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Sonntag, 13. Januar 2013

Eine kurze Geschichte der Literaturverschlimmbesserung

Unlängst wurde ich durch eine lakonische Notiz im Blog Klosterneuburger Marginalien darauf aufmerksam gemacht, dass der Kinderbuchverlag Thienemann angekündigt hat, die Werke Otfried Preußlers (*1923) einer "sprachlichen Weiterentwicklung" zu unterziehen. Näheres war auf Welt Online zu erfahren; etwa, dass aus Preußlers Die kleine Hexe (1957) und Der Räuber Hotzenplotz (3 Teile, 1962-73) das Wort "Neger" getilgt werden soll.

Diese Ankündigung wirft natürlich erst einmal die Frage auf, wo in diesen Büchern denn überhaupt "Neger" vorkommen. Die kleine Hexe habe ich nie besonders gemocht, wohingegen ich mit dem Hotzenplotz praktisch lesen gelernt habe (nicht im wörtlichen Sinne - lesen gelernt habe ich mit Comics und der TV-Zeitschrift -, aber die drei Hotzenplotz-Bände gehörten zu den ersten Büchern, die ich aus eigenem Antrieb, vollständig und mit Begeisterung gelesen habe); beide Texte liegen mir aber momentan nicht vor, also kann ich nur spekulieren. Ich glaube eigentlich nicht, dass in einem dieser Bücher tatsächlich Angehörige jener Ethnien auftreten, für die die Bezeichnung "Neger" zur Entstehungszeit der Texte noch allgemein gebräuchlich war. Ich nehme eher an, dass der "Begriff "Neger" im sprichwörtlichen oder vergleichenden Sinne in den Büchern vorkommt, etwa dergestalt, dass von jemandem mit einer ausgeprägten Sonnenbräune gesagt wird, er sehe aus "wie ein Neger". Aber auf diesen Unterschied kommt es wohl kaum an. - Wenn der Leser sich einige Zeit nach der Lektüre nicht mehr an die Erwähnung irgendwelcher "Neger" erinnern kann, dann scheint es auf der Hand zu liegen, dass diese Erwähnungen problemlos gestrichen werden können, ohne dass dem Leser etwas fehlt (was freilich noch nichts darüber aussagt, inwieweit solche Eingriffe in den Text legitim, sinnvoll oder gar notwendig sind). Einige Werke anderer klassischer Kinderbuchautoren lassen sich hingegen nur mit erheblich größerem Aufwand "negerfrei" machen. Ein Paradebeispiel hierfür ist Astrid Lindgrens Pippi in Taka-Tuka-Land (1948) - dessen deutsche Ausgabe, die bei Oetinger erscheint, gleichwohl bereits 2009 in diesem Sinne überarbeitet wurde - dazu wird noch Verschiedenes zu sagen sein; Claudia Sperlich erinnerte im Kommentarbereich des oben angesprochenen Klosterneuburger Marginalien-Artikels an James Krüss' reizende Erzählung Der Neger Martin; und mir fiel jüngst siedendheiß einer der Helden meiner Kindheit, Michael Endes Jim Knopf, ein: Darf der nun auch kein Neger mehr sein, bzw. so genannt werden? Und was ist mit "Nigger Jim" aus Mark Twains Huckleberry Finn? - Okay, das ist nun nicht direkt ein Kinderbuch.

Ich will mich hier aber gar nicht weiter über den Begriff "Neger" oder überhaupt über das Dilemma der politically correct language auslassen, das darin besteht, dass jede für einen angeblich oder tatsächlich diskriminieren Begriff eingesetzte neue Bezeichnung früher oder später ebenfalls als diskriminierend empfunden werden wird, solange die so bezeichnete Personengruppe faktisch diskriminiert wird. Das ist zwar ein ergiebiges Thema, aber eigentlich geht es hier um etwas Anderes - und zwar nicht nur mir. Schließlich soll, wie man jüngst erfahren konnte, nicht nur das Wort "Neger" aus den Preußler-Büchern ausgemerzt werden, sondern, beispielsweise, auch das Wort "wichsen". Moment: Sind wir jetzt wieder im 19. Jahrhundert angekommen, feiert der Schrebersche Antimasturbationsgurt fröhliche Urständ? Mitneffen bzw. -nichten; die Eliminierung des Wortes "wichsen" ist offenbar nicht durch die Absicht motiviert, Anstiftung zur Selbstbefriedigung zu verhindern, schließlich kommen in Die kleine Hexe und im Räuber Hotzenplotz keine Gruppenmasturbationsszenen wie in Günter Grass' Katz und Maus vor; vielmehr wird "wichsen" dort einerseits im Sinne von "putzen, polieren" und andererseits im Sinne von "verprügeln" verwendet. Im Verlag ist man nun offenkundig der Meinung, dieser Begriff sei veraltet, womöglich missverständlich, zumindest "nicht mehr zeitgemäß". Nun ja: Wie sollte man von Büchern, die vor vierzig bis 55 Jahren geschrieben wurden, erwarten, dass sie "zeitgemäß" seien? Aber genau deswegen, so argumentiert der Verlag, muss man sie ja überarbeiten. - Dass "Zeitgemäßheit" (oder wie auch immer man den Begriff substantivieren soll) notwendigerweise und selbstverständlich etwas Gutes sei, scheint mir - nebenbei bemerkt - die typische, wenn auch wohl meist unreflektierte, Annahme von Menschen zu sein, deren Verständnis von "Fortschritt" die Vorstellung bedingt, die heutige Zeit sei die beste aller bisher dagewesenen, und man könne (oder müsse) die Vergangenheit hinter sich werfen wie einen gebrauchten Pappbecher.

In den krummen Gehirnwindungen mancher Zeitgenossen (!) ist der Begriff des "Zeitgemäßen" übrigens, scheinbar widersinnigerweise, eng verwandt mit dem des "Zeitlosen". So begründet Thienemann-Mitarbeiter Klaus Willberg die Preußler-Bearbeitungen mit der erstaunlichen Aussage, es sei "notwendig, Bücher an den sprachlichen und politischen Wandel anzupassen": "Nur so bleiben sie zeitlos." Als Literaturwissenschaftler fasse ich mir da an den Kopf; aber vergessen wir nicht, dass hier der Repräsentant eines Verlags spricht. Leser wie Autoren mögen sich vorstellen oder wünschen, ein Verleger sei ein ebenso geschmackvoller wie kenntnisreicher und von hohen Idealen beseelter Förderer der Kunst, und mancher Verleger sieht sich vielleicht auch selbst so; in günstigsten Fall führt dieses Selbstbild dazu, dass der Verleger sich tendenziell oder ansatzweise tatsächlich so verhält. Aber in erster Linie ist ein Verleger nun mal ein Kaufmann; Bücher sind die Ware, mit der er handelt, und die Qualität dieser Ware bemisst sich daran, wie gut sie sich verkauft. Die Vorstellung, man müsse die Ware, um sie auf dem Markt zu halten, von Zeit zu Zeit "updaten", ist durchaus - nun ja - "zeitgemäß".

Im Zuge einer ausführlichen Kritik an rassistischen Inhalten von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf-Büchern äußerte Anatol Stefanowitsch unlängst im Sprachlog: "Das Idealbild eines künstlerischen Individuums, das ein unveränderliches Werk schafft, ist offensichtlich in unserer Gesellschaft im Moment so dominant, dass es als Frevel betrachtet wird, wenn andere in ein solches Werk eingreifen." Die Formulierung "im Moment" scheint zu unterstellen, dies sei früher anders gewesen. Tatsächlich habe ich vielmehr den Eindruck, "im Moment" gehe der Trend in die entgegengesetzte Richtung, nämlich in die, die Vorstellung des geistigen Eigentums eines Autors an seinem Werk radikal in Frage zu stellen. Mir fällt da unwillkürlich der glücklose Ansgar Heveling ein, mit seiner skurrilen Idee, die Bürger sollten zur Verteidigung des Rechts auf geistiges Eigentum "auf die Barrikaden" gehen und "Goethe, die Bibel oder auch Marx" zitieren - "Am besten aus einem gebundenen Buch!" Das ließe sich heute trefflich aktualisieren zu "und zitiert Otfried Preußler, Astrid Lindgren oder auch Michael Ende - am besten aus einer möglichst frühen Auflage!" Aber ich schweife ab. - Man muss beileibe keine so apokalyptischen Töne anschlagen wie Herr Heveling, um zu konstatieren, dass die Idee des geistigen Eigentums in Zeiten von "Google Books" und Piratenpartei tatsächlich zunehmend zur Disposition gestellt wird. Wenn du dein geistiges Eigentum für dich behalten willst, dann lass deine Werke doch im abgeschlossenen Nachtkästchen - sobald du sie veröffentlichst, gehören sie nicht mehr dir. Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um.

So modern und piratig das wirkt, ist es doch andererseits nicht zu leugnen, dass es Versuche, literarische oder andere künstlerische Werke nachträglich zu "verbessern", auch schon früher gegeben hat - wahrscheinlich sind sie so alt wie die Literatur selbst. Früher allerdings herrschte unter kunstsinnigen Menschen ein weitgehender Konsens darüber, dass dieses Ansinnen banausisch sei; das galt auch und gerade in Zeiten, in denen es ein Urheberrecht im heutigen Sinne noch nicht gab. Der Spott über beflissene Verschlimmbesserer ist vielfach sprichwörtlich geworden; wobei man anmerken muss, dass der deutsche Begriff "verballhornen" dem bemitleidenswerten Johann Balhorn dem Jüngeren, einem durchaus verdienstvollen Lübecker Buchdrucker des 16. Jhs., wohl Unrecht tut. Balhorn druckte anno 1586 eine Ausgabe des Lübecker Stadtrechts, die zahlreiche sinnentstellende Fehler aufwies; es ist nicht unbedingt anzunehmen, dass er diese Fehler selbst verursacht hat, aber sein Name war eben der einzige, der auf dem Titelblatt stand. Mehr "case to the point" sind die englischen Ausdrücke "bowdlerism" bzw. "to bowdlerize", die auf Thomas Bowdler (1754-1825) zurückgehen; dieser, von Beruf eigentlich Arzt, publizierte 1818 den Family Shakespeare, eine Shakespeare-Gesamtausgabe, aus der alle jene "Worte und Ausdrücke" getilgt waren, "die schicklicherweise nicht in einer Familie vorgelesen werden können" - erinnert uns das an was? Bowdler erwarb sich mit dieser Edition jedenfalls einen Nachruhm, der dem des italienischen Renaissance-Malers Daniele de Volterra (1509-1566) ähnelt: Dieser wurde 1564 damit beauftragt, die für das sittliche Empfinden hochrangiger Kirchenvertreter allzu nackten Gestalten auf Michelangelos Fresko Das jüngste Gericht an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle nachträglich zu "bekleiden" - was ihm den Spitznamen Braghettone, "Hosenmaler", eintrug. An seine eigenen Werke erinnert sich heute keiner mehr. - Doch zurück zu Bowdler und seinen geistigen Verwandten: Gerade im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur waren Bestrebungen zur "Reinigung" von Texten von jeher verbreitet; man spricht hier von Bearbeitungen ad usum delphini, wörtlich "zum Gebrauche des Dauphins", also des französischen Thronfolgers zur Zeit des ancien régime - für diesen nämlich wurden seinerzeit diverse literarische Werke so umgearbeitet, dass sie sich zu seiner Erziehung "schickten". Im Zuge der Demokratisierung der Öffentlichkeit wurde dieses fragwürdige Privileg dann auch auf Bücher für bürgerliche Kinder ausgeweitet.

Neben Bücherverschlimmbesserungen aus pädagogischen Gründen gab und gibt es aber auch solche, die dadurch entstehen, dass Verlagsmitarbeiter ein literarisches Werk für verbesserungsbedürftig halten, weil sie es schlicht nicht verstehen. So erging es etwa E.T.A. Hoffmanns Roman Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819/21): Dieser Roman präsentiert sich als Autobiographie eines faulen, fetten, selbstgefälligen Katers - eines frühen Vorläufers von Garfield gewissermaßen - die dieser auf die Rückseiten eines fragmentarischen autobiographischen Manuskripts des Kapellmeisters Kreisler (eines alter ego Hoffmanns) geschrieben habe. Der Text springt also permanent zwischen Kater- und Kreisler-Autobiographie hin und her, manchmal mitten im Satz. Nach Hoffmanns Tod fiel dieses Werk Herausgebern in die Hände, die die Fiktion der "durcheinandergeratenen Manuskripte" allzu ernst nahmen und die Textteile fein säuberlich auseinander sortierten (eine Vorgehensweise, die an jene von Ursus Wehrlis Kunst aufräumen-Bildbänden erinnert - nur dass es sich in Wehrlis Fall um Satire handelt...). Nicht besser erging es Karl Leberecht Immermann, der - wohl durch Hoffmanns Kater Murr angeregt - in seine Adelssatire Münchhausen (1839) einen gänzlich eigenständigen Handlungsstrang aus dem westfälischen Bauerntum hineinmontierte: Spätere Herausgeber von Immermanns Werken fühlten sich berufen, diesen Handlungsstrang aus dem Münchhausen herauszuoperieren und unter dem Titel Der Oberhof separat zu publizieren - immerhin mit dem buchhändlerischen Erfolg, dass der Oberhof ein veritabler Beststeller wurde, dessen Publikumserfolg den des originären Münchhausen weit in den Schatten stellte.

Ein besonders bizarres Beispiel für das zur Verhunzung eines literarischen OEuvres führende Zusammenwirken von fragwürdigen pädagogischen Absichten, Eigendünkel von Verlagsmitarbeitern und purem Marktinteresse stellt die Gesamtausgabe der Werke Karl Mays im nach ihm benannten Verlag dar. Einige meiner Leser werde ich jetzt wahrscheinlich schwer schockieren, aber: Wer in zurückliegenden Jahrzehnten mit mehr oder weniger Begeisterung die bis zum II. Weltkrieg in Radebeul, später in Bamberg erschienenen grüngoldenen Leinenbände mit buntem Deckelbild verschlungen hat, die als "Karl Mays Gesammelte Werke" daherkamen, hat mit größter Wahrscheinlichkeit nicht Karl May gelesen. Der Karl-May-Verlag wurde kurz nach dem Tod des Autors gegründet, und Mays Witwe Klara ermächtigte den Verleger Euchar Albrecht Schmid (1884-1951), die Werke ihres verstorbenen Gatten durchgreifend zu überarbeiten - angefangen bei der "Eindeutschung" von Fremdwörtern überwiegend französischer Herkunft, wie sie zur Entstehungszeit der Texte gängig waren, über Vereinfachung des Satzbaus, teilweise einschneidende Kürzungen, Tilgung moralisch anstößiger Stellen (ja, die gab es!), Umbenennung von Personen bis hin zur Umgruppierung ganzer Kapitel oder Eliminierung von Nebenhandlungen. Dass in der NS-Zeit einige Texte der herrschenden Ideologie angepasst wurden, sei nur am Rande erwähnt. In den klassischen "Reiseerzählungen" Mays (Band 1-33 der Gesamtausgabe) wurden die meisten Bearbeitungen in jüngerer Zeit wieder rückgängig gemacht, aber dem geneigten Germanisten tränen immer noch die Augen, wenn er liest, mit welch haarsträubender Mischung aus Ignoranz, Trotz und Verblasenheit der Verlag seine frühere Bearbeitungspraxis bis heute verteidigt - so etwa in einer "Der geschliffene Diamant" betitelten Festschrift zum 90jährigen Bestehen des Verlags (Bamberg 2003). Übrigens waren die besagten Reiseerzählungen von vornherein zurückhaltender bearbeitet worden als einige andere Werke Mays; an erster Stelle wären hier die fünf umfangreichen Fortsetzungsromane zu nennen, die May in den 1880er Jahren für den Dresdner Münchmeyer-Verlag schrieb und die ihm später viel Ärger (in Form eines langwierigen Urheberrechtsstreits und scharfer Angriffe der Kritikerzunft) einbrachten. Die drei Generationen umspannende Handlung des Romans Die Liebe des Ulanen etwa, in dem May ausgiebig von Rückblenden Gebrauch machte, wurde vom KMV säuberlich in chronologischer Reihenfolge umgruppiert (Kunst aufräumen lässt grüßen!), Der verlorne Sohn in mehrere Einzelromane aufgespalten, wobei die ursprüngliche Zusammengehörigkeit der Erzählstränge durch Umbenennung der Personen verschleiert wurde; am Ungeniertesten verfuhr man jedoch mit Deutsche Herzen, deutsche Helden - einem Roman, von dem man allerdings gestehen muss, dass er beträchtliche Schwächen aufweist: Insbesondere der Schluss ist derart holprig und unbefriedigend geraten, dass die Forschung bis heute darüber grübelt, ob May - der zu diesem Zeitpunkt vom Münchmeyer-Verlag weg wollte - die letzten Fortsetzungen einfach lustlos und unkonzentriert 'runtergeschmiert hat oder ob sie gar nicht von ihm stammen, sondern von einem weniger begabten Autor, der kurzfristig engagiert wurde, um den von May unvollendet liegen gelassenen Roman abzuschließen. Die Bearbeiter des Karl-May-Verlags vollbrachten das Kunststück, den Haupthelden des Romans zu streichen und seine Handlungsanteile, wo sie nicht Kürzungen zum Opfer fielen, auf andere Romanfiguren aufzuteilen; zudem wurden diverse Figuren des Romans durch Charaktere ersetzt, die der Leser aus anderen, bekannteren May-Werken kennt - so mogelte man Old Firehand, Winnetou, Sam Hawkens und seine unzertrennlichen Begleiter Dick Stone und Will Parker in den Roman hinein. Eine umfangreiche Episode, die in Nordafrika spielt, wurde aus dem Romanzusammenhang herausgetrennt und so umgeschrieben, dass daraus ein Seitenstück zum großen Orientzyklus mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in den Hauptrollen wurde (Bd. 60, Allah il Allah).

Nachdem der Inhaber des Karl-May-Verlags, der schon erwähnte Euchar Albrecht Schmid, die Rechte an den Historisch-politischen Romanen aus der Gegenwart des zu Lebzeiten sensationall erfolgreichen Sir John Retcliffe (d.i. Hermann Goedsche, 1815-1878) erworben und einen eigenen "Retcliffe-Verlag" gegründet hatte, beauftragte er die Schriftstellerin Lisa Barthel-Winkler, die auch schon an der Verhackstückung von Deutsche Herzen, deutsche Helden mitgewirkt hatte, mit einer Bearbeitung des Retcliffeschen Gesamtwerks, die das Vorgehen im Falle Karl Mays noch in den Schatten stellt. Die umfangreichen, mehrsträngig erzählten Romanzyklen des Autors, in denen regelmäßig ein Handlungsstrang auf einem Spannungshöhepunkt abbricht, um erst Hunderte Seiten (und manchmal mehrere Bände) später fortgesetzt zu werden, erschienen der Bearbeiterin als reine "Stoffsammlungen", die zu ordnen der Autor keine Zeit mehr gehabt hatte; so nahm sie ihm diese Arbeit gnädigerweise ab und schnitzte aus Retcliffes Zyklen eine Vielzahl einzelner Romane in je ein bis drei schmalen Bänden, zu denen sie den Schluss oft selbst schreiben musste, da Retcliffe viele seiner Handlungsstränge unvollendet gelassen hatte. Daneben herrschen hier dieselben Bearbeitungskriterien wie in der Karl-May-Gesamtausgabe: Fremdwortvermeidung, Vereinfachung des Satzbaus, Umstellung der Textreihenfolge nach der Chronologie des Geschehens, Eliminierung von Nebenhandlungssträngen, Kürzungen (vor allem auf der Dialog-und Reflexionsebene) und Beseitigung von moralischen Anstößigkeiten. Als besonderes Kunststück darf man es ansehen, dass es Lisa Barthel-Winkler gelungen ist, Romane, die in ihrer Urfassung das Wort politisch im Reihentitel trugen, weitgehend zu entpolitisieren.

Verglichen mit solchen Eingriffen wirkt es nachgerade harmlos, wenn ein Verlag - noch dazu mit dem Einverständnis des Autors - hier und da ein paar Wörter (wie "Neger" und "wichsen") streicht. Es steht aber durchaus zu bezweifeln, ob es auf längere Sicht dabei bleibt. Illustrativ hierfür ist der schon erwähnte Blogbeitrag zu Pippi Langstrumpf: Der Verfasser des Beitrags, Anatol Stefanowitsch, referiert, dass der Oetinger-Verlag in der 1986er Ausgabe von Pippi Langstrumpf geht an Bord den Begriff "Neger" zwar stehen lassen, aber mit einer behutsam distanzierenden Fußnote versehen hatte (ein editorisch untadeliges Verfahren!), 2009 aber eine Neubearbeitung sämtlicher Pippi-Bände vorgelegt hat, in der "die Worte 'Neger' und 'Zigeuner' nicht mehr zu finden" sind:
"Diese Begriffe sind heute nicht mehr zeitgemäß, entsprechen im deutschen Sprachgebrauch nicht mehr dem heutigen Menschenbild und können missverstanden werden. Sie wurden deshalb entweder gestrichen oder durch neue Formulierungen ersetzt. So wird beispielweise Pippi Langstrumpfs Papa jetzt als 'Südseekönig' bezeichnet, der die 'Taka-Tuka-Sprache' spricht." [Website Verlag Friedrich Oetinger]
Anatol Stefanowitsch ist mit dieser Lösung jedoch noch lange nicht zufrieden: Er moniert - in sich durchaus stimmig -, allein durch die Auswechslung von Begriffen könne der inhärente Rassismus der Texte nicht beseitigt werden; ein inhärenter Rassismus, den er darin erkennt, dass "Lindgren sich einen fetten weißen Kapitän eines schwedischen Fischkutters ausdachte, der wegen seiner Hautfarbe und prächtigen Körperfülle von den Bewohnern einer Südseeinsel zum König gemacht wurde"; dass "die schwarzen Inselkinder ganz selbstverständlich davon ausgehen, 'dass weiße Haut viel feiner sei als schwarze'"; und "dass Pippi von einem 'eigenen Neger' träumt, der sie mit Schuhcreme poliert".

Stefanowitsch kommt zu dem Schluss:
"Eine Überarbeitung ist deshalb im Falle von Lindgrens Büchern der einzig sinnvolle Umgang mit dem Rassismus der Originalfassungen. Diese Überarbeitung müsste aber wesentlich radikaler ausfallen als die des Oetinger-Verlags. Nicht nur die (angeblich) nicht diskriminierend gemeinte Sprache müsste angepasst werden, auch die (angeblich) nicht diskriminierend gemeinten Situationen und Ereignisse müssen umgeschrieben werden. Mit anderen Worten, die Änderungen müssten so radikal ausfallen, dass es einfacher wäre, nur die Charaktere beizubehalten und sich gleich ganz andere Geschichten auszudenken. Und übrigens haben das die Adaptionen der Pippi-Bücher für Film und Fernsehen auch ausgiebig getan, ohne dass das jemanden gestört hätte."
Aber wenn man schon so weit ist, sollte man dann nicht gleich noch einen klitzekleinen Schritt weiter gehen? Allerdings:
"Und wenn man zu der Einsicht gelangt ist, dass nur eine Umdichtung noch helfen kann, sollte man auch noch über eine vierte Möglichkeit nachdenken, mit diskriminierenden Kinderbüchern umzugehen: Verlage könnten aufhören, sie nachzudrucken und sie könnten stattdessen neuen Autor/innen [...] eine Chance geben, bessere Geschichten zu schreiben. Und Konsument/innen könnten aufhören, sie ihren Kindern vorzulesen."
In der Tat: So könnte man vorgehen.  Es ist an sich ein ganz normaler Vorgang, dass Bücher, gerade auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, irgendwann vom Buchmarkt verschwinden und nur noch antiquarisch erhältlich sind - wobei dann immer noch die Möglichkeit besteht, dass Autoren und ihre Werke plötzlich "wiederentdeckt" werden oder dass es zumindest "Liebhaberausgaben" mit Nostalgie-Faktor gibt. Normalerweise allerdings - das würde ich zumindest annehmen, da ja, wie oben ausgeführt, Verleger Kaufleute sind - verschwinden Bücher dann vom Markt, wenn sie vom Publikum nicht mehr nachgefragt werden. Das ist im Fall von Pippi Langstrumpf wie auch bei den Büchern  Otfried Preußlers offensichtlich nicht gegeben. Dass Bücher hingegen aus ideologischen Gründen vom Markt genommen werden, ist für mein Empfinden eigentlich typisch für Diktaturen... Zudem: Ob Kinder wirklich Geschichten lesen wollen, in denen alles politisch korrekt, pädagogisch einwandfrei, moralisch sauber und "zeitgemäß" zugeht? Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, selbst ein Kind gewesen zu sein; und ich wage zu behaupten: Hätte ich nur in allen genannten Punkten untadelige Kinderbücher gehabt statt Otfried Preußler, Michael Ende, Karl May und Mark Twain, wäre ich nie ein großer Leser geworden. Und ein besserer Mensch wahrscheinlich auch nicht.

Kommentare:

  1. Interessant in diesem Zusammenhang auch, daß Brentanos Märchen weiterhin ganz ohne Fußnoten oder Überarbeitungen in Kinderbuchverlagen veröffentlicht werden. Die Bösewichte bei Brentano sind ausnahmslos immer Juden, die Juden bei Brentano ausnahmslos immer Bösewichte. Literarisch ist die Erwähnung, daß es Juden sind, immer verzichtbar - es ist schlicht eine Gehässigkeit, die es von Brentano gratis gibt.
    Hier fände ich es angebracht, Kindern den Umgang mit Fußnoten beizubringen (denn wer alt und gescheit genug ist, die Rheinmärchen zu lesen, kann das). Oder tatsächlich sanft zu kürzen und das redlicherweise in einem Vor- oder Nachwort anzumerken.
    Das geschieht nicht. Denn Jude ist ja kein schlimmes Wort. Neger aber wohl. (Ich vermute, so geht die Verlegerlogik.)

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  2. Dazu gibts aktuell auch eine interessante (wie ich finde) Diskussion auf Politisch-unpolitisches.

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  3. Das schöne an der großgewordenen Blogoezese ist, daß man nicht mehr alles selber machen muß. Auch mir war bei Alipii Bemerkung gleich Carl May eingefallen.
    Ergänzend vielleicht: Einer der Chefverbesserer war immerhin Priester (http://www.karl-may-wiki.de/index.php/Franz_Kandolf)

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  4. Pippi ist auch ziemlich gemein zu Lehrern und Polizisten. Sollte man nicht vielleicht...
    Ich habe Pippi Langstrumpf übrigens geliebt und schwöre, angesichts des "Negerkönigs" keinen einzigen rassistischen Gedanken entwickelt zu haben. Höchstens Neid auf Pippis aufregende Familie und die Südseeconnection.

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