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Samstag, 2. Februar 2013

Ohrfeigen im Hause Tabori

Der große Theaterregisseur George Tabori (1914-2007) erzählte in Interviews gern und oft eine Anekdote aus seiner Kindheit in Budapest: Eines Tages habe Tabori senior den damals zehnjährigen Sohn gefragt, was dieser heute in der Schule gelenrt habe. Der kleine György (wie er sich damals schrieb) antwortete, er habe gelernt, "dass alle Rumänen schwul sind" - woraufhin sein Vater ihm eine Ohrfeige verpasste. "Erstens", erklärte er, "stimmt es nicht, dass alle Rumänen schwul sind. Und zweitens: Wenn es so wäre, dann wäre das auch nicht schlimm."

Ich muss gestehen, mir hat diese Anekdote - die offenbar als Lehrstück in Sachen Vorurteilsfreiheit und Toleranz gemeint ist - nie so recht gefallen. Klar ist, dass die Verfechter einer gewaltfreien Kindererziehung Anstoß an der Ohrfeige mehmen werden, die Vater Tabori seinem Sohnemann verabreichte; deshalb hat dieser in einigen Versionen der Erzählung betont, sein Vater habe sich für die Ohrfeige entschuldigt. Mich stellt das aber noch lange nicht zufrieden. Ich kann mir nicht helfen: Für mich ergibt die ganze Geschichte vorne und hinten keinen Sinn.

Denn was passiert hier eigentlich? Ein Kind gibt seinem Vater auf dessen Frage, was es heute in der Schule gelernt habe, eine wahrheitsgemäße Antwort und wird dafür bestraft. Offensichtlich eine sehr einschneidende Erfahrung für George Tabori, wenn er noch bis ins Greisenalter praktisch jedem, der ihm ein Mikrofon ins Gesicht hielt, davon erzählen musste. Im Laufe der Jahre hatte er sich offenbar eine Erklärung zurecht gelegt, um das Verhalten seines Vaters irgendwie zu rationalisieren und zu rechtfertigen; aber sonderlich überzeugend ist ihm das nicht gelungen.

Wenn man dieser Ohrfeige irgendeinen pädagogischen Zweck zuschreiben kann, dann wohl nur den, dem Sohn im wahrsten Sinne des Wortes "hinter die Ohren zu schreiben", dass "man" Sätze wie "alle Rumänen sind schwul" einfach "nicht sagt". Zwar hat der Sohn überhaupt nicht behauptet, dass alle Rumänen schwul wären, sondern lediglich berichtet, er habe dies in der Schule gelernt; aber darauf kommt es offenbar nicht an. Dem Sohn wird vermittelt, es sei verboten, einen solchen Satz überhaupt in den Mund zu nehmen, und sei es nur als Zitat. Das Ironische daran ist, dass Gerorge Tabori - was ein interessantes Licht auf seine offenkundige Lust am Wiedererzählen dieser Anekdote wirft - permanent gegen dieses vom Vater aufgestellte Tabu verstößt und den inkriminierten Satz "dass alle Rumänen schwul sind" mit Hilfe der allzeit bereiten Medien in alle Welt hinaus vervielfältigt. Mit allen notwendigen Distanzierungen, versteht sich; aber der böse Satz steht nun mal da, Schwarz auf Weiß. Ätsch, Papa, das hast du nun davon.

Was aber bringt den Vater an der Aussage, alle Rumänen seien schwul, so sehr in Rage? Zunächst einmal sicherlich, dass sie unwahr und diffamierend ist. Rumänien hatte im I. Weltkrieg auf der Seite der Sieger gestanden und im Zuge der Zerschlagung des Habsburgerreichs sein Staatsgebiet auf Kosten Ungarns ungefähr verdoppelt. Seither war man in Ungarn auf die Rumänen nicht gut zu sprechen, aber dass den Kindern in der Schule diffamierende Lügen über das Nachbarvolk begebracht wurden, ging Herrn Tabori senior denn doch über den Spaß. Darin kann man ihm nur Recht geben - allerdings hätte er sich dann lieber bei der Schule beschweren sollen, statt seinen Sohn zu bestrafen. Die Heftigkeit seiner Reaktion bleibt allemal unverständlich; und zusätzlich verkompliziert wird die Materie durch die Aussage des Vaters, wenn alle Rumänen schwul wären, "wäre das auch nicht schlimm". Man kann sich in etwa ausmalen, was hier im Kopf von Tabori senior abläuft: Zunächst hat er die Absicht, die Rumänen gegen Diffamierung in Schutz zu nehmen. Kaum hat er dies getan, da fällt ihm auf, dass seine Reaktion - gerade durch ihre Heftigkeit - den Eindruck erwecken könnte, er halte Homosexualität für "schlimm"; also muss er sich auch davon distanzieren. Für das Kind ist das Ergebnis jedoch verwirrend: Wenn seine Aussage - abgesehen davon, dass sie nicht wahr ist - an und für sich gar nicht "schlimm" ist, warum wird György dann geschlagen?

Die ganze Angelegenheit ist ein so illustratives Beispiel für die Dilemmata der political correctness, dass man kaum glauben mag, dass sie sich Mitte der 1920er Jahre in Ungarn zugetragen hat, als und wo es so etwas wie political correctness eigentlich noch gar nicht gab. Ähnliches - nur abzüglich der Ohrfeige - trägt sich aber vermutlich nicht eben selten in unseren Schulen zu. Stellen wir uns vor, ein Schüler ruft einem anderen im Streit zu: "Du bist doch voll schwul, ey!". Das kann man ihm nicht durchgehen lassen, also erhält er eine Rüge. Nehmen wir weiter an, der Schüler, dem die Beleidigung galt, ist tatsächlich nicht homosexuell; dann könnte man den Beleidiger dafür tadeln, dass er unwahre Behauptungen über seinen Mitschüler verbreitet - aber würde das nicht den Eindruck verfestigen, Homosexualität sei etwas Ehrenrühriges? Das gilt es zu vermeiden, also wird der kleine Übeltäter ermahnt, er solle "schwul" nicht als Schimpfwort benutzen. Um den Mitschüler, um die Ursachen des Streits zwischen den Knaben geht es nicht mehr. So lernt der gemaßregelte Schüler nichts über respektvollen Umgang mit anderen und auch nichts über Homosexualität, sondern lernt nur, dass er Ärger bekommt, wenn er an Tabuthemen rührt - das heißt: an Themen, die den Erwachsenen Unbehagen bereiten. Und da Kinder in der Regel nicht so dumm sind, wie Erwachsene oft zu denken scheinen, kann er obendrein auf die Idee kommen, dieses Unbehagen rühre vor allem daher, dass die Äußerungen, die man ihm verbietet, an die uneingestandenen eigenen Vorurteile der Erwachsenen rühren - sei es gegenüber Rumänen, Homosexuellen oder wem auch immer. Abstrakter ausgedrückt, bleibt am Ende nur die Erkenntnis übrig, dass political correctness mit wirklicher Toleranz und Vorurteilsfreiheit nichts zu tun hat. Sondern eher mit dem Gegenteil.

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