschaftliche Konvention, derzufolge Männer nicht weinen sollen, im Kontext der Strophe nur dazu, die Wirkung des Umstandes zu erhöhen, dass das lyrische Ich es doch tut ("but these tears I can't hold inside"); man könnte mit etwas gutem Willen also sogar so etwas wie Kritik an geschlechtsspezifischen Verhaltensnormen aus dem Songtext heraushören (was übrigens auch für "Boys Don't Cry" von The Cure gilt). Aber egal, trotzdem, basta, päng: "Männer sollen nicht weinen", das geht nicht, das kann man heute nicht mehr sagen, das ist einfach nicht mehr zeitgemäß, nein nein nein.

- Oder doch? Schauen wir uns die Formulierung ruhig mal etas genauer an. Das englische "to be supposed to do s.th." wird im Deutschen gern kurz und schlicht mit "etwas tun sollen" wiedergegeben, aber es fällt schon auf, dass die im Allgemeinen für die Kürze und Prägnanz ihrer Formulierungen bekannte englische Sprache sich hier einer längeren und umständlicheren Wendung bedient als die deutsche, die doch so gern umständlich ist. "To be supposed" ist, wie von der Form her unschwer ersichtlich ist, das Passiv von "to suppose" = "annehmen, voraussetzen, davon ausgehen". "A man ain't supposed to cry" heißt also in etwa: "Von einem Mann wird erwartet, dass er nicht weint". Und da wage ich zu behaupten: Das gilt auch heute noch. Gerade auch für Frauen. Spätestens seit den 70er Jahren wird den Männern gepredigt, sie müssten lernen, ihre Gefühle zu zeigen; aber wehe, sie tun es wirklich. In "platonischen" Freundschaften mögen Tränen (die ihre Ursache dann ja in der Regel woanders haben) eventuell noch erlaubt sein, aber in "Beziehungen" darf nur einer weinen, nämlich die Frau. Das ist ein Privileg, das sie entschlossen verteidigt - mindestens ebenso entschlossen wie das Privileg, kalte Füße zu haben.

"I Heard It Through The Grapevine" wurde 1966 von Norman Whitfield (Komposition) und Barrett Strong (Text) verfasst, zu einer Zeit also, als Geschlechterrollen-Zuschreibungen noch weit unumstrittener waren als heute. Umso interessanter ist es, dass bereits 1967 eine Version mit einer weiblichen Gesangsstimme erschien: Noch bevor Marvin Gayes Aufnahme veröffentlicht worden war, wurde der Song von Gladys Knight & The Pips gecovert. Das erforderte einige Modifikationen am Text; weitestgehend beschränkten sich diese jedoch darauf, die Wörter "guy" und "man" durch "girl" zu ersetzen. Eine durchaus praktikable Lösung - außer für den hier besprochenen Beginn der zweiten Strophe. Hier wurde der ganze erste Vers gestrichen und durch die Worte "Take a good look at these tears of mine" ("Sieh dir meine Tränen gut an") ersetzt. Ohne Zweifel ein gelungener Vers: Die gekränkte Frau weist den Mann ostentativ auf die Tränen hin, die er verursacht hat. Eine stolze Haltung, die man im R&B der 60er Jahre häufiger findet, so in mehreren Songs von Aretha Franklin ("Respect", "Think", "Chain Of Fools"). Dass an dieser, und nur an dieser, Stelle von "I Heard It Through The Grapevine" eine signifikante Textänderung vorgenommen wurde, ist jedenfalls bezeichnend; denn: "A girl ain't supposed to cry" - "Mädchen sollen nicht weinen"? Wer hätte dergleichen jemals behauptet?

Abgesehen von Frankie Valli & The Four Seasons natürlich.


(So: Und nachdem ich mich nun schön auf die Themen "political correctness" und "zeitgemäße Bearbeitung von Texten" eingeschrieben habe, folgt in Kürze mein Beitrag über die vom Thienemann-Verlag angekündigte Neubearbeitung der Werke Otfried Preußlers. Stay tuned!)

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