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Mittwoch, 17. Juni 2026

Neues aus dem Laodizea des Nordens

Zunächst mal: Muss ich diese Überschrift erläutern? Ursprünglich hatte ich es nicht vor, aber vielleicht ist es doch besser. Also: Als mir unlängst seitens des Pastoralteams der Pfarrei St. Willehad Nordenham lapidar beschieden wurde, man habe dort kein Interesse an den spirituellen Angeboten für Familien im Urlaub, die ich zusammen mit meiner Liebsten in unserem bevorstehenden Sommerurlaub in Butjadingen auf die Beine zu stellen beabsichtige, und dieses Desinteresse u.a. mit der Aussage begründet wurde "Die Urlauber-Kirche ist bereits komplett geplant und es gibt genügend Familien, die als Teamer in den nächsten Jahren mit uns arbeiten", fühlte ich mich spontan an das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea aus dem 3. Kapitel der Offenbarung des Johannes erinnert. Da heißt es nämlich in Vers 17: 

"Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt." 

Matthäus Merian, Erscheinung des Menschensohns. Nachbearbeitet mit Hilfe von Google Gemini.

Ich kann mir zwar gerade bei dieser Pfarrei nur schwer vorstellen, dass ernsthaft irgendjemand meint, sie habe alles was sie braucht; aber da kann man mal sehen, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen manchmal sind. – Ein bisschen ironisch erscheint es mir, dass ich gerade neulich erst in einem ganz anderen Zusammenhang schrieb, ich sei "zunehmend überzeugt, dass das Medium 'Pfarrbrief' in seiner gängigen Form eigentlich passé ist und im Grunde eine enorme Ressourcenverschwendung darstellt", und kurz darauf präsentiert die Pfarrei St. Willehad stolz ihren neuen Pfarrbrief im Hochglanz-Journal-Format, nachdem sie jahrelang lediglich ein schwarz-weiß kopiertes, wenige Seiten umfassendes Gemeindeblatt ("Willehad aktuell") herausgegeben hatte. "Leuchtturm" heißt die Publikation ganz ländlich-sittlich, und 'reinschauen musste ich in die erste Nummer natürlich unbedingt, schon allein um zu sehen, was man da so über die bevorstehende Urlauberkirchen-Saison erfährt. Und das ist in der Tat Einiges

Fangen wir mal mit ein paar Eckdaten an: Das Kinderprogramm im Kirchenzelt auf dem Campingplatz Tossens soll am ersten Juli-Wochenende beginnen, auf dem Campingplatz in Burhave eine Woche später – da sind wir bereits vor Ort. Dieses Kinderprogramm soll täglich außer samstags (da ist Teamwechsel) und mittwochs (da hat das Team einen Pausentag) von 10:30 bis 12:30 Uhr stattfinden; das ist so, wie wir es im letzten Sommer kennengelernt haben, und ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass das Programm auch inhaltlich wieder ziemlich genauso aufgebaut sein wird wie im Vorjahr, zumal es wohl zumindest teilweise von denselben Leuten gestaltet werden wird. In einem von Diakon Christoph Richter namentlich gezeichneten Artikel im "Leuchtturm"-Magazin klingt es zwar ein bisschen toller bzw. nach "mehr" – wörtlich heißt es da "Im Kirchenzelt wird gesungen, gebastelt, Geschichten gehört, gespielt, geklönt, sich getroffen, neue Menschen kennen gelernt etc., eben alles, was den Urlaub bereichert" –, aber bis zum Erweis des Gegenteils gehe ich doch mal davon aus, dass es in der Hauptsache wieder betreutes Basteln sein wird. Gleichwohl bin ich natürlich bereit, mich positiv überraschen zu lassen. 

Als eine positive Überraschung würde ich es jedenfalls gern auch betrachten, dass das Angebot der Urlauberkirche in Butjadingen heuer nicht nur aus dem Kinderprogramm im Kirchenzelt besteht. Was die Veranstalter bewogen hat, ihr Programmangebot, nachdem sie es in den zurückliegenden Jahren immer weiter zurückgefahren hatten, nun wieder auszubauen, sei mal dahingestellt, aber grundsätzlich ist das ja eine Entwicklung, die man gern positiv bewerten möchte. Aber worin genau besteht denn nun die Erweiterung des Angebots? – Zunächst, so erfährt man im "Leuchtturm"-Magazin, soll "[i]n der Zeit, in der fast alle Bundesländer Ferien haben", in den Kirchenzelten auch ein Nachmittagsprogramm stattfinden, das sich an "Erwachsene, Jugendliche ab 14 Jahren und Familien" richtet. Dieses Nachmittagsprogramm soll viermal in der Woche – montags, dienstags, donnerstags und freitags – jeweils von 15-16:30 Uhr stattfinden, und zwar in Tossens vom 20. Juli bis 8. August und in Burhave vom 27. Juli bis 8. August. Das sind, was auf den ersten Blick vielleicht nicht so auffällt, in Tossens drei Wochen und in Burhave nur zwei, insgesamt also zwölf respektive acht Termine. Da ich mit meiner Familie in Burhave Urlaub mache und wir am 30. Juli wieder abreisen, bleiben uns also – wenn wir nicht eigens hierfür nach Tossens fahren wollen – gerade mal zwei Gelegenheiten, dieses Nachmittagsprogramm in Augenschein zu nehmen. 

Hinzu kommen im Zeitraum vom 20. Juli bis 8. August auch noch Abendveranstaltungen – aber was für welche: Montags in Burhave und dienstags in Tossens wird Bingo angeboten, und zwar kostenpflichtig; donnerstags in Burhave und freitags in Tossens gibt's Kino. Da würde mich ja schon interessieren, was für Filme da gezeigt werden, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher ich den Mut nehmen soll, darauf zu hoffen, dass es sich um Filme mit einem gewissen evangelistischen Potential handeln könnte. Auch hier gilt wieder: Ich lasse mich gern positiv überraschen. Gleichwohl muss ich sagen: Wenn noch etwas gefehlt hätte, um mich in meinem Vorurteil zu bestärken, dass das Urlauberkirchen-Programm von vornherein nicht auf Evangelisierung, Katechese und Jüngerschaft ausgerichtet ist, dann wäre das der Umstand, dass in den Kirchenzelten allen Ernstes Bingo-Abende veranstaltet werden. Wenn ich versuche, mir die Zielgruppe dieses Angebots vorzustellen, fällt mir unwillkürlich das brieftaschenklauende Greisenpärchen aus "Dirty Dancing" ein. – 

Aber nicht dass hier jemand meint, ich wolle mich darüber bloß lustig machen: Ich finde es tatsächlich sehr illustrativ. Wie ich neulich schrieb, ich bin mehr und mehr der Überzeugung, entweder die Kirche betreibt Neuevangelisierung oder sie betreibt "palliative Pastoral", dazwischen gibt es eigentlich nichts. Wendet man diese Feststellung auf das Programm der Urlauberkirche in Butjadingen an, ergibt sich ein recht eindeutiges Bild: Ein Angebot, das vorrangig auf Unterhaltung und Geselligkeit setzt und in dem Glaubensinhalte eine so vernachlässigenswerte Rolle spielen, dass dieses Programm fast genauso auch von nichtkirchlichen Anbietern veranstaltet werden könnte, ist offensichtlich auf eine Zielgruppe zugeschnitten, die sich der Institution Kirche noch irgendwie verbunden fühlt, an religiösen Inhalten aber kein besonderes Interesse hat. Ich würde es als evident bezeichnen, dass diese Zielgruppe rapide im Schwinden begriffen ist. Die Bedürfnisse einer aussterbenden Zielgruppe zu befriedigen, solange es sie noch gibt, ist geradezu der Inbegriff palliativer Pastoral. Der umgekehrte Ansatz – Programm für eine Zielgruppe zu machen, die offen und ansprechbar für religiöse Fragen ist, der Institution Kirche aber eher fern steht – ist ohne Zweifel anspruchsvoller und hat nach weltlichen Maßstäben ein höheres Misserfolgsrisiko, ist aber meiner Überzeugung nach der einzig zukunftsweisende Weg. Dass die Verantwortlichen der Urlauberkirche in Butjadingen diesen Weg nicht gehen wollen, ist schon bedauerlich genug; dass sie aber auch nicht wollen, dass andere es tun, steht nochmal auf einem anderen Blatt. Zugegeben: Dass es innerhalb der Institution Kirche – nicht nur, aber besonders in Deutschland – Kräfte gibt, die eine geistliche Erneuerung nicht nur nicht fördern, sondern sogar aktiv bekämpfen, ist grundsätzlich nichts Neues und wird immer deutlicher, je mehr sich eine solche geistliche Erneuerung dennoch abzeichnet. Aber gerade in Bezug auf die Pfarrei St. Willehad hatte ich in dieser Hinsicht eigentlich auf Besserung gehofft. 

Aber noch einmal zurück zum "Leuchtturm"-Magazin: Darin sind auch zwei in etwas aufdringlich kitschiger KI-Optik gehaltene Plakate zum kirchlichen Sommerprogramm für den Zeitraum vom 20. Juli bis 7. August abgedruckt, und diese Plakate enthalten gegenüber den Textbeiträgen im Magazin ein paar zusätzliche Informationen. So soll es im Rahmen des Programms "für Familien & junge Erwachsene" jeweils mittwochs eine "Geschichtenstunde im Atrium Burhave" geben, und im Abendprogramm ebenfalls mittwochs eine "Andacht an touristischen Orten"das gab's voriges Jahr als Angebot der evangelischen Urlauberseelsorge. Freitags um 20:45 Uhr soll es zudem am DLRG-Wachtturm in Tossens eine Veranstaltung namens "Sundowner" geben. Das alles könnte durchaus ein gewisses Potential haben, mehr jedenfalls als die Kirchenzelt-Angebote; man nehme es mir aber bitte nicht übel, wenn ich nach allen bisherigen Erfahrungen erhebliche Zweifel daran habe, dass aus diesem Potential tatsächlich etwas gemacht wird. Nähere Informationen zu diesen Veranstaltungsformaten sind bisher noch nirgends zu finden, auch nicht im Online-Veranstaltungskalender des Tourismus-Service Butjadingen. Na, es ist ja noch ein bisschen Zeit bis dahin; warten wir's also erst mal noch ab. 

Sehr wohl in dem besagten Veranstaltungskalender wie auch im Textteil des "Leuchtturm"-Magazins aufgeführt sind die Ökumenischen Familiengottesdienste in der Konzertmuschel in Tossens, die an vier Sonntagen in diesem Sommer stattfinden sollen: am 5. und 19. Juli sowie am 2. und 16. August, jeweils um 15 Uhr. Für uns käme lediglich der zweite dieser Termine in Frage; wer mich kennt, der weiß allerdings, dass ich beim Stichwort "Familiengottesdienst" Gänsehaut auf dem Zahnfleisch zu bekommen pflege, und beim Stichwort "ökumenisch" nicht minder. Dass das "Leuchtturm"-Magazin den Hinweis auf die sogenannten "Muschelgottesdienste" mit einem Foto illustriert, auf dem eine Gay Pride Flag (um nicht immer "Regenbogenflagge" zu sagen) in der Konzertmuschel weht, tut ein Übriges. Na, möglicherweise werde ich mir den "Muschelgottesdienst" am 19. Juli trotzdem ansehen, dann aber nur zum Zweck der Berichterstattung und vorsichtshalber wohl lieber ohne Frau und Kinder. 

Was derweil unser beabsichtigtes Alternativprogramm in Sachen "Spirituelle Angebote für Familien im Urlaub" (intern auch "Guerilla-Urlauberseelsorge" genannt) betrifft, gibt es derzeit noch keine weiterreichenden Pläne als "mittwochs Lobpreis mit dem Stundenbuch im Bürgerobstgarten, sonntags Kinderwortgottesdienst auf dem Spielplatz am Strand"; ich muss sagen, ich hatte auch noch nicht so recht Zeit und Muße, mich nach anderen möglichen Kooperationspartnern als der örtlichen katholischen Pfarrei umzusehen oder sonstigen organisatorischen Aufwand zu treiben. Aber wer weiß, vielleicht findet dieser Artikel ja Leser, die zu einer Kooperation bereit und in der Lage wären – seien es Personen oder Institutionen, die im Butjadingen oder Umgebung ansässig sind, oder einfach Leute, die im selben Zeitraum wie wir Urlaub in Butjadingen machen. Und sollte dieser Artikel Reaktionen ernten wie "Wir können euch zwar nicht bei der Organisation helfen, wären aber interessiert, zu euren Angeboten zu kommen", würde mich auch das sehr freuen... 


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