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Donnerstag, 1. März 2018

Eine Studie in Emotivismus

Für die aktuelle Ausgabe der Tagespost habe ich einen kurzen (!) Artikel über "E-Sport" und Transhumanismus verfasst; und kaum dass ich diesen Text eingeschickt hatte, dachte ich schon: "Mancher, der mich kennt und das liest, wird denken 'jetzt ist er endgültig durchgedreht'". Mit genau dieser Anmerkung teilte ich den Beitrag, sobald er erschienen war, dann auch auf Facebook und Twitter. Und, was soll ich sagen: Die Reaktionen auf den Artikel haben mich nicht enttäuscht. 

Mir war von vornherein klar, dass meine zentrale These - in der im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD vorgesehenen Anerkennung von Computerspiel-Wettkämpfen als "Sport" äußere sich ein "postmaterialistisches" Welt- und Menschenbild, das ebenso auch in der weitgehenden Normalisierung von Empfängnisverhütung und künstlicher Befruchtung sowie in bestimmten Ausprägungen der Gender-Ideologie zum Ausdruck komme - für viele Leser nicht unbedingt unmittelbar einleuchtend sein würde. Zum Teil wurde das durch die Knappheit des mir zur Verfügung stehenden Raums verschärft: Um genauer zu erklären und zu begründen, wie ich zu dieser These komme, hätte ich mindestens doppelt so viel schreiben müssen. Gleichzeitig sagte ich mir aber: Wer Pascal, Chesterton, Guardini, C.S. Lewis, Marshall McLuhan, Alasdair MacIntyre ("Der Verlust der Tugend") und Neil Postman ("Das Technopol") gelesen hat, der versteht intuitiv, was ich meine, und wer es nicht intuitiv versteht, dem werde ich es wohl auch nicht erklären können. 

Nun ist es zugegebenermaßen keine praktikable Lösung, einem potentiellen Debattengegner erst einmal eine Leseliste in die Hand zu drücken und zu sagen "Ehe du das nicht gelesen und verstanden hast, können wir uns sowieso nicht verständigen". Schließlich könnte der Debattengegner mit gleichem Recht genauso verfahren, und was müsste man dann alles lesen. 

Frappierend fand (und finde) ich allerdings, dass das Gros der Kommentare auf meinen Artikel von der Annahme auszugehen schien, die zentrale Aussage des Texts sei "Ich finde E-Sport doof". Folglich wurden mir allerlei Argumente dafür geliefert, dass E-Sport nicht doof sei; aber diese hatten überhaupt nichts mit meiner These zu tun. Das, worum es in meinem Artikel eigentlich ging, wurde entweder ignoriert, oder die ganze Argumentationslinie wurde als prinzipiell illegitim und abwegig verworfen. Na schön, dachte ich, aber worüber diskutieren wir dann hier eigentlich? 

Ich habe den Eindruck, dass Diskussionen heutzutage - nicht nur, aber vielleicht besonders in Sozialen Netzwerken - unabhängig von ihrem konkreten Inhalt oder Anlass oft so verlaufen: Sachaussagen werden als Werturteile aufgefasst, und daraufhin wird nur noch dem (vermeintlichen oder tatsächlichen) Werturteil widersprochen und nicht den Sachaussagen. Und da ich gerade angefangen habe, zum zweiten Mal Alasdair MacIntyres "Der Verlust der Tugend" zu lesen, habe ich auch zumindest eine vage Ahnung, woher das kommt. Das Schlüsselwort heißt Emotivismus

Symbolbild, Quelle: Pixabay

Ursprünglich handelt es sich beim Emotivismus um eine Theorie der Metaethik, die - so MacIntyre - "lehrt, daß alle wertenden Urteile oder genauer alle moralischen Urteile nur Ausdruck von Vorlieben, Einstellungen oder Gefühlen sind, soweit sie ihrem Wesen nach moralisch oder wertend sind" (S.26). Daraus folgt, dass - dieser Theorie zufolge - Werturteile nicht rational begründbar seien; man könne zwar versuchen, sie durch Sachargumente zu stützen, aber tatsächlich sei das Werturteil nicht aus rationalen Gründen abgeleitet, sondern gehe diesen voraus. Das hieße, die Argumente, die ein Werturteil scheinbar begründen sollen, seien tatsächlich nur vorgeschoben und somit beliebig und austauschbar. 

Ausgehend von dieser Definition legt Alasdair MacIntyre dar, dass der Emotivismus zwar als Theorie der Bedeutung moralischer Aussagen philosophisch dürftig und fragwürdig ist, dass er aber als Beschreibung der Art und Weise, wie Menschen in der (post-)modernen Kultur Werturteile treffen und vertreten, vielfach zutrifft. Der viel zitierte, spöttisch gemeinte Spruch "Meine Meinung steht fest, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen" bringt diesen Umstand recht gut auf den Punkt. Wahrscheinlich hat annähernd jeder schon Diskussionen erlebt, in denen unterschiedliche Formen des Aneinander-vorbei-Redens sich die Klinke in die Hand gaben; zum Beispiel: 
  • Person A bringt ein Argument, Person B geht nicht darauf ein, sondern antwortet mit einem völlig anderen. 
  • Person A bringt ein Argument, Person B widerspricht diesem; darauf verteidigt Person A das zuvor gebrachte Argument nicht, sondern zieht ein neues aus dem Hut. 
Aufgrund meiner Erfahrung als Nachhilfelehrer habe ich den Verdacht, dass diese Art des Argumentierens dadurch, wie Schülern in der 9. oder 10. Klasse die Kunst der "Dialektischen Erörterung" beigebracht wird, noch gefördert wird - indem die Schüler nämlich darauf trainiert werden, sich zunächst für eine von zwei möglichen Thesen zu einem vorgegebenen Thema zu entscheiden und dann Argumente dafür zu sammeln. Zwar wird auch von ihnen verlangt, Gegenargumente zu formulieren, aber so blöd sind Schüler ja nun auch nicht, dass sie nicht kapieren würden, dass die Argumente, die ihren gewählten Standpunkt stützen sollen, entweder stärker oder zahlreicher sein müssen als die, die diesem widersprechen. Auf diese Weise "lernen" sie, dass Argumente nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern dazu, Recht zu behalten. Dazu ein weiterer gern ohne Quellenangabe durch das Internet geisternder Spruch: "Wir hören nicht zu, um zu verstehen; wir hören zu, um zu antworten." 

Aber ich bin ein bisschen vom Thema abgekommen. Schließlich wird der Schüler, der eine dialektische Erörterung schreiben soll, vielfach dazu gezwungen, zu einem Thema Stellung zu beziehen, das ihm in Wirklichkeit völlig egal ist. Auch das ist problematisch, da der Schüler daraus allzu leicht die Lehre ziehen kann, es sei letztlich beliebig, welchen von zwei einander widersprechenden oder ausschließenden Standpunkten man wählt. Hingegen ist es für die emotivistische Theorie der Bildung von Werturteilen wesentlich, dass die Prämissen, aufgrund derer ein Standpunkt eingenommen wird, emotional besetzt sind. Das macht es unter der Herrschaft des Emotivismus so schwierig, zivilisiert mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen: Eine Infragestellung meiner Meinung ist immer auch ein Angriff auf mich als Person. Und wenn ich selbst so denke, unterstelle ich diese Denkweise automatisch auch meinem Gegner; das heißt, ich setze voraus, dass der andere seine Aussagen tatsächlich so meint, wie sie bei mir ankommen. Dies mag die weite Verbreitung von Strohmannargumenten und Ad-hominem-Attacken in der heutigen Diskussionskultur erklären. Als Strohmannargument bezeichnet man den rhetorischen Trick, den Standpunkt des Gegners grob verzerrt wiederzugeben, um ihm leichter widersprechen zu können. Attestiert man seinem Debattengegner, er verwende Strohmannargumente, wird er das in der Regel bestreiten. Aber vielleicht ist er ja wirklich der Überzeugung, es seien keine - weil er über den Standpunkt seines Gegners so wütend ist, dass er ihn tatsächlich völlig verzerrt wahrnimmt? Vielleicht empfindet er es deshalb als legitim, seinen Gegner ad hominem zu attackieren, weil er dessen Argumente seinerseits als persönliche Beleidigung empfindet? 

In letzter Konsequenz laufen die Prämissen des Emotivismus darauf hinaus, dass über Fragen, die irgendwo einen moralischen bzw. wertenden Anteil haben, überhaupt keine sachliche Verständigung möglich ist. Wie geht eine Gesellschaft damit um? Denn es liegt ja auf der Hand, dass einander widerstreitende Überzeugungen, zwischen denen nicht vermittelt werden kann, die einander aber - weil sie eben emotional besetzt sind - auch nicht tolerieren können, auf Dauer den sozialen Frieden bedrohen. Was kann eine Gesellschaft, die sich so viel auf ihren Pluralismus zu Gute hält, da tun? Lassen wir diese Frage erst mal im Raum stehen, ich glaube, die gibt genug Stoff für einen eigenen Artikel her. 

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass - auch wenn weiter oben ein gegenteiliger Eindruck entstanden sein mag - die Diskussionen über meinen "E-Sport"-Artikel (bislang) noch einigermaßen harmlos verlaufen sind. Da habe ich durchaus schon ganz anderes erlebt. Trotzdem fand ich das Missverständnis, die Kernaussage des Texts laute "E-Sport ist doof", bezeichnend - umso mehr, als der Artikel genau besehen überhaupt kein explizites Werturteil enthält, weder über "E-Sport" noch über irgendetwas sonst. Man kann zwar ein implizites Werturteil darin vermuten und liegt damit nicht unbedingt falsch; aber theoretisch fände ich es durchaus denkbar, dass beispielsweise der Sprecher der "AG Transhumanismus" der Piratenpartei (gibt's sowas? Könnte ich mir gut vorstellen...) den Artikel mit den Worten kommentieren würde: 
"Das mit dem Postmaterialismus und der Entgrenzung des menschlichen Körpers stimmt alles, aber mir scheint, du hältst das für etwas Schlechtes. Ich halte das für etwas Gutes." 
Das wäre ein Beispiel für eine saubere Trennung von Wert- und Tatsachenurteil. Wieso gibt es das heutzutage so selten? 



Kommentare:

  1. Immerhin, die Aussage, "Meine Meinung steht fest, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen", allen Ernstes vorzubringen, traut sich niemand. Das läßt doch noch (!) ein wenig hoffen.

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  2. Einerseits kennen Deine Leser Dich zu gut, um annehmen zu können, Du hieltest Transhumanismus für etwas Gutes. Andererseits werden in solchen Diskussionen nicht nur Argumente ausgetauscht, sondern auch Ergänzungen, auch “das kann sein, aber jenes kommt noch hinzu“.

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  3. Entschuldigung, aber so sachlich, daß sie nicht "E-Sport ist doof" gelesen haben, waren die Diskutanten (nettes Wort: Disco-Tanten) doch. Zumindest bis vor 2 Stunden.

    Sie haben "Computerspiele sind, was immer sie sonst sind, kein Sport" gelesen. Wirklich so zu Unrecht?

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  4. Mir fällt übrigens auf, daß die ganze Diskussion an sich sowohl was den Sportcharakter als auch was die Entgrenzung des menschlichen Körpers betrifft, allerdings nichts wunder wie Neues ist.

    Wir haben das schon beim Schach, ersteres offensichtlich, letzteres Aspekt zumindest wenn man es ernstnehmen würde (statt selber eine Schlacht zu schlagen, lassen wir bloß Schachfiguren gegeneinander antreten - wobei mir gerade auffällt, daß das vorvorletzte Kapitel von "Harry Potter und der Stein der Weisen" vor diesem Hintergrund durchaus ganz interessant wird) und definitiv -

    es wundert mich, daß das noch keinem aufgefallen zu sein scheint -

    beim Motorsport.

    (Zitat Wikipedia:

    "Während zunächst die Rechtsmeinung herrschte, Motorsport sei kein Leistungssport, weil die eigentliche sportliche Leistung von den motorisierten Sportgeräten ausginge")

    (NB: Daß man die Motorsportler heute allgemein als Sportler anzuerkennen scheint, muß bloß deswegen, weil es der Fall ist, noch keine gute Sache sein.)

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  5. Ich will mal auf einen meiner Ansicht nach Fehler in dem Artikel hinweisen:

    "Dass auch „E-Sport“ in eine Reihe mit diesen Phänomenen gehört, mag nicht unmittelbar ersichtlich erscheinen; aber im Grunde geht es auch hier, ebenso wie bei der Propagierung von „Transgender-Rechten“, darum, die Beschränkungen eines vermeintlich „falschen Körpers“ abzuschütteln – in diesem Fall die eines Körpers, der nicht zu sportlichen Spitzenleistungen fähig ist."

    Das impliziert, es seien die Beschränkungen des eigenen Körpers, die hinter e-Sport stehen; also quasi dass der e-Sportler wenn er denn der Körper passend wäre stattdessen Fussball spielen oder Boxen würde.

    Aber darum dürfte es den meisten e-Sportlern gar nicht gehen; denn beim e-Sport geht es ja meist nicht darum, einfach am Computer Fussball zu spielen, statt drausen.

    Sondern um Dinge zu "spielen", die in der Realität gar nicht existieren können.

    Z.b. eine der größten Nummern im e-Sport ist League of Legends; darin treten 2 * 5 Spieler gegen einander an; jeder kontrolliert eine Spielfigur, die jeweils Fähigkeiten haben, um den gegenerischen Spielfiguren zu schaden, sie zu behindern, etc.; es findet auf einem Schlachtfeld statt, mit der einen Basis auf der einen und der anderen Basis auf der anderen Seite; Ziel ist es, die gegnerische Basis zu zerstören, wofür man natürlich meist die gegenerischen Spielfiguren "töten" muss, weil die einen natürlich sonst behindern; wird eine Spielfigur getötet, erscheint sie nach einem Zeitraum so zwischen 15 Sekunden und 2 Minuten wieder an der eigenen Basis und kann wieder mitkämpfen.

    Sowas ist in der Realität nicht aufgrund Mängel des eigenen Körpers unmöglich - man könnte sich im Prinzip schon irgendwo treffen und mit Bewaffnung gegeneinander antreten, um die feindliche Basis einzunehmen und unterwegs gegenerische Spielfiguren zu töten; zwar gäbs dann immer noch den Unterschied, dass man sich nicht mit tollen bunten Zaubersprüchen beharkt, sondern ganz schnöde mit MG, Granaten, Flammenwerfern, Messern, etc.; und solche Veranstaltungen finden auch immer wieder statt, wobei sie meist "Krieg" genannt werden und nicht "Sport".

    Nur eignet sich das in der Realität überhaupt nicht als Freizeitvergnügen.

    Somit liegt es nicht an den Beschränkungen des Körpers, sondern an den allgemeinen Beschränkungen der Welt, dass die e-"Sportler" eben - zum Glück - bevorzugt ihrem Hobby am Rechner nachgehen.

    Es geht also wenn dann viel weiter um ein Hintersichlassen der hiesigen Relität an sich, sowohl hinsichtlich Beschränkungen durch Naturgesetze (die den Respawn in der Relität kompliziert und langwieriger als 15 Sekunden machen) als auch durch ethische und praktische Umstände; und nicht mal, weil man z.b. die ethischen Umstände ablehnt und bedauert, dass die Polizei Einwände hätte, wenn man sich Messer und Pistole für ein bißchen Nicht-E-Sport verabredet; sondern um die Realität an sich vorübergehend hinter sich zu lassen, ohne diese zwingend prinzipiell abzulehnen.

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    1. Krieg ist kein Freizeitvergnügen...

      aber Völkerball?

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  6. "Daraus folgt, dass - dieser Theorie zufolge - Werturteile nicht rational begründbar seien; man könne zwar versuchen, sie durch Sachargumente zu stützen, aber tatsächlich sei das Werturteil nicht aus rationalen Gründen abgeleitet, sondern gehe diesen voraus. Das hieße, die Argumente, die ein Werturteil scheinbar begründen sollen, seien tatsächlich nur vorgeschoben und somit beliebig und austauschbar."

    Diese Theorie nimmt einen eigentlichen wahren Kern bezüglich einer rein materiellen Welt und überspitzt ihn ins lächerliche.

    In einer rein materiellen Welt sind gewisse Prämissen tatsächlich nicht begründbar und letztlich "emotional".

    Eine solche Prämisse ist z.b.:
    Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

    Das ist nicht begründbar; klar kann man rum argumentieren, dass ohne Menschenwürdeverpflichtung der Staat zu aller möglichen Barbarei neigt, ehere Kriege führt, etc. und es damit wahrscheinlicher wird, dass die Menschheit sich in endlos langen (oder auch kurzen, siehe Nuklearwaffen) Gemetzeln und Quälerei zu Grunde richtet; nur hilft das Argument halt nur, wenn man denn "emotional" was schlechtes darin sähe, dass die Menschen sich dahinmetzeln.

    Denn sorry, dann sind halt nach unglaublich viel Leid alle Menschen tot, aber wen juckt das dann noch? Genau, keinen mehr; und selbst wenn, dann leiden Menschen halt, was doch nur stört, wenn Menschen relevant sind, aber vielleicht sind ja Fliegen die einzig relevanten; also ist es rein "emotional" diesen Ausgang der Menschheitsgeschichte als negativ anzusehen und diesem deswegen mit der Menschenwürde vorbeugen zu wollen.


    Aber hat man sich mal auf diese "emnotionale" Festlegung geeinigt, dass man zukünftiges menschliches Gemetzel und Leid begrenzen will und deshalb diese Menschenwürde aus dem Hut zaubert, dann kann basierend auf dieser Menschenwürde rational das Für und Wider z.b. von Sklaverei oder Menschenhandel disktuiert werden und ein sich dabei eventuell ergebendes Urteil, dass beides doof sei und staatlich zu unterbinden sei, wäre dann überhaupt nicht auf austauschbare Argumente gestützt, sondern auf sachliche Argumentationsketten von der Menschenwürde her, die im Idealfall überhaupt nicht auf Emotion angewiesen sind.

    Diese "Anfangswillkür" der ersten Prämissen auf alle Aussagen auszudehnen ist grober Unfug.

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  7. "Aufgrund meiner Erfahrung als Nachhilfelehrer habe ich den Verdacht, dass diese Art des Argumentierens dadurch, wie Schülern in der 9. oder 10. Klasse die Kunst der "Dialektischen Erörterung" beigebracht wird, noch gefördert wird - indem die Schüler nämlich darauf trainiert werden, sich zunächst für eine von zwei möglichen Thesen zu einem vorgegebenen Thema zu entscheiden und dann Argumente dafür zu sammeln. Zwar wird auch von ihnen verlangt, Gegenargumente zu formulieren, aber so blöd sind Schüler ja nun auch nicht, dass sie nicht kapieren würden, dass die Argumente, die ihren gewählten Standpunkt stützen sollen, entweder stärker oder zahlreicher sein müssen als die, die diesem widersprechen. Auf diese Weise "lernen" sie, dass Argumente nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern dazu, Recht zu behalten."

    Um Gottes Willen. Was soll der Quatsch?

    Ich kenne es so, dass man sich bei einer Erörterung eben das Sachmaterial anschauen soll, Argumente für und wider überlegen soll und sich dann basierend auf diesen Argumenten für einen Schluss entscheiden soll.

    Und laut dieser Webseite entspricht das auch der dialektischen Eröterung:
    https://www.lernen-mit-spass.ch/lernhilfe/wiki/doku.php?id=lineare_und_dialektische_eroerterung_-_worin_liegt_der_unterschied

    " Thema erfassen - Worum geht es? Das Thema zur Frage machen.
    Argumente / Ideen auf einem Blatt sammeln Fertige dir eine Tabelle mit pro und contra -Argumenten an Überlege auch Beispiele, die deine Argumente belegen.
    Ordne die Argumente nach Wichtigkeit, nach überzeugender Reihenfolge - Nimm kritisch Stellung und fälle ein Urteil
    "

    Genau, zuerst Argumente ausmachen, dann Urteil fällen.

    Aber anscheinend geistert auch die andere Variante durch die Gegend:
    www.abipedia.de/dialektische-eroerterung.php
    "Beispiel: Ein klassisches Thema wäre etwa "Wahlrecht ab 16 Jahren?". Hier muss man sich im Voraus der Erörterung entscheiden, ob man sich Für oder Gegen das Wahlrecht ab 16 positioniert."

    Eventuell ist da auch nur das Problem Schlampigkeit:

    Vor dem Beginn des Schreibens sollte man sich natürlich klar gemacht haben, wofür man ist; aber das ist ja was anderes als vor dem Identifizieren von Pro und Contraargumenten bereits eine Position auswählen.

    Vielleicht auch Effizienz in Klassenarbeiten: Wenn man sich direkt entscheidet und dann die Argumente erst während des Aufschreibens letztlich erkennt, ist man schneller fertig; sollte aber eigentlich auch eher eine schlechtere Note bekommen.

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    1. Das ist bei der begründeten Stellungnahme in Klasse (G9-)8 (bei der nicht einmal Gegenargumente zwingend vorgeschrieben sind) und der (kleinen) Erörterung ab Klasse (G9-)9 definitiv an der Realität vorbei. Wie das bei der "große Erörterung" ab Klasse (G9-)11 ist, kann ich nicht sagen, aber diese wird ja, zumindest seitdem das Konzept "Deutsch-Hausaufgabe" [Hausarbeit, hieß aber Hausaufgabe] vor dem Internet kapituliert hat (wenn ich mich richtig erinnere war das exakt in meinem Jahrgang, also ich selber habe keine mehr geschrieben) de facto nur angesprochen, aber nicht ausgeübt, wozu die Lehrer aus ausdrücklich raten. Allenfalls enthält die Gedicht-, Kurzgeschichten-, Novellenabschnitts- oder selten (und dann am ehesten) Redeninterpretation die eine oder andere nebenher zu erörternde Frage.

      Tatsächlich ist in der Deutsch-Schulaufgabe der entscheidende Punkt, möglichst schnell die auszuformulierenden Punkte einigermaßen konzipiert und durchdacht zu bekommen und dann zu Papier zu bekommen, gewissermaßen "egal wie". Für die schlechteren Schüler, weil denen im Klassenzimmer ohne Zugang zu externem Quellenmaterial sowieso erstmal was einfallen bzw. sie sich (v. a. bei Literatur) an das gelesene erstmal erinnern müssen (ich unterstelle auch bei ihnen, daß sie die Bücher gelesen haben^^). Für die besseren Schüler, weil sowieso, sobald die Gliederung steht, für sie mehr oder weniger die gewissermaßen sportlich-handtechnische Herausforderung ansteht, das alles, was sie sich gedacht haben, auch aufs Papier zu bekommen, ohne einen Krampf in die Finger zu kriegen. So lang sind nämlich auch 210 Minuten nicht.

      Und schließlich geht der Deutschunterricht (was ich eigentlich gut finde) beim Erörtern nicht Themen aus, die für die Schüler ganz uninteressant sind (und wenn mehrere Themen zur Wahl stehen und ein solches ist dabei, wird es vom Schüler nicht gewählt, weil er genau weiß, daß er besser ist, wenn er mit Herzblut dabei ist). Auch geht er (was ich, bei aller Liebe zu englischen Debatti(Wobei erklubs, ebenfalls gut finde) davon aus, daß die Schüler für das argumentieren, was sie tatsächlich *meinen*. Auch hier wieder: dann sind sie nämlich auch *besser*.

      D. h. der Schüler hat in der Regel eine Meinung, und die wird er in den höchstens 90 Minuten, die er sich fürs Argumentesammeln nimmt, in aller Regel nicht ändern.

      (Natürlich denkt man sich die Argumente normalerweise vorher aus, bevor man zu schreiben anfängt.)

      (Zumeist tatsächlich ein Qualitätsmerkmal ist, wenn man in der Synthese ein "aber" unterbekommt. Auch das kann aber der Normalschüler nur dann überzeugend tun, wenn er es auch meint.)

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