Gibt es eigentlich schon Neues vom Projekt "Guerilla-Urlauberseelsorge in Butjadingen"? – Und ob! Beginnen möchte ich meinen Bericht mit einem Blick auf die Predigt von Pastor Kenkel bei der Vorabendmesse zum 15. Sonntag im Jahreskreis; die fand ich nämlich nicht nur gut, sondern auch passend zu unserem Vorhaben. Das Tagesevangelium war Matthäus 13,1-23, das Gleichnis vom Sämann und dem vierfachen Acker, und einleitend erklärte der Pastor, er sei letzte Woche bei einem Bibelgespräch zu diesem Evangelium gewesen, und da hätten einige Teilnehmer den Text als "deprimierend" empfunden – weil darin 75% der eingesetzten Mittel, des kostbaren Saatguts, verloren gehe, ja vergeudet werde. Man könne ja sogar auf die Idee kommen, zu kritisieren, der Sämann im Gleichnis verhalte sich unwirtschaftlich und verschwenderisch, indem er sein Saatgut einfach überallhin verstreut, statt darauf zu achten, dass es auf fruchtbarem Boden landet. Indes, so meinte der Pastor, verkenne diese Sichtweise, dass derjenige Teil der Saat, die auf fruchtbaren Boden falle, nicht nur vierfach, sondern dreißig-, sechzig-, ja hundertfach Frucht bringe: "Also unterm Strich doch ein voller Erfolg!" In diesem Sinne, so meinte er, könne man dieses Evangelium als Ermutigung für all jene lesen, die sich bemühen, die Frohe Botschaft weiterzugeben, und dabei oft das Gefühl haben, dass diese Bemühungen "nichts fruchten": "Wir dürfen freudig das Wort Gottes großzügig austeilen. Bei dem einen oder anderen setzt es sich fest, und er wird mehr Frucht bringen als ich eingesetzt habe."
"Weißt du, woran ich bei der Predigt denken musste?", fragte ich das Tochterkind im Anschluss an die Messe. "An unsere Straßenevangelisation in Spandau. Da sind auch ganz viele Leute einfach vorbeigegangen und haben sich nicht dafür interessiert, was wir ihnen mitgeben wollten; und bei denen, die sich einen Flyer mitgenommen haben, kann man auch nicht wissen, ob die sich den wirklich durchgelesen haben, und wenn ja, ob das bei ihnen wirklich etwas bewirkt hat. Aber ein paar Leute waren vielleicht doch dabei, bei denen unsere Botschaft wirklich angekommen ist und etwas bewegt hat, und für die paar Leute hat sich der ganze Aufwand dann schon gelohnt." Meine Tochter bekräftigte daraufhin, sie hätte durchaus Lust, "sowas mal wieder zu machen". – "Ich auch", stimmte ich zu.
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| Dass das Tochterkind sich am Glitzertattoo-Stand dieses Motiv ausgesucht hat, ist ja auch schon ein Statement. |
In gewissem Sinne war und ist das, was wir mit unseren "Spirituellen Angeboten für Familien im Urlaub" beabsichtig(t)en, ja auch "sowas", wenn auch mit anderen Mitteln. – Erst einmal gingen wir aber am Sonntag zur ersten Veranstaltung des Urlauberkirchen-Kinderprogramms im Kirchenzelt auf dem Burhaver Campingplatz, das, wie schon berichtet, in der ersten Woche vom neuapostolischen Gemeindevorsteher aus Nordenham und seiner Familie gestaltet wurde. Dieser Gemeindevorsteher ist schon seit Jahren ein recht regelmäßiger Leser meines Blogs, und am Rande unseres ersten Besuchs im Kirchenzelt sprach er uns auf unsere Ideen und Vorschläge zum Thema "Spirituelle Angebote für Familien im Urlaub" an, von denen hier vor einigen Wochen schon die Rede gewesen war. Dabei äußerte er Unverständnis über die ablehnende Haltung der Urlauberkirchen-Verantwortlichen: Er meinte, in der Woche, in der seine Familie für das Vormittagsprogramm zuständig sei, sei das Kirchenzelt ja nachmittags offensichtlich frei, man könne also wohl kaum behaupten, dass für zusätzliche Angebote kein Platz sei. (Ich erwähnte bei dieser Gelegenheit, ich hätte mir mal spaßeshalber das Urlauberseelsorge-Programm auf Wangerooge angesehen, wo die örtliche katholische Kirche ebenfalls St. Willehad heißt; okay, man muss wohl annehmen, dass auf Wangerooge touristisch insgesamt mehr los ist als in Butjadingen, aber den quantitativen Unterschied fand ich dann doch verblüffend: Auf Wangerooge bietet die Urlauberseelsorge so ungefähr sieben verschiedene Veranstaltungen pro Tag an.) Als ich erklärte, wir wollten zusehen, dass wir unsere Angebote dann eben ohne institutionelle Unterstützung seitens der Kirche realisiert bekommen, bezeichnete mein Gesprächspartner das augenzwinkernd als "wilden Katholizismus" – ich muss sagen, das gefiel mir.
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| Ein paar Steine, die ich im Rahmen des Kirchenzelt-Bastelprogramms gestaltet habe. |
Beim sonntäglichen Mittagessen besprach ich mit Frau und Kindern, wann wir denn mal einen ersten Anlauf in Sachen "Lobpreis im Bürgerobstgarten" unternehmen könnten, und wir einigten uns auf Dienstag um 17 Uhr. Ich erstellte eine Facebook-Veranstaltung und teilte diese – mit der Beschreibung "Ein spirituelles Angebot für Familien im Urlaub – aber auch Einheimische sind willkommen! Wir treffen uns auf der Streuobstwiese hinter der katholischen Kirche zu einer Andacht mit moderner Lobpreismusik, Psalmen, biblischer Lesung und freien Fürbitten" – in mehreren Butjadingen-Gruppen; und erste Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Eine mir ansonsten nicht bekannte Frau warnte (!), das solcherart beworbene Angebot stehe "nicht mit der katholischen oder evangelischen Kirche in Butjadingen" in Zusammenhang, "oder mit der ökumenischen Urlauberseelsorge!!!"; daher: "Bitte vorsichtig!" – Als ich daraufhin bestätigte, es handle sich tatsächlich nicht um ein Angebot der Kirchengemeinden in Butjadingen oder der ökumenischen Urlauberseelsorge, legte sie noch eine Schippe drauf: "Die Kirchengemeinden Butjadingens distanzieren sich von Ihnen", verkündete sie. Da wurde ich ja nun doch neugierig, mit wem ich es eigentlich zu tun hatte. Ihren Namen zu googeln, erbrachte keine brauchbaren Ergebnisse, also fragte ich sie kurzerhand, in welcher Funktion sie sich denn hier äußere bzw. inwiefern sie denn befugt sei, im Namen der "Kirchengemeinden Butjadingens" (im Plural) zu sprechen. Eine richtige Antwort bekam ich darauf nicht, lediglich die Versicherung "Seien Sie getrost, ich bin befugt!" – das kann nun freilich jede*r behaupten. Es kam aber noch dicker: Als ein anderer, mir ebenfalls persönlich nicht bekannter Facebook-Nutzer aus Butjadingen nachfragte, wieso sich die örtlichen Kirchengemeinden denn von mir "distanzierten", behauptete die Dame allen Ernstes, ich sei "von der katholischen Kirche exkommuniziert" (!), weil das, was ich vertrete, nicht auf dem "Bekenntnis unserer Kirchen" (Hervorhebung von mir) fuße. Ich vermute mal, die gute Frau guckt ein bisschen zu viel Fernsehen und hat ein paar Dinge durcheinandergekriegt ("Hippe Missionare", Piusbrüder usw.). Meine Liebste jedenfalls verstand da keinen Spaß und antwortete der Dame mit einem geharnischten Kommentar, in dem sie sie ermahnte, Lügen und Verleumdungen zu unterlassen, und darauf hinwies, dass ich im Erzbistum Berlin ein anerkannter und geschätzter ehrenamtlicher Mitarbeiter im Pastoralen Dienst sei. Kurz darauf war der ganze Kommentardialog bei Facebook nicht mehr aufrufbar – ob das an der Gruppenmoderation lag oder ob die Urheberin der Diskussion ihren ersten Kommentar zurückgezogen hatte, wodurch auch alle darauf bezogenen Antworten verschwunden sind, sei mal dahingestellt. Auf der anderen Seite sei erwähnt, dass die Veranstaltungsankündigung in einer anderen Facebook-Gruppe eine "Love"-Reaktion von einem Vertreter der örtlichen koptischen Gemeinde erntete. Von einer Person mit dem Nutzernamen "Arwen Abendstern" gab's hingegen ein Kotz-Emoji. Ich habe die unbestimmte Ahnung, dass sie aus der neuheidnischen Ecke kommt (habe ich schon mal erwähnt, dass das Neuheidentum in der Wesermarsch traditionell eine starke Anhängerschaft hat? – Ja, habe ich tatsächlich, ist aber seeehr lange her. Vielleicht sollte ich darauf mal ausführlicher zurückkommen, ist ein interessantes Thema), und frage mich, was sie sagen würde, wenn sie wüsste, dass Tolkien ein strenggläubiger Katholik war. – Pastor Kenkel luden wir per eMail zu unserer Andacht ein, er antwortete umgehend, er sei "terminlich gebunden".
Das alles hielt uns jedoch nicht im Mindesten davon ab, uns am Dienstagnachmittag, bewaffnet mit Stundenbuch-App und mobiler Lautsprecherbox, im Bürgerobstgarten zu versammeln – einem sehr "ökumenischen" Ort, nicht nur, weil er zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche Burhaves liegt, sondern auch, weil das Grundstück früher mal der evangelischen Kirchengemeinde gehörte (oder immer noch gehört?) und zeitweilig an die katholische Kirchengemeinde verpachtet war, die es als Erweiterung ihres Pfarrgartens nutzte (u.a. als Grillplatz).
Wenn ich sage, dass an dieser ersten öffentlich angekündigten Lobpreisandacht im Burhaver Bürgerobstgarten der neuapostolische Gemeindevorsteher aus Nordenham mit seiner Familie UND das aktuelle Team der Urlauberkirche in Burhave teilgenommen haben, würde das vermutlich beeindruckender klingen, wenn ich nicht bereits verraten hätte, dass das dieselben Leute sind; aber ermutigend fand ich es doch. Davon abgesehen dürfte unser Tun einigen Leuten aufgefallen sein, die im Bürgerobstgarten mit ihren Hunden spazieren gingen; und gegen Ende der Andacht, als wir schon beim Vaterunser waren, gesellte sich eine alte Dame zu uns, mit der wir anschließend noch ins Gespräch kamen: Sie war zufällig vorbeigekommen und hatte mit wohlwollendem Interesse beobachtet, was wir da machten. Vom Aussehen her hätte ich die Frau auf Mitte bis Ende 70 geschätzt, aber sie erzählte uns, sie sei schon 90 – und "eigentlich evangelisch", aber die katholische Gemeinde in Burhave sei "sehr ökumenisch" ausgerichtet, daher gehe sie oft auch dort zum Gottesdienst. Im Übrigen empfahl sie uns das ökumenische Friedensgebet, das jeden Montagmorgen in der Herz-Mariä-Kirche stattfindet (mit anschließendem Kaffeetrinken und "Klönschnack"); könnte man durchaus mal hingehen, auch wenn es tendenziell mit dem Kinderprogramm im Kirchenzelt kollidiert. Insgesamt war es ein sehr nettes Gespräch – und nebenbei auch ein Indiz dafür, dass die "einfachen Gläubigen" erheblich weniger Berührungsängste gegenüber ungewohnten Ausdrucksformen von Spiritualität haben als die örtlichen Kirchenfunktionäre, geschweige denn Leute, die sich aus ungeklärten Gründen befugt fühlen, im Namen der Kirchengemeinden Butjadingens zu sprechen.



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