Samstag, 16. Mai 2026

Utopie und Alltag 25: Lasset die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht

Saludos, Compañeros! Ich habe gerade sturmfreie Bude, denn meine Große ist noch bis morgen im Wölflingslager und meine Liebste ist mit dem Jüngsten an die Ostsee gefahren. In der zurückliegenden Woche stand ich – nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Reihe "Utopie und Alltag", aber doch in besonders ausgeprägtem Maße – vor dem Luxusproblem, dass es buchstäblich mehr als genug Stoff zum Bloggen gab, ich mir aber zugleich die Frage stellen musste: Wenn ich alle Themen, die genug Stoff für einen eigenständigen Artikel abgeben, aus dem Wochenbriefing ausgliedere, was bleibt dann noch fürs Wochenbriefing übrig? Und dann muss ich auch noch die Zeit finden, das alles aufzuschreiben. Hinzu kommt, dass die meisten Themen, die mich in der zurückliegenden Woche beschäftigt haben, einen gewissen Roten Faden erkennen lassen, der sie verbindet; nur und ausgerechnet das Wölflingslager, das natürlich ein "designiertes Top-Thema" der Woche ist, fällt da einigermaßen raus oder bildet vielleicht sogar eine Art Antithese dazu. – Und was für ein Roter Faden wäre das? Nun, sagen wir mal so: Nachdem ich vor einigen Wochen spekuliert habe, das "Quiet Revival" – anders ausgedrückt, der vor allem in der "Generation Z" zu beobachtende religiöse Aufbruch in den vermeintlich unwiderruflich durchsäkularisierten Gesellschaften des Westens – könnte sich als das zentrale Thema der gesamten Reihe "Utopie und Alltag" herauskristallisieren, habe ich in der zurückliegenden Woche einige Beobachtungen dazu machen müssen, wie der post-volkskirchliche Normalbetrieb diesen religiösen Aufbruch nicht nur nicht unterstützt, sondern effektiv dagegen arbeitet. Was mich einmal mehr an Pastor Kurowskis #TeamVolkskirche-Thesen erinnert hat, in denen es ernsthaft als "[v]ielleicht [...] das entscheidende Argument für Volkskirche" hervorgehoben wird, dass sie – mit "ihrer pomadigen Behördenstruktur, in ihrer flächendeckenden Mittelmäßigkeit, in ihrer verkopften Ausbildung, in ihrer durch und durch lauwarmen Kompromissbereitschaft" – "eine Art Containement [sic] für das Religiöse bietet". Und damit fängt sie schon bei den Kindern an. Kaum auszudenken, was aus der Kirche in unseren Breiten werden könnte, wenn sie das nicht täte. 

Langer Rede kurzer Sinn: Zum Katholikentag habe ich bereits gestern einen separaten Artikel veröffentlicht (was nicht unbedingt heißt, dass dieses Thema damit für mich abgeschlossen wäre), und einen thematisch nicht so ganz zum oben skizzierten Roten Faden passenden Abschnitt ("Mehr Neues vom Schulkind, den anderen Schulkindern und deren Eltern") habe ich vorerst zurückgestellt. Was alles Übrige angeht: Seht selbst! 

Tympanon am Portal der Kirche St. Antonius in Eichwalde

Himmelfahrtskommando mit den Wölflingen 

Ich erwähnte es ja bereits: Die Wölflingsmädchen der Berliner und Brandenburger Stämme der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) haben derzeit ihr gemeinsames Frühlingslager, und meine Tochter ist mit dabei. Bevor es aber ins Lager losging, gab es am vergangenen Samstag noch einmal ein "normales" Meutentreffen im Garten von St. Norbert, an dem mein Tochterkind und 17 weitere Mädchen teilnahmen. Wie schon zwei Wochen zuvor verzichtete ich erneut darauf, bei diesem Meutentreffen zuzuschauen; was ich aber mitbekam, war, dass die Mädchen einen Großteil der Zeit damit beschäftigt waren, aus Baumstämmen und Stricken ein "hausförmiges" Gerüst zusammenzubauen, das am Ende auch tatsächlich frei stehen konnte – auf Nachfrage erklärte meine Tochter mir, das sei eine Kapelle. Ich war ziemlich beeindruckt. 

Wie ich bereits angekündigt hatte, war mein Tochterkind zu diesem Meutentreffen erstmals in Klufthemd und Barrett erschienen; was zur Vervollständigung der Kluft noch fehlte, waren die Aufnäher für Ärmel und Brusttaschen des Klufthemds, aber die Akela versprach, diese zum Lager mitzubringen – und ebenso das Erprobungsheft "Der Weg durch den Dschungel". Dass eins der Mädchen, das beim Herbstlager mit dabei gewesen war, mich fragte, ob ich wieder kochen würde, empfand ich als durchaus schmeichelhaft, musste diese Frage aber trotzdem verneinen – obwohl ich das wirklich gern gemacht hätte, aber das Küchenteam war bereits anderweitig besetzt. Meine Tochter war zunächst auch nicht ganz glücklich darüber, dass ich beim Lager nicht durchgehend dabei sein, sondern lediglich "mal vorbeikommen" würde; ich sagte mir (und ihr) aber, es werde schon alles gutgehen: Schließlich gibt es bei so einem Lager buchstäblich von morgens bis abends "Programm", da dürfte sie wohl kaum Zeit und Gelegenheit für Heimweh oder Papi-Vermissung haben. "Die Nächte könnten schwierig werden", wandte sie ernst ein. Wozu ich indes anmerken möchte: Wenn ich beim Lager dabei wäre, würde sie ja trotzdem mit ihrem Rudel im Zelt schlafen sollen – und, so nehme ich an, auch wollen. Meine Liebste gab zu bedenken, in der Zeit seit dem Herbstlager – also in etwas mehr als einem halben Jahr – habe unsere Große nicht ein einziges Mal "woanders übernachtet", ohne dass es mitten in der Nacht Drama gegeben hätte, weil sie doch nach Hause wollte; ich wandte ein, das sei zwar "technically correct (the best kind of correct)", aber man könne den Sachverhalt auch so ausdrücken, dass die einzigen Übernachtungsversuche, bei denen es solche Dramen gegeben habe, bei einer bestimmten Schulfreundin stattgefunden hätten – und wenn man stundenlang auf dem Tablet zockt und/oder Videos guckt und dann nicht schlafen kann, sei das ja wohl etwas anderes, als wenn man nach einem Tag voller Aktivität an der frischen Luft und einem feierlichen Abendritual rechtschaffen müde in seinen Schlafsack kriecht. Jedenfalls hoffte ich, dass das so sein würde; aber wie es aussieht, hat sich diese Hoffnung auch tatsächlich erfüllt. Aber mal der Reihe nach: 

Bereits am Dienstag war ich eifrig damit beschäftigt, die Ausrüstung für das Lager zusammenzusuchen und teils mit Wäschestift und teils mit Permanent-Marker zu beschriften, damit ich am Abend gemeinsam mit dem Tochterkind den Rucksack packen konnte – auf der Packliste, die, wie schon anlässlich des Herbstlagers vermerkt, auch detailliert angab, in welcher Anordnung die verschiedenen Ausrüstungsgegenstände im Rucksack verstaut werden sollten, war ausdrücklich vermerkt, dass die Wölflinge ihren Rucksack selbst packen sollten, und das leuchtete mir auch unmittelbar ein, aber ich half trotzdem dabei mit. Der Grund dafür, dies schon am Dienstag zu tun, war der, dass die Rucksäcke am Mittwochnachmittag schon in St. Norbert abgegeben und in den Hänger verladen werden sollten, damit die Mädchen am Donnerstag nur leichtes Handgepäck mitzunehmen brauchten. – Da ich wegen der Gepäckaufgabe nicht zum JAM konnte, sagte ich mir, dann könne ich ja auch gleich dabei mithelfen, den Boni-Bus samt Anhänger zu beladen – nicht nur mit Rucksäcken, sondern auch mit Zelten, Kochgeschirr und sonstigem Lagerzubehör. 

An diesem Fotomotiv reizte mich besonders die Kombination aus Meutenstab und Graffitti. 

Blick in den Hänger: Sieht gar nicht nach so viel Zeug aus, aber das täuscht.

Am Donnerstag – Christi Himmelfahrt – mussten wir ungefähr so früh aufstehen wie an einem normalen Schultag, um rechtzeitig am Treffpunkt zu sein: Die Meute versammelte sich um 9 Uhr am Bahnhof Südkreuz, um von dort aus mit der Regionalbahn nach Königs Wusterhausen und dann mit der S-Bahn weiter zum Lagerplatz zu fahren. Mein Tochterkind war nach eigenem Bekunden "aufgeregt wie ein Wischmop", und als wir am Bahnhof die ersten anderen Wölflingsmädchen trafen, darunter einige, mit denen meine Tochter sich bei den zurückliegenden Meutentreffen angefreundet hat – auch ihre beste Freundin vom Herbstlager war wieder mit von der Partie –, gab es endgültig kein Halten mehr. – Ein bisschen Sorge machte mir das Wetter: Vor zwei Wochen war's schon richtig sommerlich gewesen, aber nun waren die Eisheiligen ins Land gezogen, es war regnerisch-trüb und wurde nachts noch mal richtig kalt. Kurz, das Wetter war insgesamt so ähnlich wie beim Herbstlager – immerhin nicht schlechter, könnte man sagen, aber ich hatte eigentlich auf mehr Sonne und freundlichere Temperaturen gehofft. 

Aber wie dem auch sei: Nachdem mich in der ersten Nacht kein Notruf ereilt hatte, machte ich mich am Freitag mal auf den Weg, um dem Wölflingslager – das auf dem Pfarrhausgrundstück der zur Pfarrei Zur Heiligen Dreifaltigkeit in Königs Wusterhausen gehörenden Kirche St. Antonius in Eichwalde aufgeschlagen worden war. 


Meine Tochter war wohlauf und fröhlich, und auch sonst war die Stimmung im Lager ausgezeichnet. "Du hast eine gute Jagd verpasst", teilte mir eine Assistentin mit, die ich schon vom Herbstlager her kannte. (Mit dem einschlägigen Vokabular nicht so vertrauten Lesern sei gesagt, dass als "Jagd" bei den Wölflingen ein Geländespiel bezeichnet wird, in dessen Verlauf verschiedene Aufgaben gelöst werden müssen.) Nett fand ich auch, dass eins der Mädchen – dasselbe, das mich am Samstag gefragt hatte, ob ich beim Lager wieder koche – mich mit dem Gestus völliger Selbstverständlichkeit um Hilfe bei einer Pflanzenbestimmungs-Aufgabe bat. Nicht lange nach meiner Ankunft gab es Mittagessen – Kartoffeln mit Quark und Gurkensalat, "ein gutes Freitagsessen", wie die Lagerleiterin anmerkte –, und ich bekam auch eine Portion ab. 



Während des Essens unterhielt ich mich mit dem Kuraten, einem jungen Pater von der Ordensgemeinschaft der Diener Jesu und Mariens, der, wie ich bemerkte, bei den Mädchen ausgesprochen beliebt war. – Nach dem Abwasch war "Stille Stunde", und das nahm ich zum Anlass, mich wieder zu verkrümeln. Ein wenig beeinträchtigt wurde die Idylle des Lagerplatzes übrigens dadurch, dass er genau in der Einflugschneise zum Flughafen BER lag; meine Tochter verriet mir sie habe zum Einschlafen Flugzeuge statt Schafe gezählt. 

Was meine Tochter sonst noch so über das Himmelfahrtslager zu erzählen haben wird, wenn sie morgen zurückkommt, wird, soweit es für die Öffentlichkeit geeignet ist, im nächsten Wochenbriefing nachgeliefert; erwähnen möchte ich jedenfalls noch, dass insgesamt 28 Mädchen aus vier verschiedenen Meuten an diesem Lager teilnehmen, darunter auch die Meute Graubruder aus Berlin-Gesundbrunnen, die noch so neu ist, dass sie noch keine Anhänger an ihrem Meutenstab hat. Aber das wird sich ja nun wohl bald ändern. 


Hier zum Vergleich der Meutenstab der Meute Raschka aus Teltow.

Das Tagesprogramm gibt recht deutlich zu erkennen, dass Gottesdienstbesuch, Katechese und Gebet einen ziemlich umfangreichen Teil des Lageralltags ausmachen. Aber das hatte ich ja auch schon beim Herbstlager festgestellt.

Nach der Erstkommunion nochmal zur Kirche zu kommen, ist ja schon eine Hürde, an der viele scheitern 

Am 6. Sonntag der Osterzeit war in St. Joseph Siemensstadt "Dankgottesdienst der Erstkommunionkinder" – man könnte vielleicht auch "Zweitkommunion" dazu sagen. Unterwegs dorthin fragten wir uns, wie sich dies wohl auf die Platzsituation in der Kirche auswirken würde, rechneten aber nicht ernsthaft damit, dass es auch nur annähernd so voll werden würde wie in der Woche zuvor. Und richtig: Von insgesamt 31 Kindern, die an den beiden vorangegangenen Sonntagen in dieser Kirche die Erstkommunion empfangen hatten, waren zum Dankgottesdienst dreizehn erschienen – nun gut, man kann sagen, wenn man das mit der Heilung der Zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19) vergleicht, ist das gar keine sooo schlechte "Rücklaufquote". – Zelebriert wurde auch diese Messe wieder von Padre Ricardo; seine Predigt war im Wesentlichen als Ansprache an die Erstkommunionkinder und deren Familien gerahmt, mit der zentralen Botschaft, sie seien in der Kirche auch weiterhin (!) jederzeit willkommen; aber auch über die Tatsache hinaus, dass es ja schon recht bezeichnend ist, wenn man so etwas gegenüber den Familien von Erstkommunionkindern extra betonen muss, enthielt diese Ansprache ein paar bemerkenswerte Aspekte, die ich hier festhalten möchte. Zum einen räumte Padre Ricardo ein, ihm sei bewusst, dass es den Priestern manchmal am "Geist der Gastfreundschaft" und an Herzlichkeit fehle, und bat dafür "um Verzeihung". Zum anderen merkte er an, es könne für die Kinder, die ja mit einiger Wahrscheinlichkeit "Mitschülerinnen und Mitschüler" haben, "die nicht an Gott glauben", zuweilen schwierig sein, sich zu ihrem Glauben zu bekennen; sie könnten im Alltag leicht in die Versuchung geraten, den Glauben zu verleugnen. "Aber ich sage euch, wenn wir Jesus bekennen, wird Er uns immer helfen, immer. Der Geist wird uns auch bestärken." 

Zum Dankgottesdienst gehört auch der Dank an die ehrenamtlichen Katechetinnen, die an der Erstkommunionvorbereitung mitgewirkt haben, und dieser wurde gegen Ende der Messe, vor den Vermeldungen, mit warmen Worten, Applaus und Blumensträußen abgestattet. Dabei fehlte auch nicht der Hinweis, es hätten sich für den nächsten Erstkommunionkurs "auch einige Neue gemeldet, die mitmachen wollen", und da wurde mir schon ein wenig mulmig bei der Vorstellung, im nächsten Jahr mit da vorne zu stehen. Nicht dass ich was dagegen hätte, Blumen geschenkt zu bekommen, aber auf dem Weg dorthin sehe ich durchaus Konflikte voraus. Na, schauen wir mal. 


Mensch, Mose – beweg dich! 

Am Dienstag fand im Gemeindehaus von St. Stephanus in Haselhorst ein Teamtreffen für die Religiöse Kinderfreizeit in den Sommerferien statt; bis auf den designierten Chefkoch, dem ich auf dieser Fahrt assistieren soll, erschien das Team vollzählig, insgesamt sieben Personen: vier junge Erwachsene (2m/2w), von denen drei auch schon im Vorjahr zum RKF-Team gehört hatten und auch bei den Religiösen Kindertagen mitarbeiten, dazu der Gemeindereferent, seine Frau und ich. – Ein Leitgedanke, den ich zu diesem Treffen mitnahm, lautete, man müsse es vermeiden, dass das katechetische Programm dieser Fahrt als ein notwendiges Übel wahrgenommen werde, als etwas, was man hinter sich bringen müsse, um in der übrigen Zeit Spiel, Sport und Spaß genießen zu können. Das ist übrigens nicht nur ein kirchliches Problem; bei Schulfahrten, sofern diese darauf angelegt sind, (auch) einen Lerninhalt zu haben, ist es nicht anders. Dass zumindest einige der teilnehmenden Kinder eine solche Einstellung zum Programm mitbringen, ist demnach wohl nicht gänzlich zu vermeiden; aber meiner Überzeugung nach verstärkt sich das Problem – geradezu im Sinne einer "self-fulfilling prophecy" –, wenn die Betreuer diese Haltung bei den Teilnehmern voraussetzen und dies auch mehr oder weniger offen kommunizieren, womöglich auch deshalb, weil sie selbst mehr Lust auf Schwimmen oder Volleyball haben als auf Katechese. (Das will ich konkret niemandem aus diesem Team unterstellen, aber prinzipiell ist das eine Möglichkeit, mit der man rechnen muss.) Kurz gesagt, ich denke, es muss wenigstens einen im Team geben, der die Überzeugung ausstrahlt, dass die katechetischen Einheiten das Wichtigste, das Tollste und der eigentliche Hauptinhalt der RKF sind – und wenn's der Küchengehilfe ist. 

Das nächste Problem ist, dass die katechetischen Einheiten dann eben auch so sein müssen, dass man diese Überzeugung glaubwürdig vertreten kann. Und damit kommen wir zu den Materialien zum diesjährigen Thema der Freizeit, "Mensch, Mose – beweg dich!". Wenn ich nicht ohnehin schon mehr als genug zu tun gehabt hätte, hätte ich mich gern etwas gründlicher inhaltlich auf das Teamtreffen vorbereitet, aber was ich gerade noch geschafft hatte, war zum einen, die auf der Website religioesekinderwoche.de unter der Überschrift "Die Inhalte der RKW 2026" veröffentlichten Texte durchzulesen, und zum anderen, mir im Vergleich dazu anzusehen, wie die Lebensgeschichte des Mose in meiner bewährten Kinderbibel dargestellt wird. Zum erstgenannten Punkt nur mal soviel: Als ich las, im Programm des ersten Tages solle das Thema "Identitätsfindung" im Mittelpunkt stehen – da Mose "sich aus seiner Biographie heraus sowohl dem ägyptischen Volk als auch den Hebräern bzw. dem Volk Israel zugehörig fühlt" –, und dazu weiter ausgeführt wurde "Jeder Mensch sollte sich mit seiner Herkunft und Vergangenheit auseinandersetzen, um ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben führen zu können", dachte ich erst mal nur: Ächz. – Ich fürchte, Lesern, die diese spontane Reaktion nicht intuitiv verstehen bzw. nachempfinden können, werde ich sie auch kaum erklären können; aber auch ohne an dieser Stelle darauf einzugehen, wie viel ideologisches Schindluder mit dem Begriff "Identität" getrieben werden kann – darauf wäre vielleicht bei Gelegenheit zurückzukommen –, möchte ich einfach mal das Stichwort "sozialpädagogische Banalisierung" in den Raum werfen. Die Tendenz dazu setzt sich im weiteren Verlauf des Wochenprogramms leider fort. Am zweiten Tag sollen sich die "Teilnehmenden" [sic!] "auf die Suche nach ihren persönlichen Kraftquellen" begeben, der vierte Tag steht unter dem Motto "Ich bringe mich ein". – In der Kinderbibel, die ich schon öfter für KiWoGo, RKT usw. verwendet habe, umfasst die Erzählung von der Geburt Moses bis zu seinem Tod 24 Seiten (allerdings mit zahlreichen zum Teil recht großformatigen Bildern), und bei der Lektüre ist mir erst richtig aufgefallen, was in der Kurzübersicht über die "Inhalte der RKW 2026" alles nicht vorkommt: Der Brennende Dornbusch wird wenigstens beiläufig erwähnt, nicht hingegen die Ägyptischen Plagen, das Pessach, der Durchzug durchs Rote Meer, die Zehn Gebote, das Goldene Kalb und die Bundeslade. Okay, sagte ich mir: Dass davon in der Kurzübersicht keine Rede ist, heißt ja noch nicht, dass es in den ausführlichen Materialien nicht vorkommt. Aber eine eigentümliche Schwerpunktsetzung verrät es schon. 

Zu meinem Verdruss stellte sich beim Teamtreffen dann allerdings heraus, dass die ausführlichen Materialien noch viel blöder sind, als die Kurzübersicht es hatte erwarten lassen. Ich finde sie wirklich bizarr schlecht, und zwar inhaltlich und methodisch. Exemplarisch sei hier nur mal der Text von der Rückseite des Materialienbuchs zitiert: 

"Was bringt uns in Bewegung – äußere Umstände oder innere Impulse? In dieser Religiösen Kinderwoche entdecken die Teilnehmenden in fünf Tagen, wie die Erlebnisse und Entscheidungen des Mose auch heute noch Wegweiser für das eigene Leben sein können. Im Mittelpunkt stehen vielfältige Bewegungsangebote, die ganzheitliches Lernen ermöglichen und das Körperbewusstsein stärken. Bewegung wird dabei zur Ausdrucksform von Emotionen, Gebet und Glauben" –

– aber was mit "Glauben" eigentlich inhaltlich gemeint ist, bleibt ausgesprochen schwammig. Ständig geht es in den Materialien darum, in sich selbst hineinzuspüren, bestenfalls sich mit den anderen "Teilnehmenden" auszutauschen; der biblische Stoff wird lediglich als Anlass und Material für psycho-esoterisches Selbsterfahrungsgedöns und hier und da ein bisschen Demokratieförderung genutzt. Alles in allem: "Boomer Catholicism" at its worst. Vielleicht könnte man mit diesem Konzept eine tolle Seniorenfreizeit machen, aber vielleicht ist diese Bemerkung auch unfair unseren älteren Mitgläubigen gegenüber. 

Nun besteht natürlich durchaus die Möglichkeit, dass ich von den Katechesen ohnehin nicht besonders viel mitkriege, weil ich in der Küche zu tun habe; aber deswegen ist es mir noch lange nicht egal, was den Kindern da aufgetischt wird – nicht zuletzt auch, weil meine Tochter mit dabei sein wird. Ich denke also, ich sollte bis zum nächsten Teamtreffen – das in etwa vier Wochen stattfinden soll – etwas Energie und Kreativität auf die Frage verwenden, ob und wie man im Rahmen des vorgegebenen Konzepts zumindest gewisse Akzente setzen könnte: weg von der Nabelschau, hin zu einer Katechese, die diese Bezeichnung wirklich verdient. Mit Hilfe meiner Liebsten habe ich dazu auch schon ein paar Ansatzpunkte gefunden. Ich werde bei Gelegenheit darauf zurückkommen... 


Und was ist jetzt mit der "Guerilla-Urlauberseelsorge"? 

Ebenfalls am Dienstag traf sich das Pastoralteam der Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland zur Dienstbesprechung, und da wurde auch über meinen Vorschlag zum Thema "Spirituelle Angebote für Familien im Urlaub" gesprochen. Wenn die Antwort, die ich auf meine Mail erhielt, Rückschlüsse darauf zulässt, wie ausführlich dieser Tagesordnungspunkt diskutiert wurde, dann war es eine sehr kurze Besprechung. Das Ergebnis lautete kurz und bündig, man habe "kein Interesse", auf dieses "Angebot einzugehen". Zur Begründung heißt es in der Antwort an mich: "Die Urlauber-Kirche ist bereits komplett geplant und es gibt genügend Familien, die als Teamer in den nächsten Jahren mit uns arbeiten." – Ich sag mal so: Wenn ich im Juli nach Butjadingen komme und dort feststelle, dass die Urlauberkirche dort nicht nur neue Shirts mit einem neuen Logo, sondern auch ein von Grund auf erneuertes Konzept hat und ein reichhaltiges spirituelles und katechetisches Programm bietet, dann nehme ich alles zurück, was ich in den folgenden Zeilen schreiben werde, und leiste öffentlich Abbitte. Aber ich glaube, da könnte ich genauso gut schreiben "...dann fress' ich einen Besen". 

Dies vorausgeschickt, muss ich sagen, die selbstgefällige "Brauchen wir nicht!"-Haltung, die Team Willehad da an den Tag legt, erinnert mich frappierend an den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd, der bei allen möglichen Initiativen oder Anregungen, die irgendwie in Richtung Neuevangelisierung und/oder Gemeindeerneuerung gingen, ebenfalls immer zu fragen pflegte "Brauchen wir das?". Ich habe ihm dazu mal in einer Mail folgendes geschrieben: 

"Ich würde so eine Frage ehrlich gesagt eher in einer Gemeinde (oder vergleichbaren Institution) erwarten, die schon alles hat, was sie braucht – in der alles so gut läuft, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes 'wunschlos glücklich' ist. – Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend jemand ernsthaft der Auffassung ist, das sei bei uns der Fall." 

Tja. Das ist offenbar so ein Punkt, wo ich immer wieder zu naiv-optimistisch bin und den Leuten zu viel zutraue, nämlich, dass sie doch selber merken müssten, dass es bei ihnen nicht so toll läuft und dass sie es sich daher nicht leisten können, Initiativen und Anregungen, die vielleicht nicht auf dem gewohnten Dienstweg daherkommen, mit einem steifnackigen "Brauchen wir nicht!" abzuschmettern. – Im Fall der Urlauberseelsorge in Butjadingen dürfen wir nun jedenfalls wohl davon ausgehen, dass deren Programm deshalb so ist, wie es ist, weil Team Willehad es genau so haben will. Mehr oder etwas anderes als das, was da geboten wird, ist ausdrücklich unerwünscht, selbst wenn man's den Leuten auf dem Silbertablett serviert. Wenn man den Begriff Seelsorge ernst nimmt und wörtlich versteht, als Sorge für oder um Seelen, ist so eine Haltung eigentlich zutiefst unverständlich. Vermutlich muss man da aber unter anderem auch die von Pastor Kurowski angesprochene "pomadige Behördenstruktur" in Rechnung stellen: Die Urlauberkirche ist ein Haushaltsposten mit klaren Zuständigkeiten und geregelten Abläufen, und es geht nicht an, dass irgendwer daherkommt und meint, man könnte das doch alles auch mal ganz anders machen. Auch nicht innerhalb des Pastoralteams übrigens: Die Urlauberbetreuung fällt in die Zuständigkeit des Diakons, und da hat ihm keiner reinzureden. 

Was übrigens das Problem angeht, das Diakon Richter mit mir hat und ich mit ihm, ist mir neulich zwischen Klo und Dusche eine Erkenntnis gekommen, die fast schon eine Erleuchtung genannt werden darf: In gewissem Sinne könnte man ihn als meinen bösen Zwilling bezeichnen. Nicht nur hat er als Diakon und Pastoralreferent Gestaltungsspielräume in der Kirche, von denen ich vorläufig nur träumen kann; er hat, in Gestalt des "Rat-Schinke-Hauses" in Burhave, sogar so etwas wie sein eigenes Pfarrhausfamilien-Projekt. Nur nutzt er das alles eben gerade nicht für Neuevangelisierung und Gemeindeerneuerung, sondern hisst vor dem Haus eine Regenbogenflagge und betreibt ansonsten religiöses Containment im Sinne Pastor Kurowskis. Und genau dafür wird er von der Kirche auch noch bezahlt, und das gewiss nicht schlecht. – Letzteres macht natürlich auch deutlich, dass das eigentliche Problem nicht an einer einzelnen Person hängt, sondern dass es sich um ein strukturelles Problem der post-volkskirchlichen Institutionen handelt, dass Leute in solchen Positionen so handeln. Aber dieses strukturelle Problem konkretisiert sich eben in einzelnen Personen, und ich sag mal so: Ich an deren Stelle würde mich lieber nicht darauf verlassen, dass ich beim Jüngsten Gericht damit durchkomme, alles auf die Strukturen zu schieben. 

Die entscheidende Frage lautet aber natürlich: Und was jetzt? – Fangen wir mal mit dem einfachsten an: Einmal pro Urlaubswoche "Lobpreis mit dem Stundenbuch" aka "Beten mit Musik" würden wir wohl so oder so machen, auch schon für uns alleine; wenn wir das öffentlich ankündigen wollen, können wir es angesichts der ablehnenden Haltung der Pfarreiverantwortlichen nicht in der Kirche machen, aber ich schätze, im Bürgerobstgarten (zum Beispiel) wäre das vom allgemeinen Recht auf Versammlungsfreiheit gedeckt. Und darüber hinaus? Sehr ungern verzichten würde ich darauf, Kinderkatechesen zu den Sonntagsevangelien anzubieten, einfach weil die Texte dafür so viel hergeben (das Gleichnis vom Sämann, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das Gleichnis vom Schatz im Acker). Könnte man vielleicht auch im Bürgerobstgarten machen, oder am Strand, aber vielleicht findet sich da auch noch eine andere Möglichkeit – es sind ja noch ein paar Wochen Zeit bis dahin, und ein paar Ideen, wo man mal anfragen konnte, hatte ich auch schon. Die behalte ich aber vorerst lieber mal für mich... 


Geistlicher Impuls der Woche 

Lukas sagt, dass die Jünger voll Freude waren, als der Herr endgültig von ihnen gegangen war. Wir würden das Gegenteil erwarten. Wir würden erwarten, dass sie ratlos und traurig zurückblieben. Die Welt hatte sich nicht geändert, Jesus war endgültig von ihnen gegangen. Sie hatten einen Auftrag erhalten, der unausführbar schien und ihre Kräfte überstieg. Wie sollten sie vor den Menschen in Jerusalem, in Israel, in der ganzen Welt hintreten und sagen: "Dieser Jesus, der gescheitert schien, ist doch der Retter von uns allen"? Jeder Abschied hinterlässt Trauer. Auch wenn Jesus als Lebender von ihnen gegangen war: Wie sollte sein endgültiges Scheiden von ihnen sie nicht traurig machen? Und doch – da steht, sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück und priesen Gott. Wie können wir das verstehen? 

Jedenfalls folgt daraus, dass die Jünger sich nicht verlassen fühlen. Dass sie Jesus nicht als weit von ihnen in einen unzugänglichen Himmel entschwunden ansehen. Sie sind offenbar einer neuen Gegenwart Jesu gewiss. Sie sind sich gewiss (wie es der Auferstandene nach Matthäus denn auch gesagt hat), dass er gerade jetzt auf eine neue und machtvolle Weise bei ihnen gegenwärtig ist. Sie wissen, dass "die Rechte Gottes", zu der er "erhöht ist", eine neue Weise seiner Gegenwart einschließt, dass er nun unverlierbar bei ihnen ist, so wie eben nur Gott uns nahe sein kann. 

Die Freude der Jünger nach der "Himmelfahrt" korrigiert unser Bild von diesem Ereignis. "Himmelfahrt" ist nicht Weggehen in eine entfernte Zone des Kosmos, sondern die bleibende Nähe, die die Jünger so stark erfahren, dass daraus beständige Freude wird. 

(Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Bd. II) 


Ohrwurm der Woche 

Simple Minds: And the Band Played On 

Irgendwann gegen Mitte der 90er habe ich mal eine Plattenkritik gelesen, in der es über eine Band, deren Ruhm vorrangig aus den 80ern datierte, hieß, auf ihrem neuen Album habe sie nicht nur Gott, sondern auch die Gitarre entdeckt. Der Witz an der Sache ist, dass zwar diese Formulierung aus der Rezension bei mir hängen geblieben ist, ich mich aber nicht mit letzter Sicherheit erinnern kann, auf welche Platte sie sich bezog: Wahrscheinlich handelte es sich um "Songs of Faith and Devotion" (1993) von Depeche Mode, es könnte aber auch "Good News from the Next World" (1995) von den Simple Minds gewesen sein – denn auch wenn die Simple Minds "schon immer" eine Gitarre in ihrem Instrumentarium hatten, darf man wohl doch behaupten, dass ihr Sound in den 80ern erheblich keyboardlastiger war. Mitte der 90er war von der Band aber neben Sänger Jim Kerr nur noch der Gitarrist Charlie Burchill übrig geblieben, und der lässt es auf "Good News from the Next World" – unterstützt von hochkarätigen Session-Musikern wie Marcus Miller am Bass und Vinnie Colaiuta am Schlagzeug – ordentlich krachen. Was derweil die Entdeckung Gottes betrifft, sind die Songtexte des Albums wenn auch nicht von expliziten Glaubensaussagen, aber doch in auffallendem Maße von einer spirituell gefärbten Sprache geprägt, und für den Song "And the Band Played On" gilt das, so möchte ich behaupten, in besonderer Weise: Da tritt gleich im ersten Vers ein Engel auf, später ist von Geistern und einem Heiligenschein die Rede, auch der Name Jesus wird genannt. Nicht zuletzt glaube ich, dass dieser Song mir in der zurückliegenden Woche auch deshalb so hartnäckig durch den Kopf ging, weil der Vers "Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben" (1 Petr 3,18a) aus der 2. Lesung vom Sonntag mich an die Textstelle "A coward dies a thousand times, but the brave they die just once" erinnerte. 


Vorschau / Ausblick 

Ich muss mir noch sehr gut überlegen, ob ich morgen super-früh aufstehen will, um zur Messe nach Eichwalde zu fahren; dafür spräche allerdings, dass mein Tochterkind am letzten Tag des Wölflingslagers im "Ehrenrudel" ist und folglich bei der Vorbereitung des Gottesdienstes mithelfen darf. Spätestens gegen Abend wird die Familie jedenfalls wieder vereint sein und dürfte sich dann wohl viel zu erzählen haben. Im Übrigen ist gerade Pfingstnovene, und für einen Rückblick auf den Katholikentag könnte im nächsten Wochenbriefing ebenfalls Platz sein (sofern das Thema nicht für noch einen eigenständigen Artikel ausreicht); davon abgesehen steht uns eine von nur zwei "ganz normalen" Schul- und Arbeitswochen im Mai bevor, und der Terminkalender verheißt keine besonders blogrelevanten Ereignisse. Allerdings sollte ich mich mal mit meiner Studienplatzbewerbung für ein Fernstudium befassen, und auch sonst wird's mir sicher nicht langweilig: Die Kinder haben Kampfsporttraining, am Mittwoch ist JAM, am Freitag ist unser Jüngster bei der Geburtstagsfeier eines KiTa-Freundes eingeladen. Und dann folgt auch schon das extra-lange Pfingstwochenende – da wollen wir uns dann mal wieder dem Projekt "Kinderzimmer-Neugestaltung" widmen... 


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